Chapter 3
Wir saßen in der Abenddämmerung bis tief in die Nacht hinein auf den schwarzen Uferfelsen, die in geraden, hohen Blöcken weit in die Meerflut hineindrangen. Oft mußten wir von einem Steinplateau zum andern springen, oder über schmale Holzbretter balancieren, um bis an das äußerste Riff zu gelangen, von wo aus die Angeln weit in die See geschleudert wurden. Neben uns, zur Rechten und zur Linken, wogte still die ungeheure Wassermasse, erst in tiefem, klarem Blau, dann färbte sie sich langsam rot und blendete den Blick, bis sie endlich tiefschwarz und drohend auf und ab stieg, so daß es erscheinen konnte, als tauchte der Fels in einem unbeweglichen dunklen Spiegel auf und nieder. Weit hinter uns donnerte die Brandung, und hinter ihr ging über den Palmen der rötliche Mond auf.
Es war in der Hauptsache auf den Fang größerer Fische abgesehen, die Angelhaken hatten die Größe eines gekrümmten Kinderfingers und waren mit dem Eingeweide erbeuteter Fische umwickelt. Etwa vier bis fünf Meter vom Köder entfernt war ein Stückchen leichter Baumborke als Schwimmer an der Leine befestigt, und die Angeln wurden über dem Kopf in Kreisform geschwenkt, so daß sie bis zu zwanzig Metern weit ins Meer hinaus gelangten. Dann hockten die Männer sich nieder und verharrten unbeweglich, wie mit dem Fels verwachsen, bis ein leises Rucken am Seil sie vom Erfolg ihrer Mühe unterrichtete.
Oft kam das wogende Meer bis hart an unsere nackten Füße, dann wieder sahen wir es viele Meter tief unter uns. Selbst in der Nacht erkannten die Leute deutlich das Herannahen einer größeren Welle, und ein leiser Zuruf warnte mich, damit ich mich am Felsen festhalten möchte. Wenn dann für Augenblicke der Steinboden den Blicken entschwand und nichts als das leise brodelnde nächtliche Element unter mir kenntlich war, hatte ich anfangs ein dumpfes Gefühl der Angst, ja der Todesfurcht zu überwinden, und nur die unerschütterliche Gelassenheit meiner Nachbarn sicherte meinen Mut.
Die Männer hielten ihre Leinen niemals fest in den Händen, sondern nur leicht zwischen den Fingern, weil es vorkam, daß ein Haifisch anbiß, und weil der erste Ruck ihnen hätte verhängnisvoll werden können. In solchem Fall, den ich einmal erlebt habe, schreckte ein lauter Zuruf alle empor. Ich sah die Leine wie ein Ankerseil in rasender Schnelligkeit ins Meer gleiten und wie ihr Ende hastig um einen Felsvorsprung gewickelt wurde. In den meisten Fällen war das Gerät dann verloren; zuweilen gelang es aber, das Raubtier durch die Felslücken bis auf den Strand zu schleifen, und ich erschrak über die Lebenskraft und Wildheit des Gefangenen, der trotz seiner Hilflosigkeit einen geradezu einschüchternden Widerspruch gegen seine Bändiger an den Tag legte. Man befestigte den Rest der Angelschnur mit einem Pflock im Sande, ohne den Haken zu lösen, und ließ das Tier auf dem Trockenen sterben, so gut und rasch es konnte. Erst am andern Tage oder nach Stunden bemächtigten sich die Frauen alles Verwendbaren von seinem glatten Leibe, dessen Fleisch nicht genossen wird.
Gegen Norden zu brachen die dunklen Küstenfelsen jählings ab, und es breitete sich, soweit das Auge reichte, die freie Bucht entlang, weißer Sand aus. Oft wuchsen Palmen, besonders wenn sie einem kleineren Bach das Geleite gaben, bis dicht an den Meeresstrand hinab. Dort sah man, noch nahe dem Ort, die bunten Boote der Eingeborenen in Reih und Glied im Sand, und weiter hinaus begann eine Stille und Verlassenheit, die wohl dazu angetan war, ein empfindsames Herz zu locken.
