Chapter 7
Er hörte, wie Richard, scheinbar ohne auf ihn zu achten, brummend und knurrend seine Malsachen zusammenpackte, und fühlte, er müsse ihm den Vorrang ablaufen und fortgehen, denn zusammen konnten sie den Heimweg unmöglich machen. So wandte er sich dann, mit einer sonderbaren Steifheit und Schwäche in allen Gliedern, und ging die Lindenallee hinunter, schneller, immer schneller, bis der Wald ihn aufnahm und er in einen Seitenweg einbiegen konnte, der ihn den Augen seines Todfeindes entzog. Denn der Knabe war in diesem Augenblick sein Todfeind.
Lange saß er auf einem gefällten Stamm unter den hohen Buchen und ächzte laut in bitteren Qualen, und fühlte, wie es ihm heiß und salzig aus den Augen rann und die Wangen hinablief.
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Seitdem brannte die Wut und Gier in seiner Brust, dem Jungen zu beweisen, daß Manneswille das Unmögliche erzwingen kann. Wie die draußen an der Front Tag und Nacht das Unmögliche dem höchstgespannten Menschenwillen abtrotzen. War er nicht einer von ihnen? Gehörte er nicht noch immer zu ihnen, ihr Genosse und Kamerad? Obwohl die graue Uniform, von Schlamm und Blut befleckt, von der Sonne und dem Regen verbrannt und zerweicht, nur noch als ein heiliges Erinnerungszeichen neben seinem Bette hing. Was sie konnten: die Übermacht eines ungeheuren Schicksals besiegen, das mußte er als einzelner ihnen gleichtun. Im Grunde war hier die Probe, ob er wert gewesen war, dem Vaterlande gedient und geblutet zu haben, damit diese Jugend heranwuchs -- und wieder Kunst machen und Schönheit neu schaffen und die Alten verachten durfte ...
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Das alles sagte sich der ins Herz getroffene Mann in der nächsten -- in vielen folgenden Nächten, die er einsam arbeitend durchwachte und durchkämpfte.
Vielleicht half ihm ein künstliches Glied, das ihm an sich als etwas greulich Unästhetisches, seinen künstlerischen Geschmack Verletzendes zuwider war ... Tausendmal mehr nach seinem Sinn wäre es gewesen, den leeren Ärmel herabhängen zu lassen, wie er es bisher getan. Und er fuhr doch nach Hamburg, diesmal nur in Begleitung von Lütje, prüfte, wählte, ließ ändern und wieder ändern in der Werkstätte für Prothesen. Er gab selbst Verbesserungen an. Der Besitzer der Werkstatt setzte seine Ehre darein, dem Künstler mit dem bekannten Namen, den das harte Los getroffen, etwas besonders Treffliches zu schaffen. Und so kehrte Rolfers äußerlich als ein für den flüchtigen Blick gesunder und wohlgebildeter Mann nach Haus zurück.
Martha freute sich kindlich. Sie hatte längst gewünscht, er möge sich zu diesem letzten Schritt entschließen. Es war ihr unbegreiflich, daß er so lange damit gezögert hatte. Warum ihm gerade dieses Letzte so schwer fiel, konnte sie nicht verstehen. Und sie war befremdet, für ihre Freude bei Rolfers keinen Widerhall zu finden, sondern nur Abwehr und Kühle. Er war doch zuweilen gar zu schwer zu durchschauen. Bei allen notwendigen Übungen, das fremde Kunstglied bewegen, sich seiner bedienen zu lernen, ließ er sich jetzt nur noch von dem ungeschickten Lütje helfen und verschmähte ihren Beistand. Sie mußte ihm das Essen auf sein Zimmer bringen. In seiner ganzen Lebensweise zog sich Rolfers mehr und mehr von ihr und Richard zurück und umhüllte sein verwundetes Herz mit dem altgewohnten Panzer der Einsamkeit.
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Richard hatte mit einem Blick seiner Augen, die schnell und scharf waren wie die eines Raubvogels, die Wirkung seines unbedachten und grausamen Ausbruches auf den Professor vollständig erfaßt. Ein wirbelndes Gefühl von schmerzhafter Wollust durchraste ihn.
