Chapter 3
'So bezwingt sich eine Frau nur, wenn sie ein bestimmtes Ziel verfolgt,' überlegte Rolfers in den schlaflosen Nachtstunden, in denen die Gedanken ungestört nach allen Seiten wandern und Umschau halten konnten. 'Der Plan ist durchsichtig und nicht einmal unpraktisch. Ich bin hilflos, pflegebedürftig ... Sie sieht, daß mir ihre Dienste nicht unangenehm sind ... Wollte ich überhaupt leben -- warum dann nicht ebensogut Martha wie irgendeine andere bezahlte Kraft -- die schließlich dieselben Wünsche und Pläne haben würde -- und ohne ihre Berechtigung. Sie will mich einfangen -- zweifellos -- das Muttertier kämpft für ihr Junges. Wie so eine Frau, die doch ein feines Empfinden hat -- tausendmal bewies sie es --, Stolz, Scham, verletzte Eitelkeit einfach erwürgt, wenn das alles dem Fortkommen ihres Jungen im Wege steht!'
Rolfers dachte dem ruhig, doch nicht ohne Rührung nach. Es war eine gleichmütig-philosophische Rührung.
Lieben kann sie mich kaum noch -- so wenig, wie ich sie noch liebe. Das Aufflackern solcher Gefühle, die einmal ausgeschöpft und ausgelebt wurden, kommt wohl überhaupt nur in Romanen vor. Von dieser Seite würde also keine Hinderung eines friedlichen Zusammenlebens zu befürchten sein ...
Er faßte noch einmal eine mögliche Zukunft ins Auge. Zerlegte sich einen Tag, der noch zu leben sei -- ohne Arbeit, ohne Wirken, ohne den tiefen Rausch des Schaffens ... zerlegte ihn in seine einzelnen Bestandteile und erkannte schaudernd, daß für solches im Jahre 365 mal sich wiederholendes Martyrium seine ethische Kraft bei weitem nicht ausreichen würde.
Wie in das Glück eines süßen Betäubungstrankes versanken seine Sinne in den dunkeln Abgrund des Nichtseins. Die Phantasie, angefüllt mit den Farben und Formen des Lebens, legte sich in diesem Abgrund gleichsam zum Schlaf zurecht und zog die dunkeln Schleier des Vergehens über die Unruhe des Gestaltens. Eine ziehende Sehnsucht nach Tod ergriff stärker als jemals sein ganzes Wesen und löste seine Spannungen, seine Begierden und Ehrgeize, spülte sie gleichsam hinweg, wie Meereswogen die Bauten von Kindern im Sande auflockern und verspülen, daß der Boden glatt, weiß, unberührt daliegt, wie am ersten Schöpfungstag.
Als Franz Rolfers am nächsten Morgen erwachte, blieb ihm als Ergebnis aller Nachtträume noch die Absicht, einen Rechtsanwalt kommen zu lassen und sein Testament aufzusetzen. Die Hälfte dessen, was die wachsende Anerkennung der Welt ihm als Verdienst gebracht hatte, sollte Martha und dem Jungen, der denn doch von seinem Blut und Wesen ein gut Teil in sich tragen mußte, die Zukunft sichern, dem Jungen vor allem die Möglichkeit einer weiteren Ausbildung geben. -- Die andere Hälfte wollte er zu jeweiligen Unterstützungen an junge Künstler von Begabung, die durch den Krieg gelitten hatten, angelegt wissen. Obschon er bei der Vorstellung eines stillen Ringens um so etwas wie Kunst in diesen wilden Zeitläuften ein ingrimmiges Lächeln nicht unterdrücken konnte.
* * * * *
Aus solchen Erwägungen und Absichten heraus fragte er Martha, als sie das nächste Mal zu ihm kam, ob Richard schon irgendwelche Lust zu einem Beruf zeige.
»Er wird Maler wie du,« antwortete sie ohne sichtliche Freude oder Abneigung.
»Ein zeitgemäßer Plan,« höhnte Rolfers. »Waffenfabrikant soll er werden. Etwas anderes wird in den nächsten fünfzig Jahren bei uns kaum in Ehren stehen. Natürlich hast du dem Bengel die Kateridee beigebracht?«
»Ich habe nichts davon und nichts dazu geredet,« sagte Martha.
