Ingeborg

Part 14

Chapter 143,960 wordsPublic domain

Ich gebe ihr die Hand, ich kann noch nichts denken. Auf dem Pelze und den goldenen Locken Ingeborgs zerschmilzen kleine Schneesternchen. Ingeborgs Stimme ist kräftiger und tönender geworden.

»Grüß Gott! Ingeborg --«

»Ja, ja ja -- Axel, Axel! Bekomme ich denn keinen Kuß? Küsse mich doch. Ich freute mich seit Wochen auf diesen Kuß.«

Mein Herz steht still. Ich küsse Ingeborg auf den Mund und verliere die Besinnung --

Da erwachte ich.

Ich lag im Zimmer auf der Ottomane. Es dämmerte. Auf den naßschwarzen Ästen der Kastanien lag Schnee, ein Sperling schaukelte auf einem Ästchen und Schnee stieb herab.

»Ich finde keine Ruhe mehr!« flüsterte ich. Ich war totmüde, einige Tage und Nächte hatte ich nicht mehr geschlafen. So heimtückisch arbeitete es in mir, am Tage konnte ich mich betäuben, solange ich wachte, aber im Traum, da war ich wehrlos. Ich sprach mit mir. »Ich finde selbst im Schlafe keine Ruhe mehr -- es bleibt mir nichts anderes übrig. Nein, ein Fürst tut es nicht, ein Bankier kann es tun -- ein Fürst nicht. Ach, das sind einfältige Redensarten. Nun hat der finstere Gedanke doch gesiegt!«

Ich stehe auf, krame im Schubfache des Schreibtisches und verlasse das Haus. Blaue Winterdämmerung ringsum. Alles schläft, Bäume, Tiere, nur ich kann nicht schlafen. Bald werde ich es können. Der Schnee leuchtet blau, wie Stahl fast, die Abendkälte hat ihn mit einer dünnen Eiskruste überzogen, die unter den Schritten kracht. Ich gehe an der Statue vorüber, einen Eisbärenpelz hat sie um die Schultern geschlungen, als ging sie ins Theater. Pst! hat sie nicht pst! gerufen? Im runden Brunnen sprudelt schwarze Tinte, die eiskalt glitzert. Der Brunnen ist mit dickem Eise bedeckt wie mit Aussatz.

Ich eile durch den Park, zur Grotte, wo der ewige Tropfen fällt. Kupferrot steigt der Mond hinter den Stämmen empor, in Dunst gepackt. Der Schnee ist mit schmutzigem Blute getränkt.

Die Grotte ist still. Der Tropfen schweigt, der Tümpel ist gefroren. Ein toter Frosch ist im Eise zu sehen, er zeigt den gelben Bauch. Die Grotte ist mit Eis überzogen und eine Säule aus Eis, einer großen geronnenen Kerze ähnlich, hängt vom Felsen zum Tümpel.

Ich setze mich in den Schnee. Ich berühre einen Busch und Schnee stiebt über mich und fällt mir ins Genick, sodaß ich zusammenschaure. Ich nehme den Revolver aus der Tasche.

Alles ist Schnee und Eis.

Umsobesser, geht es mir durch den Kopf, ich konserviere mich besser, übrigens liegt dort auch schon einer. Schade, daß ich keine gelbe Weste anhabe! Wer hätte gedacht, daß die Geschichte so leicht ist?

Ich setze den Revolver an die Schläfe und schließe die Augen.

Tick! Der Revolver versagte. Ich blicke in die Trommel. Ich sehe die Kugel.

Und ich setze wiederum den Lauf an die Schläfe. Da berührt jemand meine Schulter und ich blicke mich um. Das verhärmte Gesicht des glücklichen Wanderers nickt traurig über mir.

»Bruder, Bruder,« spricht er sanft und hebt den Zeigefinger mitleidig drohend empor, »es gibt weitaus schlimmere Dinge als ein Weib zu verlieren. Vier Jahre Kerker, Bruder, das ist hart. Ach, ohne frische Luft, ohne Himmel, ohne Freiheit, Bruder weitaus schlimmer ist dies!«

»Schere dich zum Teufel!« schreie ich und presse den Revolver auf das Herz. Aber der Wanderer wirft sich über mich und umklammert mein Handgelenk. Ich keuche.

