Indienfahrt

Chapter 18

Chapter 183,642 wordsPublic domain

Mangesche Rao hatte nach der Abendmahlzeit schweigend die selbstgerollte Zigarette durch die hohle Hand geraucht, und wir hätten uns gewiß in dieser Nacht, wie in so mancher anderen, ohne viel Worte zur Ruhe gelegt, wenn uns nicht ein eigenartiger Vorfall aufgeschreckt hätte. Einer der grasenden Ochsen, der sein Geschirr noch zum Teil trug, begann plötzlich sich auf eigentümliche Art zu schütteln. Mir erschien dies Geräusch erst dadurch ungewöhnlich, daß Mangesche Rao plötzlich rasch hintereinander zwei Hände voll Reisig auf das Feuer warf, so daß eine hohe Flammensäule in die Nacht emporstieg, unter deren Schein die blaue Weltweite für kurze Zeit in Finsternis zu versinken schien und die nähere Umgebung aufleuchtete wie ein rotes Gemach. Er stand auf und schritt vorsichtig auf das Tier zu, die hängende Büchse, am Lauf gefaßt, wie er es stets tat, lauernd hinter sich herziehend, und ich folgte ihm mit der meinen. Es gibt wenig Gefahren in Indien, die man deutlich nahen sieht und denen man ruhig entgegentreten kann, dieses Abwartende und gebärdelos Hereinbrechende eines Verhängnisses macht einen Teil des großen Grauens aus, das niemanden in der indischen Wildnis verläßt, dessen Sinne diesen Ahnungen erschlossen sind. Wie wenig das einzelne Ereignis, das mein Leben oder das meiner Freunde gefährdet hat, es im Grunde war, das mich erschütterte, sondern wie vielmehr es die Ungewißheit seiner unfaßbaren Annäherung war, geht mir daraus hervor, daß heute noch eine Palmengruppe oder der schwüle Luftzug eines Treibhauses mich aufs tiefste entsetzen können. Mit der gefiederten Gestalt des harten Grüns eines Palmblattes ist mir dauernd eine Ahnung des Todes verknüpft, während ich den Bewegungen einer Schlange ohne andere Ergriffenheit zuzuschauen vermag, als in der, welche ihre Schönheit und Eigenart auslösen. Nach einer Begegnung mit einem mohammedanischen Hindu in einer engen Gasse von Bombay, der einen Schuß auf mich abfeuerte, ist mir weder vor den Männern seines Volkes noch vor einer Schußwaffe auch nur ein Schatten von Besorgnis verblieben, aber noch jahrelang hat mich der kaum hörbare Klang nackter Füße auf einem Steinboden entsetzt. Ich erinnere mich von diesem Geschehnis kaum an etwas empfindsamer, als an dieses dumpfe, leise »Tapp-Tapp«, mit dem es hinter mir begann.

Und so hätte auch in dieser Nacht am Steppenrand die Gewißheit, daß etwa ein Panther unser Lager umschliche, mich nicht so erregen können, wie die zweiflerische Vorstellung bald von etwas Nichtigem, bald von Ungeheuerlichem. Mag es ein jeder nennen, wie er will, wir fanden unseren Ochsen in einem seltsamen Erstarrungskrampf, er zitterte so heftig, daß sein Geschirr unaufhörlich klirrte, und war nicht zu bewegen, in die Nähe des Feuers zu gehen, in dessen Schein wir nach der Ursache seiner Plage hätten forschen können. Plötzlich sagte Mangesche Rao zu mir, daß ich stillstehen und keinen Fuß rühren solle, aber ich kam nicht zur Befolgung seines Ratschlags, weil das gewaltige Tier lautlos umsank und am Boden in furchtbaren Verrenkungen und unter keuchendem Schnauben verendete. Das Feuer war wieder auf ein bescheidenes Flämmchen zurückgebrannt, und ich sah den weißen Koloß des toten Tiers im Sternenlicht im Gras liegen und hinter ihm die unendliche Weite des blauen Steppenlandes.

