Ins neue Land

Chapter 4

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Bei der langen Schlittenfahrt über die sturmumsauste Landstraße und später durch die tiefen, von Buschwerk begrenzten und geschützten Hohlwege, die Knicks der holsteinischen Gegend, weilte sein Auge doch häufig beobachtend, nachdenklich auf der kleinen Gestalt, die ihm gegenüber in einen Lodenmantel gewickelt, die graue Sportmütze über die Ohren gezogen, auf dem schmalen Rücksitz das Gleichgewicht zu halten suchte, und sich nicht rührte, wenn dem Professor die schützende Decke herabglitt, von Martha immer wieder festgestopft werden mußte. Rolfers hatte vorhin einen hellen Blick aus dem wenig hübschen Knabengesicht blitzen sehen, den er gern einmal aufgefangen hätte. Aber Richard vermied es energisch, seinem Auge zu begegnen.

-- Ob das störrische junge Kalb wirklich die Kraft haben wird, mich in diesem grauenvollen Leben festzuhalten? dachte der Mann. Einen zähen Kampf wird's kosten, es nur zutraulich zu machen. Das mochte ihn immerhin ein paar Monate fesseln. Bis dahin würde man auch wissen, ob Deutschland in seinem Gigantenkampf Sieger bleiben würde. Ehe man nicht diese _eine_ von allen Gewißheiten mit sich nehmen konnte, eher hätte man doch nicht von hinnen gehen können.

* * * * *

So zog denn eine schweigsame Gesellschaft in das am Ende des Dorfes gelegene Landhaus. Seine Fenster blickten über einen schmalen Vorgarten und einen Sandweg auf eine kleine beschneite Wiese, die von hohem Heckengestrüpp umgeben war. Einzelne Schneeklumpen hingen wie weiße Blumen in dem dürren Geäst. Das Haus wagte keineswegs den Anspruch einer modernen Villa. Es war einfach ein niederes Kätnerhaus mit einem höheren, mehrere geräumige Zimmer und eine Glasveranda enthaltenden Anbau. Zottiger Efeu, der alles überwuchs, verband die beiden Gebäude zu grüner Einheit. Rolfers führte Martha in die für sie bestimmten Zimmer und ergötzte sich an ihrer durch Befangenheit schimmernde Freude über die hübschen, behaglich eingerichteten Räume. Unterdessen hatte sich Richard von den Erwachsenen entfernt und streifte schon durch den Garten. Hier standen Gruppen von edlen Tannen, hohen Lebensbäumen und immergrünen Stechpalmengebüschen. Inmitten eines Rasenplatzes hob ein Tulpenbaum seinen glatten, buntgefleckten Stamm und die schöngebaute Krone vornehm, ungehemmt in die winterlich graue Schneeluft. Am Ende des parkartigen Teiles lagen Gemüsebeete, von gradlinigem, buchsbaumumsäumtem Weg durchschnitten. Hinter der abschließenden Tannenhecke begann gleich das Torfmoor. Das frühere Kätnerhaus barg nur die Küche und zwei Wohnräume für das Ehepaar Lütje. Vor seiner niederen Tür gab es noch einen uralten moosbewachsenen Ziehbrunnen. Jenseits des Hofes fand er den Stall für das braune Pferd, für ein paar Schweinchen, für Hühner und Enten, deren Zucht das besondere Tätigkeitsfeld der alten Frau mit dem schwarzen Tuch um den weißen Scheitel und dem winzigen Zöpfchen am Hinterkopf zu sein schien, denn sie kam, während Richard dort stand, mit einem Napf voll Futter für das Federvieh und nickte dem Jungen freundlich zu, während er aufmerksam das eifrige Getümmel der Hennen um die ausgestreuten Körner beobachtete. In der Scheune stand zwischen Hafersäcken, Zaumzeug und Gartengerätschaften ein leichtes Sommerwägelchen. Lütje putzte den Schlitten, der sie von der Bahnstation hergeführt hatte.

