Indianerleben

Part 16

Chapter 163,586 wordsPublic domain

Beim Canguitrinken geht es sehr zeremoniell zu. Vorn sitzen auf Bänken und Schemeln (Abb. 85) die Männer, und hinter ihnen, auf dem Boden, die Frauen. Die älteren Damen bekommen die besten Plätze. Die Wirtin bringt das Cangui in ihren feinsten Tongefäßen, „yambuy“, herein und stellt diese vor ihre Gäste (Abb. 77 u. 78). Wem ein Gefäß mit Cangui hingestellt wird, der muß servieren. Das gilt auch für die Häuptlinge. Sogar ich habe auf Indianergesellschaften serviert. Es ist nichts Ungewöhnliches, daß die Männer die Frauen bedienen und umgekehrt. Man füllt das Cangui in verzierte Kalebassen, die man der Reihe nach umherreicht. Jeder muß austrinken. Wer sich weigert, ist unhöflich und ungebildet. Sich selbst einzuschenken, ist nicht passend. Will man gegen den Servierenden höflich sein, so trinkt man erst seine Schale aus, füllt sie dann selbst und bietet sie jenem an. Trinkt man alles, wozu man eingeladen wird, dann ist man der Freund der Indianer. Weigert man sich, dann fassen die Indianer Mißtrauen zu einem. Ein alter Chané sagte auch einmal zu mir: „Du bist ein netter Christ, schon am Morgen trinkst du Maisbier mit uns.“ Wenn Moberg mit Beute beladen von der Jagd heimkehrte, drängten sich die jungen und hübschen Frauen um den glücklichen Jäger und bewillkommneten ihn mit einer Kalebasse Maisbier. Was waren die Mühseligkeiten der Jagd gegen die des Trinkens, denn die Frau, deren Schale er unberührt ließ, vergaß niemals den Schimpf. Wenn man Feinde hat, kann das Canguitrinken gefährlich sein, denn wer weiß, ob nicht jemand etwas von den eigenen Exkrementen oder Haaren in das Bier gelegt hat, so daß man verhext wird und stirbt. Dergleichen geschieht in diesen Dörfern.

Bei den Festen kommen oft Züge von Indianerhumor zum Vorschein. Ein Scherz ist z. B. zu tun, als ob man Cangui in einer umgestülpten Kalebasse herumreicht, ein anderer, einen zu bitten, auf einem unförmlichen Rohr Flöte zu blasen.

Tanzmasken werden von den Chiriguanos und Chanés jetzt nur während des Karnevals, dem großen Zechfest der Christen, getragen. Diejenigen, die ich gesehen habe, hatten die Form von menschlichen Gesichtern (Abb. 119).

Sehr verschiedene Ansichten herrschen unter den Indianern, ob die Masken hier ursprünglich indianisch sind oder nicht. Vocapoy sagte, die Idee zu ihnen sei ursprünglich von den Weißen gekommen. Batirayu behauptete dagegen, als Knabe am Rio Parapiti bei den Chanés von den jetzigen verschiedene Masken gesehen zu haben, die bei ihren großen Festen benutzt wurden. Seiner Ansicht nach haben die Chanés Masken angewendet, bevor die Weißen ins Land gekommen sind. Man hatte damals auch Klappern aus Früchten um die Beine und Federschmuck aus Papageifedern auf dem Kopfe.

Die Chiriguanos und Chanés zerstören immer die Masken nach dem Karneval. Sie werden entweder verbrannt oder in den Fluß geworfen. Die Chanés nennen die Masken „añañya“.

Eigentümlich ist es, eine wie große Rolle der Karneval jetzt als Fest bei den Indianern spielt. Dies kommt sicher daher, daß die Weißen da Massen von Branntwein verteilten und daß die Indianer, die bei diesen arbeiten, dann einige Tage frei bekamen.

