Chapter 2
In all den fremdartigen Lebensumständen geleitete doch ein tiefgewohntes Heiligvertrautes den Kriegsfreiwilligen Franz Rolfers. Gleich den Blutströmen in seinem Adergeflecht, die unempfunden in steter gleichmäßiger Tätigkeit zum Herzen fluteten, von dort wieder zurück den Weg durch Lunge und Körper nahmen, ihn mit tausend geheimnisvollen Kräften nährend, blieb der starke Strom seines Kunstgefühls zu jeder Sekunde in ihm rege tätig. Ohne daß die Gedanken teilzunehmen schienen, wurde die Bildnerkraft seines Innern unaufhörlich getränkt mit Farben, Linien, mit Gruppen und Gebärden von Menschen, die groß, einfach und gewaltig waren, wie er nichts Ähnliches früher je geschaut. Er sah Anstrengung der Muskeln von Pferden und Männern, die alles Glaubhafte weit hinter sich ließen, wenn sie schreiend und fluchend eines dieser modernen Ungetüme von Haubitzen eine Anhöhe hinauf zu zerren suchten oder das Geschütz, den Munitionswagen aus einem Sumpf herausholten. Er sah das rasende Umsichschlagen verendender Rosse und die Todesangst, das eherne Ertragen wütenden Schmerzes in den Gesichtern der sterbenden Menschen, gegen die antike Masken von Kriegern gleichgültig wurden. Alles, alles war zum Äußersten gesteigert: Ausbrüche der Freude, der Wut, der Liebe, der Frömmigkeit und des Hasses, die tief heraufgeholt wurden aus Urschlünden und Abgründen ferner Zeiten, da Mensch und Tier begann zu werden ... Und wieder Sommer- und Herbstnächte voll der süßesten Schönheit und friedevoller Einsamkeit mit allen Lauten, Tönen, Düften, die ihn zauberisch erquickten, weil sie das Altvertraute mit dem kaum begriffenen Neuen so einfach verknüpften, daß es nun Erfahrung werden durfte, sich in ihm aufspeicherte zu unsichtbarem, machtschwangerem Besitz.
* * * * *
Ein Patrouillengang des Nachts durch ein kleines Waldtal -- der Leutnant, er und noch ein paar Kerls. Es hatte am Mittag des Tages eine Schießerei in dem Gelände stattgefunden, die Rothosen waren überwältigt, einige gefangengenommen, die andern hatten sich eilig zurückgezogen. Nun sollten sie auskundschaften, ob die Gegend restlos vom Feind gesäubert war. Man fand nichts Verdächtiges, kehrte, vorsichtig am Waldrand entlang schleichend, zurück. Der Offizier und die Mehrzahl der Leute waren schon ein Stück weit voran, als Rolfers seinen Nebenmann auf ein dunkles Etwas aufmerksam machte, das im tiefen Baumschatten neben ihrem Wege lag.
»Ein Toter oder Verwundeter,« flüsterte er seinem Nachbar zu.
»Ach was, schnell vorwärts,« murrte der. »Wir verlieren den Anschluß, und wer weiß, ob die Bande nicht noch im Dickicht hockt.«
Winselnde Wehelaute drangen aus dem Dunkel zu ihnen empor. Das Grausen fuhr Rolfers ins Herz, einen hilflosen Menschen hier liegen zu lassen in der finsteren Regennacht. Er hielt die Mütze vor und leuchtete mit der elektrischen Taschenlaterne dem Verwundeten ins Gesicht. Der hob sich mühsam; schwarze Augen stierten Rolfers an, eine hastige Bewegung -- in demselben Moment krachte der Schuß.
Ein dumpfer Schlag durchfuhr Rolfers -- er stürzte wie ein Stück Vieh quer über den Franzosen.
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Als er erwachte, schien der Mond still durch die Bäume. Er bewegte den Kopf, blickte aus nächster Nähe in ein gelbes Totengesicht. Die Augen, deren Ausdruck voll rasenden Hasses sofort wieder vor sein Gedächtnis trat, lagen grau gebrochen unter nur halb geschlossenen Lidern, der Mund war wie von einem müden Ekel schiefgezogen. Ein knabenjunges, feines Antlitz, von erstem Bartflaum umrandet.