Aber Rolfers fuhr im gleichen gereizten Tone fort: »Ihr Frauen seid unbegreifliche Geschöpfe. Ich erinnere mich gut, daß du meine Kunst im Grunde immer haßtest -- wenn du es auch ziemlich geschickt verbergen konntest. Bei Gelegenheit brach's doch durch. Ganz elementar. War ja auch für dich eine fragwürdige feindliche Macht. Wäre ich einfacher Bürger gewesen, hätte ich doch schwerlich so gehandelt, wie ich eben handelte ... na, lassen wir das. Nun willst du in einer Art von sentimentaler Erinnerung den Bengel in etwas hineinzwingen, was ihm vermutlich nicht im mindesten liegt. Wo bleibt da deine vielerprobte Verständigkeit? Wie alt ist der Bub eigentlich? Zwölf Jahr'?«
»Nein -- vierzehn,« berichtigte sie mit zitterndem Munde.
»Ach, so alt schon ...? Ja -- verzeih -- ich habe Tage und Jahre niemals nachgezählt!« Sie hob die Augen und sah ihn schweigend an, mit einem eigentümlich hoffnungslosen Blick. Franz erwiderte den Blick ernst und ruhig.
»Wir wollten von dem Jungen sprechen,« sagte er nach einer Weile kühl. »Du hast mir neulich angedeutet, daß er nicht gerade von liebevollen Gefühlen gegen mich beseelt ist, was ich ihm wahrhaftig nicht verdenken kann.«
»Ich habe immer versucht, gerecht zu sein, wenn ich von dir sprach,« verteidigte sich Martha.
»Das traue ich dir zu. Aber der Junge müßte doch ein Schlappinsky erster Güte sein, wenn er nicht einen ehrlichen Haß gegen mich hätte -- Teufel auch! Denke ich mich an seine Stelle ... Kennt er denn Bilder von mir?«
»Außer der Pastellzeichnung, die du von mir gemacht hast und die bei uns hängt, keine. Er war auch nie zu bewegen, in die Nationalgalerie zu gehen und die 'Düne im Sturm' zu sehen, die sie dort von dir angekauft haben.«
»Ja -- dann verstehe ich aber noch weniger ...«
»Er will auch gar nicht Maler werden. Er haßt alle Künstler -- 'verachtet' sie, wie er sich ausdrückt. Er hat ja nie einen gesehen und gesprochen --,« fügte sie mit einem kleinen Lachen ein ... »Er will Jura studieren und Rechtsanwalt werden -- weil er gehört hat, die verdienten unter den Juristen am meisten Geld ...«
»So so -- also doch ein Berliner Kind der Neuzeit.«
»Er will dir dann die Kosten für seine Erziehung mit Zinsen zurückgeben, hat er mir gesagt,« antwortete die Mutter und reckte sich in die Höhe.
»Donnerwetter! Das ist ungewöhnlich!« rief Rolfers verblüfft.
»Er will dir nichts zu verdanken haben!«
»Famos -- famos! -- Mir scheint, er wird mir doch einiges zu verdanken haben, was er mir nicht gut zurückgeben kann!«
»Ja, einen harten Willen hat er!«
»Also -- was ist's dann mit dem Gefasel von der Künstlerschaft?«
»Ich sagte ja nicht, er will Maler werden, sondern er wird es werden. Ich muß dir einmal seine Mappen mit Skizzen bringen. Die sollst du wenigstens sehen!«
»Ja, tue das -- morgen! Der Junge interessiert mich nun doch,« rief Rolfers, und seine dunkeln Augen sprühten Feuer.
* * * * *
Als Martha am folgenden Tage mit der ungefügen Mappe aus grauem Pappkarton bei Rolfers eintrat, fand sie ihn zu ihrem Erstaunen außer Bett, rasiert, das Haar kurz geschnitten, wie er es zu tragen liebte, statt des blau- und weißgestreiften Lazarettanzuges hatte er die feldgraue Uniform angelegt. Der rechte Ärmel hing lose herab. Das Gesicht war noch schmaler als sonst, der feine Knochenbau des Kopfes erschien nur wie von ganz dünner wachsgelber Haut überzogen, unter der jede Form sich scharf und hart abzeichnete. Er hatte am Fenster in einem Korbstuhl gesessen und erhob sich, als Martha nach flüchtigem Klopfen eintrat. Er kam ihr entgegen, ein Lächeln auf den Lippen, ein freundliches Glänzen in den tief unter den vorspringenden Brauen in braunen Schatten liegenden Augen.
