Ingeborg

Part 4

Chapter 43,979 wordsPublic domain

»Was denkst du?«

Ich lächelte. »Schön bist du, Ingeborg! das dachte ich. Gütig bist du, Ingeborg!«

»Laß es dir erzählen, Axel. Höre mir zu. Er schleicht herum, ich weiß es. Seit ich ihn kenne, schleicht er mir nach. Schon als Knabe war er so. Er ist so aufdringlich und so hochmütig. Ich fürchtete mich früher vor ihm, besonders vor seinen Händen fürchtete ich mich. Ich habe nichts mit ihm gehabt, ich haßte ihn. Ja, es ist wahr, zuweilen liebte ich ihn auch. Damals war ich ein dummes Mädchen, ich war stolz auf ihn. Er bekam immerzu Blumen von den Frauen geschickt, er warf sie weg. Er hatte eine Busennadel von einer Königin, er schenkte sie einem Bauernknaben. Ich will mir auch nichts von einer Königin schenken lassen, sagte er. Das gefiel mir, ich war ja so töricht damals. Ich hatte es gerne, wenn er vor mir stand, dann sahen seine Augen aus wie die eines Hundes. Es ist alles Verstellung, er ist so hochmütig und dumm. Immer spricht er von sich, von seinen Konzerten und daß die Leute an den Bahnhöfen stünden, um ihn zu erwarten. Er weinte immer vor mir. Ich weine vor dir, sagte er, tausend und abertausend Frauen gäben ihr Leben für mich und du blickst mich nicht an.« -- --

Einige Tage darauf gingen wir wieder durch den Wald, und wieder schlug Pazzo an. Es war in einem Walde hoher dicker Buchen. Pazzo bellte und sprang in den Wald hinein. Harry Usedom kam hinter einer Buche vor.

»Rufen Sie Ihren Hund zurück!« rief er und zog die Hände an sich.

Er stand am Wege und sah Ingeborg an.

Sein Gesicht war fahl, grau, tiefe Ringe zogen um seine Augen, die matt glänzten.

Sein schmales Gesicht sah aus wie das einer Frau, die dem Tode nahe ist. Seine Lippen zuckten, er hatte die Linke auf das Herz gelegt, und die Finger begannen nervös zu trommeln.

»Ich suchte Sie seit vielen Tagen zu sprechen,« sagte er, »ich wollte Ihnen nur dies sagen: Sie haben ein kurzes Gedächtnis, Fräulein Ingeborg!«

Er griff an den Hut, wandte sich um und ging mit schnellen Schritten in den Wald hinein.

»Komm,« sagte ich zu Ingeborg, indem ich meine Hand sachte auf ihre Schulter legte.

Ingeborg war bleich, sie sprach lange nichts. Dann sagte sie:

»Ich liebe ihn doch.«

Ein Stich fuhr mir ins Herz, ich nahm sachte die Hand von ihrer Schulter.

»Nein, nein! Laß doch deine Hand da. Ich liebe ihn noch ein wenig, er tut mir leid, aber ich liebe dich ja tausendmal mehr, tausendmal mehr. Küsse mich Axel, sei gut!«

»Ich liebe dich,« sagte ich und küßte sie. O, o, nun sei alles gut.

»Ich erschrak, Axel. Nun sollst du alles hören. Ich habe ihm mein Wort gegeben -- es war einige Tage nachdem ich dir auf der Höhe gesagt hatte, daß ich dich liebte. Er kam zu mir in den Garten. Man sieht Sie ja jetzt so selten, sagte er. Ich gehe viel spazieren. Ja, fuhr er fort, die Krone eines Fürsten ist mehr wert, als der Ruhm eines Geigers. So dumm und plump war es. Aber ich war in diesen Tagen unglücklich und hilflos, deshalb zürnte ich ihm nicht. Ich lachte. Was sagen Sie da! rief ich und lachte. Ach, Usedom, wie töricht können Sie doch zuweilen sein. An diesem Abend gab ich mein Wort, aus Trotz geschah es. Er legte seine Hand auf meine Schulter, und ich dachte an dich. Das sollte er sehen, dachte ich, das sollte er nur sehen! Ich ging mit Usedom im Walde herum, nur um dir zu begegnen und dich zu verletzen. Du wirst das nicht verstehen, nein, du nicht. Ich war unglücklich und gedemütigt, ich war verwirrt im Kopfe. O, wie gerne wäre ich damals mit dir gegangen, gleich zu dir hingegangen, und ich sah dich kaum an und sprach mit Pazzo -- -- --«