Rolfers suchte sich zu erheben -- da packte ihn wütender Schmerz in Arm und Schulter und atemlose Angst ... War's möglich, war's nur zu denken, daß das Schlimmste getragen werden mußte?
Und er schlug wieder hin, von aller Kraft verlassen -- auf den starren Körper des Knaben, der ihm das getan ... Die Nacht verging in halber Bewußtlosigkeit, in Durstqual und fieberisch gesteigerten Ängsten. Bei grauendem Morgenlicht fanden ihn zwei Sanitätssoldaten, die von den Kameraden ausgeschickt waren, ihn zu bergen.
Der Arm war in Fetzen und Splitter geschossen, von einem dieser heimtückisch im Innern des Körpers platzenden Geschosse.
Im Etappenlazarett wollte man ihn sofort amputieren.
Rolfers widersetzte sich so leidenschaftlich, daß der Stabsarzt begriff, um welchen Wert es sich hier handelte, und versuchte, durch zahllose mühselige Kleinoperationen die Knochensplitter einzeln zu entfernen. Der Mann litt standhaft, was gelitten werden mußte. Die wütenden Schmerzen heimlich zehrender Eiterungen, wilde Fieberzeiten, unterbrochen von dumpfem Morphiumschlaf. Ein Auf- und Abwogen von Hoffnung und Verzweiflung.
In seinen Phantasien verfolgte ihn ein immer wiederkehrendes Bild. Er sah mit peinvoller Deutlichkeit den schlanken jungen Franzosen, auf einem gefällten Baumstamm am Waldrand sitzend, in der lässigen Grazie, die Rolfers an den Pariser Jungen so oft bezaubert hatte, das holde Profil tief gesenkt, von weichen dunkeln Wimpern die bernsteingelbe Wange beschattet, ein lauernd grausames Lächeln um den roten Kindermund, wie er behutsam mit der Feile seines Taschenmessers arbeitete und schabte, den Stahlmantel des blanken Geschosses zwischen seinen Fingern zu spalten, damit es gerade die entsetzliche Wirkung üben sollte, von der in den Schützengräben mit wollüstigem Vergnügen geredet wurde.
Ein erregendes Verlangen plagte Rolfers, diese Gestalt, dieses Antlitz seines Verderbers zu zeichnen, das Gemisch von Überfeinerung und Verruchtheit eines todgeweihten Volkes -- aber zugleich versank in ihm die Hoffnung tiefer und tiefer, daß er jemals wieder Stift und Pinsel führen könne.
Der letzte Versuch einer Rettung des Armes sollte durch die Behandlung eines großen Chirurgen in Berlin ausgeführt werden. Der Lazarettzug trug ihn mit vielen Leidensgefährten durchs deutsche Land.
Einmal, während sie, die Einfahrt in einen Bahnhof erwartend, in langsamer Fahrt dahinrollten, hatte Rolfers aus den sonderbaren Fieberzuständen heraus, in denen die Dinge urplötzlich so geheimnisvolle Bedeutungen annehmen können, einen Anblick, der ihn grenzenlos erschütterte.
Auf dem Bahndamm, hoch über dem unten fahrenden Zug, stand eine Frau. Als sie die Soldaten in den Fenstern sah, hob sie ihre beiden Arme steil gen Himmel, faltete die Hände und beugte sich tief, bis zur Erde nieder.
Nie hatte Rolfers eine Bewegung von so viel Größe und Inbrunst geschaut. Ihm war zumute, als grüße in der Gestalt dieser Bauersfrau Germania selbst ihre geopferten Söhne.
Und nun schien es ihm nicht schwer zu vergehen. Er fühlte sich mit einer dunkeln Lust tiefer und tiefer in die Schlünde des Todes hinabsinken, gegrüßt von jener göttlich-hohen, inbrünstig-demütigen Gebärde.
