Part 10
Im Park gab es eine Grotte, ein überhängender Fels, ein kleiner klarer Tümpel darunter, in den von Zeit zu Zeit, in gleichen Zwischenräumen ein Tropfen fiel. Der Tropfen rief im Wasser und in der Grotte ein feines Klingen hervor. Das war eine schöne, geheimnisvolle Musik, die man nicht hören konnte, ohne schwermütig zu werden und über die Rätsel der Welt nachzudenken.
Ich freute mich, dort würde ich sie treffen, diese zwei, die ich so sehr liebte. Weshalb schlug mein Herz so sehr?
Ich hörte Ingeborgs Stimme, die einige Worte sprach. Das war unsagbar schön, die Stimme der Geliebten durch die Stille des Parkes zu hören.
Ich ging leise, vielleicht würde sie wieder sprechen.
Sie sprach wieder und es klang als spräche sie in bittendem Tone.
Ich hörte meinen Namen. Mein Herz begann laut zu pochen. Ich lächelte. Ich stand nicht weit von ihnen entfernt und sie wußten nicht, daß ich da stand. Wie schön würde es sein, ihre Worte zu vernehmen und gar, was sie über mich sagten. Dann wollte ich aus dem Gebüsche hervortreten, wie die Zauberer in den Märchen, und sagen: ganz dasselbe denke ich auch, Ingeborg, oder irgendetwas. Und ich freute mich auf ihre überraschten Gesichter und ihr Lachen.
Ich hörte den Wassertropfen in den Tümpel fallen und dann sprach Ingeborg, und es erschien mir plötzlich, als spräche sie ferne. Und doch stand ich nur wenige Schritte hinter ihnen. Ich sah Ingeborgs Nacken, einige Korallenperlen darauf, ich sah einen Hut, Karls Hut und daneben eine knochige, schmale Hand, die das Gras niederdrückte, Karls Hand.
»Was denkst du aber?« sagte Ingeborg. »Liebst du mich denn nicht?«
Peng -- fiel der Tropfen.
Und Karl antwortete mit ernster, gleichtönender Stimme:
»Ich denke an Axels vornehmes Herz und an die schwere Arbeit meines Lebens.«
Die Lider fielen mir zu und meine Arme wurden steif.
Es verging eine endlose Zeit, dann sprach Ingeborg wieder, noch leiser, noch ferner: »Aber was soll ich tun? Karl, Karl, rate mir doch! Ich ertrage es nicht länger. Ich liebe Axel, ja, gewiß, aber --«
Da gelang es mir, die gelähmten Hände an die Ohren zu pressen. Es wetterte dumpf in meinen Ohren, wie in der Nähe eines Dampfkessels. Leise und vorsichtig schlich ich fort, ich tänzelte fast auf dem glatten Moose. Meine Zähne schlugen aufeinander, der Schmerz fiel wie ein Beil in mein Herz.
Aber was soll ich tun? Karl, Karl, rate mir doch --
Ich eilte schneller, erreichte die breite Allee, es wehte zwischen den Bäumen.
Huh, wie blies der Wind so kalt!
Aber was soll ich tun? Karl, Karl --
Ich wünschte, dem Tode zu begegnen. Ich lief, ich taumelte, ich stöhnte -- immer noch hielt ich mir die Ohren zu. -- -- --
Es liegt ein Mann in der Nacht und findet keinen Schlaf. Er wartet, ob sich nicht eine Türe rührt. Daran dachte ich. Nun wußte ich es.
Lange Zeit verging, dann kamen sie, Ingeborg und Karl.
»Wir haben einen wunderschönen Spaziergang gemacht,« sagte Ingeborg hastig, »nicht, Karl?«
Karl erwiderte nichts.
Eine Lüge flackerte in Ingeborgs Stimme, ein Geheimnis schwieg in Karls Schweigen.
Ich lächelte, ich beherrschte mich.
»Hungrig werdet ihr sein, Freunde. Kommt!« sagte ich.
Und ich ging voran und sie folgten mir, Ingeborg und Karl.
24
Am andern Tage reiste Karl ab, er ließ sich durch kein Zureden halten. »Ich muß, Axel!« Ich ließ ihn ziehen, ich liebte ihn. Ingeborg war bleich, ohne Worte.
