Chapter 8
Eine Woche später traf ihn Rolfers hinten im Moor, den Waldrand skizzierend. Er hockte auf seinem Malerschemel, wunderlich ungeschickt. Beim Näherkommen bemerkte Rolfers, daß der Junge sich mit Bindfaden den rechten Arm auf den Rücken festgebunden hatte. Er ließ den Skizzenblock fallen, als er Rolfers auf dem schmalen Wege nahen sah, und wollte davonlaufen. Aber er warf den Malschemel dabei um und die Fußbank, die er für Farben und Pinsel herbeigeschleppt hatte, und stand nun beschämt, an seiner Fesselung zerrend.
»Junge -- verdrehter, toller Bengel!«
»Ich will nichts Besseres haben als Sie!« schrie er leidenschaftlich, und die Tränen sprangen ihm wie Blitze aus den hellen Augen hervor.
Rolfers hatte ihm den linken Arm um den Hals gelegt und hielt ihn so, damit er ihm nicht davonrannte. Und legte seine Wange auf des Knaben Kopf, auf sein hartes Bürstenhaar.
»Mein Junge, mein lieber Junge!«
Weiter wurde nichts über den Fall zwischen ihnen geredet.
* * * * *
Martha hatte zu tun mit Schreiben und Katalogisieren und Frachtbriefe ausfüllen. Lütje mußte Kisten zunageln, große und kleine, und sie zur nächsten Bahnstation fahren. Die Laune des Professors war nicht die beste. Unwirsch fuhr er im Haus umher, hatte zu tadeln und zu schelten, wenn etwas nicht so ausgeführt wurde, wie er es wünschte.
Eine große Kunsthandlung in Berlin wollte eine Ausstellung seiner Arbeiten veranstalten, eine Gesamtübersicht seines Schaffens durch verschiedene Epochen, von Jugendzeiten an. Eine Ehrung des Helden, der für das Vaterland gelitten, -- so schrieb der Besitzer.
Anfangs hatte Rolfers sich geweigert.
»Wozu -- kein Mensch hat heut Sinn für Bilder. Wenn wir einen ehrenvollen Frieden geschlossen haben -- ja, dann lasse ich's mir gefallen. Dann können sie meinethalben Ehrungen der Toten veranstalten -- mit dem Lorbeerkranz und der Florschleife unter dem größten Schinken. Jetzt ist's ein Reinfall. Ich will nicht.«
Schließlich ließ er sich doch überzeugen. Praktische Erwägungen gaben den Ausschlag. Mit weiterem Verdienst war für die Zukunft nicht zu rechnen, da mußte man sehen, das Vorhandene möglichst günstig zu verwerten. Jetzt war sein Name noch im Gedächtnis der Kunstfreunde, der Museumsleiter. In zwei, drei Jahren war er vergessen und der Marktpreis seiner Bilder bedeutend gesunken. So sagte er sich, mit harter Aufrichtigkeit. Und dachte an Richard. Ihm mußte das Nötige zum Studium bereitstehen.
Selbst nach Berlin zu fahren, das Hängen der Bilder zu beaufsichtigen, dazu konnte er sich nicht entschließen. Ihm graute vor der Welt, vor dem Publikum. Tausendmal schon war er froh gewesen, die abgelegene Heimstätte zwischen Wiese und Moor zu besitzen -- hier ein Obdach für die Zeit zu haben, die er noch auf Erden zu verträumen, zu durchleiden gezwungen war. Sich verkriechen zu können, ein weidwundes Tier, vor dem Mitleid, der Sentimentalität der Menschen, war schon Glück.
Er dachte daran, Martha zu senden, ließ jedoch diesen Plan gleich wieder fallen. Sie brauchte nicht durch den Künstlerklatsch der Hauptstadt gezogen zu werden.
Richard ...? Sehr jung war er zu solcher Mission. In Kunstdingen trotzdem von einer Reife des Verständnisses, die mit seinem Alter nicht mehr in Zusammenhang stand. Eins der ewigen Rätsel in der Welt der Naturgeschehnisse: dieses Hinauswachsen der Berufenen über die Gesetze von Zeit und regelrechter Entwicklung ...