Der Frau schossen die Tränen unter die Wimpern. Sie fühlte mit jäher Gewalt: Das ist nicht mehr der Verwundete, der Vaterlandsverteidiger, dem sie unpersönlich diente, das ist der Mann, den sie geliebt hat -- der für sie der Inbegriff aller geistigen Herrscherkraft immer geblieben ist. Und wie er ihr die Hand reichte, diese arme verwaiste Linke, beugte sie sich in einem heftigen Impuls nieder und küßte sie.
Sie stand rot und heiß und schämte sich, denn es war ja das Unpassendste, was sie hätte tun können. Doch verstand er sie, und wenngleich das Lächeln von seinem Gesicht verschwand und es noch um einen Schatten bleicher wurde, sagte er doch kein mahnendes oder bewegtes Wort, er tat, als bemerke er den Vorgang gar nicht, oder als scheine er ihm etwas Naheliegendes, Selbstverständliches.
»Da hast du die Mappe,« sagte er, »das ist ja gut -- ich hatte beinahe Furcht, der Bengel würde sie nicht herausrücken.«
»Er weiß gar nicht, daß ich sie nahm.«
»So -- desto besser. Willst du mir den kleinen Tisch hier ans Fenster rücken, bitte -- da haben wir noch Licht. Und setze dich neben mich, mir die Blätter zu geben. Danke -- ja -- so ist's gut. Das ist ja eine Menge! Fleißig scheint er zu sein.«
Schweigend vertiefte er sich in die Arbeiten seines Sohnes, die nun die Mutter mit Fingern, die zuweilen nervös zitterten, vor ihn hinlegte. Kohle- und Rötelzeichnungen, dann ausgeführtere Aquarelle, auch einige Versuche in Öl. Landschaftsstudien, ein einzelner Baumstamm mit ein paar Blumen darunter, ein Stückchen Ährenfeld, ein toter Vogel. Eine ganze Reihe von Versuchen, seiner Mutter Gesicht zu fassen, Studien nach ihrer Hand. Skizzen von abziehenden Soldaten, von Pferden und Munitionswagen, von Fliegern und Flugzeugen, wie er sie in Johannisthal beobachtet haben mochte. Auch reine Bewegungsstudien, nur in ein paar Linien für das Gedächtnis festgehalten.
»Doll -- ganz doll,« murmelte Rolfers ein paarmal. »Was der Kerl riskiert -- eine unverschämte Keckheit --« Er schüttelte den Kopf, hielt ein Blatt lange vor sich hin. »Wieder mal recht kindlich -- Dieses hier ist mißlungen, -- das auch, -- das -- -- nee, wahrhaftig, er fängt die Geschichte nochmals an ... Armer Kerl, der mag sich innerlich gebost haben. -- -- Dies ist nun geradezu unglaublich --! Dieser Sinn für Raumverteilung -- Köstlich -- jetzt kommen wohl die Schulzeichnungen? So 'n ganz andres Kaliber! Na ja -- hier schludert er richtig und macht so was für den Lehrer zurecht. #Ia#. Selbstverständlich! Schweinerei!«
Rolfers nahm einen Bleistift und zeichnete mühsam mit der Linken eine »#4b#« neben die Schulnote.
»Meinst du nicht auch, daß er Talent hat?« fragte Martha zaghaft.
Er hob den Kopf, sah sie mit einem seiner scharfen Blicke an.
»Talent -- Talent hat heut jeder Lausejunge -- fragt sich, ob er den Charakter hat, ein Könner zu werden!«
Rolfers zog zwei Blätter aus den übrigen hervor.