Wir sitzen in der Sonne auf einer Wiese. Ingeborg singt leise und bindet einen Strauß aus Feldblumen. Ich liege im Grase und lausche und sehe zu, wie Ingeborg den Strauß bindet. Nie in meinem Leben hörte ich solch eine Stimme, nie in meinem Leben habe ich so etwas Schönes gesehen wie Ingeborg. Ihre Wimpern sind golden und lang. Es ist, als ob sie eine kleine Sonne unter den Lidern habe, die hervorstrahle. Ihre Brauen sind golden, regelmäßig und hochgeschwungen, goldene Bogen, man sieht jedes einzelne Härchen. Wie mit einem Pinsel scheinen sie gezeichnet und eines Japaners Hand schien den Pinsel geführt zu haben. Ihre Stirne ist hoch und rein und dahinter stecken all die vielen Gedanken, die sie selbst noch nicht kennt. Ingeborg dreht den Strauß hin und her und drückt ihn mit mütterlicher Liebe gegen die Brust. Es singt ein Vogel im nahen Walde, Ingeborg hält inne und lauscht.

Sie fühlt meinen Blick, hebt die Lider und lächelt mir zu. Sie beschäftigt sich wieder mit ihrem Strauße, vergißt mich ganz, macht ein rundes Kindermäulchen und lächelt die Blumen an und singt leise.

Sie ist fertig. »Ist er schön?« fragt sie.

»Ja!«

»Nun, so nimm ihn! Aber hüte ihn gut.«

Ingeborg ist die Mutter der Blumen und Vögel und sie streichelt die Bäume. Sie kennt alle Kräuter, die Namen aller Vögel, aller Büsche. Sie blickt in die Wipfel der Bäume, als sehe sie Gesichter, und ich habe sie dabei ertappt, daß sie mit Blumen plauderte wie mit Kindern.

Ingeborg ist im Walde geboren.

Ich sehe sie heute, ich sehe sie morgen, jeden Tag sehe ich sie. Jeden Tag glaube ich sie zum erstenmal zu sehen. Und mein Herz bebt nicht minder, kommt sie daher, als am ersten Morgen.

In dieser Zeit lag ich oft lange über Mitternacht vor meinem Hause im Grase. Silbern schimmerte das Tal und die Wölkchen am Himmel. Dunkele Vögel strichen lautlos über den Wald, Leuchtkäferchen segelten vorüber, zuweilen setzten sie sich in meine Nähe und ich ließ sie nicht aus den Augen. So klein wie sie waren, so stumm und prächtig. Sie liebten sich und sie waren so glücklich wie ich großer Käfer. Ich sah ihnen nach, bis sie in der Dunkelheit der Gebüsche verschwanden. Viele Käferchen, Nachtfalter und Motten mit silberigen Flügeln waren unterwegs.

Ich lag und dachte an Ingeborg, dachte an mich und mein unfaßbares Glück. Der Friede des schimmernden Tales zog in mein Herz.

Es war ein solch tiefer Friede, wie ich ihn nie gekannt hatte. Mein Herz strömte über. Und ich stand auf und erhob die Hand und segnete die Welt. Ich dachte: Frieden in alle Menschenherzen, süßen Frieden. Glückliche Stunden allem was da lebt, dem ärmsten Manne im fernsten Lande, dem kleinsten Wurm in der dunkelsten Erde. Feuer dem Frierenden, Brot dem Hungernden, einen sanften Tod dem Mörder, gute Fahrt dem Seemanne auf dem Meere!

Ich lag bis spät nach Mitternacht im Grase und ich hatte das Gefühl dahinzuschweben.

Friedlich schwebt die Erde ihre Bahn, dachte ich. Und ich öffnete die Lippen und flüsterte: »Friedlich schwebt die Erde ihre Bahn.« --

In dieser Zeit, ja, was war doch alles in dieser Zeit!

