Chapter 10
Oft allerdings begriffen wir einander gar nicht, denn Gong wußte in seiner Sucht, mir gleich zu sein, bald kein Maß mehr zu halten, und verstimmte mich zuweilen empfindlich durch seine Nachahmungen, so daß ich mir lächerlich in meinen Bewegungen vorkam und den bestimmten Eindruck gewann, verspottet zu werden. Es mußte nun darüber nachgedacht werden, auf welche Art Gong eines Teils seiner Erziehung wieder zu entwöhnen war, denn es wurde von Tag zu Tag offenkundiger, daß sowohl er selbst, wie auch seine Gefährten, mich nicht mehr ernst nahmen und es an dem Respekt fehlen ließen, den ich glaubte beanspruchen zu dürfen. Die Tiere lachten geradezu, wenn ich kam. Zuweilen warteten sie morgens in Reih und Glied auf mich, um mich bei jeder Gelegenheit auszulachen. Sie stießen sich gegenseitig an, um sich aufmerksam zu machen, rieben sich vor Vergnügen die grauen Hände und schlugen sich auf die Schenkel, dabei quietschten sie in allen Tonarten, mißgönnten sich im nächsten Augenblick ein Glück, das sie einander noch vor kaum einer Minute zuerteilt hatten, und fühlten sich bei alledem auf eine Art wichtig, die auch bescheidenere Leute, als ich einer bin, ernstlich verdrossen hätte.
Ich war nirgends mehr allein, wo immer ich mich aufhielt, und selbst die Achtung vor meiner Büchse schwand von Tag zu Tag, da die Herren herausgebracht hatten, daß es mir auf Vögel und Rotwild ankam, und daß das wichtige Geschlecht der Affen völlig außer Gefahr war, geschädigt zu werden. War es mir aber einmal gelungen, irgendein kleineres Tier zu erbeuten, so warteten sie, bis ich die Büchse beiseite legte, und kamen herzu, wobei sie sich gebärdeten, als hätte ich diesen Erfolg einzig ihnen zu verdanken.
Am meisten ärgerte ich mich über ihre Vergeßlichkeit. Es war schändlich, wie wichtig sie sich bei einer Sache anstellen konnten, die ihrem Gedächtnis gleich darauf entglitt, als wäre sie nie in der Welt gewesen. Jeden Augenblick fiel ihnen etwas anderes ein, und immer beanspruchten sie, in ihrer neuen Pose völlig ernst genommen zu werden. Ich kam mir schließlich so vor, als sei ich in einer fremden Stadt ein zum Amüsement der Bürger geduldeter Sonderling, und begann an meiner Tier- und Weltbetrachtung ernstlich irrezuwerden.
So klagte ich Panja mein Leid. »Oh,« sagte er, »die Affen! Wer wird sich mit den Affen einlassen, Sahib? Aber wenn du nur eine Heuschrecke erblickst, so wirst du schon sorgenvoll und redest sie an, und dann tust du so, als ob es dir antwortete, das Vieh. Wer aber mit Affen umgeht, hat bald den Eindruck, als sei sein eigener Schatten närrisch geworden, und den Schatten kann man nicht fangen.«
»Ich will Gong haben«, antwortete ich.
Panja dachte nach. »Ich habe als Kind manchen Affen in der Schlinge gefangen, und wenn der Affe, den du haben willst, dich kennt und kein Mißtrauen hegt, so kannst du ihn leicht fangen, wenn du ihm zuvor genau zeigst, wie man in eine Schlinge geht. Von diesem Kunststück lernt er nur die erste Hälfte, und wenn du rasch hinzuspringst, kannst du ihn greifen. Aber du mußt ihm mit der linken Hand entgegenkommen und ihn unversehens mit der rechten im Genick packen. Die alten Affen beißen, solange sie noch Hoffnung haben, entwischen zu können. Später denken sie nach und geben es auf.«
Das war ein ausgezeichneter Gedanke. Ich nahm am andern Morgen ein haltbares Hanfseil, fettete es ein, und als meine Peiniger mich empfingen, begann ich mich auf alle Arten, bald am Arm, bald am Hals, aufzuhängen, wobei ich besonders Gongs Aufmerksamkeit zu erregen suchte. Seine Gefährten zogen sich betroffen zurück, da meine Maßnahmen ihnen fremd waren, aber Gong sah mir nachdenklich zu und wurde ungemein ernst. Als ich glaubte, genügsam durch mein Beispiel gewirkt zu haben, öffnete ich die Schlinge, soweit als nötig, zog mich zurück und legte mich in einiger Entfernung ins Gras, um meiner Genugtuung in aller Ruhe entgegenzusehen.
