Part 10
Jenny schwieg. Es war ihr noch niemals in den Sinn gekommen, daß sie ihrer Mutter Rechenschaft schuldig war für ihre Heirat, so wenig als ihre Mutter sie gefragt hatte, als sie wieder heiratete.
„Ich weiß jedenfalls, daß es meine Eltern verletzen würde. Ich bin nicht eben froh darüber, Jenny, aber ich weiß, es würde der Fall sein. Am liebsten möchte ich nach Hause schreiben, daß ich mich verlobt habe. Und da du etwas früher als ich nach Hause reisen willst -- würdest du dann wohl zu uns hinaufgehen und sie begrüßen?“
Jenny warf den Kopf zurück, geradeso, als wollte sie ein unbehagliches Gefühl verjagen. Dann sagte sie:
„Ich werde tun, was du willst, mein Freund; das kannst du dir wohl denken.“
„Ich denke selbst nicht gern daran, Jenny. O nein. Es ist so herrlich gewesen, dies hier -- nur du und ich auf der ganzen Welt. Aber es würde meine Mutter sehr verletzen, weißt du. Ich möchte ihr das Leben nicht noch schwerer machen, als es für sie schon ist. Ich liebe meine Mutter nicht mehr so wie früher -- das weiß sie auch, und grämt sich sehr darüber. -- Es sind ja nur Formalitäten, aber sie würde sehr darunter leiden, wenn sie glauben müßte, ich wollte sie übergehen. Sie würde denken, daß es eine Rache sei für die Geschichte, du weißt.... Wenn das dann überstanden ist, Jenny, können wir heiraten. Dann hat uns niemand weiter dreinzureden. Ich wünschte, daß es recht bald sein könnte. Du nicht auch?“
Sie küßte ihn als Antwort.
„Ich sehne mich ja so nach dir, Jenny,“ flüsterte er. Jenny wehrte sich nicht gegen seine Liebkosungen. Aber plötzlich ließ er sie los, scheu und hastig ...
Ein wenig später saßen sie am Ofen und rauchten, sie im Lehnstuhl, er auf dem Fußboden, den Kopf in ihrem Schoß.
„Kommt Cesca auch heute Nacht nicht nach Hause?“ fragte er plötzlich leise.
„Nein, sie bleibt bis Ende der Woche in Tivoli,“ sagte Jenny schnell und ein wenig nervös.
Helge liebkoste ihre Knöchel und Spann unter dem Saum dem Kimono.
„Du hast so schöne, schmale Füße, Jenny!“ Er strich über die schlanke Wade. Und plötzlich preßte er ihr Bein heftig an seine Brust.
„Du bist ja so herrlich, so herrlich. Ich hab dich so lieb -- weißt du, wie ich dich liebe, Jenny? Ich will hier auf dem Boden liegen, dir zu Füßen -- setz die kleinen schmalen Schuhe auf meinen Nacken -- tu es!“ Er warf sich plötzlich lang vor ihr nieder, versuchte, ihre Beine hochzuheben und ihre Füße auf seinen Kopf zu legen.
„Helge. Helge!“ Seine plötzliche Heftigkeit jagte einen kurzen Schreck durch ihren Körper. Aber ich habe ihn doch lieb, sagte sie zu sich selbst. Fürchte ich mich denn vor dem, was mein Geliebter will? Sie fühlte seine brennend heißen Hände durch die dünnen Strümpfe.
Als sie aber merkte, daß er sie unter die Schuhsohle küßte, stieg plötzlich ein Unwillen in ihr empor. In einem verwirrten Gefühl von Angst und Unlust lachte sie gezwungen auf.