Die Felder sind gemäht. Die Wiesen sind braungrün. Die Sonne funkelt noch, aber ein leichter Wind weht immerzu, herauf aus dem Tale und verweht die Strahlen der Sonne.
Der Sommer verglüht, der Herbst kommt, bald werden die Krähen schreien, denke ich. Und ich sehe in Gedanken Schnee vom Himmel fallen.
Es ist schwül im Hause und doch zieht es, wo man geht. Die Hände und Füße frieren, ein kalter Atem streicht über den Rücken.
Es ist nun sehr stille geworden bei uns und die Uhren ticktacken, wohin man kommt.
Ingeborg sitzt am Fenster und blickt die Straße hinab, die ins Dorf führt.
Vor dem Hause auf der Wiese steht eine Birke, eine neue Bank, aber es ist eine andere Birke, eine andere Bank.
Ich lächle und sage zu Ingeborg:
»Wie stille ist es bei uns, gute Ingeborg!«
Es sei sehr stille, ja, erwidert Ingeborg und blickt lächelnd zu mir empor.
Ich gehe. Dieses Lächeln tut mir weh.
So vergeht der Tag.
Ingeborg sitzt am Fenster und blickt die Straße hinab, die zum Dorfe führt.
Ich setze mich zu ihr und sage: »Wie man doch Karl vermißt. Ein solch gütiger Mensch, ein solch herrlicher Mensch! Wie schön war er doch anzusehen, wenn er kutschierte! Wie ein griechischer Wagenlenker stand er im Wagen und ließ die Peitsche über den Pferden knallen und schrie, daß die Pferde scheuten und sein langes, rotes Haar flatterte im Winde um sein lachendes, verzücktes Gesicht.«
Ingeborg lächelt und blickt hinab über die düstern Buchenwälder, die sich leise wiegen.
Ingeborg lacht leise.
»Sonderbar war er vor allem, sonderbar in allem, was er tat. Erinnerst du dich, wie er am ersten Abend sagte, die Frauen seien ganz gute Geschöpfe, glaube er. Und er erzählte von einem armen Mädchen, das ihm eine Kravatte geschenkt habe? Wie hörte sich das an! Und zu gleicher Zeit schrieb er an einem Gedichte, zwölf Gesänge zur Verherrlichung der Frau -- haha!«
»Ja, sonderbar war er, du hast recht, Ingeborg. Wer ist er doch? Ich habe nie eine Silbe der Klage von seinen Lippen gehört, nie einen Zug des Unmutes bei ihm gesehen. Und doch hat er so viel gelitten. Immer fröhlich ist er und immer schenkt er.«
Darauf spricht Ingeborg und sie zieht bedeutsam die Brauen in die Höhe: »Ein Weiser ist er und ein Kind. O, er ist ein Mensch! Ich habe eine Stelle in einem seiner Bücher gefunden, die heißt: Leiden mußt du können bis zur Verzweiflung und lachen bis zum Irrsinn, ohne zu verzweifeln, ohne irrsinnig zu werden. Das sagt viel von ihm.«
Und Ingeborg lächelt und sieht die Straße hinab und eine kleine Falte ist zwischen ihren Brauen zu sehen. Ihre Lider sind halb geschlossen.
Ich gehe. Diese kleine unterdrückte Falte zwischen den Brauen zerschneidet mir das Herz.
So vergeht der Tag.
Und Ingeborg ist blaß und ein eigentümlicher Schein ist in ihren Augen. Wo sah ich doch diesen Schein schon und diese erstarrte Miene?
Es fällt mir ein: damals auf der Höhe, an jenem Abend, bevor wir uns küßten.
Ingeborg lacht eigentümlich und sagt: »Weißt du, woher die Feuerlilie ihre Glut hat und die Amsel ihren Gesang?«
Nein, das wußte ich nicht. Wie sollte ich wissen, woher die Feuerlilie ihre Glut und die Amsel ihren Gesang hat? Ich hatte mich nie mit diesen Dingen beschäftigt.
»Karl weiß es!«
Karl weiß es. Bin ich ein Dichter? Nein. Karl ist ein Dichter und mußte es wohl wissen.
