Ingeborg

Part 5

Chapter 53,995 wordsPublic domain

An einem Sonntage kam ein Mann zu mir, der aus Haaren, Harz und Honig war. Ich stand am Fenster und sah ihn die Bergstraße heraufkommen. Ein dicker Stock ging neben dem Manne her. Dieser Stock machte noch größere Schritte als der Mann und war immer um einiges voraus. Der Mann stand still und stieß den Stock in den Boden.

»Ist der Herr zu Hause?« rief er über die Wiese.

Ja, der Herr sei zu Hause.

Sofort begann der Mann wieder auszuschreiten, er steuerte auf die Türe zu, und Mann und Stock verschwanden im Hause.

Es pochte laut, und ein bärtiger haselnußbrauner Kopf mit leuchtenden wasserblauen Augen erschien in der Türe.

»Guten Tag auch,« sagte der Mann und trat ein, den Stock in der Hand.

Er sei ein Holzfäller, komme aus dem Walde und heiße Fürchtegott Giselher.

»Willkommen!« sagte ich und streckte dem Besuche die Hand hin.

»Keine Übereilung, Herr!« sagte der Mann, der aus dem Walde kam. Er zog sich einen Stuhl näher zur Türe, ließ sich gemächlich nieder, den Hut auf dem Schoße und den dicken Stock über den Knien. Er blickte durch mein Zimmer, das ein Museum auserlesener Gegenstände war, und lächelte geringschätzig.

Er hatte einen Kopf wie ein Apostel, sein Gesicht verschwand nahezu in dem Kranze rußiger, zackiger Haare, zu dem sich Haupt- und Barthaare vereinigten. Die Brauen, die Federn ähnlich waren, hingen halb über seine wasserblauen, treuherzigen Augen. Der Mann hatte große Hände, Äxte waren sie gleichsam, sie waren voller Risse und Sprünge, die Nägel abgeschabt und braun.

»Ja, ich komme aus dem Walde«, sagte der Bärtige und blickte mich an. »Ein weiter Weg hieher, ein weiter Weg. Aber es ist schön durch Gottes Natur zu wandeln, allezeit ist es schön, etwa nicht?«

Es sei schön, durch Gottes Natur zu wandeln, da habe er recht.

Der Mann zog ein großes blaues Schnupftuch aus der Tasche und schnäuzte sich geräuschvoll.

»Das Getreide steht gut, die Kartoffeln sehen gut aus. Ein wenig Regen noch. Nun, der Herr über Mensch und Vieh wird es wohl einrichten.«

Er wickelte das Schnupftuch zusammen, wiegte den Kopf hin und her und lächelte.

Also er sei Ingeborgs Vater. Ingeborg kenne ich doch, wie?

»Gewiß, gewiß!«

»Hm. Der Herr Graf ist ein biederer Mann mit einem Herzen, das Gott gefällt. Er hat Ingeborg zu sich genommen und sie zu einer feinen Dame erzogen -- das ist alles schön und recht. Sie hat einen klaren Kopf, Ingeborg, das hat der Herr Graf in der ersten Stunde gemerkt. Wer ist dein Vater? hat der Herr Graf sie gefragt. Er haut Bäume um für die Schiffe und meine Mutter ist aus Dänemark, hat sie ihm geantwortet. Sie gefiel ihm, in Sonderheit ihre Stimme hat ihm recht gefallen -- alles schön und recht, es fressen viele Mäuler aus meiner Schüssel. Ein Mensch muß auch etwas wissen in unserer Zeit. Das haben wir nicht im Walde. Alles schön und recht. Ich habe sie nicht gerne hergegeben, aber es war ja viel besser für sie und Eigennutz ist nichts nutz. Nun, nun, nun, ich konnte sie ja auch oft sehen, ich fragte, was mit dem Waldschlag am Weiher sei, ich fragte, was mit der Streu sei, -- ich hatte Holz zu fahren -- ja, es gab immer dann und wann einen Grund ins Schloß zu kommen, ja, ja, ja, gut.«

»Alles schön und gut«, sagte Fürchtegott Giselher und wiegte den Kopf auf den breiten Schultern hin und her.