Aber Gong blieb ruhig auf seinem Ast sitzen und schaute mit hochgezogenen Brauen bald die Schlinge an, bald mich. Dann machte er sein böses, rundes Maul, stieß den Kopf gegen mich vor, sagte verächtlich »Großer Gott« und wandte sich ab, um die Gegend zu betrachten.
Da hörte ich Panja hinter mir lachen und beschloß, ihn sofort zu töten.
»Sahib, dieser Affe kennt die Schlinge, er kennt auch die Menschen, deshalb ist er damals so nahe herangekommen.«
»Warum lachst du?« schrie ich. »Wer hat dir erlaubt, zu lachen?«
»Das muß man«, sagte Panja.
Da sah auch ich es ein und lachte mit ihm zusammen.
* * * * *
Die grüne Wildnis des Dschungels unter mir dampfte in der Frühsonne und blieb oft bis Mittag verhüllt, ich begriff nun zuweilen schwer, wie ich es dort unten so lange Zeit ertragen hatte, jetzt, da die Klarheit der Bergluft kühl um meine Stirn wehte. Nachts kam der Panther bisweilen bis auf die Veranda des Hauses, von Hunger aus dem dürren Hügelland in unsere Nähe getrieben. Das Wild hatte sich aus der verbrannten Steppe in den Dschungel zurückgezogen, und ich begegnete außer Schakalen bald nur noch Hyänen, wenn ich mit der Büchse aus den Waldpartien bisweilen des Nachmittags über die kahlen Berge zog. Aber immer huschten die Tiere in Abständen und außer Schußweite am Horizont dahin. Die graubraunen Schakale, die die Farbe des Bodens hatten, reizten mich oft zum Schuß, aber kaum hatten die zierlichen Köpfchen mit den hochstehenden Ohren sich gezeigt, so schien der Boden sie auch schon wieder verschlungen zu haben.
Nahe bevor wir abreisten, schoß ich meinen ersten Panther. Es war in einer klaren Mondnacht, als ich hörte, wie Panja in mein Zimmer drang und mich rief. Hinter ihm stand Pascha still und steil im Mond, von unten her ein wenig vom Schein des Feuers beleuchtet, das nur schwach am Boden des Vorplatzes brannte.
»Sahib,« sagte Panja, »der Panther ist so hungrig, daß er Feuer frißt, wir können ihn nicht vertreiben und keinen Schlaf finden.«
Mir war die Nachricht willkommen, ich nahm die Büchse und befahl Panja, das Feuer zu löschen. Die Träger waren unterwegs in die Niederungen, um Reis und Geflügel zu kaufen, und wurden nicht vor Ablauf des kommenden Tages zurückerwartet. Ich lud beide Läufe mit Kugeln und legte den Revolver neben mich. Das Fenster enthielt keine Scheiben, sondern war nur mit dicken Holzstäben versehen, die Panja zum Teil erneuert hatte, die aber einem energischen Eingriff keineswegs standgehalten hätten. Ich stellte mich in den Mondschatten, und wir warteten.
