Part 13
»Aha! Aha! Ja, das sitzt schon tiefer, das Glück! Gratulation, Gratulation!«
»Danke, danke!«
Ich mußte mich abwenden. Plötzlich hatte ich Tränen in den Augen. Wie dumm das war!
Der Kleine blinzelte. Er schüttelte eigentümlich den Kopf. »Was ist mit dir?« sagte er. »Du bist so sonderbar -- so sonderbar bist du -- ei, ei --?«
»Es ist nichts,« rief ich und lachte und warf den Kopf zurück in den Nacken.
»Desto besser. Es schien mir so -- auch dein Lächeln ist so eigentümlich. Lebe wohl! Noch eines, eine Aufrichtigkeit ist die andere wert, Freund! Sieh mich nur an, mein Gesicht, meine geschorenen Haare. Wenn du nicht blind bist, so weißt du, aus welchem Krankenhaus ich komme. Vier Jahre! Es war ein schlechter und leichtsinniger Streich. Vorbei, vorbei -- lebe wohl.«
Wir schüttelten uns die Hände.
Der Kleine stieg mit raschen Schritten ins Tal hinunter. Er wandte sich dazwischen um und jauchzte und schwang den Hut.
Und ich schwang den Hut und jauchzte Antwort.
Bald sah ich ihn nicht mehr, er tauchte in die Dämmerung unter.
Aber ich hörte noch lange Zeit den jauchzenden Gruß und ich antwortete, bis ich nichts mehr vernahm.
Ein herrlicher Tag!
33
Der Brief ist geschrieben, das Medaillon ist fortgeschickt. Viele Mühe hat mir dieser Brief gemacht. Nun, ich schreibe selten Briefe. Aber dieser Brief durfte nichts von Traurigkeit enthalten, es hat seinen Grund, er durfte auch nichts von Fröhlichkeit enthalten, es hat seinen Grund. So schrieb ich von Pazzo. Daß Pazzo sich verlaufen gehabt hätte, sechs Wochen strolchte er umher, aber jetzt wäre er hier. Aber er sei krank und verstört. Zuweilen knurre er sogar, wenn man ihn streichle, mürrisch sei er wie ein rechter Kranker. Er habe Falten zwischen den Augen bekommen, ein wirkliches griesgrämiges Gesicht. Aber ich hoffe, daß es nun bald eine Wendung zum guten nehme mit Pazzo. Und nun viele Grüße, viele, viele Grüße an euch, ihr lieben Freunde.
Ja, bei Gott, was sollte ich auch anderes schreiben? Der Brief ist geschrieben, das Medaillon ist fortgeschickt. Gerne hätte ich es behalten. Ich sah es mir gut an, bevor ich es einpackte. Ingeborg hatte Karl, hatte Gespräche und Lachen, ich hatte -- nun, Ingeborg brauchte es. Gut.
Ich behielt nun nur noch ein kleines Väschen aus grünem Glase von Ingeborg zurück. Alles andere war eingeschlossen worden in Ingeborgs Gemächer. Diese Gemächer waren verschlossen für immer und die Schlüssel lagen in einem Schranke alter Kleider.
Ein neues Leben mußte begonnen werden!
Aber das grüne Väschen hatte ich zurückbehalten. Es stand auf dem Flügel und ich sah es an, so oft ich vorüberging. Es hatte Form und Farbe einer unreifen Zitrone, goldne Reifchen am Rande. Es war körnig wie rauhes Eis.
Die Tage gingen.
Ich dachte, daß vielleicht bald wieder ein Brief von Ingeborg käme. Ich habe deinen Brief und das Medaillon erhalten, so würde Ingeborg wohl schreiben. Ich saß in meinem Zimmer und blätterte in den Mappen, vielleicht kam der Brief, oder ich ging in den Wald und wenn ich zurückkehrte, lag der Brief da. Man konnte es nicht wissen.
Die Tage gingen. Trübe Tage. Der Wind heulte und warf schmutzige Blätter gegen die Scheiben, daß sie kleben blieben. Alles welke Laub kam aus den Wäldern auf der Wiese vor dem Fenster zusammen und führte Tänze auf. Es war eine hohe, wirbelnde Säule, die tanzte, sie tanzte in den Wald hinein. Die Bäume standen kahl und man sah plötzlich den Turm der Dorfkirche zwischen den Ästen. Die Herbstzeitlosen waren verwelkt und verfault, es gab keine Blumen mehr.