»Alles schön und gut, ja ja.« Fürchtegott Giselher räusperte sich und nahm den dicken Stock in die Hand und schwenkte ihn ein wenig auf und ab.

Er blickte mich an und murmelte etwas in den Bart. Dann blies er durch die Lippen, daß der Schnurrbart flatterte.

»Alles schön und gut, aber zuweilen denke ich, daß es vielleicht besser für Ingeborg gewesen wäre, wenn sie nicht ins Schloß gekommen wäre. Lieber arm bleiben, aber richtig im Herzen, als eine feine Dame werden -- nun nun, hm, verstanden?«

»In den Wald, mein Herr, da kommt die Sünde nicht. Hören Sie, Herr, im Walde -- ha -- dada, was ist im Walde? Was ist im Walde nicht, sage ich. Schweigen, dunkel, grün und ein Specht klopft. So! Ich sitze vor meiner Hütte und es wird Abend. Es gibt keinen Abend in Städten und Schlössern, nur im Walde. Da ist er. Du kannst ihn anfassen, er sitzt neben dir auf der Bank! Es saust im Walde, es duftet im Walde, Harz tropft von den Bäumen. Herr, wie saust der Wald! Ich höre es. Fünfzig Jahre lebe ich im Walde und nun höre ich, wie er saust. Es saust ringsumher. Der Wald spricht! Worte gehen mir durch den Kopf, Worte wie sie in den Büchern stehen. Ich sitze auf der Bank und klopfe mit der Pfeife den Takt. Ich klopfe den Takt mit der Pfeife, ich will die Worte aussprechen -- -- fort sind sie. Hahaha! Ich bin nur in der Dorfschule gewesen, nur in der Dorfschule -- Herr, wo ist der Feiertag so schön wie im Walde? Ich habe ein frisches Hemd an und meine besten Kleider, ich sitze vor der Hütte und horche auf das Rauschen der Bäume. Ah! Hört ihr es? Es säuselt. Die Wipfel verneigen sich. -- -- Das ist der Herr!! Der Herr geht durch den Wald, und ich höre es. Ich stehe auf, nehme den Hut ab und sage -- -- Herr?! -- Ich höre ihn, höre seine Worte, und ich strecke die Hand aus und spreche zu den Bäumen -- zu den -- -- -- ich spreche zu ihnen --«

Der Mann aus dem Walde saß steif und mit ausgestreckter Hand und strahlenden Augen, gerade als ob er zu den Bäumen spräche.

»Es werde Licht! sage ich. Licht! Verstehst du, Sohn des Himmels, was das ist? Licht! Es werde Licht! Ich höre Stimmen, ganz deutlich, ich lausche. Ich höre sie ganz deutlich. -- -- Ich lausche -- -- fort sind sie. Das ist der Wald.«

Und Fürchtegott Giselher sprach noch lange über den Wald, er sagte, daß am Sonntag alte Männer und Frauen zu ihm kämen und er ihnen die heilige Schrift auslegte. Woher habe er aber diese Gabe, die heilige Schrift auszulegen? Von Gott und vom Walde! Dann rückte er auf dem Stuhle zurecht und sagte: »Ich bin von Gott geschickt, um dir das zu sagen. Es ist noch Zeit umzukehren. Bei den Büchern und nackten Frauen an den Wänden ist Sünde, im Walde ist Gott. Zwischen dir und mir ein Abgrund, mein Freund!«

Seine Augen funkelten, er zog auf dem Boden einen Strich mit dem Stock. »Hier arm, hier reich, hier Gott, hier Teufel. Jawohl!« Er schüttelte den Kopf, daß seine Haare flatterten, und fuhr in erregtem Tone fort: »Die reichen Leute sind für die Hölle. Reich und gottlos ist ein Ding. Meine Tochter wurde reich, nun, ich ließ sie nicht von mir und ihrer Mutter, auf daß sie auch gottlos werde! Sie hat arme Eltern, die im Walde wohnen, da kann sie nicht gottlos werden, nein!«

Hier nahm ich das Wort. Das sei sie doch wohl nicht geworden?

»Nicht!?« Fürchtegott Giselher lachte grimmig.