Dort lag ich oft am Wasser, bohrte mich in den Sand und warf die Lasten meiner unnützen Gedanken weit von mir. Es war herrlich, der Stimme des Meers zu lauschen, die die ganze Welt zu beherrschen schien, und die endlos langen, ebenmäßigen Wogen zu betrachten, welche heranliefen wie sanfte Windwellen unter blaßblauer Seide, sich lautlos hoben und sich mit jubelndem Erbrausen, in ein weites Lichtband zerbrechend, auf den geduldigen Strand warfen. Das ging so lange so fort, wie nur immer die Sinne sich in Geduld und Traum hinzugeben vermochten, denn das Meer kennt keine Zeit. In seiner Stimme sind weder Hoffnungen noch Verheißungen, keine Liebe und kein Drohen, weder Wahrsagungen noch Beschwichtigungen. Das Wesen des Meeres hat keine Gemeinschaft mit dem unsrigen, und nichts als ein beseligter Unfriede erwacht in uns, wenn wir uns ihm zu nähern trachten, nur seine Größe erhebt uns, wie alle großen Formen dem Gemüt eine Ahnung künftiger Freiheit vermitteln. Das Meer enthält keine Maßstäbe für unsere Rechte oder für unsere Pflichten, wie die Erde sie uns bietet, die uns trägt und ernährt und deren Schicksal dem unsrigen verwandt ist. Die Dichter haben das Meer selten verstanden, sie haben es nur beschrieben, aber wer würde durch sie ein Bild von seiner unermeßlichen Gewalt und Freiheit bekommen, wenn er das Meer niemals gesehen hätte? Nur in jenem ins Mystische hinüber verblühenden Geiste des großen, gottberauschten Schwärmers der Apokalypse leuchtet ein wahrsagerisches Licht vom Wesen des Meers auf, als er das Tausendjährige Reich in seinen unendlichen Visionen erblickt, und vom Meer sagt, es sei nicht mehr. In dieser Erkenntnis liegt eine tiefe Ahnung vom Wesen des Meers, das nicht wie die Erde verflucht scheint, und keinem Gericht, keiner Wiederkehr und keinem Wandel unterstellt ist.
So hat auch das Meer keineswegs eine Verwandtschaft mit der Seele des Menschen, wie manche festgestellt haben, die weder das eine noch die andere kennen, und die nur deshalb, weil sie in der Seele etwas Bodenloses wittern, auf den Gedanken gekommen sind, sie wäre vielleicht so tief wie der Ozean in der Mitte. Das ist ein leichtfertiger Schluß, der schwer zu erweisen ist, die einzige Ähnlichkeit zwischen solchen Seelen und dem Meer ist die, daß man oft in beiden herumfischt, ohne etwas zu fangen. --
Einmal fand ich am Strand einige große Meerschildkröten, die auf dem Rücken lagen und nach Wasser schnappten. Aus den Spuren nackter Füße, die sie wie ein in den Sand eingeprägter Lorbeerkranz umgaben, ließ sich leicht entnehmen, daß diese Tiere sich nicht freiwillig in solche Lage begeben hatten und daß sich ein menschlicher Zweck mit dieser Grausamkeit verband. Und richtig sah ich unter den Bäumen einen braunen Hinduknaben flüchten, dessen Respekt vor mir so groß war, daß er eine Palme bis an den Wipfel erklomm.
