Part 7
Einmal da stand ich am Fenster und die Sonne ging unter. So schön ging sie unter, das Tal leuchtete, alles hielt der sinkenden Sonne sein Geschenk entgegen, die Gräser funkelnde Rubine, die Wälder goldene Schleier, der Fluß Feuer, ein Winken war es, ein heiteres Abschiednehmen, und die Sonne lächelte und sank. Da kam es über mich, da ich die Freude sah und die Dankbarkeit des Tales und das Lächeln der Sonne, da ich so glücklich war, so reich, ich lächelte, aber es kam über mich, und ich mußte weinen, ich lächelte und weinte zu gleicher Zeit.
Wie ich weinte, faßte mich eine Hand und ein Paar Augen blickten mich an. »Du weinst, Axel?«
Ich lachte, die Tränen spritzten über mein Gesicht, weil ich beim Lachen den Kopf schüttelte, ich zog Ingeborg an mich und sie blieb regungslos bei mir, nur ihre Lippen bewegten sich unmerklich, sie küßte immerzu mein Herz. * * * * *
Der glückliche Mensch! Ich kann dir wohl sagen, wie er aussieht, wie er außen und innen aussieht!
Schön macht das Glück, weise und gut.
Wie ein junger Gott wandelt er, der Glückliche, er geht nicht, er wandelt. Rosen auf dem Haupte, Rosen auf den Wangen, Rosen in seinem Kopfe, was er berührt, das lebt, was er anblickt, das leuchtet. Feuer ist seine Stimme. Er steht auf seiner Höhe und blickt auf die Dinge und versteht sie, von oben blickt er auf alles und versteht, denn alle Dinge kommen aus Glück und Unglück hervor. Er versteht die großen Herzen und die kleinen, die glühenden und die vereisten, er versteht das Lied des Vogels und eines Dichters Vers.
Wisse, daß er Freude um sich streut, es gibt viele Bettler auf dem Wege des Lebens, und die meisten erkennt nur das Auge des Glücklichen. Er sucht. Er hat einen Feind, den er grimmig haßte, viele Jahre, einen der ihn bitter verriet, er ist glücklich, schreibt an ihn, laß es gut sein, schreibt er an ihn, es ist vergessen, neue Tage sind gekommen. Mit Tränen in den Augen schreibt er es, sein Herz strömt über. Er wandert zu dem Trotzigen, pocht an seiner Türe, pocht und pocht, bis er öffnet. Verzeihe, verzeihe, sagt er, ich, ich war ja schuld --
Schon manch einen habe ich gekannt, der Geld und Gut und Ehre verschenkte, weil er glücklich war, ja der selbst sein Glück verschenkte, da er glücklich war, und arm davontanzte in einem Hemde.
Wisse, so macht das Glück, daß sich einer ans Kreuz schlagen läßt und seinen Mördern nicht flucht, ja, es kann geschehen, daß einer lügt und den Menschen Paradiese erdichtet, weil er glücklich ist.
Eine Lawine von Glück rollt er durch Jahrtausende.
So ist das Glück: Sprichst du davon, so mußt du sprechen, tausend und tausend Tage und Nächte und du findest kein Ende, immerzu mußt du sprechen, immerzu --
Zwei glückliche Menschen wohnen da oben im Bergwalde.
Ich sehe ein kleines Lichtchen brennen in einem dunkelen Zimmer. Ein kleines Lichtchen, ich sehe ein Lächeln, ein Gesicht, das in goldenen Haaren schwimmt.
Ich höre flüstern. »Ich bin dein.«
Ich bin dein, ich bin dein.
Sommernacht, du bist ein dunkelblauer Edelstein.
Sommernacht, du bist ein duftender Hauch aus Gottes Munde. Sommernacht, du bist das klare gütige Auge einer jungen Mutter.
Ist nicht das die Sommernacht, ein warmer dunkelblauer Wald, ein nacktes Kindchen im Moose, das mit einem brummelnden Bären spielt? Ist nicht das die Sommernacht, ein Zwerg sitzt auf einem Brunnenrande und blickt in einen Spiegel? Ist nicht das die Sommernacht -- ein Gesang aus der Ferne -- ein Winken irgendwo -- ein Kuß in der Luft -- -- ein Seufzen -- -- ein Blitz von Blut --
Ich bin dein, ich bin dein!