»Nicht, du Sohn der Sünde? -- -- Ja, Gott hat seine Posten überall ausgestellt. Ich habe einen Brief bekommen von einem Unbekannten --«

»Gewiß,« sagte ich, »Ingeborg ist meine Braut.«

»Hahaha! Mein Freund, auch Maren war meine Braut! Braut, was sagst du, hahaha. Freund, sage ich dir, jung und schön war Maren, aus dem fernen Dänenlande, sprach so sonderbar, sang wie ein Vogel. Oft kam der Teufel zu mir und wollte mich verlocken. Niemand sieht es, sagte er, sieh wie es die anderen treiben! Aber -- ha, acht Jahre haben wir gewartet! -- Braut, das ist etwas ganz anderes!«

Vater Giselher lachte, rückte auf dem Stuhle hin und her und legte beide Hände an den dicken Stock.

Ja, deshalb sei er gekommen, Gott freue sich über jedes wiedergefundene Schäflein. Er wolle wissen -- er wolle wissen --

Ich lächelte. »Wir werden uns wohl verständigen können«, sagte ich.

Ich beruhigte ihn, so gut ich konnte. Ich wolle mit Ingeborg sprechen.

Alles was er wünsche solle geschehen.

Vater Giselher nickte mit dem Kopfe.

»Ich sehe mit dir läßt sich reden, mein Sohn, gut!« Er stellte den Stock in die Ecke.

»Ein schöner Tag!« sagte er, tief aufatmend. »Kostbare Dinge in diesem Zimmer da!«

Nun könne er mir wohl die Hand geben? »Nun schon!« Vater Giselher drückte mir die Hand.

Wir verlebten einen schönen Nachmittag und Abend zusammen, Vater Giselher und ich. Vater Giselher wollte nicht bleiben, aber ich verstand es ihm zuzureden. So blieb er bis zum Abend und schließlich bis Mitternacht.

Ich liebte ihn. Wäre er nicht Ingeborgs Vater gewesen, so hätte ich allein schon diese Eiche aus dem Walde lieb gewonnen, aber so war er noch dazu Ingeborgs Vater. Und Ingeborgs Vater hätte ich unter allen Umständen geliebt, er hätte ein zwölffacher Raubmörder sein können, ja sogar ein Taschendieb.

Wir plauderten, aßen und tranken. Vater Giselher lehnte jeden Wein zuerst mit einer schroffen Handbewegung ab, aber als ich ihm sagte, daß sogar Jesus Christus nichts gegen das Weintrinken gehabt habe -- habe er nicht auf der Hochzeit zu Kana Wasser in feinsten Wein verwandelt? -- ließ er sich bewegen. Er trank den stärksten Wein wie Wasser und ich hatte meine Freude an ihm.

Er sprach, sprach von Ingeborg und wie sehr er sie liebe, mit feuchten Augen sprach er. Er sprach von der Welt und wie schlecht sie geworden sei. Er spie voller Verachtung auf den Boden.

»Nun, du mußt wissen, daß ich ein Blatt lese, der Weinstock und die Reben heißt es, der Pfarrer von Heiligenbrunn schickt es mir immer zu, da steht es drinnen, wie schlecht und gottlos die Welt geworden ist. Eieiei -- eiei! -- Sollte man es für möglich halten? Ein unglaublich verrückter Mann hat behauptet, daß Gott gestorben ist! Gott ist gestorben -- wie -- aber dieser Narr lebt noch! Er hat es gesehen, daß Gott gestorben ist, er hat ihm die Augen zugedrückt, natürlich! hahaha! Und dabei steht doch schon in der Bibel: ewig, ewig, ewig ist der Herr Zebaoth! Dada! --«

Zum Beispiel sei wiederum so ein falscher eitler Schriftgelehrter und Pharisäer aufgestanden und habe behauptet, jenes Wunder auf der Hochzeit von Kana sei erfunden. Haha! Aber ein Mensch, der Tote auferwecken könne, könne doch auch Wasser in Wein verwandeln? Jedes Kind begreife das!