»Richard -- packe dir einen Handkoffer. Du mußt übermorgen zur Eröffnung meiner Ausstellung in Berlin sein. Ich gebe dir einen Brief mit, der dich als meinen Vertreter einführt. Was meinst du -- freut's dich? Du mußt ordentlich die Augen aufmachen, um mir Bericht zu geben! Weh dir, Mann, wenn du was Wichtiges vergißt!«
Richard stand mit offenem Munde -- ganz dumm vor Staunen. Vom Hals empor strömte ihm heiße Röte über Wangen und Stirn -- und die Augen wurden mit jeder Sekunde glänzender.
»Sie -- Sie wollen mich doch nur uzen -- es ist doch nicht wahr, Professor?«
Rolfers lächelte. So etwas, wie das Gesicht des Jungen jetzt zu sehen, das war doch entzückend ...
»Sehen Sie -- Sie lachen -- es ist doch nicht wahr.«
Dies kam mit einem unendlich enttäuschten Ton.
»Frage deine Mutter!«
»Na, ja, Richard, der Professor will dir das Vertrauen schenken. Übermorgen mit dem Frühzug sollst du fahren. Ich habe deinen guten Anzug gebügelt.«
Richard stieß einen Schrei aus, der schon ein Indianergeheul der Freude genannt werden durfte, und machte Luftsprünge wie sein geliebtes Fohlen auf der Weide.
Er raste treppauf, treppab und erfüllte das ganze Haus mit dem Gesause und Gebraus seiner stürmischen Jugendseligkeit. Rolfers wie Martha bekamen keinen Augenblick der Ruhe mehr zu spüren, bis der kleine Handkoffer auf dem Korbwägelchen stand, bis Richard sich in der schaurigkühlen Luft des grauenden Morgens seiner Mutter abschiednehmend um den Hals warf und Rolfers, der ebenfalls aufgestanden war, um ihm feierlich den Brief an den Kunsthändler, seinen alten Freund, zu übergeben, die Hand schüttelte. Rolfers hatte in dem Schreiben kein Hehl daraus gemacht, daß der junge Bote sein Sohn sei und hoffentlich einmal sein künstlerischer Erbe.
Sinnend blickte er dem davonrollenden Wägelchen nach, von dem der Junge leidenschaftlich mit der Mütze zurückwinkte, als er um die Ecke bog. Martha fiel es auf, wie ruhig und heiter Rolfers dreinschaute, auf seiner Stirn lag ein leuchtender Friede.
Sie seufzte. Ihr war nicht friedvoll zu Sinn, und sie hatte alle diese Nächte ihr Kopfkissen mit vielen Tränen befeuchtet. Doch die zwei, die nur miteinander beschäftigt waren, hatten es nicht beachtet, wie sehr sie von Kummer und Gram beschwert neben ihnen einherging.
Mit zwei Aufträgen war Richard neben dem Hauptzweck seiner Reise bedacht worden. Der Professor hatte ihn am Abend noch mit hinauf ins Atelier genommen und ihm eine feine alte Goldkette gezeigt.
»Sieh, die möchte ich deiner Mutter schenken. Sie hat viel Mühe und Arbeit von der Sache gehabt. Und ich wünschte, daß du ihr einen schönen Kleiderstoff mitbrächtest. Eine weiche Wolle, die sanfte, fließende Falten gibt, die Farbe dachte ich mir in einem dunkeln Violett wie reife Pflaumen. Das muß gut stehen zu ihrem blonden Haar und zu der Kette. Wir wollen unsre Mutter doch hübsch sehen. Sie gibt zu wenig auf ihr Äußeres.«
»Ja, das habe ich ihr oft gesagt,« rief Richard eifrig. »Aber sie wollte nie hören, und es ist ja auch wahr, wir hatten immer so wenig Geld, fügte er naiv hinzu.
»Darum müssen wir beide nun für sie sorgen,« sagte Rolfers und klopfte Richard auf die Schulter. »Sieh, daß du etwas Schönes findest -- und vergiß auch die Farbentuben für dich nicht. Hier ist das Verzeichnis.«
Seine Mutter befahl ihm, in ihre Wohnung zu gehen und nachzusehen, ob dort alles noch gut verwahrt und in Ordnung sei. Bei dieser Gelegenheit erfuhr Rolfers erst, daß die Wohnung noch nicht gekündigt war.