Der Brahmine schien die Ursache dieses plötzlichen Todes zu wissen, denn er suchte mit Aufmerksamkeit und bewußt wie nach der Bestätigung einer feststehenden Annahme. Endlich brannte er einen größeren Span am Lagerfeuer an und zeigte mir im Licht der rauchenden Flamme ein winziges, dunkel umrandetes Löchlein am Maul des verendeten Tiers.

»Hier ist die Ursache,« sagte er langsam in einer Wichtigkeit, die nichts als Ergriffenheit war, »es ist der Stich der Kobra. Ich glaube, daß das grasende Tier die Schlange im Gras aufgestört hat.«

Es faßte mich ein Schauer, dessen nachhaltige Einwirkung ich damals kaum recht zu begreifen vermochte, aber ob hier ein Mensch oder ein Tier dem Gift erlegen war, schien mir angesichts des verdorbenen Lebens zu meinen Füßen ohne entscheidende Bedeutung. Mich erfaßte die Ehrfurcht vor der Kobra aufs neue, und das Angesicht Mangesche Raos spiegelte in seinem Ernst diese Ehrfurcht wieder, wie eine uralte Erinnerung seines Geschlechts an eine erhabene Gottheit, die keine Aufklärung hatte beeinträchtigen können.

Durch dieses Erlebnis mag es gekommen sein, daß unser Gespräch vorübergehend den Gedanken und Begriff des Todes streifte, und was mir daraus unauslöschlich im Gedächtnis geblieben ist, will ich erzählen. Nach einer Weile saßen wir wieder am Feuer, das in dieser Nacht nicht mehr erlosch. Eine seltsame Ruhlosigkeit war über den gelassenen Mann gekommen, es stimmte mich wehmütig, ihn im inneren Kampf zwischen seinen klugen Gedanken und der seinem Blute innewohnenden Tradition der Weltbetrachtung seiner Priesterkaste zu wissen. Noch heute sehe ich seine aufrechtsitzende Gestalt so deutlich vor mir, wie keine Worte sie dem Bewußtsein eines anderen zuzutragen vermögen, den rot beschienenen Seidenturban über der Stirn und den bedächtigen Augen, seine schmalen, fast zierlichen Schultern und den gesenkten Kopf, der beim Sprechen eine Haltung einnahm, als suchten die Augen die Gedanken von den Händen zu lesen, die auf den Knien ruhten. Zuweilen hob er eine der mageren hellbraunen Hände, wenn es ihm galt, einem Wort besonderes Gewicht zu verschaffen. Ich habe niemals im Leben wieder mit einem Menschen im Eifer und mit Leidenschaft über wichtige Fragen unserer Seele gesprochen, der mit so viel Gelassenheit und so feinem Anstand sein Gegenüber ausreden ließ. Einmal sagte er mir: »Sie müssen einem Gegner Ihrer Betrachtungsart sein Amt nicht dadurch erleichtern, daß Sie ihn unterbrechen, dadurch nehmen Sie ihm oft die Gelegenheit, zu erweisen, wie wenig er zu sagen hat.« Überhaupt war sein Spott von merkwürdiger Umständlichkeit der Darbietung, und seine schärfsten Bosheiten sagte er freundlich. Er genoß niemals den Triumph seiner Überlegenheit sichtbar und sprach am eifrigsten, wenn sein Gegner eine Niederlage zu verwinden hatte. Wahrhaft empfindlich aber konnte seine Art zu schweigen auf Gemüter wirken, die empfanden, daß er damit darauf verzichtete, zu überzeugen, und weshalb.