Als das strenge feine Antlitz, das ihm schöner erschien als irgendein andres auf Erden, so erbleichte und seine Augen sich schlossen, und der schlanke große Mann dastand wie von einem Hieb getroffen, bäumte ein ungeheurer Stolz sich in dem Knaben auf und schrie in seinem Herzen: »Das habe ich gekonnt -- ich -- Rächer meiner Mutter und meiner Jugendschmach!«
Und er hätte geradeheraus lachen mögen, laut und wild und triumphierend lachen. Er biß die Zähne aufeinander und knirschte mit ihnen, denn er war doch nicht sicher, ob das Lachen nicht zum Schluchzen geworden wäre, und weil er sich entsetzte über die Wirkung seiner Worte.
Armer Rächer -- auch ihm kamen nun schlaflose Nächte, in denen er sich wälzte und in sein Kissen wühlte, um die Tränenfluten zu verbergen, die sein Gesicht überschwemmten.
Er heulte, weil er sich fürchterlich verachtete. Als Kind hatte er sich oft vorgestellt, daß er seinen Vater töten müsse -- daß dieses Geschick wie eine dunkle Notwendigkeit über ihm schwebe. Und er hatte sich immer ausgemalt, wie es geschehen würde. Er sah sich Rolfers zum erstenmal gegenüberstehen und den Dolch erheben -- grauenhaft, kurz, gewalttätig schön ... Nun hatte er nur Gift nach ihm gespritzt, nach dem Wehrlosen, wie ein feiges Weib. Gemein -- niederträchtig ...
-- Sein leidenschaftlich unbändiges Herz wurde durchschüttert von unermeßlichem Mitleid. Es bedrängte ihn, wie noch nie zuvor ein Gefühl ihm zu schaffen gemacht. Er hatte ja nun erst begriffen, was es für diesen Mann heißen wollte, nicht mehr arbeiten können -- leben müssen und nicht mehr wirken dürfen ... Blind und taub, dumm und beschränkt war er ja neben ihm hergegangen, ohne Empfindung für die Seelengröße, die ihm, dem Jungen, dem Feinde, zu schenken versuchte, was für sie selbst verloren war. Das hatte er sich nun verscherzt, ewig verscherzt. Ein Mann wie der Professor verzeiht ja nicht, das stand bei Richard fest. Nein -- er durfte sich auch selbst niemals verzeihen. Damit war alles aus zwischen ihnen. Nur daß das so wehtat, hatte er nicht geahnt. Daß ihm den ganzen Tag die Brust wie wund und verbrannt war, mußte er nun tragen. Ja -- er genoß den Schmerz, rang sich noch immer tiefer in ihn hinein. Beleidigt hatte er den Heiligen des Vaterlandes -- das kämpfende Vaterland in ihm! Was -- er hatte ihm Kälte, Mangel an Begeisterung vorgeworfen -- aber während er, Richard, nur sang und jubelte und sich berauschte in schönen Träumen, hatte der andre sich geopfert -- hatte gelitten --! War denn der Professor nicht zum Krüppel geworden -- damit das Vaterland frei blieb -- damit er, Richard Lebus, schaffen und ein gewaltiger Mann und Künstler werden dürfte -- wie er es doch vorhatte. Arbeiten, toll arbeiten -- das war nun alles, was ihm blieb. Ohne Rolfers' Rat, ohne seine Hilfe, allein auf sich angewiesen. Aber ein Kerl werden, der sich sehen lassen konnte! Vor dem der Professor doch einmal Respekt haben mußte.
So nahm der Junge es auf sich, daß Rolfers sich nicht mehr um ihn kümmerte, nahm es wie eine Notwendigkeit, die er sich selbst bereitet hatte -- deren Folgen er tragen mußte. Ging ihm noch scheu aus dem Wege. Und hatte den ganzen Tag und die halbe Nacht, wenn ihn nicht der gesunde Jungenschlaf überwältigte, ernsthafte und eindringliche Phantasiegespräche mit ihm, konnte stundenlang grübeln über ein Wort, das der weltreife Mann flüchtig hingeworfen hatte, mit dessen Sinn und Bedeutung der Knabe sich nun abquälte.
