Part 6
Es dauerte Stunden, bis die Lilie sich entfaltet hatte. Wir erlebten sie. Es war als steige Gott mit dem Dufte aus dem Kelche, als jubele es ringsum, als habe diese kleine Blume eine Erschütterung, eine Veränderung der Welt hervorgerufen. Die Welt hatte einen Schritt vorwärts gemacht und wir fühlten ihn. Keine Blume konnte aufgehen, kein Vogel aus dem Ei schlüpfen, ohne daß alles was lebte, es fühlte, es miterlebte.
Oft eilt ein leises Lachen durch mein Blut, in Stunden, da ich traurig bin, ich weiß wohl woher es kommt, dieses leise Lachen.
Zuweilen erzählte Ingeborg.
»Hoho!« lachte sie, »das war noch schön!« Dann lachte sie noch eine Weile für sich und dann begann sie. Sie erzählte immer vom Walde. ». . . . . da stand eine alte, alte Tanne, an der das Moos nur so herunterhing wie graue Bärte. Ich sah sie oft lange an. Einmal nun, da klopfte ich an die Tanne -- warum? -- das weiß ich nicht mehr. Was meinst du? die alte Tanne sprach! Gott, Axel, ich habe, habe es gehört. Sie sprach mit einer tiefen, tiefen Stimme, wie ein Faß: Willst du Zapfen haben? Dann schüttelte sie sich und es kamen viele, viele Zapfen herunter.« Tausend solcher Geschichten erzählte sie.
». . . Da schickten sie mich in die Stadt, weil ich etwas lernen sollte. Ich träumte immer vom Walde. Einmal da träumte ich von einer großen Lichtung, die von Erdbeeren ganz übersät war. Ja, nie habe ich soviele Erdbeeren gesehen. Ich bückte mich, sie fielen herunter, alle, alle, alle, es sah rot im Grase aus, es klebte . . . In der Stadt hielt ich es ein Jahr aus. Dann kam ich zurück. Höre Axel, wie erschrak ich! Der Wald kannte mich nicht mehr. Er zürnte mir, o, wie sah er mich an! Ich weinte. Dann kam ich auf eine famose Idee. Sie schmückten mich in dieser Zeit so. Ich nahm die Kette aus den Haaren, zog mein ältestes Kleid an, zog die Schuhe und Strümpfe aus, brachte mein Haar in Unordnung, und nun lief ich in den Wald hinein und schrie wie toll. Solltest du gesehen haben, Axel, Axel, hoho! Ja, er kannte mich wieder . . .«
»Einmal wieder, da kam ein Mann durch den Wald, ich habe vergessen, wie er aussah, er lächelte und hatte helle Augen. Ich ging mit ihm ein gutes Stück Weges. Er küßte mich auf die Stirne. Ich dachte, ich sei mit Jesus Christus gegangen, und später als ich erfuhr, daß Jesus Christus vor langer Zeit gelebt hatte, trauerte ich. Aber einige Jahre darauf glaubte ich doch wieder, daß mir Jesus Christus begegnet sei und es wurde so licht in meiner Seele --«
»Und jetzt?«
»Frage nicht, Guter!« Sie brach in Weinen aus und bettete den Kopf an meine Brust.
Nach einer Weile, da sie sich ausgeweint hatte, flüsterte sie: »Du bist der Mann im Walde gewesen, du! Ich erkannte dich wieder, als ich dich zuerst sah. Gehe hin, rede, hilf ihnen, den armen Menschen!«
14
Ich erzähle von meinem Glücke, es ist schön, für mich ist es schön. Nun, seid gütig, laßt mich fortfahren. Ich könnte ja immerzu -- tausend Nächte . . .
Wüßtet ihr, wie schön es ist an diese Dinge zu denken! Es lacht in mir, es jubelt in mir, zuweilen laufe ich im Kreise herum, ich weine vor Freude. Oft ist die Freude der Erinnerung größer als der Schmerz, daß all das vergangen ist, und das ist es, weshalb ich erzähle. --
Dies sind die Tage der hohen Feste. Ihr Glanz ist noch um mich und verklärt mir einsame Stunden.
Alles wird Religion, Religion wird alles.
Die Worte ändern den Sinn, die alltäglichsten Worte sind zu Rätseln geworden.