Wie klug diese Pharisäer doch seien! »Der Herr aber ist allmächtig, er kann meinen Stock in ein Huhn, uns zwei in Gerstenkörner verwandeln, und das Huhn frißt die Gerstenkörner auf. Niemand wird glauben, daß der Stock uns gefressen hat, und doch ist es so. Ja, bei ihm ist kein Ding unmöglich!«

Vater Giselher sprach und sprach, aß und trank. Immer wieder sprach er vom Walde und daß Worte durch seinen Kopf klängen, sodaß er sie fast greifen und festhalten könne. Allmählich nannte er eine Menge von Namen, die mir natürlich fremd waren, er fragte dies und jenes, fragte mich auch, ob ich glaube, daß Peter von der Gaschmühle das Mehl gestohlen habe, oder nicht.

Nein, ich glaube es nicht.

Auch Vater Giselher glaubte es nicht. Nein, nie und nimmermehr, denn er hätte doch Peters Vater gekannt, den ein Baum erschlagen habe in jener Sturmnacht vom 3. November 1867. Ob ich je wieder einen solchen Sturm erlebt hätte?

»Haha! Was für ein Wetter, eiei!«

Vater Giselher ahmte das Brüllen des Sturmes nach, das Krachen der Bäume, das Pfeifen der Zweige, das Schwanken der Tannen. Die Zweige der Bäume stellte er durch die ausgespreizten Finger dar, er ließ sie auf und abschwanken und stieß einige Gläser dabei um.

»Was aber nun das Sonderbare ist, dieser Peter hat das Mehl doch gestohlen, Tatsache! Er hat es selbst eingestanden, zwei Monate hat er bekommen!«

Plötzlich hob Vater Giselher den Finger in die Höhe. Der Wald sauste.

Ein Lächeln verklärte sein bärtiges braunes Gesicht und er bewegte die Lippen und klopfte mit der Pfeife den Takt auf dem Tische.

»Jaja, es leben viele Wunder im Walde«, sagte er dann vor sich hin. »Niemand weiß, weshalb die Eiche knorrig sein muß und die Tanne schlank, weshalb das Rotkehlchen eine rote Kehle hat, niemand weiß das. Warum sind die Leute im Walde gottesfürchtig und gottlos die in den Städten? Antwort? haha!«

Um Mitternacht brach Vater Giselher auf. Ich bot ihm den Wagen an, ich wollte ihn selbst nach Hause fahren.

Nein nein!

»Wenn mir Gott Füße gemacht hat, weshalb soll ich denn fahren? Das ist wider den Sinn. -- Nun also, wie es ausgemacht ist: vor Gott und dem Gesetze.«

»Ich werde mit Ingeborg sprechen.«

Vater Giselher ging mit großen Schritten den Berg hinunter und schwang den Stock, daß Funken aus der Straße fuhren. Dann begann er mit lauter Stimme einen Choral anzustimmen. Der Wald hallte. -- -- --

Am andern Tage traf ich mit Ingeborg im Walde zusammen und ich sprach mit ihr. Mein Herz zitterte, wollte sie doch ja sagen!

Ingeborg senkte den Kopf und blickte auf den Weg.

Daran habe sie nicht gedacht, nein.

Sie zuckte zusammen. »Ja, wer hat ihm denn den Brief geschrieben?«

Unsere Blicke begegneten sich.

Ingeborg erblaßte. -- »O,« rief sie aus und schlug die Hände vor das Gesicht, »welch ehrlose Menschen es doch gibt, pfui, pfui!«

»Sein Unglück hat ihm den Verstand verwirrt,« sagte ich. »Er wäre gewiß nie einer solchen Schlechtigkeit fähig gewesen. Denke daran, wie tief du ihn getroffen hast.«

»O, wie schlecht, wie schlecht!«

»Die Verzweiflung macht sinnlos, Ingeborg. Schlecht ist er erst geworden.«

Ingeborg sah mich an und ihre Augen strahlten. »Du, du, du bist gut, Axel! Er ist dein Rivale und doch verteidigst du ihn. Du bist gerecht. -- Ja, Axel denke nicht, daß ich dich nicht liebe, weil ich nicht gleich ja sagte. Ich wollte deine Geliebte sein, deine wilde Geliebte, die aus dem Walde kommt. So schön war es. --«