-- Ob diese Zeit groß oder nur blutig sei, werde erst die Zukunft erweisen. Die Größe einer Zeit hänge nicht von Kriegen und Siegen ab, auch nicht von der berauschten Stimmung des Auszuges zum Kampf. Und Helden seien nur die zu nennen, die sich als Träger eines Gottgedankens fühlen, -- nicht die, welche für ihr Fleisch und Blut, für die Sicherheit ihrer eigenen und ihrer Familien Existenz kämpften. Bewundernswert auch diese, ja, -- aber noch lange nicht Helden.
Das erschien Richard eine Herabsetzung deutscher Krieger, für die sein Herz brannte, sobald er einen erblickte. Und oft mußte er dem Professor grollen, daß er ihn von Berlin fort in diese Einöde geführt hatte, wo er den wilden Duft und das Rauschen und Brausen der Zeit nur in die Ferne lauschend spüren konnte, während er in Berlin sich ganz hineinwerfen, sich von ihm mit tragen lassen durfte, in den Siegestaumel mit hinein jauchzen konnte.
-- -- Warum in der Tutmesbüste des Königs Amenophis und in denen seiner kleinen Töchter, der ägyptischen Prinzessinnen, ein größerer Ewigkeitswert stecken solle als in allen leuchtenden Taten, die auf den Schlachtfeldern dieses Jahres geschahen? -- Das Wort hatte Richard, als er es hörte, heftig erzürnt, ja erbittert. Er spürte daraus eine Gegensätzlichkeit, geradezu wieder eine Feindschaft zwischen seinem Wesen und Rolfers' Wesen. Der Mann -- der Weltkünstler, für den es keine Grenzen gab, keine nationalen Unterschiede -- nur Unterschiede in Stärke und Schwäche, in Schön und Häßlich, für den dieser Krieg keine Aufwärtsbewegung, sondern einen Zusammenbruch bedeutete, einen Zusammenbruch seiner Welt des guten Europäertums.
»Guter Europäer« -- auch so ein Ausdruck, den der Junge haßte. Womöglich sollte er auch noch ein guter Ägypter werden -- nein, er bedankte sich. Diese ägyptische Kunst, von der der Professor so viel hermachte, er hatte sie sich oft genug beschaut im Alten Museum -- neugierig, wie er auf alles Fremde neugierig war. Gegeben hatte sie ihm nicht das geringste -- er stand ganz verständnislos vor den Kolossen -- das seltsame starre Götterlächeln erboste ihn nur. Was hatten sie so zu lächeln, über die Welt und alle ihre bedrängende wundervolle Schönheit weit hinaus! Am liebsten hätte er sie zerschlagen, zerhauen, alle miteinander, in seiner jungen barbarischen Zerstörungslust, weil ihn ihre Ruhe, ihre Erhabenheit, ihr strenger Stil bis zur Wut kränkten. Das Auge seines Fohlens auf der Schloßwiese war ihm mehr als alle die strengen Götter und Könige, als Amenophis mit dem überfeinerten geistreich-kränklichen Gesicht und die Vornehmheit seiner Prinzessinnen-Töchter. Wie die Pupille des Tieres in feuchtem Schwarzblau in der Milch der Iris schwamm -- wie das Geschöpf ihn ansehen konnte -- so dumm-unschuldig ... War das nicht zum Schreien schön ...? Und das wunderlich ungefüge weiche Pferdemaul mit den großen Nüsterlöchern darüber, das zarte Rosa an ihren Rändern ... Gott -- -- welche Seltsamkeit der Form und Farbe nur in einem feuchten Fohlenmaul -- in einem schwimmenden Tierauge.