Pascha legte sich im Winkel des Raumes zum Schlafen nieder, und ich hörte ihn nach kurzer Zeit schnarchen; Panja dagegen blieb dicht an meiner Seite, nachdem er sich mit dem längsten Messer bewaffnet hatte, das unser Lagerbestand aufwies, und mit einer Wegaxt. Er schüttelte sie wie ein Indianerhäuptling und grinste vor Aufregung, dann begann er das Meckern einer Ziege so täuschend nachzuahmen, daß mir zum ersten Mal mit ganzer Klarheit vor Augen trat, daß wir hier das große Raubtier erwarteten.
Es war vielleicht eine Stunde vergangen, und ich begann bereits die Geduld zu verlieren, als plötzlich unter meinen Augen, jenseits des Fensterbretts, das Mondlicht erlosch. Ich dachte zuerst an alles andere, merkwürdigerweise nur nicht an den Panther, zumal sich nichts mehr rührte, weil das Tier mit seinem letzten Schritt Witterung von uns bekommen haben mußte. Und nun erkannte ich die große Katze unmittelbar vor mir, niedriger zwar, als sie in meiner Vorstellung lebte, und merkwürdig farblos, aber ich unterschied deutlich die geschmeidige Belebtheit der schönen Rückenlinie und den herrlichen Katzenkopf, der mir mit halb geöffnetem Rachen zugekehrt war. In diesem Augenblick brach ein Geräusch aus den zurückgezogenen Lippen hervor, das mein Blut erstarren machte, es war ein fauchendes Schnarchen, überlaut und von einem Zorn und einer Angst hervorgestoßen, die den Willen bannten. Ich erinnerte mich, dieses häßliche und zugleich so überwältigende Fauchen in meiner Kindheit im Tiergarten am Käfig des Tigers gehört zu haben, wenn der Wärter nahe an den Stäben vorüberschritt. Nun trennte mich allerdings auch in diesem Augenblick ein Gitterwerk von dem Raubtier, aber der Grimm dieser Stimme erweckte die Vorstellung einer so unmittelbaren Nähe, daß auch die stärksten Eisenstäbe kein Vertrauen eingeflößt hätten.
Ich entsinne mich nicht mehr, ob ich die Büchse im Anschlag hatte, oder ob ich sie emporriß, jedenfalls zielte ich ohne das geringste Zutrauen zur Wirkung meines Geschosses, zwischen die Augen, die ich deutlich unterschied, wobei ich mich mehr auf die natürliche Fähigkeit der Arme verließ, dem Lauf die notwendige Richtung zu geben, als auf das Visier, und drückte, wahrscheinlich viel zu rasch, beide Läufe ab.
Ich hörte ein Geräusch am Boden, als spränge das Tier in diesem Augenblick vom Hausdach herunter vor mich hin, gleich darauf zerkrachte wie ein Zündholz einer der Fensterstäbe unter einem furchtbaren Tatzenhieb. Dann wurde es ruhig vor mir und leer, wir hörten den rollenden Widerhall der Schüsse von den Bergen her, sie polterten bellend von Felswand zu Felswand, rollten durch die Täler und verhallten endlich fern in der Mondnacht wie zwei gehetzte, klagende Brüder auf der Flucht.
Die erste deutliche Empfindung, die mich zu mir brachte, war das Schmerzen meiner Hand, mit der ich den Revolver so fest umklammerte, als ob ich mit dem ganzen Körper daran hinge. Ich erinnerte mich nicht mehr, ihn ergriffen zu haben, lockerte aber nun aufatmend die Finger und gewahrte, daß ich am ganzen Körper zitterte wie im Frost. Ich habe später in Kanara und Maisur noch manchen Panther erlegt, auf Reisfeldern, in Bäumen auf der Lauer liegend und in Felsschluchten, aber nie wieder durchschüttelte mich, selbst bei weit größerer Gefahr, ein annähernd so starkes Fieber des Entsetzens und der Hilflosigkeit. Ein unzulänglicher Schutz ist oft bei weitem beängstigender als die volle Gewißheit einer schrankenlos wirkenden Gefahr, und nicht nur, wenn es sich um einen Panther handelt. Es mag hinzukommen, daß es in der Tat überwältigend ist, plötzlich zum ersten Mal dieser großen Katze Auge in Auge gegenüberzustehen, deren Ankündigung aus geheimnisvoller Nachtfinsternis man monatelang vernommen hat, und aus der die Phantasie in unablässiger Beschäftigung ein bei weitem schlimmeres Fabelwesen erschaffen hat, als der Panther es in Wirklichkeit ist.
