Indianerleben

Part 15

Chapter 153,251 wordsPublic domain

Am Abend fragte der Fuchs die Schwester des Waldhuhns: „Wo willst du liegen?“ „Hier“, sagte sie.

„Dann lege ich mich neben dich“, sagte der Fuchs. Ein bißchen davon legte sich das Waldhuhn. Als die Schwester eingeschlafen war, streckte der Fuchs die Hand aus und faßte das Waldhuhn an. Dieses kam und legte sich neben den Fuchs.

„Bist du verheiratet?“ sagte das Waldhuhn.

„Nein, meine Mama hat mich nicht verheiraten wollen“, antwortete der Fuchs ...[85]

Der Fuchs schlief nun zwei Nächte bei dem Waldhuhn und wurde schwanger. Nach einiger Zeit gebar der Fuchs.

Eines Tages kamen einige Vögel dort vorbei. „Gib mir Bogen und Pfeil, ich will schießen“, sagte der Fuchs. „Du kannst wohl nicht schießen, du bist ja kein Mann“, sagte das Waldhuhn.

„Ich bin ein Mann“, sagte der Fuchs, nahm Pfeil und Bogen und ging fort. Als er zur „Supua“ kam, nahm er seinen Penis herunter und setzte ihn sich wieder an.

Man erzählte mir von einem Chanéindianer von Yacundai am Rio Parapiti, der sich in fremden Dörfern als Schmarotzer herumzutreiben pflegte. Die Indianer wurden zuletzt seiner über, und als er einmal vollständig betrunken war, schändeten ihn einige Chiriguanoindianer im Caipipendital. Er begab sich nach diesem Schimpf nach dem unteren Rio Parapiti. Als die Kenntnis von dem, was ihm in Caipipendi passiert war, dorthin gedrungen war, hängte er sich in Verzweiflung über diese Schande.

Eigentümlicherweise wird es unter diesen Indianern nicht als eine Schande betrachtet, in einem homosexuellen Verhältnis der Aktive zu sein, der Passive wird aber tief verachtet. Er wird als ein Weib betrachtet. Dies ist der Grund, warum ein Teil rücksichtslose Weiße unverbesserliche Indianer mit -- einem Klistier bestrafen. Ein so gekränkter Indianer verschwindet für immer. Man nimmt an, daß er Selbstmord begeht. Mittels „tévi“ bestraft ein Indianer seine ungetreue Frau und verläßt sie dann. Chanéknaben habe ich „tévi“ spielen sehen.

Nach Westermarck[86] ist die Homosexualität sehr verbreitet unter den Indianern Amerikas. Die Auffassung, daß dies eine Schändlichkeit ist, ist keineswegs überall so ausgeprägt, wie bei den hier erwähnten Indianern.

Über Onanie habe ich bei den Chanés und Chiriguanos nichts gehört. Sie soll dagegen bei den Chorotis von den Männern, die beim Tanz von den Frauen übergangen werden, betrieben werden.

Perversitäten im Verhältnis zwischen Männern und Frauen, die im alten Peru gewöhnlich waren, scheinen hier nicht vorzukommen. Primitive Säugetierstellung beim Koitus soll bei den Chacostämmen gewöhnlich sein.

Mataco gab mir eine Wurzel, die sie als Aphrodisiakum anwendeten.

Das Verhältnis zwischen Menschen und Tieren ist in den Sagen der Indianer so intim verflochten, daß man nicht immer bestimmen kann, ob sie das eine oder das andere meinen. Die Sagen, welche die Liebesverhältnisse zwischen Menschen und Tieren schildern, sind keine Schilderungen von Bestialität, die bei diesen Indianern unbekannt zu sein scheint.

Das Schamgefühl ist bei diesen Völkern sehr verschieden entwickelt. Es scheint mir sehr stark von der Kleidertracht abzuhängen. Keiner dieser Indianer oder Indianerinnen, von denen ich hier erzähle, betrachtet es, soweit sie nicht vollständig verdorben oder zivilisiert sind, als unpassend, den Oberkörper zu zeigen. Die Chiriguano- und Chanéfrauen sind viel verschämter als die Chorotis und Ashluslays, wenn sie die Geschlechtsteile zeigen. Die letzteren wollten sich höchst ungern vollständig entkleiden, um photographiert zu werden. Den ersteren wagte ich so etwas nicht einmal vorzuschlagen.