Ingeborg blickt an mir vorüber, hinunter auf die Straße, die zum Dorfe führt, und spricht:
»Karl hat eine neue Unsterblichkeitslehre gefunden. Wie groß ist ihm der Mensch. Mir verriet er es, mit niemand sprach er sonst davon.«
»Weißt du, wie man sich Zuneigung und Abneigung erklären kann? Er sprach von Geschlechterreihen und daß --«
Was weiß ich von diesen Dingen?
Der Tag vergeht, es weht vom Tal herauf. Grellgelbe Flecken bekommen die Wälder. Ein einzelner brennendroter Baum steht in der Ferne im grünen Walde.
Ich gehe herum und sinne. Ich gehe in die Ställe und sehe den Knechten nach. Ich spreche mit ihnen. Ich gehe in die Scheunen, wo die Futterschneidmaschine surrt. Es treibt mich herum.
Ingeborg! Ingeborg! Jeden Tag gehst du weiter weg von mir, Ingeborg. Bald werde ich dich nimmer sehen. Jeden Tag klingt deine Stimme ferner, es wird ein Tag kommen, da werde ich dich nimmer hören können. Eine fremde Sprache wirst du sprechen.
Eine große Traurigkeit breitet sich in meinem Herzen aus und alles will sie verdunkeln. O, Ingeborg, Ingeborg!
Es treibt mich herum. Ich fasse einen Baum an und sage zu dem Baume: O, Ingeborg!
Hin und her wandere ich. Ich kann mich keinen Augenblick mehr niedersetzen. Ich zernage mir die Lippen. Der Schrecken lähmt mich zuweilen, so daß mein Herz stille steht. Mein Gesicht ist erstarrt, es ist ganz steif geworden. Ich habe das Gefühl, als müßte ich in die Knie brechen. -- Zuweilen habe ich es --
Es zerbröckelt etwas. Es zerbröckelt unaufhörlich, ich fühle es, ich höre es, es zerbröckelt um mich, in mir --
Ich schlafe nicht mehr. Ich liege immer, immer wach. In meinem Kopfe jagt es. Gegen Morgen sinke ich vor Mattigkeit in den Schlaf. Ich träume, daß ich weine. Ich höre mich weinen, ich erwache, meine Augen sind trocken, aber es weint in mir. Ich bin erstaunt, ich erschrecke, es weint immerzu in mir.
Ich sehe nicht gut aus. Ich sehe gealtert aus. Ich fühle, wie Ingeborgs Blick auf meinem Gesichte ruht. Ich fühle, daß alle Worte sie reuen, die sie über mein Gesicht sagte. Ich fühle es.
Ich spreche mit Ingeborg. So gütig wie möglich suche ich zu sprechen.
»Erinnerst du dich, wie wir unter dem Apfelbaum saßen, er blühte?«
Ingeborg schweigt.
»Der Sommer war doch schön, Ingeborg?«
Ja, er war schön, sagt Ingeborg mit einer teilnahmslosen, müden Stimme. Gereiztheit verbirgt sich darin.
Das hat mir wehe getan!
Ich gehe. Es treibt mich herum.
Hin und her gehe ich und überall stehe ich und plaudere ein paar Worte mit dem Gesinde.
»Hat sie noch ein wenig Sonne erwischt?« sage ich zur alten Maria, die am Fenster sitzt und Strümpfe stopft. Ich spreche sanft und ich bin ergriffen, als spräche ich zu meiner Mutter. Ganz eigentümlich ist das.
»Ja, es ist heute warm. Bald wird der Winter da sein, ehe man sich umschaut.« Sie glaube, daß heuer der Winter früh komme.
»Das glaube ich auch,« sage ich. »Ich glaube sogar, daß es ein strenger Winter werden wird.«
Die Schlehen hätten so stark geblüht, ja.
Was sie da für einen Vogel habe. Ganz traurig sähe er aus. Er sänge wohl nicht.
»Ein Rotkehlchen, Herr. Singen tut es nicht, nein.«
Sie habe einen Kanarier gehabt, er sei gestorben. Sie glaube, er sei aus Furcht vor der Katze gestorben. Wenn sie das gedacht hätte, wäre die Katze nicht ins Zimmer gekommen. Aber sie könne keinen leeren Käfig sehen, bis ein neuer Kanarier zu haben wäre, wolle sie das Rotkehlchen behalten.
»Höre,« sage ich, »schenke mir das Rotkehlchen. Ich besorge dir einen Kanarier. Die sind es seit jeher gewöhnt, in Käfigen zu sitzen und singen auch.«
Schon recht.