Wir speisen zu Mittag und sprechen alltägliche Worte.
»Das Brot, Lieber!«
»Ja, das Brot, danke. Liebste.«
Was für Worte sind das? Es sind alltägliche Worte, ja, aber es sind verkappte, rätselhafte Worte. Sie heißen: ich liebe dich, Lieber. Sie heißen: ich liebe dich, Liebste.
Aber wiederum, was sind das für Worte? Es sind verkappte, rätselhafte Worte. Sie heißen: Welt, Leben, Tod. Sie heißen: Gott, Ewigkeit, Erlösung. Aber wiederum, was sind das für Worte? Verkappte, tiefe, tiefe Worte. Sie heißen, wer nennt sie?
»Du nimmst Wein, Liebste?«
»Ja, danke.«
»Roten, weißen?«
»Ja, roten, weißen?«
Du nimmst Gift? Ja, ich nehme Gift. Du nimmst ein Glas Tod? Ja, ich nehme ein Glas Tod.
Alle Worte ändern den Sinn.
Wir gehen durch den Wald. Ein Wunder ist der Wald, ein Wunder rauscht durch den Wald. Wir gehen durch die Felder, die Wiesen, ein Wunder sind die Ähren, ein Wunder die kleinste Blume. Alles wird zum Wunder.
»Wir wollen sehen wie die Sonne untergeht, Axel.«
Die Sonne sinkt hinter die Berge.
»O, o!« Ingeborg preßt die Hände auf die Brust, ihre Augen schimmern.
Es durchschauert mich.
»Axel, der Mond kommt herauf!«
»O, o! Sieh ein kleiner Stern begleitet ihn! Ein großer goldner Stern funkelt dort über den Tannen!« Sie hat Tränen der Verzückung in den Augen.
Ein Wunder Stern und Mensch -- -- -- --
Ob die Tage schöner sind als die Nächte, ob die Nächte schöner sind als die Tage, wer vermöchte das zu sagen?
Niemand!
Einigemal in der Woche kommt Graf Flüggen angefahren. Er breitet die Arme aus, sieht er Ingeborg, er winkt mit dem Taschentuch, rollt der Wagen in den Wald zurück.
»Du hast mir alles genommen, Axel!« sagt er zu mir, er zürnt mir im Geheimen. Er geht gebückter, er wird nun plötzlich wirklich alt.
Der Sinn schwindelt mir, denke ich an mein Glück.
Wiederum schrieb ich an Freund Bluthaupt. Komme, komme, schrieb ich. Ich bin glücklich, alles jauchzt in mir. Komme, ich bin verändert, verzaubert und verhext, komme, du wirst deine größte Überraschung erleben -- -- --
Eines Nachmittags kam Harry Usedom mit einem zerbrochenen Wagen vor mein Haus.
Ich saß auf der Treppe, ließ mich von der Sonne braten, ich wartete auch auf Ingeborg, die im Walde war.
»Ich habe ein kleines Unglück gehabt!« sagte Harry Usedom.
Die Deichsel des Wagens war zerbrochen. Der Wagen umgestürzt.
»Haben Sie sich verletzt?« fragte ich ihn. Er war über und über mit Staub bedeckt.
»Nein,« sagte er und lächelte. »Ich fiel nur auf die Straße. Es ging gut ab.«
Ich bat ihn einzutreten, bis die Knechte den Schaden ausgebessert hätten.
Wir saßen in meinem Zimmer und plauderten.
»Sie haben herrliche Gegenstände hier,« sagte er und betrachtete alles mit kindlicher Freude. Er sah immer noch bleich aus, aber er ging aufrecht und sprach frei und heiter. Sein Blick fiel auf die Türe, wo die Worte standen: Du gehst Ingeborg? er zuckte zusammen, starrte die Worte an, wurde rot. Dann sammelte er sich wieder und sprach über die Gegenstände, die in meinem Zimmer standen.
Er sprach über jeden einzeln, ließ sich seine Geschichte erzählen, lächelte, hörte aufmerksam zu, aber seine Gedanken wanderten. Der Wagen war ausgebessert.
Harry Usedom ging nicht.