Zu den Festen kommen die Gäste oft aus weiter Ferne. Sie treten dort in ihren feinsten Kleidern und Schmucksachen, neu bemalt und fein gekämmt, auf. Die meisten alten Trachten und Schmucksachen sind jedoch schon verschwunden. Frauen in hausgewebten Kleidern mit Halsketten aus Chrysocol und Türkis sieht man jedoch noch. Das silberne Diadem und die silbernen Nadeln, die zur Festtracht gehören, habe ich indessen niemals im Gebrauch gesehen. Die blauen Trachten der Männer (Abb. 81) mit silbernem Brustschmuck sieht man oftmals in den Hütten bei den Alten verwahrt, zu den Festen werden sie aber nicht angewendet. Bei den Chanés im Itiyurotal habe ich die Indianer bei einem Canguifest tanzen sehen. Um einen „Yambuy“ mit Cangui standen einige der alten Männer zu zweien, ein eintöniges Lied singend und den Takt mit den Füßen schlagend. Die Frauen gingen langsam im Takt des Liedes außerhalb des Kreises der Männer auf und nieder.

Bei den Chanés und Chiriguanos verdrängt die Tracht des weißen Mannes alles Alte und Hübsche, und von meinen vielen alten Häuptlingsfreunden unter diesen Indianern verachtet nur allein Maringay die Lumpen der Weißen.

Der Branntwein dringt immer mehr bei diesen Indianern ein, und die zeremoniellen, gutmütigen Maisbierfeste verwandeln sich in rohe Trinkgelage.

Ich vergesse nie eine Nacht im Dorfe Vocapoys. Die Männer waren zu den Christen gegangen, um Branntwein zu trinken. Als sie zurück kamen, fielen harte Worte und die Messer kamen hervor. Der Branntwein hätte blutige Opfer gefordert, wenn die mutigen Frauen sich nicht mit Feuerbränden vom Maisbierkochen zwischen die streitenden Männer geworfen und sie, nachdem sie sie getrennt hatten, unter beruhigenden Schmeichelworten nach Hause gebracht hätten.

+Sechzehntes Kapitel.+

=Aus dem Leben der Chané- und Chiriguanoindianer= (Forts.).

Kunst und Industrie.

Die Chiriguanos und Chanés sind Stämme, deren Kunstindustrie sehr hoch steht. Besucht man eine der Hütten der weißen Ansiedler in diesen Gegenden, so wird man nicht viele Erzeugnisse einheimischer Industrie, nicht viel von eigener Kultur sehen. Ich weiß rein gar nichts, was diese Menschen können, was mit der Keramik und Webetechnik der Indianer konkurrieren kann. Sicher ist, je mehr die Indianer „zivilisiert“ werden, um so weniger leisten sie kunstindustriell. Von den Weißen lernen sie nicht viel mehr, als Branntwein bereiten und trinken. Die indianische Kunstindustrie verschwindet hier allmählich, je mehr die Indianer mit den Weißen in Berührung kommen, sie wird aber nicht umgebildet. Sie verbleibt zum großen Teil rein indianisch bis zu ihrem schließlichen Untergang. Eine Industrie ist indessen jetzt in den Händen der Weißen, und zwar die Metallindustrie. Die silbernen Schmucksachen, welche z. B. die Chiriguanos und Chanés anwenden, werden von den Schmieden in den Dörfern der Gebirgsgegenden gearbeitet. Die halbweiße oder quichuaindianische Bevölkerung, die wir in den Gebirgen westlich vom Lande der Chiriguano- und Chanéindianer antreffen, ist recht kunstfertig. Besonders die Webetechnik steht dort hoch. Vom Westen haben die Chiriguanos und Chanés sicher viel gelernt.

So finden wir die für die Chiriguanos charakteristische Serérepfeife (Abb. 120) in Sammlungen von der Küste Perus[88]; die Nadel zur Befestigung der Frauenkleider (Abb. 130) ist in ihrer Form typisch peruanisch, ebenso der silberne Haarauszieher, von dem ich indessen kein Exemplar habe. Die Festtracht des Mannes (Abb. 81) scheint mir ebenfalls peruanischen Schnitt zu haben. Möglicherweise hat sich jedoch der Einfluß von Peru unter den Chiriguanos erst nach der Eroberung der Hochebene durch die Spanier geltend gemacht.