Ich legte mich schlafen und zählte die Minuten, bis ich sie wiedersehen sollte. Ich ging noch einmal durch den roten Tag und sammelte. Ich fühlte den Druck ihrer Lippen auf meinem Munde, meine Hände behielten den Druck ihrer Hände in der Erinnerung. Die Wärme ihres Atems war in meinem Gedächtnis, die Weichheit ihrer Haare, der Glanz ihrer Augen, das Lächeln ihrer Wangen.

Dann schlief ich ein und im Traume begegnete mir Ingeborg wieder. Von Stunde zu Stunde erwachte ich, ich blickte in die Sterne empor, sie funkelten, sie leuchteten, sie flackerten, sie erblaßten -- endlich!

Und Ingeborg sprach: »Am Tage gehe ich umher, als ob ich träumte. In der Nacht gehe ich im Traume umher, als ob ich wachte.« Ingeborg sprach: »Alle Dinge sehe ich in hohem Glanze. Nie war der Himmel blauer, nie war der Wald grüner. Ich sehe alle Dinge wie mit Regenbogenrändern. O, Axel, dir danke ich alles!«

Ingeborg, Ingeborg, du Liebling Gottes, du Schmuck der Welt!

Die Tage zogen vorüber, wie Rosenblätter einen Bach hinabtreiben, so still, so schön und kaum gesehen, so waren diese Tage.

Das Tal schaukelte wie eine goldene Wiege, der Wald rauschte wie eine Orgel, die Vögel sangen als hätten sie diamantene Schnäbel.

Und Ingeborg jubelte: »Immer blauer wird der Himmel, immer süßer wird dein Mund!«

10

»Ich liebe dich.« Wie schön ist es, das sagen zu können, wie schön ist es, das zu hören --

Es ist ein kleines, kleines Wort, aber jeder muß es einmal sagen und jeder hört es einmal. Wenn eines Menschen Herz aufspringt im Frühling, so muß er es sagen. Er kann ein Tyrann sein mit blutschwarzen Gedanken, er kann ein Forscher sein, der immer über seinen Büchern sitzt, es kommt seine Stunde.

Er vergißt alles, sein Sinn wird dunkel, und sein Mund spricht das kleine, kleine Wort. Schöne, ewige Gedanken kann einer im Kopfe haben, er kann ein großer Mann sein, an den viele denken tagaus, tagein, es kommt seine Stunde und er findet nichts als dies kleine, kleine Wort.

Es ist alt und tief, birgt des Menschen ganzes blutrotes Herz, all sein Glück, all seinen Jammer, bei Tag und bei Nacht wurde es gesprochen, geflüstert und geknirscht wurde es, wird gesprochen werden immerfort, immerfort, solange die Lerche im Äther trillert. -- -- --

Sei gegrüßt, Ingeborg! Ich liebe dich, kannst es glauben.

Ich gehe hin und her, sehe viel in den Himmel empor, sehe viel ins Weite. Lächle. Stehe vor einem Stein am Wege und lächle. Ich bin nie müde. Nein, es gibt nun keine Müdigkeit mehr. Ich schlage die Augen auf und es ist hell und weit in meiner Seele.

Immerzu habe ich Gedanken im Kopfe, herrliche Gedanken, reich ist mein Gemüt, reich und heiß. Wie ein Dichter fühle ich mich, durch dessen Herz große Werke brausen.

Über die Parkmauer spritzen hohe Wogen von Blüten, weiße, rote und violette und zitronengelbe, in meinem Garten stehen viele Blumen, wie wehende Feuerchen sehen sie aus, brennende Lunten, Sonnenflocken, wie rote Münder, wie Augen, ja, auch wie Augen sehen sie aus. Der Frühling hat seine Feuer in den Bergen angezündet und sie brennen Tag um Tag. Er wirft Herzen von Menschen, Rehen und Vögeln, Wünsche von Blumen, Schmetterlingen und Bäumen in seine Feuer, daß sie brennen.

Der Hirsch schreit im Walde.

Ich gehe durch die brennenden Feuer des Frühlings und lächle.

Zuweilen habe ich wunderliche Gedanken! Eine rote schaumige Abendwolke steht über den Bergen, wie ein leuchtendes Schneegebirge. Möchte ich nicht auf der Spitze dieser Wolke stehen und den Hut schwingen? Ich sehe mir den Mond an und es geht mir durch den Sinn, daß ich auf dem Rande des Mondes stehen möchte und die Erde grüßen.