Er sprach weiter über Vasen und Schalen, dazwischen ging er an den Flügel und schlug einige Akkorde an. Er sprach, lachte leise und dazwischen horchte er. Ob ich eine Geige habe? Ich brachte sie ihm und er griff hastig danach und spielte. Er ging langsam hin und her, während er spielte. Er riß in den Saiten, er sang. Seine Augen leuchteten, sie wurden trüb, sein Gesicht spielte mit. Ich verstand wohl was er spielte.
Mitten in seinem Spiele trat Ingeborg ins Zimmer.
Ihr Gesicht glühte, ihre Augen schimmerten licht und blau. Pazzo kam mit ihr herein. Er bellte und knurrte und wollte auf Usedom losfahren.
Usedom hörte augenblicklich auf zu spielen. Er legte die Geige auf einen Stuhl. Dann nahm er sie vom Stuhle und legte sie auf den Flügel. Seine Hand zitterte, so daß die Geige klapperte, während er sie auf den Flügel legte.
»Du hier?« sagte Ingeborg und streckte ihm die Hand hin.
»Wie geht es?«
»Danke!« sagte er und es zuckte um seinen Mund. »Ich habe einen kleinen Unfall gehabt mit dem Wagen. Die Deichsel ist gebrochen. Ich verhielt mich etwas hier, wir plauderten -- ich bin noch bestaubt -- verzeihe -- dann spielte ich ein wenig Geige -- es war so traulich hier, ich bin immer allein --« Er stockte, verneigte sich leicht. Er blickte Pazzo an, mit gütigen Augen blickte er ihn an. Er streichelte ihn.
»Bleibe doch, Harry. Spiele weiter.«
»Danke,« sagte er, »du bist so gütig, so gütig Ingeborg. Ich danke dir von ganzem Herzen -- ich will spielen, wenn du es wünschest -- sehr gerne --« Er griff nach der Geige, nahm sie aber nicht.
»Nein,« fuhr er fort und schüttelte den Kopf, »ich kann nicht spielen, ich kann jetzt nicht spielen -- ich erlebe so viel, was ist das für ein Augenblick! Du bist gut -- alles stürzt über mich.« Er schloß die Augen, seine Wimpern wurden feucht.
»Harry!« sagte Ingeborg gütig zu ihm und berührte seinen Arm.
Da nahm er ihre Hand von seinem Arme, und er stürzte in die Knie.
»-- -- -- nur einen Augenblick -- einen Augenblick. Ingeborg --«
Ingeborgs Augen füllten sich mit Tränen, sie lächelte.
»-- -- -- nur einen Augenblick -- einen Augenblick, Ingeborg --«
Schluchzen erstickte seine Stimme.
Er stand auf und lächelte, das Gesicht naß von Weinen.
»Verzeihung!« sagte er, er lächelte wie ein glücklicher Knabe und ging. -- -- --
Es war Nacht.
»Horch!« sagte Ingeborg.
Unsere Blicke begegneten sich. Im Walde sang eine Geige. Die Geige jubelte und klang. Es war ganz still und die Geige klang so deutlich zu uns herein, als sänge sie dicht unter dem Fenster. Nie in meinem Leben hörte ich solch ein wunderbares Lied. Das weinende Glück war es.
Ingeborg saß regungslos und blickte mit großen Augen vor sich hin. Dann begann sie zu weinen, sie weinte unaufhörlich in ihre Hände, und das Weinen erschütterte ihren ganzen Körper. Ihre Schultern zuckten.
Das Lied der Geige entfernte sich, es erstarb in der großen Stille.
»Verzeihe, daß ich weinte,« sagte Ingeborg.
Verzeihe, daß ich weinte, sagte sie!
In drei Nächten erklang die Geige im stillen Walde.
Dann hörten wir sie nicht mehr. Einige Tage darauf kam aus dem fernen Süden eine Karte, sie war an uns beide adressiert. Dank! stand darauf. Sonst nichts.
15
Eines Tags traf Karl Bluthaupt, der Dichter, ein. Das heißt, er kam mitten in der Nacht, hatte alle Züge versäumt, mit vielem Hallo und Lärm weckte er uns aus dem Schlafe.
