Ingeborg

Part 11

Chapter 113,981 wordsPublic domain

Ich hatte nicht daran gedacht, daß die Sonne untergehen würde, daß die Nacht heute kommen könnte. Aber alles ging seinen Gang, als wäre nichts geschehen. Plötzlich wurde alles rot, durchtränkt vom Blute der Sonne. Auch meine Hände. Friede und Schönheit überall, meine Brust tobte. Dann sah ich es mit Grauen dunkel werden, immer dunkler. Asche fiel auf die Erde. Finstere Schatten hoben sich aus den Wäldern, irrten hin und her und kauerten sich nieder. Es wurde still, so still wie es nie war. Schweigen, Schweigen. Nicht jenes Schweigen, das man noch hört, nein, ein tieferes unhörbares Schweigen, ein grauenhaftes Schweigen, das mich lähmte. Leer, alles leer.

Nun brach die Nacht an. Pazzo war noch nicht zurückgekehrt. Ich ging hin und her. Ich wartete, ja, worauf wartete ich denn? Ich wartete darauf, daß das Haus über mich zusammenbräche. Ich ging gedankenlos an den Flügel und schlug eine Taste an. Es war ein heller Ton, Ingeborgs Ton war es. Jeder Mensch hat seinen Ton. Mußte ich auch gerade Ingeborgs Ton unter den Finger bekommen.

Ich zündete eine Kerze an, aber die Flamme flüsterte, sie sprach, ein Gesicht erschien in der Flamme. Ich verlöschte sie wieder, viel zu viel wußte die Flamme.

Ich ging hin und her. Es war dunkel. Ich trat ans Fenster. Alles war schwarz. Selbst die Luft war schwarz. Die Sterne fielen vom Himmel und zersprangen auf den finsteren Äckern.

Mich fror.

Plötzlich sah ich ein Zimmer vor mir, eine Lampe war darin, zwei Menschen unter der Lampe, ein Gesicht rückte in den Lichtkreis. So deutlich sah ich es. Ich schloß die Augen.

Ja, Karl konnte Ingeborg haben, wenn Ingeborg nur wollte. Er ganz allein, ja. Er hatte nie ein Glück gekannt, Hunger und Sorgen und Nächte voller Arbeit, er hatte Ingeborg nötig. Dann war es Karl, der Dichter! Ich dagegen, wer war ich gegen Karl?

Ich würde auch allein leben können -- ja auch allein, dachte ich und ging mit steifem Körper hin und her. Mich fror. Alles war leer, alles. Ich dachte an die Fußspur im Staube, an die Geleise in der Sonne. Ich sah wie jemand die Handschuhe abstreifte. Ich sah ein Gesicht, das in der Ferne entwich, ein Paar Augen, die kleiner und kleiner wurden. Ein Tuch flatterte im Walde.

Ich preßte die Finger auf die Augen und drückte die Daumen gegen die Schläfen. Ich saß und dachte, dachte, dachte immerzu.

Da hörte ich ein leises Wimmern, als ob ein Kind wimmere.

Ich erschrak.

Ich stand auf, räusperte mich und ging wieder auf und ab. Mein Glück, meinen Sommer im Kopfe, Ingeborg, jeden Schritt, jedes Lachen im Kopfe und das andere im Kopfe, so ging ich hin und her. Ich hatte ja seit einigen Tagen gewußt, daß das andere kommen würde, daß diese Nacht, da alles leer war, kommen würde, ich hatte es gewußt, meine Seele gewappnet -- aber -- --

Nein, nein, nein!

Ich stand in meinem Zimmer, preßte die Hände auf die Augen und sagte immer das gleiche Wort. Nein, nein, nein . . .

Die Nacht verging, der Tag graute.

Wie verging diese Nacht? Gott weiß es. Auch ich weiß es. Ich denke nicht daran. Ich habe mich nicht auf den Boden geworfen, ich habe mir nicht die Haare gerauft und die Brust zerfleischt, nein, wer dies behauptet, der lügt. Ich hatte nur etwas Blut am Kinn, das war alles.

Die alte Maria entdeckte es, ich hatte es nicht weggewischt. Ich lächelte, so gut es ging, es wollte nicht gut gehen, diesmal, nein, aber doch brachte ich es fertig.