Nein, wahrhaftig, er würde sich zur Wehr setzen gegen alles, was nicht an Freude, an Glück aus ihm selbst kam! Die rasende Bewunderung der eigensten Empfindung, die himmelhoch in die Höhe schlug ... die und keine andere! Und wenn's ihn mit dem herrlichsten Mann verfeinden sollte in alle Ewigkeit. In ihm tobte der Kampf um sein eigenes Werden, und der war wahrhaftig wild und hart genug! Nur sich nicht betrügen lassen -- auch von Liebe und Ehrfurcht nicht! Tat es weh, daß man hätte brüllen können, dafür war man eben deutscher Kämpfer und verbiß den Schmerz.
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Frau Martha schalt mit ihrem Sohn. Der vierschrötige Junge stand in hilfloser Verlegenheit vor ihr und ließ die Flut ihrer heftigen Worte wie einen Regenguß über sich ergehen. Der Schuldirektor hatte ihr einen Brief geschrieben und ernsthaft geklagt, daß Richards Unaufmerksamkeit und Faulheit von Tag zu Tag zunehme. Er sei nicht unbegabt, nur grenzenlos verträumt, und wenn er nicht einen energischen Anlauf nehme, so könne er unmöglich in der neuen Klasse, in die er Ostern versetzt worden sei, mit den andern Schülern Schritt halten.
-- »Und eitel wirst du auch noch,« klagte die Mutter, nachdem er dies alles hatte anhören müssen und nicht wußte, was er darauf erwidern sollte, denn es war ja leider die Wahrheit -- er, Richard, war stinkend faul. »Geckenhaftigkeit war doch bisher dein geringster Fehler,« hörte er seine Mutter zanken, »aber jetzt muß ich meine Veilchenseife sowie meinen Nagelpolierer immer auf deinem Waschtisch suchen. Das ist einfach rücksichtslos von dir. Für solchen Kommunismus bin ich nicht zu haben, merk' dir das ... Ja,« wendete sie sich zu Rolfers, »meine Flasche Kölnisches Wasser hat er mir auch stibitzt -- was sagst du dazu ...? Ein Junge, der herumgeht und duftet wie ein Mädel von der Tauentzienstraße -- pfui Teufel!«
Also doch --! dachte Rolfers, sagte es aber nicht laut und lächelte verschmitzt. Der eigenartige Duft, der seinen Sohn neuerdings umwehte, eine seltene Mischung von Veilchenparfüm, Schmierstiefeln, Pferdestall und Eau de Cologne, war ihm schon seit einiger Zeit aufgefallen und hatte ihn nicht wenig erheitert. Auch daß Richards dunkelblonder, wüster Haarschopf dem kleinstädtischen Friseur zum Opfer gefallen und durch eine kurzgeschnittene Bürste ersetzt worden war, nicht eben zur Verschönerung des Knabenkopfes, in dem Weichheit und Härte wunderlich miteinander stritten und vorläufig nur die hellen glanzvollen Augen zwischen ihren schwarzen Wimpern eine starke Anziehungskraft üben konnten.
»Ich werde morgen in die Stadt fahren und einmal gründlich mit dem Direktor über Richard sprechen,« sagte Rolfers. »Er hat natürlich recht und Richard muß sich Mühe geben. Zu einer Zurückversetzung darf es nicht kommen. Auf keinen Fall. Das würde seine Stellung in der Schule unmöglich machen. Dann müßte man ihn sofort herausnehmen und es käme die Frage mit den gräßlichen Instituten, Pressen und dergleichen an die Reihe. Er hätte tausendmal weniger Freiheit zum Herumstreifen, zum Träumen und zum Zeichnen. Die Penne muß durchgemacht werden, wie der Schützengraben auch. Angenehm ist beides nicht. Ich kann dir sagen, Richard, -- mancher von den Bengels hat sich brennend nach der Schulklasse zurück gesehnt, wenn er's auch nicht Wort haben wollte.«
Rolfers wandte sich zu dem Jungen und seine dunklen tiefliegenden Augen flammten über ihn hin.
»Ehe ich mit dem Manne über dich rede, muß ich erst Klarheit haben, was du eigentlich von deiner Zukunft willst? Rechtsanwalt oder Künstler -- was soll's werden?«
»Das ist doch keine Frage mehr,« brummte Richard.