Saß man des Abends am Feuer in der Hütte und war mit der Familie bekannt, so schienen sie gleichwohl ganz ungeniert zu sein. Die Choroti- und Ashluslaymänner sind sehr schamlos. Die Männer unter den Chanés und Chiriguanos dagegen weniger. Es ist sehr gewöhnlich, daß die Chiriguano- und Chanéfrauen, in einer Gesellschaft konversierend, stehend Wasser lassen und den Urin das Bein herunterlaufen lassen, was ja als weniger sauber gelten darf. Die Männer gehen dagegen immer abseits, um dieses Bedürfnis zu verrichten.

Der Geschlechtsakt geht, wie erwähnt, bei den Ashluslays oft in Gegenwart von Zuschauern vor sich. Bei den Chorotitänzen mußte man sich in der Dunkelheit vorsehen, nicht über die liebenden Paare zu stolpern. Dergleichen sieht man niemals bei den Chiriguanos oder Chanés. Da viele in derselben Hütte liegen, sieht man gleichwohl auch bei ihnen vieles, was man immer sieht, wenn man Schlafgäste hat. Dies nicht zum wenigsten ist der Grund, daß das Geschlechtsleben selbst für die kleinen Kinder keine Geheimnisse hat.

Offenbar steigert das Zusammenleben mit den Weißen das Schamgefühl. Die Indianerinnen genieren sich sogar, die Brust zu zeigen. Die Moral sinkt in dem Maße, wie das Schamgefühl steigt.

Dies sollten alle diejenigen bedenken, die für nackte Heidenkinder Kleider nähen.

Viele meiner Leser finden vielleicht, daß dieses Kapitel nicht in meinem Buche hätte enthalten sein sollen. Es scheint mir gleichwohl richtig, etwas über die Abweichungen auf dem geschlechtlichen Gebiete zu sprechen. Es trägt zum Verständnis der Menschen, die ich hier schildere, bei. Natürlich habe ich hier nicht über all den Realismus, der bei den Gesprächen am Lagerfeuer manchmal zutage trat, sprechen können.[87]

Die natürliche Seite des Geschlechtslebens fassen die Indianer so ganz verschieden von dem, wie wir es in der Regel sehen, auf. All die Verderbnis, die in der zivilisierten Gesellschaft ist, treffen wir bei diesen Menschen nicht, verschiedenes findet sich aber schon hier. Was besonders die Homosexualität betrifft, so zeigen, wie bekannt, die Verhältnisse bei den Naturvölkern, daß die Ursache des Übels viel tiefer, als in unserer Hyperzivilisation liegt.

Fußnoten:

[82] K. v. d. Steinen: l. c. S. 25.

[83] Koch-Grünberg: l. c. Bd. I S. 133.

[84] Penelope.

[85] Als allzu realistisch ausgelassen.

[86] Westermarck: Ursprung und Entwickelung der Moralbegriffe. Bd. II. Leipzig 1909.

[87] Wenn unsere täglichen Zeitungen, die wohl für die Öffentlichkeit bestimmt sind, über alles mögliche schreiben, so braucht man ja in einer Reiseschilderung nicht allzu prüde zu sein.

+Vierzehntes Kapitel.+

=Aus dem Leben der Chané- und Chiriguanoindianer= (Forts.).

Häuptlinge und Gesetze.

Die Häuptlinge bei den Chanés und Chiriguanos haben eine ganz andere Stellung als bei den Ashluslays und Chorotis. Sie haben eine bedeutende Macht. Unter den Häuptlingen finden sich die großen Häuptlinge, die über mehrere Dörfer herrschen, und die Dorfhäuptlinge, die nur über ein Dorf oder einen Teil eines solchen gebieten. Von großen Häuptlingen, die ich kennen gelernt habe, sind bemerkenswert die alte Vuáyruyi, die Häuptling über die Chanédörfer am Rio Itiyuro ist, Taruiri, der über den größeren Teil des Caipipenditales herrscht, Mandepora (Abb. 111), der früher eine bedeutende Macht in und um Machareti hatte, und Maringay im Iguembetal.