Die Schildkröten waren in dieser Einschränkung ihrer Bewegungsfreiheit einem langsamen Tode in der unbarmherzigen Sonne ausgesetzt, der um so qualvoller war, als sie nicht wie die Fische rasch sterben, wenn sie ihrem Element entrissen worden sind, sondern eine zähe Lebensdauer, auch auf dem Trockenen, beweisen. In der Tat war auch der Gesichtsausdruck einzelner von ihnen bereits sehr verstimmt, anderen hing der merkwürdig häßliche Kopf schon leblos nieder, an dem faltigen Hals, der mir wie ein welker, rissiger Schlauch erschien. Ich kehrte mit großer Mühe diejenigen um, die mir noch regsam genug für eine Fortsetzung ihres Daseins erschienen, aber sie taumelten wie betrunken hin und her und fanden das Wasser erst, als ich ihnen den Weg wies. Dort schwammen sie rasch und erregt hinaus und tauchten sobald als möglich unter, sichtlich im Zweifel darüber, ob dieser Vorgang eine Tatsache war, oder nur eine neue greuliche Vorstellung ihrer Fieberphantasien im Sonnentod.
Später erfuhr ich, daß die Tiere von den Eingeborenen in diese Lage gebracht werden, damit sie sterben, denn sie können sich nicht aus eigenen Kräften wieder umkehren. Auf diese Weise gewinnen die Leute das sehr begehrte Schildpatt, ohne einen Eingriff in das Leben der Tiere vorzunehmen, was ihnen verboten ist und auch ihrer Überzeugung widerspricht. Die Tiere sterben auf diese Art durch den Willen der Gottheit und werden so nach Vorstellung der Hindus nicht von Menschen getötet; offenbar ersieht man aus der Tatsache, daß die Götter die Schildkröten nicht wieder umdrehen, ihren Beschluß, sie zum Nutzen der Menschheit sterben zu lassen.
Übrigens hatte ich es mit jener Handwerkerkaste in Cannanore endgültig verdorben, denn eben jener Knabe, welcher mir Achtung erwies, hatte von seinem hohen Versteck aus meine Maßnahmen wahrgenommen und er nahm Anlaß, diese Neuigkeit in Cannanore zu verbreiten.
Es gab am Strand vielerlei Krebse und allerhand kleines Meergesindel, mit dem ich mich einließ, auch Ratten kamen bisweilen die Bäche herab und erkundeten, ob das Meer Tote angeschwemmt oder ausgewühlt hatte. Eine bestimmte Kaste in Malabar begräbt ihre Pesttoten am Meer im Sand; zwar werden meist die Sandbänke und Inseln gewählt, aber häufig findet man auch die Spuren der Gräber an der Küste.
Einmal machte ich die Bekanntschaft einer größeren Fliege, die nur einen Flügel hatte und den Rest ihres Lebens am Gestade zu verbringen schien. Ich beobachtete sie, während ich am Strand lag und rauchte. Sie suchte sich die Steine aus, die besonders rund, blank und heiß waren, und es schien, als bevorzugte sie die weißen. Wenn sie eine Weile auf einem solchen gesessen hatte, faßte sie einen anderen ins Auge und versuchte ihn mit einem sprungartigen Flug zu erreichen, aber sie landete jedesmal auf irgendeinem dritten, weil sich leider das Fehlen ihres einen Flügels beim Einhalten der Richtung bemerkbar machte.
Jedesmal schaute sie anfänglich etwas verdutzt um sich, ergab sich aber dann ihrem merkwürdigen Schicksal, immer anderswo landen zu müssen, als sie gewollt hatte. Mit einem etwas bekümmerten, aber keineswegs gereizten Ausdruck orientierte sie sich über die ihr bestimmte Umgebung, schließlich schien die Sonne auch hier, und sie blieb sitzen, im heißen Licht, vor dem glitzernden Wasser.