Noch am Abend nach der Ankunft in Berlin erfolgte die Amputation des brandig gewordenen Armes, trotzdem er lallend schrie, ihn sterben zu lassen.
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Ohne irgendeine Basis, ohne irgendeine Notwendigkeit, irgendeinen Wunsch, seine künftigen Tage hinschleppen zu müssen ... Konnte das Pflicht sein? -- Unsinn!
Er hatte seine Pflicht geleistet, rücksichtslos, instinktiv, wie alle Volksgenossen. -- -- Was nun noch kam, ging einzig ihn selbst, Franz Rolfers, an. Er war aus einem Stück der Allgemeinheit wieder zur Einzelperson geworden. Wollte er aus dem Lande der Lebendigen fortgehen, wer durfte ihn hindern? Sobald er das Lazarett als geheilt verlassen würde, mußte die Erlösungsstunde für ihn kommen. Dies hatte er in sich beschlossen und wartete. Mit starrer Geduld, schon entrückt den Interessen der Kameraden.
Barmherzig war er nie gewesen, und in Liebesdiensten für andere sich hinzugeben, diesen letzten Trost der Verstümmelten, das lag ihm nicht. Er haßte Heuchelei -- auch gegen sich selbst.
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Besuchsstunde. Neben den weißen Betten, auf den kleinen Glastischen Blumen oder Früchte: Trauben, Birnen, Äpfel auf Tellern, in braunen Tüten, weiße Kästchen mit Konfekt, Marmeladetöpfchen, Bücher und Zeitungen. Es staute sich das Mannigfachste. Vor den Betten standen Kinder, Frauen, Mütterchen, Freundinnen, Onkels und Tanten. Ein Lachen, Schwatzen, Scherzen erfüllte den hohen Saal. Verstohlen wischte hie und da eine Frauenhand niederstürzende Tränen von der Wange. Ein altes Jüngferchen, dürftig gekleidet, mit einem lieben Lächeln auf dem Runzelgesichtlein, verteilte Tellerchen mit süßem roten Gelee und weißer Schlagsahne. Jedesmal an sechs Krieger. Für mehr reichten ihre Mittel nicht, bekannte sie ganz offen. Aber sie kam täglich mit neuen Erzeugnissen ihrer Kochkunst. Die Soldaten nannten sie die Lazarettmutter und verstanden sich gut mit ihr. Bisweilen rauschten Damen mit kostbaren Pelzen und Reiherhüten durch das bescheidene Besuchsvolk, schritten von Bett zu Bett, verteilten Zigarren und huldvolle Worte. Die Schwestern mit den weißen Häubchen, den hellen Kleidern eilten hin und wieder, Ordnung zu halten, riefen ein mahnendes Wort, dem lachend gefolgt wurde.
Alles in allem hätte man zwischen zwei und vier Uhr nicht glauben können, welch eine Summe von Elend und Kummer in diesem weißen, von heiterem Stimmenwirrwarr erfüllten Saal ausgefochten wurde.
Rolfers tönten die schrillen Berliner Stimmen verletzend im Ohr. Seine Gefühle waren zwiespältig gemischt aus Anerkennung der herzlichen und opferwilligen Güte, die sich in den kurzen Stunden ringsumher bekundete, und aus einem peinlichen Schmerz über die Anmutlosigkeit der Gebärden, der Erscheinungsform dieser Liebe, über die Torheit der Gespräche, die Zudringlichkeit der Wohltäterinnen.