Boman[89] hat nachgewiesen, daß die Chiriguanos, oder richtiger der Gúaranistamm, zu welchem diese Indianer gehören, sich früher viel weiter südwärts ausgedehnt haben als jetzt. Er hat dort die für sie so eigentümlichen Graburnen angetroffen.

Die materielle Kultur der Chanéindianer unterscheidet sich nicht sehr von der Kultur der Chiriguanos im allgemeinen. Die Chanés, die mehr abgesondert am Rio Parapiti wohnen, haben dagegen eine vollkommen selbständige Keramik, die wir bei den Chiriguanos nicht wiederfinden. Vergleichen wir im übrigen die Industrieerzeugnisse der Chanés und der Chiriguanos, so finden wir keine größeren Unterschiede, als wir sie in den verschiedenen Chiriguanodörfern auch finden.

Sammelt man z. B. Tongefäße im Iguembetal und im Caipipendital, welche beide Täler von Chiriguanos bewohnt werden, so wird man unwillkürlich finden, daß die Keramik, obschon in Ornamentik und Form stark verwandt, doch auch lokal variiert. Über die individuellen Variationen habe ich schon gesprochen (S. 235).

Von den verschiedenen Industrien steht bei den Chiriguanos und Chanés besonders die Keramik hoch (s. die Abb.). Sie sind auch geschickte Weber und Verzierer von Kalebassen. Korbflechten kommt vor, jedoch meist im nördlichen Teil ihres Gebietes. Federarbeiten werden jetzt nicht mehr angefertigt. Von Caraguatábast werden nur Seile und Fischnetze, und am Rio Parapiti Hängematten und Tragnetze gemacht. Die für die Chacostämme so charakteristischen Taschen aus diesem Material werden niemals von den Chiriguanos und Chanés angefertigt, aber zuweilen durch Handel zwischen den Stämmen erworben.

Bei den Chanés am Rio Itiyuro habe ich die Topfherstellung verfolgt. Der Ton wird gemahlen und mit zerstoßenen, gebrannten Krugscherben gemischt, damit das Gefäß nicht beim Brennen entzweigeht. Die Tongefäße werden auf gewöhnliche Indianerweise aus Rollen aufgebaut. Zum Glätten werden eine Muschelschale oder ein Maiskolben ohne Samen sowie ein schmales Bambusstäbchen angewendet. Der Maiskolben macht parallele, feine Ritzen.[90] Das Bambusstäbchen wird auch bei der Herstellung zum Abmessen benutzt, um richtige Verhältnisse zu bekommen. Hiernach wird das Gefäß einen Tag im Schatten getrocknet, bevor es gebrannt wird. In der Regel hat man nur ein oder ein paar Gefäße gleichzeitig in Arbeit.

Die gröberen Gefäße sowie alle Kochgefäße werden nur mit Fingereindrücken und aufgelegten Tonschleifen ornamentiert. Die feineren Gefäße werden später bemalt (s. Taf. 19). Mit einem Pinsel aus Agutihaaren[91] werden die Ornamente in Weiß, Dunkelbraun und Schwarz bemalt. Die weiße Farbe ist eine Erdart (Kaolin), die anderen werden aus Schiefer und Sandstein zubereitet. Man malt freihändig und komponiert die Ornamente aus dem Gedächtnis und nicht nach Modellen. Holz, Maiskolben und Kuhexkremente werden um das Gefäß gehäuft. Das Brennmaterial wird angezündet und muß eine Viertelstunde oder, wenn das Gefäß groß ist, noch länger mit kräftigem Feuer brennen (Abb. 122).

Falls das Gefäß gemalt ist, wird es mit Harz, „taraviruti“, das von einer Mimosoidee gesammelt ist, und mit Harz von palo santo (s. S. 93) gefirnißt. Das erstere gibt einen gelblichen Glanz, das letztere sieht wie grünschwarze Glasur aus.

