Ins neue Land

Chapter 5

Chapter 53,674 wordsPublic domain

Rolfers lächelte. Einen so quellklaren Blick hatte Martha zuweilen haben können -- wenn sie ihm entgegenkam, bebend vor Liebe und Zärtlichkeit, seine Umarmung, seine Küsse erwartend. Sonderbar, wie tote Dinge aufleben konnten und dann doch so neu und anders wurden ...

Eine Stille war entstanden, in der Rolfers die Stimme des Knaben hörte, scheu und heiser vor Erregung:

»Ich möchte Ihnen mal was zeigen -- na -- es ist nischt -- ich weiß schon ...«

»Also -- hol's und dann werden wir sehen!«

Er schoß unten durch das Wohnzimmer an seiner Mutter vorüber: »Du -- er will meine Skizzen sehen ...«

Sie sah die leuchtende Geistesschönheit, die das junge Gesicht durchglühte -- nein so -- so hatte sie ihren Jungen nie vorher geschaut.

Ein Schmerz, der sie völlig schwindlig machte, rann ihr vom Herzen bis in die Fingerspitzen.

Warum ließ ich seine Macht wieder in unser Leben hinein? dachte sie voller Haß.

* * * * *

Nun wurde Richard der Schüler seines Vaters. Der war ihm ein harter Lehrer. Oft hätte der Junge den Sonntagmorgen tausendmal lieber verträumt, verbummelt, wäre ziellos im Dorf und in der Umgegend herumgestreift. Das gab's nicht mehr. Die karge Zeit, die von den Schulpflichten übrigblieb, mußte ausgenützt werden. Das Schlimmste für Richard war: er sollte noch einmal ganz von vorn anfangen. Malkasten, Pinsel und Farben beiseite lassen -- nur zeichnen, mit Kohle, mit Rötel, mit Bleistift -- aber immer nur zeichnen. Das fand er demütigend und philisterhaft. Er lehnte sich innerlich dagegen auf und bereute oft genug, daß er Rolfers in seine Arbeiten hineinschauen ließ. Es war ein liebes Träumen und Versuchen gewesen bisher, ein Ausfüllen von Mußestunden. Was arbeiten heißen wollte, lernte er jetzt erst.

Beim Durchblättern seiner früheren Skizzen hatte er eines Tages die mühselig hingekritzelte »4« auf der sauberen Schulzeichnung entdeckt und sich seine Gedanken dazu gemacht. Der Professor hatte seine Arbeiten also schon früher gesehen ... Na ja -- die Mutter hatte es wohl nicht lassen können, mit ihm zu renommieren.

Aber wie war denn das -- sollte etwa doch das Interesse an seinen, an Richards eignen Arbeiten bei der Einladung des Professors irgendeine Rolle gespielt haben? Sollte es nicht nur die Mutter und ihre Pflegedienste gewesen sein? Bezog sich hierauf am Ende die Bemerkung des Professors: »Merke dir eins, mein Junge -- beleidigen können mich deine Ungezogenheiten gar nicht --! Es kommt weder auf dich noch auf mich bei unserm Zusammenleben an -- sondern nur deine Ausbildung ist von Wichtigkeit. Die deutsche Kunst ist das Wesentliche -- nicht der einzelne Mensch und seine Gefühle oder Stimmungen!«

Solche Aussprüche ärgerten Richard wütend und er nahm sich dann erst recht vor, seinen Haß und seine Verachtung in einer wohlverschlossenen Herzenskammer sorgfältig aufzuheben.

Zufrieden war Rolfers ja doch nie mit seinen Leistungen, also warum eigentlich dieser wiederholte Hinweis auf eine Kunst, in der er, Richard, doch nie ein Meister werden würde.

