Chapter 8
Dann unterschied ich nicht mehr alles, was sie sagten oder meinten, aber ich empfand, daß sie von versunkenen Reichen sprachen, deren Kulturstätten der Meersand seit undenkbaren Zeiten in tiefen Gründen der Flut vergraben hatte, und sie tuschelten davon, daß nun bald die Zeit anbrechen müsse, in der der Meerboden und der Erdboden vertauscht werden sollten. Bestürzt überfiel mich eine dunkle Ahnung der Reiche, die das Meer verbarg, und ich sah sie, nach ihrer Auferstehung, von Sonne, Wind und Regen langsam aus ihrer sandigen Hülle brechen. Ich wagte keine Frage, obgleich mein Herz vor Begierde brannte, an den Erfahrungen der beiden Menschen teilzunehmen, aber es war, als ahnten sie, daß ich die Absicht im Sinn trug, ihnen ihre Geheimnisse zu entreißen, denn sie berührten einander die Schultern mit der Hand, so daß sie zu einem seltsam schönen Ornament verschmolzen, wandten sich dem Wasser zu und schwebten hinein und in die Tiefe, wie durch die Luft. Ich sah sie noch einmal, als sie an der Sonne vorüberzogen, die sehr tief gesunken war, dann schlief ich ein, in großer Traurigkeit, wie ich sie nie gekannt habe, und wie man sie nur im Schlaf empfinden kann.
Ein anderes Mal im Traum schenkte mir irgend jemand ein Kriegsschiff mit weiblicher Bedienung, damit ich gegen meine Feinde vorgehen könnte, aber ich hatte deren leider nur drei und die lebten auf dem Festlande. So entließ ich die Damen, damit diese drei Gegner glücklich würden. Mit den Kanonen schoß ich auf Möwen, aber sie schnappten nach den Kugeln, ja, dies Geflügel wartete geradezu an der Öffnung der Geschütze, es war ungemein ärgerlich. So sah ich ein, daß es hiermit nichts Rechtes werden würde, und löste einstweilen spielend eine Reihe von Problemen, die mich früher auf ganz unverständliche Art gequält hatten. Dabei brachte ich endgültig heraus, daß man zu dererlei Geistesexperimenten am Boden umherkriechen mußte, und ich tat es mit Ausdauer und fröhlich.
Als ich aber nach vielerlei Träumen dieser Art, die ich vergessen habe, eines Tages mit trockenem Mund und einer scheußlichen Leere hinter der Stirn, in der Mittagshitze frierend, am Fußboden, in einem Winkel des Zeltes, erwachte, ergab ich mich anteillos den Weisungen Panjas, ließ mich in Wolldecken wickeln und erwartete meinen Verbrennungstod in diesen phantastischen Feuern meines Bluts und meiner Seele, die von boshaften Dämonen geschürt wurden.
Sechstes Kapitel
Im Fieber
In einer ungewissen Stunde, die nicht am Morgen und nicht am Abend war, kam ich mit dem bestimmten Bewußtsein zu mir, nach jener denkwürdigen Nacht mit Huc, dem Affen, am Morgen gestorben zu sein. Es muß nach dem Tode einen seltsamen Halbschlaf der ersterbenden Sinne geben, der uns noch eine Zeitlang den Fortgang des Lebens vortäuscht, eine Art Erinnerung des Körpers, der sich seinem Verfall noch nicht zu ergeben vermag, in welcher die Hoffnung unseres Herzens in einem mitleidigen Spiel den Gang des Daseins fortsetzt, nachdem die Seele ihrer Hülle entflohen ist. In jenem Stadium mußte mir alles geschehen sein, was ich bis zu diesem Morgen erlebt zu haben glaubte; ich lächelte geringschätzig und melancholisch in die grauen, sanft erklingenden Sphären hinein, in denen ich dahintrieb. Immerhin erfreute es mich, daß mein Bewußtsein nicht völlig erloschen zu sein schien, und die Erkenntnis, nun endlich mit Sicherheit zu wissen, daß ich gestorben war, beruhigte mich sehr; ich begriff nun deutlich die qualvolle Ungewißheit, die über allem gelegen hatte, was mir in der letzten Zeit zugestoßen war. War nicht alles wie aus grauen Spiegeln emporgetaucht und in anderen wieder versunken, in seltsamem Kreisen und liederlicher Gleichgültigkeit gegen die Wirklichkeit? Bei dieser neuen Offenbarung über meinen Tod, den ich mir aus einer im Grunde recht kleinlichen Lebensängstlichkeit bisher nicht einzugestehen gewagt hatte, entschloß ich mich in einer wundervollen Gelassenheit des Gemüts, nun niemand mehr zu dienen, als allein der Erinnerung. Es war merkwürdig, daß Panjas Gesicht mich dabei störte, das ungewiß und groß, wie ein Wolkenschatten, zuweilen über mir erschien, mein Dahinziehen durch das flimmernde All hinderte und in sinnloser Aufdringlichkeit in meiner Nähe verharrte. Ich ließ mich nicht täuschen, ich erkannte in unzweifelhafter Klarheit, daß der Durst, der meinen Körper durchglühte, der Wissensdurst meiner Seele war; er war mein einziger Schmerz, und ich pries mich glücklich.