Nun lebte er oben in den Giebelzimmern des Schlosses und arbeitete Tag und Nacht. Zuweilen kam er zu uns herunter, er lachte, strahlte, berauscht von seinem Werke, dann und wann sah ich ihn im Hofe stehen und mit einer zierlichen hübschen Magd eine Unterhaltung führen. Dieses Gespräch war weithin hörbar und der Wald gab Echo, lachte er. Wiederum konnte er uns begegnen, eine Falte in der Stirne, zerstreut, er grübelte über seinem Werke.
Er war groß, um einiges größer noch als ich, breitschulterig, knochig, er nahm große Schritte beim Gehen. Seine Haare waren dunkelrot, wie Kupfer, wirr, er hatte eine Habichtsnase, dunkelblaue Augen und einen immer offenen, immer lächelnden Mund. Er sah aus wie ein Sänger vergangener Zeiten, der am Tage hinter dem Pfluge einherschreitet und des Abends in der Halle vor den Frauen singt. Sein Wesen war schwer zu erkennen, viele Widersprüche waren in seinem Wesen, er war sehr stolz und doch schüchtern, seine Forderungen waren hart, grausam und doch war er weichherzig, er konnte wie ein Kind sein, tanzen, lachen, es gab Stunden, da war er düster, ernst, es zuckte in seinen Augen, seine Züge fielen ein, er redete sonderbare tiefe Worte, der Geist kam über ihn, er sprach mit sich selbst, mit einem Unsichtbaren. Dann ging er in sein Zimmer und arbeitete. Er konnte von der Arbeit kommen, müde, glücklich bis zur Ergriffenheit, dann sprach er mit feuchter weicher Stimme.
Er war geistig und körperlich mutig bis zur Verwegenheit, immer gut, immer edel, er verlangte nichts von den Menschen, nie, nein. Und gab ihnen immerzu, alles!
Ich liebte ihn. Stundenlang könnte ich von ihm sprechen, wenn einer es anhören möchte.
Ja, er kam mitten in der Nacht, durchnäßt bis auf die Haut, es regnete diese ganze Nacht.
»Hallo!« rief es.
Ich schnellte in die Höhe, das Blut schoß mir in den Kopf, das war er, dort stand er. Drei Jahre hindurch hatte ich auf ihn gewartet. Ich erkannte seine Gestalt wieder, ich hatte sie ja nicht vergessen gehabt, aber ich erkannte sie wieder. Ich erkannte seine Hand wieder, den Druck seiner Hand erkannte ich wieder. Sie war schmal und knochig, wie ein Skelett fast, Freund Bluthaupts Hand.
»Dir geht es ja gut, verdammt gut!«
Ich erkannte seine Stimme wieder. Wie ich sie liebte, diese kräftige, etwas bäuerische Stimme!
Natürlich ging es auch ihm gut. Immer ging es ihm gut, er konnte am Verhungern sein, er konnte mitten in der Verzweiflung leben; es geht mir gut.
Ich ging rasch zu Ingeborg. »Karl ist da,« sagte ich zu ihr, lachte und ging sofort wieder hinaus.
Ich ging rasch den Korridor zurück, der Regen trommelte gegen die Scheiben, es war ein wohliges Gefühl, ich fühlte alle Tropfen auf meinem Leibe.
Dann kam Ingeborg. In ganz unglaublich kurzer Zeit hatte sie sich angekleidet. Sie trug ihr schönstes Kleid, es war ganz weiß und schmiegte sich um ihren Körper, sie hatte die Schuhe aus Wieselpelz an, die ich für sie ersonnen hatte, eine Rose trug sie an der Brust und eine in der Hand. Die gab sie Bluthaupt. Ihre Augen waren feucht, sie sprach nichts.
Haha, ja, er war überrascht, ich muß es sagen. Er wurde rot und dann blaß, da sah er sehr schön aus.
Ingeborg bot ihm die Rose, wie ein Kind einem Landesherrn eine Rose überreicht, sie neigte den Kopf dabei zurück, ganz gebogen stand sie da.
Er nahm die Rose, gab ihr die Hand, stotterte etwas.
Er habe keine Ahnung gehabt -- nicht die leiseste Ahnung -- er bitte um Entschuldigung, aber alle Züge seien früher abgefahren, als man annehmen konnte.