Ich denke an den Leib eines Weibes, der zu blühen beginnt. Das träumte ich einmal, es standen rätselhafte Worte auf den Lidern des Weibes -- weiße Augen -- Augen wie Lichter --
Ich denke -- -- Tiefen öffnen sich, die Welt schlägt ihr Auge auf und blickt mich an -- ich knie vor Gottes Thron und Gott flüstert mir seine Geheimnisse ins Ohr.
Ich bin dein, ich bin dein!!
Die Welt steht still, es ist weder dunkel noch hell, laut noch leise. Es flüstert.
»Siehst du meine Augen?«
»Ja, ich sehe sie. Sie brennen.«
»Deine Augen sind eine glänzende Nacht. Sterne sind darin.« Es flüstert.
Es ist ein Sprühen und Schreiten ringsum. Alte uralte Götter wandeln um uns. -- --
Sommernacht, du bist ein dunkler Zypressenhain, durch den uralte Götter wandeln mit langen Bärten. Sie tragen die Bärte auf den Armen, um nicht daraufzutreten, es ist dunkel, ihre Augen leuchten -- --
Diese Dinge, die kein Mensch erfassen kann, kein Mensch denken kann -- --
Der Tag graut, es wispert in meinem Zimmer, es kichert. »Der Mond fällt rückwärts in den Wald,« sagt Ingeborg und kichert.
»Was sieht er wohl alles in einer Nacht?« sage ich.
Ingeborg kichert.
»Mir fällt eben ein, Ingeborg, erinnerst du dich, ein Mann hat geschrieben: Des Lebens ungemischte Freude --?«
»Ja, o Axel, ein armer, armer, unglücklicher Mann war das --«
»Hahaha!«
»Sind wir Kinder?«
»Ja, ich bin so fröhlich, so leicht. Ich fliege. Ich könnte ohne Aufhören lachen, lachen!« -- --
Auf der Wiese vor dem Schlosse stand eine kleine schlanke Birke. Sie hatte seidenweiche junge Blätter, die immer etwas zu wispern hatten, und eine Rinde so weiß und weich wie das Fell eines Kaninchens. Vor diese Birke zimmerten wir eine Bank, Ingeborg und ich. Einen Tag brauchten wir dazu, bis wir die Pflöcke zuspitzten, das Brett sägten. Wir lachten viel bei der Arbeit und Ingeborg fieberte vor Eifer.
Viele Abende saßen wir auf dieser kleinen Bank und sahen zu wie die Sonne unterging.
Wir saßen wieder auf der Bank unter der Birke und der Abend begann zu glühen.
»Euch Göttern schreiben wir einen Brief! Wir Ingeborg und Axel!« sagte ich.
»Beginne Axel!« sagte Ingeborg.
Und ich begann: »Ihr Götter, ihr guten Götter, ihr habt eure guten und eure schlechten Tage wie wir Menschen. An euern schlechten Tagen, da schafft ihr Menschen mit gewöhnlichen Gesichtern und einer Seele nicht tiefer und wärmer als eine Regenpfütze im März.
Aber an euern guten Tagen, da schafft ihr Menschen mit einem Antlitze, unvergeßlich, mit einer glühenden tiefen Seele. An eurem besten Tage, da schufet ihr Ingeborg.«
»Ihr guten Götter, ihr habt gewiß große Ohren, dann hörtet ihr was Axel sprach und ihr vernahmet seine sanfte Stimme. Seht euch sein Gesicht an und ihr wißt, wie gütig er sein muß.«
»Ihr Götter über den Wolken, ihr kennt Ingeborg wohl, dann begreift ihr auch und ihr verzeiht mir, daß ich nicht mit euch über den Wolken wandeln möchte, trotzdem ihr Götter seid.«
»Das möchte ich auch nicht!« schrie Ingeborg. »Nein, ihr alten freundlichen Götter. Aber ich bitte euch, straft uns nicht für unsern Frevel!« -- --
Wir saßen wieder auf der Bank unter der kleinen Birke. Die Bank hatte gerade Raum für zwei Menschen.
Es war in der Stunde, da die Sterne noch nicht aufgegangen sind und man sie doch alle mit den Blicken ahnt.