Irgend jemand sprach zu mir; ich beachtete es lange absichtlich nicht, weil ich mich nicht von der Überzeugung trennen wollte, daß niemand das Recht hat, mit einem Toten zu reden. Merkte denn dies wesenlose Geschöpf immer noch nicht, daß Tote andere Interessen haben, als sich mit dem vergänglichen Tand abzugeben, der die Lebendigen der ungewöhnlich kleinen Erde beschäftigt, die nicht einmal in der Lage ist, sich ruhig zu verhalten und in lächerlicher Abhängigkeit von der Sonne umhertanzt? So entschloß ich mich endlich, mir Ruhe zu verschaffen, und wandte mich in der prächtigen Freiheit des Muts um, den nur Tote haben, um Schweigen zu gebieten. Aber da erkannte ich, daß mein Ich neben mir saß und rauchte. Es hatte sich meiner Pfeife bemächtigt, meiner Kleider und Schuhe und trug meinen fünfmal gewundenen Schlangenring aus Gold mit den Saphiraugen und der Brillantenkrone. Ich fand im Augenblick nicht den rechten Ton, denn es ist ungewöhnlich schwer, sich im Tode richtig gegen jemand zu benehmen, den man im Leben oft hintergangen hat. Mein Ich lächelte mir ermutigend zu, aber ich ließ mich nicht irreführen; dies Lächeln kannte ich, man weiß doch, womit man andere über sich selbst zu täuschen pflegt, und was hinter seinem eigenen Lächeln steckt. Aus irgendeinem Grunde sagte ich rasch und ärgerlich:
»Nur keine Philosophie, bitte.«
Mein Ich erwiderte freundlich, daß ihm dererlei völlig fernläge, und daß nach der Scheidung, die ich als vor sich gegangen zugeben müßte, überhaupt alle Fragen über das Wesen von Sein und Nichtsein aufgehoben wären.
Es war ungemein fesselnd, meine eigene Stimme zu hören, derer sich mein Gegenüber bediente; aber irgend etwas am Klang der Stimme ging in kühler Sachlichkeit weit über die arme Befangenheit hinaus, in welcher ich mich früher dieser Stimme bedient hatte. Dies ärgerte mich empfindlich, denn ich erkannte, was ich zu Lebzeiten versäumt hatte.
»Siehst du, was alles in mir gesteckt hat?« fragte ich, aber ich verwand meinen Verdruß rasch, denn mein abgeklärtes Ich an meiner Seite hatte etwas ungemein Imponierendes.
»Habe ich eigentlich jemals auf einen Menschen einen ähnlichen Eindruck gemacht, wie Sie auf mich?« fragte ich.
»Du kannst schon du sagen,« meinte mein Ich recht liebenswürdig und ohne kränkendes Wohlwollen, »wir müssen versuchen, uns endlich zu verstehen.«
Das sah ich ein. »Gib wenigstens den Ring her!« bat ich.
