Chapter 9
Ich sah mich kaum im Zimmer um, als ich allein war; es mußte alles so sein und kommen, wie es für diese Nacht bestimmt war.
Unter einer winzigen grünen Ampel, dicht an der Decke, erblickte ich ein rundes Tischchen mit unwahrscheinlich dünnen Beinen, und in einer mit roten und blauen Ornamenten ausgelegten Messingschale, die darauf stand, lagen trockene, fremdartige Früchte, Tabak, Hanf und Betel. Da meine Augen sich bald an das ebenmäßige, sanfte Licht gewöhnt hatten, erblickte ich, als nun die Tür sich öffnete, sogleich mit der übersinnlichen Deutlichkeit einer Vision das Mädchen, das meinen Raum betrat und vorsichtig die Tür hinter sich schloß und verriegelte. Sie trat so gelassen und freundlich auf mich zu, als sei ich ihr ein längst vertrauter Gast, und grüßte mich, indem sie nach kanaresischer Sitte die Spitzen ihrer Hände an die Stirn legte und sich tief verneigte. Sie war völlig nackt unter einem unendlich feinen Schleier von rauchfarbenem Seidenflor; ihr schwarzes Haar war mit grauen Blumen geschmückt, und ein schmaler Ledergürtel von verblichenem Ockerrot legte sich, ohne ihren Körper zu beengen, wie ein Ring aus rostigem Metall um ihre Hüften, die, obgleich ich ein Kind vor mir zu haben glaubte, doch von weicher Rundung und lieblicher, ebenmäßiger Fülle waren. In diesem Gürtel war eine große Blume von hellem Blau befestigt, mit tiefem goldbraunem Kelch; sie hob sich fast unwirklich und in seltsam wohltuendem Kontrast vom Bronzeton des jungen Körpers ab.
Alles, außer dieser frischen Blume, hatte jene seltsam überzeugende Bewußtheit in Farbe, Erscheinung und Bewegung, wie nur eine jahrhundertalte Tradition sie verleihen kann, alles außer dieser Blume und dem schmiegsamen Mädchenleib.
Ich weiß nicht, ob ich alles verstanden habe, was in dieser denkwürdigen Nacht dieses Kind zu mir sagte, wohl aber weiß ich, daß wir einander verstanden. Die Ausschließlichkeit, welche das glühende Bereich heraufbeschwört, in das der Liebreiz dieses Mädchens mich zog, verbannte alle kleinen Einzelinteressen und Begierden, die unser Leben spalten und bedrängen, und es gab nur ein Ziel für unser Blut.
»Soll ich tanzen?« fragte Goy, »sage mir, was dir wohltut?«
Sie tanzte unter dem grünlichen Mond der kleinen Ampel, der eine ganze Welt bestrahlte. Es war schwül und totenstill in dieser Welt. Ich hörte nur den Schlag der weichen Füße auf den Matten, und wenn ich die Augen schloß, so fühlte ich den zarten Fuß auf den Herzensquellen meines Lebens tanzen. Mit jedem neuen Erwachen meiner Blicke erschien mir Goys erblühter Kinderkörper erneut; er blieb mir fremd und wechselte wie eine Landschaft, die der Geist im Flug durcheilt. Nun wurde es still, und ihre Frauenaugen lächelten erfahren, kindlich und begierig über den meinen:
»Willst du mir nicht befehlen, Herr?« sagte Goy so langsam, daß mir war, als stünde mein Herz unter den unausgesprochenen Verheißungen ihrer Bitte still, aber doch lauerte hinter ihrer Unterwürfigkeit, ohne Falsch, das glückliche Bewußtsein ihrer Herrschaft. Nun hockte sie sanftmütig, merkwürdig beschienen vom Ampellicht, wie eine große, goldene Katze vor mir auf dem Lager, drehte bedächtig Papyrus, zerbröckelte Tabak und Hanf und, als sie Opium hineinmischte, verwandelte sie sich mir plötzlich in eine Göttin, die den Schlaf herbeiführt.
