Ins neue Land

Chapter 6

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Richard fand sich plötzlich in eine Welt versetzt, die ihm fremd aber zaubervoll anziehend erschien, und es imponierte ihm gewaltig, daß Rolfers in dieser Welt durchaus heimisch war und in dem teilnehmenden und vertrauten Ton eines alten Freundes mit den trauernden Frauen sprach.

»Sie müssen oft zu uns kommen, lieber Professor,« sagte die jüngere Gräfin, als er und Richard sich verabschiedeten und sie ihnen bis zur Tür das Geleit gab. »Sie tun meiner Schwiegermutter und mir einen wirklichen Dienst, wenn Sie uns ein wenig zerstreuen. Die Abende sind fast nicht zu ertragen in diesem leeren Schlosse mit der Angst und Sorge auf dem Herzen. Die Mama ist bewunderungswürdig, aber dann bricht sie zuweilen doch zusammen.«

Rolfers versprach, seinen Besuch bald zu wiederholen, die Gräfin reichte auch Richard die Hand, der sie linkisch schüttelte. »Ihren jungen Schüler bringen Sie aber mit,« sagte sie, dem Knaben herzlich zulächelnd, »das heißt, wenn er sich nicht zu arg bei uns langweilt. Aber wir haben ja Bücher und Mappen mit Photographien, die ihn sicher interessieren werden.«

Richard wurde aufs neue sehr rot, während er die Aussicht, wiederkommen zu dürfen, als etwas Entzückendes empfand, erschrak er zugleich, und unbestimmte Verpflichtungen, zu denen er dadurch gezwungen sein würde, beängstigten ihn.

Kaum hatten sie den gelben Break bestiegen, den die Gräfin bestellt hatte, und fuhren durch die dunkelnde Lindenallee ihrem Heim entgegen, begann der Professor auch schon: »Wenn die Gräfin dir die Hand reicht, hast du sie zu küssen -- nicht mit einem heftigen Schmatz -- sondern nur mit einem leisen Berühren der Lippen. Übrigens könntest du dir auch die Pfoten etwas sauberer halten. Das wollte ich dir schon längst einmal sagen.«

»Ich bin doch kein Fatzke, der sich die Nägel poliert,« brummte Richard, schon wieder zu innerem Widerspruch gereizt.

»Von Fatzkentum ist keine Rede, wenn man seinen Körper pflegt. Das gehört einfach zum kultivierten Menschen und auf diesem Gebiet hast du noch so ziemlich alles zu lernen.«

»Mutter war ich immer gut genug, so wie ich bin,« sagte Richard ungezogen.

Rolfers schwieg und dachte: wie schwierig ist dies alles. Dem Richard aber ging es durch den Kopf: warum bin ich so ekelhaft --? Na, es ist schon gut so, häßlich und plump wie ich bin -- ein feiner Herr wie er werde ich doch niemals. Er sah auf die schlanke schöne kraftvoll beseelte Hand, mit der Rolfers seine Zigarre hielt und fühlte jäh den Schmerz um die verlorene Rechte. Eine Welle von heißer Bewunderung schlug über sein Herz.

Am andern Morgen, als Richard aus der Schule kam, stürzte er eifrig zu seiner Mutter herein.

»Du -- draußen steht ein Diener vom Schloß mit einem großen Korb für den Professor.«

Martha ging hinaus, ihr Ausdruck war mürrisch, unzufrieden. Schon am vergangenen Abend bemerkte Richard, wie schweigsam sie seine Erzählung von dem Besuch bei den Gräfinnen aufgenommen hatte.

Der Diener lieferte einen anmutig mit Gewächshausflieder umkränzten Korb erlesener Äpfel und Weintrauben nebst einem Briefchen ab. Richard stand strahlend vor Freude neben der Gabe, während Rolfers mit dem geöffneten Brief hinausging, dem Diener Bescheid zu geben.

»Mutti, sieh nur, ist das nicht herrlich! Viel zu schön, um es zu zerstören. Lieb von den Damen, nicht?«

Martha stand mit zusammengekniffenem Mund vor der zarten weiß und lila Blütenfülle.