Fertigt man einen Topf an, so tauft man ihn, bevor er erkaltet ist, damit das Wasser in demselben schnell kocht.

In Maringays Dorf malte man einzelne Gefäße mit einer Mischung von Uruku oder einer anderen Farbe und einem Pflanzenfett. Wie dies letztere bereitet wird, habe ich nicht sehen können.

Die Chiriguano- und Chanéfrauen sind geschickte Weberinnen. Das Material für die indianischen Gewebe ist in der Regel Baumwolle und manchmal auch Schafwolle.

Da durch die Weißen große Massen Zeug eingeführt werden, verschwinden die einheimischen Gewebe immer mehr. So sah ich bei den Chanés im Itiyurotal keine Webstühle und einheimische Gewebe waren sehr selten.

In der Regel sind alle Gewebe dieser Indianer ohne Ornamente oder diese sind sehr einfach. Die Mädchen in den Missionen lernen von den Mönchen allerlei Blumen, wie Rosen, Veilchen usw. sticken. Dies machen sie ausgezeichnet. Merkwürdigerweise hören die Indianerinnen nach dem Verlassen der Nähschule auf, diese Ornamente anzuwenden. Es wäre richtiger, wenn die Missionare die Indianerkinder Ornamente lehrten, die sich deren Phantasieleben anschließen. Die Resultate ihrer Arbeit würden dann ganz andere sein.

Einige Chanéfrauen haben vor ein paar Generationen von einer Quichuafrau Ornamente weben gelernt, die man noch jetzt auf verschiedenen Chanégeweben sieht. Es waren stilisierte Tiere und Menschen. Die Pflanzenornamentik macht wenig Eindruck auf die Indianerinnen. Tier- und Menschenfiguren regen ihre Phantasie an und sie lehren sie ihren Kindern.

Die Chiriguano- und Chanémänner sind tüchtig im Verzieren von Kalebassen (Abb. 126), schnitzen hübsche Pfeifen (Abb. 120) und verstehen das Ledergerben, was sie wohl von den Weißen gelernt haben.

Von plastischen Darstellungen von Tieren und Menschenfiguren sieht man bei diesen Indianern nicht viel. Die Tongefäße haben manchmal Tierformen. Die Chanéfrauen am Rio Parapiti formten klumpige kleine Puppen aus Wachs für die Kinder (Abb. 105). Einige der Tongefäße sind mit Tierfiguren bemalt. Ein Gefäß vom Rio Itiyuro, das ich durch Tausch erworben habe, ist mit Baumfiguren geschmückt. Vereinzelt sieht man Tongefäße in Form von Früchten.

Menschen und Tiere darstellende Zeichnungen habe ich an den Wänden in einigen Chanéhütten und an einigen Chiriguanokalebassen aus dem Caipipendital gesehen.

Von Korbarbeiten sind die Siebe bei den Weißen so beliebt, daß sie durch den Handel weit über das Chiriguano- und Chanégebiet hinaus verbreitet werden. Im übrigen arbeiten die Chanés und Chiriguanos wenig Körbe. Massen von Korbarbeiten finden wir bei den Indianern erst, wo die paarblättrigen Palmen beginnen, und das ist bei Santa Cruz de la Sierra.

Wenn wir eine Sammlung von den Chiriguanos und Chanés anlegen, dürfen wir nicht vergessen, daß sie durch den Handel zwischen den Stämmen viele Sachen von den Matacos, Tobas, Chorotis und Tapietes erhalten haben, sonst bekommen wir eine unrichtige Vorstellung von dem großen Unterschied zwischen der materiellen Kultur der hier genannten Chacostämme und der Chiriguanos und Chanés.