Herrliche Tage und Nächte. Das Herz hüpft mir in der Brust, ich lache vor mich hin.

Niemand weiß es, nein, keine Seele ahnt es, deshalb lächle ich auch vor mich hin.

Ich sitze in meinem Zimmer, es wird Abend. Wollte doch die Nacht schneller kommen! Könnte ich doch eine dunkle Decke über die Erde breiten. Es ist soviele Ungeduld in mir, niemand weiß ja, worauf ich warte.

Schweigen ringsum, die Nacht kommt.

Ich zünde eine Kerze an und setze mich vor die Flamme. Ich höre mein Herz pochen. Ich warte.

Es schreitet wohl irgendwo ferne im dunkeln Wald? Es eilt --?

Ich warte. Ich habe Geduld, Geliebte, übereile dich nicht . . .

Da flüstert es, etwas Helles tritt in den Rahmen der Türe.

Ingeborg!

Ich gehe hin, gleite in die Knie, auch sie kniet nieder und wir küssen uns, beide kniend. Wir schmiegen Wange an Wange, pressen Brust an Brust.

»Nimm Platz!« sage ich leise.

»Ja!« antwortet Ingeborg ebenso leise. Mich trifft ihr leuchtender Blick.

Ich lege meinen Arm um sie. »Du bist bei mir, es ist tief in der Nacht. Ich danke dir, Ingeborg.«

»Wir sind ganz allein.«

»Ja!«

»Niemand weiß, daß wir beisammen sind.«

»Niemand!«

»Ingeborg, ich liebe dich sehr, du weißt es.«

»Ja, ja!«

Ingeborg nickt, sie zieht meine Hand an die Brust.

»Ich habe nur dieses Kleid an,« flüstert sie und lächelt mir zu.

»Du bist gut, Ingeborg!«

Wir lächeln. Unsere Augen sind ohne Lider, die Wimpern zucken nicht mehr.

Ich stehe auf und blase die Kerze aus.

Nun ist es ganz dunkel. Die dunkelblaue Nacht blickt herein. Ein Stern wandert vorbei, leuchtet uns bis auf den Grund unserer Augen.

Ingeborgs Zähne schimmern, ihre Haare sprühen golden auf.

Die Wohlgerüche des Waldes und des Feldes hauchen durch das Fenster und sinken über uns. Aus dem Garten duftet ein Mandelbaum. Feine Geräusche erwachen, bald nah, bald fern. Bald im Wipfel der Kastanie am Fenster, bald in den Ställen, ein Klirren, ein Schlürfen, die Nacht klingt leise. Die Ruhe horcht. Alle kleinen Geräusche halten an sich, keines will den Anfang machen, die Ruhe zu stören.

Unsere Stimmen sinken zu einem Lispeln herab, nicht lauter als das Rieseln eines Brunnens.

»Meine Wangen sind heiß!« sagt Ingeborg. Sie ist stolz darauf.

»Ja,« erwidere ich, »deine Wangen sind heiß, Liebste.«

»Darf ich über deine Brüste streichen?«

»Sie gehören dir!«

»Es ist süß, über deine Brüste zu streichen.«

»Es ist süß, wenn du es tust.«

Wir schwatzen lange Zeit. Die kleinen Geräusche erwachen. Wir rühren uns nicht. Unsere Herzen pochen dumpf.

»Wie schön!« flüstert Ingeborg. »Noch nie war es so schön und so traut!«

Traut! sagt sie. Das ist ein wunderschönes Wort.

Ein bleierner Ton fällt in der Ferne. Die Uhr im Dorfe drunten schlägt. Es ist so still im Tale, daß man die Uhr weit hinein in die Wälder hört.

Ingeborg zuckt zusammen.

»Wir haben Zeit,« flüstere ich.

Ingeborg nickt.

Eine Geschichte erwacht in meinem Kopfe, als ich sage: wir haben Zeit.

»Wir haben Zeit -- wir haben Zeit. Höre, süße Ingeborg, ich denke an zwei junge Menschen, die auf dem Meere segeln. Es ist die Tochter eines Fürsten und ein junger Goldschmied. Er hat der Tochter des Fürsten ein Geschmeide überbracht, da sahen sie einander. Höre, sie liebten sich und entflohen über das Meer.