»Ja, warum hast du das Ostern nicht getan, Martha?« fragte er. »Deine Einrichtungen gehen mich ja nichts an -- aber da du sonst so sparsam wirtschaftest, nimmt es mich wunder ...«
Martha entgegnete ein wenig verdrossen, sie müsse einen Ort haben, ihre Möbel aufzubewahren, an denen sie doch hänge, und überhaupt wolle sie einen Fleck wissen, der ihr gehöre. Sie zeigte ein so ablehnendes Wesen in dieser Angelegenheit, daß Rolfers schnell das Gespräch auf ein andres Thema brachte. Aber in den Tagen, in denen Richard entfernt war, mußte er noch oft an den verschlossenen und feindseligen Ausdruck denken, der sich bei dem Gespräch über die Wohnung auf ihrem Gesicht gezeigt hatte.
Er ging viel und unruhig im Haus umher.
»Die Stille ist geradezu beklemmend, findest du nicht, Martha?« fragte er mehrmals. »Ich hatte gar nicht gewußt, daß der Bengel so viel Lärm vollführte.« Und er hörte in Gedanken die frische eifrige Stimme durchs Haus jubeln: Professor -- Professorchen! Denn je vertraulicher der Junge wurde, desto mehr Fragen und Wünsche hatte er auch an ihn.
Abends, als er mit Martha, wie sie es gern zu tun pflegten, den breiten Weg zwischen den Gemüsebeeten hinab und hinauf wandelte, an dessen Rändern nun schon die ersten Rosenknospen sich öffneten, fragte er seine Gefährtin sacht und ein wenig verlegen: »Sage, Martha, hast du keine alten Photographien -- so dumme kleine Kinderbilder von dem Jungen? Die möcht' ich wohl gerne einmal sehen.«
»Ich ließ sie in Berlin!« erwiderte Martha kurz, und Rolfers schwieg betroffen. Er ging dann bald ins Haus '... Jetzt wird er bei Gebhardts sitzen,' dachte er, denn er hatte seine Freunde gebeten, den Richard in der Familie gastlich aufzunehmen, er wußte, daß dies in dem großgeführten Hause keine Schwierigkeiten machte. 'Oder vielleicht haben sie ihn auch ins Theater geführt. Wie er sich wohl gebärden wird ... ich wollte, ich könnte ihn sehen' ... So träumte er sehnsüchtig und versuchte umsonst, seine Gedanken auf ein Buch zu sammeln.
Martha hatte sich ebenfalls früh in ihr Zimmer zurückgezogen. Sie verschloß die Tür. Dann entnahm sie ihrer Schublade ein altes abgegriffenes kleines Lederalbum und blätterte darin. Es enthielt die Bilder von Richard, nach denen Rolfers gefragt hatte. Richard als nackendes Kindchen, Richard im karrierten Kittel, mit einem Ball in der Hand, auf den er herabblickte, als trage er die Weltkugel, Richard als Matrose und im Verein mit zahllosen dicht zusammengedrängten Schuljungenköpfen. Und das letzte: Richard mit der Gitarre auf einem Baumstumpf unter den Wandervögeln. Sie küßte und streichelte die Bilder und sprach leise zu ihnen, gab ihnen leidenschaftliche Kosenamen, als seien sie lebendig.
»Nein, nein,« flüsterte sie, »die soll er niemals sehen -- die sind mein Eigentum, meines allein -- Seine süße Kindheit, die will ich mit niemand teilen -- die gehört nur mir allein!«
Sie versteckte das Album wieder sorgfältig unter ihrer Wäsche und schob die Lade zu.