Eine große schwarze Krähe wiegte sich auf dem obersten Zweig einer Buche, der blaue Rauch kleiner Feuer stieg aus dem Walde.
Schwere Wolken schleppten sich über die Berge, sie blieben in den Wipfeln hängen und zuweilen regnete es Tag und Nacht in Strömen, so daß man glaubte, das Schloß würde fortschwimmen.
Oft trat die alte Maria ins Zimmer. Ich sah auf ihre Hände. Sie hielten ein Tablett, einen Teller für Pazzo, einen Schlüsselbund.
Nur Geduld, Geduld. Ingeborg hat viel zu tun. Sie schrieb es ja. Mein Tag ist ausgefüllt mit Gesangstudien. Ich habe einen sehr talentvollen Lehrer, den Komponisten Holger Hunt, er ist ein Bekannter von Karl. Gegenwärtig komponiert er eine Oper, Merlin heißt sie. Er ist sehr streng und ich muß viel arbeiten.
Einmal aber würde sie schon Zeit finden.
Ich verbrachte meine Tage in der Bibliothek. Ich hatte viel zu lernen, es gab der Wunder unzählige in den Büchern.
Was ist mit Pazzo?
»Pazzo was ist mit dir?«
Pazzo liegt auf der Decke vor dem Kamin und öffnet die Augen. Er ist krank und ein starrer, gläserner Ausdruck liegt in seinem Blick. Er frißt fast nichts und ist schrecklich mager geworden. Und nun ist er so schwach, daß er kaum mit den Ohren zucken und den Schwanz bewegen kann.
Wenn ich ihn berührte, so sträubten sich die Haare auf seinem Rücken und er knurrte mürrisch. Niemand durfte in seine Nähe kommen und er fraß nur aus meiner Hand. Kam eine Dienerin, um Holz in den Kamin zu legen, so blies er zornig durch die Nüstern und zeigte die Zähne.
Der Zustand des Tieres machte mir große Sorge. Aber wiederum zerstreute mich die Pflege des Hundes und ich pflegte ihn, wie eine Mutter ihr Kind pflegt.
»Es wird schon gehen, nur Mut, Pazzo!« sagte ich und kauerte auf dem Boden vor ihm. »Nur Mut, mein Liebling!«
Aber es ging nicht besser, nichts wollte helfen, und in einer stürmischen Nacht erhob sich Pazzo plötzlich und schlug laut an. Es war ein heiseres Kläffen, wild und hungerig.
Ich saß am Schreibtisch und las. Ich las in der Bibel, die Geschichte der herrlichen Esther, der Königin. Neben mir stand der Leuchter und mein Schatten fiel groß und phantastisch an die Wand.
Vielleicht hatte der Schatten Pazzo erschreckt, oder das Klappern der Zweige vor dem Fenster.
Und ich beruhigte Pazzo, indem ich freundlich auf ihn einsprach.
Aber Pazzo bellte abermals, scharf und feindselig, und dieser Laut war so fremdartig und entsetzlich, daß es mir kalt über den Rücken rieselte.
»Ruhe, Pazzo!« rief ich.
Pazzo stand mager auf hohen, dünnen Beinen und seine Haare waren gesträubt. Seine Augen funkelten grün und gelb, wie die Augen von Katzen, denen man in dunkelen Gassen begegnet. Geifer hing aus seinem Munde und tropfte auf den Boden.
Das war . . . . .
Sobald ich mich bewegte, zog er die Nase in die Höhe, so daß der Oberkiefer blinkte. Er fauchte wie eine Katze.
Nun ist Pazzo toll geworden! dachte ich und der Schmerz wollte mich überwältigen. Es kam so plötzlich! Ich hatte Mühe mich zurückzuhalten und mich nicht vor dem Hunde niederzuwerfen und ihn zu umschlingen.
Da kam Pazzo gesenkten Hauptes, die Augen stechend wie Brillanten, auf mich zu. Es mußte sein.
Ich nahm das Buch vom Schreibtisch und schleuderte es ihm mit aller Gewalt an den Kopf. Pazzo sprang zurück und kläffte, daß es hallte.
Dann tat ich es. Ich nahm den Revolver aus dem Schubfache.