»Laß los!« Ich ringe mit ihm. Ich nehme alle Kraft zusammen, ein Ruck noch und mein Arm ist frei --

»Laß los.«

Ich erwachte.

Ich lag immer noch auf der Ottomane. Ich schauderte zusammen.

Aber jemand stand im Zimmer, in einen dicken Mantel eingehüllt, einen großen Hut auf dem Kopfe. Er hatte ein rotes aufgeblasenes Gesicht mit heimtückischen kleinen Chinesenaugen. Er stand am Flügel, nahm das grüne Väschen in die Hand, steckte es ein und schlich sich hinaus.

Ich fuhr auf. Ich hörte wie eine Türe vorsichtig zugemacht wurde.

Jemand war eben im Zimmer gewesen. Der Knecht, den sie den Mönch nennen. Ja! Er hatte das Väschen gestohlen.

Ich blickte auf den Flügel: das Väschen war fort!! Träumte ich? Nein, ich träumte nicht mehr. Ich hatte zwei Träume hintereinander geträumt, den von Ingeborg, den von der Grotte. Das wußte ich genau und ich würde es nicht wissen, träumte ich noch. Ich sah ja, konnte mich anfassen, fühlen.

Das Väschen war fort! Lange Wochen stand es doch auf dem Flügel!

Ich rannte aus dem Zimmer, die Treppe hinab, über den Hof. Groß und messinggelb stand der Mond über dem Walde in einem violetten Himmel. Der gelbe Schnee knarrte unter meinen flüchtigen Schritten. In den Ställen klirrten Ketten und die Pferde stampften.

Ich eilte ins Haus und riß die Türe zur Gesindestube auf. Da saßen sie alle im Tabaksqualm, Knechte und Mägde und flochten Strohbänder. Sie rauchten, lachten und erhoben sich, als ich eintrat.

Ich warf die Türe ins Schloß. Es wurde so stille, daß man hörte, wie die Kühe nebenan das Heu aus dem Barren rupften.

Dort stand auch er, der Mönch, im dicken Mantel, den er Sommer und Winter trug, und den großen Hut auf dem roten Kopfe. Wie immer schlug er den Blick zu Boden. Ich trat auf ihn zu und schüttelte ihn leicht am Arme.

»Da bist du ja!« sagte ich und lachte höhnisch.

Der Knecht hob furchtsam die Lider und blickte erschrocken auf mich. Die Röte wich aus seinem Gesichte und die dicken Backen zitterten. Er senkte die Lider, schneeweiß lagen sie in seinem fahlen Gesichte.

»Schon lange habe ich ein Auge auf dich, du!« sagte ich. Alle standen sie ringsumher erschrocken, mit großen Augen und geöffneten Mäulern.

»Ja ja,« murmelte der Mönch. »Hole den Schandarm!«

»Du hast es getan? Wie?«

»Ja ja.«

Der Knecht fiel in die Knie und sagte: »Ich habs getan. Ich bereue es. Zehn Jahre habe ich dran gewürgt.«

»Was tat der Mönch?« fragte einer.

»Er hat gestohlen!« rief ich. »Ein Väschen.«

Gestohlen? Nichts habe er gestohlen.

»Jetzt leugnet er wieder, hoho!« rief ich und ich bewegte die Hand so schnell vor dem Gesichte des Knienden, daß sie dreißig Finger bekam. »Eben gestand er es ein, jetzt lügt er frech. Höre, du, ich lasse dich auspeitschen, daß dir Hören und Sehen vergeht!«

Aber da bekam ich Mitleid mit dem Knechte, der in seinem dicken Mantel vor mir kniete und den Kopf neigte. Er hatte sogar den Hut abgenommen, seine Haare waren weiß wie Mehl.

Ein armer Mensch war das. Wie schlecht bin ich doch geworden, daß ich ihn so anschreien konnte. Wie schlecht! Schlecht mußte ich also auch noch werden!

»Höre,« sagte ich, »was fällt dir ein. Ich tue dir nichts. Gib nur das Väschen her. Hast du es vergraben? Sag es?«

»Ich habe das Ding nicht gestohlen.«

»Vor einer Minute hast du es aus meinem Zimmer gestohlen.«

»Herr, er war diesen ganzen Nachmittag und Abend mit keinem Fuß aus der Stube.«

Alle sagten es.