Lange saß sie auf dem kleinen Schaukelstuhl neben der Kommode, wiegte sich leise hin und her und schaute trübe vor sich nieder. Zuletzt raffte sie sich auf, seufzte noch ein paarmal, nahm ihre Schreibmappe, rückte sich die Lampe und begann mit einem energischen Entschluß verschiedene Briefschaften, die sie in den letzten Tagen erhalten hatte, aufmerksam durchzulesen. Sie nahm darauf einen leeren Bogen, legte ihn vor sich hin und sah nachdenksam vor sich nieder. Noch einmal rechnete sie auf dem Löschblatt verschiedene Zahlenreihen zusammen und begann resolut den Brief zu schreiben. Doch mußte sie zweimal ein neues Blatt nehmen und frisch beginnen, weil große Tränen auf das Papier fielen und die Schrift verlöschten. Endlich brachte sie ihren Vorsatz mit einer grimmigen Miene von Entschlossenheit dennoch zustande. Sie ging hinaus und öffnete die Haustür. Oben lehnte sich Rolfers aus dem Fenster.
»Wer ist dort?«
»Ich will nur einen Brief zum Kasten bringen,« antwortete Martha und lief eilig, als verfolge man sie, in die mittlerweile eingetretene Dunkelheit hinaus.
* * * * *
Rolfers holte den Jungen selbst von der Station ab. Der sprang strahlend froh aus dem Zug, von lauter guten Nachrichten überströmend. In Berlin und Hamburg flatterten die Siegesfahnen von allen Dächern, denn Lemberg sei gefallen, und nun stürmten die Heere auf Warschau zu --! Und die Ausstellung --! Der Professor solle nur nicht glauben, daß die Menschen um des Krieges willen kein Interesse mehr für Kunst haben wollten --! Gedrängt hätten sich die Leute -- die Nationalgalerie habe das große Seestück gekauft, das mit der grauen schweren Luft und dem dunkeln Wasser -- und es habe sich fein gemacht, daß schon bei der Eröffnung der Ausstellung daran gestanden habe: Verkauft. Und die Kunsthalle in Hamburg werde auch ein Bild kaufen, es sei aber noch ungewiß welches. Und Gebhardt hätte es schon telegraphiert, aber er wollte ihm die Freude gönnen, es zu berichten. Und lieb sei er zu ihm gewesen -- Frau Gebhardt auch und der junge Gebhardt ... Nicht zu sagen --! Aber er wisse schon, wem er das zu verdanken habe.
Der Abend verging unter den fröhlichen Berichten des aufgeregten Knaben. Sie saßen auf der Veranda. Rolfers hatte Martha gebeten, das Essen ein wenig festlich zu gestalten, und hatte Rosen geschnitten, sie auf den Tisch zu stellen. Zuletzt brachte er noch eine Flasche Sekt aus dem Keller und schenkte ihn in die schönen schlanken Kristallkelche, die sonst im altertümlichen Glasschrank standen. Richard war ganz wild vor Entzücken. Martha schüttelte den Kopf und meinte, Rolfers verwöhne den Jungen, doch sie wurde überstimmt. Der Professor war lustig wie ein Akademieschüler -- und die beiden heckten allerlei Witze und Schnurren miteinander aus. Richard packte auch das Paket mit dem dunkelvioletten Kleiderstoff aus, gemeinsam umhüllten sie die widerstrebende Frau mit der weichen Wolle, und endlich hing Rolfers ihr die goldene Kette über den Kopf. Dann holte Richard seine Laute und stimmte Vaterlandslieder an, und der Professor sang tapfer mit, lehrte ihn auch Melodien von schönen alten Volksliedern. Martha hatte anfangs mit eingestimmt, aber sie schwieg bald wieder.
Einmal fragte Rolfers: »Martha, ist dir nicht wohl, du siehst so blaß aus?« Doch sie meinte, es sei nur der grüne Schein von den dichten Weinranken.
* * * * *
Mit heißen roten Backen und Augen wie zwei Lichtern schaute Richard aus den weißen Bettkissen, als seine Mutter noch einmal zu ihm kam, ihm den Gutenachtkuß geben.
»Mutti -- war das ein schöner Abend -- nicht? Herrlich! Daß der Professor so lustig sein könnte, hätte ich doch nie geglaubt! Und die Goldkette, was --? Die mußt du jetzt täglich tragen -- o, warum hast du sie abgenommen -- sie steht dir so gut! -- Mutti, was hast du -- dich quält etwas -- du hast dich auch nicht gefreut über die Geschenke -- glaubst du nicht, daß der Professor uns lieb hat? Sag' doch, Mutti?«
Der erregte Knabe setzte sich aufrecht, legte den Arm um seiner Mutter Hals und streichelte sie.