»Komm Pazzo, mein Liebling!« sagte ich und zielte auf Pazzos Stirne. Die Tränen trübten meinen Blick.
Ich schoß, Pazzo sprang zur Seite, wankte und fiel zusammen. Er bekam noch eine Kugel durchs Ohr. Er zuckte, spreizte die Beine und bog den Kopf zurück. Er war tot, seine Augen starrten gläsern auf die Quaste eines Sessels, die baumelte. --
Das waren die Augen, die Ingeborg zuletzt gesehen hatten . . .
Eine Stimme im Hause schrie und kreischte. Ein Laufen in den Gängen. Dann kamen einige Mägde ins Zimmer gestürzt, dürftig gekleidet, ohne anzuklopfen. Sie starrten mich wie versteinert an.
»Tragt ihn hinaus,« sagte ich, »verscharrt ihn.«
Sie nahmen Pazzos Körper und schleppten ihn aus dem Zimmer. Sein Kopf hing nach unten und er starrte mich an, bis er in der Türe verschwand. --
Er war ein solch schönes und treues Tier, so klug, liebenswürdig, höflich. Er hatte solch klare, vergnügte Augen, sein Fell war so weiß und weich. Und die Sprünge, die er machen konnte! Er schwebte in der Luft, flog, und er konnte sausen, daß seine Ohren wie weiße Fähnlein flatterten. Er hatte ein paar schwarze Kleckse an der linken Flanke -- als habe jemand ein Tintenfaß nach ihm geworfen, so sagte Ingeborg. Er war so dankbar, bei einem Worte, da leuchteten seine Augen, und bei zwei Worten, da tanzte er, und bei drei Worten, da legte er sich einem zu Füßen und schlug mit dem Schwanze. -- -- --
Nun war ich allein. Tag für Tag, Nacht für Nacht.
Das Leben war nicht leicht zu ertragen.
Ich schüttelte den Kopf und lächelte: Welch ein Winter! Ich mußte viel an Hermann Ecke denken, den Herrn auf Entenweiher, den Eva verließ.
Vielleicht hat Hermann Ecke auch einen Hund gehabt, der toll wurde? Nun kannte ich Hermann Ecke genau. Ja, ich sah ihn vor mir.
So, so, ja so sieht er aus! -- Wenn du einem begegnest, fahl sein Gesicht, die Augenbrauen hochgezogen, groß und verwundert seine Augen und ohne Blick, ein wundes Lächeln auf den Lippen: Das ist er!
Da ist seine Geschichte. Ich schrieb sie, weil mich der Kummer niederdrückte.
Ein Mann wandert durch sein Haus und sinnt. Das ist Hermann Ecke. Was sinnt er doch? Es ist kalt in seinem Hause, er kann die Hände durch das Feuer strecken, ohne daß es wärmt. Es ist still. Die Nächte tragen Schrecken und Finsternis um das Haus gleich einem schwarzen Sarge, dem der Wind jammernd folgt.
Es ist Nacht, Hermann Ecke trägt eine Kerze in der Hand und wandert. Hin und her wandert er und sucht. Was sucht er doch?
Eva ist nicht hier, nein.
Eine Mücke summt im Zimmer. Hermann Ecke lächelt. Eine Mücke, sagt er und sieht der kleinen Mücke nach. Er kommt an einem Spiegel vorüber und schließt die Augen, er will sein Gesicht nicht sehen.
Er trägt ein Licht in der Hand, es flackert und Laute kommen aus der Flamme. Er erschrickt und wendet sich um, ein Schatten duckt sich hinter den Schreibtisch. Er geht weiter, aber er fühlt, wie sich der Schatten aus dem Verstecke reckt. Er sieht ihn wachsen, über die Wand, die Decke und eine dunkle lange Hand greift nach seinen Haaren, wie ein verkohlter Arm baumelt es über ihm.
Da schreit er.
Was ist Herr?
Nichts, danke.
O!
Hermann Ecke steht am Fenster und blickt auf die Straße hinab. Klingen nicht Schlittenglocken durch die Winterstille? Ein Wagen saust daher. Wohin? Zu Nachbar Dohn.
Kam da nicht ein Bote? Er taumelte vor Erregung und schwenkte ein Tuch in der Hand. Nein, es ist ein Betrunkener, der ein weißes Bündel trägt. Vielleicht kommt er von einer Hochzeit.