»Du kannst es ja bleiben, trotzdem.«

»Du sollst mich immer als deine Geliebte betrachten, Axel. Als nichts anderes!«

»Ja, Ingeborg.«

13

Sommer! Unser Sommer. Wir wohnen hoch oben über dem Tale, wie Vögel in ihrem Horste. Wir fühlen uns stolz und frei, etwas vom Stolze und dem königlichen Gefühle der Adler ist in uns gekommen. Tief unten das kleine Tal, Berge, Berge, Wälder, Wälder, soweit wir blicken können. Viele Stunden weit reicht unser Blick, bis zu den fernen hellblauen Höhenzügen, die den weiten Himmel tragen. All das was wir sehen ist für uns zu einem Gesichte geworden, in dem wir lesen, lächeln kann das Gesicht, schmunzeln, es kann hilflos aussehen, es kann vor Zorn und verhaltener Wut beben, todtraurig kann es sein, gleichgültig. Es kann ein Zittern der Rührung über dieses Gesicht rieseln, wenn die feurigen Boten der Sonne am Morgen über den Himmel schweben, das Gesicht kann voller Sehnsucht der scheidenden Sonne nachblicken, verzweifeln, wenn die Sonne gesunken ist, sterben.

Der Mond kommt und kitzelt es, es lächelt, es kichert.

Wie schwebte der Mond in diesem Sommer empor! So frei und stolz und königlich still. Erstaunt sah er zuweilen aus, zuweilen lächelnd wie ein Verschwender, glänzend, als käme er aus dem Bade. Es ging ihm gut. Er blendete wie ein Spiegel aus Silber, in den die Sonne fällt. Alle Sterne waren am Platze, funkelten, er lächelte überlegen.

Die Lerche sang und trillerte in diesen weißen Nächten.

Die Sonne schüttete brennenden Wein auf die Erde, jeden Tag. Es regnete Sonne, in hellen dampfenden Bächen floß sie die vielen Wege und Pfade ins Tal hinab. Ein Dampf von Sonne lag über den Wäldern, ein roter Dampf, in dem lauter kleine Sonnen zitterten. Man mußte die Augen scharf machen und das Licht mit der Hand abblenden, wollte man durch diesen Sonnennebel hindurchspähen. Dann sah man tief unter den schlummernden Wäldern etwas Blitzendes, eine Schlange aus Quecksilber, das war der Fluß. Etwas blitzte, es zappelte, regte sich, das waren Leute, die auf den Feldern arbeiteten.

Es summte, brummte. »Horch!« sagte Ingeborg. Ja, ich hörte es, es war als ob irgendwo in großer Entfernung eine Dreschmaschine surre. Das war der Sommer.

Der Frühling klingt, der Sommer surrt, der Herbst klagt und murmelt, der Winter schweigt.

Die Wälder schliefen, sie lächelten im heißen Schlafe, heitere Träume hatten sie, der Boden war heiß, als würde Brot auf ihm gebacken. Traten wir plötzlich auf eine Lichtung, so stand das Licht vor uns wie eine Mauer, wir prallten zurück. Die Luft zitterte und farbige Feuerchen tanzten über den Gräsern.

Die Erdbeeren wurden rot, das Korn golden und die Menschen braun. Der Schweiß stand auf ihren Stirnen, in den schweißigen Augen kochte die Sonne. Langsam stiegen die Bauern die Bergstraße herauf und sie blieben oft stehen und fuhren sich mit dem Ärmel über das Gesicht. Die Bergstraße war schneeweiß, mit hohem Staube bedeckt, und es ging sich auf ihr wie auf Samt. Die Spuren vieler nackter Sohlen hatten sich in ihr abgeprägt, ganz deutlich wie in Mehl.

Das Haus funkelte golden hinter den Kastanien hervor, in seinen Fenstern brannten helle Feuer. Die Wiese stand hoch und unaufhörlich wimmelte sie von Faltern in allen Farben. Ging man durch sie hindurch, so flatterten sie ringsum in die Höhe und es war als verfolgten sie einen. Prächtige Trauermäntel saßen häufig auf der heißen Treppe und sonnten sich.

Im Hause war es heiß und die blendendweißen Korridore mit den vielen Türen waren die einzig kühlen Orte des Hauses. In den Zimmern war es meistens dunkel, da die Läden geschlossen werden mußten. Steckte man einen Finger durch den Fensterladen, so konnte man fühlen, wie die Sonne ihn röstete.