»Das ist eine sehr ernste Frage, mein Sohn,« antwortete der Professor scharf. »Leute ohne starken Willen kann die Kunst nicht gebrauchen. Ein für allemal nicht. Diese Schulsache ist bei deiner Begabung einfach eine Willensangelegenheit. Eine Übung zu Größerem! Also -- kann ich bei dem Direx für dich eintreten -- oder kann ich's nicht?«
Richard war feuerrot geworden und sah zum erstenmal seit langer Zeit dem Professor klar und frei ins Gesicht.
»Sie können es!«
»Gut -- schlag ein!«
Rolfers streckte ihm seine Linke entgegen und Richard legte seine Rechte hinein. Der Mann drückte sie fest.
Richard ging ganz betäubt nach diesem Auftritt hinaus in den Hof. Der Professor war doch ein großartiger Mensch -- wer von den Vätern seiner Berliner Freunde würde so gehandelt haben? Keiner -- kein einziger. Geschimpf und Gejammer und Strafen und Drohungen hätte es gehagelt -- jawohl. -- Er mußte ihm doch zeigen, was er in den letzten Wochen geschafft hatte. Es waren ein paar ganz feine Sachen darunter. Die würden ihm Freude machen.
Nun brauste das Gefühl mit der Gewalt Deines wilden Bergbaches durch des Jungen Herz. Er -- er -- er füllte sein Denken, Träumen, Phantasieren. Freund -- Freund -- sagte er bisweilen leise vor sich hin. Professor -- Professorchen, rief seine helle Knabenstimme durchs Haus, sobald er von der Schule heimkam.
Versunken konnte er lange auf Rolfers' Hand blicken, denn Menschenhände bedeuteten ihm viel, -- er hatte Jungens, die sich ihm zum Freunde boten, abgelehnt, weil ihre Hände ihm nicht gefielen.
Nun verglich er seine eigene Hand heimlich und oft mit der des Professors. Es machte ihn tief glücklich, in der Form der Nägel, der Fingerspitzen, in der Bildung des Daumens Ähnlichkeiten zu entdecken. Und ein inneres heißes Weinen stieg in ihm auf bei dem Gedanken, daß er niemals die Rechte, die Schaffenshand, die Künstlerhand des geliebten Meisters werde sehen, halten, zeichnen dürfen. Und er fühlte zuerst die ganze Bitterkeit des Unwiederbringlichen, des Todes, der Vernichtung. Fühlte sie an dieser einen Menschenhand, die das Schöne geschaffen hatte und niemals wieder schaffen würde. Langsam bildete sich in ihm das Neue -- das Verständnis und das Wollen: ein Erbe zu sein ... Sein Schüler, -- o ja --! Der Professor hatte selbst gesagt, das habe mit Gefühlen nichts zu schaffen ... Sein Sohn -- dem Gedanken war er immer aus dem Wege gegangen. Vor dem Begriff des Vaters stand das eiserne Gitter der Verachtung. Und nun arbeitete sein Wille, es aus den Gründen seines Herzens herauszureißen. Und wie im Märchen ging es zu -- das Trennende zerschmolz vor seinem festen Griff. --
Gott, Gott! Er war ja nicht nur der Schüler des Professors -- er war sein Sohn ...! Teile von dessen Wesen, dessen Geist mußten auch in ihm lebendig sein! Spürte er nicht seine Gabe des Schauens, die Fähigkeiten der bildnerischen Hand vom Kopf bis in die Fingerspitzen -- und schwoll nicht oft seine ganze Seele, der junge Leib von ausbrechendem Jubel hoch empor, wenn er sich dem Angebeteten so im tiefsten verwandt fühlte ...
Wie junger Wein war seine Liebe, würzig und herbe und voll perlender Frische und hätte am liebsten alle Bande zersprengt und brausend ins Weltall sich ergossen. Und doch auch wieder so scheu, verschämt, daß sie nie den Ausdruck für all dies Quellen und Drängen und all die goldenen Seligkeiten gefunden hätte. Eine Liebe, die keine Zärtlichkeiten kannte und auch nicht nach ihnen begehrte, die sich nicht mehr aufhielt mit der Oberfläche der Dinge, sondern gleich eindrang in den Kern der Persönlichkeit des andern. Ein flüchtiges, ein ganz kleines Zeichen der Zuneigung, des Vertrauens, und sie lebte tagelang in glücklichem Schweigen von dem wenigen. Und suchte seltene eigene Wege der Opferung.