Ist es heute nicht, ist es morgen.
Überall ist er zu sehen, Hermann Ecke. Im Walde, im Felde, im Dorfe. Aber er lächelt nicht mehr, er ist bleich, und groß und verwundert blicken seine Augen. Er geht einher, als suche er etwas auf dem Boden.
Hermann Ecke geht zu den Knechten und Mägden in die Gesindestube, er will sich unterhalten mit ihnen. Er spricht und sie antworten. Immer mehr spricht er, immer weniger sprechen sie. Er sitzt und redet, redet. Alle sehen ihn an. Er geht.
Es ist dunkel, ein dunkler feuchter Abend, ohne Mond, ohne Sterne, feucht, schwarz, und nasser Schnee treibt über die Straße. Hermann Ecke geht ins Dorf hinab und tritt in die Schenke.
Junges Volk ist da versammelt. Knechte und Mägde. Die Dirnen legen die Köpfe gegen die Schultern der Burschen oder sie sitzen ihnen auf den Knien.
Ein Bursche in Hemdärmeln, den Hut im Nacken, spielt die Zither.
Guten Abend, ihr Leute, sagt Hermann Ecke.
Guten Abend.
Die Zither klingt und der Bursche singt. Er singt von einem Stier und einer scheckigen Kuh und daß eine Dirne dabeistand und sie lachte dazu.
So singt er, und die Mägde lachen, und die Burschen fassen sie um den Leib.
Da ist ein kleiner Bursche, ein Schneider, der den Mund weit aufreißt. Er behauptet keine Knochen zu haben. Er hat keine Knochen, prügeln kann man ihn, er spürt keinen Schmerz. Zwei packen ihn an den Händen und Füßen, schwingen ihn hin und her und schleudern ihn gegen die Türe, daß sie kracht. Er steht auf. Nichts hat er gespürt, er hat keine Knochen.
Die Knechte lachen, daß es dröhnt, und die Mägde kreischen.
Hermann Ecke lächelt. Er bezahlt und geht. Gottes Friede sei mit euch ihr guten Leute, spricht er.
Einige kichern und einer sagt: Amen!
Wenn sie alt geworden sind, so werden sie wissen, was es bedeutet, wenn einer sagt: Gottes Friede sei mit euch, ihr guten Leute.
Hermann Ecke wandert durch die holperigen dunklen Gassen des Dorfes. Wo ein helles Fenster ist, dahin schleicht er. Wie ein Dieb schleicht er um die Bauernhöfe und er blickt verstohlen in die erleuchteten Fenster. Eine Bäuerin knetet Teig und rollt ihn mit einem Holze aus, ein Bauer steht am Bette und entkleidet sich langsam. Eine junge Mutter badet ihr Kind, es strampelt, daß das Wasser gegen die Scheiben spritzt. Hin und her schleicht der Dieb und an dem hellen Fenster bleibt erstehen. Da sitzt ein Knabe und lernt. Er bewegt die Lippen und Hermann Ecke hört, daß er lernt. Dann versteht er des Knaben Worte. Heilig, heilig, heilig ist der Herr Zebaoth und alle Lande -- heilig, heilig ist der Herr Zebaoth und alle Lande sind seiner Ehre voll. Heilig, heilig -- Mutter! ruft er plötzlich laut, es steht wer am Fenster!
Der Dieb verschwindet in die dunkelste Gasse.
An einem Zaune wispert es. Der Dieb steht hinter einem Holzstoß und hört, was die beiden dort wispern. Es ist dunkel, aber er sieht ihre Gesichter und ihre Hände. Der Bursche nestelt am Mieder des Mädchens, es schimmert aus dem Mieder. Da knackt ein Ästchen.
Hm, sagt der Bursche und läßt die Hände sinken und geht näher.
Der Dieb springt in den Wald hinein. Atemlos.
Hermann Ecke.
Hermann Ecke irrt hin und her. Er kniet im dunkeln Wald und spricht.
Ich knie hier. Ich knie hier ganz allein im Walde.
Die Tränen laufen ihm über die Wangen.
Ich knie hier, ganz allein --
Hermann Ecke.
Hermann Ecke, mein Bruder, härme dich nicht!