Ich amüsierte mich sehr in dieser Nacht, ich war so glücklich, daß ich mich herzlich amüsieren konnte. Ingeborg blickte Bluthaupt an, seinen Mund, seine Stirne, seine Hände, sie lauschte, wenn er die Lippen öffnete. Er sprach solch einfache Worte.
Sie hatte noch keinen Dichter gesehen und gehört. Sie dachte, die Dichter trügen Rosen in den Haaren und sprächen in Versen. Ich stelle mir die Dichter vor wie etwas Wehendes, etwas Goldenes, so sagte sie einmal.
Wir hatten Bluthaupts Bücher gelesen, zusammen, Kopf an Kopf. Ingeborg sagte: er kennt mich und deutete auf ihr Herz. Wie er die Menschen doch kennt! -- Bald wird er kommen, Ingeborg. -- Ja, was sage ich zu ihm?
Und nun saß er vor ihr, sie konnte ihn nicht verstehen, sie konnte durch keines seiner Worte, keine seiner Mienen eindringen in ihn, sie grübelte, sie war enttäuscht.
»O,« sagte sie mir am andern Tage, mit besonders rundem Mäulchen sagte sie dieses O. »O!« Sie schüttelte den Kopf. »Nein, was kümmern mich diese armen Droschkenpferde, von denen er so viel sprach? Ich bin nun froh keine Droschkenpferde mehr zu sehen! Dann fährt er mit dem Finger in die Luft hinein und lacht. Diese elenden Droschkenpferde! Haha, das ist der Dichter Karl Bluthaupt!«
»Und sieh, Axel, darauf wußte er mir nicht zu antworten, als ich ihn fragte, wie die Frauen seien. Ich wollte nun gerade seine Ansicht wissen. -- Er wich aus. Das kann niemand wissen. Man kennt sie nicht, man kennt nur Beispiele. Ich traf ein armes Mädchen, sie ging mit mir. Am Morgen verließ sie mich und eine Stunde später war sie wieder da, sie hatte mir eine Kravatte angefertigt. So sind sie. Und wieder, eine Frau kann heute zu einem Mann sagen, du bist ein Heiliger, du kannst Wunder tun, am andern Tage, du bist ein kleiner erbärmlicher Mensch. Sie sind rührend, wenn sie lieben, interessant, wenn sie hassen. Man kann wirklich nichts bestimmtes über sie sagen.«
Einige Tage später kam sie zu mir, nahm mich am Arm und sagte: »Du Axel, nun habe ich es gesehen!«
»Was hast du gesehen?«
»Daß er ein Dichter ist. In seinen Augen sah ich ein Licht, einen Glanz. Woran er wohl dachte? Seitdem sehe ich das Licht immer wieder. Ich glaube es ist das Bewußtsein der Unsterblichkeit, dieses Licht?«
Einige Tage später, da sagte sie: »Komme, Axel, komme. Es ist etwas ganz Merkwürdiges geschehen. -- Höre, es ist sonderbar. Der Knecht, den sie den Mönch nennen, ging an uns vorüber. Bluthaupt betrachtete ihn so sonderbar. Ich lachte. Er trägt Sommer und Winter diesen dicken Mantel und diesen großen Hut, sagte ich. Das ist es nicht, antwortete er, dieser Mensch ist ein Verbrecher. Der Mönch! hörst du, Axel? Ja, er hat ein Verbrechen begangen, einen Mord, aber es ist schon lange Jahre her. Woher er das wisse? Er hat das Gesicht des Opfers in dem seinen, er hat zwei Gesichter, ich sehe es, er dachte immer daran. Woher weiß er nur, daß der Mönch ein Verbrechen beging?«
Ich lächelte. »Glaubst du es denn?«
Ingeborg sah mich verblüfft an. »Ja?« sagte sie, kindlich verlegen. Und sie fuhr fort: »Hören Sie,« fragte ich dann, »wenn Sie nun durch die Straße gehen und sehen viele Gesichter?« Darauf sagte er, dann sehe ich viele Schuld, gewiß. Woher er das habe? Ich habe früher viel mein Gesicht studiert, sagte er, jedes Laster und jede Schuld prägte sich darinnen ab. Er wurde finster, während er dies sagte. Er ist unheimlich! Ich wollte noch mehr wissen. Wenn sie nun im Gesichte Ihres Bruders einen Mord läsen? fragte ich. So würde ich es ihm sagen und mich in acht nehmen. Wovor? Daß ich nicht auch einen Mord begehe. Ich fragte weiter. Wenn er aber Ihre Geliebte ermordet hätte? Was würden Sie tun?