»Dich hat er lieb!« stieß Frau Martha hervor. »Was bin ich ihm? Nichts! Weniger als nichts! ... Eine Wirtschafterin --! Ausnützen tut er uns und dann ein Geschenk. Wie's mich beleidigt, ahnt er nicht einmal! So von oben herab! -- O -- ich kenne ihn, den Zauberer -- aber über mich hat er keine Macht mehr -- nur dich -- dich hat er ganz und gar!«
Sie schluchzte laut auf. Richard löste bestürzt den Arm von ihrem Hals. Der Ausbruch traf ihn so unvorbereitet, daß er zunächst nur grenzenlos erschrocken war. Niemals noch hatte er so leidenschaftliche Töne aus seiner Mutter Munde verkommen. Wie kam sie, die Stille, Gefaßte, Verständige, zu diesem Verzweiflungsweinen? Wie lange mußte das schon in ihr gewühlt haben ... Aber was denn? Er begriff den Grund ihres Kummers noch immer nicht.
»Sag' mir doch nur, warum du so traurig bist?« bat er. Und als sie schwieg, nur den Kopf heftig schüttelte, begann er leise zögernd, voll Scham und Scheu: »Wenn du ihm nicht verziehen hattest, warum kamst du dann zu ihm? Ich habe es nicht gewollt! Ich verstand dich auch anfangs nicht -- ja -- aber dann --! Dann habe ich ja begriffen -- so gut -- so gut ... Man muß ihn verehren ...«
Martha riß ihren Sohn plötzlich in ihre Arme und küßte ihn wild.
»Ich ertrage es nicht -- ich ertrage es nicht!« stöhnte sie. »Ich gehe daran zugrunde -- ich werde schlecht, wenn ich hier bleibe -- gemein, boshaft -- gehässig -- ganz, ganz klein werde ich, wenn ich länger hier bleibe ... Er hat mir alles genommen -- und er wird dich mir auch noch nehmen. Du siehst und hörst ja schon nichts andres als ihn! Du bist ja schon wie verzaubert -- Richard, hast du denn dein armes Mutti gar nicht mehr lieb?«
»Aber, Mutter --,« rief der Knabe, richtete sich schnell auf und sah seine Mutter mit seinen hellen Augen zornig an, »wie redest du nur? Ich kenne dich gar nicht mehr ... Ich habe dich lieb, das ist doch selbstverständlich. Darf ich darum einen andern Menschen nicht liebhaben ... Mutti -- er -- er ist doch mein Vater!«
»Gut -- so wähle!« sagte Martha. Sie war aufgestanden und blickte mit verweinten, zerwühlten Zügen auf ihn nieder. »Ja, Richard -- es geht nicht anders. Ich habe mir Übermenschliches zugetraut und kann es nicht durchführen. Meinetwegen sage, ich bin schwach. Ich bin auch nur ein schwaches Weib. Ich will fort von hier. Fort aus dem Hause will ich!«
»Mutter -- das -- nein, das kannst du nicht!« schrie Richard ganz laut vor Schrecken und starrte seine Mutter voll Entsetzen an.