Ich nehme den Käfig und gehe zu Ingeborg. Ingeborg sitzt am Fenster und blickt in den Sonnenuntergang hinaus. Sanft geht der Tag zu Ende, mit gleichmäßiger Röte im Westen und zitternden Wölkchen am hohen Himmel. Ganz wie ein Frühlingstag. Die Luft weht lau, klingende Rufe zittern aus dem Tale herauf.
»Sieh,« sage ich.
»O!« sagt Ingeborg.
»Ein Rotkehlchen gehört in den Wald, nicht in den Käfig, Ingeborg, denke.«
Ingeborg sieht mitleidig lächelnd und voller Liebe auf das Vögelchen, als blicke sie einem armen, weinenden Kinde in die Augen. Eine schöne rote Brust hat der Vogel, in die er den klugen Kopf drückt. Seine Augen sind schwarz wie Beeren und spähen ängstlich.
Ich will sprechen, aber ich kann es nicht.
Auf der Wiese nahe der kleinen Birke steht ein alter Knecht, in zusammengeschrumpften Hosen und blauem Arbeitskittel, er ruft zu einem Bauern auf der Straße hinüber. Von einer Kirchweih erzählt er. Er lacht, aber er bewegt die Arme, als wolle er Streit anfangen.
»Es ist ein armes Vögelchen, ging gerne in die Freiheit,« sage ich.
Ingeborg denkt, was meint er doch? Sie blickt mich an und ihre Lider zucken verlegen.
Der Knecht auf der Wiese lacht und ruft: »Alle Hohenfichtener sind dagewesen. Eine Hetze war es, haha!«
Hahaha -- antwortet es von der Straße her. Und der Knecht bricht wiederum in Gelächter aus. Glücklich und jung lacht er trotz seiner grauen Haare.
»Siehe, Ingeborg, was ich mit solchen eingesperrten Vögelchen tue.«
Ich öffne den Käfig. Das Rotkehlchen steht unter der Türe, pfeift schüchtern und wendet das gereckte Köpfchen nach links und rechts. Glaubt man nicht, man könnte ohne weiteres fortfliegen, denkt es -- zit zit! Es betrachtet sich die weite Welt und schüttelt die Flügel.
Ich lächle.
»Es will gar nicht gehen. Aber die Türe steht ja offen. Ich bin doch nicht so grausam, es zurückzuhalten --«
»Geh, kleiner Vogel, flieg!«
Zit! pipst der Vogel. Er blickt rasch zurück, dann gleitet er vom Gesimse und breitet die Flügel aus.
Er fliegt bis zur kleinen Birke, läßt sich nieder und beginnt zu schmettern. Dann schwingt er sich in die Höhe und fliegt hinein ins Tal, berauscht, in großen Bogen. Er begegnet einigen Schwalben und scheint ihnen etwas zuzurufen, denn die Schwalben ändern plötzlich die Richtung und geben ihm ein Streckchen das Geleite.
Ich vermag es nicht, Ingeborg in die Augen zu sehen, und so blicke ich dem kleinen Vogel nach, der in die Freiheit hinausflog. Bald sieht es aus, als fliege ein Schmetterling im geröteten Himmel.
Dann zittert nur noch ein Pünktchen über dem Tale, es tanzt auf und ab.
»Siehst du, ich bin doch nicht so grausam, ihn zurückzuhalten? Ich freue mich mit ihm über seine Freude.«
Da begegne ich Ingeborgs Blick. Sie hat verstanden.
Sie blickt mich an und ich sehe, daß sie irgendetwas tun möchte, um mir zu danken. Aber sie wagt es nicht.
Sie blickt mich nur an.
Wir geben uns die Hand.
Vor dem Hause erzählt der Knecht immer noch von der Kirchweih und dem Tanze in Rotenbuch.
Ich höre es, verstehe jedes Wort, obgleich mein Herz zerbricht.
25
In jener Nacht lag ich ausgestreckt in meinem Zimmer und rührte mich nicht. Ich lag und blickte zur Decke empor und rührte mich nicht.
Da schlich es, es knisterte und rauschte. Ingeborg glitt neben mir auf den Boden.