Unser Schiff ist wie eine Wiege, die zwei Kindlein schaukelt, flüstert die Geliebte. Der Gespiele erwidert:

Das Meer ist unser Brautbett, der Himmel der Dom mit abertausend Kerzen, die zu unserer Hochzeit angezündet wurden.

Ja, sagt die Tochter des Fürsten und schmiegt sich an den Geliebten, Gott trägt uns auf seiner Hand über das Meer!

Höre, süße Ingeborg. Der Steuermann kommt und spricht:

Herrin, ich finde kein Ziel. Wir müßten längst am Ziele sein, viele Wochen sind wir unterwegs.

Hahaha -- wir haben Zeit!

Der Steuermann kommt und spricht:

Herrin, ich finde kein Ziel. Meine Haare sind schneeweiß. Dreißig Jahre segeln wir. --

Hahaha -- wir haben Zeit!

Hundert Jahre vergehen, tausend Jahre vergehen. Hahaha, wir haben Zeit! --«

Ingeborg lächelt.

»Du sprichst, daß mir das Herz stehen bleibt,« sagt sie.

Ich neige mich vor, daß ihr Haar meine Wange liebkost, ich schließe die Augen dabei.

»Wir haben Zeit!« flüstert Ingeborg und lacht leise.

»Ja!«

»Es ist schön, im Dunkeln zu sitzen und die Sterne wandeln draußen vorbei.«

»Ja, es ist unsagbar schön.«

11

Was dachten sich wohl Knechte und Mägde, die im Hause hin- und hergingen? Sie blickten mich an und dachten, daß sich mein Verstand verwirrt habe. Sie begriffen nicht, weshalb die Treppe mit Blumen bestreut war, als ob eine Hochzeit wäre, sie begriffen nicht, daß im Zimmer des Herrn ein Teppich aus Kornblumen gebreitet war, heute, morgen aus Mohn, und an einem andern Tage aus Birkenlaub.

Dieses Haus war weiß Gott ein verzaubertes Haus! Oft öffnete ich die Türen aller Zimmer und ging durch alle Zimmer hindurch. Hin und her, mit einem von Freude und Freiheit geschwellten Herzen.

Die Blumen der Tapeten schienen lebendig geworden zu sein und zu duften, die Bildnisse der alten Herrschaften mit komischen Hüten und Frisuren lächelten. Liselotte, geborene Weikersbach, blinzelte mir zu. Ich stellte mich vor sie und lächelte. Ja, sagte ich, konnte dir leider die Treue nicht halten, Liselotte, so ist die Liebe!

Eine ganz sonderbare Luft webte durch dieses verzauberte Haus.

Diese Luft barg Ausrufe, Flüstern, Blicke, das Schimmern von Zähnen, das Knistern eines schnellen Schrittes. Viele Geheimnisse waren in dieser Luft verborgen, leises Lachen, verliebte Worte, Lider, die sich bewegen, Arme, die einen Nacken umschlingen, das Rot eines Mundes, das Blitzen eines Ringes. Man dachte an nichts, plötzlich hörte man seinen Namen, die Luft rief ihn, plötzlich sah man einen Mund, der ein Licht ausbläst, man erblickte sich selbst, wie man gerade in einem Spiegel seine glücklichen Augen studiert. Die Luft spiegelte das.

Den ganzen Tag ging die Sonne in diesem Hause spazieren, sie stieg durch die Fenster ein, durch die Schlüssellöcher der Türen. Dann kam die Dämmerung und eine kurze Zeit war alles still und tot. Doch sobald der Mond und die Sterne heraufkamen, wurde es wieder lebendig in diesem Hause. Fünkchen sprangen über die Tische und Sessel, es knisterte und etwas kletterte an der Tapete herunter, etwas Silberiges spielte mit einer Quaste, und die Quaste begann zu baumeln.

Im Dorfe drunten schlug die Uhr. Eins, zwei, drei -- zehn. Im Dorf drunten schlug die Uhr. Eins, zwei -- elf.

Ein Hauch wehte durch das Haus. Es knisterte, eine Treppe knarrte, ein Schreiten, ein Flackern und Schweben -- Ingeborg war da!

Es raunte in meinem Zimmer, es wisperte, flüsterte und lachte. Ganz als ob ein kleiner Springbrunnen sänge und kichere. Gewiß waren die Herrschaften mit den sonderbaren Kleidern und Frisuren aus den Rahmen gestiegen und gaben sich Stelldichein in meinem Zimmer.