Da sah ich, wie ich selbst, an meinem Lager sitzend, meinen Ring vom Finger zog, genau auf die gleiche Art, wie ich es zu Lebzeiten getan haben mochte, wenn ich ihn irgend jemand auf seinen Wunsch hin zeigte. Ich versuchte, den Ring anzustecken, aber mein Finger brach ab. »Verflucht, ist es schon so weit mit mir, Sahib?« fragte ich unwirsch. Mein Ich nahm den Finger und steckte ihn umständlich in die Tasche, und zwar in die richtige, die ich für solcherlei Gegenstände leer zu halten pflegte.
»Sind wir noch in Indien?« fragte ich; aber unmittelbar, nachdem ich diese Frage ausgesprochen hatte, überkam mich die Erkenntnis, wie völlig belanglos solch ein Umstand für mich war. »Was soll geschehen?« fragte ich etwas burschikos, denn ohne einen bestimmten Zweck würde mein Ich sich hier kaum niedergelassen haben, so gut glaubte ich mich zu kennen.
Und wirklich erhob sich nun das Ich in meiner Gestalt, zog seinen Rock zurecht, trat einmal mit dem Bein nach vorn, um die Hose zu glätten, und strich sich über das Haar. Ich wußte schon, daß es sich darum handelte, daß ich mein Grab kennen lernen sollte.
»Du darfst dir keine besondere Vorstellung von der Ausstattung machen«, hörte ich. »Panja hat dich im Wald verscharrt, kaum tiefer, als deine Arme lang sind, und die Waldblumen wachsen über deinen Augen.« Nachdem diese Worte verklungen waren, sah ich niemand mehr und empfand nun, daß ich in meinem Grabe ruhte. Einen kleinen Augenblick lang huschten mir noch Gedanken durch den Sinn, aber dann überwältigte mich eine unbeschreibliche Ruhe.
Diese Ruhe vermag kein irdischer Mund zu schildern; es ist mir niemals eine Wohltat geschehen, die dieser Ruhe zu vergleichen wäre. Nach einer langen und ermüdenden Wanderung voll ungesunder Hast und qualvoller Befürchtungen langte ich früher in meinem Leben einmal am Ort meiner Bestimmung an und außer einer trostreichen Gewißheit empfing mich ein kühles, weißes Lager in einem stillen Raum, dessen Fenster den Blick auf die Berge hinausführten. Die wenigen Minuten, in welchen ich meinen übermüdeten Körper vor dem Einschlafen auf diesem Lager ruhen fühlte, sind vielleicht entfernt dem glücklichen Zustand zu vergleichen, in welchem ich nun im Grabe lag, aber man muß sich diese Wohltat bis an die Grenze der Bewußtlosigkeit gesteigert denken und wie im friedlichen Rausch einer überirdischen Musik.
Meine Hände waren hoch auf der Brust übereinandergelegt, ohne gefaltet zu sein; ich ruhte ganz gerade ausgestreckt, und die schwere Decke der Erde war eine glückliche Last; sie lag auf meiner Stirn und auf meinem Gesicht, wie die liebevollen Hände einer besorgten Mutter nicht sanfter ruhen können. Ich vernahm einen gleichmäßigen, starken Pulsschlag, dessen Ursprung ich nicht erkannte, der mich aber mit großer Beruhigung erfüllte. So lange unter den lebenden Wesen der Erde noch eines meiner in Liebe gedachte, blieb mein Bewußtsein wach, aber ohne qualvolle Erinnerungen; es war ein unbeschreiblich erhabenes und freies Lächeln, mit welchem ich der irdischen Ereignisse gedachte, ohne mich ihrer recht zu erinnern. So ruht das Korn in der winterlichen Erde, es trägt sein Gedenken an den Sommerwind und an die Sonne, in der es herangereift ist, wie einen Frühlingstraum durch seinen Schlaf. Das Licht, der Regen, das Schwanken in der bewegten Luft und der Schnitter sind eine einzige lind durchbebte Ahnung der Vergangenheit, die keine Trauer oder kein Gefühl der Verlassenheit aufkommen läßt. Denn im dunklen Schlummerland pocht ein herber, gleichmäßiger Pulsschlag; ob es die Lichtwellen der Sonne, ob es Tag und Nacht sind, oder der Wechsel der Jahrtausende, ist niemals die Sorge eines im Erdreich Schlummernden gewesen, denn nun ist der Tod überwunden; man muß ihn nur kennen, um zu wissen, wie wesenlos seine Mächte sind, die die armen Erdbefangenen als eine so unerhörte Herrschaft feiern. Nun sind tausend Jahre wie ein Tag. Ich hatte weder den Wunsch, jemand von denen wiederzusehen, die ich geliebt hatte, noch kannte ich Sorge um ihr Geschick. Glückseliger konnten die Frommen nicht sein, die Gottes Angesicht schauten.