»Ist Pazzo nicht gekommen?« Nein.

»Der Schlingel!« sagte ich und lächelte. Ich sah mein Gesicht dabei, wie ich es sagte, mein Lächeln. Meine Stimme hatte sich verändert.

Die alte Maria starrte mich an und ging rückwärts zur Türe hinaus.

Natürlich, ich konnte nicht wie ein Bräutigam aussehen. -- -- --

Erst einige Tage danach fand ich es: viele, viele meiner Haare waren weiß geworden. Ich war sehr betrübt darüber.

28

Es kamen die Tage des lauten Schmerzes.

Allmächtiger Geist über den Sternen, Vater der Menschen, habe Erbarmen mit mir. Ein neues Herz, ein neues Hirn! Ich flehe dich an, ein neues Herz, ein neues Hirn! Erbarme dich meiner! -- --

Ein Gebet war in mir, meine Lippen flüsterten es nicht, meine Seele sprach es. Einst lag ich in der Nacht im Walde, da hörte ich, wie meine Seele es sprach, ich lauschte, ich verstand. Es waren diese Worte.

Ich dachte, ich könnte nicht unglücklicher werden, als ich in jener ersten Nacht war. Ich dachte, ich hätte den tiefsten Grund des Unglücks erreicht. Nein. Es sollte in die Tiefe mit mir gehen, jene erste Nacht war die erste Stufe, dann ging ich Stufe um Stufe abwärts, immer tiefer, immer tiefer.

Ich habe die Hände gerungen, ich lag Nächte hindurch im Walde und preßte die Zähne zusammen, ich irrte umher, durch Nacht und Regen, mit verwirrtem Sinn. Die Bäume woben sich zu Ingeborgs Antlitz, die Wälder, die Wolken, wo ich hinsah, da war es, da lächelte es, da schimmerte es. Ich sah es im Sternenhimmel. Und schloß ich die Augen, so war es in mir, in mir da funkelte Ingeborgs Antlitz in den Farben des Brillanten. Überall waren Rufe, überall ein Flüstern, ein Lächeln, Worte, Gesang.

Daß ich doch krank würde! Krank, lange Wochen und dann erwachte, erneuert, gesund -- -- o, o! Daß ich doch körperliche Schmerzen zu ertragen hätte, die mich vergessen ließen, was da innen so wehe tat.

Einmal hagelte es, ich weiß es, ich nahm den Hut ab, die Schloßen schlugen mich auf den Kopf, ins Gesicht, auf die Lippen und Augen, es war wie eine Züchtigung, die der Himmel über mich verhängte. Das tat gut. Ich verstand viel, viel, was ich nie verstanden hatte. Die Klöster, wo sie kein Wort mehr sprachen, nur knieten, knieten, lange Gänge entlang rutschten auf den wunden Knien, ich verstand die Flagellanten, die sich den Rücken geißeln, die Einsiedler in den Wüsten. Das war eine Wonne, o, das war ja eine Wonne gegen all das andere, gegen das da innen.

Ich verstand die Trinker, die Verbrecher, die Elenden, die Verworfenen.

Ich erinnerte mich an Harry Usedom, wie er vor uns im Walde stand und mit den Fingern auf sein Herz trommelte. Ich erinnerte mich an Claire Davison, wie sie vor mir stand, einst, wie sie drei Worte sagte: Leben Sie wohl! Ich verstand sie nicht, nicht diesen Blick. Ich habe gesündigt an ihr, schwer gesündigt.

O, wenn dich einer liebt, so sei gütig und schonend gegen ihn, wandere, wandere, bis du ihn findest, wirf dich in die Knie und danke ihm!

Ich irrte umher. Tage und Nächte. Lange Tage kam ich nicht in mein Haus zurück. Lange Tage kam ich nicht in eine menschliche Wohnung. Ich war da tief drinnen im Walde. Ich redete mit mir, mit den Bäumen -- --

Ein neues Herz, ein neues Hirn! Es betete in mir, betete -- --

Ich habe Ingeborg oft gesagt, daß ich sie liebe. Nein, ich liebte sie nicht. Ich glaubte es, ja, ich log nicht, aber ich liebte sie in dem Augenblick erst, da sie mich verließ. Ich wußte nicht, was Liebe ist, nein. Nun wußte ich es. Ich fand kein Wort mehr für diese Liebe, die die richtige war. Flammen, Brausen, das war sie. Sie zerriß mein Herz. Es war, als schnitten Messer kreuz und quer in meinem Herzen. Das war sie.