Jetzt haben die Häuptlinge keine anderen Zeichen ihrer Würde, als silberbeschlagene Stöcke. Nach Corrado trugen sie früher einen großen Haarbüschel auf dem Kopfe, „yattira“, sowie grüne Steine, die an den Ohren hingen. Bei den Festen und Tänzen hatten sie das Recht, die „yandugua“, eine mit einem Bündel Straußenfedern geschmückte Stange, und „iguirape“, einen mit eigentümlichen Figuren geschnitzten Stab, anzuwenden. Von diesen habe ich nur eine Yandugua erwerben können. Die übrigen habe ich nicht einmal gesehen.

Die Häuptlingswürde scheint in der Regel erblich zu sein. Doch sind Tüchtigkeit und die Kunst, seine Worte wohl zu setzen, erforderlich.

Vocapoy hat mir seinen Stammbaum mitgeteilt, den ich hier wiedergebe, da er sehr lehrreich ist, und ich zu glauben wage, daß es den Leser interessieren kann, einen indianischen Stammbaum zu studieren.

+Vocapoys Stammbaum.+

X. | +----------------------------+ | | Hinu Parava Basavi Oberhäuptling | | | | Chucúri Tupáre | Dorfhäuptling Dorfhäuptling +--------------------------------------------------------------------+ | | Chori Chápacu Húracay Huáyupa Kótchoy Vuáyruyi (Frau) † jung † jung | † Oberhäuptling † Ober- Oberhäuptling | kinderlos häuptling | | | | ein Sohn, starb | Copoy, wird nach vor dem Vater | Vocapoy Häuptling +-----------------------------------+----+ | | Vocapoy Huacápi Mátya Yaumainti Regent infolge des hohen Alters Vuáyruyis | Vuráve

Wir finden somit, daß der eigentliche Häuptling am Rio Itiyuro eine Frau ist. Ich habe die alte Vuáyruyi besucht. Sie empfing mich, in ihrer Hängematte liegend, mit großer Würde. Da die Frau alt und schwach ist, regiert Vocapoy und sucht, so gut wie er kann, die Seinen gegen die Weißen zu schützen, die ihr Land vollständig in Beschlag genommen haben. Ich fragte Vocapoy, warum Vuáyruyi, als Frau Häuptling geworden ist. „Ihr Vater Hinu Parawa hat sie sprechen gelehrt“, sagte Vocapoy. Es wird somit von diesen Indianern, um regieren zu können, als höchst wichtig betrachtet, die Sprache in seiner Gewalt zu haben. Diese Menschen können die Klugheit höher schätzen, als die Stärke. Niemand wird Häuptling, wenn er nicht ein älterer Mann ist. Der Mann der Vuáyruyi war nicht Häuptling, sondern nur „Prinzgemahl“. Die Dorfhäuptlinge gehören ebenfalls dem Geschlechte Hinu Paravas an.

Taruiri ist auch nicht der richtige Häuptling, sondern vertritt einen jüngeren Verwandten, der infolge seiner beständigen Betrunkenheit als untauglich betrachtet wird. Taruiri herrscht im Caipipendital, wo sein Gebiet noch frei ist, von den Weißen aber wohl bald usurpiert werden wird. In Ivu ist ein Chiriguanohäuptling, der auch Medizinmann ist. Dies ist das einzige Beispiel von Theokratie, das ich kennen gelernt habe.

Die Häuptlingsfamilien bilden unter den Chiriguanos und Chanés eine Art Aristokratie. Mehrmals habe ich Indianer sich mit ihren feinen Familienverbindungen großtun hören. Ein Chiriguano, der mich eine längere Zeit als Dolmetscher begleitete, war eifrigst bemüht, mir einzuprägen, daß er mit den bekanntesten Oberhäuptlingen verwandt war.

Wie der Verfasser dieses Buches als Sohn von Adolf Nordenskiöld vorgestellt zu werden pflegt, so pflegten die Indianer in ähnlicher Weise die Söhne ihrer „großen Männer“ vorzustellen.

Ich bin sogar hinter ein bißchen Betrügerei mit dem Stammbaum gekommen. Ein Chané behauptete, direkt von dem großen Hinu Parava herzustammen, was aber nicht wahr sein soll.

Will man bei diesen Indianern hübsche Sachen aus alten Zeiten finden, so hat man sie zuerst bei den Häuptlingsfamilien zu suchen. Sie bewahren die alten Kleinodien.