»Ich würde ihn erschlagen, antwortete er, dabei lächelte er, aber ich erschrak über sein Lächeln, er log nicht.«
»Du forschest ihn aus?«
»Ja, ich forsche, Axel!«
Dann sah sie ihn mit der zierlichen kleinen Magd plaudern. Sie sah ihn mitten unter den Knechten stehen, er duzte sie alle. Sie schüttelte den Kopf.
»Er hat hundert Gesichter,« sagte sie, »ich gebe es auf ihn zu erforschen.«
Seitdem nannte sie ihn den Mann mit den hundert Gesichtern.
Und sie erzählte es mir immer, wenn sie ein neues Gesicht an ihm entdeckte.
Sehr spät erst entdeckte sie sein wirkliches Gesicht, so wie ich es sehe, wenn ich die Augen schließe und an ihn denke. --
Ich erinnere mich eines Abends, da er so wunderbar über die Menschen sprach, über Sehnsucht und Glücksverlangen, über Hoffnung, über Glück, über Verirrung, über ihre Trauer, ihren Schmerz, ihre Einsamkeit, ihre Verzweiflung. Wie ein Künstler in die Saiten greift und Akkorde und Melodien flicht, so flocht er Akkord an Akkord und wir hörten ein Lied über des Menschen Herz, das so wunderbar ist, so wunderbar schön, so wunderbar mild, so wunderbar wild, so wunderbar, so wunderbar . . . . . . .
Ich glaube, daß Ingeborg an diesem Abend sein wirkliches Gesicht entdeckte, ich glaube es, denn sie sprach die ganze Nacht nichts darüber, sie blickte mich nur an und ihre Wangen lächelten. Sie zog meine Hand an die Lippen, sie küßte sie nicht, sie drückte sie nur an den Mund. Sie sann.
Ja, gewiß war es an diesem Abend. -- -- --
16
Es ist schön an diesen Sommer zu denken, ihn immer wieder zu durchwandern, durch seine Sonne zu gehen, seine Sonne, nicht die eines anderen Sommers. Ich habe ja seine Sonne im Gedächtnis, sie brennt noch auf meinen Händen und glüht noch um mein Gesicht.
Es ist schön diesen kühlen weißen Korridor zu durchwandern, die Türen zu öffnen, zuzuschlagen, zu Freund Bluthaupt hinaufzusteigen und eine Zigarette bei ihm zu rauchen, ja, es ist eine Lust, in diesen Wald dieses Sommers zu gehen, Ingeborg an der Seite, eingehüllt in Ingeborgs Liebe, die so warm ist, so warm.
All das ist schön. Es ist schön, in den verwilderten Park hineinzulaufen, zu rufen, zu singen.
Nun gehört dieser Park Anton Kreidmeier, einem Knechte.
Ich habe nichts vergessen, nein. Manches ist verschmolzen wie ein Schmuckstück, das man ins Feuer warf, aber vieles steht ganz klar vor mir, scharf, einzeln, für alle Zeiten ist es in meinem Kopfe. Ich bin reich, zuweilen schmerzt mich mein Reichtum, aber nur zuweilen.
Ich habe einen schmalen Riß in der Hand, er rührt von Ingeborgs Busennadel her, all die Jahre ist er nicht vergangen. Oft sehe ich diesen Riß an, ganz zärtlich betrachte ich ihn, ja, ich habe ihn schon gestreichelt. Ach, ich weiß, ich habe einem Manne auf einem Schiffe eine Geschichte über diesen Riß erzählt -- er sah schlecht -- er vermochte ihn kaum zu entdecken -- einem mir gänzlich unbekannten Manne, eine rührende Geschichte von einem Hunde, der diesen Riß verursachte, nur um über diesen Riß sprechen zu können, da ich gerade an ihn denken mußte. So bin ich, muß ich an etwas denken, so komme ich nicht los davon, bis ich es hundertmal gedacht habe, ich muß fortgehen, hinauslaufen, immer wieder von vorne anfangen und an das bestimmte denken. Das ist mir geblieben, es ist recht gut zu vergleichen mit dem vernarbten Riß in der Hand.
Ich betrachte diesen Riß, ich fühle ein Paar Lippen darauf, die das Blut aufsaugen, ich sehe sie, diese gespitzten Lippen, diese bittenden lächelnden Augen, die mich von der Seite her anblicken, um Verzeihung bitten für etwas, was nicht der Rede wert ist, ich fühle ein paar Haare, die mein Handgelenk streifen. Ich spüre den Geruch dieser Haare. Worte höre ich. Ich höre das Wort mein. Diese Stimme die es sagt, ist weich und zärtlich, sie spricht noch ein kurzes I nach dem Ei, mei--in spricht sie. Ich könnte diesen kleinen Riß küssen und ihm danken, wäre er nicht auf meiner Hand. Ich tue es nicht. Wer hätte je gedacht, daß dieser unscheinbare Riß, das unscheinbarste Ereignis in einer Stunde, in der sonst noch viel geschah, mir so viel werden könnte, aus einer Zeit, da es viele Stunden gab, viele, viele Stunden, da ich die Stunden nicht zählte? Er ist mir nun alles, ja, ich muß sagen, jetzt in dieser Minute ist er mir alles, mein ganzes Besitztum, mein Liebling, mein Glück! Ich sehe ihn ja wiederum wochenlang nicht. Denke nicht an ihn, habe viele viele andere Dinge, die mich reich machen, in Entzücken versetzen, aber jetzt, ja jetzt ist er mir alles! --
Die Nachtigall hat uns verlassen, die Lerche brütet zum zweitenmal, die Kirschen sind rot. Viele Bäume sind schon geleert. Grüne Äpfel und Birnen, mit Flaum bedeckt, sieht man an den Bäumen. Die Erde fiebert. Sie ist Mutter, milliardenfach Mutter, hat viel zu tun und wird nicht müde, mit heißen Wangen schafft sie.
Die Sonne funkelt, der Himmel ist blau wie Stahl, stille weiße Wolken sind über ihn verstreut wie weiße Segel über ein Meer.
Was dachte ich? wie war ich?
Ich sehe mich herumgehen. Ich trug einen weißen Anzug, meine Hände und mein Gesicht waren braun von der Sonne. Ich ging mit weiter vorgereckter Brust. Ich ging leicht dahin, der Boden wippte unter meinen Füßen, ich war nie müde, ich hatte immer das Gefühl zu schweben. Leicht geriet ich ins Tanzen. Ich ging in meinem Zimmer auf und ab, da passierte es mir oft. Rotes Viereck, blaues Viereck, meine Füße kaprizierten sich auf das rote Viereck. Rotes Viereck rechts, rotes Viereck links, -- da tanzte ich schon. Oft schlich ich, ich ging leise, ganz leise. Weshalb aber ging ich doch nur leise?
Ich ging tief hinein in den Wald, wo er dunkel wurde und seltsame glänzende Pilze wuchsen und schillernde Fliegen, dort fing ich an zu singen, ich sang so laut ich konnte, unsinniges Zeug sang ich. Oder ich sang Ingeborgs Namen, ich sang so laut ich konnte und lauschte auf den Widerhall. Ich ging durch den Wald, alle Blätter hätte ich küssen mögen, jedes einzeln, vorn und auf der Rückseite. Viele küßte ich auch. Denn es konnte sein, daß eine plötzliche Welle von Glück über mich stürzte, dann mußte ich wohl oder übel die Blätter küssen.
Ich ging um den See herum, der im Parke lag, ich erinnerte mich plötzlich eines Wortes, eines süßen Wortes, das zwei Lippen mir aufs Ohr küßten.
Die Welle des Glückes stürzte über mich, ich zog die Ringe vom Finger und warf sie in den See, ich zog die Nadel aus meiner Binde und warf sie in den See.
Niemand sah es.
Immerzu sang es in mir.
Wir wollen uns schmücken, mein Mädchen, denn unser Glück ist gekommen! Laß uns Kränze von Rosen auf dem Haupte tragen, da es Sommer ist, gib mir deine Hände, du Liebe, sieh, wir wollen die Arme schwingen und tanzen, da die Wiesen grün sind!
So sang es in mir.