Er ist im Grunde sehr scheu und fällt fast niemals Menschen an, selbst Kinder nicht, wenn ihn nicht die äußerste Not des Hungers oder die Bedrängnisse der Treibjagd nötigen. Im gesättigten Zustande weicht er stets der Begegnung mit dem Menschen aus und er mordet nicht mehr, als zur Erhaltung seines Daseins erforderlich ist. Alle Hirten, die mir in Malabar vom Tiger oder Panther erzählt haben, stimmten in ihrer Erfahrung darin überein, daß diese Katzen sich mit dem begnügen, was sie brauchen; unter gewöhnlichen Verhältnissen nimmt der Panther eine Ziege aus der Herde, schleppt sie davon, sättigt sich und überläßt die Reste seiner Beute neidlos den Hyänen, die fast immer in seiner Gefolgschaft zu finden sind, und die er nur dann angreift, wenn der äußerste Hunger ihn nötigt.
Vom Tiger gibt es vielerlei widersprechende Geschichten, die aber alle mit großer Vorsicht aufgenommen sein wollen, denn die abergläubische Furcht der Hindus vor dem Tiger ist so groß, daß kaum einer noch in der Lage ist, zwischen Tatsachen und allegorischen Erfindungen zu unterscheiden. Das Grauen der Eingeborenen vor dem Tiger ist so nachhaltig, daß sich in vielen Provinzen der Begriff des Bösen, des Satans, im Namen mit dem dieses Raubtiers deckt, eine Tatsache, die nur verständlich ist, wenn man die unerhörte Überlegenheit des Tigers über die dortigen Menschen kennt, die fast alle ohne Waffen sind, und deren Laubhütten keinen genügenden Schutz gegen einen nächtlichen Überfall bieten. Von vielen Sagen beruht jedenfalls die auf Wahrheit, daß Tiger, welche den Genuß des Menschenfleisches kennen, selten noch andere Nahrung zu sich nehmen, und solche Exemplare können dem Lande ein außerordentlicher Schrecken werden. --
Wir fanden den erlegten Panther in der Morgendämmerung in den Aloën. Der Boden umher war zerwühlt und im Todeskampf aufgerissen worden, aber das große Tier lag jetzt ruhig, fast friedlich da, ohne Entstellung und ohne Spuren eines Todeskampfs. Ich fand nur den Weg der einen Kugel, die hinter dem Ohr in den Nacken gedrungen war und den Wirbel zerschmettert hatte. Die Augen waren geschlossen, was man sehr selten bei einem erlegten Tier findet, und das schön geschnittene Maul, in einem wehmütigen und beinahe zärtlichen Ernst, war ein klein wenig geöffnet, wie von einem letzten Todesseufzer bewegt.
Seltsam harmonisch, fremdartig und zugleich im Sinn dieses Landes vertraut und notwendig, hoben sich die stachligen, blaugrünen Blätter der Aloëstauden von der gelben Färbung des Fells ab. Ich vergesse diesen Anblick niemals, der sich mir so entscheidend in die Seele einprägte, als erfaßte ich zu dieser Stunde zum ersten Mal mit ganzer Inbrunst den unnennbaren Begriff Indien, den der Pinsel keines Malers und das Wort keines Dichters in seiner ganzen Fülle und Eigenart zu vermitteln vermögen.
Panja war den ganzen Morgen über schweigsam, ein mächtiger Herr der Berge war gestorben. Ich trug mich den Tag hindurch mit eigenartigen Gedanken, und zuweilen war mir zumut, als sei eine arge und sinnlose Willkür geschehen, als habe ich einen Eingriff in die Pracht und Mannigfaltigkeit der Schöpfung getan, die mit dem Aussterben der großen Katzen in Indien langsam um ihre vollkommensten Resultate geschmälert wird.