»Donnerwetter -- was ist denn hier -- freie Phantasien ...« Mit den Seitenstreifen von Postmarken waren sie zusammengeheftet und trugen die Unterschriften: »Der Schlafende« --»Der Erwachte«. In kühnen kräftigen Strichen grundiert, dann mit Wasserfarben leicht getönt, zeigten sie eine ganz eigentümliche und persönliche Technik. Eine Bank auf einer Anhöhe unter einem Baum, der ungefähr eine Eiche vorstellen mochte. Hier saß ein nackter Mann, einen alten ungefügen Kavalleriesäbel über den Knien, den Kopf tief auf die Brust gesenkt, in Schlaf versunken. Vor sich eine helle Landschaft, mit Obstbäumen, grünen und gelben Feldern, einem zierlich ausgetuschten Dörfchen im Hintergrunde. Zur rechten Seite ganz vorn, wie alte Meister zuweilen kleine Gruppen von Gestalten primitiv einfach nebeneinander stellen, ein paar Kinder, die mit langen Schilfkolben, sogenannten Bumskeulen, Soldaten spielten. Das zweite Blatt zeigte dieselbe Landschaft verfinstert und wildverstört, das Dörfchen in gelb und roten Flammen, die Obstbäume ausgerissen und durcheinander geschleudert, quer durch das Bild raste im Hintergrunde ein Eisenbahnzug. Die Eiche war vom Sturm durchwühlt, der Mann hatte sich erhoben und schritt in scharfer Silhouette mit mächtigem Schritt die Anhöhe hinab, den Säbel gewaltig schwingend. In der Ecke die Kinder streckten hilfeflehend die Arme nach ihm aus.
»-- -- Wo hat der Kerl nur die Studien zu dem Akt gemacht?« fragte Rolfers lebhaft ... »Das ist ja famos! die Gelöstheit der Glieder im Schlaf -- die Macht des Schreitens -- das ist einfach verblüffend -- die Majestät der aufgereckten Haltung -- das soll erst mal einer von uns Älteren rauskriegen, was dem Bengel da geglückt ist ... Ha -- hier kommen die Studien -- wahrhaftig, leicht macht er sich nichts! Also -- die Badeanstalt!«
»Ja -- von dort kam er immer zu spät heim -- da hat er Stunden und Stunden verhockt -- und wie viel Schelte hat er gekriegt, bis ich die Sachen entdeckte.«
Rolfers vertiefte sich mit zusammengefaßter Aufmerksamkeit in die Skizzen.
»Durch die Profilstellung hat er sich geholfen. -- Na ja -- Anatomie fehlt noch -- aber die Auffassung der menschlichen Gestalt ... merkwürdig -- höchst merkwürdig.«
Plötzlich lehnte er sich zurück und lachte herzlich.
»Der Bengel will Rechtsanwalt werden -- richtig so 'ne ausgeklügelte Chose --! Na, wenn von Deutschland nur zwei Steine aufeinander bleiben, sitzt der noch drauf und zeichnet die Verwüstung ab! -- -- -- --
Du -- schade eigentlich, daß du ihm gesagt hast ... wüßte er nicht, daß ich sein Vater bin, -- den Kerl hätte ich gern zum Schüler gehabt -- aus dem ließe sich was machen ... Teufel ja -- das könnte mich reizen ...«
Marthas Blick glitt über ihn hin -- er fühlte ihn, sah auf, traf den Ausdruck eines erschütterten Mitleids in ihren Zügen.
»-- Ja -- du hast ja recht ... ich hatte vergessen ...«
Heftig stieß er den Stuhl zurück, sprang auf, schritt mit starken Schritten im Zimmer hin und her und setzte sich plötzlich taumelnd auf den Bettrand, weiß, hohläugig -- mit gezerrten Zügen, wie ein Sterbender anzuschauen.
Martha lief, ihm von dem Wein einzuschenken, der in der Nähe stand. Er trank das Glas leer und belebte sich allmählich wieder. Die Frau stand neben ihm und strich ihm zaghaft tröstend über das Haar. Er lehnte den Kopf an ihren Arm, schloß die Augen und murmelte: »Wie gut du bist. Aber geh jetzt -- ruf mir die Schwester -- ich muß mich hinlegen -- man ist ja zu nichts mehr nütze.«
»Du wirst dich schon erholen. Du bist doch auf dem besten Wege ...«
»Ach, Marthchen -- erholen ... wozu ...?«
Er starrte in Gedanken vor sich nieder, während sie die Blätter wieder in die Mappe legte, die Bänder zuknüpfte, ihren Hut aufsetzte, sich still und gehorsam zum Fortgehen anschickte.