Am schönsten war es im Parke. Der Park war verwildert, alt, einem Urwalde nicht unähnlich mit den dicken bemoosten Bäumen, die von allerlei Schlinggewächsen umsponnen waren. An vielen Stellen vermochte die Sonne nicht durchzudringen, sie stach mit scharfen Nadeln durch das Laub, aber sie hatte nicht die Macht, diese Dunkelheit zu zerstören. Hier war es kühl und feucht, moderig. Alle Wege des Parkes waren verwachsen und man mußte sich mit den Ellbogen Bahn schaffen. Es gab nur einen langen Hauptweg, der zum Schlosse führte. Wie ein Bach floß die Sonne im Zickzack in seiner Mitte. Hier befand sich ein Brunnen, ein rundes Becken, in dem eine dicke kurze Säule Wassers sprudelte. Diesen singenden murmelnden Brunnen, über dem immer Kühle schwebte, liebte Ingeborg ganz besonders. Sie konnte stundenlang auf seinem Rande sitzen und die Hände in das kühle grüne Wasser tauchen und das goldene Netz betrachten, das auf dem Grunde des Beckens zitterte. Es entstand durch die Brechung des Lichtes mit den kleinen Wellen, die ohne Aufhören zum Rande des Beckens eilten, und schien nach Ingeborgs Händen zu haschen.

Da saß sie und träumte, dann wandte sie sich plötzlich nach mir um und lächelte fein und voll unsäglicher Liebe. Ihr Lächeln glänzte zuerst in den Augen, dann glitt es über die Lippen. Die Lippen öffneten sich und ihre Zähne lächelten, ihre Wangen überzog ein besonders gütiges, beinahe kindliches Lächeln.

Dann sprach Ingeborg mit verträumter, weicher Stimme: »Höre wie der Brunnen rauscht!«

Sie deutete mit der Hand die Allee hinunter. Etwas Weißes schimmerte dort im Sonnenlichte, die Treppe, die ins Haus führte. Und sie sprach: »Dort wohnen wir!« Wie im Traume sagte sie es.

Und ich ging näher, legte die Hand auf ihre Schulter, so leicht es ging und sagte: »Ich liebe dich, Ingeborg.« So leise es ging.

Ingeborg erwiderte nichts darauf, sie lächelte zu mir empor, nahm meine Hand und legte sie an ihre Brust.

Fühlst du? fragte ihr Lächeln.

Und mein Lächeln antwortete ihr, daß ich es wohl fühlte.

Hörst du, was mein Herz sagt? fragte ihr Lächeln.

Und mein Lächeln antwortete ihr, daß ich wohl hörte, was ihr gütiges, herrliches Herz sagte.

Ingeborg, Ingeborg, wie soll ich doch dein Herz nennen? -- --

Ingeborg wohnt in den weißen Zimmern des Schlosses, die gegen Sonnenaufgang gehen. Ich höre sie singen, hell und rein ist ihre Stimme und kräftig, die Wände klingen, und der Wald hallt wie von geschwungenen Glocken, wenn sie drinnen im Walde singt.

Ich sehe auf meine Türe. Da steht: Gehst du, Ingeborg? Und außen an der Türe da steht: Willkommen Ingeborg!

Ich schlafe ein, fünf Minuten schlummere ich, ich erwache, ein großer Brief mit fünf roten Siegeln ist angekommen, oder ein Paket mit Blumen und einigen hübschen Kieselsteinen.

Briefe schwirren hin und her, obschon wir fast stündlich beisammen sind. Aber immer gibt es noch etwas zu sagen, man hat es vergessen, man kann es nicht aussprechen. Es kommt ein Buch mit einer angestrichenen Stelle, oder auch nur ein weißes Blatt Papier, ganz leer, nichts steht darauf, aber näher zugesehen findet man eine kleine matte Stelle.

Ingeborg geht in den Wald, um Blumen zu pflücken, ich sage: eigentlich habe ich nichts zu tun, Ingeborg, ich gehe mit.

Ich gehe um den kleinen See herum, der mitten im Parke liegt. Da kommt Ingeborg daher.

Wohin gehst du, Axel?

Ich gehe um den See herum!

Ich habe ganz den gleichen Weg!

Ich lese aber dieses Buch.