Immer mehr beginnen die weißen Behörden die Häuptlinge zu ernennen. Man kann also in einer Gegend einen von den Weißen gestützten Häuptling und einen legitimen finden.

Die Häuptlinge haben eine große Macht, und man gehorcht ihnen, im Gegensatz zu dem, was bei den Chorotis und Ashluslays der Fall war, soweit ich gesehen habe, immer. Sie besitzen den Boden (wenigstens in gewissen Gegenden), aber nicht für eigene Rechnung, sondern für den Stamm. Braucht man in einem Chané- oder Chiriguanodorf Träger, so erhält man sie von dem Häuptling, und kein Indianer weigert sich, die Befehle des Häuptlings auszuführen.

Obschon der Häuptling einen so großen Einfluß hat, arbeitet er doch in derselben Weise, wie die übrigen Indianer. Vocapoy z. B. trug selbst das schwere Holz zum Maisbierkochen nach Hause, und seine Frau mußte kochen und fegen, wie die anderen Frauen. Dem Beispiele der Weißen folgend, haben jedoch jetzt einige der zivilisiertesten und reichsten Indianer, wie Taco, Diener aus ihrem eigenen Stamme, aber dies ist nicht das Ursprüngliche. Dagegen ist es, wie ich an anderer Stelle schon erwähnt habe, nichts Ungewöhnliches, daß die Mataco-Vejos und die Tapiete für die Chiriguanos und Chanés arbeiten.

Als wir im Dorfe Vocapoys von der Jagd heimkehrten und mit dem Häuptling unsere Beute teilten, nahm seine Frau alles an, ging aber dann in den Häusern herum und gab den Nachbarn alles, was sie erhalten hatte.

Man kann hier nicht von reich und arm in demselben Dorfe sprechen, obschon auch der Anfang zu einem Adelsstand vorhanden ist. Dagegen gibt es arme und reiche Dörfer. Einzelne verhältnismäßig reiche Indianer gibt es, diese leben aber, wie Taco, wie die Weißen.

Der Häuptling ist Richter und war früher Heerführer.

Vocapoy sagte mir, Totschlag werde in der Weise bestraft, daß der Totschläger dazu verurteilt wird, bis zu einem halben Jahre für die Familie des Getöteten zu arbeiten. Ein Dieb bekommt bis zu fünfzig Rutenschläge und wird, um nicht getötet zu werden, nach einem anderen Dorf geschickt. Nach Vocapoy ist es die Hauptaufgabe des Häuptlings, Blutrache zu verhindern, indem man die Verbrecher fortschickt, damit sie nicht gemordet werden. Vater-, Mutter- und Kindesmord sind, seiner Behauptung nach, in seiner Gegend unbekannt.

Nach Batirayu, dessen Angaben zuverlässiger als die Vocapoys sind, beschäftigt sich der Oberhäuptling der Chanés am Rio Parapiti mit keinen anderen Verbrechen, als mit Mord, Verführung einer anderen Frau und Verhexung. Mord mit vergiftetem Chicha, „bád-dyási“, kam früher bei den Chanés vor. Mörder und Verhexer wurden verbrannt. Der Verführer einer Frau wurde aller seiner Habe beraubt. Im übrigen wurden Diebstahl und andere Verbrechen durch Duell geschlichtet. Hatte jemand gestohlen, so riefen der Gekränkte und der Dieb ihre Verwandten herbei, und man kämpfte auf dem offenen Platz im Dorfe.

Die Behörden der Weißen greifen jetzt immer mehr in die Rechtsverhältnisse der Indianer ein.

Im Krieg mit anderen Stämmen führte der Häuptling den Befehl, wie sie es auch bei den Empörungen der Indianer gegen die Weißen getan haben.

Nach Vocapoy besitzt der Häuptling den Boden für den Stamm. Batirayu sagte, das Recht an dem Grundbesitz werde so geordnet, daß jeder anbaut, was er will. Schon bebauter Boden hat seinen Besitzer, wenn er auch jahrelang brachgelegen hat. So wird auch Brachland vererbt.

Die Erbschaften werden im übrigen dadurch bedeutend eingeschränkt, daß der Tote einen Teil seiner Kostbarkeiten mit in das Grab nimmt.