Nach einer unabsehbar langen Zeit, in der ich keinerlei Veränderung spürte, schien es mir, als würde es langsam dunkler um mich her und in mir. Nicht die Furcht, nun vergessen zu sein, bewegte mich, aber eine laue Anteillosigkeit auch an dieser Möglichkeit. Vielleicht war das Laub des Waldes dichter und dichter über meiner Ruhestatt niedergesunken, oder die Erde kreiste nicht mehr um die Sonne, vielleicht war sie von einem anderen, größeren Gestirn aufgenommen, auf welchem der Wechsel der Zeit nach anderen Gesetzen vor sich ging. Mehr und mehr verlor ich das Bewußtsein meiner selbst, aber ohne darüber in Gram zu sinken; es war mir, als ob der Rest meiner Klarheit sich in einem einzigen Fünkchen sammelte, das ähnlich glomm, wie die Hoffnung in den Herzen der lebendigen Menschen.
Da bemerkte ich allmählich, in einem heraufdämmernden Zeitraum, den ich nicht begrenzen kann, einen sanften Lichtschein über mir, der still anwuchs und sich langsam näherte. Er war weißlich, ohne zu glänzen, und erschien mir wie ein blasser Strahl von zartem Umriß und langsamem Leben; er senkte sich auf die Gegend meines Herzens nieder und ohne einen Schein im Erdreich zu verbreiten, glomm er doch in lieblicher Seligkeit, und der unfaßbare Zauber einer fernen Erinnerung an die Sonne verband ihn mit meiner Zuversicht. Da erkannte ich, daß es der tastende Wurzelkeim einer Pflanze war, der sich meiner Brust näherte, und mich ergriff ein tiefer Schauer, der nicht Freude noch Hoffnung war, aber man könnte ihn vielleicht mit der Ergriffenheit vergleichen, in der die Irdischen bei einer großen Erschütterung ihres Gemüts in Tränen ausbrechen, ohne dabei schon Lust oder Schmerz zu verspüren. Je näher der bleiche, saugende Mund auf kindlicher und frommer Wanderschaft und in gehorsamem Wachstum meiner Brust kam, um so mehr verwandelte sich mein erlöschendes Menschbewußtsein in ein seliges Allgefühl von erhabener Gestilltheit und froher Bereitschaft zum Vergehen in ein unversiegbares Bereich. Da geschah es bald darauf, daß die Wurzel der Pflanze in mein Herz eindrang und in einem funkelnden Erklingen, in einem von Frische und seliger Wildheit betäubenden Lichtwirbel wurde mein Wesen emporgerissen in das warme, leuchtende Brausen der Erdoberfläche.