In Mangalore besuchte ich ihn eines Tages, als er vor seinem Hause auf dem Lehmboden im Palmschatten mit einem Pater der Jesuitenniederlassung Schach spielte. Gewiß unterhielt er sich dadurch, daß er spielte, aber er gewann nach der Meinung seines Partners zugleich dadurch, daß er sich unterhielt. Als der Pater ihm vorwarf, daß er ein Gespräch führte, um ihn abzulenken, wurde eine neue Partie ausgemacht, unter der Bedingung, daß während des Spiels kein Wort fallen sollte. Der Ordensbruder konnte sich, in etlichem Verdruß nach seiner Niederlage, nicht enthalten, hinzuzufügen: »Wenn es Ihnen möglich ist, so lange zu schweigen.«

Mangesche Rao antwortete nicht, sondern ordnete die Figuren. Nach wenigen Zügen verlor sein Gegner die Dame und gab das Spiel auf, worauf Mangesche Rao bescheiden sagte: »Ich habe sie nur genommen, weil es unhöflich gewesen wäre, in Gegenwart einer Dame so lange zu schweigen.« --

In jener Nacht nun sprach ich vom Tode, anfänglich im leichtfertigen Übereifer meiner Ergriffenheit und bewegt von der romantischen Betrachtungsart meiner Jugend. Mangesche Rao hörte mir zu und sagte endlich:

»Hören Sie die hungernden Hyänen in der Steppe heulen?«

Ich gab es ihm, ein wenig ernüchtert, zu, und er meinte, ohne Nachdenklichkeit, die nur diejenigen zur Schau tragen, die ihren Gedanken nicht trauen: »Welch einen Festtag hat der Tod den Hyänen beschert. Sie finden das tote Tier, wenn wir unsern Lagerplatz verlassen haben, um weiterzuziehen.« Und er fuhr fort: »Ich habe den Tod verstehen gelernt, als ich als Jüngling an einem Tag im Sommer vor das Stadttor ging, von unliebsamen Gedanken gepeinigt und die Bedrängnisse einer tödlichen Krankheit im Blut. Ich durchschritt mühsam, mich im Fieber dahinschleppend, ein Trümmerfeld im Steppengras, das von der Sonne so trocken war, daß es knisterte. Da überraschte mich ein sonderbares Blinken zwischen den Steinquadern im Sonnenlicht, und ich traute meinen Augen kaum, als ich eine funkelnde Schlange im Sande liegen sah. Die Hitze flimmerte über den herrlichen Farben ihrer Haut, die vom zornigen Blitzen des Diamanten bis zum stillen Glühen der Rubinen alle Farben des gebrochenen Sonnenstrahls zu enthalten schien. Die Pracht und Lebensfülle dieses blendenden Anblicks entzückte mich in so hohem Maße, daß ich begierig einen Schritt nähertrat. Aber da geschah ein erregtes Brausen, die leuchtende Schönheit des sanft geringelten Körpers zu meinen Füßen erhob sich als eine bunte Schar beflügelter Insekten in das warme Licht der Luft empor, und vor mir lagen die verwesenden Überreste einer kleinen Steppenschlange, in denen ich die zarten Rippen zwischen der zerfressenen grauen Haut deutlich unterschied, und der süßliche und widerwärtige Hauch der Zersetzung strömte mir entgegen.«

Das Lagerfeuer zwischen uns züngelte in matten Flämmchen in den irdischen Saal der Sterne ins Blau empor, und ich fühlte mein Herz unter dem Wunder erzittern, in welchem es zu begreifen scheint, ohne daß die Gedanken seiner herrlichen Freiheit folgen können.

»Ich fühle die Wahrheit, die in diesem Gleichnis liegt, wie Sie sie damals empfunden haben mögen,« sagte ich, »aber ich vermag so wenig wie zuvor meine Gedanken über den Tod zu einer Gewißheit der Erkenntnis zu ordnen.«