Die Besuchsstunde war jedesmal eine harte Prüfung seiner krankhaft gereizten Nerven. Anfangs hatte er mit einer gewissen Anteilnahme beobachtet. Jetzt lag er mit geschlossenen Augen oder hielt sich eine Zeitung vors Gesicht, um die Aufmerksamkeit möglichst wenig auf seine Person zu lenken. Vor wenigen Tagen war es geschehen, daß eine hübsche, sehr elegante junge Dame bei der Beschäftigung, riesige Stücke Napfkuchen zu verteilen, neben seinem Lager plötzlich gestutzt hatte und dann einen Schrei tat: »Meister --! Ja, Meister Rolfers, sind Sie's oder sind Sie's nicht? Und Berlin weiß nicht, daß Sie hier liegen? Aber das ist ja unerhört -- aber da muß ich doch gleich ... Was kann ich nur für Sie tun?«
»Nichts, gnädige Frau, als zu schweigen!« hatte Rolfers geantwortet. Dies war freilich das stärkste Verlangen, was man an die liebenswürdige Schwätzerin richten konnte. Sie hatte sich auf seinen Bettrand niedergesetzt, hatte dort auf und ab gewippt mit dem Lackschuh -- jede Berührung seines Lagers verursachte ihm noch immer unerträgliche Pein -- und hatte ihm versichert, daß er ganz der Alte geblieben sei in seiner genialen Grobheit, die nur er sich erlauben dürfe. Darauf machte sie ihm den Vorschlag, seine Überführung in das Privatlazarett ihres Mannes zu veranlassen, wo er alle Bequemlichkeit haben würde und geistige Anregung und ihre eigene, ganz besondere Fürsorge.
Rolfers sah, während die junge Frau so plauderte, auf den blaßroten Mund, dessen feine Linien an den Winkeln ein wenig nach oben gebogen waren, und der unter dem weißen Schleier eigentümlich reizvoll blühte. Es fiel ihm ein, daß er diesen Mund einmal in der Nachtlaune eines Künstlerfestes sehr lange und innig geküßt hatte. Er dachte daran, wie man an Dinge von gestern denkt. Er hatte die junge Dame im Auftrag ihrer Eltern gemalt und guten Erfolg mit dem Porträt gehabt. Es hatte ihm die goldene Medaille eingetragen, und wahrscheinlich wäre ihm auch das reiche Mädchen nicht unzugänglich gewesen, doch nach dem Kuß auf den blühenden blaßroten Mund packte ihn plötzlich ein Grauen vor all dieser wohlarrangierten Bürgerlichkeit, und er hatte sich jäh zurückgezogen. Leicht bewegte Anmut, die war ja nun hier und bot ihm aufs freundlichste ihre Gaben. Wie völlig belanglos schien ihm auch dies und jede Hoffnung, die sich daran knüpfen mochte. -- Widerwärtige Vorstellung: des Vaterlandes Not und Triumph zu benützen, um als Krüppel über einen gesunden, wohlbestallten Professor und Gatten obzusiegen ...
Der jungen Frau wurde mit einem höflichen Lächeln ablehnend gedankt für all ihre gütigen Pläne. Als trotzdem am folgenden Tage eine Fruchtschale und Rosen von wundervollster Üppigkeit eintrafen, ließ Rolfers Trauben und Blumen unter die Kameraden verteilen. Sein Gesicht wurde nicht einen Augenblick heller. Der Vorgang bestärkte ihn nur in dem Wunsche nach einem abgelegenen Zimmer, wo er für solche Besuche unauffindbar blieb. Die Pflegerinnen meinten seitdem, er habe doch wirklich einen unleidlichen Charakter. Rolfers beobachtete die steigende Kühle ihm gegenüber mit Humor.
Ihm selbst war ruhiger und gelassener, ja zuweilen ganz menschenfreundlich zumute, seitdem er mit sich fertig geworden war und seine Persönlichkeit aus dem Wirbel des Geschehens zurückgenommen hatte, um dieser Zusammensetzung, die sich Franz Rolfers nannte und die nur durch Hand und Arm für die Menschheit Wert gehabt, aus selbstherrlichem Willen ein Ziel zu setzen. Er brauchte sich wahrhaftig nun noch weniger als je zuvor darum zu kümmern, wie er auf seine Umgebung wirken mochte.