»Sag' dem Jungen vorläufig nichts davon, daß ich die Zeichnungen gesehen habe,« sagte Rolfers, »wenn sich's tun läßt.«
»Gewiß nicht -- obschon es ihn natürlich doch beglücken würde -- aber es war ja eigentlich ein Vertrauensbruch, daß ich sie ohne sein Wissen mitbrachte.«
Sie lächelten sich zu, Vater und Mutter des Knaben.
»Ich denke, den Vertrauensbruch können wir verantworten,« sagte Rolfers.
* * * * *
Wieder tauchte Rolfers ein in den schweren Kampf, der in Dunkel und Stille ausgefochten werden mußte und zu keinem Siege, zu keiner Klarheit führte. Scharf und hart, wuchtiger als je zuvor erhob sich in ihm, während er die Zeichnungen seines Sohnes betrachtete, das Gefühl der Schuld gegen die Kunst, die er durch seine Teilnahme am Krieg auf sich geladen hatte. Darüber kam er nicht hinweg. Er wußte, daß er im gleichen Falle wieder genau so handeln würde, wie er gehandelt hatte. Aber das Wissen nahm das Schuldgefühl nicht von ihm. Zwei Mächte rangen um seine Seele -- gleich an Kraft und gleich in ihrer unerbittlichen Forderung an den Menschen, mußten sie sich ewig feindlich einander gegenüberstehen: das Individuelle und das Soziale. -- Aber er hatte sein Leben und seinen Dienst dem Individuellen verschrieben. Er hatte um dieses Dienstes willen, um der Steigerung seiner einen persönlichen Kunst willen, tausendmal zuvor am Sozialen gesündigt, hatte es tausendmal verneint -- weil er an die ewige Herrlichkeit seiner Göttin mit blindem Fanatismus geglaubt hatte ... Und war er nicht im Recht? Lebte sie nicht in gewaltiger Jugend und Schöne hinaus über alle Kriege, über alle blutrünstigen Zerfleischungen und Wahnsinnsanfälle des Menschengeschlechtes -- war sie nicht unvergänglicher als alle Vaterländer und alle nationalen Ideen? Die Staaten zerfielen -- die Rassen veränderten sich und versanken im Strom der Entwicklung, neue tauchten auf mit neuen Forderungen und Idealen -- die Kunst lächelte ernst und heiter hinweg über sie alle. Unschuldsvoll und frisch wie ein eben geborenes Kind begann sie in den ungeschickten Versuchen dieses Knaben die Welt aufs neue zu erobern -- die selbe Welt, in der ihre höchsten Offenbarungen rücksichtslos zerstampft und verwüstet dem Sozialen zum Opfer fielen.
Rolfers wußte, warum er sterben wollte: In seiner völligen Opferung sah er einzig die Sühne für eine Schuld, die er hatte auf sich nehmen müssen. Ein Mann, der einheitlich gelebt, ganz nur besessen von einer einzigen Idee -- der kann nicht mit zerklüfteter Seele armselig dumpf sich hinessen, hinschlafen durch die Jahre. In dem ganzen weiten Krankenhaus, das angefüllt war bis unter das Dach mit den mannigfachen Opfern dieses Weltkrieges, gab es wahrscheinlich nicht einen Mann, der ihn ganz verstanden hätte. Wohl ihnen, daß die soziale Kraft in ihnen allen so übermächtig geworden war -- wie hätten sie anders ihr Riesenwerk vollbringen können? Mehr und mehr hatte sich doch Rolfers unter ihnen wieder als der Einsame gefühlt, der er immer gewesen.