Ich faßte eine gewisse Neigung zu dieser flüchtigen Freundin meiner einsamen Stunden am Meeresstrand. So sehr viel besser ging es schließlich im Leben auch mir nicht, und im Grunde kam es uns beiden auf die Sonne an. Ich erzählte ihr, wie ich es mit dem Dasein hielt, aber da sie nicht auf mich achtete, warf ich mit kleinen Steinen nach ihr, die lustig über die runden Brüder ihrer Jahrtausende kollerten und vergnügt klirrten. Die meisten dieser Steine waren prächtig abgerundet, ich nahm einen von ihnen in die warme Hand und polierte ihn sorgenvoll. »Du bist noch nicht rund genug, mein Kleiner«, und ich warf ihn ins Meer zurück, damit ihn die Flut noch ein paar weitere tausend Jahre lang abschliffe. Es kam mir auf tausend Jahre nicht an, so wenig wie auf einen Tag. Aber vielleicht würde dieser Stein mich nicht vergessen, sicherlich war es ihm noch nicht geschehen, daß einer dieser vergänglichen Menschlein sich seiner annahm und plötzlich einen solchen Eingriff in seine gemächliche Entwicklung machte.
Das Meer trug leichte und liebliche Gedanken in meinen Sinn, törichte und sinnvolle, aber niemals schwere. Seine Gaben waren Traum, Vergessen und Schlaf, sie stiegen mit der flimmernden, heißen Luft in unbekannte Regionen empor, und der flüchtige Seewind trug sie von dannen. Die Menschen meines verflossenen Lebens versanken in einem schimmernden All, in welchem ich wesenlos, wie sie selbst, dahintrieb, und auch die Liebe wurde zur Erinnerung.
Nie aber, daß Langeweile oder Mißmut mich plagten, das Leben war ein makelloses Gefäß, angefüllt mit dem klaren alten Wein lieblicher Sinnenfreude und heiterer Daseinslust. Ich begriff die Menschen dieses Landes und dieser Sonne, die kein anderes Begehren zu bewegen schien, als das Dasein auf solche Art als seligen Bestand auszukosten und sich dem selbsttätigen Walten von Erstehen und Vergehen, den vergänglichen Glücksgütern der Erdenzeit gegenüber wahllos und zufrieden, ohne Bedenken, anheimzustellen. Was den Unedlen zu einem Anlaß anteillosen Verkommens wurde, das wurde im verwandten Geist den Edlen zu einer tiefen Offenbarung tatlosen Versinkens in einer hellseherischen Demut der Selbstbeschränkung.
Zuweilen zollte ich am Strande dem Tode eine kleine Abschlagszahlung auf seine künftigen Rechte und schlief ein, aber die Stimme des Meerwassers ging mit mir in das dunkle, ruhige Land. Die Monotonie seiner frischen Stimme verwandelte sich in meinen Träumen in einen beredten Glanz von großer Mannigfaltigkeit, und ich erfuhr Wunder und Sagen vom Gang der Welt, die ein ganzes Buch füllen würden, aber etwas an der Weisheit des Meerwassers verhinderte mich daran, so törichte Pläne zu fassen. »Ich sage es allen,« rief es gleichmütig, »warum willst du es tun? Niemand wird Dinge durch Menschen hören, die ihm die Natur nicht vertraut, und ihr, die ihr nicht einmal euch selbst versteht, wie wollt ihr mich, das Meer, in seinem heiligen Wesen erfassen?« Als ich erwachte, sah ich im Abendglanz auf der Silberleiste der Meerflut groß und nah ein schwarzes Boot im roten Himmelsschein dahinfahren, das von vier Männern angetrieben wurde, die stehend ruderten, und die mir gleichfalls schwarz erschienen, weil das Licht hinter ihnen mich gelinde blendete.
Vielleicht fuhren sie ins Weite hinaus, vielleicht kehrten sie heim, ich wußte es von ihnen so wenig wie von mir.