In vielen, vielen Nächten kam Ingeborg zu mir. Mein Herz klopfte in den langen Stunden des Wartens. Mit einem Jauchzen empfing sie mein Herz. Ja, wie begrüßten wir uns doch? Als seien wir lange Jahre getrennt gewesen und hätte die Sehnsucht unsere Liebe geglüht und gestählt und vertausendfacht.

Ein Ineinandertauchen der Blicke, gestammelte Worte, ein Kuß auf die Fingerspitzen, das war unsere Begrüßung. Gar oft sagten wir gar nichts, wir gaben uns die Hände und lächelten uns an, lange Zeit.

Ingeborg kam aus dem Walde zu mir, in stiller Nacht, ich durfte ihr nicht entgegengehen, ich durfte sie nicht begleiten.

Nein, nein, ich bin deine wilde Geliebte, wohne im Walde, komme und gehe -- verstehst du?

Sie sagte es nicht, wenn sie kam. Ich durfte es nicht wissen. Zuweilen sagte sie: heute komme ich nicht, aber es war kaum Mitternacht, da war sie bei mir.

»Ich hätte nicht schlafen können, Axel!«

»Dank, Dank, süße Ingeborg! Ich saß hier und dachte an den letzten Blick heute Abend. Er hat mein Herz glühend gemacht. Ingeborg, hüte dich! Ich werde dich in meinen Armen erdrücken.«

»Ja, ja!« Sie läßt den Kopf in den Nacken fallen und schließt die Augen. Ihre Zähne lächeln.

»Das werde ich alles Ernstes tun, hüte dich, Ingeborg! Ich liebe dich, du weißt es. Du kannst mit mir tun, was du willst, Ingeborg. Das ist keine Redensart, nein, es ist Ernst, du kannst mich blenden lassen, ich klage nicht, nein, ich lächle. Du kannst mich in den Boden hineintreten, alles was du willst, kannst du. Aber hüte dich, meine Liebe ist gefährlich! Mein Herz ist rot, blutig rot und wild!«

»O, Axel, wie gut muß Gott sein, daß er uns ein solches Glück schenkt!«

Ich erwidere: »Er liebt alle Liebenden, mußt du wissen. Seht, sagt er zu seinen Engeln, sie lieben einander! Und die Engel sagen: gelobt seist du, du Vater der Liebe, du bist ein guter Gott, ja!«

Die Nacht vergeht, die Nacht vergeht.

Heute verging die Nacht schneller als gestern, morgen wird sie schneller vergehen als heute, übermorgen schneller als morgen.

Wir plaudern. Wir schweigen. Wir lauschen auf das Lied des Vogels, der im stillen Parke von seinem Glücke singt. Die Nacht vergeht.

»Horche doch, was der Vogel singt, Axel! Hörst du alles? Nun sang er deinen Namen --«

Ingeborg sieht mich an -- »bleibe so«, sagte sie, »bleibe so -- schließe die Augen -- lächle ein wenig, so! Überirdisch siehst du aus! Bleibe so, rühre dich nicht!« Sie gleitet in die Knie und flüstert:

»Bleibe so, ich will dich ansehen« -- Sie streicht mit dem Finger über meine Hand, ganz leise.

»Ich liebe deine Hand, Axel -- ich liebe jedes Härchen deiner Hand, jeden Nagel, bleibe so, bleibe so -- ich will deine Hand liebkosen --«.

Ich sitze mit geschlossenen Augen. Meine Hand wird leicht in die Höhe gehoben, Ingeborgs Lippen berühren sie -- es durchschauert mich. Es ist ein erstickter Schrei der Wonne in meiner Kehle --

Die Nacht vergeht, der Morgen dampft. Ein helles Kleid verschwindet im Dampfe des Morgens. Ich nehme mein Gewehr und wandere in den Wald hinein. Tief im Walde fallen zwei Schüsse.

Was hat der Herr geschossen?

Nichts, nichts.

Ich treffe nichts, schlechte Augen, sodann zittere ich auch etwas, von der kleinen Pfeife rührt es her. -- -- --

Ich begegnete ganz zufällig Graf Flüggen im Walde, als ich mein Gewehr spazieren trug. Wie ein Zwerg kam er daher mit langen schlenkernden Armen. Er ging immer, als suche er etwas auf dem Boden.