Der Professor war der Mann, der zu beweisen verstand, warum er nicht zufrieden war. Er zeigte dem Jungen Bilder, Skizzen, Reproduktionen von Handzeichnungen bedeutender Meister alter und neuer Zeit -- machte ihm an der Hand von Tatsachen klar, wie die Kerls geschuftet hatten -- manchmal, um nur eine Hand, einen Faltenwurf herauszukriegen, wie sie es gewollt hatten. Die Schluderei und Verrohung vieler junger Talente sah er in dem Mangel an langsamer sicherer Ausbildung der Grundlagen, an der Nachlässigkeit gegenüber dem Handwerklichen. Er konnte hinreißend sprechen, wenn er in Eifer kam, und dann hörte Richard ihm mit glühendem Herzen zu, und der Eifer, der Wille lohte himmelhoch in ihm auf.

Die langen Abende des Nachwinters, der nach linden Februartagen noch einmal mit Schnee und Frost übers Land gekommen war, saßen sie mit Mappen und Blättern unten im warmen Wohnzimmer, weil der Sturm so heftig durch die großen Atelierfenster gepfiffen hatte, daß sie beide vor Kälte zitterten und sich Husten und Schnupfen holten. Martha legte Torfstücke in den großen Kachelofen oder strickte graue Soldatenstrümpfe, die Beschäftigung aller deutschen Frauen und Mädchen. Sie war schon froh, nicht mehr allein sitzen zu müssen im feuchten Modergeruch, der mit den Nebeln vom Moor durch alle Wände drang, und mit den Mäusen, die ihr über die Füße liefen. Sonst hatte sie ja wenig von der Gesellschaft. Sogar Richard wies ihre Versuche, das Gespräch auf Bahnen zu lenken, auf denen sie sich heimischer fühlte, heftig und nachdrücklich zurück. Martha wurde innerlich erschüttert von dieser Ablehnung. Niemals zuvor schien es ihr, daß Richard rücksichtslos gegen sie gewesen sei. Jetzt ahmte er ja geradezu den Ton des Professors nach. Übrigens täuschte sie sich, Richard war immer ziemlich kurz und geradezu gewesen, wenn die Mutter ihm in seine Sachen hineinzureden versuchte. Aber dann pflegte er es wieder gutzumachen, indem er sie in den Arm nahm und hätschelte, wie man ein kleines schwaches Kindchen hätschelt. Er hatte schon früh diesen männlich behütenden Ton in seiner Liebe zu ihr, und ein klein wenig von oben herab. Es fiel ihr nur mehr auf, als sie nun so deutlich sah, wo diese seine Art herstammte. Früher war in ihr nur Rührung gewesen und ein fernes, liebes Erinnern. Nun empfand sie oft bitteren Ärger.

So wenn sie beide, der lange Professor und der kleine breitschultrige Richard, lachend in die Stube kamen von einem Gang durchs Dorf oder übers Moor und in den Wald. Sie fragte dann: »Was lacht ihr?« und Richard sagte verschmitzt: »Ach, Mutti, das ist nur was für Männer!«

Der Junge hatte die Entdeckung gemacht, daß Rolfers Sinn hatte für Schulgeschichten mit derber und meistens unanständiger Pointe. Wenn er sie in seinem Berliner Schuldeutsch erzählte -- und das konnte er gut, dafür hatte er schon auf der Penne einen Namen, hatten die Jungens sich gewunden, und nun wollte auch der Professor sich ausschütten. Es brachte ihn ihm bedeutend näher. Er war doch ein feiner Kerl.

Auch über Mädels und was so die Jungens dachten, konnte man ungeniert mit ihm reden und er fragte nach diesem und jenem, wie es in seiner Jugend gewesen sei, und ob solche Einrichtungen und Sitten noch bestünden? Eigentlich fanden sie, sei alles ziemlich unverändert und es war, als herrschten immer noch ganz dieselben Lehrer. Der Schmuddelige, Gutmütige, mit dem man Ulk trieb, bis er wütend wurde und mit den Fäusten aufs Katheder hieb und schwitzte, der Elegante, der lächerliche Angewohnheiten hatte und der Sonntags mit feinen Damen spazieren ging, und der Strenge, bei dem man was lernte und vor dem man Respekt hatte. Alles war noch wie früher. Nur gehauen wurde in des Professors Jugend mehr. Es war ein alltägliches Vorkommnis, daß man sich feste Lehrbücher einknöpfte in die Buxen, übergelegt wurde und mit dem Rohrstock bearbeitet. Heute gab es eine große Geschichte und kam in die Zeitungen, wenn ein Lehrer sich so weit vergaß. Aber Poussaden gab es immer noch und die Jungens hatten ihre Flammen und manche trieben's widerlich. Richard hatte noch keine Flamme. Er machte sich nicht viel aus den Mädels.