Wie bei den Ashluslays und Chorotis, ist auch hier das Besitzrecht gut ausgebildet, und die Frauen besitzen auch das, was sie anwenden und herstellen. Wie bei den genannten Stämmen, ist auch hier die Mildtätigkeit sehr groß, wenn sie auch dank unserer „Zivilisation“ und der Mission weniger ausgeprägt ist.

Das Chiriguanogemeinwesen -- das ursprüngliche Chanégemeinwesen kennen wir nicht -- hat eine viel festere Organisation gehabt als das Gemeinwesen bei den Chorotis und Ashluslays. Die Chiriguanos waren ein Eroberungsvolk, das wahrscheinlich die Chanés unterjocht und mutig und erfolgreich gegen die Inkas gekämpft sowie lange der Invasion der Weißen Widerstand geleistet hat. Hätte es statt der vielen Häuptlinge nur einen einzigen gegeben, so hätte die Eroberung des Chiriguanolandes ganz sicher das Leben doppelt so vieler Weißen gekostet, als jetzt. Leider haben in den Kämpfen der Weißen gegen die Indianer beinahe stets einige Häuptlinge auf der Seite der Feinde gegen ihren eigenen Stamm gekämpft. Bei dem letzten, durch den Kampf bei Curuyuqui entschiedenen Aufruhr hatten die Weißen eine Hilfstruppe von ein paar tausend Indianern, mit denen sie zusammen deren Stammfreunde bekämpften.

Wie sich alles im Leben der Indianer verändert, wenn die Weißen ihr Land erobert haben, so verwandeln sich auch die sozialen Verhältnisse. Wenn Vocapoy, Maringay, Mandepora und einige andere in den Tongefäßen unter den Hütten liegen, dann ist das Ende herbeigekommen, dann haben die Indianer keine anderen Gesetze als die der Weißen, keine anderen Behörden, als deren Vögte. Die Chanés am Rio Parapiti haben, wie erwähnt, keinen Oberhäuptling mehr. Batirayu ist diese Würde angeboten worden, er will aber nicht der Knecht der Weißen sein, dazu ist er zu stolz. „Es ist nicht wie in alten Zeiten“, sagte Batirayu zu dem wunderlichen Weißen, der das Vertrauen und das Verständnis der Indianer suchte.

+Fünfzehntes Kapitel.+

Trinkgelage bei den Chanés und Chiriguanos.

Erzählt ein Chané oder Chiriguano eine Sage, so beginnt er sie oft so: „Vor langer Zeit war einmal ein großes Trinkgelage.“ Berichtet er von etwas, was passiert ist, von der Krankheit eines Verwandten oder dergleichen, so sagt er: „Es war vor oder nach dem Fest.“ Bei diesen Festen hört und sieht man auch das meiste, was von der alten Kultur dieser Indianer übriggeblieben ist. Da kommen die schönsten Tongefäße zum Vorschein, da sieht man Trachten aus früheren Zeiten, da werden die Steinschmucksachen aus den Schatztöpfen hervorgeholt.

Eine Hausmutter bei uns ist stolz, wenn sie ihren Gästen schöne Tischtücher und schönes Porzellan zeigen kann. So denken auch die Chané- und Chiriguanofrauen. Beim Feste will jede Frau, daß das Maisbier in ihrem Hause in schöneren Tongefäßen als denen der Nachbarinnen aufgetragen und in Kalebassen serviert wird, die eleganter geschmückt sind, als bei einem anderen.

Deshalb beschäftigen die Frauen sich vor jedem Feste mit der Herstellung von Tongefäßen und die Männer mit der Verzierung der Kalebassen. In den Chané- und Chiriguanodörfern sieht man auch prächtige Sammlungen von Tongefäßen. Besonders einige Frauen verstehen es, diese mit ausgezeichneter Geschicklichkeit und Eleganz zu malen. Man sieht beinahe niemals drei Krüge, die sich vollständig gleichen. Jede sucht bei dem Feste mit etwas Originellem aufzutreten, etwas Neues und Hübsches zu malen. Was die lineare Ornamentik betrifft, so versteht man es, die alten Ornamente zu variieren, man versteht es aber nicht, oder will sich nicht von ihnen frei machen und neue Bahnen brechen. Die Indianerin ist in ihrer Kunst konservativ und vermag sich nur, wenn sie ihre Motive direkt aus der Natur nimmt und Tiere malt, von den Vorbildern aus der Zeit der Mutter oder Großmutter freizumachen. Keineswegs alle Frauen in den Dörfern sind Künstlerinnen. Es gibt solche, denen die Natur die Gabe der Kunst verliehen hat, und richtige Pfuscher. Wer kann Tongefäße so malen, wie die eine Frau des Chiriguanohäuptlings Maringay? Sie sind weitberühmt in den Tälern, und jeder versucht, ihre Werke durch Tausch zu erwerben. Nicht zum wenigsten ich habe ihre sichere und geschmackvolle Kunst bewundert. Die Frau des Chanéhäuptlings Vocapoy (Taf. 19) ist auch kein Stümper.