Hermann Ecke keucht und er gräbt die Nägel in seine Brust. Er schreit: Ewige Seligkeit allen Menschen und mir eine ruhige Stunde!
Willst du nicht Gift nehmen -- Gift --?
Hermann Ecke, mein guter Bruder, verzweifle nicht!
Ein Vogel zwitschert vor Hermann Eckes Fenster und Hermann Ecke lächelt. Er denkt an alte Dinge. Der Vogel fliegt fort, nichts ist mehr zu hören.
Eva war ein solcher Vogel, denkt Hermann Ecke. Wenn ein Vogel vor deinem Fenster singt, so kannst du zuhören und dich freuen und dem kleinen Vogel danken. Du kannst ihn nicht halten, mit Worten und Bitten und feinem Kuchen nicht -- er fliegt fort und singt vor einem andern Fenster.
Hermann Ecke kann kein Glück mehr finden, es ist vorbei.
Ihr Menschen, ihr Menschen, ich frage euch, was wißt ihr? Ihr habt Weib und Kind und könnt es küssen. Ich habe nichts als leere Zimmer. Auch habt ihr euer Glück nicht mit Eva gelebt! Was wißt ihr also?
Nichts wißt ihr!
Hermann Ecke, mein guter, guter Bruder . . .
Daß er nicht immer so verzagt und traurig blieb, das weißt du. Und wie er starb, weißt du auch.
Er starb den seligen Tod.
Hermann Ecke.
34
Als der Schnee zu fallen begann, kam zu mir ein unglücklicher Mensch und weinte vor mir.
Es war die ausgelassene Isabella mit den brennendroten Haaren und den treuherzigen Augen.
Sie weinte, knetete das Taschentuch und weinte es naß.
»Ich habe im Scherz gesagt, er hat mich aus Verzweiflung geheiratet, es ist kein Scherz mehr. O, bin ich unglücklich! Ich habe einen Verrückten zum Manne. Er redet des Nachts im Schlafe, zankt sich mit einer Frau, nennt sie Lügnerin und weint und sagt Liebste, Schönste! Nein, Harry ist verloren, ich sehe es ein. Ich bin ein Surrogat, sonst nichts. Denke dir, ich bin ein Surrogat!«
Sie weinte, weinte.
»Harry ist verloren. Er ist schon seit Jahren verrückt. Wenn er lacht, so ist er betrunken, er trinkt zwanzig Gläschen Kognak an einem Tage! Er kann nicht mehr Geige spielen, sie würden ihn auslachen. Er war aber ein Phänomen! Seine Kompositionen sind nichts wert. Nur manchmal spielt er gut, da spielt er am Abend und ich sitze und höre ihm zu. Er blickt mich an. Ich spiele nicht für dich, sagen seine Augen. Und einmal da sprach er es auch aus -- er wollte nicht, aber er sagte es --«
Sie weinte, weinte. Ich unterbrach sie nicht. »Ach, ein paar Wochen, da war es wunder -- wunderbar schön! Er sagte, daß ich ihn gerettet habe. Aber nun -- er ist tagelang fort, mit dem Automobil. Denke dir, er, der so nervös ist, daß er über keinen Steg gehen kann, jagt durch Nacht und Schnee. Wohin? Ich weiß es nicht. Dann kommt er zurück, dann lächelt er vor sich hin -- seine Augen glänzen. Das, das kann ich nicht mit ansehen, dieses Lächeln, diesen Glanz -- o!«
Sie weinte, weinte.
»Er ist solch ein guter Mensch, solch ein seelenguter Kerl -- so mußte er werden. Ich habe ihn gesehen, vor Jahren, er spielte, ach, das war Jugend, leichter Sinn, Glänzen, Strahlen -- und jetzt -- --«
Ich fragte sie: »Weshalb verläßt du ihn nicht?«
Sie sah mich an. »Wie? Ja, ich liebe ihn ja!«
Dann sagte ich: »So sei so gut zu ihm als es dir möglich ist. Muntere ihn auf, reise mit ihm, reise wohin er will --«
»Ja, aber, hörst du, Axel, was bekomme ich aber für alle Liebe, ich?«
»Du kannst um ihn sein,« antwortete ich.
Sie sah mich an. Sie verstand es nicht.