Ich ging durch den Wald, es war Nacht, es brauste im Walde, die Blätter fielen.

Ich ging, ich ging neben Ingeborg einher. Ich sprach mit ihr. »Ich liebe dich,« sagte ich, »Ingeborg, jetzt, ja, jetzt liebe ich dich! Jetzt bist du in mir, jetzt -- keine Worte --« Die Tränen stürzten mir aus den Augen. Ich kniete nieder und drückte die Stirne in den Boden.

»Jetzt liebe ich dich, Ingeborg, jetzt.« Es stach in mein Gesicht, Nadeln stachen und Ästchen, ich drückte die Stirne tief hinein, es schmerzte, ich hob das Gesicht, es war gespickt mit Nadeln.

»Jetzt liebe ich dich, Ingeborg! jetzt!« -- -- --

Wenn aber Gott aus seinem Sternenwagen gestiegen wäre zu mir herab in den Wald, wo ich litt und verzweifelte, wenn er es getan hätte und gesagt: Ich will dir ein neues Herz geben, ein neues Hirn! Siehe, jetzt lösche ich alles aus, alles.

Nein, nein, mein Gott, tue es nicht!

Das hätte ich geschrien.

Die Tage gingen, ich wurde ruhiger.

Ja, es ist wahr, mein Herz zitterte noch, es war, als verändere es seinen Platz in der Brust, es war, als fräße etwas daran, als hinge etwas Schweres mit scharfen Zähnen an meinem Herzen, es ist wahr, ich erwachte oft des Nachts, weil ich weinte, ich schlief auch wenig, aber ich war doch ruhiger geworden.

* * * * *

Ich begegnete Harry Usedom im Walde.

Wir sahen uns an. Wir grüßten. Wir gingen aneinander vorüber.

29

Trauer erfüllte mein Herz. Eine schwere, tiefe Trauer, sie erfüllte mein Herz, stieg bis in den Hals, die Augen, ich dachte, es würden Tränen aus meinen Augen fallen, sobald ich den Kopf neigte. Deshalb neigte ich ihn nicht, ich ging aufgerichtet einher.

Das war der Herbst. Das Laub färbte sich, es war als schicke die Erde ihr Blut in die Äste, auszublicken, auszuspähen, da der lange Winterschlaf kommen sollte, wo sie nichts mehr wußte. Der Wind wehte, und das Laub fiel. Zuerst von den obersten Ästen, dann bis tief herunter. Die Bäume standen kahl, nackt, sie grämten sich, sie verzweifelten, sie resignierten. Sie lächelten in der matten Sonne, wie Sterbende lächeln. Es gab einzelne Blätter, die sich verzweifelt wehrten und nicht fallen wollten. Aber der Wind riß und riß und endlich riß er sie doch los und warf sie roh triumphierend in die Luft. Und mir war es, als höre ich die flatternden Blätter schreien. Die Vögel sammelten sich, sie schrien, lärmten und eines Tages schwangen sie sich in die Höhe und zogen fort.

Es wurde stiller, stiller. Auch die Grille zirpte nicht mehr des Nachts. Es war ein Weinen im Walde, ein unterdrücktes Schluchzen irrte in der Mitte des Waldes.

Von den Kastanien vor dem Hause fielen die Blätter, es knallte, eine Frucht zerplatzte auf den Stufen. Nun hingen nur noch einige Blätter daran, sie sahen aus wie verkrümmte, vertrocknete Hände. Das Haus stand kahl da, nackt, geschoren, bloßgestellt, es war größer geworden, größer und öder.

Das ganze Tal machte den Eindruck eines Zimmers, dem man Vorhänge, Teppiche und Bilder genommen hat.