»Es war jener letzte Schritt auf die Schlange zu, den Sie mit Ihrer Gewißheit meinen«, sagte der Brahmine. »Wenn Sie mir sagen können, wo das Leben aufhört, und wo der Tod beginnt, so will ich Ihnen den Tod erklären. Wollen Sie bei den Pflanzen nach dieser Grenze suchen, bei den Menschen, bei den Steinen oder bei den Tieren? Ich sehe die Erneuerung aller hinfälligen Gestalt in der Natur, wohin ich blicke. Bis zur Bildung der Kristalle im Gestein erblicke ich Leben und in der mathematischen Ordnung solcher Erstarrung, die sowohl gedankenvoll zu sein scheint, als sie schön ist, glaube ich die Gesetze zu erkennen, nach denen ich atme, mich bewege oder Lust und Sorge erleide. Tod ist eine vage Annahme, die unsere Sinne um der Beschränkung ihrer Zeitbegriffe willen aufzustellen genötigt sind. Und was unsere Bewußtheit betrifft, so liegt ihr der Glaube an den Tod um so ferner, je eingeschlossener in die Allgemeinheit alles Lebendigen wir uns sehen oder fühlen. Und doch ist es mit dem Tode wie mit der Wahrheit, sie lassen sich sicherer empfinden als jedes andere Element der lebendigen Seele, aber sie lassen sich nicht erklären. Es wird immer zwei Arten von Menschen geben, die einen nehmen den Tod als Pflicht des eigenen Wesens, die anderen als die Willkür einer fremden Macht. Eure Kirche lehrt den Tod als Sold der Schuld, aber euer Gott starb ihn als freie Pflicht.«

»So rechnen Sie Christus den Ihren zu?« fragte ich. »Sie glauben seine Lebensweise und sein Gedankenreich der Ideenwelt Ihrer Gottheit einreihen zu können?«

Mangesche Rao antwortete mir:

»Ich vermag es so weit, als der Sinn aller irdischen Religionen, oder besser, die Religiosität aller Irdischen, aus einer gleichen Quelle des Anspruchs und der Hoffnung fließt, nicht aber so weit, als es die Lehre unserer Kirchen betrifft. Die Gedanken Christi sind größer als unsere Gedanken und führen weiter. Es ist viel über die Unterschiede und über die Ähnlichkeiten der christlichen Religion und der Religion unseres Volkes nachgedacht worden, aber die meisten Vergleiche sind deshalb bedeutungslos, weil es schwerhält, zwei Erscheinungen erfolgreich miteinander zu vergleichen, die im Wesen voneinander verschieden sind, denn das Brahman ist Philosophie, aber die Weisheit Christi ist praktische Lehre. Menschen, welche das Wesentliche der Erscheinungen schwer festzustellen und nachzuempfinden vermögen, lieben es besonders von unwesentlichen Begleiterscheinungen aus zu vergleichen und gegen einander abzuschätzen. In den meisten Fällen liegt solchen Bemühungen keine andere Absicht zugrunde, als die, den einen Wert auf Kosten des anderen herabzusetzen. So hart solche Behauptung klingen mag, so wenig werde ich sie einschränken, denn es ist den meisten Menschen, die Begreifen über Empfinden setzen, oder Verstehen über Glauben, eigentümlich, daß sie auch Verkleinern über Vergrößern setzen. So erscheint es mir auch gleichgültig, ob etwa Christus die Weisheit der Alten gekannt hat oder nicht. Große Gedanken sind niemals jung, so wenig, wie sie alt werden, und sie gleichen einander im Wesen, wie die höchsten Spitzen der Berge im Schnee einander ähnlich sind. Je niedriger das Auge sucht, um so mehr Unterschiede wird es finden; der Pöbel ist am buntesten und nur im Elend einig. Aber das Ziel ist, in der Freude einig zu sein.«

Ich war über diese Worte sehr überrascht und beglückt. Weniger in der Absicht, zu widersprechen, als vielmehr in dem lebhaften Wunsche, die Betrachtungsweise Mangesche Raos um so besser zu erfahren, sagte ich:

»Aber wie furchtbar ist die Wirkung der Lehre Christi auf das Menschengeschlecht gewesen. Sollte man nicht mehr als an jedem anderen Bekenntnis am Christentum verzweifeln, wenn man seine blutige Einwirkung auf die Geschicke der Völker übersieht?«