Franz Rolfers sah wohl die Umwandlung. Mit zwiespältigem Gefühl. Fragte sich zuweilen: Ist's nicht zu spät? Ist ein Vertrauen zwischen Alt und Jung, zwischen dem Absterbenden und dem Werdenden nicht ein für allemal unmöglich? Denn ein Groll saß ihm noch im Herzen seit jenem schlimmen Abend an der Schloßwiese vor dem Fohlen. Er fühlte seitdem die Feindschaft dessen, der zurückgedrängt wird, der der Jugend das Feld räumen soll. Er hatte den Knaben besiegen wollen, nun war der zum Sieger über ihn geworden. Das verzieh er ihm nicht so schnell. Ließ ihn nur sachte an sich kommen. Gab ihm widerwillig das Glück des scheuen Werbens. Zuweilen war er kokett, wie Frauen gegenüber -- war eine Viertelstunde lang herzlich, gut, aufgeschlossen, zog sich dann wieder für ganze Tage kühl zurück. So ging der heimliche Kampf hin und her, lange Zeit.
Der Flieder blühte schon in blauen Wogen am langen Knick hinter dem Garten und seine Düfte schlugen mit süßen Dämpfen bis in die Veranda und in die Zimmer des holsteinischen Landhauses. Der Frühling hatte sich besonnen und holte mit einem Schlage nach, was er wochenlang versäumt hatte. Sogar zwischen dem feuchten, bröckelnden Gemäuer des alten Ziehbrunnens sprießten feine grüne Farnkräutlein und umkleideten seine dunkle Tiefe mit zierlicher Schönheit. In den Büschen sang und klang es von hundert verschiedenen Vogelstimmen. Lichtgrüne, flache Hände breitete der Tulpenbaum an seinen breiten Ästen aus und die alten knorrigen Apfelbäume waren nur noch zauberhafte Gebilde von rosenroten Blütengirlanden, durchsummt von Bienen und Hummeln. Aus dem vollen Gras steckten die Tulpen ihre Feuerkerzen und der blaue Schaum der Vergißmeinnicht goß sich darüber. Über dem Moor wogten silberne Gräser und rötlich blühender Sauerampfer. Das Laub der Birken dunkelte schon, aber hellgrün stand der Buchenwald in der Ferne. Und weiße, runde Sommerwolken schwammen durch den Himmel, ein milder, luftiger Wind schaukelte und flirrte durch all das schwebende, bewegte Ast- und Laubwerk, und blies durch die blühenden Graswellen, daß sie in tausend feinen Farben und weichen Linien aufschillerten, wogten und wiegten.