Sie umschlang mich und küßte mich, sie küßte jede Stelle meines Gesichtes, meinen Hals, meine Hände. Sie weinte, ich hörte es nicht, aber ich spürte ihre Tränen. Sie badeten mein Gesicht, meinen Hals, meine Hände.
Mir war so wohl, so wohl. Ich dankte ihr. Ich wurde fröhlich, glücklich war ich. Mehr, mehr dachte ich.
Dann flüsterte sie: »Ich erinnere mich freilich daran, wie wir unter dem blühenden Apfelbaum saßen. An alles, alles erinnere ich mich, Axel. Ich werde nichts vergessen, nichts.«
Und sie erzählte von unserem Frühling, unserem Sommer immerzu, jede Einzelheit.
Mir war so wohl, so leicht . . .
26
Neuer Morgen kam -- er mußte kommen, die Sonne mußte aufgehen. --
Die Sonne geht auf und die Fenster des Schlosses strahlen, als sei es zu einem Feste beleuchtet.
Es ist kühl und im Tale ziehen Nebel. Feucht riecht der Wald, es glitzert und Tau perlt an den Gräsern. Spinnengewebe hängen an den Brombeerbüschen und zwischen den Halmen, und in jedem liegt ein ovaler Tautropfen wie in einer feingesponnenen Wiege.
Es rasselt, der Wagen fährt vor. Ich trete aus dem Hause, Pazzo folgt mir. Ich spreche mit dem Kutscher. Mägde schleppen das Gepäck.
Da kommt Ingeborg die Treppe herunter, sie knöpft sich die Handschuhe zu. Sie trägt einen breiten Hut und das ist auffallend, denn den ganzen Sommer über trug sie nie einen Hut. Der Hut verändert sie, der Reisemantel, fast wie eine Fremde sieht sie aus.
»Ein schönes Reisewetter, Ingeborg«, sage ich. Ich lächle, ich will es ihr leicht machen.
Ingeborg hat Tränen in den Augen.
»Verzeih, verzeih«, flüstert sie und beschwört mich mit den Blicken.
»Beruhige dich, Ingeborg!«
»Ich kann ja nicht anders. Es ist mein Schicksal!«
»Wohl weiß ich das.«
Die Pferde scharren mit den Hufen. Pazzo bellt und umkreist den Wagen. Der Kutscher sitzt steif und bereit zur Fahrt.
»Adieu, Ingeborg!«
»O, Axel!«
»Grüße Karl!«
»Ich danke, Axel!«
»Wenn du mich besuchen willst, ich freue mich immer über deinen Besuch, du weißt es.«
»Freilich, freilich besuche ich dich. Bald besuche ich dich.«
»Wenn du ausruhen willst, nirgends ist es stiller als hier, du weißt es.«
»Ich denke daran. Schreibe bald, Axel! Versprich es!«
»Ich werde schreiben.«
Hastig nestelt Ingeborg an den Handschuhen und zieht sie von den Händen.
»Lebewohl, Axel!«
»Ingeborg, lebewohl!«
Wir küssen uns. Ich stehe auf dem Trittbrett des Wagens und Ingeborg umschlingt mich mit den Armen. Unter dem Hoftore stehen Knechte und Mägde, die begreifen nichts.
Die Pferde ziehen an, der Wagen rollt die Straße hinab.
Pazzo heult kläglich, bellt, blickt auf mich.
Adieu! Adieu!
Ingeborg steht im Wagen und winkt mit dem Taschentuch.
Noch sehe ich ihre Augen deutlich und den bittenden Ausdruck des Antlitzes, das unter dem breiten Hute leuchtet. Golden schimmern die Lockenbüschel. Nun sehe ich die Augen nicht mehr, etwas Blasses schimmert unter dem Hute. Das weiße Tuch weht.
Der Wagen biegt um die Ecke, ganz klein ist er geworden.
Eine weiße Taube flattert im Walde, ein Beschläge blitzt, nichts ist mehr zu sehen. Wald, Wald, Wald --
Pazzo winselt und kläfft. Er springt an mir empor.
»Pazzo!«
Pazzo fliegt in großen Sprüngen den Berg hinunter. Das ist noch ein letzter Gruß, nicht?
Adieu, Ingeborg! -- --
Ich habe einen Geschmack auf den Lippen.