Schmutziggraue Wolken schleppten sich über das Tal. Ich dachte an die schaumigen, weißen Wolken des Sommers, die über den blauen Himmel schwebten, Verzierungen gleichsam, ein Schmuck des Sommers. Ich dachte an den Herbst im vorigen Jahre, der mein Herz entzündet hatte mit seiner Glut, seinem Stolze, seinem jauchzenden Tode.

Ich war traurig, ich empfand nichts mehr, keine Farben, keine Gluten, es war auch alles schmutzig, müde, es war ein Herbst, der einen häßlichen, feigen Tod starb.

Ich ging durch den Park, der ganz ohne Laut dalag. Es war ein Friedhof, in dem ein großer Toter schlummerte. Ich kam vorüber an der Statue, dem Brunnen, an der Grotte stand ich ein Weilchen still. Der Tropfen fiel. Ich ging durch das Pförtchen hinaus in den Wald. Da war ein Pfad und ich lächelte und sagte: »Hier gingst du, gütige Ingeborg, in jenen Nächten --«

Ich sagte es mit sanfter Stimme und es tat mir wohl, es recht gütig zu sagen, als höre es Ingeborg, die Gute.

Ich legte die Handfläche an den Boden und streichelte ihn. Vielleicht huschte hier Ingeborgs Fuß darüber? Man kann es nicht sagen. Ich fand einen Kiesel, der in den Pfad getreten war. Vielleicht hatte Ingeborgs Fuß ihn in den Pfad getreten? Sollte ich ihn mitnehmen? Nein.

Aber ich wandte doch um und nahm ihn mit.

Vielleicht? Niemand kann es sagen.

Heilige Erde, heiliges Land, heiliger Wald! Ich kniete nieder und küßte den Boden des Waldes. Heiliges Land, hier wandelte ihr Fuß! heilige Bäume, an euch ging sie vorüber!

Und die Bäume, die der Herbst geschändet hatte, wiegten sich traurig hin und her und klagten leise. Sie trauerten mit mir und der ganze Wald flüsterte Ingeborgs Namen. Ich ging durch den Wald und lauschte. Es tat wohl, daß alles mit mir trauerte.

Ich erschrak, sah ich einen Stein, auf dem wir saßen, ich erschrak, sah ich einen Baum, den wir beide kannten. Ich freute mich, ich litt.

O hört, ich fand eine hohe, ernsthafte Edeltanne im Walde, worunter wir einst saßen, als es regnete. Ingeborg lugte aus dem Versteck hervor und haschte mit dem Munde nach Regentropfen. Ich liebe die kleinen Regentropfen, sagte sie. Und dann zählte sie alles auf, was sie liebte, während der Regen herabströmte und wir unter einem Wasserfall saßen.

Ich liebe die kleinen Regentropfen, Axel, ja. O, ich liebe Wind und Wetter, ich liebe Hagelschlag und Schnee, ich liebe die Sonne über alles, die Wolken, die Bäume und das Rauschen der Bäume, ich liebe über alles die Vöglein und ganz besonders die Johanniswürmchen, auch die Blitze, sie lachen mich ja an, und dich, dich, Axel, dich mehr als alles, alles, mehr als tausend Sonnen und mehr als alle Sternennächte und das wildeste Gewitter --

Ich ging vorüber an der Edeltanne und lächelte, aber ich mußte den Kopf zurückbeugen.

Es sang kein Vogel mehr im Walde, nein.

Ich ging bis an Graf Flüggens Schloß, sah das Tor mit den bemoosten Löwen, die die Wappen hinhielten, ich ging durch unser Birkenwäldchen, ich kam an unseren Apfelbaum. Kahl stand er. Braune, lederne Blätter baumelten an den Stielen. Im welken Grase lagen verfaulte Früchte.