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»-- -- Fräulein Niemann ist krank und schickt mich an ihrer Stelle, Sie sollen doch Ihr gewohntes Labsal nicht vermissen,« hörte Rolfers eine weibliche Stimme mehrmals wiederholen. Den Klang kannte er -- oder täuschte er sich? Wo mochte es gewesen sein, daß er die Stimme gehört hatte? Sie war weich, ruhig, angenehm ... Erinnerungen kamen ihm -- das war schon die Zeit von vorgestern, als er diese Stimme heller und fröhlicher als heut hatte neben sich schwatzen hören, und leise Liebesworte plaudern ... Er beobachtete hinter seiner Zeitung verborgen die mittelgroße, einfach gekleidete Frau, die von Bett zu Bett ging, mit den Schüsselchen, die sonst von dem alten Fräulein verteilt wurden.
-- -- Sie war es wirklich, die kleine Martha, die er einmal liebgehabt ... wie hübsch sie damals war mit dem blonden krausen Haar und den hellen Augen -- lieber Gott -- nun sah sie aus wie irgend jemand ... farblos -- das war wohl heut die Formel für sie ...
Er fühlte nicht das mindeste Bedürfnis nach einer neuen Erkennungsszene -- aber im Grunde war es ja vollkommen gleichgültig, und er konnte auch ein paar freundliche Worte mit ihr wechseln, wenn es einmal nicht zu umgehen war.
Die Frau näherte sich seinem Lager und sagte ein wenig verlegen: »Das tut mir nun leid -- für Sie habe ich nichts mehr.«
»Der Herr liebt sowieso keine süßen Speisen!« bemerkte bissig eine junge Pflegerin, die vorüberlief.
Rolfers legte die Zeitung beiseite. »Die Schwester hat recht -- machen Sie sich also keine Sorge,« sagte er höflich und hielt die Frau, die an seinem Bette stand, im Banne seiner ernsten, etwas strengen Augen. »Wollen Sie mir sagen, was unsrer Lazarettmutter fehlt?«
»Es ist nichts Ernstes -- nur eine Erkältung,« antwortete die Frau. Ein Erröten stieg ihr vom Hals hinauf, lief über Wangen und Stirn. Ihre Augen bekamen, während sie Rolfers anschauten, einen hilflosen Blick, der zur Seite irrte, sich wieder auf ihn heftete und aufs neue zu flüchten versuchte. Tränen quollen empor, verhüllten die hoffnungslose Verwirrung gleichsam wie mit einem barmherzigen Schleier, bis sie langsam über die Wangen niedertropften.
»-- Ja, Martha,« sagte der Mann sanft, »so steht es nun mit mir.«
Sie nahm hastig ihr Tuch und verhüllte ihr Gesicht.
»Komm, setze dich, es ist nicht gerade nötig, daß die Menschen auf uns merken. Ich bin ja nur einer von den vielen. Komm -- Es ist lieb, daß das Wiedersehen dich so mitnimmt. Bei euch Frauen ist es wohl nicht anders ...«
Martha steckte ihr Tuch ein und setzte sich vorsichtig auf den Stuhl, den sie ein wenig von seinem Bette fortrückte. Sie blickte ihn mit ihren Augen, die etwas von klarem Wasser hatten und deren Ränder nun leicht gerötet waren, aufmerksam an. »Hast du viel Schmerzen gehabt?« fragte sie leise, und in ihrem Gesicht zuckte noch die Bewegung, die sie bei diesem unvermuteten Wiedersehen befallen hatte.
'... Sie ist alt geworden,' dachte er. 'Merkwürdig, wie schnell das bei blonden Frauen geht. Wie die Züge sich verändern, alle festen Formen verlieren.' -- -- »Ja, Schmerzen habe ich ordentlich gehabt,« sagte er laut. »Aber das ist ja gleichgültig. Das Schlimmste ist überstanden. -- -- Wie lebst du, Martha?«
»Wie immer -- ich bin bei einem Rechtsanwalt angestellt und habe mein Brot. Wird der Chef eingezogen, weiß ich freilich nicht, wie es gehen soll ... Aber ich werde wieder etwas finden, mir ist nicht bange,« fügte sie eilig hinzu.