»Nicht? Nicht?«

Also hatte ich doch geträumt. Aber das Väschen stand ja nicht mehr auf dem Flügel.

Der Knecht erhob sich und setzte den Hut wieder auf den Kopf.

Und mir fiel ein, daß ich das Väschen heute morgen in den Schreibtisch geschlossen hatte, damit es die Magd nicht unglücklicherweise zerbräche.

Ich erbleichte. Stille war es.

»Verzeihe mir,« sagte ich zu dem Knechte und verließ die Stube. Alle Augen folgten mir.

Ich stand im Hofe unter dem dunklen Himmel, aus dem die Sterne wie Eis heruntertropfen.

Meine Füße zitterten.

»Was ist das? Was ist das?« flüsterte ich und ging müde ins Haus zurück. --

38

Ich erkrankte. Diese Reihe von Tagen, bis ich müde zusammenstürzte, bis ich liegen blieb und mich nicht mehr rührte, sie ist in meinem Gedächtnis ausgestrichen!

Ich erkrankte.

Wie lange lag ich krank? Ich weiß es nicht. Dann erwachte ich wieder. Eine Stimme flüsterte. »-- Du Herr, der du Berge versetzen kannst und Mauern einstürzen mit dem Atem deines Mundes, nimm dich des armen Kranken an, auf daß er genese --«

Ich hob die Lider. Ich lag im Bette, am Fenster saß die alte Maria, eine große Brille auf der Nasenspitze und betete. Wie Stricke lagen ihre gebleichten Haare auf dem runden rosigen Schädel. Wo hatte ich dieses Rosige schon gesehen und dieses Kränzchen? Richtig, bei Spanferkeln, genau so, von hinten gesehen.

Und ich lag stille, es machte mir Freude zuzuhören, wie jemand mit seinem Gotte sprach, für mich, immerzu für mich. Ich kicherte beinahe, so schön hörte sich das an. wie Maria Gott pries, als wolle sie ihn durch Schmeicheleien willfähriger stimmen, und dann um meine Gesundheit flehte.

»Die Sonne steht still auf dein Geheiß --« Tatata, dachte ich bei mir.

»-- und Tote stehen auf, auf dein Wort --« Tatata, dachte ich bei mir.

»Sieh auf den armen Kranken und schicke ihm Gesundheit --«

Nach Belieben, dachte ich bei mir. Es war mir so leicht ums Herz und ich war zum Scherzen aufgelegt. Ich schlief wieder ein und als ich aufwachte, war es Abend geworden. Maria saß bei einem Lichte und betete immer noch.

Und ich schlief wieder ein und erwachte am lichten Morgen.

Nun war ich gesund. Ich stand auf und kleidete mich an. Ich war gesund und frisch, wie neugeboren und wollte singen. Aber gerade in dem Augenblicke, da ich beginnen wollte, konnte ich nicht singen. Es war eine eigentümliche Traurigkeit in mir, die mich nicht singen ließ.

Was aber war das doch für eine Traurigkeit? --

Tiefer Winter. Tiefer Winter.

Säcke voll Schnee hat der Himmel über die Wälder geschüttet, die Bäume sind starr und glashart. Ein roter Mond geht auf, eine rote Sonne kriecht durch den dunstigen Tag. Wie Grotten aus blauem Eise sind die Nächte. Der Schnee knarrt, im Walde bellen die Füchse. Sonst regt sich nichts mehr. Die Kälte zerfrißt die Augen. --

Heute schien die Sonne durch den Dunst und das Tal glitzerte weithin vor Freude. Eine Ahnung vom Frühling zitterte tief in der Erde.

Ich sah in die Sonne, es war mir als müßte ich durchsichtig sein wie Glas. Sie wärmte so ganz anders als das lustigste Feuer. Und ich dachte, daß der Frühling schön sei. Ein blühender lachender Apfelbaum am Wege, eine lachende Sonne, eine lachende Wiese, ein Hirtenmädchen, das den Mund bis zu den Ohren verzieht und lacht, ganz wie die Sonne, das ist der Frühling.

Ich schlüpfte in die Lodenjoppe, zog die hohen Stiefel an, nahm den Stock und das grüne Hütchen und ging.