Einst, im lichten Frühling, da schüttelte ich ihn und es fielen die Blüten über einen goldenen Scheitel -- --

Ich ging auf die Höhe, wo die Bank stand. Das Tal lag da wie durch gelbes Glas gesehen. Welk und müde und leuchtend, wie das Antlitz eines Sterbenden, das ein eigentümliches Licht ausstrahlt. Die Wiesen waren braun und sumpfig, Herbstzeitlosen standen darauf. Die Gruben waren mit welkem Laube gefüllt, sie waren Gräber, der Sommer lag darin, Hoffnung und Freude des Sommers und sein Duft. Neben der Bank stand eine Distel, sie sah aus wie der graue Kopf eines alten, schmutzigen Weibes mit gesträubten Haaren. Die Felder waren gemäht. Die Stoppeln taten mir weh, es war mir, als ginge ich mit nackten Füßen über die Stoppelfelder. Ich dachte an den Frühling, da die Saat aufging, so jung so grün, sie kitzelte mein Herz, und dann, wie es wuchs und sie die grünen Fahnen aussteckte und schwenkte vor Freude. Dann kam die Zeit, da das Tal wie in einer großen Pfanne briet und jeder Punkt der Luft zu singen begann, da wurde der Weizen blinkend wie Messing und das Korn rot wie das Fell des Fuchses. Das war ein Grüßen und Nicken und Verneigen, wenn wir durch die Felder gingen! Und die Grillen zirpten in den Feldern, das klang als wären tausend winzige Schmiede tief in der Erde beschäftigt, feines Silber zu hämmern. Dann kamen die schlimmen Tage, die Sichel rupste und rauschte und eines Tages lagen die Ähren da, gefällt, steif, auf dem Gesichte, wie erschossene Soldaten. Das schmerzte uns beide sehr.

Ich stand im Winde, die Feder auf meinem Hute schnurrte, mitten im kahlen Herbste, und dachte an den Sommer und die Stoppeln schmerzten mich, wie Krüppel kamen sie mir vor.

Ich ging weiter.

Ich ging umher, besuchte alle Bänke, Steine, Lichtungen, die von Erinnerungen umschwebt waren. Es gab viele heilige Orte im Walde, solche, die ich nicht betrat, ich sah sie nur aus der Ferne an. Schwermütige Geheimnisse waren in meiner Brust.

Meine gewöhnlichen Wege waren das.

Dann wurde es dunkel, die Sonne verschwand bald und nach kurzem Abschiede hinter den Bergen.

Es war Herbst, Herbst. Der Wind wehte kalt. Gewiß würde es bald dunkel und kalt sein auf der Welt, auf lange, lange Wochen. Alle Dinge froren schon, die den Winter ahnten und die finsteren Nächte.

Es war lange bis zum Frühling.

Ich blickte in den Wald hinein, der braunschwarz in der Tiefe war. Ach, traurig sah es da drinnen wohl aus. Und ich dachte -- wie ich darauf kam, weiß ich nicht -- ich dachte -- so kann es wohl sein: Unter einem faulen Pilz, da sitzt ein Zwerg im finstern Walde und er flickt zähneklappernd den Wintermantel aus Maulwurfspelz. Eine Schnecke leuchtete ihm.

Ich werde sterben, klagt die Schnecke.

Ich werde leben, erwidert der Zwerg und seine Zähne klappern. Ihr Schnecken habt es gut! Es ist lange bis zum Frühling!

Ich trat ins Haus. Vielleicht war auch ein Zwerg im Walde, ein grauer, müder Zwerg, der sich eigenhändig in die Erde einschaufelte.

Es war so stille im Hause und überall schien einer zu stehen, der etwas sagen möchte. Ich pfiff.

Eine Tür öffnete sich und der kahle Kopf der alten Maria erschien kugelrund in der hellen Spalte.

»Ich bin es,« rief ich laut. »Hat man die Zeitungsannonce wegen Pazzos besorgt?«

»Ja, Herr.«

»Dann ist es gut. Er wird nun bald kommen, unser guter Pazzo. Haha. Gute Nacht, Mütterchen!«

»Gute Nacht auch, Herr.«

Nun kam die Nacht, die lange Nacht.

Ich schlief sehr wenig in diesen ersten Wochen. Ich saß in der Bibliothek und las. Ich spielte Klavier. Da kam dann Ingeborg aus allen Tönen, in allen Gebärden, es war schön, aber oft mußte ich aufhören.

Ich saß auf dem Fenstersims in den weißen Zimmern und wartete auf den Morgen. Ingeborg war um mich.