Achtes Kapitel
Am Thron der Sonne
Nachts, wenn ich nicht einschlafen konnte, weil das Mondlicht wie das wahrsagerische Gespenst einer ewigen Todeskühle an den zerbröckelten Mauern entlang geisterte, die mich vor den Gefahren der Außenwelt schirmten, erwachte in meiner Brust der Wunsch, jene Höhen zu erreichen, auf denen des Morgens das rote Gold der aufgehenden Sonne leuchtete. Es verlangte mich danach, von jener kühlen, hohen Ruhe aus auf das indische Land jenseits der Berge hinabzusehen und angesichts der unermeßlichen, hügligen Weite meine Gedanken noch einmal durch jene Tage zu führen, die ich durchlebt hatte, bevor ich in Cannanore angelangt war.
Panja riß die Augen auf, als ich mit meinen neuen Plänen herausrückte. Er stampfte den Wasserkessel in das Feuer, daß die Funken stoben und betrachtete mich eine Weile auf jene Art, die Leute an den Tag zu legen pflegen, die aus lauter Hoffnungslosigkeit, jemals überzeugen zu können, am Rande der Verzweiflung angelangt sind, und die doch darüber ihren Wunsch zu überzeugen nicht verbergen können. Als ich meinen Lebensretter so erblickte, im Augenblick aber mehr Verlangen nach dem Tee, als eben nach seinem Verständnis trug, mußte ich für eine kurze Weile an eine Schulstunde zurückdenken, in der mir von einem ähnlich ergriffenen Männerangesicht zugemutet wurde, Pythagoras dadurch gleichzusein, daß ich ihn begriff. Auch dort erstickte ein bedauernswerter Zorn in der Hochflut anschwellender Ohnmacht, und sprachlos gewordene Verachtung sagte mir an bösem Lebensgeschick weit mehr voraus, als ein vereinzeltes Gemüt, mit leisem Hang zum Grübeln, ertragen kann.
»Du siehst aus wie Professor Stolzenburg«, sagte ich zu Panja, denn ich halte dafür, daß man böse Gedanken guten Leuten gegenüber am besten offen ausspricht, damit sich ein Weg zum Ausgleich mit gemeinsamen Kräften suchen läßt. Hätte ich das nur in der Schule auch schon gewußt, vielleicht hätte der gestrenge Verbitterer so mancher meiner Morgenstunden zwischen zehn und elf Uhr mit sich reden lassen.
Panja verschmähte es der Bedeutung meines Vergleichs nachzuforschen, er sagte nach einer Weile resigniert:
»Nun, es ist ja gleichgültig, Sahib, ob wir hier oder dort im Wasser umkommen.«
Das befestigte meinen Beschluß aufs beste, denn wie alle leichtsinnig und zugleich eigensinnig veranlagten Naturen habe ich oft dem Hang in mir nachgegeben, jede Latte, die mir zwischen die Füße geworfen worden ist, als Sprungbrett zu benutzen. Man muß allerdings springen können, um dererlei wagen zu dürfen, das ist wahr, und dieses »Springen-Können« ist im Grunde nichts anderes, als das, was die Menschen in der Regel »Glück-Haben« nennen. Glück haben gibt es nicht. Das sogenannte Glück ist so eng mit Geschicklichkeit verbunden, wie Unglück mit Ungeschick, und diese Wahrheit bezieht sich durchaus nicht einzig auf äußere Vorgänge, auch das Unglück der Seele ist zuletzt Ungeschick, wenn auch in einem weit höheren Sinn, der sein Recht in der Gesetzmäßigkeit des Weltwesens findet.
Ich habe das Panja damals nicht gesagt, er lief hin und her und hantierte dergestalt mit den Gegenständen, daß man deutlich wahrnehmen konnte, daß keine Zweckmäßigkeit mit seinem Eifer verbunden war. Es ist merkwürdig, daß Leute, die ärgerlich geworden sind, so oft dazu neigen, leichtere Gegenstände von einem Platz auf den anderen zu stellen, und dann mitunter sogar wieder von dem neuen Platz auf den alten zurück. Offenbar liegt es daran, daß ihre Gedanken mit den Entschlüssen ähnlich verfahren, und daß ein heimlicher Hang existiert, den Körper und die Seele möglichst im Einklang miteinander zu erhalten. Ich erinnerte mich bei Panjas nutzloser Beschäftigung meines Vaters, wenn er aus irgendeinem Grunde zum Ausdruck brachte, daß seine Weltanschauung sich nicht mit der meinen deckte. Leider geschah dies gewöhnlich bei den Mittagsmahlzeiten, denn sonst vermied ich es nach Kräften, ihm ohne Grund längere Zeit ruhig gegenüberzusitzen, und dann sah ich, wie das Messer oder die Gabel, auch das Salzfaß oder der Serviettenring bald an die rechte, bald an die linke Seite des Tellers wanderten. Leider hatten wir damals Messerschärfer aus Schmirgelstein in Gebrauch, runde, schwarze Stäbe von der Länge einer mäßigen Spargel und mit einem polierten Handgriff aus Hartholz. Wenn zufällig eine besonders wichtige Meinungsäußerung meines Vaters mit dem Transport dieses nützlichen Gegenstandes zusammenfiel, so geschah es in der Regel, daß der Schmirgelstein zerbrach, denn seine Überlegenheit, selbst dem besten Stahl gegenüber, bewährt sich nicht im Kampf mit der Tischplatte.
Dies erhöhte den Verdruß meines Vaters bis an die Grenze bedenklicher Einseitigkeit und zog die Laune meiner Mutter in Mitleidenschaft, während es meist meinem Selbstbewußtsein einen erheblichen Aufschwung verlieh und mir nicht ohne Berechtigung den Gedanken beibrachte, daß mein Charakter in den Augen meines Vaters um vieles milder angesehen würde, wenn wir Messerschärfer aus gerilltem Stahl in Gebrauch nähmen.
So sagte ich denn Panja meine Ansicht über Messerschärfer, und dieser unerwartete Ausdruck meiner Überzeugung brachte ihn so weit zur Besinnung, daß ich Tee bekam.
Er trank mit, wie gewöhnlich, hockte mir gegenüber in der Morgensonne und rückte melancholisch an seinem Turban. Außer ihm trug er nun schon seit Wochen nicht mehr als ein schmales Lendentuch, aber auf seinen schweren Turban verzichtete er selbst in der größten Hitze nicht. Es ist wirklich recht merkwürdig mit diesem Panja gewesen, je entschiedener sein Widerspruch oft zu Anfang war, um so lebhafter wurde sein Eifer für gewöhnlich von dem Augenblick an, in dem er merkte, daß ich nicht umzustimmen war. In beidem erkannte ich die ehrliche Besorgnis seiner Neigung, und ich erinnere mich seiner niemals ohne den Kummer über einen der größten Verluste meines Lebens. Die Harmonie unseres Verhältnisses mag im Grunde auf seiner Gewißheit beruht haben, daß die Überlegenheit meiner Rasse mit der Unerschütterlichkeit eines Naturgesetzes feststand. Das nahm seinem Wesen jede Devotion im niedrigen Sinn und machte seine Ergebenheit durch eine Demut würdig, die beinahe einen Einschlag von Religiosität hatte. Heute bebaut er in Malabar die Reisfelder am Purrha, jenem beschatteten Landstrich am Palmenwald, auf dem die Hütte seines Vaters stand, und den er aufgeben mußte, um in der Fremde zu dienen, weil seine Brüder den Verlockungen der großen Städte in Verschwendung erlegen waren. Der Rückkauf dieses Stückchens Land war meine letzte Gabe an ihn, und es bedrückt mich, daß ich ihm niemals die Gewißheit habe verschaffen können, daß seine Gaben an mich reichere und unvergänglichere Geschenke gewesen sind.
Als der Tee getrunken war, sagte er wütend:
»Aber Pascha bleibt hier.«
Er tat immer noch so, als wäre an diese Reise auf keinen Fall zu denken, und wahrscheinlich meinte er deshalb nach einer Weile:
»Es sind drei Tage oder Nächte für den Aufstieg nötig, aber in der halben Zeit steigen wir ab. Hast du etwa geglaubt, wir brauchten länger?«
Ich hatte es nicht geglaubt.
Panja sah hinauf zu den Gipfeln. Oben flutete alles in Licht, ein nie gesehener Glanz verklärte die einsame Ruhe, die kreisenden Adler schimmerten, als wären sie aus Gold.
»Alle Träume bleiben lange leicht von der Frische der Höhen«, sagte er versunken.
»Panja, höre, nur wer die Schönheit der Erde lieben gelernt hat, hat die Erde in seinen kurzen Lebenstagen wahrhaft beherrscht. In diesem Sinn ist sie uns von Gott gegeben, so hat er es mit uns gemeint, als er sie uns gab.«
Panja lächelte kindlich, in solchen Augenblicken hätte ich ihn in die Arme schließen können.
»Dir wird nichts geschehen, Herr«, sagte er still und wie zu sich selbst. Ich weiß nicht, ob er bei solcher Zuversicht an Gottes Hilfe glaubte oder an seine, gewiß ist, daß ich selten im Leben wieder durch eines Menschen Nähe so glücklich geworden bin wie durch die seine. Durch nichts vermag ein Mensch uns seine eigenen Kräfte besser zur Verfügung zu stellen, als indem er die unseren glaubt.
* * * * *
So wagten wir vor Anbruch des kommenden Tages den Aufstieg zu zweien, noch als die Nacht umher herrschte und über den blauen Zelten der Berge vor uns die Sterne leuchteten. Wir schritten im spärlichen Gesang der Grillen durch dürres Steppengras unter den hohen Latambäumen dahin, die in weiten Abständen voneinander standen. Zuweilen schalt über unseren Köpfen ein Affe, den unser Tritt geweckt hatte, oder ein Vogel flog auf mit einem lauten Warnruf, der unser Nahen der ahnungslosen Natur verkündete, die an diesen Stätten wohl seit undenkbar langer Zeit der Fuß keines Menschen betreten hatte. Es war kühl und still, Panja sprach nicht, und ich schritt im Traumbann einer so tiefen Einsamkeit dahin, daß mir zuweilen war, als sähe ich, wie ein fremder Dritter, uns kleine Zwei durch die riesenhaften, graugrünen Wogen der Hügellandschaft dahinschreiten, im Dämmerlicht unter den Bäumen und Sternen.
Es war unvorsichtig genug, daß wir den Weg ohne Fackeln machten, denn am Morgen ist in dieser Jahreszeit der Panther am kühnsten, wenn er nach vergeblichem nächtlichem Raubzug durch die Dämmerung schweift. Aber es war so hell unter den Sternen, daß wir das Land weithin übersahen, und ich trug die Büchse in der Hand. Panja schritt schweigend neben mir dahin, leichten Tritts und mit erhobenen Augen, Kraft und Freude gingen von ihm aus, und ich empfand ihn als allen Lebewesen seines Landes zugehörig, und die Harmonie seiner Seele teilte sich mir mit, als sei auch ich in der Heimat.
Plötzlich begann er leise zu singen, immer die Augen auf die Höhen gerichtet und so versunken in sich selbst, als schritte er allein durch das Land. Seine gedämpfte Stimme erinnerte mich, wie auch der eintönige Rhythmus seines Liedes, an den Singsang der Priester, deren Tempel in Cannanore hinter dem Garten meines Hauses im Grünen lag, und jählings war ich aus der freien Höhe und aus der kühlen Luft in die tropische Niederung versetzt, so daß mir war, als schlügen die schwülen Dämpfe des leidenschaftlichen Wachstums über mir zusammen.