»Wer übersieht diese Wirkung denn?« fragte Mangesche Rao. »Was Sie als Resultat dieser Lehre hinstellen, erscheint uns wie ihr erster Beginn. Ich möchte das furchtbare und blutige Ringen der Menschen um den Sinn des Christentums eher die Geburtswehen dieser Lehre als ihr Resultat nennen. Diese Lehre ist sehr jung und noch kaum recht verbreitet. Ist man nicht ohne Mühe befähigt, sogar noch ihren äußeren Weg auf der Landkarte nachzuzeichnen, wie sie von Asien über Griechenland und Rom in das Herz Europas einzog, als wäre sie diesen Weg erst gestern gegangen? Und der Teil der Erde, welcher ihre Bekenner trägt, ist nicht größer, als daß wir ihn mit der Masse des Himalaja mit seinen Menschen, Städten und Kirchen verschütten könnten. Wenn die Zeit von Christi Hinscheiden bis heute noch dreimal vergangen ist, wird sein großer Geist sich aus dem engen Mantel der Kirche geschält haben und weit mehr zum Element der Geister geworden sein.«

Die Sonne ging über der Steppe auf, es schien, als würde sie aus Gründen ewiger Gluten emporgeschleudert, und begann ihren Weg über das Erdreich zum ungezählten Male, in unfaßbarem Triumph einer jauchzenden Herrschsucht. Das Geschrei der Tiere im Urwald erklang ohrenbetäubend und das lärmende Erwachen der Natur vertrieb den letzten Gedanken an Schlaf aus meinem Blut. Ich trennte mich von meinem Gefährten, nahm die Büchse und ging in die Steppe hinaus, den dampfenden, tobenden Dschungel hinter mir lassend. Und in den Flammen, die läuternd emporsteigen, wenn die Jugend und der Morgen einander begegnen, kamen mir die Worte Christi in den Sinn: »Solchen Glauben habe ich in Israel nicht gefunden.«

Vierzehntes Kapitel

Der Heimat zu

Wir waren kaum einige Tage wieder in Mangalore angelangt, als eine Nachricht die Stadt durchlief, die die Gemüter in hohem Maße bewegte. Es war über Nacht eine Abteilung englischer Soldaten angelangt, angeblich verschlagen auf einer Felddienstübung, bei einer Inspektionsreise durch die Provinz, wie sie zuweilen unternommen werden. Aber niemand schenkte dieser arglosen Auslegung Glauben, die widersprechendsten Gerüchte durchflogen die Stadt, und man sah überall in der Basarstraße und auf den Plätzen Gleichgesinnte in feierlichen Gruppen versammelt. Nur der Straßenpöbel trollte unbekümmert um Rechte und Pflichten einer gleichgültigen Regierung seine gewohnten Straßen, und die Händler versprachen sich gute Tage, als die leuchtend roten Jacken der Soldaten im bunten Bild des Basarlebens auftauchten.

Sie schritten, wie es damals Vorschrift war immer zu vieren, gemächlich dahin, bestaunten die unverstandenen Eigentümlichkeiten der fremden Stadt, hielten sich hier ein wenig auf, amüsierten sich dort auf ungezwungene Weise und erweckten im allgemeinen den Anschein von Arglosigkeit, so daß ich den heimlichen Befürchtungen und mancherlei törichten Gerüchten wenig Achtung schenkte.

Mangesche Rao ließ sich nicht bei mir sehen. Ich war nicht wenig erstaunt, als ich ihn nach einigen Tagen im Wagen des englischen Oberst erblickte, zu seiner Linken aber Seite an Seite mit ihm, die ruhigen Züge ohne jedes Zeichen einer Beteiligtheit oder auch nur einer Bewegung unter dem gelben Seidenturban, den ich so gut kannte. Der englische Offizier sprach lebhaft und gestikulierte eher vergnügt als erregt, alles erweckte deutlich den Anschein einer gelegentlichen Begegnung. Ich ritt an seinem Wagen vorüber, er erwiderte meinen Gruß gemessen.