Goy war, wie die meisten Frauen des Orients, auf eine Art für die Liebe erzogen, die die Folge einer grauenhaften Verwöhntheit ist, aber über allen ihren Handlungen lag ein zauberhaftes Glück von einer Unschuld der Gesinnung, die wie Keuschheit wirkte. Goy tat ihre Pflicht, und kein Gewissen, wie es in unserer Brust wohnt, behinderte ihre geschäftige Treue gegen den einzigen Genuß, den sie kannte und austeilte.
Ich rauchte in tiefen, durstigen Zügen und sank mehr und mehr in Betäubung. Das Mädchen ließ keinen Augenblick verstreichen, in dem sie sich nicht hinzugeben schien; ihr Bild verwandelte sich unaufhörlich; sie gab keines ihrer Geheimnisse preis, ohne ein neues ahnen zu lassen.
»Vergiß das Leben«, sagte sie mit sanftem Tadel, scheinbar über mein Zögern in milden Schrecken versetzt. »Bin ich nicht schön?«
»Doch, du bist sehr schön, Goy, schöner als alle, die ich gesehen habe.«
»O, nein,« antwortete sie nachdenklich, »die blassen Mädchen sind schöner.« Sie schaute mit ihren übergroßen Kinderaugen auf mich hin und lächelte, als ich schwieg. Ihre Nägel waren rot bemalt, und ihre Hände, wie ihr ganzer Körper waren mit großer Sorgfalt gepflegt.
»Die Menschen legen mit den Kleidern die Lüge nicht ab,« sagte Goy, »ich glaube an nichts, als an die Liebe und an die Lust, die durch sie kommt.«
Ich verstand, wie sie ihre Worte meinte, denn sie stand, als sie so sprach, innig dargeboten und aufgerichtet vor mir und hob ihre Arme, als ob sie eine Schale darreichte. Ihr Haupt verdunkelte die Ampel, so daß ihre Gestalt in magischen Lichträndern glomm. Aber ihre Worte bewegten sich in meinem Herzen auf eine andere Art, sie nahmen Glanz an und entzündeten sich für eine weite Reise.
Goy las in meinen Zügen.
»Vergiß,« sagte sie, »woran mußt du denken? Hier ist weder Zeit, noch Tag und Nacht.«
»Und doch, du Geliebte dieser kleinen Ewigkeit, ist nicht das Leben länger als die Jugend?«
»Nein,« sagte Goy sicher, und ihr Lächeln hatte etwas unfaßlich Überzeugendes, »vielleicht für euch Männer, aber für uns Mädchen nicht. Eine alte Frau ist schlimmer als eine ausgepreßte Mangofrucht, mit den Gliedern welkt die Hoffnung, denn das Blut verliert seine Stimme, der der Gang der Welt gehorcht. Kein Kind wird meine Freude sein.«
»Was kann ich für dich tun, Goy? Nimm alles, was ich habe!«
»Ich nehme nichts«, sagte das Mädchen. »Ich habe niemals etwas genommen. Die Alte nimmt. Sage mir, daß ich schön bin und daß ich dich beglückt habe.«
»Du bist sehr schön.«
»Du sagst nur das eine, so bist du undankbar, oder du bist von denen, die niemals sich selbst vergessen können, als wären sie so wichtig, ach, so wichtig!«
Sie kam mir ganz nah und sah mir unter die Augen, dann zog sie gelinde den Finger vom Winkel meines Auges über die Wange und um den Mund herum, seufzte tief auf, als beklagte sie mich, und nickte.
Ich schloß die Augen. Die feuchte Blüte an ihrem Gürtel näherte sich meinem Gesicht, und mir war für einen Augenblick, als legte sie sich kalt auf meine Stirn.
»Welche Menschen meinst du?« fragte ich. Mir war, als wiche der bunte Rausch, wie Wolken dem Wind weichen, für kurz von mir.