Über meinem Grab brach eine große Blume auf und öffnete sich gegen die himmlische Sonne. --
Nun kam es mit weichen Schritten durch die dichten Lauben des Urwalds heran, auf diesen verschlungenen Pfaden, die kaum ein paar Schritt weit zu übersehen sind und wie grüne Höhlen wirken; unendlich weich und geschmeidig schritt es dahin, von der stolzen Erhobenheit der Gestalt, die unter allen Geschöpfen nur die Menschen haben. Es war ein Mädchen, das herankam, beinahe noch ein Kind an Jahren. In jener schattigen Lichtung im großen Urwald, an welcher unter einem Baum vorzeiten mein Grab gegraben worden war, und in welcher nun die frische Blume sich langsam gegen das Sonnenlicht kehrte, machte das Mädchen halt und beugte sich nieder. Sie trug Lotusblüten im Haar, von sanftem Rot und einen schmalen Gürtel von gewundener ockerroter Seide um die zarten Hüften. Ein Hauch von Ambra begleitete sie, wie unsichtbare Flügel der Jugend.
Um den Hals trug sie eine zweifache Schnur aus roten Angolaerbsen, und ein breiter Goldring, der um ihr Fußgelenk geschmiedet war, funkelte im Tau der Bodenpflanzen.
Als ihre Augen mit dem nächtlichen Glanz einer tausend Jahre alten Schwermut sich über das frische, helle Blau der kaum erblühten Blume neigten, war es, als begegneten einander ein himmlisches Erstrahlen und ein irdischer Widerschein. Aber das Mädchen brach die Blume nicht, sondern es schien, als erinnere sie sich zuvor einer köstlichen Pflicht, denn ihr Angesicht belebte sich unter einer mit Schamhaftigkeit gemischten Erwartung. Über die Wurzeln der Bäume dahin, im weichen Erdreich und über braunem Laub, floß ein Bach; sein klares Wasser zog rasch und lautlos durch Sonnenflecke und Buschschatten. Das Mädchen legte ihre Halsschnur ab und hängte sie in kindlicher Fürsorge nachdenklich in die Betelranken, die die hängenden Zweige des Baumes mit dem Waldboden verbanden; sie legte ihren Gürtel ab und blinzelte fröhlich in das warme Licht. Nur die Blumen, die ihr Haar schmückten, ließ sie in der nachtdunklen, glänzenden Fülle ruhen, in der sie zum Ruhm ihrer jungen Herrlichkeit verwelken sollten.
Das Wasser wurde unter der Freude ihres lieblichen Körpers beredt; es überrieselte wie mit fröhlichem Lachen die helle Bronze dieses Leibes, der sich unter den Berührungen der Natur beseligt dehnte und in einer Hingabe ohnegleichen seinen Schöpfer lobte, den Schöpfer der Waldriesen, die ihn behüteten, der Milliarden Pflanzen und allen Getiers, das gleich ihm im duftenden Schatten atmete, und der großen Sonne, die ohne Aufhör goldenes Glück zum Wohlergehen der Ihren auf die geduldige Erde sandte.
An einem besonnten Hügel, der weich von Moos gepolstert war, legte das Mädchen sich auf den Boden nieder, um in der warmen Luft zu trocknen; sie gab sich dem Licht in holder Bedachtlosigkeit preis, denn es gibt vor ihm keine Geheimnisse des Körpers oder der Seele, und beide sehnen sich nach ihm. Sie schien mit dem Boden zu verschmelzen; der Pulsschlag der Erde verband sich mit dem Pochen ihres Bluts, und die Blüten in ihrem Haar dufteten noch einmal empor im Verein mit dem sanften Hauch von Müdigkeit, der wie ein Lied von ihrem Leib aufstieg. Die Sonnenstrahlen glitten spielend über die zierlichen Hügel der kleinen Brüste dahin, über die Rundungen der warmen Glieder; hier leuchteten sie auf, dort tauchten sie in heimliche Schatten nieder, allmächtiger als der stärkste Beherrscher, der sich jemals eine Welt zu eigen gemacht hat, und mit der Anmut eines Geliebten, der nach überwundenen Stürmen seine Wohltäterin beglückt.