„Nein Helge, laß sein -- die Schuhe, mit denen ich auf den schmutzigen Straßen umhergehe!“
Helge Gram richtete sich auf -- ernüchtert und gedemütigt. Sie suchte es wegzulachen:
„Bedenke doch, die Schuhe -- du kannst dir doch denken, daß Tausende von ekelhaften Bakterien daran kleben.“
„Ach, du Pedant! Und du willst Künstlerin sein?“ Jetzt lachte er auch. Uebertrieben lustig, um seine Verwirrung zu verbergen, nahm er sie in seine Arme, während sie beide aus vollem Halse lachten: „Reizende Braut, laß mich sehen -- gewiß doch. Du riechst nach Terpentin und Oelfarben.“
„Unsinn, Geliebter! Ich habe bald drei Wochen lang keinen Pinsel angerührt. Du sollst dich aber waschen, bitte sehr.“
„Hast du vielleicht Karbolwasser, damit ich gehörig desinfiziert werde?“ Er überfiel sie mit eingeseiften Händen. „Frauenzimmer sind chemisch gereinigt von aller Poesie, sagte mein Vater immer.“
„Ja, darin hat dein Vater Recht, Junge!“
„Du verstehst es, eine Kaltwasserkur zu verordnen,“ sagte Helge lachend.
Jenny wurde plötzlich ernst. Sie ging auf ihn zu und legte beide Hände auf seine Schultern, indem sie ihn küßte:
„Ich will nicht, daß du auf dem Erdboden zu meinen Füßen liegst, Helge!“
* * * * *
Als er aber gegangen war, schämte sie sich. Es war wohl doch so, als wenn sie eine Kaltwasserkur hätte verordnen wollen, dachte sie. Sie wollte es aber nicht wieder tun. Sie liebte ihn doch.
Heute Abend hatte sie eine Niederlage erlitten. Ihr war der Gedanke gekommen, was wohl Signora Rosa sagen würde, wenn sich etwas ereignete. Und diese Furcht vor einem Auftritt mit einer gekränkten Signora, und ihr eigener Versuch, aus diesem Grunde das Versprechen, das sie ihrem Jungen gegeben hatte, nicht einzulösen, demütigte sie.
Denn, als sie seine Küsse entgegennahm, seine Küsse erwiderte, da verpflichtete sie sich ja, ihm alles zu geben, was er von ihr erbitten würde. Sie war ja die Letzte, die sich auf ein Spiel einlassen wollte -- Liebe annehmen und Kleinigkeiten zurückgeben, nicht mehr, als daß sie sich ohne Verlust von dem Spiele zurückziehen könnte, wenn sie sich anders entschieden hätte.
Diese Angst vor etwas, das sie noch nie durchgemacht hatte, war im Grunde nur Nervosität.
Und doch, sie war froh gewesen, solange er sie nicht um mehr gebeten, als sie fröhlich gewähren konnte. Die Stunde mußte ja kommen, wo sie selbst den Wunsch hatte, ihm alles zu geben.
Ach, es war so langsam und unmerklich gekommen, wie der Frühling hier im Süden. Ebenso gleichmäßig und sicher, ohne schroffe Uebergänge. Es gab keine kalten und stürmischen Tage, die das Herz wild machten vor Sehnsucht nach Sonne und überströmendem Licht, nach verzehrender Glut. Keinen jener unheimlich klaren, endlosen, hinreißenden Lenzabende wie daheim. War der Sonnentag vorübergegangen, so fiel die Nacht still und gleichmäßig hernieder, die Kühle kam im Gefolge der Finsternis und verleitete nur zu geborgenem, ruhigem Schlummer zwischen den warmen, schimmernden Tagen. Jeder Tag war ein wenig wärmer als der vergangene, jeder Tag brachte einige Blumen mehr auf der Campagna, die doch nicht grüner war als gestern und dennoch soviel grüner und weicher als vor einer Woche.
So war zu ihr auch die Liebe gekommen. Jeden Abend war ihre Sehnsucht nach dem folgenden Sonntag mit ihm draußen vor den Mauern gewachsen und ganz allmählich wandelte sich ihr Sehnen und suchte ihn selber und seine junge, warme Liebe. Sie hatte seine Küsse hingenommen, weil es sie glücklich machte, und Tag für Tag waren ihrer Küsse mehr, bis endlich die Gespräche zwischen ihnen verstummt und zu lauter Küssen geworden waren.