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Richard taumelte vor Glückseligkeit in diesem Frühlingsrausch, den er, das Großstadtkind, zwischen staubigen Schulzimmern und der sonnenlosen Hofwohnung gebunden, noch niemals in der Fülle seines Glanzes kennengelernt hatte. Jede Morgenfahrt durch die graugrüne Seide der sprossenden Haferfelder, durch das Sonnengold der Rapsbreiten, vorüber an dem Smaragd der fetten Marschwiesen, von denen die schwarz-weiß gefleckten Kühe sich so wirkungsvoll abhoben, unter dem Gehänge der blühenden Hecken in den Sandhohlwegen -- in denen es zwitscherte und flötete von Leben der nistenden Vogelfamilien -- jede Fahrt zur Schule mit der braven braunen Liese, die für den Militärdienst untauglich befunden worden, wurde ihm zum Erlebnis. Zuweilen ließ er die Zügel hängen und das gute Tier trottete weiter den gewohnten Weg -- er aber schaute in den blauen Himmel und verfolgte den Wirbelflug der Lerche, das sanfte Gleiten, das leise Zergehen der weißen Sommerwolken. In der Nacht rannte er auf das Moor hinaus, sah die Nebelschwaden wehen und im milden Weiß den Mond sich spiegeln, daß das Geschwebe opalfarben zu schimmern begann -- hörte versunken auf das Liebesgequake und Geschnarr der Frösche -- auf all das Gleiten, Schlüpfen, Huschen der kleinen Tierwelt, die so seltsam erregt die Nacht durchwachte -- sah die märchenhafte Kröte, mächtig und schauerlich mit ihren Warzen auf dem Rücken träge über den Weg hüpfen wie ein verzaubertes Hexenweib, sah die seltsam verkrüppelten Gestalten der alten Erlen an den dunklen Wasserläufen hocken und ihre Zweige wie sehnsüchtige Arme in die Luft breiten -- etwas Unbegreifliches zu fassen. Der Boden schwankte und wankte unter seinem Fuß, der da sank -- sank -- Er mußte eilend zurückspringen auf sicheren Boden -- und ahnte tausendfach erstorbenes, verwandeltes und neuerstehendes Leben dort in der braunen Tiefe, die den saugend hinabzog, der sich unvorsichtig auf sie hinauswagte. Und die Schauer der Vergänglichkeit durchwehten kühl sein Blut, das noch eben pochte und glühte in seinen Adern, während die Nüstern die schweren taumelig süßen Liebesdüfte der Frühlingsnacht eintranken.
Und so geschah es, daß er heimkam, in Haar und Kleidern die feuchte Frische, den herben Geruch des Nebels, des sprossenden Gekräuts, die Stiefel bedeckt mit Schlamm und Erde, ein junger Wald- und Moorschratt, seine Augen ganz durchleuchtet vom Mondglanz. Licht sah er oben in dem Atelierfenster, unter dem Dach. Es trieb ihn, hinaufzuspringen, vorsichtig die Treppe hinan, an der Tür der schlafenden Mutter vorüber, um »Ihm«, den er dort oben wußte, ein Stück zu geben von seinem Glück. Nichts andres. Dunkelheit ringsum, Schwüle, eingeschlossene schwere Luft. Und in Hemdsärmeln am Tisch, bei der elektrischen Birne, die hartes, weißes Licht auf das Blatt warf, vornübergebeugt der Mann, sein hageres Gesicht mit der großen scharfen Nase, der hohen Stirn, den dunklen Augen hinter großen runden Brillengläsern, vor ihm, in einem Krug ein paar Grashalme. Und er verbohrt, versessen, ganz hingegeben in der Arbeit, der mühseligen, von all der Sommerherrlichkeit da draußen nur die paar Gräser in ihrer reinen feinen Form mit dem Rest seines Selbst, mit der linken Hand nachzubilden. Neben ihm auf dem Stuhl, von ihm abgelöst, das seltsam schauerliche unlebendige Gebilde aus Drähten, Holz, spiegelndem Metall, Schnallen und Riemen, das künstliche Glied.
Richard stand betroffen. Es graute ihm, und er wußte nicht warum. Der Mann sah auf, fragte kurz: »Was willst du?« Und schob ein Blatt über seine Versuche.
Richard bemerkte es.
»Also, -- was heißt das?« fragte Rolfers ungeduldig. »Warum kommst du herauf und störst mich?«
»Ich dachte nur -- die Nacht ist so unbändig schön --, ob Sie nicht hinauskommen möchten?« stotterte er.
»Ich habe zu tun. Geh jetzt!«
Rolfers nahm die Brille ab, legte sie vor sich hin, sah dann wieder auf.
»Nun?«
Der Junge stand noch immer da, ein Duft aus der Wiese, frisch wie Sommernächte duften, wehte von ihm zu dem überwachten Mann hin. Und mit dem Dufte kam ein Lächeln. Richard hatte nichts andres zu geben. Worte waren unmöglich. Er hätte sie auch nicht gefunden. Nur in seinen Augen, um seinen blühenden Mund lag alle Liebe, die er in diesen Sekunden empfand.
Auf den Zehenspitzen ging er hinaus.
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