Ein Duft von Waldmeister war in den weißen Zimmern, er war mir früher nie so stark aufgefallen. Am Morgen, da wohnte die Frühsonne darin. Es tummelten sich Milliarden blitzender Fünkchen in den weißen Räumen, sie flogen mir in die Augen, so daß ich sie geblendet schließen mußte. Nachts da zitterte ein gespenstisches, mattes Licht über allen Dingen und die welken Sträuße in den Vasen und Krügen begannen zu duften. Ihr Geruch war der Geruch der Vergangenheit, man wußte: hier hat jemand gewohnt. Entblätterte Rosen lagen auf dem Boden, gelber Blütenstaub auf der Tischdecke. Ein feiner Geruch von Ingeborgs Gewändern und ihrem Nacken, ihren Haaren schwebte aus den toten Möbeln. Ich saß auf dem Fenstersims, im blauen Mondlicht und plauderte mit ihr. Ganz wie einst. Wir führten Gespräche und ich ahmte Ingeborgs Stimme nach, so gut es ging. Wir führten mitunter scherzhafte Gespräche, ich stellte mich ungeschickt, unwissend. Wir lachten. Wir plauderten.

Der Mond geht auf, ich sage:

»Der Mond ist ein Brief von Silber, den die Sonne an die Erdenkinder schreibt, weil sie verreist ist, Ingeborg.«

Alte Worte.

»Soll ich dir den Mond schenken, Ingeborg?«

Ingeborg lacht. »Ich schenke dir die Schmetterlinge von hundert Sommern, Axel. Willst du?«

Alte Worte.

Zuweilen schauere ich zusammen. Es ist so stille in den weißen Zimmern und ich spreche mit einem Gespenste.

Ich schlich herum in diesen Zimmern, schlich, flüsterte.

Ich betastete die Möbel. Es gab ein Kissen, in dem zuletzt ihr Kopf geruht hatte. Man sah es -- -- --

Diese Zimmer zogen mich immer wieder und wieder an! Hier war ihre Stimme, ihr Gesang! Oft fingen die Zimmer ganz deutlich zu singen an. Die Türe, die zum Schlafzimmer führte, stand halb offen, sie schien sich zu bewegen und noch leise zu knarren. Ich entdeckte Spuren ihrer Schritte auf den Teppichen, ich fand ein Löschblatt, auf das ein Tannenbaum gekritzelt war, eine Kuh, ein Monogramm, geflochten aus A und I. Auf einem Tische lag ein Buch Karls, viele Stellen waren mit feinen Strichen angemerkt. Ich fand auch ein goldenes Haar zwischen zwei Seiten. Wie erschrak ich da, als ich ganz plötzlich dieses goldene Haar fand!

Ich hatte es vielleicht geküßt, ja sicherlich, es war um meinen Nacken geschlungen gewesen. Diesen ganzen Tag wühlte ich in goldenen Haaren, ich badete mich darin, ich ließ sie über mein Gesicht streichen.

Ich fand eine Stelle in Karls Buch, die Ingeborg angestrichen hatte. Sie hieß: Wir sahen uns an. Deine Seele umschlang die meinige und sie wollten sich nicht mehr lassen und doch standen wir viele Schritte voneinander entfernt. Dann gingst du. Auch ich ging. Wahrhaftig, wie zwei Fische im Meer zogen wir aneinander vorüber. Das ist Menschenart.

Ich hörte Ingeborg seufzen. Ich entfloh.

Es sang in der Nacht. Herrlich sang es. Ich erwachte und lauschte. Die Stimme entfernte sich. Ich lächelte und preßte die Hände auf das Herz. -- -- --

In einer Nacht, da bellte ein Hund vor dem Hause. Ich sprang aus dem Bette. War es Pazzo? Nein, es war nichts zu sehen. Nun heulte es ganz tief im Walde. Ich kleidete mich an und lief in den Wald hinein. Ich pfiff.

Nichts regte sich als das Geräusch der fallenden Blätter.

30

Eines Nachmittags fielen zwei Menschen in mein Haus, zwei Menschen, die lachten und guter Dinge waren.

Harry Usedom mit dem schmalen hohen Frauenkopf und ein rothaariger Irrwisch mit Sommersprossen, treuherzigen Augen und einer kleinen Nase, eine Eggern-Weikersbach, Isabella hieß sie. Sie war eine Kusine von mir. Schülerin von Usedom, jetzt seine Frau.