Ausgestorben liegt das Haus, ausgestorben liegen die Ställe und Scheunen, mit dicken Polstern weißen Schnees bedeckt. Sie sind in die Erde gesunken. Die Fenster sind schwarz. Vieh und Pferde sind verkauft, Mägde und Knechte sind fortgegangen.

Nun, ich hielt sie nicht. Sie wollten sich einen andern Dienst suchen. Zu einsam sei es hier oben im Bergwalde. Ich hielt sie nicht auf.

Nur die alte Maria ist bei mir geblieben. In Tücher eingehüllt sitzt sie in ihrem Kämmerchen, wie eine Kastanienverkäuferin in der kalten Straße. Sie wird alt und friert. Am Abend jedoch fällt ein gelber Lichtfleck auf den Schnee des Hofes, aus dem Fenster der Gesindestube. Wer ist noch in der Gesindestube?

Der Mönch. Hin und her geht er, im Mantel, den großen Hut auf dem Kopfe.

Er hat keine Ruhe. Er büßt für etwas. Wofür? Niemand geht das etwas an.

Ich schwinge den Stock und gehe hinein in den stillen Wald. Ich lächle. Ich rücke den Hut zurück und möchte lachen und singen. Aber sobald ich die Lippen öffne, um zu lachen und zu singen, hält mich etwas zurück. Ich weiß nicht was es ist.

Es ist ein eigentümliches Gefühl.

Was ist es doch für ein Gefühl? Rührung, Ergriffenheit, Traurigkeit, Freude?

Von allem ein wenig.

Zartblau ist der Schnee im Walde zwischen den fahlen gefleckten Stämmen der Buchen. Gelbe Wege, gelbe Streifen, das ist die Sonne. Der Himmel schimmert weiß. Die Wipfel der Bäume sind wie in dicke Watte gepackt. Ein Ästchen rührt sich, eine kleine weiße Schlange gleitet herab. Von vielen Büschen sieht man nur noch einzelne Zweigchen, die aus dem Schneehaufen hervorlugen. Über den Weg laufen Spuren von Rehen und Füchsen. Ein Häufchen Krähenfedern liegt im Walde. In der Ferne lacht ein Häher.

Die Gräben sind gefroren und wenn ich mit dem Stocke auf das Eis stoße, so fallen lange Scheiben splitternd ins bereifte Gras. Ein spiegelglatter Tümpel. Ich nehme einen Anlauf und sause darüber hinweg.

Es ist nicht kalt. Die Luft ist frisch und so oft man sie einatmet, glaubt man Eiswasser zu schlürfen.

Da liegt eine Wiese am Waldesrande, sieht aus wie das reinlichgedeckte Bett eines Riesen. Im Sommer stehen gelbe Blumendolden darauf, aus denen der Honig tropft.

Honigtröpflein heißt die Wiese.

Und ich denke an den Sommer. Schweiß, Honig und Feuer ist der Sommer, denke ich, und ein heißer Kuß im Traume.

Ich gehe durch den Wald, stundenlang, auf, ab, auf, ab. Ich muß tüchtig ausgreifen, der Weg bis zum Revier Otternbrücklein ist weit.

Einsam ist es, einsam und feierlich. Der weiße Tod haust im Walde.

Ich komme in fremdes Gebiet. Axtschläge fallen im Walde. Das ist wunderschön, so still, so feierlich und diese Axtschläge. Man glaubt das Herz des Waldes schlagen zu hören. Das Gefühl, daß ein Mensch in der Nähe ist, tut wohl. Man will nichts von ihm, man sieht ihn gar nicht und doch tut es wohl, zu wissen, daß dort einer ist.

Ja!

Da erschrecke ich und trete hinter einen Baum. Ein Wolf! Nein, ein Fuchs. In weitem Bogen zieht er vorüber, den dicken Schwanz durch den Schnee schleifend.

Ich lächle. Weshalb fürchtete ich mich? Nie in meinem Leben war ich furchtsam.

Ich greife tüchtig aus. Hochwald. Das ist Revier Otternbrücklein. Dort liegt die Hütte des Holzfällers.

Vater Giselher sitzt vor der Türe in dunkler Sonntagskleidung. Ernst ist sein Gesicht und er sieht weder nach rechts noch nach links. Seine derben Hände liegen auf den Knien, sie ruhen wie er.

»Guten Tag, Vater Giselher!« rufe ich und schwinge den Hut.