Goy sann nach und lächelte wehmütig, als gäbe sie mich verloren; dann hob sie die Hand an meine Stirn, tippte schnell mit der Spitze des Fingers an die Schläfen und sagte:
»Das kalte Feuer dort! Es ist stärker als alle anderen Flammen und scheint heller. Es kämpft mit der Wärme des Herzens und hat schon viele Herzen ausgelöscht. Ihr müßt immer von einem zum andern. Wer alle Hindernisse zu seinen Mitteln machen will, verdirbt seine Ruhe, denn die Welt ist voller Hindernisse. Wohin willst du? Unsere Weisen lächeln über euch. So komm', vergiß!« --
Als ich aus dem Hause trat, fiel mich die Sonne wie ein Raubtier an. Ich taumelte und tastete mich an den Häusern entlang voran, bis langsam meine Besinnungen zurückkehrten. Ich wußte nicht, wieviel Zeit verstrichen war. So muß Lazarus die Welt empfunden haben, als ihn ein Gott ins Leben zurückrief. Ich erinnerte mich langsam der Einzelheiten meiner Erlebnisse, wie der eines tiefen Traumes. --
Es mag nun wohl gewesen sein, daß eine habgierige Alte mich geführt und ein verdorbenes Kind mein Lager geteilt hatte, aber da ich von beiden Eigenschaften keine fürchte, so bekümmern sie mich wenig, denn es kam mir damals nicht darauf an, wieviel die Dinge in den richterlichen Augen einer Weltgerechtigkeit wert sein mochten, sondern es kam mir darauf an, wie sie sich in meinen Augen spiegelten.
Das Leben aber trübt die Augen der Menschen mit Träumereien, Scherzen und Tränen.
* * * * *
Langsam empfand ich nun mehr und mehr, daß es einzig noch auf jene sonderbare Blume ankam und auf ihr schimmerndes Blau, das sich seltsam herrschsüchtig und still vor mir auszudehnen schien. Da war mir, als erwachte ich wiederum zu einem neuen Dasein. Eine unendliche Mattigkeit beschwerte meine Glieder, und meine Augen waren unsicher und benommen, wie befangen von jenem strahlenden Azur meiner Traumblume, die sich nun als eine endlose blaue Mauer vor mir ausbreitete. Ich versuchte mit großer Anstrengung, diese blaue Mauer zu begreifen. Da sah ich plötzlich, wie einen ganz fremden Gegenstand, meine Hand auf meinen Knien liegen, abgemagert und ganz weiß. Ich versuchte, sie zu heben, und sie gehorchte mir. Die unbeschreiblichen Schauer eines ganz neuen Lebens ließen meine Glieder erbeben; sie gingen vom Bewußtsein aus und rieselten wie Lichtgarben durch meine Adern, eigensinnigen Funken gleich, heiß und kalt. Ich seufzte tief auf und weiß heute noch gut und genau, daß ich laut sagte:
»Es kann das alte Leben nicht sein.«
Da kam Panja um eine weiße Säule geschritten, die sich von der blauen Wand abhob, und starrte mich an. Er stand merkwürdig unwirklich da, als schwebte er in der Luft. Dies ist ja ein brauner Mann mit einem weißen Turban, dachte ich.
»Sahib!« schrie er, als er in meine Augen sah. »Sahib, sprich.«
»Wo sind wir, Panja?« fragte ich matt, »was ist mit der Zeit geschehen, Panja?«
Mein Diener starrte mich verständnislos und in einer deutlich in seinem Gesicht aufs neue auftauchenden Angst an, aber sie wich mehr und mehr, je länger er in meine Augen schaute.
»Sahib, sprich gute Worte«, bat er, zweifelnd und hoffnungsvoll zugleich.
Da kam mir zum Bewußtsein, daß ich meine Frage in deutscher Sprache gestellt hatte, und ich wiederholte sie englisch.