Wenn wir die materielle Kultur der Chorotis und Chanés mit der hier ebenfalls beschriebenen der Chorotis und Ashluslays vergleichen, müssen wir u. a. an folgendes denken. Die Chiriguanos und Chanés machen Korbarbeiten -- die Chorotis und Ashluslays niemals. Die ersteren verstehen es, die Tongefäße vor dem Brennen zu bemalen, was den letzteren unbekannt ist. Die Chiriguanos und Chanés arbeiten niemals Taschen aus Caraguatá usw. Vergleichen wir im übrigen sämtliche Arbeitserzeugnisse der Chanés und Chiriguanos mit denen der Chorotis und Ashluslays, so finden wir, daß die allermeisten vollständig verschieden sind. Die Herstellung gewisser Sachen, wie der Serére- (Abb. 120) und Huiramimbipfeifen (Abb. 36 und 80) haben die Chacoindianer wahrscheinlich von den Chiriguanos gelernt, dies ist aber verhältnismäßig unbedeutend.

Wir sehen hier, wie zwei Kulturen hunderte Jahre lang nebeneinander existieren können, ohne zu verschmelzen.

Folgen wir dem Rio Pilcomayo nach den Gebirgen herunter, so treffen wir zuerst die Quichuakultur, dann kommen die Chiriguanos und Chanés und hierauf die chaquensische Kultur, die ganz gleichartig die Matacos, Tobas, Chorotis, Ashluslays sowie die Lenguas und andere Stämme im Chaco Paraguay umfaßt. Diese drei Kulturen sind vollständig verschieden.

Fußnoten:

[88] Serére kommen noch bei den Lenguas, Ashluslays, Chiriguanos, Chanés, Churápas und Yuracáres vor.

[89] Boman: Antiquités de la Région Andine. Tome 1-2. Paris 1908.

[90] Aus ähnlichen Ritzen an Tongefäßen, die man bei archäologischen Ausgrabungen findet, kann man sehen, daß die Hersteller der Tongefäße Mais gehabt haben. Dies habe ich z. B. an Tongefäßen von Ojo de Agua in Quebrada del Toro in Nordargentinien gesehen.

[91] Dasyprocta.

+Siebzehntes Kapitel.+

=Aus dem Leben der Chané- und Chiriguanoindianer= (Forts.).

Sage und Religion.

Es war einmal ein alter Indianer, der des Abends am Feuer in der Hütte zu sitzen und von alten Tagen, von Tieren, Menschen und Geistern zu erzählen pflegte. Lauschend sammelte sich die Jugend um ihn. Der Alte erzählte und erzählte. Mit Mund, Augen, Händen und Füßen erzählte er.

Einer der Jungen nach dem anderen verließ gleichwohl bald den Kreis der Lauschenden und legte sich schlafen. Zuletzt saß der Alte allein am erlöschenden Feuer und erzählte sich selbst von den Abenteuern des Fuchsgottes und des Gürteltiergottes.

Dieser Alte steht vor mir als der Vertreter alter Traditionen, einer Kultur, die verschwindet. Die Jungen hören ein Weilchen zu, bald wird es ihnen aber zu viel. Sie haben neue Interessen. Sie haben angefangen, mit in dem großen Tanz zu tanzen, den die Christen Zivilisation nennen, wo meistens um das goldene Kalb getanzt wird.

Ich habe auch als Lauscher dort gesessen und mir die Sagen erklären lassen. Ich glaube, die Alten hatten mich gern, weil ich ein so großes Interesse für ihre alten Erinnerungen gezeigt habe. Wenn ich sie nun wiedergebe, hoffe ich, daß der Leser mit mir und meinen alten Freunden Nachsicht haben wird, mit mir, weil ich nicht so gut zu erzählen vermag wie die Alten, und mit den Alten, weil sie alles lieben, was ein wenig frivol ist.

Die Sagen geben uns einen Einblick in die Vorstellungen des Indianers vom Leben im Jenseits und von den Geistern. Teils durch sie und teils durch die Erklärungen, welche mir die Indianer gegeben haben, können wir ihre Religion verstehen. Wir werden hier von dem Weltuntergang und dem Raub des Feuers, vom Besuch im Totenreich und vor allem von den Abenteuern der Geister hören, wir werden davon hören, wie sie einander und die Menschen betrogen, hören von ihren Kämpfen und Lastern.