27
Nun ist Ingeborg fort. --
Ich sehe einen Mann, der die Stufen zum Hause emporsteigt. Er steigt und steigt, wieviele Stufen sind es doch? Er blickt nicht zurück. Er steht vor der Türe, öffnet sie, sie ist schwer. Er blickt nicht zurück. Er verschwindet im Hause. Er steigt die Stiege empor, er geht den langen weißen Korridor entlang. Er bleibt stehen, die Augen fallen ihm zu.
Dieses ist ein Mann, der alles was er besaß, verlor. Er erblaßt. Es sind zwei Worte an eine weiße Türe gekritzelt. Er sieht über sein Zimmer. Es ist sein Zimmer. Da sieht er nun, sieht in sein Zimmer und wagt es nicht, es zu betreten. Er wagt es nicht, nein! Dieses Zimmer ist leer, leer.
Schreien, lachen, niederstürzen? Wie? Nein, nichts von alldem. Ein Zittern in den Händen, ein Beben der Knie, das ist alles. Verzweifelte Gebärden in mir, tief in mir. Wirre, jagende Bilder in meinem Kopfe, sie zerbrechen, andere kommen, zerbrochene. Sie zerbrechen.
Ich setze mich in einen Stuhl. Ich lächle.
Ich habe einen Geschmack auf den Lippen. Adieu, adieu. Ich nehme Abschied. Tautropfen, bittende Augen, eine nackte Hand. Eine Stimme.
Sie schwebt über mir wie Gesang. Ich verneige mich vor der Stimme. Ich lächle. Ich stehe auf dem Trittbrett und lege meinen Arm um Ingeborg.
Wie verzweifelt das Lächeln hin und her irrte auf ihrem Antlitze? Und ihre Augen, die segneten, segneten! Gelobet seist du in alle Ewigkeit, Ingeborg! Ich liebe dich.
Mein Herz krampft sich zusammen, es wird dunkel in meinem Kopfe. Ja, nun ist sie fort. Ich habe alles verloren, was ich besaß.
Ich stehe auf. Es dreht mich im Kreise. Vor meinen Augen wird es schwarz. Soll ich niederstürzen? Dürfte ich es doch! Ein klein wenig. Einmal zusammenbrechen, schreien, eine Sekunde nur. Nein, ich tue es nicht, ich stehe aufrecht, ich kämpfe. Ich beginne zu wandern. Meine Wanderung beginnt.
Sie dauerte Wochen, Monate, nun begann sie.
In den Wald? Nein, da ist sie. Vielleicht gar in die weißen Zimmer? Wohin? In den Keller? Da ist sie auch.
Was ich gewesen bin, was ich war, was ich sein konnte, Sonne, Glück, Schönheit, Reichtum. Alles verloren. Vorbei das Wandeln.
Nein, ich brach nicht zusammen, ich schluchzte nicht, ich grub nicht die Nägel in die Schläfen. Das ist nicht wahr, ich tat es nicht. Ich zerriß ein Taschentuch in Streifchen, das tat ich, ja, das!
Ich wanderte. Wenn ich nur gehen durfte.
Auf der Straße waren die Spuren von Rädern und Hufen zu sehen. Fußspuren. Ich entdeckte meinen Schuhabdruck, ich entdeckte ihren Schuhabdruck. Ich sah ihn an. Ich fühlte beobachtende Gesichter hinter mir, deshalb ging ich. Morgen würde man diese Spur im Staube nicht mehr sehen. Sie hat sich in mein Gedächtnis eingegraben, oft träumte ich von der Spur im weißen Staube. Ich ging in den Wald, stand stille. Adieu, adieu, immerzu nahm ich Abschied. Ich ging zurück ins Haus, kam wieder zum Vorschein, stand wieder bei der kleinen Spur im Staube.
Der Wagen kam von der Station zurück. Der Kutscher sprang vom Bock und ein Knecht kam und spannte die Pferde aus.
Ich fragte den Kutscher: »Wo ist Pazzo?«
Der Kutscher hatte ihn nicht mehr gesehen. An der Station sah er ihn zum letztenmal. Weiß der Teufel wo der Hund steckt. Ja, weiß der Teufel -- haha!
Dieser Wagen war fürchterlich leer. Ein elender Anblick war dieser leere Wagen. Glatt waren die Polster, nichts war auf den Polstern zu sehen.