An Stelle einer Antwort stieß Panja einen lauten Schrei aus und warf sich auf die Knie, indem er die meinen mit seinen Armen bedeckte. Schluchzend stammelte er: »Sahib, du wirst leben!«
»Wohin sind wir geraten, Panja? Was ist dort für eine blaue Wand?«
Panja erhob sich mit glücklichem Lachen, trat zur Seite und sagte: »Es ist das Meer. Wir sind hoch in den Bergen, du siehst auf das Meer hinab. Wir haben dich aus den Sümpfen hinaufgetragen, zwei Tage und zwei Nächte lang, ohne zu schlafen und kaum, daß wir geruht haben, bis die leichte Luft kam, die Kühle und die Ruhe. Sieh um dich, sieh die Wälder an! Dies ist das verlassene Bungalow einer englischen Farm. Wir haben die Affen vertrieben, die von ihm Besitz ergriffen hatten«, er stockte und sah mich an. »Ach, Sahib, nun bist du erwacht und gesund geworden, der Sinn ist in deine Augen und Worte zurückgekehrt und die Freude in meine Brust.«
Ich sah Panja weinen und begriff, daß er die Wahrheit sprach, und daß mein Geist aus dem Bereich der Fiebergifte in die Wirklichkeit zurückgekehrt war. Da sah ich in einiger Entfernung Guru am Boden hocken und mich unverwandt mit seinen großen Nachtaugen anstarren. Es lag etwas in seinen Blicken, was ich nie vergessen werde.
Erst nach Tagen erfuhr ich langsam, was sich zugetragen hatte, denn Panja verschonte mich mit allem, bis ich danach fragte. Ein großer Teil unseres Gepäcks war verloren, da die Leute sich meiner annehmen mußten und keine Träger zu bekommen waren. Panja hatte hauptsächlich Proviant mitnehmen lassen und die Koffer, von denen er wußte, daß sie meine wertvollsten Besitztümer bargen, ebenso meine Waffen und ein Zelt. Zwar waren seit gestern Pascha und ein Kuli hinabgestiegen, um zu retten, was noch zu finden war, und um Sorge zu tragen, daß alles noch Vorhandene in einem Eingeborenendorf untergebracht werden sollte, aber Panja hatte wenig Hoffnung und fürchtete, daß die ersten Gewitter hereinbrechen könnten. Er saß oft lange schweigend in der Mittagsglut neben meinem Liegestuhl und sah den Himmel über dem Meer an und die weite, blaue Fläche, die aus dieser Höhe so ebenmäßig erschien, wie eine Platte aus Metall. Zuweilen lag ein feiner, grauer Dunst darüber. Aber außer dieser Besorgnis, deren Gewicht ich kannte, bedrückte ihn ein anderer Kummer; ich merkte es ihm an, wollte aber nicht fragen. Erst als ich meine erste Zigarre anzündete, lächelte Panja melancholisch und meinte: »Nun wirst du auch das Schlimmste ertragen, da deine Kraft zurückgekehrt ist.«
Elias war vom Panther geholt worden.
Siebentes Kapitel
In den Bergen
Panja prüfte aufs neue das verfallene Haus, in dem ein Raum notdürftig für mich hergerichtet worden war, so daß er geschlossen werden konnte, da ich die Nacht ohne Feuer verbrachte.
»Willst du bleiben, Sahib, bis die großen Regen kommen?«
Ich wußte, daß dies nicht anging, und daß wir verloren sein würden, wenn die ersten Gewitter uns in den Bergen überraschten. Erfolglos versuchte ich die Zeit seit unsrer Abreise von Cannanore zu ermessen, es mochten vier, fünf oder sechs Monate vergangen sein.
Gurumahu war eines Morgens zu mir gekommen und hatte sich heimwehkrank gemeldet. Er trennte sich mit schwerem Herzen von uns, aber wenn er sein Dorf vor Anbruch der großen Regen erreichen wollte, so mußte er sich nun auf den Weg machen.