»Sei leise, Richard, er hört uns,« mahnte die Mutter. »Mein Junge, es wird dir schwer, aber du mußt mir das Opfer bringen -- du wirst -- ich weiß es ...«
»Welches Opfer?« fragte Richard und begann zu zittern. »Was meinst du denn, Mutti?«
»Daß du mit mir gehen sollst, Richard, das meine ich. Heimlich wollen wir fort. Anders geht es nicht -- sonst bringt er uns ja doch wieder in seine Gewalt. Ich kann es nicht durchleben, wie er dich von meinem Herzen fortlockt ... Und glaube mir, Richard -- ich kenne ihn -- in ihm ist eine schauerliche Kälte. Was gilt ihm Menschenglück -- ihm gilt nur die Kunst ... Wenn du ihn da enttäuschest -- du sollst es sehen, wie er dich rücksichtslos über Bord wirft ...«
»Das darf er auch,« sagte der Knabe trotzig. »Das ist sein gutes Recht!«
»Ich will es nicht erleben. Ich nicht. Ich zerbreche daran.«
Ihre Augen irrten hilflos. »Vielleicht ist es schon zu spät,« sagte sie plötzlich gedrückt, wie unter einer allzu schweren Bürde von Kummer. »Ja, ich fühle es, bleibe nur bei ihm ... Laß mich gehen, Richard, halte mich nicht zurück. Sieh -- ich habe mir eine Stellung gesucht, wo ich Brot habe, selbständig bin. Nicht in Berlin, das war nur, um ihn irrezuführen. Du wirst mich nicht verraten, Richard! Wenn ich erst ganz weit fort von euch bin, in der Arbeit, in recht viel Arbeit -- dann wird es ja schon gehen. Dann werde ich mich ja schon wiederfinden ...«
»Mutter -- das ist alles so unmöglich -- so sonderbar unmöglich ...«
Nun streichelte sie ihn unter Tränen, die ihr über das blasse, eingefallene und erschöpfte Gesicht liefen.
»Gelt -- du sagst ihm nichts -- verrätst mich nicht? Mein armer Junge, daß ich dir so weh tun muß ...«
»Ja,« murmelte Richard und ließ den Kopf trostlos auf die Brust fallen, »du tust mir weh -- so weh ...« Er krümmte sich, wie in großen Körperschmerzen. »Nie habe ich daran gedacht ... Nie ... Mutter -- bitte -- versuche doch zu schlafen ... Morgen wirst du alles anders sehen ...«
»Nein, Richard -- das ist kein Plan von heut -- der ist seit Wochen in mir gereift. Und nun bin ich ganz entschlossen ... Aber ich will dich nicht zwingen, mit mir zu gehen. Es wäre wohl zu grausam ...?«
Richard ballte die Fäuste. 'Nein, nein, ich gehe auch nicht mit ihr,' schrie es in ihm. 'Ich gehöre zu ihm und bleibe hier' ...
Sie hatte wohl eine Antwort erwartet und beobachtete ihren Sohn eindringlich, gespannt. Er kniff die Lippen zusammen und wandte den Kopf von ihr fort. Mürrisch streckte er sich in seinen Kissen aus.
Einige Augenblicke stand sie unschlüssig an seinem Bett. »Richard, willst du mir nicht noch einen Kuß geben?« fragte sie mit leiser demütiger Stimme. Er machte eine heftig verneinende Bewegung und wühlte sein Gesicht in die Kissen ...
Da ging sie gebeugt und schwankend in ihr Zimmer zurück. Sie ließ die Türe geöffnet, denn ihr war, als könne sie jetzt nicht allein sein, als müsse sie wenigstens noch seinen Atem hören. Leise und schnell legte sie sich nieder. Schwer hing die heiße Sommernacht über dem Lager, auf dem Martha verstohlen in die Kissen weinte. Sie hörte, wie Richard sich zuweilen hin und her warf. Dann wieder lag er lange still, so daß sie von einer sonderbaren Angst ergriffen wurde. Könnte sie wahrhaftig ohne ihren Jungen leben? Sie hatte das so hingesprochen ... Aber wenn er sich von ihr losmachen würde, wenn sie ihn verlieren müßte? ... Trotzdem wich sie nicht von ihrem Vorsatz, an den sie sich klammerte, wie der Ertrinkende sich an ein Rettungsboot festkrallt. So viele Jahre hatte sie in nüchterner Stille gelebt ... Nein, sie hätte gelogen, wenn sie behaupten wollte, jenes Jugendschicksal laste noch auf ihr. Sie hatte es längst verwunden. Sie war friedlich und froh in ihrem Jungen gewesen. Keine Ahnung hatte sie jemals beunruhigt, daß ihr noch einmal Seelenleiden aufgespart sein könnten, wie sie sie in den letzten Wochen durchgemacht hatte.