* * * * *
Ein bedauernswertes Ereignis dieser Zeit, das den Wert meines Charakters in den Augen der Einwohner Cannanores ernstlich in Frage stellte, ist mir lebhaft im Gedächtnis geblieben. Von Jugend auf habe ich den Hang verspürt, Schmetterlinge und Käfer zu sammeln, es aber leider auf diesem Gebiet niemals zu Erfolgen gebracht, im Gegenteil begleitete mich stets ein spürbares Mißgeschick bei solchen Unternehmungen, und es lag nachweislich kein Segen darauf. Der prächtige Kasten mit einem Glasdeckel, den meine Eltern mir zur Förderung meiner lehrreichen Neigung schenkten, wurde bald zu einer Goldgrube billiger Ernährung für eine kleine, lausartige Sorte von Parasiten, die über meine gesammelten Insekten herfielen und sie verzehrten. Auf den Rat eines erfahrenen Schulfreundes hin erwarb ich das prächtige Schutzmittel, das Naphthalin genannt wird, aber die Parasiten fielen auch über das Naphthalin her, fraßen es auf und gediehen dabei zusehends. So sah ich die Resultate meiner Bemühungen zuschanden werden bis auf einen rötlichen Erdfloh, der hoch an einer rostigen Stecknadel hockte und kaum größer war, als ihr Knopf.
Es wäre sicherlich besser gewesen, wenn ich mir diese Erfahrungen meiner Jugend auch in Indien zunutze gemacht hätte, anderseits aber wird es jedem verständlich sein, daß meine alte Leidenschaft bei der außerordentlich mannigfaltigen und prächtigen Insektenwelt Indiens aufs neue angeregt wurde. Ich schlug Panjas Einwände in den Wind und ließ in Cannanore bekanntgeben, daß ich Erwachsenen oder Kindern für jeden Schmetterling oder Käfer, die mir in meine Niederlassung gebracht würden, den Preis von einer Anna zu zahlen bereit sei.
Am Morgen nach dieser Kundgebung weckte mich in aller Frühe ein seltsames Geräusch vor meinem Hause, das ich anfänglich vergeblich zu erkennen trachtete, bis ich endlich herausbrachte, daß es ein Volksgemurmel war. Erschrocken trat ich ans Fenster und erkannte nun eine auffallend geordnete Reihe von Menschen, Kindern, Greisen, Frauen mit Säuglingen auf den Hüften, Männern und Jünglingen, auch fehlte es nicht an Bettlern, Straßendirnen und Landstreichern. Die Reihe machte gehorsam den Bogen des Gartenwegs mit, schlängelte sich durch die offene Pforte und ging dann auf Cannanore zu. Es war nicht abzusehen, wie lang sie war; diese Erfahrung blieb mir anfänglich erspart, wie es das Leben bei harten Schicksalsschlägen seinen Opfern zuweilen dadurch erleichtert, daß es nicht sofort die ganze Fülle des Ungemachs offenbart.
Panja sagte nur: »Sahib, die Leute bringen die Tiere.«
Ich muß gestehen, daß ich in große Verwirrung geriet und mich nur mühsam fassen konnte, aber es gelang mir doch, weil ich Panja den Triumph nicht gönnte, der hinter seinen stillen Augen lauerte, welche schräg und erwartungsvoll ohne Unterbrechung auf mir ruhten.
»Hast du kleine Münze genug?« fragte ich ihn fröhlich, während ich mich rasch ankleidete. Panja fragte mich ernst, ob ich genug große hätte.
Da nahm ich Elias an mich, setzte den Korkhelm auf und betrat mutig die Veranda meines Hauses. Ein beifälliges Murmeln der Erwartung begrüßte mich. Recht gelegentlich, als läge mir nur daran, ein paar Schritte in der Frische des Gartens zu tun, trat ich bis an die Pforte und schaute die Straße nach Cannanore hinab. Die Kette der wartenden Menschen erstreckte sich weiter, als meine Augen reichten, fern unter dem Dach der wilden Feigenbäume verlief sie im Laubschatten wie ein schwarzer Kohlestrich, auf dem roten Latrittweg. Elias zog sich still ins Haus zurück, weil dieser Anblick ihm neu war, und auf der Veranda empfingen mich wieder Panjas ruhig abwartende Augen; er hatte einen Liegestuhl für mich herausgetragen.