-- -- Es war Martha Lebus keineswegs leicht gefallen, ihren Sohn zu einer Übersiedelung in Rolfers' Haus zu bewegen. Sie mußte sich fragen, ob sie ihren Einfluß auf ihn nicht bedeutend überschätzt habe. Er war empört und zürnte tief mit seiner Mutter, daß sie hinter seinem Rücken die alten Beziehungen wieder angeknüpft und sogar gepflegt hatte. Er nannte sie schwach und erbärmlich, von Rolfers auch nur ein Stück Brot anzunehmen! Was --? sie sollten ihm so geradehin gehorchen, dem Manne, der sie schmählich verlassen hatte, nun er sie herrisch wieder zu sich rief, weil er sie gerade brauchte? Richard berauschte sich förmlich an zornigen höhnischen Worten, -- seine Mutter hatte ihn noch niemals zuvor so leidenschaftlich bewegt gesehen. Aber sie hatte ja ein mächtiges Gegengewicht gegen alle seine heftigen Reden: die Dankbarkeit, die man den verwundeten Helden des Vaterlandes schuldig sei, und vor der jede, aber auch jede persönliche Empfindlichkeit zu schweigen habe. Vor diesem Einwurf mußte er verstummen, hier lag der Grund, der ihn mit einemmal bewog, sich nicht länger zu widersetzen. Keinesfalls wollte er sich aber durch die größere Bequemlichkeit der Lebensführung, oder durch reichlicheres und feineres Essen und solche Erbärmlichkeiten verführen lassen, aus herber Abgeschlossenheit herauszutreten. Das sollte sich dieser Professor nur nicht etwa einbilden. Mit so kindischen Mitteln war er nicht zu fangen. Übrigens handelte es sich seiner Ansicht nach wohl nur um die Mutter. Er wurde als lästiges Anhängsel eben geduldet. Beides schien ihm gleich empörend. Er beobachtete Rolfers mißtrauisch, konnte aber nichts andres bemerken als eine gleichmäßige Höflichkeit im Betragen gegen die Mutter. Donnerwetter, wär's anders gewesen, er war zu manchem fähig und hätte diesem Professor schon seine Meinung sagen wollen! Es würgte ihn zuweilen fast, wenn er sah, wie Martha dem Mann mit liebevoller Demut diente -- ihm hilfreich zur Hand ging, ihm das Fleisch zubereitete, das Obst schälte, den Wein einschenkte. Durch diese innerliche Wut bestärkte Richard sich dann wieder recht in dem Vorsatz, sich nicht gehen zu lassen, auch von den guten Speisen, die ihm vorzüglich schmeckten, nie zum zweitenmal zu nehmen, überhaupt nur gerade soviel, wie er notdürftig gebrauchte, zu essen. Leicht wurde ihm das nicht immer, denn die starke Luft dieses zwischen zwei Meeren gelegenen Landstriches brachte ihm einen ungeahnten gesunden Appetit, und der Professor wie die Mutter waren so grausam, ihm noch tüchtig zuzureden.

Vieles reizte auch seine Neugier in den Zimmern, die wohl ländlich einfach, doch mit selbstverständlichem künstlerischen Geschmack eingerichtet waren und manches merkwürdige Stück an volkstümlichen Schnitzereien und Webearbeiten, an seltsamen alten Büchern und fremdländischen Gegenständen enthielten. Hundertmal wollte ihm eine Frage nach Ursprung und Herkunft, nach Beziehung und Verwendbarkeit der Dinge über die Lippen springen und er mußte energisch die Zähne zusammenbeißen, um sich nicht gehen zu lassen. Am schlimmsten war es immer, wenn am frühen Nachmittag mit Geklirr und Gerassel die altertümliche Postkutsche durchs Dorf wackelte und Lütje geschickt wurde oder er selbst dahin stürmte, die neuen Zeitungen zu holen, und er dann nicht mit Mutter und dem Professor reden konnte über all die ungeheuren Taten, die draußen geschahen, sondern so stumm und abseits stehen mußte. Es war schon mit solchen Gelübden eine bittere Sache!