Ich schenkte ihm meine verlötete Tropenuhr aus Nickel. Das war gewiß an sich kein großes Geschenk, obgleich sie aufgeregt zu ticken verstand und bei trockener Witterung sogar ging, aber Guru nahm sie beglückt entgegen. Er wird künftig alles aus ihr ersehen, was sein Herz zu wissen begehrt: die Jahreszeiten, die Windrichtung und den Gang der Gestirne. --
Oft fehlte es uns am Nötigsten. Panjas besorgte Augen schreckten mich aus der Täuschung, in der ich mich dem Glauben hingab, daß die wohltuende, oft kühle Luft der Berge und der hochgemute Seelenzustand, wie er Genesende erfreut, zu hoffnungsvollem Blick in die Zukunft berechtigten. Unser Gepäck war zum größten Teil gerettet, nur unter den Nahrungsmitteln hatten die weißen Ameisen auf das furchtbarste gewütet, aber außer Panja und Pascha hatte ich nur noch zwei Träger aus Süd-Kanara bei mir, die uns unter großem Müheaufwand und oft unter Einsetzung ihres Lebens mit Reis und Früchten aus dem nächsten Dschungeldorf versahen. Die dortigen Bewohner hatten unsere Abhängigkeit von ihrer Leistung herausgebracht, und meine Geldvorräte schmolzen immer mehr zusammen, eine Tatsache, die Panja in stille Raserei brachte. Er schwor den Erpressern unten im Grünen Rache und versprach mehr als einmal, ihr Dorf in Brand zu stecken; meine Gleichgültigkeit führte ihn zu ernstlichen Ermahnungen:
»Sahib, du bist ein großer Herr, und du kannst tun, was du willst, aber du tust nichts. Die Tage verstreichen, einer nach dem andern, wie die Wasserwogen an der Meeresküste, sie lassen keine Spuren zurück und bringen immer das gleiche. Wer lebt so? Als wir in Anandapur waren, hast du die Brahminen verlacht, die den ganzen Tag in der Sonne liegen und den Tempelreis fressen, der ihr Anrecht ist, aber wie machst nun du es? Früher hast du alles in Büchern verzeichnet, was du sahst, und mich oft gefragt, aber nun tust du auch das nicht mehr, und die Bücher sind verbrannt.«
Das war Panja ein großer Kummer, denn er wußte, daß auch seiner oft in diesen Büchern Erwähnung getan war, und er hatte sich auf den Ruhm vorbereitet, der seiner im Okzident, im Lande der Herren, wartete. Ich lachte ihn aus; nur was die Gewitter betraf, hatte er recht, und so entschloß ich mich eines Tages, den kürzesten Weg nach Mangalore zu nehmen, um im Schutz dieser alten, gesicherten Hafenstadt die Regenzeit abzuwarten.
Aber im Herzensgrund ahnte ich bei solchen Vorsätzen, was ich aufgab und dahinten ließ, und daß meinem Leben keine Zeit mehr würde gegeben werden, die der verstrichenen an Licht und Freiheit glich. Und so kam es, daß sich unsere Abreise von Tag zu Tag hinauszögerte, obgleich alle meine Erlebnisse in den Bergen sich im Schleier jener dämmerigen Unwahrscheinlichkeit und heimlichen Ruhlosigkeit zutrugen, die uns befallen können, wenn wir an schöner Stätte den Gedanken des Abschieds schon mit uns umhertragen. --
Da war Gong, ich werde ihn nicht vergessen, wahrscheinlich ist er inzwischen gestorben, denn er zählte schon damals nicht mehr zu den Jüngsten, und er überwand sein Mißtrauen gegen mich niemals ganz. Er gehörte jener Sorte von halbgroßen Affen an, die in Indien nur in den Bergen leben, sie sind bedeutungsvoller als ihre Brüder aus dem Dschungel, und sie haben andere Eigenschaften, aber keineswegs bessere.
Ich nannte diesen meinen Gefährten der Frühmorgenstunden Gong wegen seiner außerordentlich häßlichen Stimme, die so klang, als ob man einen alten, rostigen Blechkessel gegen eine Steinmauer würfe. Gottlob sagte er nicht viel, aber meine Erscheinung nötigte ihm das größte Interesse ab, offenbar hatte er sich in den Kopf gesetzt vor seinem Hinscheiden noch etwas ganz Besonderes zu erleben, und sich meine Person ausgewählt, die ihm dazu angetan schien und die sich morgens unter den hohen alten Latan- und Tamarindenbäumen finden ließ.