Es blieb mir nichts anderes übrig, als zu beginnen. So sandte ich denn Pascha mit einer Handvoll Rupien zum Wechseln in die Stadt, denn ich brauchte Panja als Dolmetscher, auch wäre er wahrscheinlich bis zum Abend ausgeblieben, um mich dadurch am Erfolg meines Unternehmens zu hindern.
Der erste der zahlreichen Ankömmlinge war ein kleiner dicker Knabe mit prachtvollen dunklen Augen und völlig nackt. In der festgeschlossenen kleinen Faust, die er mir mutig hinreckte und die von Schmutz starrte, entdeckte ich die Staubreste einer kleinen Motte, die völlig zerquetscht und aufgeweicht war. Ich verabfolgte eine Anna, um nicht mit einem verneinenden Bescheid zu beginnen, und der kleine nackte Jäger entfernte sich mit einem glücklichen Satz, ohne daß er wagte, in den Jubel auszubrechen, der ihm die Brust weitete. Offenbar hatte er bis zuletzt nicht an den Erfolg dieses Geschäftes geglaubt. Panja sah ihm nach und sagte boshaft: »Unterwegs wird er sich lausen, und dann schließt er sich hinten wieder an.«
Der nächste der Wartenden war ein alter Mann, der in der mageren Hand einen grünen Beutel aus einem großen Blatt emporreckte, das er oben zuhielt. Es befanden sich weiße Ameisen darin, von denen mein ganzes Haus wimmelte, und er war mit der Hoffnung herzugetreten, seine Tiere einzeln honoriert zu bekommen. Ich wies ihn ab, da legte er sich aufs Bitten und begann die Schicksale seiner Familie zu erzählen, der es in der Tat nicht gut gegangen zu sein schien; so gab ich zwei Anna, und er entfernte sich mit einem mißgünstigen Blick auf meine Münzen, nachdem er mir zwei Ameisen auszuhändigen versucht hatte.
Ich kann nicht alles aufzählen, was mir an diesem Morgen an Gewürm, Fliegen, Ungeziefer und Kerbtieren zugetragen worden ist, es gelang mir, Indiens Reichtum an diesen Geschöpfen zu ermessen. Eine alte Frau brachte ein Kücken, das von Ratten zur Hälfte aufgefressen worden war und keine Federn mehr hatte. Sie hoffte, daß ich es meiner Sammlung einverleiben würde, weil sie keine rechte Vorstellung von meinen Interessen hatte. Ein Mädchen, blühend wie der sonnige Morgen, in welchem sie schüchtern vor mir stand, hatte einen wahrhaft schönen Schmetterling von der Größe eines Singvogels, orangegelb, mit zartestem Lila an den Rändern, aber er war zwischen ihren Fingern zerdrückt, wie ein Trambahnbillett in einem Handschuh. Ich betrachtete das Kind und den unschuldigen Glanz seiner großen Augen, die mir erschienen wie dunkler Samt in braune Seide gebettet. Jahrtausendalte Träume brachen aus ihnen hervor, ruhig und traurig, Mohn und Schlaf. Mich überkam ein jäher Wandel meines Empfindens und eine Traurigkeit; plötzlich ward ich mir der ganzen Nichtigkeit meines Vorhabens in beschämender Klarheit bewußt. Wie hatte ich dem Irrtum verfallen können, zu glauben, daß wir den Herrlichkeiten der Natur dadurch auch nur um ein Geringes näher kommen, daß wir ihre Erzeugnisse unter Glas und in Kästen bergen. Ich empfand mich plötzlich als vielfacher Mörder, und vor mir harrte das Heer der blutigen Krieger ihres Lohns. Da gab ich dem Kinde den Rest des Geldes, das Pascha mir gebracht hatte, und stand auf, um verkünden zu lassen, daß meine Ansprüche befriedigt seien, und daß ich keiner weiteren Insekten mehr bedürfte.