Sie hörte die Türe leise gehen, vernahm das Tappen nackter Füße. Sie unterschied Richards Gestalt im weißen Nachthemd. Er kam sachte näher, setzte sich zu ihr, beugte sich tief über sie nieder und flüsterte ihr ins Ohr: »Mutti, sage mir eins ... Du hast ihn noch lieb, nicht wahr? ...«
Sie schlang die Arme um ihren Sohn und drückte ihren Kopf an seine Brust. »Ich weiß nicht --! Hilf mir, Richard ... hilf mir doch -- -- ja -- ich glaube -- ich liebe ihn immer noch ...«
Er hielt sie lange still in seinen Armen und an seiner Brust. Dann sagte er ruhig und sicher: »Ich gehe mit dir, Mutti. Ich verlasse dich nicht. Das denke nur nicht. Ich bleibe immer bei dir. Aber nun höre zu: Heimlich gehen wir nicht, das tun wir auf keinen Fall. Was man will, muß man auch vertreten. Du mußt es ihm sagen.«
»Ich kann nicht!«
»Doch, du kannst. Er hält uns nicht zurück, wenn wir fortgehen wollen -- dazu ist er viel zu stolz. Wenn du willst, so rufe mich nur, und ich sage ihm, daß ich mit dir gehen will. Dann ist alles aus zwischen uns.«
Der Knabe sprach die letzten Worte in einem so herzzerreißenden Ton von Hoffnungslosigkeit, daß Martha ihn heftig an sich drückte und flüsterte:
»Du wirst mich auch nicht hassen -- mein Einziges?«
»Nein, Mutti -- ich verstehe dich ja,« sagte er leise und müde.
So saßen sie noch eine ganze Weile festverschlungen in der schwülen Sommernacht, schwiegen miteinander oder redeten leise über die Einzelheiten von Marthas Plan.
Endlich kehrte Richard in sein Bett zurück und fiel gleich in einen tiefen, schweren Schlaf.
* * * * *
Rolfers ging über den Hof in die Scheune. Lütje sollte das Pferd putzen und einspannen. Er wollte mit Richard über Land fahren, um ihm einen bestimmten Punkt zu zeigen, von dem aus er das Bild gemalt hatte, welches die Hamburger Kunsthalle zu kaufen beabsichtigte. Er war in guter Stimmung und pfiff, in Erinnerung des fröhlichen kleinen Gelages auf der Veranda, die Melodie von »Deutschland, Deutschland über alles«.
Ja, Gott sei Dank, die Einnahme von Lemberg, der Durchbruch von Mackensen -- damit war doch ein weit offenes Tor geschaffen, durch das sich der Erfolg der deutschen Waffen vorwärts stürmend nach Rußland hineinwälzen konnte. Deutschland würde nicht untergehen ... Es würde leben und siegen ... Und sein Blick schaute erlöst in die Zukunft. Der furchtbare Druck, der alle die vergangenen Monate auf seiner Brust gelegen hatte, war vergangen. Er konnte wieder frei atmen -- sich freuen und leben. Sein Ich war tot -- unter tausend bitteren Schmerzen gestorben. Dieses harte störrische Ich, das nur dazu da war, damit die Welt im Wirbel um diesen einen Mittelpunkt kreiste, das nur sich selbst wollte und begehrte, auch in aller Kunst nur sich selbst zur Darstellung bringen mußte, und darum doch niemals das Höchste erreichte ... Das wußte er ja ganz genau. Auch mit den zwei gesunden Armen und Händen hätte er's nie gefaßt und erlangt, immer sich in Theorien zerquält ... Der Junge -- der arbeitete viel naiver darauf los, als er's je gekonnt. Am Ende erreichte Richard das in der Kunst, was er so inbrünstig gesucht sein Leben lang. Könnte er ihn nur bewahren vor der Akademie-Wirtschaft, dem neidischen Schauen auf den Nebenbuhler, dem Gieren nach Erfolg, nach Aufsehen. Könnte er ihn schützen vor der wilden Hetzjagd, in der sie sich alle verzehrt hatten, er und seine Zeitgenossen. Es lag doch eine wundervolle reife Süße in dem Sichselbstaufgeben um des Kommenden willen -- nur noch einer sein, der den Weg bereitet in das neue Land, für die Jugend in der geretteten Heimat.