Dann wieder sagte er sich, daß er sich mit dem Manne doch nie verstehen würde. Für einen, der dabei gewesen, schien er Richard viel zu ruhig, ja von einer bittern, harten Gleichgültigkeit, die den Jungen empörte. Er konnte, wenn beängstigende oder glorreiche Nachrichten kamen, die gedruckten Blätter schweigsam beiseite legen und ohne ein Wort zu reden halbe Stunden lang vor sich nieder starren. Das war dem Jungen unheimlich.

Am liebsten trieb er sich draußen im Garten und Hof, in Stall und Scheune herum. Da fand er eine höchst anziehende Welt. Mit dem alten Lütje hatte er sich schnell angefreundet und ließ sich von ihm nicht nur in holsteinischem Plattdeutsch, sondern auch im Füttern und Aufzäumen der Liese unterrichten. Verwundert stand er vor dem Ziehbrunnen, schaute, von Märchenschauern durchströmt, in seine enge dunkle Tiefe, auf deren Grunde das Wasser leise glänzte, und lachte, wenn der hohe ungefüge Schwengel bewegt und die vor Alter kohlschwarzen Ledereimer an einem Strick herabgelassen wurden, um gefüllt, langsam wieder heraufzusteigen. Eiskalt und klar war das Wasser und schmeckte ein wenig nach Stahl, als käme es aus dem geheimnisvollen Mittelpunkt des Erdinnern und trüge etwas von Urkraft in sich. -- Es war ihm täglich ein neues Entzücken, früh im Dunkelgrau des Wintermorgens sich auf den Bocksitz des kleinen Korbwagens zu schwingen und unter Leitung des alten Kutschers die Zügelführung zu lernen, mit der Peitsche zu schnippen, die vorsichtige Liese zu schnellster Gangart anzuspornen und mit einem kühnen Bogen vor der altertümlichen Wirtschaft des Städtchens vorzufahren, wo die Liese untergestellt wurde, während er selbst sich den Wissenschaften zuwandte, die ihn zu dieser Zeit freilich das am wenigsten Wissenswürdige von allen guten Dingen der Erde dünkten. Auch die Schuljungen langweilten ihn. Mit der schweren verschlossenen, etwas hinterhältigen Art dieser niederdeutschen Bauern- und Gutsbesitzersöhne wußte er nicht viel anzufangen. An Lebenserkenntnissen war er ihnen weit voran. Machte er eine Bemerkung, die ihm selbstverständlich schien, so begriffen sie ihn gar nicht, steckten hinter seinem Rücken die Köpfe zusammen und lachten. Auch wenn er begeistert neu entdeckte, was ihnen Altgewohntes war, und es nun plötzlich von einer ganz andern Seite beleuchtete und betrachtete, die ihnen gesucht und sonderbar vorkam. Hellauf loderte seine Freude an allem, was sich bewegte, wuchs, lebendig war in Tier- und Pflanzenwelt. Er konnte versunken stehen und den gefleckten Kühen nachschauen, die am Morgen durch die stillen Stadtstraßen getrieben wurden, und darüber den Schulanfang versäumen. Er brachte am liebsten selbst jeden Tag den Schweinen das Futter und sah ihre gierigen Rüssel wühlen. Er starrte mit einer Eindringlichkeit seiner hellen dunkelbewimperten Augen in das faltige scharfgeschnittene Gesicht eines Bauern, daß der Alte verlegen und geärgert sich brummend umwandte, als könne dieser Knabenblick ihm etwas von seinen Geheimnissen stehlen, auf unbegreifliche Weise ans Licht bringen, wieviel Geld er auf der Sparbank liegen hatte, oder sonst Dinge ergründen, die nicht jeder zu wissen brauchte.

* * * * *

Rolfers hörte im Nebenzimmer oft mit Vergnügen auf die frische Stimme, die so übersprudelnd eifrig, von lautem, herzlichem Lachen unterbrochen, der Mutter berichtete, was Richard Ungewohntes und Kurioses begegnet war. Er hütete sich, die beiden durch sein Erscheinen zu jähem Verstummen zu bringen. Es war ihm Bedürfnis, viel allein zu sein, die Schmerzen, die ihn noch häufig plagten, mit sich selbst abzumachen, auch wollte er Mutter und Sohn Gelegenheit geben, ohne seine störende Gegenwart in Haus und Garten heimisch zu werden. Das mußte wohl geschehen, ehe er daran denken durfte, die trotzige Abgeschlossenheit, in der sich der Junge sichtlich gefiel, geradezu anzugreifen. Zuweilen aber wurde er ungeduldig.