Ich lese ganz das gleiche Buch!

Ich erwache des Morgens, ein Mund küßt mich, Ingeborg steht vor mir zerzaust und naß vom Tau, Blumen in der Hand.

Wo warst du?

Ich schlief im Walde, o herrlich war es. Ich habe oben im Bach gebadet!

Viele Nächte schläft Ingeborg im Walde, oft bekomme ich sie Tag und Nacht nicht zu sehen. Ich sitze und tue nichts, ich warte auf sie. Mein Herz klingt und singt. Mein Sinn wird dunkel -- ich fühle, daß sie nun kommt. Da kommt sie aus dem Walde. Pazzo begleitet sie. Er ist von mir zu ihr übergegangen.

Danderadei -- danderadei -- singt sie und schwingt den Strauß in der Hand. Es klingt wie Fanfaren.

Meine Hände beben, meine Füße zittern, ich gehe ihr entgegen, mit feuchten Augen gehe ich ihr entgegen und ich gehe langsam, weil meine Knie zittern. Außerdem würde ich ja springen, sausen. O, du Herrliche! denke ich, ich flüstere es.

»Ich fand etwas im Walde!« ruft Ingeborg. »Sieben Zettelchen. Du hast sie geschrieben, Axel! Erst fand ich eines. Ich lese: Ingeborg. Axels Hand, denke ich. Ich suche und finde ihrer sieben. Vergilbt sind sie, aber doch kann ich sie noch lesen. Wann schriebst du sie?«

»Ich schrieb sie einige Tage, nachdem du auf der Höhe mit mir gesprochen hattest, Ingeborg! Ich schrieb viele, viele und streute sie in den Wind.«

»Axel, Axel!«

Ich lasse die Pfeife in das Gras fallen, um unauffällig niederknien zu können vor ihr.

Oft fassen wir uns an den Händen und laufen über die Wiese -- durch den Wald und schreien und lachen. Huriho! Hurihohoho!

Groß und weit ist meine Seele geworden. Ein ganzer Weltenraum ist meine Seele nun, voll wiegenden Lichtes. Meine Seele zieht ihre Kreise immer weiter. Ich entdecke mich. Ich staune, staune über mich selbst, bin verwundert über mich selbst. Ich sitze und sehe in mich hinein, blühendes Chaos, wiegende Wunder, Licht und Purpur und sanfte Musik. Ich breite die Arme aus und sehe in den Himmel hinein, nie sah ich tiefer in die Unendlichkeit des Blaus.

Ich breite die Arme aus . . . Da du so schön bist, du großer Gott, wie gütig mußt du sein!

Ich höre mein Blut klingen, es ist rot, funkelt, hat Feuer angezündet, es lacht durch meinen Kopf, es klingt gegen meine Hirnschale, Licht fährt aus meinen Augen.

Ich fühle wie mein Herz das Blut in die Adern schleudert, es rauscht, eine sprudelnde Quelle von Blut bin ich.

Ich fühle das Leben um mich her. Das Leben in einem Halme, einem Blatte, die Säfte pochen, der Halm erschauert, eine Blume schwankt, zuckt vor Wollust zusammen, sie gibt sich hin.

Ingeborg hat den Finger an mein Herz gelegt, da begann es zu schlagen, und nun schlägt es, schlägt es!

Es sind erstickte Schreie der Wonne in mir, mein Blut schreit und ich zucke zusammen -- ja -- -- --

Es gab Stunden, da flocht Gott unsere Seelen zusammen zu einem Wesen. Ein Lächeln entdeckte uns alles was in des andern Brust vorging, wir fühlten es, die Worte brauchten wir nicht. Ich empfand Ingeborgs Stimme als meine Stimme, und Ingeborgs Atemzug war mein Atemzug. Dann brach in meinem Kopfe ein zweites Auge auf, ein schärferes, und dieses Auge blickte hinein in eine zweite Welt, deren Ahnung mich erschütterte.

Wir saßen im dunkeln Zimmer und sahen zu, wie sich eine Blume öffnete. Es war eine weiße Lilie. Sie schälte sich aus ihren Häuten, sie sprengte langsam die Knospe, die Blätter sanken herab, müde befriedigt, voller Lächeln, voller Weinen und Hoffen.