Aber seltsam, seit diesem Zusammentreffen war es um meine Ruhe geschehen, obgleich bei vernünftigen Erwägungen gerade das Gegenteil hätte der Fall sein müssen. Aber ganz abgesehen davon, daß kein Land sich weniger als Indien dazu eignet, eine politische Macht in energischer Offenheit und schneidiger Entschiedenheit zu dokumentieren, war dieser fast freundliche englische Besuch mir plötzlich verdächtig und um so gefährlicher erschienen, je mehr er sein Ansehen und seine Bedeutung zu verbergen trachtete. Nichts erweckt in tiefer Beunruhigung stärker das Gefühl der Unsicherheit, als dies leise schleichende Indien. Plötzlich war mir, als gingen alle Wesen und Menschen in falschen Gesichtern umher, ich mißtraute bald dem Brahminen, den ich liebte, bald Panja, bald meinen eigenen Sinnen, es verlangte mich danach, aus den Verwicklungen einer Interessenwelt entlassen zu werden, die ich nicht übersah, weil es mir an Hingabe fehlte, und in die ich doch eingeschlossen war, weil meine Liebe zu Mangesche Rao mich fesselte. Und so begrüßte ich die seltsame Gelegenheit, mich beteiligen zu können, die sich mir kurz darauf eröffnete, mit großer Freude und erachtete die Gefahr um der Befreitheit willen gering, die sich einstellte, wie mit einem Entschluß nach langem Zweifel.

So viel erschien mir nach den letzten Erfahrungen sicher, daß der Brahmine weit höher eingeschätzt und viel ernster genommen wurde, als er selbst es mir oder andern jemals zu erkennen gegeben hatte. Diese Erfahrung erfüllte mich mit Bewunderung und heimlichem Stolz, und solche Empfindungen mögen viel dazu beigetragen haben, daß ich in fast gedankenloser Bereitwilligkeit auf seinen Wunsch einging, den ersten und einzigen, den er jemals vor mir ausgesprochen hat.

Es war in einer mondlosen Nacht gegen zwei Uhr, als Panja mich durch sein vorsichtiges Räuspern neben meinem Bett weckte. Er hatte immer noch die alte zurückhaltende Art der Ankündigung und war besonders zartfühlend, wenn er mich aus dem Schlafe rief, denn er wußte, daß dieser Vorgang, mehr als alle andern, das Heer meiner schlechten Eigenschaften entfesselte. Es war so dunkel, daß ich nur das finstere Dreieck im helleren, zurückgeschlagenen Moskitovorhang unterschied. Ich erkannte niemand.

»Mach' Licht!« rief ich, da ich Panjas Gegenwart vermutete. »Weshalb kommst du?«

»Es soll kein Licht gemacht werden, Sahib, steh auf, ein Fremder ist da, der dich sprechen will, er sagt, der Brahmine Mangesche Rao schicke ihn.«

Es war Mangesche Rao selbst. Panja hatte mir geraten, auf keinen Fall zur Nacht einen Besuch zu empfangen, der forderte, daß kein Licht angezündet würde, aber ich dachte mir, schließlich sieht mein Gegner auch nicht viel mehr von mir, als ich von ihm, und der Name meines Freundes machte mich gefügig. Der Brahmine war seltsam durch eine ungewohnte Kleidung entstellt, ich schickte auf seinen Wunsch Panja hinaus.

Wir saßen uns gegenüber, ein matter Schein von den Sternen beleuchtete das Bereich der Fenster spärlich, ich glaubte nun, da ich Mangesche Raos Gesicht zu unterscheiden vermochte, zu erkennen, daß es schmaler und bleich war, aber es mochte vom unsicheren Nachtlicht herrühren. Mir schien, als ränge er innerlich mit dem Entschluß zu einem Bekenntnis, einem Wunsch, über die Mühe der zurückliegenden Tage ein Wort der Klage zu äußern, aber es geschah von alledem nichts. Er sagte nach einer Weile des Schweigens, in der ich Gelegenheit hatte, die merkwürdige Entstellung zu betrachten, die seine nächtliche Kleidung herbeiführte, ruhig und unmittelbar:

»Morgen werden die Soldaten der Regierung in Ihrem Hause nach Dokumenten einer Verschwörung suchen, die über das ganze Land hin verbreitet sein soll, und deren Anhänger sie auch in Mangalore vermutet. Ich stehe, wie Sie wissen, im Verdacht, ein Gesinnungsgefährte der Unzufriedenen zu sein, und da ich oft in Ihrem Hause ein und aus gegangen bin, bringt man Ihre Person in Beziehung zu meinen Interessen.«

»Eine Verschwörung?« fragte ich erschrocken.