»Guten Tag.«

»Ich kam lange nicht dazu, dich zu besuchen, Vater Giselher,« sage ich. Ich komme in Verlegenheit.

Selbstsüchtig seien Jugend und Glück. Hätten nicht Augen und Ohren für andere.

Ja, er zürnt immer noch, weil wir den Pfarrer nicht nahmen, damals. Er blickt weder nach links noch nach rechts.

Aber der Tod gebiete Versöhnung. »Meinen Dank, daß du kommst. Tritt nur ein, da drinnen liegt sie.«

»Wer?«

Wer lag da drinnen?

»Ihr Tagwerk ist vollbracht. Vierzehn Kinder hat sie geboren und großgezogen. Ihre Pflicht ist erfüllt. Der Herr weiß was er tut.«

Ich atmete auf, ich trat in die Hütte. Es war düster hier, eine hohe Kerze brannte. Daneben schimmerte das friedlich schlummernde, hohlwangige Gesicht einer alten Frau. Die Frau lag langgestreckt in einem breiten, derben Sarge. Ihr Mund war einwärts gezogen und fast kreisrund, der Tod hatte alles spitzig gemacht, die Nase, die Backenknochen, das Kinn. Die Hände lagen im eingefallenen Schoße der Toten, gelb mit blauen Nägeln.

Um den Sarg herum saßen still, die Hände gefaltet, die Kinder der Toten. Es mochten ihrer wohl zehn sein, in allen Größen, Mädchen mit hellblonden abstehenden Zöpfchen und Knaben mit nußbraunen Gesichtern und wirren Haaren. Ein schlankes Mädchen von siebzehn Jahren saß auf einem Stuhl und stopfte einen Strumpf. Ihr zu Füßen kauerte ein kleines Kind, das mit Bohnen spielte. Alle hatten rote Ohren und rote Nasenspitzen, denn es war kalt in der Hütte. Sie wandten mir die Gesichter zu, als ich eintrat, aber sie regten sich nicht. Sie blieben still, die Hände gefaltet.

»Ich bin Ingeborgs Mann,« flüsterte ich dem Mädchen zu, das den Strumpf stopfte. Ich schämte mich, dies zu sagen.

»Mutter ist tot -- hohoho!« schluchzte das Mädchen und große Tränen fielen auf den Strumpf herab.

Hohoho -- weinten sie alle ringsum und sie hörten auf, als die Schwester aufhörte.

Das Kind am Boden kroch unter den Sarg, eine Bohne war fortgerollt.

Und die Tote lächelte friedlich im Lichte der einzigen Kerze.

Da liegt sie! Ingeborgs Mutter ist das!

Das ist ja Ingeborgs Mutter! Sie ist tot. Seht, die Ingeborg geboren hat, ist gestorben!

Ich konnte mich nicht halten, ich brach in Schluchzen aus.

Das ist ja Ingeborgs Mutter!

Ist das nicht die Stirne Ingeborgs? O, ja! Ach, das ist Ingeborgs Kinn!

Ich schluchzte und beugte mich über die Tote und streichelte ihre kalten feuchten Wangen.

Ingeborgs Mutter ist das ja!

»Ich muß mich schicken,« sagte das älteste Mädchen. »Gleich werden sie da sein, um Mutter zu ho -- ho -- holen.«

Ob ich ihr nicht helfen wolle, Mutter den Strumpf anzuziehen.

O, ja, gerne wolle ich ihr helfen, Mutter den Strumpf anzuziehen.

Der Strumpf war naß von den Tränen des Mädchens. Ich betrachtete sie.

»Wie heißt du?« fragte ich und lächelte leise. Es war so manches in diesem Gesichte --

»Maria -- ach nun ist Mutter tot!«

»Willst du nicht zu mir kommen, Maria?« flüsterte ich. Die Stimme wollte mir versagen. Ich hatte vergessen, daß eine Tote im Zimmer lag. »Mein Hauswesen führen?«

Sie brauchten sie hier.

Ich sah mir die Geschwister an. In jedem Gesichte fand ich etwas -- etwas --

Vater Giselhers tiefe, ruhige Stimme wurde hörbar vor der Türe, Hüsteln und Sprechen.