Morallehre ist in diesen Sagen sehr wenig enthalten. Die in demselben Handelnden sind oft „tunpa“, d. h. sie besitzen übermenschliche Kräfte, das ist alles.

Infolge der Berührung mit den Weißen sind die Sagen nicht frei von fremden Elementen. Die meisten sind jedoch rein indianisch.

I. +Der Weltuntergang und der Raub des Feuers.+

Erzählt von dem Chanéindianer Batirayu vom Rio Parapiti.

Es war einmal in alten Tagen ein sehr armer Mann, der in den Wäldern umherirrte und keinen festen Wohnsitz hatte. Wenn er in die Dörfer kam, jagte man ihn fort und hetzte die Hunde auf ihn. Als der Mann sah, daß man ihn in keinem Dorfe wohnen lassen wollte, machte er sich eine Hütte, „tocay“.[92] Dort kamen allerlei schöne Vögel zur Hütte, und die meisten wurden bald so zahm, daß er sie fangen konnte. Der Mann dachte: „Gehe ich mit diesen prächtigen Vögeln in ein Dorf, so nimmt man mich vielleicht auf.“ Er nahm nun die Vögel und ging in die Dörfer. Alle fanden die Vögel schön, nirgends wollte man ihn aber wohnen lassen. Der Mann ging nach seiner Hütte zurück. Eines Tages kam Añatunpa[93] in Gestalt eines schönen Vogels zu ihm. Was ist das für ein merkwürdiger Vogel, dachte der Mann. Añatunpa sagte, er sei gekommen, um ihm zu helfen, und gab ihm ein Paar Flügel.

„Wenn du in ein Dorf kommst, sollst du die Flügel bewegen und dann donnert es,“ sagte Añatunpa. „Wollen sie dich trotzdem nicht wohnen lassen, so erhebe die Flügel.“

Der Mann ging in ein Dorf, wo ein großes Trinkgelage stattfand. Man wollte ihn nicht aufnehmen. Er bewegte die Flügel und es donnerte. Man glaubte, die Medizinmänner seien es, die donnerten, und kümmerte sich nicht um ihn. Wieder bewegte er die Flügel und es donnerte. Man glaubte immer noch, es seien die Medizinmänner, die donnerten, und kümmerte sich nicht um ihn. Als er endlich sah, daß man ihn nicht wohnen lassen wollte, sondern ihn fortjagte, erhob er die Flügel, die er verborgen hatte. Da kam ein Sturm, der riß alle fort, außer zwei Knaben und einem Mädchen.

Diese, die nun allein waren, wollten kochen, aber sie hatten kein Feuer. Sie hatten Kürbis und Mais, konnten sie aber nicht rösten. Da kam ein alter Mann, die Sonne, mit einem Feuerbrand zu ihnen. Er röstete einen Kürbis und aß ihn, als er aber fort ging, nahm er das Feuer wieder mit. Er wollte ihnen nichts davon abgeben. Als der Alte das nächste Mal kam, beschlossen sie, ihm das Feuer zu stehlen. Als er an dem mitgebrachten Feuerbrand einen Kürbis röstete, schlug einer der Knaben mit einem Knüttel darauf, so daß die Glut umhersprühte. Der Alte sammelte sie schnell auf. Einen ganz kleinen Funken fanden sie gleichwohl unter einem halben Kürbis, der auf der Erde gelegen hatte. Sie machten nun Feuer an. Huapi (der Webervogel?) sagte zu ihnen, sie sollten das Feuer gut aufbewahren, so daß es niemals ausgehe. Er sagte ihnen auch, sie sollten, wenn das Feuer erlösche, mit dem „Tatay“[94] Feuer reiben.

Der jüngere Bruder nahm nun seine Schwester zur Frau. Der ältere hatte keine Frau. Sie legten einen Kürbis in eine kleine Hängematte und wiegten sie. Der Kürbis wuchs zu einem Mädchen, das bald zu einer Frau emporwuchs. Diese nahm der ältere Bruder zur Frau. Von diesen beiden Paaren stammen alle Chanés.