Ich sagte: »Ingeborg, du bist mein Liebling, und mein Herz ist so reich geworden, seitdem ich dich küßte.«
Ingeborg sagte: »O, Axel, ich erschrecke vor Freude, sehe ich deinen Schatten um die Ecke kommen. Das Blut weicht aus meinen Wangen, wenn ich deine Stimme höre. Es ist mir unbegreiflich, daß ich deine Küsse ertrage, ohne zu sterben.«
Ich sagte: »O, Ingeborg, ich bin ein Garten, ein blühender Garten. Ich bin in Blüte, Ingeborg!«
Ingeborg sagte: »Ich sehe alle Dinge verändert, und liebe sie mehr als je. Ich liebe die Steine sogar, die auf der Straße liegen. Auf allen Dingen scheinst du zu sein. Die ganze Welt ist ein Spiegel geworden, der dich mir zeigt. Ich habe dein Lächeln schon im Laube einer Buche gesehen und deine Hand in einer Wiese, die sich bewegte. Ach, käme doch etwas, wodurch ich dir meine Liebe zeigen könnte. Ich würde betteln gehen für dich, von Haus zu Haus --«
Ich sagte: »Ich höre kaum was du sagst, ich höre nur deine Stimme. Sie singt mich in den Tod. Das ist herrlich. Das ist herrlich, die Augen zu schließen und in Gedanken der Linie deines Profiles zu folgen.
Das ist herrlich, deine Haare anzusehen, ich habe jedes Fünkchen deiner Haare im Gedächtnis. Wie sind deine Haare? Sie sind als ob sie überall Augen hätten. Das ist herrlich, deine Wimpern haben einmal meine Schultern berührt, immerzu fühle ich es -- jetzt -- in jeder Minute --«
Ingeborg sagte: »O, mein Geliebter, wirst du mich immer so lieben?«
Ich sagte: »Warum fragst du, süße Herrlichkeit?« Ingeborg sagte: »Ich weiß es, ja! Aber doch sollst du mir es im Tage einmal sagen und tausendmal, daß du mich liebst.«
Ich nahm Ingeborgs Hände und legte sie auf meine Brust, ich öffnete das Hemd, so daß sie meine nackte Brust berührten.
Und ich sagte: »Ich werde dich lieben in alle Ewigkeit, ich liebe dich, ich liebe dich, ich liebe dich -- --«
So ist das Glück: Sprichst du davon, so mußt du sprechen, Tag um Tag, Nacht um Nacht, du kannst nimmer aufhören, nein, das kannst du nicht, du mußt sprechen, sprechen -- schreien -- flüstern -- immerzu -- --
17
Es zog eine drohende Wolke herauf über unseren Himmel, eine finstere Wolke, sie drückte mich nieder. Ich schlug an meine Brust, brach in die Knie und betete zu dem großen Geiste.
Die drohende Wolke zog vorbei, sie zerschmetterte mich nicht. Lange danach erst kam der Blitz, da der Himmel wieder klar und leuchtend war -- --
Ingeborg erkrankte.
So begann es. Wir saßen auf der Wiese am Waldesrande, die Ingeborg Honigtröpflein taufte. Da standen viele gelbe Blumen, aus denen Honig tropfte. Man roch den Honig schon von weitem, ein Heer von Bienen brummelte immerzu auf der Wiese. Da saßen wir in der glühenden Sonne, aber Ingeborg fröstelte.
Wir gingen nach Hause, durch den Park, Ingeborg schmiegte sich an mich. Plötzlich stieß sie einen Schrei aus. In der Allee stand eine Statue, die das Schweigen darstellte, eine Frau, die zwei Finger an die Lippen legte. Die Blässe des Marmors hatte Ingeborg erschreckt. Am Abend erholte sie sich wieder. Karl speiste mit uns, wir waren guter Dinge, plauderten, lachten.
Aber am andern Morgen war Ingeborg krank.
Ich jagte in die Stadt und holte einen Arzt, depeschierte in die Hauptstadt. Der Weg führte durch den sommerstillen Wald, die Vögel zwitscherten. Mein Herz war unruhig, meine Ungeduld flog vor mir her. Ich jagte durch Dörfer und Ortschaften, die Leute drohten mit der Faust. Es kam auf ein Dutzend dieser Bauernkaffern nicht an.
Der Arzt verstand nichts. Auch Karl verstand nichts, oder er stellte sich so.