»Ich werde zugrunde gehen!« weinte sie. -- -- --
Ein großer Zauberer hat ein Buch geschrieben, so süß und schön, daß wer es liest sterben muß. Alle lesen es, obgleich sie wissen, daß sie dann sterben müssen.
35
Es ging nicht besser mit mir, nein.
Ich dachte es zuweilen, aber ich täuschte mich. Ich arbeitete viel. Ja, ich kann sagen, nie in meinem Leben habe ich soviel gelesen und studiert wie in diesem Winter. Ich studierte ferne Länder, lernte ihre Sprachen, denn es konnte sein, daß ich bald dorthin reisen würde, wohin keine Geleise mehr laufen. Ich habe keinen eigentlichen Beruf, keine besonderen Anlagen und Talente, ich habe keine Lust und keine Zeit dazu. Ich bin aus altem Geschlechte, degeneriert, gehöre zu jener Klasse der Luxusmenschen, die allmählich ausstirbt. Ich wünsche es nicht; aber man wird bald nur noch Gemüse pflanzen und Rindvieh züchten, der Mensch wird praktisch.
Ja, ich habe viel gearbeitet.
Ich arbeitete, um mich zu vergessen. Ich ging auf die Jagd, wanderte mich müde, ich war ruhig. Aber plötzlich tauchte Ingeborg vor mir auf, so herrlich, so wunderbar -- dann war die Ruhe vorbei, der Schmerz schüttelte mich und ich wußte, daß ich immer noch auf dem Grunde lag und nie mehr Frieden haben sollte da drinnen.
Ich schrieb viele Briefe an Ingeborg, ich sandte sie nicht ab, nur um Ruhe zu bekommen, schrieb ich sie.
Ich schrieb einen, der lautete:
Ingeborg, es ist ein finsterer Gedanke in mir, mit dem ich immerzu ringen muß. Er lockt mich, er gaukelt mir Dinge vor -- er winkt und ruft -- ich ringe mit ihm, es ist schwer, es ist ein verzweifelter Kampf!
Hilf mir! Jeden Tag bekommt der Gedanke mehr Kraft. Er lockt nicht mehr, er höhnt und spottet und lacht. Er triumphiert im geheimen.
Ich schrieb einen, der lautete:
Komme, Ingeborg, Ingeborg! Ich breite die Arme aus! Komme, hier ist deine Heimat.
Komme, komme, eine Pforte aus Rosen will ich bauen, jeder Baum im Walde soll eine lichte Flagge haben, tausend Kerzen zünde ich dir an in jedem Saale, ich will niederknien und deine Füße mit Tränen baden und mit Küssen trocknen. Ingeborg will ich sagen, bist du da? Gebenedeiet seist du, ich bin dein!
Komme, komme, Ingeborg, ich bin auf dem Grunde, ich kann nicht mehr, ich flehe dich an um ein Wort, ein einziges Wort.
Mit Tränen in den Augen schrieb ich diesen.
Dann schrieb ich einen, zerknirscht, bleich: Ingeborg, nicht von Liebe spreche ich heute zu dir.
Nein, ich will dir beichten, Ingeborg, beichten! Ich habe verbrecherische Wünsche, Ingeborg, verbrecherische Gedanken. Ich möchte meine Hand um deinen Gürtel legen und dich an mich pressen. Einmal noch! Ich möchte deinen Scheitel ansehen, leicht darüber streichen über deinen schönen, göttlichen Scheitel. Ich möchte dich auch auf den Mund küssen, nur einmal noch -- einmal noch! Ja -- haha -- so bin ich nun! Ingeborg, einmal möchte ich noch meine Lippen auf deine Brust pressen -- einmal noch möchte ich eine Stunde um Mitternacht bei dir sein --
Es ist auch ein böser Gedanke in mir aufgewachsen, ein Unkraut, ich kann nichts dafür, eine böse Hand säte es. Ich dachte: vielleicht hast du schlecht an mir gehandelt?
Da begann mein Herz zu klopfen und es klopfte so fürchterlich, einige Minuten lang, daß ich bestraft genug war. Verzeihe!
Ich liebe dich. Ich küsse oft meine Kissen, die Stelle -- -- --
Dann schrieb ich einen, ich schrieb ihn mitten im Schrecken: O, ihr Freunde, ihr! Wüßtet ihr es! Ich empfinde jeden Kuß, ich empfinde jeden Händedruck, jeden Blick. Er fällt mir wie ein glühender Tropfen auf mein Herz. Ich empfinde alles, alles, was martert ihr mich denn! Ihr quält mich zu Tode, zu Tode, zu Tode!!