Sie sah, daß er reifer und männlicher wurde, mit jedem Tage. Alle Unsicherheit glitt von ihm ab; die plötzliche Niedergeschlagenheit überfiel ihn jetzt nie mehr. Sie selbst wurde sicherer, wärmer, fröhlicher. Es war nicht mehr ihrer Jugend kühle, streitbare Selbstsicherheit, sondern eine herzliche Sorglosigkeit; sie war nicht mehr mißtrauisch gegen das Leben, das sich ihren Träumen nicht hatte fügen wollen. Jetzt nahm sie vertrauensvoll jeden Tag hin, in froher Erwartung, daß das Unvorhergesehene gut werde und zum Guten gewendet werden könne.
Warum sollte die Liebe nicht so kommen dürfen -- langsam wie die Wärme, die von Tag zu Tag wuchs und sich Zeit ließ, sich auszubreiten und glühender zu werden. Weil sie früher geglaubt hatte, die Liebe käme wie ein Unwetter, das im Nu einen anderen Menschen aus ihr schüfe, den sie selbst nicht kannte, über den ihr alter Wille keine Macht mehr hatte?
Helge -- er nahm dieser Liebe langsames, gesundes Erblühen so unendlich sanft und ruhig hin. An jedem Abend, wenn sie einander Gute Nacht gewünscht hatten, war ihr Herz von Dank für ihn erfüllt, daß er sie nicht um mehr gebeten, als sie an diesem Tage geben konnte.
Oh, wenn sie doch nur hierbleiben könnte, bis zum Mai, zum Sommer, den ganzen Sommer über! Wenn ihre Liebe hier unten reifen könnte, bis sie ganz eins geworden waren, so selbstverständlich, wie sie jetzt einander näher traten.
Irgendwo in den Bergen zusammen wohnen können, diesen Sommer! Die Formalitäten der Eheschließung könnten sie dann hier in der Stadt in Ordnung bringen oder im Herbst zu Hause. Natürlich wollten sie sich heiraten, wie es üblich war, wenn zwei einander liebten.
Dachte sie daran, daß sie nach Hause reisen sollte, so war es ihr, als fürchte sie, aus einem Traum zu erwachen.
Aber das war ja alles Unsinn. Sie hatten sich doch so unsagbar lieb. Nein, sie konnte diese Störungen mit Verlöbnis und Besuch bei Verwandten und dergleichen nicht leiden. Doch das waren Nichtigkeiten.
Aber ewig Dank für diesen weichen Lenz hier unten, der sie so still und sanft einander zugeführt hatte, Beide allein draußen zwischen den Tausendschön der frühlingsjungen Campagna.
* * * * *
„Glaubst du nicht, Jenny wird es eines Tages bereuen, daß sie sich mit diesem Gram verlobt hat,“ fragte Franziska Gunnar Heggen, als sie einmal oben bei ihm saß.
Heggen wendete und drehte seine Zigarre hin und her. Er bemerkte plötzlich, daß es ihm früher niemals in den Sinn gekommen war, wie indiskret es sei, Franziskas Angelegenheiten mit Jenny zu erörtern. Aber über Jennys intimere Verhältnisse mit Franziska zu sprechen, war etwas anderes.
„Begreifst du, was sie mit ihm will?“ fragte Franziska wieder.
„Das begreift man in den meisten Fällen nicht, Cesca. Besonders, was ihr mit diesem oder jenem Menschen wollt. Ich glaube bei Gott,“ er lachte leise vor sich hin, „wir bilden uns ein, daß wir wählen. Aber wir gleichen unseren Brüdern, den unvernünftigen Tieren, mehr, als wir zugeben wollen. Eines schönen Tages ist über unsere Liebe verfügt, wobei unsere natürliche Veranlagung die Hauptschuld trägt, während Ort und Gelegenheit das Uebrige tun.“
„Ich verstehe dich nicht, Gunnar,“ sagte Franziska und zog die Schultern hoch. „Ist denn so über dich dauernd verfügt worden?“
Gunnar lachte -- ein wenig unwillig:
„Vielleicht nie -- in genügendem Maße. Ich habe nie den kritiklosen Glauben an eine Frau, daß sie die einzige sei, kennen gelernt. Der gehört aber auch mit zur rechten Liebe, und wiederum ist die natürliche Veranlagung des Menschen die Ursache dazu.“
Franziska starrte gedankenvoll vor sich hin:
„Es mag häufig der Fall sein. Aber es kommt auch vor, daß man einen bestimmten Menschen liebt, ohne daß Zeit und Umstände die Triebfeder sind. Ich -- ich liebe jenen Mann, weil ich ihn nicht verstehe. Ich konnte es damals nicht fassen, daß es Menschen seiner Art geben sollte. Ich wartete auf ein Ereignis, das alles, was ich gesehen und beobachtet hatte, ins rechte Licht rücken und erklären würde. Ich grub nach einem verborgenen Schatz -- und da wurde ich besessen, je länger ich grub. Und der Gedanke, daß eine andere Frau ihn finden könnte, brachte mich schließlich an den Rand des Wahnsinns. -- Es +gibt+ Menschen, die einen anderen lieben, weil dieser in ihren Augen vollkommen ist, weil sie in ihm gefunden haben, wonach es sie verlangte. Hast du nie die Liebe gekannt, die dich nur Gutes und Schönes und Edles an einem Weibe sehen ließ, so daß du alles an ihm lieben mußtest?“
„Nein,“ sagte er kurz.
„Ja, aber das ist erst die richtige Liebe. Meinst du nicht? Und ich hätte gewünscht, daß Jenny auf diese Art lieben würde. Aber so +kann+ sie Gram nicht lieben.“
„Ich kenne ihn eigentlich gar nicht, Cesca. Ich weiß nur, er ist nicht so dumm wie er aussieht, wie man zu sagen pflegt. Das heißt, ich glaube, er ist bedeutender, als man nach dem ersten Eindruck denken sollte. Jenny hat wohl gemerkt, wes Geistes Kind er eigentlich ist.“
Cesca schwieg. Sie entzündete eine Zigarette und ließ das Wachszündhölzchen ausbrennen, mit den Augen gedankenvoll der Flamme folgend.
„Hast du nicht bemerkt -- er fragt immer ‚finden Sie nicht?‘ und ‚stimmt das nicht?‘ und so. Liegt nicht etwas Feminines oder Unfertiges über ihm?“
„Vielleicht. Aber es kann ja sein, daß gerade dies Jenny angezogen hat. Sie ist ja stark und auch selbständig. Vielleicht mag sie am liebsten gerade einen Mann, der schwächer ist als sie selber.“
„Ich will dir etwas sagen, Gunnar. Ich glaube gar nicht, daß Jenny so stark und selbständig ist. Sie war aber auch auf sich selber angewiesen. Daheim mußte sie unterstützen und helfen und selbst besaß sie keine Seele, bei der sie Schutz suchen konnte. Als wir uns kennen lernten, nahm sie sich meiner an, weil sie sah, daß ich viel weicher war als sie und ihrer bedurfte. Jenny hat immer Menschen getroffen, die bei ihr Zuflucht suchten. Auch Gram bedarf ihrer. Ja, sie +ist+ stark und sicher, sie fühlt es auch, und niemand bittet vergebens um ihre Hilfe. Aber kein Mensch vermag auf die Dauer immer Anderen eine Stütze zu sein, ohne je selber zu empfangen. Begreifst du denn nicht, daß sie furchtbar einsam werden muß, wenn sie immer die Stärkste sein soll? Sie +ist+ allein, und heiratet sie diesen Menschen, so wird es auch nicht anders. Alle sprechen wir mit Jenny über uns selbst, sie aber hat niemanden, mit dem sie reden kann. Oh, Jenny sollte einen Mann haben, zu dem sie aufsehen könnte, dessen Autorität sie fühlte, zu dem sie sagen könnte: so und so habe ich gelebt, so habe ich gearbeitet und so habe ich gekämpft, denn so, meinte ich, sei es recht gewesen. Sie sollte einen Menschen haben, der über ihr Recht und Unrecht zu entscheiden imstande ist. Gram +kann+ es nicht, er ist ihr unterlegen. Und dann kann sie auf sein Urteil nicht vertrauen, nicht wahr? Der Mann, den Jenny braucht, muß genügend Autorität besitzen, um ihre Gedanken zu bestätigen oder zu verwerfen. ‚Nicht wahr?‘ und ‚finden Sie nicht?‘ -- jetzt sollte Jenny so fragen dürfen!“
Sie schwiegen beide lange, dann blickte Heggen auf und sagte:
„Es ist recht seltsam, Cesca. Gilt es deine eigenen Geschichten, so weißt du meistens weder aus noch ein. Wenn du aber über die Angelegenheiten anderer sprichst, so habe ich oft den Eindruck, als sähest du am klarsten von uns allen.“
Franziska seufzte schwer auf:
„Darum habe ich ja auch oft die Idee, ins Kloster zu gehen, Gunnar. Wenn ich außerhalb des Ganzen stehe und es beschaue, so glaube ich, alles zu begreifen. Wenn ich aber selbst mitten drin sitze, so verwirrt es mich vollständig.“
XI.
Die saftigen, blaugrünen Riesenblätter der Kaktusbüsche waren zerrissen von Namen, Buchstaben und Herzen. Helge stand und schnitzte ein H und ein J hinein. Jenny hatte den Arm um seine Schulter gelegt und sah ihm zu.
„Wenn wir hierher zurückkehren,“ sagte Helge, „so ist es eine solche braune Narbe wie die anderen. Glaubst du, daß wir es wiederfinden, Jenny?“
Sie nickte.
„Unter all den anderen,“ sagte er mißmutig. „Es stehen so viele Namen hier. Wir gehen dann wieder hier hinaus und suchen danach -- wollen wir?“
„Ja.“
„Glaubst du daran, daß wir wieder hierher kommen, Jenny? Daß wir wieder hier stehen werden wie jetzt -- oder nicht?“ Er zog sie an sich.
„Warum sollten wir nicht, mein Freund?“ Eng umschlungen gingen sie auf ihren Tisch zu. Und dicht aneinandergeschmiegt saßen sie und starrten auf die Campagna hinaus.
Der Sonnenschein des Frühlingstages rückte höher hinan und die Schlagschatten wanderten über die Hügel. Mitunter schoß das Licht in großen Strahlenbündeln hervor, wenn blanke Wolken, leicht und ruhig bewegt, über den blauen Himmel dahinsegelten. Aber draußen am Horizont, wo der dunkle Eukalyptuswald bei Tre Fontane über den entferntesten Hügelkamm lugte, dampfte ein perlenweißer Nebel auf; gegen Abend würde er wohl wachsen und den ganzen Himmel überfluten.
Weit drüben in der Ebene floß die Tiber dem Meere zu, golden, wenn sie der Sonnenschein traf, doch bleigrau mit mattem Glanz wie der Bauch eines Fisches, wenn die Wolken sich in ihr spiegelten.
Die Tausendschön leuchteten wie frischgefallener Schnee auf den Hügeln. Auf dem Abhang unterhalb des Gemüsegartens der Osteria keimte der junge Weizen empor, lichtgrün und seidenweich. Mitten auf dem Acker draußen standen zwei Mandelbäumchen, deren Blütenkronen blaßrot schimmerten.
„Unser letzter Tag in der Campagna,“ sagte Helge. „Ist es nicht seltsam?“
„Für dieses Mal --“. Sie küßte ihn und wollte ihrem eigenen Mißmut nicht nachgeben.
„Ja. Denkst du niemals daran, Jenny, daß es, wenn wir wieder hier sitzen, dann so nicht wieder sein kann wie jetzt? Man ändert sich dauernd, Tag für Tag -- wir sind nicht mehr dieselben, wenn wir wieder hier unten sitzen. Nächstes Jahr -- nächsten Frühling -- es ist dann nicht mehr dieser Frühling, Jenny. Wir sind dann auch nicht mehr +genau+ dieselben. Und unsere Liebe? Wir werden uns ebenso lieben, aber nicht auf ganz dieselbe Art.“
Jenny zog die Schultern hoch, als wenn es sie fröstelte:
„So etwas würde eine Frau niemals sagen, Helge,“ und sie versuchte zu lachen.
„Findest du es so seltsam, daß ich das sage? Ich kann nicht von dem Gedanken loskommen. Denn ich finde, diese Monate haben mich so sehr verändert. Dich auch -- entsinnst du dich des ersten Morgens? Du sagtest, alles sei dir so verändert erschienen, als du hinaustratest. So wie ich war, als ich hierher kam, konntest du mich damals ja nicht liebgewinnen, Jenny, nicht wahr?“
Sie strich ihm über die Wangen:
„Aber Helge, mein Jung, das ist ja eben die große Veränderung -- daß wir uns liebgewonnen haben. Und unsere Liebe wächst und wächst beständig. Wenn wir uns jetzt verändern, so liegt das nur daran, daß unsere Liebe wächst. Darum braucht man doch keine Furcht zu hegen? Wir sind zwei frohe Menschen geworden -- das ist die Veränderung. Entsinnst du dich des Tages -- meines Geburtstages -- des Tages auf der Via Cassia? Die ersten feinen Fäden begannen damals, sich zwischen uns zu spinnen; jetzt ist ein starkes Band daraus geworden und es wird immer stärker. Ist das ein Grund, sich zu fürchten, Helge?“
Er küßte sie auf den Hals:
„Morgen reist du --“.
„Ja. Und in sechs Wochen kommst du nach.“
„Ja. Aber dann sind wir nicht hier. Wir können nicht in die Campagna fahren. Das ist es eben, daß wir mitten im Frühling aufbrechen müssen.“
„Daheim haben wir auch Frühling, Helge. Auch dort gibt es Lerchen. Sieh diese treibenden Wolken -- das ist fast wie daheim. Denk an den Vestre Aker, Jung -- an ganz Nordmarken. Da wollen wir zusammen hinauf gehen. Oh, der Frühling daheim, mit weißen Schneestreifen in allen Schluchten rings um den blauen, blauen Fjord! Dann die letzten Schneeschuhfahrten auf der Frühjahrsbahn; wir machen vielleicht in diesem Jahre auch noch eine Skifahrt zusammen. Wenn der Schnee so naß ist, daß er nicht einmal knirscht, wenn alle Bäche brausen und sprudeln, der Abendhimmel sich über uns breitet, grün und klar, mit großen glitzernden Goldsternen bestickt und die Skier in den Felsspalten schürfen und knirschen.“
„Ja, ja.“ Er bog sie sanft zu sich hinüber. „Vestre Aker -- Nordmarken .... Ich bin dort soviel allein umhergegangen, daß es mir davor graut. Ich habe das Gefühl, als müßten dort Fetzen meiner alten abgelegten Seelen auf jedem Busche hängen.“
„Still, still! Es kann so schön werden. Mit meinem Freunde an all den Orten umherzugehen, wo ich so viel allein und traurig gewesen bin, so manchen Lenz hindurch.“
Hand in Hand wanderten sie über die graugrüne Campagna. Jetzt, gegen Abend, hatte der Wolkenschleier sich über den ganzen Himmel gebreitet, und ihnen entgegen wehte der Frühlingswind.
Jenny sagte weh und sehnsuchtsvoll jedem einzelnen Dinge Lebewohl. Drunten auf der Fahrstraße knirschten Heuwagen, von Ochsen gezogen, deren weißgraue Haut in sammetweiches Braun überging, und vor den blaubemalten Weinkarren läuteten die Glöckchen an dem roten Saumzeug der Maultiere.
Alles war lieb und vertraut hier draußen, alles hatte sie Tag für Tag mit ihm zusammen hier gesehen und selber nicht gewußt, daß sie es sah; nun fühlte sie plötzlich, daß alles in ihre Seele eingebrannt war zugleich mit der Erinnerung an diese Tage.
Hier der trockene, rotbraune Hügel, dessen starres, kurzes Wintergras von Tag zu Tag weicher und grüner geworden war, die treuen Tausendschön auf der mageren Erde, die geheimnisvollen Gruben, in die das Erdreich zusammengestürzt war, vor denen sie verwundert gestanden hatten; die dornigen Hecken am Rande der Wege und die blanken, saftiggrünen Blätter der wilden Kalla unter den Büschen ...
Der Lerchen unablässiges Trillern hoch oben unter der weißen Himmelskuppel, die wunderlich glasartigen Töne der unzähligen Drehorgeln, die weit draußen auf den Osterien in der Ebene zum Tanz aufspielten und immer die gleichen kleinen italienischen Melodien hören ließen.
Der Gedanke, daß sie von diesem allen lassen sollte, kam ihr so sinnlos vor.
Sie ging mit Helge durch den flutenden Frühlingswind, der ihren Körper durchkühlte wie ein Bad; sie fühlte sich selbst wie ein kühles, frisches, saftgefülltes Blatt, und sie sehnte sich danach, sich ihm zu geben.
In ihrem dunklen Hausflur sagten sie sich zum letzten Male Lebewohl. Sie wollten nicht voneinander lassen.
„Könnte ich doch heute Nacht bei dir bleiben! Jenny!“
„Helge.“ Sie drängte sich an ihn. „Du darfst!“
Er umfaßte sie heftig, ihre Hüften, ihre Schultern. Aber sobald sie es ausgesprochen hatte, erzitterte sie. Sie wußte selbst nicht, warum ihr Angst wurde -- sie +wollte+ nicht ängstlich sein. Im selben Augenblick bereute sie, daß sie eine Bewegung gemacht hatte, als wollte sie sich aus seiner harten Umarmung befreien. Aber da hatte er sie schon freigegeben.
„Nein. Nein. Ich weiß ja, daß es unmöglich ist.“
„Ich will ja so gern,“ flüsterte sie gedemütigt.
„Ja, ja.“ Er küßte sie. „Ich weiß, daß du ... aber ich weiß auch, daß ich nicht darf --.“
„Dank, Jenny! Hab Dank für alles! Jenny, Jenny -- Dank für deine Liebe! Gute Nacht.“ --
Die Tränen rannen kalt über ihre Wangen, als sie in ihrem Bett lag. Sie versuchte sich selbst klarzumachen, daß es sinnlos sei, zu liegen und so zu weinen als wäre irgend etwas Schönes zu Ende gegangen, irgend ein Glück zersprungen.
Zweites Buch
I.
Als Jenny in Fredrikshald über den Bahnsteig lief, um im Warteraum ein wenig Kaffee zu sich zu nehmen, hielt sie einen Augenblick inne. Irgendwo über ihr tirilierte eine Lerche.
Sie schloß die Augen, als sie dann am Abteilfenster saß. Die Sehnsucht nach dem Süden war schon erwacht.
Der Zug sauste an kleinen, mutwillig zerrissenen und geborstenen Bergkuppen aus rotem Granit vorbei. Der Fjord schimmerte stellenweise in ungebrochenem, leuchtendem Azurblau hindurch. An den Felsen hinan klammerte sich die Föhre fest. Die Nachmittagssonne lag auf roten, erzen schimmernden Stämmen und tiefgrünen, metallblanken Kronen; es war, als glänzte alles vom Bade nach der Schneeschmelze. Bächlein gurgelten den Bahnkörper entlang, und die nackten Kronen der Laubbäume leuchteten in der klaren Luft.
Es war hier so anders als im Lenz des Südens. Sie aber sehnte sich nach ihm -- seinem langsamen, gesunden Atem, seiner Farben milder Freude. Diese Farbenorgien hier erinnerten sie an andere Lenztage -- mit wilder Sehnsucht nach heißen Freuden, die ihrem jetzigen ruhigen Glück nicht eigen waren.
Oh, der Frühling dort unten mit dem leise sprießenden Grün auf der endlosen Ebene! Das Gebirge umgab sie mit strengen, festen Linien. Die Menschen hatten den Wald gerodet und ihre mauergekrönten steingrauen Städte auf den Felsspitzen errichtet, ihre silberfarbenen Olivenhaine an den Hängen aufgepflanzt. Das Leben hatte sich Jahrtausende über in den Felsen geregt, und die Berge trugen geduldig die kleine Welt auf ihren Schultern, dennoch in ewiger Einsamkeit und Ruhe ihre Scheitel gen Himmel hebend. Diese stolzen, strengen Linien, der Farben gedämpftes Silbergrau, Graublau und Grüngrau, diese uralten Städte und der langsam vorwärtsschreitende Frühling! Wie viel man auch erzählte von des Südens schäumendem Leben, so schien dort doch der Lebensodem in ruhigem, gesünderem Zeitmaß die Menschen zu durchströmen als hier im Norden. Trotz des Lenzes mutwilliger Gewalt im Süden war es dort leichter, die Frühlingswoge vorüberbrausen zu lassen.