Ingeborg lächelte.
Es ginge vorüber, heute Abend wolle sie wieder aufstehen.
Niemand schien zu hören, daß sie hastig sprach, fast plappernd wie ein Kind, niemand schien den metallenen Glanz in ihrem Auge zu sehen.
Karl las vor. Ich hörte nicht, was er las, nur dann und wann trat ein Bild vor mein Auge, farb- und konturlos wie ein abgewaschenes Aquarell. Ingeborg schlief ein.
Ich saß allein bei Ingeborg im weißen Zimmer. Die Angst nagte an meinem Herzen. Goldene Dämmerung kam ins Gemach, Ingeborgs Haare glänzten wie Erz. Ihre Brust hob und senkte sich langsam, diese gleichmäßige Bewegung brachte Frieden in mein Herz. Unwillkürlich atmete ich im selben Takte, dann fiel es mir auf, wieder begann die Angst zu nagen. Es wurde dunkel, Ingeborgs Haare schimmerten, die Dämmerung senkte sich immer dichter über sie, es war, als entwiche sie mir. Ich zündete eine Kerze an. Da erwachte Ingeborg.
Sie blickte mich mit großen Augen an und es schien, als besänne sie sich.
»Wie spät ist es, Axel?« fragte sie.
Der Abend sei eben gekommen.
»Dann muß ich noch lange schlafen,« sagte Ingeborg. Aber sie schlief nicht wieder ein. Es sei heiß. Ihre Wangen glühten. Ich öffnete ein Fenster, ein kühler Wind wehte, wie nach einem Gewitter, ich mußte es wieder schließen, über den Himmel zogen schwere hängende Wolken, die die Wälder streiften. In der Ferne dampfte es, es regnete. Ich legte kalte Tücher auf Ingeborgs Stirne, aber im Augenblicke waren diese Tücher warm. Ingeborgs Augen waren feuchtglänzend, wie blaues und weißes Email.
»Nun bin ich krank,« sagte Ingeborg und nickte müde. Sie schloß die Augen.
Die Nacht kam. Karl ließ fragen, ob er mir irgendwie behilflich sein könnte. Nein, danke. Langsam gingen die Minuten. Der Wind wurde stärker, er fauchte gegen die Scheiben, zuweilen murmelte er, als schüttele ihn die Kälte. Es rumorte in den Bergen und Wäldern von fernem, dumpfem Donner.
Es zogen Gedanken hin und her in meinem Kopfe, eine Stimme flüsterte in mir. -- --
Das große gelbe Haus mit den vielen Zimmern lag ganz still, als wohne niemand darinnen als die Bilder an den Wänden und Erinnerungen.
Man hörte weder Türen noch Schritte, und der Hof lag ebenfalls ohne Laut wie am Sonntage, wenn das Gesinde in der Kirche war. Nichts rührte sich, kein Ruf, kein Schritt. Dieses Schweigen war hörbar und es kam mir vor als verdichte es sich von Stunde zu Stunde.
Ich setzte einige Uhren in Gang. Nun hörte man nichts als diese Uhren. Das Schweigen aber wuchs, es breitete sich immer dichter um das Haus. Alles schien zu lauschen auf einen Schritt in der Ferne, der näher kam.
Eine Stimme flüsterte in mir. Ich verschloß ihr mein Ohr. Ich wollte sie nicht hören.
Der Arzt aus der Hauptstadt traf ein. Er sagte, daß Ingeborg eine außergewöhnlich kräftige Natur habe. Da flüsterte die Stimme in mir lauter, es waren nun zwei Stimmen, die in mir flüsterten. Ich hörte sie, aber ich glaubte ihnen nicht. Ich ging umher und trug ein gleichmütiges, ja ein zuversichtliches Gesicht zur Schau.
Die Stunden waren endlos. Bis die Nacht kam, bis die Nacht verging! Es waren kühle stürmische Gewittertage, die Wolken fingen sich in den Bergen und fanden keinen Ausweg mehr. Langsam schleppten sie sich im Kreise und knurrten.
Ich schlief nicht. Ich spürte keine Müdigkeit, aber mein Gehör schlief ein. Ich ließ Ingeborg nicht aus den Augen, es gab Kissen zu richten, Fruchtsaft zu reichen, Eis aufzulegen. Ich ließ niemand ins Krankenzimmer außer dem Arzte. Er hatte im Schlosse Wohnung genommen.