»Es wird noch kommen,« tröstete der Professor. »Aber es wird nie die Hauptsache für dich sein. Unsereinem sind solche Geschichten immer nur Stufen zur Erkenntnis des Menschlichen. Durchgänge ... Das Wirkliche bleibt für uns immer nur die Kunst.«

Über das Wort mußte Richard viel nachdenken. Unsereinem -- hatte der Professor gesagt. Das schmeichelte dem Jungen stolz ums Herz.

Aber dann stieß er sich ... Durchgänge --? War auf diesem Wege vielleicht die Erklärung zu finden für die Weise, wie Rolfers seiner Mutter gegenüber gehandelt hatte --? Seit Richard ihn kannte, schien ihm das Problem immer unbegreiflicher.

-- Durchgänge -- und das Wirkliche nur die Kunst? --

Nein, hier empörte er sich. Und ein Gedanke beschlich ihn, den er nicht auszudenken wagte: als habe eine göttliche Macht das zertretene Menschliche an dem unglücklichen Manne gerächt.

* * * * *

In den frühen Morgenstunden, wenn Martha Lebus ihrem Sohn vor der Schule das Frühstück zurechtmachte, während Rolfers noch schlief, da konnte es geschehen, daß eine Macht aus ihr heraus Dinge sprach, die sie nicht sagen wollte und doch sagte, in denen sie Rolfers' Ansichten angriff -- ihn einen alten verbitterten Mann nannte, der niemand neben sich gelten lassen wollte -- der bedeutend sei -- wer hätte das bezweifeln können -- aber dessen Urteil Richard doch nicht unbedingt trauen dürfe.

Zuweilen gab Richard ihr recht. Denn auch seine junge Unbedingtheit rieb sich an des Ältern Zersetzungslust. Dann küßten Mutter und Sohn sich zum Abschied wärmer als sonst und fühlten sich aufs neue froh vereint. Die Frau überkam gleich einer grausam triumphierenden Wollust das Bewußtsein, wie der Mann von ihnen ausgeschlossen jetzt so allein auf seinem Schmerzenslager ruhte und einsam den Kampf mit dem Schicksal ausfechten mußte.

Nach solchen Augenblicken diente sie dann dem Hilflosen mit doppelt wacher Aufmerksamkeit und vermehrtem Zartsinn, als habe sie eine heimliche Schuld an ihm zu sühnen.

In eine heftige Auseinandersetzung gerieten sie mit dem Professor über die sichtliche Nichtachtung, die Rolfers für Richards Leistungen in der Schule an den Tag legte. Martha warf ihm vor, daß er dem Jungen Sonnabends bei den Arbeiten in ausgiebiger Weise half, damit er den Sonntagmorgen frei hatte, daß er ihm französische Übersetzungen und mathematische Lösungen einfach diktierte und sich mit ihm über die Lehrer weidlich lustig machte. Es sei ein Unrecht, daß er Richard geradezu aufgefordert und mit tausend Gründen ermuntert habe, nur das Freiwilligenzeugnis zu erwerben, um dann vom Gymnasium abzugehen, nicht aber nach dem Abiturium zu streben, das für ihn nur Zeitvergeudung bedeuten würde. Solche leichtsinnigen Äußerungen müßten schädlich auf den Jungen einwirken, und sie müsse ihn dringend bitten, sie zu unterlassen. Sie habe für Richards Zukunft als Mutter die Verantwortung zu tragen. Ihr Ton war laut und zornig, eine heftige innere Gereiztheit fand ihre Entladung.

Rolfers antwortete, ob Martha nicht die erste gewesen sei, die es ausgesprochen habe, daß in dem Jungen ein Künstler stecke.

Ja, das habe sie zwar gesagt, gab sie zu, aber bei den unsicheren Zeiten scheine es ihr doch, als Rechtsanwalt könne er sicherer auf Brot und Verdienst rechnen.

Worauf Rolfers ein lautes kräftiges Gelächter anstimmte und meinte, das sei ohne Zweifel richtig, und der rechte Künstler sei immer auf irgendeine Art zu doppeltem Leiden in dieser Welt vorbestimmt. Aber ob ein Mensch dies nun auf sich nehmen müsse, darüber entscheide nicht Vater, nicht Mutter, nicht einmal er selbst, sondern eine höhere Gewalt, von der er nicht viel mehr zu sagen wisse, als daß sie eben auch das Schicksal der Menschen leite. Selten habe ihm ein Wort aus ihrem Munde so gefallen wie jenes: »Ich sagte nicht, er will Maler werden, sondern er wird es.« Sie solle doch gute tiefe Einsichten, die ihr einmal gekommen, nicht durch nachträgliches kleinliches Sorgen wieder zuschanden machen.

Da meinte sie denn nur noch, es sei doch besser, wenn Richard später regelrecht auf einer Akademie studiere, und dazu brauche er das Abitur gleichfalls. Sie entfesselte durch diesen Ausspruch Rolfers' kaustischen Hohn über die Akademien als die Brutstätten aller Mittelmäßigkeiten -- eine Überzeugung, die ihm von seiner kurzen Lehrtätigkeit an einer dieser Anstalten geblieben war.

»Wenn der Junge sich so weiter entwickelt, wie er jetzt einen Anlauf nimmt, getraue ich mir auch noch mit einem Arm einen Meister aus ihm zu machen, der seinen Vater tüchtig überflügeln kann und ein wirklicher Gewinn für die deutsche Kunst werden soll. Aber du darfst mir nicht dazwischen pfuschen, Martha -- das erwarte ich von dir. Merk dir's, Kind.«

Nannte Rolfers sie »Kind«, wurde der Frau ganz wund und weh ums Herz, tausend Erinnerungen, süße und traurige, fielen über sie her und machten sie schwach, so daß sie nur den Kopf schütteln und die Lider senken konnte, damit er die Tränen, die darunter brannten, nicht bemerkte.

* * * * *

Der Frühling kam spät und spärlich. Es war, als scheue er sich, seine friedevolle Blumenschöne hineinzuwerfen in all das Morden, Würgen und Bluten. Kalt wehten die Winde, Schnee und Regenschauer wechselten, die Hohlwege um Rolfers' Haus zwischen dem dürren Heckengeäst waren eine unergründliche Schlammasse, oder ein jäher Frost ließ sie glashart erstarren. Trotzdem hatte Rolfers keine Ruh mehr im Haus und versuchte in Richards Begleitung weitere und weitere Wanderungen.

Vater und Sohn hatten sich durch stachlichtes Tannendickicht gearbeitet, das von Feuchtigkeit triefte, giftgrün quollen die Moosflecke auf den Stämmen. Der Moderdunst dampfte aus braunem Farngekräut, aus den faulenden Blättern der Weißbuchen. Efeu und Waldrebe bildeten ein zähes nasses Gespinst, das Luft und Licht von der Tiefe abhielt. Überall glitschte der Fuß auf Schlüpfrigem aus.

Vor einem nicht hohen, aber steil niederstürzenden Abhang blieb der Mann keuchend stehen und lehnte sich fest gegen einen rissigen Stamm, den Schwindel zu überwinden, der ihn gepackt hielt. Wieder hatte er seine Kraft überschätzt. Es war lächerlich -- erbärmlich -- aber er wußte, daß er da nicht hinunter kommen würde, mit diesem Gefühl von Unsicherheit, von mangelndem Gleichgewicht, gegen das er fortwährend anzukämpfen hatte.

»Sie sind müde,« sagte der Junge. »Legen Sie doch die Hand auf meine Schulter. Ich nehme Ihren Stock und gehe langsam, damit ich nicht ausrutsche.«

Rolfers nickte ihm zu und folgte schweigend seinem Anerbieten. Vorsichtig, zuweilen als Halt nach einem Zweige greifend, schritt der junge Führer den bösen Weg hinab. Unten kamen sie in einen Eichenbestand. Der Sturm rauschte durch ihr dürres Laub, ihre Äste knarrten und stöhnten, abgerissene Zweige lagen auf dem fahlen Grase. Aus dem Dickicht hinter ihnen klangen Töne, als jammerten verfolgte Menschen in großer Qual.

»So denk' ich mir die Argonnen,« rief Richard atemlos. »Donnerwetter, wenn man sich vorstellt, daß es so von allen Seiten kracht und prasselt wie hier, und es sind Kugeln und Granaten statt dürrer Zweige.«

»Und man tritt in Leichen, statt in faulende Blätter. Nein, Junge, man kann es sich nicht denken, denn es ist unausdenkbar schauderhaft,« grollte Rolfers' Stimme. »Dies hier ist ja ein friedlicher Hain gegen die finsteren Moorwälder dort. Und die Angriffe nachts in der rabenschwarzen Finsternis, bei peitschendem eiskalten Regen, wenn man nicht weiß, hat man Freund oder Feind im Griff der Fäuste -- man ringt mit wilden Tieren und wird selbst zum Tier. Was man von Schlachtenbildern gesehen hat -- was man von früheren Kriegen in der Schule gelernt hat -- alles kindischer lächerlicher Kitsch gegen die Greuel von heute. Junge -- für's Vaterland sterben -- das klingt ... Aber in so einem Mordwald liegenbleiben -- von den Weiterstürmenden vergessen -- und dann gleiten so die schwarzen Kerls von den Bäumen herunter und schleichen mit ihren langen Messern den Wald ab -- jeden Augenblick denkst du, finden sie dich jetzt ...? Und man tappt nach dem eigenen Messer -- kann nicht dazu -- kann nicht ... liegt wehrlos da vor ihrer bestialischen Grausamkeit. Und wenn sie glücklich vorüber sind, der Durst, der wie die Hölle ist, der Hunger, das Rasen in den Eingeweiden, die Angst -- und das kleine Viehzeug, was sich nun leise scheußlich in den eignen Wunden an die Arbeit macht ... Junge, was unsere Leute da aushalten, das ist mehr, hunderttausendmal mehr als das Sterben fürs Vaterland --«

Richards Augen glühten den Mann an, der stehenbleibend so zu ihm sprach. -- Er -- er selbst hatte ja das gelitten, von dem er so objektiv erzählte. Es wühlte in des Jungen Zügen, es riß wie Schmerz und Lust an seinem Herzen. Sein glänzender Blick hing voll scheuer Andacht an dem leeren Ärmel -- dort waren die Wunden, in denen die Würmer gehaust -- er sah den Vater liegen im nassen eklen Geschling der modernden Pflanzen, sah die lehm- und blutbedeckte, zerrissene stinkende Uniform, sah einen grellen Mondstrahl durch die Finsternis über das schöne weiße qualverzerrte Gesicht tasten ... Und fühlte den Krieg -- fühlte jäh geoffenbart sein Entsetzen ...

Rolfers' Mienen verfinsterten sich. Pfui Teufel, dachte er, als er des Knaben blasses Gesicht und seine Erschütterung bemerkte, was vollführe ich für ein Theater, um dem Bengel Eindruck zu machen ...

»Komm weiter,« brummte er ungeduldig und ging, nun der Weg wieder eben geworden, mit langen Schritten voraus, dem Freien zustrebend. Am Waldrand warf sich ihnen der Sturm brausend entgegen. Über den Himmel jagten mit rasender Eile dunkle Wolken von riesigen Formen oder gestreckt, zerfetzt, auseinandergerissen von der Gewalt der Winde, die sie trieben. Dazwischen glänzte hartes helles Blau -- die Landschaft leuchtete in einem jähen Licht weit hinaus, in starken kindlichen Farben: die blankgrüne Wintersaat, die fetten schwarzen frischgebrochenen Äcker, auf denen hin und wieder ein Alter seinen Pflug mit hageren Gäulen, die gleich ihm daheim geblieben, über die Breite führte. Und die sprießenden Moorwiesen, auf denen schon die schwarz-weißen Kühe zu weiden begannen, an der Waldecke das niedre Haus mit dem hohen grauen Rohrdach, wie eine ungefüge grün- und braungefleckte Haube, die an der Stirn das alte germanische Donnergotteszeichen trug. Um den Ziehbrunnen flachsköpfige Kinder spielend mit dem kläffenden Hündchen. Alles voll Heiterkeit und blitzendem Frohsinn.

Rolfers ließ seine Augen schweifen: »Dafür lohnte sich's schon,« sagte er. »Sieh, Richard, daß so was erhalten bleibt -- still und friedlich bleibt -- die Kinder spielen dürfen -- das Hündchen kläffen, die alte Hexe in der Sonne sitzen kann -- und die Felder so fröhlich blaugrün sich breiten -- darum heißt es: fürs Vaterland sterben!«

Der Junge nickte stumm. Eine große Wolke fuhr herüber, nahm plötzlich allen Glanz und alle Lust aus der Landschaft fort, ließ nur den Kampf des Grau mit dem Grau. Er mußte seine Mütze packen, damit sie ihm nicht vom Kopf gerissen wurde. Gegen den immer stärker werdenden Sturm kämpften sie sich am Waldrand hin, bis sie die Ecke erreichten und in einer weichhingedehnten schönen Mulde das Dorf vor ihnen lag. Rolfers überlegte einen Augenblick. »Wir können hier noch ein Stückchen weiter gehen und ich zeige dir unser Schloß, einen famosen alten Barockbau. Der Graf wird im Felde sein und die Gräfin in Hamburg. Ich denke, wir können es ungestört besichtigen.«

-- -- 'Dort werde ich mir einen Stuhl geben lassen und eine Weile ausruhen', dachte er dabei, denn es schien ihm unerträglich, den Jungen noch einmal seine Erschöpfung merken zu lassen.

»Hast du schon einmal ein Schloß gesehen?« fragte er unterwegs.

»Das vom Kaiser in Berlin!«

»Na ja, natürlich, ich meine so ein feines Landschloß. Die gehören auch zu Deutschland, genau so wie die verrumpelten Waldhütten. Sollst schon sehen, wird dir gefallen.«

Die Wiesen bekamen ein gepflegtes Ansehen, einzelne schöne Baumgruppen gaben der Gegend einen parkartigen Charakter. Auf umfriedeter Koppel jagten sich ein paar braune Fohlen, die Richard mit ihren ungeschickten Sprüngen begeisterten. Der Hütejunge zog die schmierige Kappe und klatschte mit seiner langen Peitsche. Eine Allee alter Linden nahm die Wanderer auf. Sie endete in einem weiten Platz, auf dem das graue Schlößchen mit seinen Gartenanlagen, seinen Statuen und der geschwungenen Rampe sich vornehm genug ausnahm. Gewaltige Buchen und Kastanien mochten ihm im Sommer einen grünen Hintergrund bilden. Zur Seite zogen sich efeubesponnene Wirtschaftsgebäude um einen länglichen Hof.

Rolfers stieg mit dem Jungen die Rampe hinauf und zeigte ihm die Karyatiden, die das Wappen über dem Portale trugen, und die geflügelten Putten, die es umschwebten. Ein Diener sah aus einem Parterrefenster und grüßte.

»Sind Nachrichten vom Grafen da?« fragte Rolfers.

»Ja, es geht ihm gut. Aber der jüngste Bruder des Herrn ist gefallen. Die Gräfin-Mutter ist hier. Darf ich den Herrn Professor melden?«

»Nein -- im Visitenanzug sind wir doch nicht. Ich glaubte die Herrschaften in Hamburg.«

»Sie sind gestern erst zurückgekehrt. -- Die Frau Gräfin würde sich gewiß freuen!«

»Ich spreche in den nächsten Tagen vor. Auf Wiedersehen, Wilke.« Rolfers lüftete den Hut und ging mit Richard durch die Lindenallee weiter. Der Junge trat zwischen die Bäume und blickte noch einmal zurück auf die weite Wiese.

»Das möchte ich malen -- -- die komischen kleinen Viecher auf dem Grün ...«

»Versuch's -- geh morgen nachmittag her.«

»Sehen Sie mal -- die Bäume sind schon anders als im Winter -- so viel dunkler und voller Saft ...«

»Ja -- ich mochte den Vorfrühling auch immer gern. Er ist bedeutend malerischer als das volle Blühen. Zeichne mal eine Studie von dem Geäst. Das ist wie Schmiedeeisen. -- Na -- da laufen wir der Gräfin doch in die Arme.«

Am Ende der Allee erschienen zwei schwarze Frauengestalten und näherten sich ihnen.

Rolfers sah lachend auf den Jungen: »Mach' kein so verstörtes Gesicht, sie fressen dich nicht.«

Rolfers ging den beiden Damen entgegen und begrüßte sie. Richard hatte sich Gräfinnen anders vorgestellt. Die Jüngere trug einen grauen Lodenmantel über dem Trauerkleid und einen ziemlich schäbigen schwarzen Filzhut, die alte Dame hatte einen schwarzen Schal um den Kopf gewickelt und das Kleid sehr hoch geschürzt, die Füße in derben Lederstiefeln. Trotz des ländlich-ungenierten Anzugs sahen sie vornehm aus und gefielen ihm. Die Art und Weise, wie sie mit dem Professor sprachen, war sehr herzlich -- es mußten gute alte Bekannte sein. Die junge Gräfin sagte, sie habe gestern erst gehört, daß er zurück sei und schwer verwundet -- und habe bereits zum nächsten Morgen den Wagen bestellt, um nach ihm zu sehen. Nun sei sie erfreut, ihn schon so tapfer marschierend zu finden. Er müsse mit seinem jungen Gast zu ihnen hereinkommen und Tee nehmen. Sie werde ihn später nach Haus fahren lassen, denn er dürfe sich durchaus nicht überanstrengen.

Rolfers zögerte einen Augenblick, da sah sie Richard freundlich an und fragte mit der freien Liebenswürdigkeit, die zuweilen an den Damen der großen Welt so bezaubernd wirken kann: »Nicht wahr, du bist auch meiner Ansicht, wenn der Professor stundenlang im Sturm herumgelaufen ist, muß er sich stärken. Und wir haben auch frischen Apfelkuchen, den magst du doch?«

Richard nickte etwas ungeschickt mit dem Kopfe, wie die jungen Füllen auf der Wiese, wobei er sehr rot wurde.

»Mein Schüler,« stellte Rolfers ihn nun vor, und die Gräfin rief lebhaft: »Ja, verzeihen Sie, daß ich Sie du nannte -- Sie sehen noch so jung aus ...«

»Das ist er auch noch -- vorläufig nichts weiter als ein Schulbub.«

Man ging nun gemeinsam zum Schlosse zurück, der Professor zwischen den beiden Damen -- sie sprachen von den gefallenen jungen Helden, von dem, was der Graf aus dem Felde an seine Frau schrieb, vom Kriege überhaupt. Richard trottete ziemlich unbeachtet nebenher. Er verwunderte sich, daß die alte Dame nicht weinte, während sie von ihrem jüngsten Sohn sprach -- er war noch nicht neunzehn Jahre alt gewesen -- ihre Augen hatten einen seltsam tiefen strahlenden Ausdruck, ihr Mund lächelte und doch lagerte der Schmerz um ihn her. Sie erschien ihm wie eine leidtragende Mutter Gottes -- über den Kummer hinaus erhaben.

Man begab sich in ein Zimmer, an dessen seidenbespannten Wänden schöne gebauchte Rokokokommoden mit Meißner Porzellanfiguren standen, man saß auf geschweiften Armsesseln, mit verblichenen Damasten bezogen. Die Gräfin bereitete selbst den Tee auf einem Tischchen, das mit viel Silbergeschirr und eierschalendünnen Täßchen besetzt war. Nachdem der alte Diener ihr Mantel und Hut abgenommen und sie ihr Kleid heruntergelassen hatte, sah man erst, wie fein und schlank ihre Gestalt war.