Kaum daß die ferne Fläche des Meeres sich im Dämmern silbern färbte, als ich auch schon mein Lager verließ, um die kühlsten Stunden nicht zu verpassen. Ich sah diesen blassen Himmelsschein wie er sich vor der vergitterten Öffnung meines Fensters matt und glanzlos abhob, nur wenig vom Licht des Mondes unterschieden und vom ersten Ruf der Raubvögel erfüllt, die weit hinter mir, schon in hellerem Licht, um die Felszacken kreisten. Nun dauerte es noch etwa eine Stunde, bis die ersten Sonnenstrahlen unser Hochland erreichten, zuerst sah ich sie fern auf dem Wasser funkeln, und im Osten zeigten die Felszacken goldene Ränder in unendlich freier, weiter Höhe gegen den blaßblauen Morgenhimmel emporgereckt. Es gingen ein Glanz und eine Stille von ihnen aus, die jeden Morgen aufs neue mein Gemüt erfüllten und es bis weit in die Tagesstunden hinein begleiteten, da nichts geschah, was ihren Frieden in meiner Seele auszulöschen vermochte. Nur wer auf diese Art und unter solchen Bedingungen die Natur aufzunehmen vermag, lernt sie begreifen, denn sie erfordert, wie alles Große, unsere schrankenlose Hingabe, um sich uns voll zu offenbaren.
In dieser Stunde wartete Gong auf einem der meinem Hause nahe stehenden Bäume, meistens auf einem niedrigen dicken Ast. Die eine Hand umklammerte allerdings in der Regel, für alle Fälle, einen höheren Zweig, und wenn ich meine Büchse bei mir hatte, so konnte anfangs kein Zureden ihn bewegen, zu verharren. Ich weiß nicht, auf welche Art er die Bekanntschaft meiner Waffe gemacht haben kann, sicher ist, daß die Affen mich weit länger kannten und beobachtet hatten, als ich sie.
Seine Gefährten flohen anfänglich in großen Scharen. Es war leicht, sie dabei zu beobachten, weil die Bäume in großen Abständen voneinander wuchsen, und die Herren sich jedesmal die Mühe machen mußten, erst wieder auf den Erdboden herabzusteigen, wenn sie weiterkommen wollten. Gong nun machte eines Tages eine Ausnahme, er blieb sitzen, als ich nahte, und ich blieb stehen, denn es war mindestens erstaunlich, daß dieser Affe sich nicht auf- und davonmachte. Er saß auf einem niedrigen, dicken Ast, hielt sich mit allen vier Händen fest, als ob er sich hindern wollte, schließlich doch die Flucht zu ergreifen, zitterte und sah mich mit hochgezogenen Brauen zugleich neugierig, boshaft und ängstlich an.
Ich habe nun bei Tieren immer zu erkennen geglaubt, daß sie es in der Regel erst dann böse mit uns meinen, wenn wir ihnen Anlaß dazu geben. Es mag sein, daß diese Anschauung daher kommt, daß ich in meiner Jugend niemals schlechte Erfahrungen mit Hunden, Pferden oder Katzen gemacht habe, obgleich diese Geschöpfe aus jener Zeit durchaus nicht das gleiche von mir behaupten werden, auch mag es daran liegen, daß ich mich nicht im Bewußtsein einer Überlegenheit wohlzufühlen vermag. Von allen Empfindungen, die die Geselligkeit unter andern Wesen, seien es nun Menschen oder Tiere, mit sich bringt, ist mir die der Überlegenheit am peinlichsten; ich habe immer gesehen, daß die beschränktesten Menschen sie am ergiebigsten auskosteten, wenn sich ihnen einmal Gelegenheit dazu bot. Es liegt im Wesen aller Andacht vor dem Lebendigen, daß man sich einschließt, indem man Rechte zugesteht, und sie erst dann einfordert, wenn das gemeinsame Wohlergehen unserer Leitung bedarf. Von den gewaltigen Lebensstimmen, die in der kurzen Wegstrecke des Erdendaseins unser Gemüt erschüttern, ist das Seufzen der unterdrückten Kreatur, wie die leitende und klagende Melodie in einem brausenden Orgellied, immer das Vernehmlichste gewesen, das mir zu Ohren gedrungen ist, und da ich verabscheue, Mitleid zu geben oder zu empfangen, ist mir nur der Weg geblieben, in allem Lebendigen einen meinem Leben gleichberechtigten Ausdruck der Natur zu erblicken.