Ihn, der keineswegs Anlage zu Gefühlsseligkeit hatte, bewegte es dennoch eigenartig, wenn er durchs Dorf zur Post ging oder sonst einen Geschäftsweg besorgte, und die Landleute, die niemals, und am wenigsten in dieser Gegend zur Höflichkeit neigen, beim Anblick seines leer niederhängenden Ärmels mit linkischer Ehrfurcht die Mützen zogen. Die Jungen standen stramm, schrien Hurra, wo er vorüberging, oder sprangen herzu, ihm hilfreich eine Tür, ein Gatter zu öffnen. Frauen traten näher, fragten, wo er sich »das« geholt -- und »Ihrer« sei auch dabei, und wann er meine, daß der Friede käme, als habe die Tatsache seiner Verwundung genügt, ihn mit hellseherischen Kräften auszurüsten. Andre brachten ihm die letzten Äpfel, die ersten frischen Eier ins Haus oder ein altes Huhn zu einer kräftigen Fleischbrühe. Rolfers hatte niemals viel Verkehr mit den Dorfleuten gepflegt -- er hatte vor allem frei und unbelästigt in seinem Häuschen leben wollen -- er wußte auch jetzt gut genug, daß diese Zeichen von Liebe und Freundlichkeit kaum seiner Person galten, sondern aus einem warmen Empfinden der Dankbarkeit gegen die Schützer des Vaterlandes gegeben wurden. Dennoch taten sie ihm seltsam wohl und verbanden ihn fester mit den Menschen, die um ihn her unter den alten grünbemoosten hohen Strohdächern wohnten. Sein Gruß wurde herzlicher. Hier und da blieb er selbst stehen, mit den Alten, die auch die Söhne an der Front hatten, eine Zwiesprache anzuknüpfen, nach Briefen zu fragen, Erklärungen zu geben, soweit er es vermochte, Nachforschungen über Verwundete und Vermißte in die richtigen Wege zu leiten. Ging er aus dem Haus, fühlte er sich unter Freunden, und es bedrückte ihn nachgerade mit einer unerträglichen Spannung, daß der eigene Sohn in ihm nur den »Feind« zu sehen vermochte. Dabei war es weniger Richards unfreundliches und kaltes Wesen, was ihn bekümmerte, sondern vielmehr die Unfähigkeit des Jungen, sich aus dem Persönlichen zu einer höheren und stärkeren Anschauungswelt aufzuschwingen.

Vom Kommandeur seines Regimentes war ihm schon in Frankreich bei einer Gelegenheit, in der die Kompagnie sich ausgezeichnet hatte, das Eiserne Kreuz zugesagt worden. Dann kam seine Verwundung mit dem hierdurch bedingten mehrfachen Wechsel des Ortes. Rolfers glaubte die Angelegenheit längst vergessen und tat auch keine Schritte, sie wieder in Erinnerung zu bringen. Da wurde ihm das Kreuz durch den Oberst seines Regimentes im Auftrage des Generals doch noch übersandt. Er ging hinüber in das gemeinsame Eßzimmer, wo er Martha und Richard hörte, um der Frau das Ehrenzeichen zu bringen und sie zu bitten, ihm das schwarzweiße Bändchen im Knopfloch zu befestigen. Dabei wußte er genau, er tat dies nur für den Knaben.

Richard kam näher, nahm das Kreuz, während es auf dem Tisch lag, in die Hand und blickte nachdenklich darauf nieder. Doch legte er es dann wieder hin, warf einen scheuen glänzenden Seitenblick auf Rolfers und beschäftigte sich mit etwas anderm, ohne ein Wort herauszubringen.

»Du bist doch ein rechter Stoffel,« schalt Martha. »Kannst du nicht dem Onkel Glück wünschen?« Sie hatte den Ausweg dieser Bezeichnung für die zwischen ihnen bestehenden Beziehungen gefunden.

»Na, das hat doch beinahe jeder,« knurrte der Junge als Antwort. »Was ist denn da weiter dabei!«

»Richard, wie kannst du nur so ungezogen sein -- ich muß mich ja für dich schämen,« rief die Mutter und hatte Tränen in der Stimme.

»Laß nur Martha,« sagte Rolfers ruhig. »Er hat ja ganz recht. Es ist wirklich nichts andres als ein Erinnerungszeichen, daß man seine Pflicht getan hat. Man hat noch andre.«

Richard zog die Mundwinkel verächtlich herab. Er hatte sicher erwartet, etwas Pathetisches aus Rolfers' Mund über das Eiserne Kreuz zu hören, hatte sich bereits innerlich dagegen gewappnet, und es kränkte ihn, daß nun nichts dergleichen kam.

»Der Kerl hat natürlich nicht das mindeste patriotische Gefühl,« so ging es durch des Knaben Hirn. »Pfui, wie widerwärtig ist mir diese herablassende Kälte!«

Und er schlenderte hinaus zu seinem Freund Lütje, die Tür mit beträchtlichem Knall zuschlagend.

Rolfers trat neben die Mutter und strich leise über ihr Haar. Es war die erste sanfte Berührung, seit sie zusammen hausten.

»Geduld, Kind,« sagte er. »Schnell gehen solche Eroberungen niemals. Auf eine gute Portion kindischer Ungezogenheit habe ich mich gefaßt gemacht. Das tut gar nichts zur Sache. Nur bitte ich dich, schilt den Jungen nicht, sonst wird er vollends verstockt.«

Martha seufzte. Sie litt unter der Beklommenheit, die von ihrem Zusammenleben nicht weichen wollte. Es hatten sich eine Fülle von Hoffnungen in ihrem Herzen geregt, und nun schien keine zur Blüte kommen zu wollen. Sie hatte recht behalten mit ihren Befürchtungen. War es nicht tausendmal gemütlicher gewesen, als sie und ihr Junge in der zweizimmrigen Berliner Gartenwohnung fröhlich hausten und sich lieb hatten? Was trug das Opfer, das sie mit ihrer Seele Verzeihung dem Manne -- und wie sie hoffte, auch ihrem Knaben -- gebracht hatte, nun für Früchte? Keinem von ihnen schien etwas Gutes daraus zu erwachsen. Jede beliebige Hausdame oder Pflegerin konnte das leisten, was sie für Franz Rolfers tat. Wenn er nicht mehr verlangte? Aber er schien sehr genügsam. Ein verschlossener Einsiedler war er geworden in der langen Zeit ihrer Trennung.

-- -- Oder sollte er doch irgendwo fest gebunden sein. An eine Frau, gegen die er viele und zarte gesellschaftliche Rücksichten zu nehmen hatte? Demütigte sie sich am Ende ganz umsonst? Er schien seine Korrespondenz offen vor ihr auszubreiten, sprach rückhaltlos mit ihr über alle seine geschäftlichen und pekuniären Angelegenheiten. Aber daneben übte er sich doch fortwährend im Schreiben mit der linken Hand. Ersehnte er vielleicht ungeduldig den Augenblick, wo er einem geliebten Wesen endlich die erwünschten Nachrichten von sich selbst ohne die Vermittlung eines Dritten geben konnte?

Hatte er in dem hübschen, geschmackvoll eingerichteten Zimmer, in dem sie wohnte, in dem Bett, in dem sie schlief, hin und wieder weibliche Besuche beherbergt? Der alte Kutscher wußte davon ... die weißhaarige Frau in dem Blaudruckkleide, die in der Küche mit dem Geschirr klapperte, hätte ihr Auskunft geben können. Aber es wäre Martha Lebus eine Unmöglichkeit gewesen, sie auszuforschen. Nein, Rolfers' Leben in der Zwischenzeit, seitdem er sie verließ, gehörte ihm, -- wie ihr das ihre. Niemals hatte er sie gefragt, ob andere Männer ihr nahegetreten waren. Es kränkte Martha, daß er davon nichts wissen wollte. Warum eigentlich hatte sie sich in den vielen Jahren so brav gehalten, wenn es ihm gleichgültig war?

* * * * *

Im Oberstock des Hauses hatte schon der frühere Besitzer ein geräumiges Giebelzimmer zum Atelier ausgebaut. Jetzt blieb es verschlossen. Rolfers hatte in diesem Winter noch nicht einmal die Treppe, die nach oben führte, betreten.

Eines Nachmittags in der Schneedämmerung brachte der Fuhrmann zwei Bilderkisten, die ihm von einer geschlossenen Ausstellung zurückgesandt wurden. Lütje schleppte sie hinauf und rief Richard zu, sich den Schlüssel zum Atelier von Herrn Rolfers geben zu lassen und ihm die Türe zu öffnen. So betrat Richard die Werkstatt seines Vaters -- zum erstenmal sah er die Werkstatt eines Künstlers.

»Lütje, haben Sie das Atelier wieder zugeschlossen?« fragte Martha.

»Nee, der Richard ist noch oben!«

»Mein Gott -- so lange ... Ich will doch gleich ... Hoffentlich gibt er keinen Unfug an!« rief sie besorgt.

»Nee -- Unfug macht er nich -- der guckt sich bloß die Bilder an,« brummte Lütje.

»Laß ihn,« entschied Rolfers.

»Er kann ja gar nichts mehr sehen -- willst du nicht doch hinaufgehen?«

Rolfers machte eine ablehnende Bewegung und setzte sich ans Fenster in den alten Lehnstuhl, wo er gerne ruhte.

Nach einer Weile konnte die Mutter es nicht unterlassen, an die Tür zu gehen und hinauszurufen:

»Richard, wo steckst du? Komm zu mir!«

Rolfers schüttelte den Kopf.

»Könnt ihr Frauen denn nie begreifen, was ein erster Eindruck für einen Menschen bedeutet? Du liebst den Jungen -- und gönnst ihm das nicht ...«

»Ich ängstige mich, er könnte etwas fallen lassen oder verderben ...«

»Und wenn schon -- was liegt daran ... Sehen möchte ich ihn -- sein Gesicht -- wie er da herum geistert ...«

Martha hatte ihren grauen Soldatenstrumpf wieder vorgenommen. Die Nadeln klapperten hastig, von unruhigen Fingern gerührt. Sonst hatte ihr Richard stets gehorcht ...

Nach einer Weile hörten sie ihn vorsichtig die Treppe hinuntertappen, durch den Flur schleichen, die Haustüre aufklinken.

»Er sollte doch zum Tee kommen,« bemerkte die Mutter.

»Nein, er soll jetzt nicht zum Tee kommen -- laß ihn laufen, er soll mit sich allein sein.« Rolfers beugte sich vor, hob die Gardine und blickte der kleinen Gestalt nach, die eilig am Gartengitter hinstrich, um die Ecke bog, den einsamen Weg zum Moor einschlug. Als er wieder ins Zimmer zurückschaute, wo die Frau inzwischen die Lampe angezündet hatte, glänzten seine Züge warm und freudig.

»-- Ich werde nie vergessen, wie selig ich war, als ich zuerst in ein Museum kam -- meine Mutter nahm mich eines Tages unverhofft mit in die Stadt und ging mit mir hinein! -- Wie besoffen bin ich vier Tage lang herumgelaufen -- kriegte Tadel über Tadel in der Schule, weil ich nicht aufpaßte -- ja -- ich weiß noch -- ein kolossaler Schinken von Rubens mit so 'nem springenden Löwenbiest und einer fetten Frauensperson -- der überwältigte mich ganz und gar -- jetzt finde ich ihn scheußlich -- es war einfach die Kraft, die Üppigkeit, die mich da so anschrie ...« Er lachte gutlaunig, indem er sich in seine Jugenderinnerungen vertiefte. »Damals ging mir's zuerst auf, daß ich Maler werden müsse ...«

Martha fragte weiter und ließ sich erzählen, während sie ihn mit Tee versorgte und ihm Zigaretten und Feuer brachte. Es waren immer ihre liebsten Stunden gewesen, wenn er so ins Plaudern geriet -- es geschah schon früher selten genug und war allemal ein Zeichen von besonders guter Stimmung. Plötzlich kam ein Punkt, wo die Gegenwart sich wieder unerbittlich, gespenstisch vor die heitere tatenfrohe Vergangenheit schob. Und der Mann verstummte, lag im Stuhl, in einen blauen Rauchdunst eingehüllt, und träumte von unwiederbringlichem Glück ungehemmten Schaffens. Musikalische Erinnerungen stiegen in seinem Hirn auf, aus den Melodien, wie sein inneres Ohr sie hörte, stiegen Farben empor, fügten sich symphonisch ineinander, Linien glitten als Leitmotive hinein, wollten etwas von ihm, seine Phantasie spann sie zusammen zu Entwürfen. -- -- Rolfers blickte ihnen nach, wie sie entstanden und mählich zerrannen ...

* * * * *

Der Professor gab Lütje den Auftrag, den Atelierraum zu heizen. Nach dem Mittagessen sagte er in seiner kurzen Weise zu Richard:

»Die Bilder müssen ausgepackt und neuverschickt werden. Du kannst nachher mit hinaufkommen und mir helfen.«

Das Gespräch beschränkte sich auch oben in dem verstaubten, mit Skizzen, Zeichnungen behängten, mit beiseite gestellten Leinwänden, mit Mappen, Flaschen, Farbentuben, Paletten und Staffeleien vollgestopften Raum auf die Anweisungen, die Rolfers dem Jungen gab. Er hantierte leidlich geschickt mit Schraubenzieher und Stemmeisen an den flachen Kisten. Rolfers sah ihm zu und hatte keinen Blick für alle Erinnerungen an geschaffene Werke, an Begonnenes, das nach Vollendung schrie.

Als Richard eines der Bilder aus der Kiste hob, hieß er ihn, es auf eine Staffelei stellen.

»Das ist unser Moor,« sagte der Junge erfreut.

»Woran erkennst du's?«

»Nu -- hier doch, die große Eberesche und der Torfgraben. Das muß fein sein, wenn die Heide so blüht.«

»-- -- Ja -- von einer tollen Farbigkeit -- das Braun des Bodens steht famos zu dem Purpur der Blütenfläche. In manchem Jahr ist sie auch blasser -- lila -- Die Lufttöne sind hier immer so schwer und satt --«

»Das möchte ich sehen ...,« rief Richard, dessen Blicke aufmerksam an dem Bilde hingen.

»Wirst du schon mit der Zeit.«

»Der Torfstecher ... das ist ja der alte Timme -- in dem Häuschen, wo das viele Moos auf dem Dache wächst -- der sitzt immer so dösig vor der Tür ...«

»Ja -- dösig ist er -- hat 'en Blick wie ein altes Tier, das eben aus 'm Moor rausgekrochen ist. Warte mal, -- irgendwo müssen hier herum die Studien zu dem Bild sein -- daraus kannst du sehen, wie so was wird.«

Der Junge stand verlegen, während Rolfers in den Mappen blätterte. Eilig sprang er zu, die bezeichnete auf den großen Tisch zu tragen. Rolfers nahm Blatt auf Blatt heraus -- erklärte, sprach über seine Pläne, Versuche, erörterte die Unterschiede zwischen Bild und Studie, über Raumverteilung und Perspektive -- über künstlerische Abgrenzung als Geschmacksfrage ... Er dachte kaum noch daran, daß er einen Knaben vor sich hatte, dem das alles böhmische Dörfer sein mußten. Er redete geistreich, bildhaft und treffend, wie er vor seiner Malklasse von herangewachsenen Akademieschülern gesprochen haben würde. Dabei ging er in dem Atelier hin und her, belegte seine Ausführungen an dem Vorhandenen, auch an Farbenskizzen von Kollegen mit sinnfälligen Beispielen.

»Interessierst du dich eigentlich für diese Dinge?« fragte er, sich unterbrechend.

Der Junge nickte eifrig.