»Hören Sie doch nur, was für ein sonderbares Geschöpf diese Ingeborg da ist!« sagte Graf Flüggen und seine Äuglein blinkerten. »Tag und Nacht läuft sie im Walde herum. Ja, hihi, auch in der Nacht.

Schon jeden Sommer trieb sie es, aber Heuer treibt sie es doch toll. Schläft im Walde, das Mädchen, schläft im Walde.«

Ich lachte.

Graf Flüggen lachte ebenfalls. Er hustete, so lachte er.

»Aber -- aber natürlich« -- er schlug die Hände an die Schenkel -- »sie ist im Walde geboren.« --

»Im Walde fand ich sie. Ganz wie in einem Märchen saß sie da, blond, ein Zöpfchen wie ein Schwänzchen, sang, sang, daß man es meilenweit hörte. Wie heißt du? Ich heiße Ingeborg Giselher. Wer ist dein Vater? Er haut Bäume um für die Schiffe und meine Mutter ist aus Dänemark. Sie sprach so klug und munter, daß mir das Herz aufging. Bist du vielleicht der Waldgott, sagte sie. Ja. Nun, dann kenne ich dich. Ich habe dich vor drei Tagen gesehen, mit einem Buschen auf dem Kopf und einem großen Prügel in der Hand. -- Hi hi hi -- -- du singst, Ingeborg? Ja, ich werde eine Sängerin, die Mutter hat es gesagt. Dann zeigte sie mir auch einen hohlen Baum, in dem gerade zweitausend Zwerge zu Mittag aßen. Seine Tochter ist krank, sagte sie. Wessen Tochter? Nun, die vom König Waps. Sie liegt da. Wo? Nun in der Spinnenwebe. Sie hat Husten . . . . Ja, was ist uns Ingeborg geworden, meiner Gattin und mir? Hihi -- eine Freude für unsere alten Tage, eine Lust, ein Vergnügen -- --.« Er kicherte, nickte, Tränen liefen über seine Wangen.

Immerzu sprach der alte Mann von Ingeborg. Er war etwas schwatzhaft geworden in den letzten Jahren. Aber ich hörte zu, meinetwegen.

»Ja, ja, schläft im Walde, fast jede Nacht. Nun, sie soll ihre Freude gerne haben, unsere Ingeborg.«

Da stieß mich der Teufel ins Genick und ich sagte:

»Vielleicht hat sie einen Geliebten, den sie besucht? Wie?«

Graf Flüggen pfiff durch die Zähne und blinzelte.

»Welch ein Einfall! Nein, nein, eine falsche Vermutung -- er ist ja sehr begabt und hübsch, aber es fehlt ihm -- ja, er ist kein Mann -- er ist leidend, sehr krank, glaube ich. Nun, denken Sie, schon mit zwölf Jahren schleppten sie ihn von Stadt zu Stadt. Nein nein, welch ein Einfall von Ihnen!«

Graf Flüggen lachte.

Auch ich lachte.

»Besuchen Sie mich doch! Keine Zeit? Ich glaube auch unsere Ingeborg wird sich freuen. Sie sagte neulich, weshalb sieht man Fürst Axel so selten?«

Ich würde wohl bald wieder vorsprechen.

»Viele Grüße an Fräulein Ingeborg.«

»Danke, danke. Das wird sie freuen, ja gewiß. Sie hat mir einmal etwas von Ihren Augen gesagt, kann es Ihnen nicht sagen, junger Freund -- hihi --

Früher stellte sie sich unter Ihnen so etwas wie einen Ritter Blaubart vor, ganz sicherlich, wie in den Märchen -- dann bekam sie Sie zu Gesicht, vorigen Herbst. Papa, sagte sie, nun und dann sagte sie eben das von Ihren Augen. -- Adieu, junger Freund. Weidmannsheil!«

12

Rote Tage! Blaue Nächte! Schön ist das Leben! Die Tage sind ein Rausch, die Nächte ein Märchen. Die Tage sind Singen und Lachen, die Nächte sind Küsse, die Tränen des Glückes aus zuckenden Wimpern trinken. Die Tage sind eine große rote Sonne, die Nächte ein blaues Lichtchen Mondenglanz in einem Auge ohne Grund.