Drittes Kapitel
Die Nacht mit Huc, dem Affen
Eines Morgens stand auf der Veranda meines Hauses in Cannanore ein brauner Hinduknabe, der einen Affen auf der Schulter trug. Wie lange er schon dort gestanden hatte, wußte ich nicht, weil die Eingeborenen bescheiden zu warten pflegen, bis es dem fremden Herrn gefällt, sie anzureden. Auch wenn sie annehmen, längst gesehen worden zu sein, harren sie geduldig fort, oft stundenlang, ob es nun auch gefällt, sie zu beachten. Dieser Umstand hat mir in der ersten Zeit meines indischen Aufenthalts oft einen nicht gelinden Schreck eingebracht, denn auch wenn ein Diener des Hauses ein Zimmer betritt, wartet er still in der Nähe des Herrn, bis er angeredet wird. Es geschah mir in Bitschapur, wo ich zu Anfang meiner Reise inmitten alter zerfallener Königsschlösser mein Lager aufgeschlagen hatte, daß ich nächtlicherweile plötzlich am Schreibtisch den Eindruck gewann, es stünde jemand hinter mir. Solche Befürchtung ist in der Verlassenheit tiefer Nacht um vieles beängstigender, als die Gewißheit eines jähen, unerwarteten Zusammentreffens. Ich weiß noch heute genau, daß ich lange nicht wagte, mich umzuschauen, und als ich es endlich langsam, Zoll um Zoll, tat und plötzlich den Umriß einer braunen Gestalt, dunkel in dunkel, hinter mir gewahrte, emporfuhr, als sei es der Böse selber, der mich heimsuchte. Der Bote hatte, in der festen Annahme, daß ich längst von seiner Gegenwart Notiz genommen hatte, bescheiden und geduldig auf meine Anrede gewartet. Da die Hindus den Tritt nackter Füße, selbst auf einer Kokosmatte, deutlich hören, begreifen sie nicht ohne Schulung, daß unser Ohr an deutlichere Beweise einer Annäherung gewöhnt ist. Glücklicherweise erschrak damals der nächtliche Ankömmling so heftig über meinen Schreck, daß mich ein Lachen befreite und aus meinem Entsetzen riß.
Eine große Zahl Berichterstatter aus dem heutigen Indien behaupten in Büchern und Journalen immer wieder, dies Land sei aller Geheimnisse und Wunder und aller Mystik längst entkleidet. Wahrscheinlich kennen sie von Indien nur die neumodischen Hotels. Ich habe den poetischen Glanz der Veden und den Geist Kalidasas überall gefunden und erst im Lande selbst recht würdigen und fassen gelernt, und der bedauernden Ernüchterung der modernen Propheten habe ich nur den Kummer entgegenzuhalten, daß meine Kräfte nicht ausreichen, von den mystischen Herrlichkeiten und dem geheimnisvollen Zauber aller Erscheinungen ein rechtes Bild zu geben. Wer allerdings die Wunder Indiens in der Kunst der Taschenspieler sucht und enttäuscht ist, wenn ihm keine Gelegenheit geboten ist, auf einem frei hängenden Seil emporklettern zu können, wird seine Erwartungen nicht erfüllt sehen, aber er wird nicht nur in Indien, sondern überall in der Welt enttäuscht sein, wo er glaubt, etwas Rechtes erleben zu können, ohne etwas Rechtes zu sein. Denn das Mystische ist weder das Dunkle und Unklare, noch das phantastisch Bedrohliche unverständlicher oder geheimnisvoller Vorgänge, sondern es umschließt, seiner tieferen Bedeutung nach, viel eher die Gewißheit ewiger Wahrheiten in ihrem Fortwirken jenseits unserer Erkenntnis.