Wie in reglosem Stolz, erstarrt vor Andacht, sah die grüne Waldherrlichkeit auf den ruhenden Triumph der Schöpfung nieder, bis jählings mit hellem Flöten ein Vogel im Rankendickicht ein Lied begann, überselig, beinahe grell und erschreckend, und aus der Nähe drang eine gejubelte Antwort. Da erhob sich das Mädchen, legte bedächtig ihren geringen Schmuck aufs neue an und bückte sich über die Blume nieder, in der das Blut meines Leibes auferstanden war; sie brach sie und befestigte sie, indem ihre großen Augen über dem zitternden Kelch lächelten, in ihrem Gürtel. --
Wie war es doch gewesen? Ach, nun erinnerte ich mich, jene große Blume von leuchtendem Blau rief mir alles ins Gedächtnis zurück. Ich kannte dies Mädchen und ihre Blume schon längst; es war in einer jener vertanen Nächte in Bombay, in einer jener Nächte, die ruhlos und ziellos beginnen und oft so trostlos verstreichen, hingegeben an Nichtigkeiten, in denen unsere hohen Erwartungen, vom Geist des Weins umhüllt, in grauen Morgenstunden versiegen. Aber es gibt keine Hoffnungen, die nicht irgendwo in unserer Seele und irgendwo in unserer Zeit mit einem jenem Lächeln verwandten Glanz gestillt werden, in dem sie erwachen. Hoffnungen sind den Blüten schlummernder Rechte vergleichbar, im Dämmerlicht der Ahnung.
Ich hatte damals in einer Abendstunde das Hotel verlassen, in dem ich schon seit Tagen auf einen Dampfer wartete, der mich nach Singapore bringen sollte, und war die breite, belebte Straße hinabgeschlendert, ohne Ausrüstung für eine bewegte Nacht, ja, ohne eine andere Absicht, als die, mich noch für einige Minuten in der kühleren Luft des Abends zu ergehen und dem bunten Straßentreiben zuzuschauen. Aber es lag keine Linderung in der schwülen Luft, die nach verdunstendem Sprengwasser, nach Pferden und Öl duftete, sowohl die freien Atemzüge behinderte, als auch die vernünftigen Gedanken. Oft wirkt diese Atmosphäre wie eine Ankündigung des Fiebers, verwirrend und zu allerhand Sinnlosigkeiten ermunternd; die Lebensleiden der Verlassenheit gären darin, satt von Melancholie; kleine Teufel erheben darin die nach Abenteuern lüsternen Narrenköpfe, während der nahende, rote Mond den nüchternen Sinn aller Dinge in Schleier legt. --
Ich ließ mich nach einer Weile am Holztischchen eines Straßencafés nieder; es erschien mir, als verbürgen mir alle, die mich anschauten, etwas, in mitleidiger Überlegenheit. Eine kleine, ganz in ein dunkles Tuch gehüllte Straßenbettlerin hielt mir die braune, offene Hand hin, und unter ihrem Lächeln verstand ich plötzlich die Nacht.
Nun war es dunkler geworden, als ich weiterschritt. Aus geöffneten Türen drang der Schein bunter Lichter; die Straßen wurden enger und die Passanten seltener. Ich hörte Schritte herannahen und jählings hinter mir verstummen, sobald eine der vermummten Nachtgestalten an mir vorübergegangen war; man blieb stehen und sah mir nach, neugierig, oder lüstern auf einen Raub, von einer Ahnung der Ruhlosigkeit und Unsicherheit angeweht, die mich gefangenhielten und dahintrieben. Einen Augenblick war ich um mein Leben besorgt, da ich die Gefährlichkeit dieser Stadtgegend kannte, aber dann war mir, als sei dies, mein geliebtes und umsorgtes Leben, eine ganz fremde und gleichgültige Sache für mich geworden. Es kam auf ganz andere Dinge an; die Nacht forderte ihr Recht, die Nacht der Erde und die meiner unruhigen Seele, die nach einem mystischen Tag ihrer Wandlung Verlangen trug.