Als nun Gong sitzen blieb, ohne mit seinen Gefährten zu flüchten, und ich mich ihm langsam näherte, unterschied ich deutlich in seinen Zügen die Anspannung eines, der mit Herzklopfen zwischen Angst und Neugier schwankt. Darüber aber schien ihm plötzlich einzufallen, daß es noch einen dritten Weg gab, und er schlug ihn ein und machte den Versuch, mich dadurch einzuschüchtern, daß er mir auf seine Art einen Beweis seiner Waldrechte und seiner persönlichen Bedeutung vermittelte. Er zog den Kopf tief zwischen die Schultern ein, reckte ihn darauf mit einem Ruck vor und schüttelte zugleich den Ast, auf dem er saß, durch ein energisches Schaukeln seines ganzen Körpers so wild und angreiferisch, als seine Kraft irgend zuließ. Dabei stieß er aus rund gehöhlten Lippen einen Ton hervor, der sehr schwer zu schildern ist, von dem man aber dadurch einen Begriff bekommen würde, wenn man einen Lampenzylinder fest an die Lippen setzte und im Brustton ergrimmtester Überzeugung hineinstieße: »Großer Gott!«
Diese Erfahrung wirkte im ersten Augenblick so komisch auf mich, daß ich lachen mußte, und ich schlug auf meine Schenkel und tat es laut. Einen Augenblick schaute Gong verdutzt drein, aber dann nahm er meine Gebärde als ein Zeichen wohlwollender Annäherung und wiederholte sie, so gut er konnte. Seine Augen blieben dabei merkwürdig ernst, und seine Stirn zeigte tiefe Falten.
Wir erwiesen uns nun diesmal und künftig unser Verständnis füreinander dadurch, daß wir uns nach bestem Vermögen nachahmten, und so belustigend wir vielleicht dabei aufeinander gewirkt haben mögen, blieb mir doch eine Bekümmernis und eine leichte Melancholie im Sinn, wenn ich bedachte, wie groß und unüberbrückbar die Schranke war, die mich von Gong trennte.
Ich habe im Verlauf unserer Bekanntschaft die deutliche Beobachtung gemacht, daß Gong sich verstimmt zeigte, wenn ich einmal ausgeblieben war, und daß er sich ehrlich über meine kleinen Aufmerksamkeiten freute. Vielleicht mag ihn ein ähnlicher Gedanke bei seiner Betrachtung meiner Person bewegt haben. Er versuchte zu lernen und zu begreifen, was irgend sich für ihn verstehen ließ, und wenn es häufig auch nur bei der äußeren Gebärde blieb, so war doch auf beiden Seiten der Wunsch erkennbar, einander näherzukommen.
Zwar ließ er mich äußerlich niemals weiter an sich herankommen, als bis etwa auf fünf oder sechs Schritte. Sobald ich den Versuch machte, diesen Abstand zu verkürzen, hob er mit einem bedauernden Ablehnen die Hand und ergriff einen höheren Ast, um mir anzudeuten, welche Folgen mein Entgegenkommen haben würde.
Gong hatte im Laufe unserer Bekanntschaft alles gelernt, was sich mit den Augen von den Vornahmen eines Menschen begreifen läßt, er hat meinen Tropenhut auf dem Schädel gehabt, mein Taschentuch gebraucht, und er weiß wozu ein Messer gut ist. Er hat meine Notizbücher durchblättert und in meiner Hängematte geschaukelt, und er verstand die Bewegungen des An- und Ausziehens eines Rockes so täuschend nachzuahmen, als sei er von alters her gewohnt, Kleidung zu tragen.