Vater Giselher öffnete die Türe. »Tretet ein!« Durch den Spalt sah man den Kopf eines Schimmels, daneben das runde frostrote Gesicht eines Bauernburschen. Eine Anzahl alter Männerchen und Weiberchen trat ein, so daß das Gemach voller Menschen war. Sie flüsterten, hüstelten und eine Frau begann zu weinen, es klang wie Gekicher.

Ein Greis sagte mit näselnder halblauter Stimme: »Da liegt sie nun, unsere Mutter Giselher.«

Und ein weißhaariges verwachsenes Mütterchen zischelte: »Einen schönen Tod hat sie gehabt,« und alle nickten mit den Köpfen.

»Sie ruht in Gott.«

Vater Giselher schob sich durch die Gruppe. Er nahm ein dickes Buch zur Hand und stellte sich hinter die Kerze. Seine Gestalt war aufrecht wie immer, und sein bärtiger Kopf saß fest und gefaßt auf den breiten Schultern.

Klar und hell war sein Auge.

Und er schlug das Buch auf und begann zu lesen. Wir standen um den Sarg und hatten die Hände gefaltet, die Greise und Mütterchen, die Kinder, und auch ich hörte zu mit gesenktem Kopfe, mit gefalteten Händen, wie die andern.

»Es stehet geschrieben in Gottes Wort,« las Vater Giselher, »in den Psalmen Davids, Psalm 39, Vers 6 bis 8: Siehe meine Tage sind einer Hand breit bei Dir und mein Leben ist nichts vor Dir. Wie gar nichts sind alle Menschen, die doch so sicher leben! Sela. Sie gehen daher wie Schemen und machen sich viel vergebliche Unruhe, sie sammeln und wissen nicht, wer es kriegen wird. Nun Herr, wes soll ich mich trösten? Ich hoffe auf dich.«

Vater Giselher schloß das Buch. »Ich hoffe auf dich! Brüder und Schwestern im Herrn -- eitel sind unsere Hoffnungen dieser Erde, wes soll ich mich trösten? Ich hoffe auf dich.« Vater Giselher sprach und sprach. Laut und markig klang seine Stimme und seine wasserblauen strahlenden Augen wanderten im Kreise umher.

Vater Giselher sprach lange von den Tugenden der Gestorbenen und der Herrlichkeit des himmlischen Reiches und Gottes hoher Gnade. Wenn er den Namen Gottes oder des Erlösers aussprach, so neigten die Männer und Weiber den Kopf.

Dann schwieg er und nach einer kurzen Pause begannen sie alle wie auf ein Zeichen das Vaterunser zu beten. Allen wurden die Augen naß, nur Vater Giselhers Auge blieb trocken.

Vater Giselher trat an den Sarg und sprach: »Ich sehe dich an und ich sehe dich nicht zum letzten Mal. Ich werde dich da droben wiedersehn, so wahr Gott ist, und Freude wird in unsern Herzen sein.«

Der Sarg wurde geschlossen und hinausgetragen und auf den Karren gelegt. Der Bauernbursche sagte: hüh! und der Schimmel wieherte und stampfte durch den Schnee.

Neben dem Sarge schritt Vater Giselher, das Trüpplein der Kinder folgte ihm, dann kam der Zug der alten Weiber und Männer und weit hinter allen ging ich.

Maria und das kleine Kind blieben in der Hütte zurück. »Adieu, Maria,« sagte ich leise und sah sie an. Sie hatte goldene Haare und blaue Augen -- --

Der Schimmel stampfte durch den Schnee und nickte bei jedem Schritte mit dem Kopfe, die Kinder trippelten und die alten zusammengeschrumpften Männer und Weiber humpelten und hinkten, in Tücher eingehüllt, hinter dem schwankenden Sarge einher.

Der Wald begann ringsum zu rauchen. Feiner Schnee fiel.

Es ging steil bergab.

Da kam aus der Tiefe das wehmütige Bimmeln einer Glocke.

Die Kinder begannen bitterlich zu weinen.

Und ich preßte die Hände vors Gesicht und weinte wie die Kinder. Ich weinte leise, damit mich niemand hörte. Leise und unaufhörlich, und je mehr ich weinte, desto leichter wurde es mir im Herzen und ich wähnte nimmermehr aufhören zu können zu weinen.

Vor mir her schwankte der Zug, die Greise und Mütterchen, die Kinder, der Sarg. Feiner Schnee fiel vom Himmel.

Aus dem Tale rief die Glocke.