Die Tür eines Holzhauses stand angelehnt, und als ich sie aufstieß, blickte ich in einen schmalen Korridor, der durch eine grünliche Papierampel dämmerig erhellt wurde. Zur Rechten und zur Linken der Ampel waren an den kahlen Wänden Spiegel angebracht, die das matte, schwebende Gestirn dieses stillen Bereichs nach beiden Seiten hin tausendfach in ein magisches All hinüberzauberten. Von irgendwoher erklang gedämpft eine klimpernde Musik, der einer Mandoline vergleichbar, aber um vieles unbelebter und im Takt oft von einem lang anhaltenden Ton unterbrochen, der einer Flöte entstammen konnte. Ein schwerer, süßer Geruch drang mir entgegen, wie von gärendem Honig und betäubendem Räucherwerk; er quoll aus dem Spalt eines roten Vorhangs im Hintergrund, wie aus der Wunde einer überreifen Frucht.
Als ich an diesem Ort eine kleine Weile gestanden und gelauscht hatte, öffnete der niedrige Vorhang sich, und eine alte Frau trat zögernd und scheinbar überrascht auf mich zu. Sie war welk, und ihr ergrautes Haar flimmerte vermodert in dem blaßfarbigen Licht der Papierlaterne über ihrem Scheitel, ein gelbes Tuch war wie eine Fahne um ihren Körper geschlungen, so daß ihre Schultern und Arme, sowie ihre Beine von den Knien an abwärts unbedeckt waren. Nachdem sie sich von ihrer anfänglichen Überraschung erholt hatte, lächelte sie mir in feiner, unpersönlicher Herzlichkeit zu, die Leuten eignet, die aus Beruf oder Gewohnheit gastfreundlich sind, und lud mich, nach einem prüfenden Blick über meine europäische Kleidung ein, näherzutreten. Sie sagte ein paar Sätze, die ich nicht verstand, denen aber leicht ein Willkomm zu entnehmen war und eine ehrende Begrüßung. Da ich ohne Zögern nähertrat, verdoppelte sie ihre Unterwürfigkeit, und ich hatte den Eindruck, als kröche sie mir die Stiege hinauf voran, die wir im rötlichen Dämmerlicht erklommen; ich sah immer nur ihr Angesicht dicht vor meinem, während ihr übriger Körper bereits voraus war. Sie grinste süßlich und boshaft; irgendwo bimmelte zaghaft ein Glöcklein; beklommen folgte ich, ohne Aufwand von Mut, ohne Umsicht, ja fast ohne rechte Erwartung; was geschehen sollte, mochte geschehen. Das Leben wog leicht.
Wir kamen an eine mit buntem Papier bezogene Tür, die die Treppe hart abschloß, und die sich lautlos und leicht unter dem Druck der welken Hand der alten Frau öffnete.
»Tritt ein, Herr«, sagte sie auf Hindustani und drückte sich an die Wand, die nachgab und schwankte; ich hatte den bestimmten Eindruck, daß wir von allen Seiten beobachtet wurden. So tappte ich nun vorsichtig voran in das von Rauch wie in Nebel getauchte bläuliche Dämmerlicht eines niedrigen Raumes, in welchem ich anfänglich, außer dem erlöschenden Mond einer stillen Ampel, nur hängende Wandteppiche in mancherlei gedämpften Farben und seltsamen Ornamenten zu erkennen glaubte. Es glitzerte mir in matten Goldtönen entgegen und ein sanft betäubender Hauch von welkendem Jasmin und Opium beengte die Brust.
Ich durchschritt mit meiner Führerin diesen Raum, um in einen zweiten zu gelangen, der noch kleiner und finsterer war, und in dem ich zuerst nur ein breites Ruhebett erkannte, das mit vielfarbigen Decken und Fellen belegt und kaum einen Fuß hoch war. Die Alte verbeugte sich viele Male, nachdem ich, wie sie es zu wünschen schien, auf diesem Lager Platz genommen hatte, und sagte im Hinausgleiten in gebrochenem Englisch:
»Ich werde Goy für dich holen, Herr, du wirst zufrieden sein.«
Als ich ihr mit zwei zustimmenden Worten zunickte, lachte sie, glücklich und stolz darüber, verstanden worden zu sein. O, sie war eine hochgebildete Frau, nun hatte sie den Beweis erbracht, und nichts wäre in der Lage gewesen, sie zu einer Handlung zu bewegen, die mich an dieser Meinung über sie wieder irremachte.