Rolfers kam zurück, neigte sich über die Blumen und Früchte und sog ihren Duft ein. »Das gefällt dir, was, Kerlchen? Ja -- wir Künstler und der Luxus -- das gehört nun mal zusammen. Wir sind ja auch Luxusgewächse. Du, wir sind zu morgen abend gebeten -- einen Rehbraten mitessen! was sagst du?«

»Mutter auch?« fragte der Junge plötzlich und in seine Augen kam das helle stählerne Licht, das Rolfers besonders an ihnen liebte.

»... Nein -- -- die Gräfinnen kennen Mutter doch nicht.«

Ein Schweigen war plötzlich im Zimmer, unter dem Rolfers unbehaglich hin und her ging. Richard polterte mit seinen Büchern und Martha entfernte sich -- man hörte sie dann in der Küche.

Bei Tisch sagte Richard: »Ich möchte nicht mit in das Schloß. Was soll ich da ...?«

»Lege dir keinen Zwang auf, mein Sohn,« antwortete Rolfers kühl. »Ich glaube, die Gräfinnen können deine Gegenwart entbehren.«

Martha senkte den Kopf, eine Röte stieg ihr vom Hals herauf bis unter das helle krause Haar.

Rolfers sah sie an und schwieg zunächst. Er hatte diese peinliche Situation vorausgesehen und deshalb das Schloß bisher vermieden. Nun mußte es durchgefochten werden.

»Du hast Schwereres auf dich genommen, Martha,« sagte er zu der Frau, als sie allein waren, »warum dem Jungen die Freude verderben? Es war reizend, seine hellen Blicke zu sehen, mit denen er das Unbekannte begrüßte. Die alte Gräfin beobachtete ihn ein paarmal ganz gerührt. Er gefiel ihr, der Junge. Aber wie du willst, ich rede dir da nicht hinein. -- Nur -- was mich betrifft -- ich kann mich dem Umgang mit den Nachbarn nicht ganz entziehen. Besonders jetzt, wo ich ihnen für viele Gastfreundschaft und manche erwiesene Gefälligkeit einmal nützlich sein kann.«

»Du glaubst gewiß, ich hätte dir den Jungen aufsässig gemacht,« sagte die Frau heftig. »Das ist ungerecht. Ich habe kein Wort gesagt. Mag er gehen. Er gehört ja doch bald ganz zu dir.«

»Welcher Ton?« fragte Rolfers überrascht. »Martha, ich fürchte, du irrst dich sehr. Ich bin kaum in die Vorkammern seines Vertrauens eingedrungen. Mißgönnst du mir das schon?«

Er legte seine Linke auf ihre Rechte und sah ihr nachdenklich ins Gesicht. Dann schüttelte er ein wenig den Kopf.

Martha begann zu schluchzen. »Ich bin auch nur ein Mensch.«

»Ein lieber und wertvoller Mensch, Martha, -- vergiß nie, daß du mir das bist! Und daß ich dich sehr nötig habe! Ja, wenn ich dich nicht wieder fand -- wo wäre ich jetzt?«

Er beugte sich und küßte sie leise auf das Haar.

»Meine gute Freundin!«

Sie lächelte durch ihre Tränen und gab ihm die Hand:

»Du hast nichts mit der Gräfin? Zwar -- was geht es mich an ...?«

»Martha, ich denke, du könntest mir den Takt zutrauen, daß ich dich dann nicht hierher gebracht hätte -- dich und den Jungen! -- Aber sieh, wenn du anfängst eifersüchtig zu werden -- dann geht das alles nicht mehr.«

»Nein, nein!« rief die Frau ängstlich.