»Und der Junge?«
»Ein großer Kerl -- schon in Obertertia.«
»Ich habe mich gefreut, daß du ihn bei dir behalten hast. Hoffentlich wächst er dir nicht zu sehr über den Kopf, quält dich nicht ...«
»O nein,« entgegnete sie lebhaft, wurde wieder rot, und ihre Augen begannen zu glänzen. »Wir verstehen uns gut. Es ist ein lieber Junge und begabt! Hat für alles Interesse. Das sagen auch die Lehrer.« Kaum hörbar flüsterte sie: »Ich bin dir dankbar, daß ich ihn aufs Gymnasium schicken kann. Von meinem Verdienst ginge es nicht!«
»Das ist doch nur selbstverständlich!« antwortete Rolfers ablehnend, seine Brauen zogen sich zusammen.
Martha Lebus erhob sich sofort. »Ich muß nun gehen,« sagte sie scheu, und der verwirrte Blick machte ihr Gesicht unbedeutend und mitleiderweckend. »Darf ich dich bald einmal wieder besuchen?«
Rolfers lächelte und hielt ihr seine linke Hand entgegen, die sehr bleich und durchsichtig geworden war, wie die Hand einer leidenden Frau.
»Gewiß, Martha, das ist hübsch. Komm nur!«
Sie hatte seine Hand gefaßt, hielt sie vorsichtig und wagte nicht, sie zu drücken.
»Lasse dir dann von der Schwester das Zimmer zeigen, wo ich liegen werde. Du findest mich allein, und wir können freier miteinander plaudern. Lebe wohl, Martha.«
Mit gesenktem Kopf, in gesammelter Haltung ging Martha durch den Saal. An der Tür blickte sie noch einmal zurück und nickte Rolfers zu. Er grüßte mit der linken Hand.
Die Klingel tönte, die Besucher, männliche und weibliche, entfernten sich nach und nach. Kaffeebecher und Semmeln wurden verteilt, dann kam das Glas mit den Fieberthermometern. Es wurde Temperatur gemessen. Der Krankensaal kehrte in seine Abgeschlossenheit und zur alltäglichen Ordnung zurück. Die meisten der Verwundeten waren müde von den ungewohnten Familienfreuden und schlummerten oder ruhten mit geschlossenen Augen. So lag auch Rolfers.
'... Es scheint, daß ich noch einmal einen Überblick über mein ganzes Leben bekommen soll,' dachte er. 'Ob ich sie auf der Straße wiedererkannt hätte? Arme kleine Martha -- Die Zeit ist doch grausam gegen die Frauen' ... Das war Jugend, als sie beide in dem kahlen verstaubten Atelier hausten, die unmöglichsten Gerichte auf dem Spirituskocher fabrizierten, im Sommer auf den Studienfahrten in den unmöglichsten Wirtschaften nächtigten ... Die Winterabende, an denen man bis zum Morgengrauen mit den Freunden stritt, sich die Köpfe heiß und die Kehlen trocken redete über lauter Kunstfragen, die er heute belächelte. Und Martha in einem von ihm entworfenen Kleidchen, das so schlicht an ihrer schlanken Mädchengestalt niederfiel, ging, von all dem Zigarrendampf wie in einen blauen Nebel gehüllt, hin und wieder und legte Kohlen in das eiserne Öfchen, bis es rot glühte, oder sie braute einen Grog nach dem andern. Er blickte zuweilen aus dem hitzigen Streit der Meinungen hinaus auf ihre ruhigen weichen Bewegungen, die ihn unsäglich rührten. -- -- Wie vorsichtig sie heute den Stuhl gesetzt hatte, sein Lager nicht zu berühren ...
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Warum hatte er sie am Ende verlassen? Er konnte sich keiner bestimmten Ursache für den Bruch mehr erinnern. Es war wohl auch eigentlich kein Bruch gewesen. Mehr ein Fortgleiten von ihr auf dem Flusse ferner Entwicklung.
Als das Kind erwartet wurde, verhinderte sie ihr Zustand, ihn auf der sommerlichen Studienfahrt zu begleiten. Und er kehrte im Herbst nicht zurück zu ihr. Das Atelier als Kinderstube eingerichtet -- was er an ihr geliebt, die schlanke behende Linie ihrer Gestalt ohnehin zerstört -- all das Armselige, Lächerliche einer Familienwirtschaft ohne Geld ... Es graute ihm davor. -- Er fühlte sich nicht im mindesten reif für die Pflichten eines Vaters.