Mangesche Rao wartete, ob ich noch etwas hinzufügen würde, aber mir fiel im Augenblick nichts ein, diese nächtliche Begegnung, die Aussichten für den nächsten Tag und jene Enthüllung nun verwirrten mich in gleichem Maße, wie sie mich anregten. Wie anders die Dinge vor der Entscheidung als in romantischer Entfernung aussahen.

»Verschwörungen gibt es hierzulande beinahe täglich«, sagte Mangesche Rao langsam, und als dächte er an andere Dinge. »Sie werden entdeckt und vereitelt; und wenn sie nicht entdeckt werden, so brechen sie deshalb auch noch nicht aus. Die englischen Beamten brauchen Unterhaltung und ein Feld für ihren Eifer. Uns geht es ähnlich.«

Er wandte sich ab wie in heimlichen Zweifeln und sah mit einem traurigen Ausdruck in die dämmerige Nacht hinaus. Man hörte die Grillen feilen, ein paar Sterne hingen wie Funken im Gefieder der Papayakronen.

»Leider habe ich ein gutes Gewissen«, sagte ich. Seltsamer und fremder war mir dies Land nie erschienen. Ich kannte die zurückhaltende Art des Brahminen genügsam, um zu wissen, daß er weit mehr verbarg, als er erkennen ließ, auch hätten keine Worte mich so entscheidend von der Wichtigkeit seiner Angelegenheit und vom Stand der Dinge überzeugen können, als sein nächtlicher Besuch es tat.

Es waren an diesem Tage noch kurze Regenschauer gefallen, es drang kühl durch die Stäbe der offenen Fenster zu uns herein und zog mit Duft und feinem Klingen bis in die dunklen Ecken des Zimmers. Mir war, als träumte ich.

»Was kann ich tun?« fragte ich.

Mangesche Rao öffnete sein Gewand über der Brust und entnahm ihm einige verschnürte Päckchen, die Papiere zu enthalten schienen oder Briefe, ich sah es undeutlich, jedoch war die Verpackung derart, daß man leicht auf solcherlei Dinge schließen konnte.

»Wollen Sie diese Schriftstücke in Ihrem Hause verbergen?« fragte er gleichmütig.

Ich bejahte seine Frage ohne Besinnen, im Augenblick nur in schnellen Erwägungen damit beschäftigt, welcher Ort meiner Wohnung oder meines Gartens am geeignetsten sein möchte. Es kam mir keinen Augenblick in den Sinn, daß es in Mangalore Verstecke genug für eine Handvoll verdächtiger Papiere geben mußte, und der Gedanke, etwa mißbraucht zu werden, lag mir so fern, wie ich tief durchdrungen war vom Charakter und Wert des Mannes, der mich bat.

Später habe ich oft daran denken müssen, welche Empfindungen in der Seele eines jungen Menschen Entschlüsse ähnlicher Art zu zeitigen vermögen, und wie selten die Gesinnung eines auf solche Weise Bereitwilligen im Grunde mitzuspielen braucht. Es mag sich so mancher, der durch einen raschen Entschluß, den vielleicht die gedankenlose Erbötigkeit eines Augenblicks mit sich gebracht hat, um die Freiheit seiner ganzen Jugend und um den Preis seines tätigen Lebens gebracht haben.

Ich griff nach dem Päckchen. »Verlassen Sie sich auf mich«, sagte ich. Darüber kam mir in den Sinn, daß mein Freund mir soeben noch mitgeteilt hatte, daß ich morgen mit einer Haussuchung zu rechnen hätte, und ich stellte eine Frage, um diese seltsamen Zusammenhänge aufgeklärt zu sehen.