»Dann bekommt alles eine Färbung, die ich nicht ertragen könnte!« sagte Rolfers. »Du bist dein freier Herr, Martha. Scheint dir unser Zusammenleben, wie es sich nun herausgebildet hat, ungenügend oder unerfreulich, möchte ich dich keine Stunde länger hier halten. Obschon ich dich entbehren würde. Von dem Jungen nicht zu reden. Ich weiß, ich bin ein unangenehmer Geselle -- war es immer -- bin es heute mehr als je zuvor.«

»Ich kenne dich besser,« sagte Martha weich. »Was kommt auf mich an. Wieviel Geduld und Zeit wendest du an Richard. Da muß ich mich oft wundern.«

»Er ist doch mein Fleisch und Blut,« sagte Franz Rolfers ernst und seine Augen blickten still gesammelt in die Ferne. Ich lüge, dachte er, aber mag es immerhin sein -- sie würde ja nie verstehen, daß ein Fremder mir dasselbe hätte werden können, wenn er Richards Talent und seinen Arbeitseifer hätte.«

* * * * *

Martha wollte mit ihrem Sohn offen und ehrlich reden über Rolfers' Verkehr im Schloß und in der Nachbarschaft, an dem sie durchaus nicht teilzunehmen wünschte. Sie hatte sich viele gute und kluge Worte zurechtgelegt, die sie zur Klarstellung dieser schwierigen Angelegenheit und zu Rolfers' Verteidigung sagen wollte. Aber sie kam nicht dazu, ihren Vorsatz auszuführen. Es fand sich niemals die passende Gelegenheit oder die rechte Stimmung. Auch an dem Abend nicht, an dem sie beide ihr Mahl zu zweien hielten -- seit wie langer Zeit wieder einmal allein miteinander ... Da ging es am wenigsten. Sie sprachen sehr eifrig über den Krieg und die Zeitungsnachrichten, über Schützengräben und Friedensaussichten. Später rückte sich Richard die Lampe zurecht und zeichnete schweigsam, und Martha las, bis sie den Wagen rollen hörten, der den Professor zurückbrachte. Die Selbstverständlichkeit des Vertrauens zwischen ihnen war gestört. Von den beiden Menschen, die so eng zusammengehört hatten, fühlte sich, durch ein drittes Element geschieden, plötzlich jeder in seiner eigenen Welt, mit seinen eigenen Kämpfen beschäftigt, weit entfernt von dem anderen.

Rolfers sah bald nach seinem Besuch im Schlosse, daß alles für ihn neu zu beginnen sei. Und er fragte sich zuweilen, ob er nicht endlich erlahmen müsse. Richard war reizbar, zum Widerspruch geneigt, bei allem, was der ältere Mann sagte oder tat, sah man Hohn und Verachtung auf dem Gesicht des Jungen. Wozu setzte er sich eigentlich dieser Behandlung von einem Knaben aus? Er, der sonst selbstherrlich und empfindlich gewesen war bis zu dem Grade, daß er sofort abreisen oder einen Verkehr schroff abbrechen konnte, wenn ihm ein Mensch unsympathisch wurde, ihm durch gegensätzliche Ansichten über Kunst, durch den Klang der Stimme, durch irgendeine Äußerlichkeit auf die Nerven ging. Wie oft hatte er sich nicht für Monate in die Einsamkeit begeben, weil er nicht einmal die Gesellschaft seiner guten Freunde zu ertragen vermochte. Und seine Nerven waren durch das lange Leiden empfindlicher als je zuvor. Nicht nur die Qual des Nichtstuns fraß an seiner Seele. Das ungeheuere Leid, das er ringsum wüten sah, die schmerzliche Erkenntnis von dem Verlust an Schönheit, an Jugend, an reinem Menschentum, den dieser grauenhafte Krieg mit sich brachte, bedrückte ihn oft mit Schwermut, aus der er sich kaum herauszuarbeiten vermochte.

Oft hätte er den widerborstigen Bengel schütteln und ohrfeigen mögen und ihm zuschreien: Ja, hast du denn keine Seele, keine Empfindung für das, was um dich vorgeht? Siehst du denn nicht, wie ich bereit bin, dir mein Alles zu geben, den Rest meines zermarterten Lebens, damit deines doppelt reich und herrlich blühe?