»Er hat mich aus Verzweiflung geheiratet!« sagte sie. Sie lachte, konnte keinen Augenblick still sitzen und schob ihren Hut hin und her auf dem Kopfe.

Harry Usedom sprach und sprach. Sie unterhielten mich beide, lachten, bestellten Kaffee und Wein und Kognak, und taten, als ob sie sich einnisten wollten. Ich merkte recht gut, daß sie gekommen waren, um mich zu zerstreuen.

»Wir werden dir den ganzen Mozart vorspielen, Axel.«

Ich versuchte fröhlich mit ihnen zu sein, mit ihnen zu plaudern, es ging nicht. Ich lächelte hie und da.

Isabella schlug Harry Usedom auf den Mund, wenn er keck wurde.

Nun, sie gingen wieder.

»Wir kommen jeden Tag, Axel! Nur keine Ausflüchte!«

Sie gingen, Isabella kam nochmals zurück.

Sie umschlang mich und schmiegte sich an mich. »Höre,« sagte sie, »was ist doch mit dir? Wie siehst du aus? Du siehst ja wie eine Leiche aus! Ganz grün und wächsern. Axel, beichte!«

Ich lächelte.

»O, Axel, bessere dich. Was warst du für ein lustiger Kamerad, früher. Ich sagte zu allen Leuten, das ist gar nichts, da solltet ihr Axel sehen! Nun Adieu, du!« -- --

Ich besah mich im Spiegel. Ja, ich sah wie eine Leiche aus. Woher kam es? Kam es daher, daß ich immer mit einem Gespenste lebte? -- -- --

Sie kamen wieder, Usedom und Isabella, ich war nicht zu Hause. Sie luden mich nach Rote Buche ein. Sie schickten den Wagen, der mich abholen sollte.

Nein, ich ging nicht.

Merkten sie es denn nicht, daß ich keine Menschen sehen konnte?

31

Das Schloß lag im kahlen Bergwalde, im Regen, im Winde, geduckt unter den schleppenden Wolken, es sah verlassen aus. Es war still wie ein Haus, in dem jemand gestorben ist.

Die Tage waren lang und die Nächte noch länger. Es regnete und wehte, die Welt hatte ihre trübste Seele.

Diese Tage und Nächte waren nicht leicht zu ertragen.

In den schönsten Stunden, da träumte ich, daß Pazzo zurückkäme und ich mit ihm sprechen könnte, in den schönsten Stunden, da träumte ich von Ingeborg. Ein Rausch brauste durch die weiten Säle, die Blumen der Tapeten blühten wieder, die Gesichter an den Wänden lächelten wieder, es brannten viele Kerzen in meinem Zimmer und ich ging trunkenen Herzens hin und her. Es war Sommer.

Ingeborg lacht und fragt: »Wie oft wirst du mich heute noch küssen?« Ich stehe vor ihr und meine Brust ist weit. »Tausendmal!« sage ich. Und Ingeborg schlägt die Hände vors Gesicht, schüttelt sich und lacht.

Es ist Sommer und im Parke singen die Vögel, daß man glaubt, einer schüttele ein Bündel heller Schellen wie verrückt in der Hand.

Die Sonne funkelt. Hallo! Ein Regenbogen ist das Tor zu diesem Hause!

Die Kerzen erlöschen, eine um die andere, es wird dunkeler um mich und dunkler in meinem Herzen.

Ich sitze vor der letzten Kerze und sehe zu, wie sie kleiner wird. So vergeht die Zeit, sie schmilzt und man sieht es.

Ich bin allein, die Gäste gingen.

Und ich denke: schwer ist das Leben, es stellt schwierige Aufgaben. Suche dir ein Glück, o Mensch! Lebe ein Glück, o Mensch! Lächle wieder, nachdem du vor Glück geschluchzt hast, o Mensch!

Spricht das Leben und zuckt mit keiner Wimper.

In einer Nacht, da der Wind an den Scheiben rüttelte, verfiel ich auf den Gedanken, an Ingeborg zu schreiben. Ich schrieb die ganze Nacht hindurch und mein Herz wurde leichter. Ich schrieb: