Ins neue Land

Chapter 9

Chapter 91,915 wordsPublic domain

Rolfers trat in den dämmerigen Schuppen, in den die Sonne durch das große Eingangstor eine Bahn hellen Lichtes sandte, von Milliarden Staubatomen durchflimmert. Er sah den alten Kutscher nicht und wollte eben wieder hinausgehen, ihn im Stalle nebenan zu suchen, da hörte er hinter dem verstaubten Schlitten aus der Dunkelheit ein Bewegen. Er horchte auf -- dort verbarg sich jemand.

Mit ein paar raschen Schritten ging er um den Schlitten herum. Auf einem Futtersack saß Richard, zusammengekrümmt, beide Arme auf einen vorspringenden Balken gelegt, den Kopf darauf gedrückt. Seine Schultern zuckten in kurzen Stößen, ein Ton, wie von einem Weinen, das gewaltsam unterdrückt werden soll, drang zu Rolfers. Es wurde ihm kalt und schwindlig vor den Augen, so tief erschrak er. Was war denn hier geschehen?

»Richard ...«

Er wollte mit der Linken ihm den Kopf heben, aber der wühlte sich nur tiefer in das Versteck der Arme. Der ganze Knabenkörper wurde durchschüttelt von diesem leidenschaftlichen Schluchzen.

»Richard, mein Kerlchen -- um Gottes willen -- was ist dir denn geschehen? Sieh mich doch an -- weißt du denn nicht, wie ich's mit dir meine? Du kannst mir doch vertrauen!«

Der Junge sprang heftig auf, zeigte ihm ein heiß und rot geweintes Gesicht, entzündete, verschwollene Augen, warf ihm beide Arme um den Hals und legte, wie in einer völligen Erschöpfung von Jammer, seinen Kopf an die Brust des Mannes. Der suchte zunächst nur seine Tränen zu trocknen, streichelte ihm das Haar und flüsterte ihm gute, beruhigende Worte zu.

Richard hob den Kopf und lächelte, wie kranke Kinder zuweilen lächeln, um die Erwachsenen über ihre Schmerzen zu beruhigen.

»-- Es ist ja nichts,« antwortete er eilig, »nur Dummheit ... Ich hatte etwas mit Mutti, -- es ist schon vorbei.«

»Da machst du mir nun nichts weiß, mein Junge,« sagte Rolfers sehr ernst. »Die Wahrheit werde ich schon erfahren, auch wenn du sie mir nicht sagen willst -- verlaß dich drauf.«

Sein Blick weilte eindringlich auf dem Knaben. Die verschiedensten Möglichkeiten, die den sonst so harten Jungen zu diesem einsamen Schmerzensausbruch veranlaßt haben könnten, jagten durch seine Phantasie. Auf das Richtige verfiel er nicht. Irgendein Erlebnis in Berlin erschien ihm als das Nächstliegende. Mutter und Sohn hatten gestern abend lange miteinander geredet, -- ja er hatte ihre erregten Stimmen einigemal in harter Steigerung gehört.

»Richard, -- soll ich dich erst bitten, mir zu sagen, was dir fehlt?«

In dem von Weinen verschwollenen Gesicht wühlte und arbeitete es. »Die Mutter wollte mit Ihnen reden,« stotterte der Junge. »Sie wird es doch nicht tun, sie sagt ja, sie hat keinen Mut.«

Rolfers zog die Brauen zusammen, sein Gesicht bekam dadurch etwas Finsteres, Drohendes. »Keinen Mut,« grollte er, »was soll denn das heißen ... Da habe ich seit Monaten geglaubt, mit Freunden zusammen zu leben, und nun scheint es, sie hecken hinter meinem Rücken irgend etwas aus, was nur geheimgehalten werden muß.«

»Sehen Sie,« sagte Richard lebhaft, »das habe ich der Mutter auch gesagt. Sie müssen es wissen! Wir wollen fort!«

»Was -- fort von mir -- fort --? du auch?«

Richard nickte. »Ich gehöre zu Mutter!« Das war nur noch ein trotziges Gemurmel. Aber Rolfers hatte es doch verstanden. Er war vollständig fassungslos -- an diese Möglichkeit, wenn er sie auch Martha freigestellt, hatte er doch niemals im Ernst gedacht. Das Gefühl einer ungeheuren Enttäuschung schnürte ihm die Kehle zu. Ein Zorn stieg in ihm hoch -- er hätte sich auf den Jungen werfen und ihn erwürgen können. -- Der aber, wie er sah, daß der Mann blauweiß wurde im Gesicht und an der Nachricht fast erstickte, beugte sich, nahm seine linke Hand und küßte sie. Demütig und zärtlich hob er die Hand und legte sie auf sein eigenes Herz, das in wilden Stößen ihm die Brust beklemmte. Und sah mit seinen hellen, rotgeränderten Augen, deren Wimpern noch feucht glitzerten, flehend zu ihm auf. Wie ein stummes Tierchen, dem großes Unrecht geschieht.

Rolfers zog einen tiefen Atemzug. »Also -- da scheint sich deine Mutter etwas recht Törichtes ausgegrübelt zu haben! Nun -- wir werden ja sehen -- wir werden ja sehen!«

Er faßte mit der linken Richards Kinn und hob seinen Kopf ein wenig zu sich empor. Seine Hand war kalt und zitterte, aber er sah den Knaben lange an.

»-- du glaubst, ich ließe dich von mir,« sagte er undeutlich, »dich -- meinen Weg, mein Ziel ... meine Ewigkeit ...«

Er strich mit der Hand über die Stirn.

»Nun komm, wir gehen durchs Gartenpförtchen ins Moor hinaus. Die Mutter ist vorn und sieht uns nicht, -- da erzählst du mir alles. Wir werden schon ein Mittel finden, die Mutter umzustimmen. Ich glaube, ich weiß bereits eins -- mit dem ich mich in diesen ganzen letzten Wochen herumgeschleppt habe ... Sonderbar -- man weiß -- ein Entschluß ist reif -- und kann doch nicht dazu kommen, die letzte Türe aufzustoßen.«

»Nicht wahr,« fragte Richard, »wenn wir heimlich fortgegangen wären -- Sie hätten uns nie wieder geholt?«

»Nein, da kennst du mich gut -- das hätte ich nie über mich gebracht.«

Richard nickte sinnend. Plötzlich hob er die Arme, warf sie Rolfers um den Hals, drückte ihn stürmisch und küßte ihn auf den Mund, der ihm beglückt entgegenkam, und zum erstenmal sprach er den Namen: »Vater -- mein Vater!«

Sie gingen beide den Weg ins Moor, auf dem Rolfers schon in vielen kampfreichen Stunden seines Lebens auf und nieder geschritten war. Hand in Hand gingen sie dort und redeten miteinander wie zwei Freunde.

Martha saß vor der Veranda und nähte, als Rolfers zurückkehrte und sich zu ihr setzte. Richard war durch den Hof ins Haus gelaufen. Über dem Garten lag ein warmes, goldenes Nachmittagslicht, die großen Tannen dufteten kräftig und der zarte Geruch der Rosen schwebte wie eine süße leichte Melodie in der Luft. Martha fühlte sich ein wenig dumpf im Kopf und gleichsam ausgehöhlt. Als habe mit der gestrigen Aussprache gegen ihren Sohn ihr Wesen an Spannkraft und ihr Entschluß an Energie verloren. Sie fand das Leben unerträglich schwer und arbeitete sich immer tiefer in Kummer und Zorn gegen Rolfers hinein, denn ihr schien, ehe sie ihn wiedergetroffen hatte, ihre Existenz wie ein friedliches Bächlein zwischen Wiesenufern dahingeglitten zu sein. Er allein hatte alles in eine wilde leidenschaftliche Unordnung gebracht, aus der sie, was auch geschehen mochte, sobald nicht wieder auf ebene freundliche Straßen hinausfinden würde. Immer heftiger und eiliger stach sie mit der Nadel durch den weißen Stoff, als müsse mit der Beendigung dieser Naht auch ihr Schicksal endgültig beendigt werden. Sie hörte Rolfers kommen und es schoß ihr durch den Kopf: jetzt wäre der geeignetste Augenblick, um ihn mit unsrem Plan zu überfallen. Sie nickte ihm nur flüchtig zu und nähte immer schneller weiter, ohne aufzusehen. Er versuchte, sich eine Zigarette anzuzünden, doch das oft Geübte gelang ihm diesmal nicht, die Hand zitterte zu heftig, er mußte um Marthas Unterstützung bitten. Sie strich ein Zündholz an, und versorgte ihn mit Feuer, um dann hastig ihre Arbeit wiederaufzunehmen. Er sah ihr eine Weile schweigend zu.

»Man sollte meinen, Martha, du nähtest um dein Leben ...,« sagte er heiter und eine Wenigkeit ironisch. »Sieh einmal auf und genieße diese goldene Stunde!«

»Ach -- es ist einem nicht immer um goldene Stunden!« sagte sie traurig.

»Nein, gewiß nicht. Die paar, die uns geboten sind, pflegen wir uns noch kunstvoll zu verdunkeln. Ich fürchte auch, ich wähle eigentlich nicht die richtige Zeit, um dich etwas zu fragen, was mir schon lange im Gemüt rumort. Aber es muß nun doch heraus: Willst du meine Frau werden?«

Martha warf die Arbeit zur Erde und flog auf ihrem Stuhl in die Höhe.