Nur heut war ein Funke in ihm aufgesprüht, der eine flüchtige leuchtende Verbindungsbahn geschaffen hatte zwischen ihm und einem andern menschlichen Wesen. Mochte das sein Sohn dem Fleische nach heißen oder nicht -- gleichviel -- da war ein Geschöpf auf Erden, in dem triebhaft, noch traumgebannt derselbe hartnäckige Wille lebte, der ihn erfüllte -- ein Wille, den er aufstacheln, bewußt machen, auf dasselbe Ziel richten konnte, das auch das seine gewesen war. -- Und das Mitleid einer Frau sagte wortlos grausam: Was kannst du noch geben? ... Marthas Mitleid brannte ihn wie glühend Eisen, das sich tiefer und tiefer in sein Wesen bohrte. Seine innerste Kraft bäumte sich auf gegen das Mitleid -- in sich spürte er ein wildes Tier, das die Zähne fletschte, sich aufreckte, die Pranken hob: Wage es, mich mit diesem Blick des Mitleids anzuschauen, verfluchtes Weib! Wie er sie haßte, weil sie seine Schwäche gesehen hatte! Wie sich die Flamme seines Lebenswillens von Minute zu Minute stärker entfachte, wenn er sich ihres barmherzig-wehmutsvollen Blickes erinnerte ... Da -- da -- bei dem Knaben! Da war Sühnung und neuer Beginn! Er ahnte, daß in ihm das Unvereinbare zu verknüpfen sein werde. Je schwerer der Weg, auf dem er nicht selbst ein Kämpfer in den ersten Reihen vorwärts schreiten sollte, auf dem er nur noch geduldiger Lehrer -- Weiser -- Hüter sein durfte -- desto eigensinniger sein Verlangen, das Ungewohnte zu ertrotzen.
* * * * *
Martha hatte bereits durch die Oberschwester erfahren, daß Rolfers in den nächsten Tagen entlassen würde. Die Trennung stand vor der Tür, schneller, als sie es erwartet hatte.
»Was wirst du nun beginnen? Bleibst du in Berlin?« so fragte sie beklommen, weil sie sich nicht stärker über seine Genesung zu freuen vermochte.
»In Berlin? Auf keinen Fall!« antwortete Rolfers heftig. »Sich hier als Krüppel anstaunen zu lassen -- nein, das wäre das letzte, was ich ertragen könnte. Ich habe in Holstein so ein kleines Häuschen -- dorthin will ich mich verkriechen. Es gehörte früher meinem Freunde Pötsch. Du hast ihn doch auch gekannt -- den Pötsch, der die Moorbilder malte -- immer mit derselben Birkengruppe. Sie steht nicht weit von dem Anwesen. Und einmal habe ich zu ihm gesagt: Kerl, ehe du nicht von der Birkengruppe fortkommst, eher kommst du auch nicht weiter mit deiner Malerei. Na -- und daraufhin habe ich ihm die Geschichte abgekauft. Ich wollte einen Ort haben, um meinen Kram, Bücher, Bilder und Skizzen sicher unterzubringen. Ein altes Ehepaar hält mir die Sache in Ordnung, der Mann besorgt den Garten, die Frau kocht, wenn ich dort bin. Es war selten genug bei meinem Wanderleben. Ja -- nun wollte ich dich bitten, den Brief an Lütjes zu schreiben, sie sollen die Zimmer in Ordnung bringen und einheizen und Vorräte anschaffen, damit wir's gemütlich finden, wenn wir hinkommen.«
Martha blickte hastig auf.
»Ich wollte dir den Vorschlag machen, mich für eine Weile zu begleiten.«
»Aber der Junge?«
»Der kommt natürlich mit!«
»Er muß doch in die Schule!«
»In der nächsten Stadt ist ein Gymnasium. Lütje fährt ihn hin, bis er die alte Liese selber regieren kann. Der Sohn vom Doktor muß in seinem Alter sein. Die Jungens können sich zusammentun. Das wäre kein Hinderungsgrund.«
»Ja, das ließe sich machen,« antwortete Martha -- »Nur ...«
»-- Du hast mir neulich angedeutet,« sagte Rolfers bedächtig, »daß deine Stellung durch den Krieg in Frage gestellt ist. Ich muß jemand haben, der mir hilft. Es ist doch auch geschäftlich immerfort etwas zu erledigen. Deine Art kenne ich einmal. Es ist eine rein praktische Frage. Nimm sie auch so. Vielleicht hast du selbst schon an etwas Ähnliches gedacht?«
»Zuweilen habe ich daran gedacht,« gestand die Frau zögernd.