Und ich weinte, weinte, immerzu und immer heftiger, weinte, weinte -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

39

Der Frühling kommt. Der Sommer kommt.

Wohnt denn niemand in diesem Hause? -- Nein!

Scheiben sind zersprungen, die Dachrinne hängt über das Dach, viele Läden sind geschlossen und Sperlinge nisten darin.

Der Sommer geht. Es kommt der Herbst.

Wohnt denn niemand in diesem Hause? Nein!

Der Winter kommt. Still liegt das Haus im Walde.

Es kommen Leute, pochen, pochen --

Es wohnt niemand in diesem Hause.

Nein!

Wie dieses Jahr verging? Ich sage es nicht. Nein, ich sage es keinem Menschen, selbst Freund Karl nicht, nicht einmal mir. Es ist ausgelöscht, dieses Jahr. Ich habe alles, alles vergessen, ich weiß nichts mehr. Ich weiß, daß ich herum ging, sorgfältig gekleidet und rasiert, daß ich immer über Büchern saß. Was tat ich in den Nächten? Das habe ich vergessen. Ich legte ein Rosenbeet an im Parke, das kann ich gestehen, ich kann auch gestehen, daß in den weißen Zimmern des Nachts eine Lampe brannte. Zuweilen. Nicht in jeder Nacht. Ich kann auch gestehen, daß ich zuweilen des Abends zu den Giebelfenstern hinausspähte, die Straße hinunter und wartete, übrigens nicht jeden Tag. Es standen auch dann und wann frische Sträuße in den weißen Zimmern.

Ich kann auch gestehen, daß am 25. Mai Tag und Nacht eine Kerze in meinem dunklen Zimmer brannte und ich -- nein!

Ich bin nicht über den Park hinaus gekommen, nicht aus dem Hause. Ich hatte keine Lust.

Die Türe des Hauses war abgeschlossen, niemand kam herein. Der alten Maria und dem Mönche hatte ich meine Befehle gegeben und sie gehorchten!

Ich sah alles, was die Bergstraße herauf kam. Nichts konnte mir entgehen.

Eines Tages kamen ein Herr in Reisekleidern und eine Dame mit brennend roten Haaren die Bergstraße herauf. Sie war ebenfalls in Reisekleidern. Ich sah sie kommen, stand hinter der Türe, Angst erfüllte mich. Sie pochten, pochten. Die Angst in mir wuchs, mein Herz stand still, ich hielt den Atem an. Nein, ich habe nichts mehr mit den Menschen gemein, ich kann nie mehr offen mit einem Menschen reden, selbst mit Freund Karl nicht, nie mehr.

Der Herr sagte: »Ist er doch verreist?« Die Dame sagte: »Bestimmt nicht!«

Dann sagte der Herr: »Wir wollen es unter der Türe durchschieben. Er wird sich freuen darüber.«

Eine Weile verging, dann schoben sich Zeitungen herein. Die Spitzen dünner, weißer Finger erschienen. Die Dame sagte leise: »Er tut mir leid!«

Sie meinte mich . . . . Ich atmete wieder.

Es waren große englische Zeitungen. Eine Visitenkarte lag dazwischen. Wir kommen eben von London! Herzlichen Gruß!

Ich las diese Zeitungen: »Tristan und Isolde« -- »Merlin« von Holger Hunt -- -- Ingeborg Hunt-Giselher.

Triumphe, Triumphe! --

Sonst geschah nichts in diesem Jahre. Doch, es kam ein Buch von Karl.

Karls neues Buch. Es hieß »Sturm«. Es waren knorrige Eichen, die brausten und knarrten, sich schüttelten und lachten. -- Seht!

Das Jahr verging. Ich habe vergessen, wie. Dann sah ich wieder mit andern Augen in die Welt.

Der Frühling kam wieder! Abermals kam er.

40

Es ist Frühling.

Ich sitze auf der Treppe meines Hauses und rauche aus meiner kurzen Pfeife. Lustig wirbelt der Rauch heraus. Die Sonne scheint, die Welt ist grün. Grün und durchsichtig wie Glas ist die Wiese, das Laub der Buchen. Blau und durchsichtig wie Glas ist der Himmel. Die Sonne scheint. Die Vögel singen, Tau tropft aus den Bäumen.

Ich rauche die Pfeife und lächle.