Ich trug Ingeborgs fiebernden Körper ins Bad und zurück ins Bett, ich war kräftig, im übrigen war es meine Ingeborg, und niemand hatte ein Recht, sie zu pflegen außer mir.
Schlafen Sie doch! sagte der Arzt. Sie sind selbst krank! Nein! sagte ich.
Es kam eine Nacht, da saß Ingeborg plötzlich steif im Bette mit langem Gesichte, glitzernden Augen, und zählte an den Fingern etwas ab.
»Sieben Zettelchen, es sind sieben!« rief sie mit der Stimme eines erschrockenen Kindes.
Ich erblaßte. Da war es!
Stundenlang phantasierte Ingeborg, bis sie ermattet in die Kissen zurückfiel.
Viele Stimmen schrien in mir, so laut, daß ich sie hören mußte. Sie ist verloren! schrien sie. Und eine schrie unausgesetzt: Ingeborg! Ingeborg! Und eine betete, betete wirre, entsetzte, hilflose Worte, immerzu.
Tag und Nacht waren die Stimmen in mir.
Pazzo heulte im Hofe. Er ahnte, daß die Herrin in Gefahr schwebte.
Ich taumelte hin und her in meinem Zimmer. Ich weinte nicht, ich klagte nicht, nein, ich betete nicht. Die Stimmen waren in mir. Es war nun auch eine Stimme in mir, die unausgesetzt weinte. Aber ich weinte nicht. Ich taumelte in meinem Zimmer hin und her.
Ich nahm ohne Gedanken ein Federmesser vom Schreibtisch und stieß es mir in die Hand. Ich spürte nichts, es blutete. Ich sah das Blut, ja, ich hatte mir das Federmesser in die Hand gestoßen, wann denn, warum denn?
Es kam noch eine Stimme in mich hinein, die schrie unausgesetzt: Hilfe, Hilfe! Sie rang die Hände, die Stimme rang die Hände. -- -- --
Ich habe gerungen mit Ingeborg, mit aller Kraft, sie war stärker als ein Mann, ich mußte sie zurückhalten, ich mußte ihr wehe tun. Sie jammerte, jammerte. Sie wollte in den Wald laufen. -- -- --
Ob etwa eine seelische Erregung vorhergegangen sei? fragte der Arzt.
Liebe, Liebe, mein Bester! -- -- --
Der Tag kommt und geht. Die Nacht kommt und geht.
Nun lebt kein Schweigen mehr im Hause. Nun lebt der Schrecken im Hause. Wo man hinsieht, kauert er, in allen Gesichtern kauert er und wo man hinhorcht, hört man ihn. Ingeborgs Rufen und Jammern wird für immer in den Sälen des Hauses bleiben.
Der Arzt mißt die Temperatur, zählt den Puls und gibt Befehle. Seine Mienen sind verschwiegen, er zuckt die Achseln.
Ich bin bleich und verstört, ich verstehe nicht, was man zu mir sagt. Mein Körper ist wie gelähmt, ich kann keine Miene mehr bewegen, aber ich schlafe nicht.
Auf einige Minuten überfällt mich hin und wieder der Schlaf, das ist alles. Ich blicke in den grauen Wald, über dem die geballten Wolken hängen, und der Schrecken greift in mein Herz. Ich blicke auf Ingeborg, die ohne Bewußtsein liegt, und es ist mir als presse eine Hand mein Herz zusammen wie eine Frucht.
Wie gut ist Karl! Er schläft nicht. Er sitzt nebenan im weißen Salon, einen großen Atlas auf den Knien und studiert Geographie. Es ist hübsch, wie ein Vogel über die Kontinente da unten zu fliegen, sagt er. Ich weiß wohl, daß ihn die Kontinente gar nicht interessieren, daß er leidet und es niemandem zeigen möchte. Und er beginnt stets von einem ähnlichen Falle zu sprechen, so oft er mich sieht.
»Meine Schwester -- zwanzig Tage -- welch ein Fieber, Axel! Heute lachen wir, tolles Zeug sprach sie.«
»Mut! Axel, schlafe! Wir wachen ja. Der Alte sagt, Ingeborgs Natur sei außerordentlich kräftig.«
»Es ist schon gut, danke,« sage ich und begebe mich wiederum zu Ingeborg. Ich friere, meine Kleider sind durchnäßt, aber ich habe ja keine Zeit, sie zu wechseln. Sodann ist es ja auch höchst einerlei, ob meine Kleider naß sind oder nicht. Man mußte an einen Soldaten im Kriege denken, acht Tage keinen Schlaf, acht Tage im Schneegestöber mit zerschossenen Fingern, man mußte an einen Seemann denken, acht Tage Sturm. Meine Füße sind erstarrt, ich fühle den Boden nicht mehr, wenn ich gehe, bergauf, bergab scheine ich zu steigen, oft ist es mir, als ob ich auf den Knien ginge.
Ich weiß nicht wie lang mein Arm ist. Ich halte die Hand hinaus und ich glaube, mein Arm sei so lang, daß ich die Türe öffnen könnte, ohne vom Stuhle aufzustehen. Zuweilen denke ich, ich sei umgefallen und liege auf dem Boden, aber ich sehe doch, daß ich aufrecht stehe. Das Zimmer schwankt wie ein Schiff.
Aber sobald ich bei Ingeborg bin, sammeln sich meine Kräfte und ich verspüre weder Müdigkeit noch Schlaf.
Zuweilen erwachte Ingeborg und sie erkannte mich und sprach einige Worte.
Die Stimmen in mir jauchzten. Alle Stimmen waren zu einer geworden und diese jauchzte, jauchzte.
Ihre Stimme klang verändert, kindlich und ein wenig heiser. Häufig vermochte sie es nicht ihre Gedanken zu sammeln. Aber dann sprach sie durch einen Blick, eine Bewegung der Hand und ich wußte, was sie sagen wollte. Sie war blaß und schmal, die Haare umhüllten ihren Kopf und ihre Schultern.
»Ich bin wohl sehr krank?« fragte sie. Ich lächelte und entgegnete ihr, daß es nun schon besser mit ihr ginge.
»Axel, ich möchte den Himmel sehen!«
Ich zog die Vorhänge zurück, es regnete, die Wälder lagen grau. Eine hohe dunkle Wetterwolke stand drohend am Himmel und ängstliche Vögel flatterten weiß wie Asche hin und her vor ihr.
»Wie geht es unserer kleinen Birke, Axel?«
»Sie ist traurig, daß sie dich nicht sehen kann, Ingeborg.«
»Was tut sie?«
»Sie steht im Regen, wie ein Kind, das nicht ins Haus kann und wartet. Ihr Stamm sieht schneeweiß aus, ihre Blätter hängen durchnäßt nach unten und regen sich nicht.«
»Ist unsere kleine Bank da?«
»Freilich, Ingeborg. Die Regentropfen zerspringen auf ihr.«
»Wie sieht sie aus?«
»Vielleicht wie ein gelber Hund, der an die Birke angebunden ist und den sein Herr vergessen hat.«
Ingeborg neigt den Kopf zur Seite und lächelt müde.
»Was ist auf der Straße zu sehen, Axel?«
»Tiefe Räderspuren, in denen das Wasser rieselt. Grauer Schlamm ist sie. Weit und breit ist kein Mensch zu sehen. Man sieht so wenig, daß du glaubst auf dem flachen Lande zu wohnen.«
»Einen Vogel siehst du wohl nicht, Axel?«
»Doch, Ingeborg. Ein ganz kleiner sitzt dort auf einem Apfelbaum.«
»Was tut er?«
»Er sitzt unter einem kleinen Dache aus Blättern und schaut dann und wann heraus, in den Himmel hinauf, ob es noch nicht bald zu regnen aufhört.«
Ingeborg blickt in eine unbestimmte Weite. Lange. Tränen treten in ihre Augen.
»Nein,« sagt sie dann, »es ist unmöglich!« Sie schüttelt langsam den Kopf; es ist als wiege sie ihn hin und her.
»Was meinst du?«
»Ich kann nicht sterben. Es ist unmöglich!« Ich zwinge mich zu einem Lächeln. Ein krankes, mattes Kindchen sei sie. Ich nehme ihre Hand. Es ist keine Kraft in den langen, abgezehrten Fingern.
»Ingeborg, ich liebe dich.«
Ingeborg nickt müde und lächelt.
»Ja,« sagte sie, »ja,« und blickt in die Weite.
Ich rufe Karl. Karl tritt ein.
»Hallo!« ruft er. »Nun geht es ja wieder gut, Frau Ingeborg!«
Ingeborg lächelt und nickt.
»Ja,« sagt sie und blickt in die Weite.
18
Es gab einen Tag, an dem sie noch nicht die Augen geöffnet hatte.
Die ganze Nacht hatte sie gefiebert und geredet und phantasiert, nun lag sie vollkommen erschöpft und still.
Ich saß neben dem Bette und beobachtete sie. Ihr Atem ging schnell und leicht, sie war durchsichtig blaß, mit bläulichen Schatten unter den Augen und in den Wangen. Ihre fahlen Lippen waren halb geöffnet und die langen Wimpern schwebten über den Augen, die als ein schmaler Spalt zu sehen waren. Der Puls am Handgelenk zuckte.
Am Vorhange spielte eine bleiche Sonne, es wurde wieder dunkel und abermals spielte die bleiche Sonne an den Vorhängen. Eine Uhr ticktickte. Sie hämmerte und von Zeit zu Zeit begann es im Gehäuse zu sausen und zu klingen. Zuweilen war es mir, als bewege ich mich sehr schnell von der Stelle, als säße ich in einem dahinfliegenden Zuge. Am Vorhange bewegten sich die Schatten von Blättern auf und nieder, sobald die Sonne schien, und dann und wann kamen sie so nahe, daß man deutlich ihre Form unterscheiden konnte. Es waren Lindenblätter mit langen Zähnen am Rande.
Ich sah auf das Zifferblatt der Uhr und entdeckte, daß der Minutenzeiger zuckte wie ein langsamer Puls. Alles im Zimmer begann zu zucken wie Ingeborgs Puls. Plötzlich blieb die Uhr stehen und ich erschrak. Schweigen erfüllte das Zimmer und die Schatten an den Vorhängen regten sich nicht mehr.
Es verging eine unendlich lange Zeit, die mit ganz sonderbaren Dingen angefüllt war. Die kleine dunkle Spalte unter Ingeborgs Wimpern veränderte sich nicht, ihre Lippen schienen erstarrt zu sein.
Ingeborg regte sich nicht mehr, sie lag ganz still und schien länger geworden zu sein. Ich sah immerfort diese kleine dunkle Spalte unter Ingeborgs Wimpern an, sie klaffte, sie war starr. Was ist das? dachte ich.
Ich konnte mich nicht bewegen, ich wollte aufstehen, aber ich war wie gelähmt, ich wollte rufen, aber ich konnte nur die Zunge gegen die Zähne drücken, nicht einmal die Lippen konnte ich bewegen. Ingeborg lag steif und still.
Da hörte ich eine Türe gehen, der Arzt trat lautlos ein. Karl stand unter der Türe, ich sah ihn stehen, obgleich ich nicht hinblickte. Der Arzt trat ans Bett und hob Ingeborgs Hand in die Höhe, diese Hand knickte im Gelenk ab und fiel leblos auf die Decke zurück. Der Arzt blickte mich an, ich nickte. Karl kam, strich über mein Haar, und wieder nickte ich. Der Arzt ging, Karl ging.
Ich begriff nichts. Ingeborg war tot? Nein, es konnte nicht sein.
Es entstand ein Flüstern im Zimmer nebenan, die Türe wurde ein wenig geöffnet und in der Spalte zeigte sich eine Menge Gesichter, die Mägde und Knechte waren es. Jemand schluchzte und einer machte: Pst! ganz leise.
»Klaget nicht,« sagte ich und stand auf. »Ihr müßt nicht klagen, ihr müßt euern Schmerz mit Würde tragen, Freunde.«
Ingeborg war tot, aber ich empfand keinen Schmerz. Es schien, als sei mein Herz mit Ingeborg gestorben. Die Sonne flutete gegen die Vorhänge und Ingeborg lächelte friedlich, wie ein Kind, das vom Himmel träumt.
Ingeborg ist tot. Ein Mann trägt seinen Schmerz mit Würde.
Weinet nicht, ihr Knechte und Mägde. Ihr müßt euern Schmerz mit Würde tragen.