Ich arbeitete, arbeitete, sah nicht links noch rechts, vergrub den Kopf in die Hände. Manche Zeile las ich zwanzigmal, ich zwang mich.
36
Es war Nacht im Walde, nur den Schnee sah ich. Es ging ein Schritt neben mir her. Es war in der Nähe meines Hauses. Es ging eine Stimme neben mir her. Sie flüsterte. Ich wollte sie nicht hören. Sie flüsterte: »Ich habe sie gesehen, sie trägt einen breiten Pelzkragen, grau ist er. Sie sieht so schön und eigenartig aus, daß alle Leute nach ihr blicken. Einer ging neben ihr her, er war groß, machte große Schritte. Er war rothaarig.«
Mein Atem stockte, mein Herz schlug. Ich lauschte, wollte aber doch nicht zuhören. Die Stimme lockte.
»Ich habe sie oft gesehen, oft. Ich sah sie auch mit Holger Hunt, dem Komponisten. Sie bewundert ihn, ich sah es an einem Blicke. Haha -- ich betrachte sie, fahre ganz langsam, ich trage eine Brille, eine Kapuze, niemand sieht mich. Eine großartige Erfindung, das Automobil.« Ich bog zur Seite. Die Stimme ging neben mir her. »Ich sah ihre Hand, sie streifte den Handschuh ab, um Geld aus dem Täschchen zu nehmen Ihre Hand war schneeweiß. Ihr Hals ist frei, auch im Winter. Ich hab ihr dicht in die Augen gesehen -- Himmel! diese, diese Augen! -- sie mußte warten, bis mein Wagen über die Straße gefahren war. -- Haha, ich wollte Ihnen das schon längst erzählen, ich lief immer um Ihr Haus herum, traf Sie nicht. Ich gehe gerne um dieses Haus herum, ja, es ist so eigen, sich vorzustellen -- gewiß -- man kann sie nicht mehr vergessen, nein. Sie vergißt leichter, ha! Sie lebt tagweise. Stimmt es? Sie ist lieblich wie ein Kind und grausam wie ein Kind -- sie lügt -- sie kann keine Blume zertreten, aber einen Menschen zu Tode peinigen --«
Ich lief weg, hinein in den Wald.
Ich schickte einen Boten nach Rote Buche mit einem Briefe, darinnen stund: Ich gehe nur noch mit geladenem Gewehre im Walde!
Harry Usedom schickte mir eine Antwort: Vergebung, Vergebung, das wollte ich doch nicht.
Ich verachtete ihn. Aber ich vergaß nicht, wie berückend seine Geige einst im Walde klang, als er das weinende Glück spielte. --
Einige Wochen darauf erfuhr ich, daß Harry Usedom einen Selbstmordversuch gemacht habe. Er hatte sich aus dem Fenster gestürzt. Er hatte sich schwer verletzt, aber es war nicht lebensgefährlich.
Ich erschrak . . . . . .
Es war als ob etwas über mich sänke, immerzu, immer dichter, ich wehrte mich, aber es lähmte mich, immer undurchdringlicher wurde es.
In Nacht und Grauen wird einer versinken, einer, ich weiß es!
37
Es ging in die Tiefe. So begann es -- --
Ingeborg ist zurückgekehrt. Ist es möglich?
Ich saß im Zimmer und hörte weder den Wagen, noch Schritte. Da ging die Türe und Ingeborg stand auf der Schwelle.
Sie war in einen dicken Reisemantel gehüllt und ihr Gesicht verschwand fast ganz im Pelzkragen. Rot vor Frost war dieses Gesicht, ein kleines, erfrorenes, lächelndes Kindergesicht.
»Hahaha!« lachte Ingeborg. »Kennst du mich nicht mehr?« Ich begriff all das nicht. Ich stand auf und lächelte. Ich bewegte die Lippen, aber ich vermochte nicht zu sprechen.
Und Ingeborg lachte wieder und sagte, daß sie nun auf Besuch zu mir komme, wie sie es versprochen habe. Zwei Monate lang.
»Hahaha, ja, grüß Gott, Axel!«