Rolfers sagte sich, daß er verzichten müsse, dem Jungen menschlich näherzukommen, er besaß dafür wohl ein für allemal nicht die richtige Art. Er hatte es ja auch gar nicht gewollt -- ursprünglich. Nur spürte er jetzt, wie die Kunst und das Menschliche eben nicht reinlich auseinanderzuhalten waren. Beide Mächte beeinflußten sich gegenseitig in einer Weise, die ihm erschütternde neue Erfahrungen brachte.

Sein ganzes Werk an Richard -- diese eigenartige, scharf durchdachte, ganz persönliche Art der Ausbildung zur Kunst, die er anstrebte, wurde in Frage gestellt, ja völlig unmöglich gemacht, wenn der Junge sich ihm nicht willig hingab. Er sah bereits deutliche Anzeichen von Verwilderung in Richards Arbeiten, deren Ursprung entschieden in dem heftig aufgestörten Widerspruchsgeist, in dem stets wachen Mißtrauen gegen des Lehrers Anweisungen zu finden war. Und je mehr Richard geistig von ihm abrückte, desto strenger wurde Rolfers in seinen Forderungen, desto einsilbiger in ihrer Begründung.

-- So ärgerte es den Professor maßlos, daß Martha hinter seinem Rücken ihrem Sohn einen Malkasten mit Ölfarben geschenkt hatte, trotzdem er den Jungen vorläufig noch ganz auf das Zeichnen beschränkt wissen wollte. Tagelang schwieg er in verbissenem Groll. Endlich ließ er sich noch einmal herab, seinem Schüler die Gründe für seine Forderung zu erklären. Richard hörte mit einem Gesicht zu, auf dem deutlich zu lesen stand: er sei anderer Meinung, und diese habe wohl eine gleiche Berechtigung. Rolfers sah ihn am Nachmittag verstohlen hinausstreichen -- den verbotenen Kasten unter dem Arm.

Lange würden die Dinge so nicht weitergehen können.

-- -- Ist es immer und überall Elternlos, zu geben -- zu schenken -- nichts dafür einzutauschen -- nicht Dankbarkeit -- nicht Liebe -- nicht einmal ein wenig Anhänglichkeit? so fragte sich Rolfers oft. Bestand zwischen Elternliebe und der Liebe des Menschen zum Vaterlande ein sonderbarer, geheimer Zusammenhang? Brauchten die Kinder, wie das Vaterland, die Menschen, die sich ihnen hingaben, restlos auf, um zu bestehen, um weiter zu blühen? Galt von ihnen das gleiche wie von der Kunst? Die hatte ihn auch ganz und gar für sich verlangt. Das wußte er gut genug. Die rücksichtslose Abwehr gegen jede feste menschliche Gemeinschaft war doch nichts anderes als eine strenge Forderung seiner Kunst. War es ihm nun aus solcher Vereinsamung heraus unmöglich geworden, die Seelenschwingungen in einem anderen menschlichen Geschöpf, einem jungen, neu beginnenden zu verstehen und ihm gerecht zu werden?

* * * * *

-- -- -- Er ahnte ja, was ihm den Knaben gewonnen hätte! -- Aber nun sollte er in reifen Mannesjahren aus seiner Welt heraus und wieder zurück in das Primitive, in die Familie? Wohl wollte er geben -- aber sich selbst aufgeben, das schien ihm unmöglich. Mit vierzig Jahren und ungebrochener Geistigkeit sein bisheriges Leben, seine Ideale und Gewohnheiten verneinen, damit das neue Reis treibe -- konnte er das vollbringen? In ihm schrie ein starker Mensch und wehrte sich empört gegen die drohende Vergewaltigung seines Ich.

Also galt es dann nur noch, die Hand auch von dem letzten Werk zu lassen, dem Werk, in das er sich so glühend verbissen hatte? Es forderte das letzte Opfer von ihm -- und das konnte er nicht bringen.

* * * * *

Im Garten stand Rolfers neben dem Tulpenbaum, an dem die Blätterknospen aufbrachen, und sah mit heißen überwachten Augen dem alten Lütje zu, der sorglich die Rosen an neue Stöcke band. Bei den Gemüsebeeten arbeitete Frau Martha im Schweiße ihres Angesichtes. Sie war hausfraulich und voller Eifer bedacht, die Wirtschaft mit Kartoffeln, Rüben und Kohl zu versehen, denn Fleisch, das auch sonst nicht häufig im Dorfe aufzutreiben war, gab's jetzt in diesen Kriegszeiten noch seltener und von mangelhafter Güte. So pflegte sie lange Zwiesprache mit dem alten Holsteiner um Düngung, Saat- und Pflanzzeit, studierte Bücher wie den »kleinen Kriegsgemüsegarten« und den »Blumengarten der deutschen Hausfrau«, hantierte mit Spaten, Steckholz und Rechen, wurde rotbäckig und fröhlich in der neuen Tätigkeit.

»Sie wächst fest hier und lernt, sich zu Hause zu fühlen,« dachte Rolfers, als er den breiten Mittelweg zu ihr hinunterschlenderte. Die schwarze, frischgegrabene Erde duftete nach Feuchte und Fruchtbarkeit. Auf den Buchseinfassungen der Rabatten lag grausilbern ein schwerer Tau und die Pflänzchen zwischen den noch kahlen stachligen Rosenbüschen standen kerzengerade, wie aufmarschierte Schulkinder. Hier und da blühten schon Büschel von gelben Primeln, von blauen Perlhyazinthen und den zarten Glöckchen der Scilla. Die breiten Irisblätter drängten wie Lanzenspitzen aus der Erde, rot schimmerten die gefiederten Blättertriebe der fliegenden Herzen. Alle altmodischen Bauernpflanzen gab es in Rolfers' Garten, wenn der Sommer auf seiner Höhe stand, mußte auf den Rabatten ein dichtgedrängter tausendfarbiger Blumenflor sein Malerauge entzücken. Er hatte Martha freie Hand gelassen, für Samen und Stauden so viel auszugeben, wie sie mochte, das hatte sie sich nicht zweimal sagen lassen.

Als er vorüberging, richtete sich die Frau aus ihrer gebückten Stellung auf und lachte ihm zu. Ihre Augen glänzten in dem erhitzten Gesicht, unter dem weißen Tuch, das sie um den Kopf gebunden hatte, hing ihr blondes Haar in losen Löckchen über die Stirn.

Schon sind ihre Bewegungen wieder kräftiger und behender geworden, und wie hübsch ihr das Rosenrot um die hellen Augen steht, dachte Rolfers, als er sie so zufrieden sah in der Morgensonne. Wer weiß, erblüht ihr eine neue Jugend?

Er dachte es ohne Erregung des Blutes. Sein Antlitz blieb ernst und streng verschlossen. Die Augen blickten sehr müde in all dies Keimen und Drängen jungen Daseins. Während hier die Pflanzen trieben und sich entfalteten, ungestört wachsen durften wie in jedem Jahr, und die Amsel im Gebüsch ihr Lieblingslied sang, ging rings um die Grenzen des Deutschen Reiches das Morden und Schlachten der Menschen untereinander seinen furchtbaren Gang weiter, wurde hartnäckiger und grauenhafter mit jedem Tage. In der Früh hatte er die Nachricht bekommen, daß wieder ein guter Freund von ihm, wohl zehn Jahre jünger, ein fester und ehrlicher deutscher Künstler, bei einem Sturmangriff gefallen war -- Kopfschuß -- sofort tot. Der Glückliche ...

Für ihn selbst mußte der Kampf ein Leben lang dauern. Warum für ihn, und für jenen das schnelle leichte Ende?

Er ging an der Frau vorüber, es war ihm nicht nach einem behaglichen Geplauder zumute. Er öffnete das Pförtchen in der Tannenhecke und trat hinaus in den sandigen Knick, von blinkenden Tropfen überrieselt, die die leichte Bewegung aus den höheren Bäumen schüttelte. Der Knick war in seiner ganzen Länge mit Fliederbäumen eingefaßt -- die würden, wenn der Mai kam, in duftenden blauen Blütenwogen prangen -- aber noch war es lange nicht so weit. Der Professor bog an dem Häuschen des Torfstechers ab, das sich unter seinem grauen Rohrdach demütig in den Boden hinein zu verkriechen schien, und schlug den Weg durchs Moor ein, das er vor allem liebte. Ein durchsichtiger weißer Nebel lag noch über dem schweren Braun der Weite, das nur hin und wieder durch das sprossende Grün der Erika unterbrochen wurde. An den dunkelgoldenen Wasserläufen, die sich durch die Torfbreiten zogen, quakten die Frösche. Klumpen strahlender Sumpfdotterblumen standen hier und wohlduftender Kalmus, und die ersten Vergißmeinnicht mit kleinen, fröhlichen Blauaugen. Die Ebereschenbäume zur Seite des Weges entfalteten ihr fein gefiedertes Laub. Zuweilen stieß ein Kiebitz seinen sonderbar schnarrenden Ruf aus. Rolfers ging träumend auf dem schmalen Wege, der bei jedem seiner Schritte elastisch auf und nieder schwankte. Hier kannte er jeden Laut, jeden Duft, jede Farbennuance des Frühlings, er liebte die weiten flachen, reizvoll geschwungenen Linien der Landschaft, immer überweht von der herben Luft, die vom Meer herüberkam. Wieviel hatte diese Gegend seiner Kunst geschenkt. Er hob den Kopf gleich einem witternden Wilde und sog die quellenden Düfte all des Sprossens und Werdens ein, fühlte die warmen Sonnenstrahlen auf seinen gesenkten Lidern spielen und sein Herz wurde schwerer und schwerer vor Traurigkeit.

Er ging weiter in tiefen dunklen Gedanken. Dort hinten am Waldrand stand, wie in einen durchsichtigen silbergrünen Schleier gehüllt, jene Gruppe schöner Birken, die der frühere Besitzer seines Hauses, der gute Pötsch, so oft gemalt hatte. Bis er sich auf Rolfers' Rat gewaltsam von dem Stück Heimaterde losriß, in das er sich festgerannt hatte. Heute saß der Unglückliche irgendwo in Sibirien in russischer Gefangenschaft. Er, der zu einem tragischen Geschick so ungeeignet wie möglich war, nur weil er die Idee gehabt hatte, letzten Sommer die finnischen Seen zum Ziel seiner Studienfahrten zu machen. Seit Monaten war keine Nachricht mehr an die Frau gekommen, die darüber gemütskrank geworden und in eine Heilanstalt gebracht war. Ob er selbst längst von Ungeziefer, Schmutz und Jammer oder irgendeiner Seuche aufgefressen war, oder den Peitschenhieben eines Kosaken erlegen -- oder ob er noch einmal heimkehren würde, um sein Weib als eine Irre wiederzufinden, die Kinder irgendwo bei fremden Leuten untergebracht? Wenn Rolfers durchaus wollte, konnte er auch dieses Schicksal auf sein Konto setzen.

Herrgott -- war denn aus dieser Traurigkeit gar nicht herauszufinden? Die durchwachten Nächte trugen mit Schuld, er wußte es wohl. Die Nächte, in denen oben im Atelier die Lampe nicht verlöschte und ein einsamer Mann sich übte in endlos erneuten Versuchen, ungeschickter als ein Kind, das Schreiben lernt, und doch mit der zähen Energie eines reifen starken Menschen die linke Hand zu zwingen, Feder, Bleistift und Kohle zu führen, wie ihr Herr es wollte -- und am Ende auch den Pinsel mit der Farbe zu handhaben.

Er hatte Briefe von Kollegen, von alten Studiengenossen, die ihn stets tröstend auf Menzels Beispiel hinwiesen, der mit der linken Hand so sicher gezeichnet habe wie mit der rechten. Schon gut -- aber ihm stand die Übung eines Lebensalters bei ... Am Ende erreichte er es vielleicht auch -- wenn er ein Greis geworden. Immer aussichtsloser schienen ihm die Versuche, kindisch unbehilflich war alles, was er in diesen Wochen und Monden erreicht hatte. Er schämte sich, es dem Licht des Tages zu zeigen, verschloß sorgfältig den Raum vor allen fremden Blicken, ausgenommen denen seines getreuen Lütje, der die gute Eigenschaft besaß, überhaupt nichts zu sehen. Unerträglich wäre es ihm gewesen, wenn Martha oder Richard seine Versuche entdeckt hätten. Darum übte er auch nur des Nachts, sobald er beide schlafend wußte, und kämpfte unter der kleinen Insel von Helligkeit, welche die beschattete elektrische Birne gab, inmitten des Meeres von Finsternis, das rings um ihn her über dem Lande lag und wie ein Feind durch die Fenster zu ihm einzudringen versuchte.