Das schrieb er ihr, als er allein nach Paris ging. Sie nahm es gelassen und natürlich. Ihr Leben richtete sie mit der Verständigkeit zurecht, die seine Verliebtheit allzuoft gestört, die ihn leicht ein wenig gelangweilt hatte. Andere Frauen kamen in sein Leben, und der Dämon seiner Kunst herrschte immer stärker über ihn. -- Die regelmäßigen Zahlungen für den Jungen, die von ihm erhöht wurden, als er besser verdiente, ließ er durch seinen Bankier übermitteln. Er selbst wollte möglichst wenig und selten an diese Jugendepisode gemahnt werden.
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Martha Lebus hatte Rolfers vorgelesen mit ihrer angenehmen Stimme, die er gerne hörte. -- Es war ihm schon zur Gewohnheit geworden, daß sie täglich am Nachmittag für einige Stunden bei ihm war, Aufträge für ihn besorgte, Briefe für ihn schrieb, ihm in mancherlei Weise zur Hand ging. Sie tat dies alles in einer selbstverständlichen schlichten Weise, so daß es ihm nicht in den Sinn gekommen wäre, ihre Dienste abzulehnen.
Sie nannte Richard oft und erzählte diesen oder jenen Zug von dem Knaben. Es war ersichtlich, ihr ganzes Denken und Fühlen beschäftigte sich mit ihm. Rolfers hörte höflich zu, ohne wärmere Anteilnahme zu zeigen. Trotzdem fragte sie endlich zaghaft, ob sie den Jungen nicht einmal mitbringen dürfe.
Die Frage berührte ihn peinlich. -- Sein Sohn? -- Ein Stück seiner eigenen Persönlichkeit zu einem fremden Leben erwacht? Keine Gewohnheitskette verband ihn mit diesem Begriff. Keine Überraschung prägte ihn als ein neues Ereignis in sein Geschick. Er hatte ja immer gewußt, daß da irgendwo ein Sohn von ihm lebe und von der Mutter sicherlich gut und tüchtig erzogen würde.
Er antwortete auf Marthas Frage nur mit einer verneinenden Bewegung. Als er die traurige enttäuschte Miene sah, mit der sie den Kopf zur Seite wandte, von ihm fort, dauerte sie ihn.
»Martha -- Kind -- was hat es denn für einen Sinn? Der Junge wird kaum sehr freundliche Gefühle für mich haben können.«
»Darum eben dachte ich ...,« stotterte sie verlegen.
»Ihr Frauen denkt immer, das Unmögliche geht -- weil ihr es wünscht. Wozu den armen Kerl quälen mit unangenehmen Situationen? Ja, -- wenn er nie von mir gehört hätte ... Aber er ist doch wohl alt genug, um sich bereits Gedanken über seine Herkunft gemacht zu haben. Wenn nicht -- desto besser für ihn. Ist er auch nur neugierig, mich zu sehen?«
»Neugierig schon ...«
»Ich bin aber kein Tier aus dem Zoologischen Garten, um die Neugier eines Buben zu befriedigen!« sagte Rolfers schroff.
Martha ließ das Thema fallen und fragte leise, ob sie das Schachbrett bringen dürfe. Sie setzte ihm die Figuren handlich für die Linke zurecht und winkte ihm mit freundlichem Lächeln zu beginnen.
'Jetzt hätten die meisten Frauen einen Auftritt gemacht mit Tränen und Vorwürfen,' dachte Rolfers. 'Ob das Leben sie so gleichgültig hat werden lassen? -- Früher konnte sie doch genug Temperament aufweisen -- Oder nennt man das nun weibliches Heldentum?'
Er war den ganzen Nachmittag grantig und grob mit ihr, als treibe ihn ein Dämon, sie zu reizen. Doch blieb sie freundlich, war nur stiller als sonst.