2. +Der Weltuntergang und der Raub des Feuers.+

Erzählt von dem Chanéhäuptling Vocapoy.

Ein Jüngling hatte sich in den Wald begeben und in einer Lache das Bild eines schönen Mädchens gesehen, dem er folgte. Er blieb eine lange Zeit bei ihr, einen Monat, und seine Mutter glaubte schon, er sei tot, und schnitt sich die Haare ab. Sie glaubte, er wäre von einer Schlange gebissen worden oder dergleichen. Eines Tages kam der Sohn jedoch nach Hause und erzählte, daß er ein hübsches Mädchen gefunden, mit dem er sich verheiratet habe. Die Mutter sagte ihm da, er solle sie holen, und braute eine Masse Maisbier, um ihre Ankunft zu feiern.

Der Jüngling kam mit seiner Frau, und sie war hübsch und wohlgekleidet. Während des Festes verwandelte sie sich und wurde sehr häßlich. Hierüber machte die Schwägerin eine Bemerkung, und sie wurde böse und verließ sie und ging dahin zurück, woher sie gekommen war, indem sie erklärte, sie werde sich rächen. Sie sagte jedoch, man solle erst einen Knaben und ein Mädchen in ein großes Tongefäß setzen. Ein Bruder und eine Schwester wurden zusammen mit den Samen von Mais, Kürbis und Bohnen in ein Tongefäß gesetzt und der Krug gut zugedeckt. Als dies geschehen war, begann es fürchterlich zu regnen, und Häuser und alles wurde mit Wasser bedeckt. Der Krug floß jedoch oben. Alle Menschen und Tiere ertranken in dem steigenden Wasser. Lange floß das Tongefäß umher und der Knabe und das Mädchen begannen schon groß zu werden. Das Wasser sank dann, als sie aber aussteigen wollten, war der Boden noch sumpfig, und sie mußten warten, bis er getrocknet war.

Als sie aus dem Tongefäß kamen, säeten sie von den mitgehabten Samen Mais, Kürbis und Bohnen. Diese reiften in einem halben Monat. Sie hatten kein Feuer. In einiger Entfernung sahen sie Feuer. Es war „Tosté“,[95] ein Watvogel, der an den Flußufern schreit, der Feuer hatte. Als sie sich dem Feuer näherten, verschwand es jedoch weiterhin.

Der Frosch versprach, ihnen Feuer zu rauben. Er hüpfte zu Tostés Lagerfeuer und setzte sich, vor Kälte bebend, daran, um sich zu wärmen. Von Zeit zu Zeit scharrte er die Glut näher zu sich hin, gleichsam um sich besser zu wärmen, und als niemand es sah, stopfte er einen kleinen Feuerbrand in den Mund und hüpfte davon.

Zu dem Knaben und dem Mädchen hingekommen, machte er Feuer an, und seitdem haben die Chanéindianer Feuer. Die Schwester und der Bruder, die nun groß geworden waren, verheirateten sich, und sie wurde schwanger. Sie bauten sich eine Hütte. Das Mädchen bekam Kinder. Als diese Kinder groß waren, verheirateten sie sich miteinander. Von ihren Kindern stammen alle Chanés. Von den Kindern des ältesten Knaben stammen die Häuptlinge her.

Es kann ja eigentümlich erscheinen, daß ich zwei ganz verschiedene Sagen gefunden habe, die denselben Stoff bei demselben Volk behandeln. Dies ist dadurch zu erklären, daß die Chanés ein zersprengter Stamm sind, der keine eigene, selbständige Kultur mehr hat.

Die erstgenannte Version ist wahrscheinlich ihre eigene, während sie die andere von den Chiriguanos geliehen haben. Domenico del Campana[96] erwähnt, daß diese letzteren eine Flußsage haben, in welcher zwei Kinder auf ähnliche Weise in einem Tongefäß gerettet werden.