»Das soll ich doch nur um Richards willen,« rief sie dunkel erglühend und schon wieder nahe an den ausbrechenden Tränen. »Wenn du glaubst, ich tue dir jeden Willen, so irrst du. Das ist ein für allemal vorüber!«

»Martha, ich möchte in dieser Stunde, die mir sehr ernst und heilig ist, keine Unwahrheit zwischen uns lassen. Ich will Richard als meinen Sohn anerkennen, ich will ihm meinen Namen geben. In ihm ist mir das Beste meines Lebens neu erstanden! Ich bekenne ganz offen, daß ich ihn vielleicht nicht lieben gelernt hätte, wenn ich nicht in ihm mein eigenes Sein, mein Streben und Sehnen wiedergefunden hätte. Du kennst mich, Martha, -- meine Stärke und meine Schwäche, unter der du ja schon genug zu leiden gehabt hast: es geht mir nicht allein um irgendeinen lieben Jungen -- es geht mir um meine Kunst -- ach -- was sage ich -- meine! Es geht mir um die Kunst schlechthin, die in Richard sich so prachtvoll frisch und kräftig regt! Muß ich künftig nur noch Hüter sein, so will ich das ganz und aus allen meinen Kräften werden! In diesen fürchterlichen Weltkrämpfen ist es doch etwas Heiliges, die kleinen Pflänzchen zu betreuen, in denen sich das Ewige verkörpert, das der Mensch doch schließlich ebenso nötig braucht wie Brot und Kleider, ja wie das Vaterland selbst. Es ist ja merkwürdig, daß die Kunst auf blutigem, gefährlichem Boden oft so gut gedeihen kann. Sie ist eine dämonische Luxuspflanze, die sich von kostbarem Menschendünger nährt. Ich denke, du verstehst mich nun, wenn ich sage, es geht in dieser Angelegenheit keineswegs um dein oder um mein Glück, sondern um etwas viel Höheres, Allgemeineres. Hätte ich die Überzeugung nicht, ich würde gewiß nicht wagen, dir diese letzte Entsagung zuzumuten ...«

Martha wand die Finger ineinander und blickte Rolfers hilflos an. »Ich kann nicht, Franz -- was du von mir verlangst, kann ich nicht leisten! Das mit der Kunst -- es ist gewiß wahr -- aber es klingt so kalt -- ich kann es doch nicht verstehen.«

Sie stand auf, starrte in den blühenden sommerwarmen Garten, blickte wieder zurück auf den Mann, den sie liebte -- sie fühlte es so stark in dieser Stunde -- und der ihr doch so fremd war und so Grausames von ihr forderte, während er still wartete.

»Gut denn -- nimm Richard -- ich schenk ihn dir -- wenn es sein Glück ist ...,« sprach sie bebend und schluchzend. »Nur sehen will ich ihn zuweilen! Weiter nichts, als ihn hin und wieder ein paar Tage zum Besuch haben, das wirst du mir ja gönnen!«

Sie trank ihre salzigen Tränen mit den Lippen, als müsse sie damit den herben Trank ihrer Zukunft kosten.

»Nein, Martha -- das eben will ich nicht! Richard braucht uns beide! Du bist seine Mutter -- unter deiner Hut ist er so geworden, wie ich ihn heute liebe -- niemals möchte ich den warmherzigen Jungen von seiner Mutter trennen. Ich will jetzt nicht von Dankbarkeit reden ...«

'Das könnte ich auch am wenigsten ertragen,' flüsterte Martha zornig.

»Also lassen wir das Kapitel beiseite,« sagte Rolfers. »Wäre es dir lieber, Martha, wir würden unsre neue Ehe mit der Einbildung beginnen: wir zwei alternde Menschen, für uns könne noch mal ein Liebesfrühling kommen? Unser Frühling heißt Richard -- ich meine, er blüht schön und verheißungsvoll. -- --

Sieh, ich biete dir meine Hand ... Mancherlei habe ich durchlitten -- darum glaube ich nun, ich kann dir helfen und dir ein Führer sein aus dir selbst heraus -- hinein in ein besseres und höheres Gefühl, das uns zwei innerlich einen soll! Elternliebe muß genug Kraft und Saft haben, um eine Gemeinschaft reich und froh zu machen, meinst du nicht?«

»O Franz ...« Wie sie seinen Namen sprach, bebend unter tausend Erinnerungen, wußte der Mann, daß er sie gewonnen hatte. Er öffnete die Türe und rief laut nach seinem Sohn.

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Anmerkungen zur Transkription:

Die Originalschreibweise und kleinere Inkonsistenzen in der Formatierung wurden prinzipiell beibehalten.

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S. 26: drängte --> drängte. (Punkt ergänzt.) S. 52: quält dich nicht ..« --> quält dich nicht ...« (Auslassungspunkt ergänzt) S. 59: Überrraschung --> Überraschung (Druckfehler korrigiert) S. 220: einma --> einmal (Druckfehler korrigiert)

Formatierung:

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