Ein Knecht kam mit der Bürste.
»Laß es. Schiebe den Wagen in die Remise. Eine Decke darüber, so wie er ist. Der Wagen ist altmodisch, ich habe einen neuen bestellt.«
Ich trat ins Haus.
»Daß du mir etwas Ordentliches kochen läßt, Mütterchen,« sagte ich zur alten Maria. »Ich habe einen schrecklichen Hunger, bin heute früh aufgestanden.«
Die alte Marie hatte etwas auf dem Herzen. Man sah es gleich an der Art, wie sie sich umwendete.
»Sprich nur.«
Auf wielange die Herrin fortreise?
Das könne man nicht so genau sagen. Vielleicht einen Monat, vielleicht ein Jahr. Sie sei nach Paris gereist.
»Nach Paris?«
»Ja, verstehst du, um das Singen zu lernen.«
Aber das könne sie doch schon.
»Mütterchen, haha, gelungen sprichst du daher. Wie kannst du über diese Dinge sprechen?«
Freilich könne sie schon singen, schön sogar, sehr schön. Aber es muß alles gelernt sein, heutzutage, auf den Schulen. Siehst du, du kannst sehr klug und gelehrt sein, warst du nicht auf vielen Schulen, so glaubt es dir kein Mensch und du hast nichts davon.
So ist es auch mit dem Singen.
Der Tag ging langsam. Ich hatte nichts zu tun. Langsam drehte sich der Schatten der kleinen Birke im Kreise. Pazzo war noch nicht da.
Also an der Station sahst du ihn zuletzt?
Ja, Herr.
Und dann nicht mehr?
Nein, Herr.
Ich stahl mich in die Remise. Ich lüftete die Decke, die über den Wagen gebreitet war. Bestaubt stand er da. Ich suchte in den Polstern, Staub um die Knöpfe, sonst nichts. Es war nichts zu finden.
Ich nahm den Hut und Stock und pfiff. Ich erinnerte mich, daß Pazzo ja nicht da war. Ich lächelte. Ich stieg die Straße hinab, dieselbe Straße. Deutlich konnte ich die Räderspuren herausfinden, auch Pazzos Spur. Er war gehetzt. Wie große Ausrufezeichen sahen seine Spuren aus. Ich kam an die Stelle, wo er den Wagen eingeholt hatte. Der Wagen hatte gehalten, Pazzo war in den Wagen gesprungen. Das sah ich alles aus den Spuren. Im Dorfe verschwand die Spur des Wagens, hinter dem Dorfe tauchte sie wieder auf. Sie zog mich durchs Tal, über den Berg hinüber, an Rote Buche vorbei. Da waren alle Läden geschlossen. Sie zog mich bis zur Station. Ich stand am Perron und blickte dem Geleise nach. Ein Beamter trat heraus und grüßte.
»Ich suche meinen Hund,« sagte ich.
Ja, ach ja, dieser Hund. Es sei eine Wirtschaft gewesen. Der Hund wollte nicht außen bleiben. Er habe geheult und gewinselt. Die Fürstin wäre ganz ergriffen gewesen.
Soso.
Ich ging die Geleise entlang. Hier lag Sand, ich konnte Pazzos Spuren nicht entdecken. Diese Geleise. Sie glänzten. Ich berührte sie mit dem Finger. Ich sah ihnen nach. Sie erschienen mir so sonderbar. Sie zogen mich, zogen mich. Ich rollte auf ihnen dahin, flog, flog. Ich sah einen grellgelben riesigen Eichbaum am Bahndamm. Ich sah ihn mir an. Gewiß war er ihr aufgefallen.
Ich wurde zu einem Eisenbahnzug, sauste, flog durch die Wälder und Wiesen, die Wälder und Wiesen drehten sich mir entgegen. Wieder, da stand ich auf einer Station und sah auf einen Kopf hinter einer Scheibe. Ein runder, feiner Kopf, glatte goldene Haare, Lockenbüschel, die bis zur Schulter herabfallen.
Dann ging ich quer durch den Wald nach Hause. Immer stand ich auf dem Trittbrett des Wagens. Es jagte in meinem Kopfe. Meine Hände zitterten.
* * * * *
Ich hatte im geheimen gehofft, Pazzo anzutreffen. Er war noch nicht zurückgekommen. Nun, Geduld!