»Also! -- Ohne Verbindlichkeiten für die Zukunft, so wenig von deiner wie von meiner Seite.«
»Nein!« rief Martha hastig. »Es geht doch nicht! Ich kann mich nicht dazu entschließen!«
»Sage mir offen deine Gründe -- wir reden ruhig darüber.«
»Du wirst lachen, wenn ich sage: mein armes eingeschränktes Leben ist mir wert geworden. Ich mag's nicht aufgeben. Wie es war, war's harmonisch -- friedlich.«
»Kann unser Zusammenleben nicht auch friedlich sein? Ich hoffe es. Für Kampf bin ich nicht mehr gestimmt -- wenigstens nicht für einen Kampf mit dir!«
»Ach, Franz -- das sagt man so. Nachher ist's doch anders. Jeder will etwas für sich und der andre weiß nichts davon und will das Gegenteil. Und so quält man sich ...«
»Wir müssen eben nicht zu viel wollen -- wir beiden Alten,« sagte Rolfers und lächelte in sich hinein, wie Martha fand, ein wenig kühl und spöttisch.
»Mit dem Jungen ist's anders. Der soll nur wollen! Für ihn fällt doch manches Gute dabei heraus. Die neue Umgebung -- Ein frisches Stück Welt ... Etwas sperren wird er sich anfangs ...«
»Wenn ich ihm sage, er soll es mir zuliebe tun, dann tut er alles,« antwortete Martha in glücklichem Mutterstolz.
»Damit sprichst du sehr viel aus, Martha,« sagte Rolfers. »Ein besseres Erziehungsergebnis haben, glaube ich, auch die größten Pädagogen niemals angestrebt. Ich wünsche dir Glück dazu! -- Nun wollen wir den Brief an Lütjes aufsetzen ... Es sind zwei hübsche Zimmer mit Morgensonne da, die sollen sie für dich und Richard herrichten! Paß auf -- es gefällt dir, mal wieder auf dem Lande zu sein!«
»Es wird mir schon gefallen,« sagte Martha Lebus, und über ihr Gesicht verbreitete sich eine junge frohe Heiterkeit.
* * * * *
Die erste Begegnung von Franz Rolfers mit seinem Sohn fand bei der Abreise in Berlin statt. Sie begrüßten einander auf dem Bahnhof wie zwei Fremde, die durch äußere Zufälle gezwungen sind, miteinander zu verkehren. Während der Fahrt beachtete Rolfers den Knaben kaum, der hartnäckig aus dem Fenster schaute. Er ließ es ruhig geschehen, daß Richard ihn, wenn die Gelegenheit eine Anrede forderte, »Herr Professor« oder »Herr Rolfers« nannte. Es widerstrebte ihm durchaus, Ansprüche auf irgendwelche Vaterrechte zu erheben, er, der seine Vaterpflichten, solange es ihm bequem gewesen war, gänzlich außer acht gelassen hatte. Er hätte auch kaum gewußt, wie er Vaterwürde darstellen sollte.
Zunächst enttäuschte ihn Richards Äußeres ziemlich stark. Er hatte unwillkürlich ein Abbild der eigenen Persönlichkeit erwartet, nur mit dem Reiz der Jugend neugeschmückt --: eine schlanke geschmeidige Gestalt, ein feines, durchgeistigtes Gesicht. Aber der Junge war nur eben mittelgroß, breitschultrig, untersetzt, und bewegte sich linkisch ungeschickt. Er schlug wohl ganz in die Familie der Mutter, mit der etwas breiten wendischen Nase. Von ihr selbst hatte er das gute Lächeln, das eigentümlich sonnig zuweilen über sein stubenblasses Gesicht flog, wenn er zu ihr sprach. Rolfers bemerkte mit Vergnügen, daß er ihr eifrig die Tasche abnahm und sich ihr in jeder Weise gefällig erwies. Das war ihm vorläufig wertvoller, als hätte sich Richard ihm gegenüber allzu dienstbeflissen gezeigt. Er achtete den Stolz seiner Zurückhaltung.