Klagend seufzte der Wind über die Wiesen, eintönig klatschte der Regen oder er pickte und rieselte noch melancholischer -- oder der Sturm rüttelte an Dachziegeln und Läden. Selten erfreute ihn ein Blick auf klare Sterne oder auf den still im Dunkelblauen schwebenden Mond, wenn er, sich einen Augenblick der Erholung gönnend, zum Fenster trat und sich aus den geöffneten Flügeln hinausbeugte in die Nachtluft.

Warum das gierige unermüdliche hartnäckige Arbeiten? Hatte er dazu nicht Zeit genug vor sich -- viele Jahre Zeit ... Zu einer Beherrschung des Materials, die mit Meisterschaft -- wie er sie verstand -- irgend etwas zu tun hatte, würde er es ja doch nie bringen. Das fühlte er bitter und deutlich. Hätte er's nicht gefühlt -- grausame unbarmherzige Jugend mußte ihn darauf stoßen, daß er den Schlag nie wieder verschmerzen würde.

Er hatte Richard an der großen Wiese am Schloß getroffen, wie er dabei war, die zwei Fohlen zu malen, und mit dem ihm neu geschenkten Kasten voll Ölfarben munter auf einer ziemlich großen Leinwand herumwirtschaftete. Der Hüterjunge hielt ihm gerade das eine der braunen fröhlichen jungen Tiere, aber es schlug, jeder Fessel noch ungewohnt, nach vorn und hinten aus, und obschon Richard mit seinem Pinsel darauf los arbeitete, daß ihm der Schweiß von der Stirne lief, war die Bewegungslinie, die er packen wollte, doch nicht herausgekommen. Rolfers interessierte sich für seine verzweifelten Versuche -- das war wieder einmal so kühn angelegt, so persönlich gesehen, daß man seine helle Freude daran haben konnte. Er schaute dem Jungen eine Weile zu, bis der sich verzweifelt in den blonden Schopf fuhr und schrie: »Es ist zum Rasendwerden -- ich krieg's nicht und krieg's nicht -- das Biest hält auch keine Sekunde still ...«

»Das Hinterbein ist von vornherein falsch eingesetzt,« sagte Rolfers, beugte sich über Richard, nahm ihm den Pinsel aus der Hand. »Siehst Du -- so muß es einsetzen.« Aber die Hand gehorchte doch nicht, wie er gehofft, der Pinsel fuhr wild in das Bild hinein und es kamen Striche heraus, die Rolfers niemals beabsichtigt hatte.

»Zum Teufel,« schrie Richard wütend, »was machen Sie denn da -- Sie verpatzen mir ja die ganze Geschichte! Sie können doch nicht mehr malen ...«

Rolfers hatte den Pinsel ins Gras geworfen und Richard schmiß voll Zorn die Leinwand daneben.

»So, die Arbeit war mal umsonst. Drei Nachmittage hab ich mich schon gequält. Und ich hätt's auch noch gepackt -- wenn Sie nicht dazugekommen wären.«

Rolfers war weiß geworden und seine Züge erstarrten. Er regte sich nicht und sprach auch nichts. Langsam schlossen sich seine Augen, als vermöchte er das Licht nicht mehr zu ertragen. Er wußte, diese Sekunde war die bitterste in seinem Leben, dagegen war alles bisher Durchlittene nur eine Vorbereitung gewesen. Er dachte: wenn ich mich jetzt bewege und mein Schritt schwankt, so beginnt er zu lachen -- und das kann ich nicht ertragen -- dann muß ich ihn erwürgen ...