Wo die Indianer reich sind, d. h. große Maisernten haben, da ist die Keramik schön. Wo man arm und der Kampf ums Dasein hart ist, da hat man nicht viel Zeit zu künstlerischer Arbeit. Wenn die Kunst im Indianerheim gedeihen soll, muß Freude und Munterkeit herrschen.

Die jüngere Generation wird, fürchte ich, deutsches Porzellan und Emailgefäße vorziehen, und damit wird auch die Chiriguano- und Chanékunst zu dem vielen Schönen und Feinen gehören, das vor der brutalen Zivilisation des weißen Mannes verschwindet. In vielen Dörfern muß man schon in den Winkeln der Hütten herumkramen, wenn man mit sicherer Hand und natürlichem Geschmack gemalte Gefäße finden will. Das Schlimmste ist jedoch, daß die Weißen Gefallen an den Tongefäßen der Indianer zu finden beginnen. Dadurch entsteht Massenherstellung. Für die Weißen ist alles gut genug, da braucht es weder schön noch gut gearbeitet zu sein. Sie wünschen nicht das Geschmackvolle und Einfache, sondern das Grelle und Merkwürdige, „curiosidades“, wie der Kreole sagt. Vor diesem Merkwürdigen müssen sich unsere Museen hüten, denn das gibt eine unrichtige Vorstellung von dem rein Indianischen.

Die Frauen brauen das Bier zum Feste. Dieses soll aus Mais (am liebsten gelbem oder weißem) sein, und nur die armen Chanés am Rio Parapiti müssen sich oft mit Bier aus süßen Kartoffeln begnügen. Ist Algarrobo vorhanden, so wird auch aus dieser Frucht Bier gebraut. „Es ist gut und berauscht so schön“, sagen die Indianer.

Ist die Maisernte reich, so herrscht Freude in den Dörfern, dann ist Speise und Trank in jeder Hütte. Mißrät die Maisernte, dann ist keine Freude, die Magen sind leer und auf dem Festplatz ist es still. Sind die Scheunen voll Mais, dann ist der Indianer stolz und kümmert sich nicht um Weiße, Unterdrückung und Sorgen. Ist die Scheune leer, dann ist er untergeben und düster.

Nachdem die Frauen den Mais aus den Scheunen geholt und die Männer Holz und die Frauen Wasser herbeigeschleppt haben, beginnt das Brauen. Erst wird der Mais in großen Mörsern gestoßen. Nacht und Tag hört man, wie die fleißigen Frauen stoßen. Der gestoßene Mais wird gesiebt und dann in gewaltigen Tongefäßen mit Wasser gemischt und gekocht. Hierauf wird ein Teil herausgenommen, gekaut und ordentlich mit Speichel vermengt. Dies wird dann zu dem übrigen geschüttet und muß, nachdem es geseiht ist, in großen offenen Gefäßen bei schwacher Wärme gären. Mit großen Holzspaten (Abb. 118 a) oder mit geschafteten Schulterblättern (Abb. 118 b) rührt man in den Töpfen um. Es ist der Stolz jeder Frau, gutes Bier, „cangui“, und viel Bier zu brauen. Sie sind auch rastlos fleißig. Den ganzen Tag sieht man sie arbeiten, und auch des Nachts beschäftigen sie sich mit Kochen und Mahlen. Keine Familie darf sich der Zubereitung von Cangui entziehen.

Daß Speichel angewendet wird, erscheint vielleicht unsauber. Anfangs dachte ich dies auch, bald war ich aber so verhärtet, daß mir auf Indianerweise mit Speichelhefe zubereitetes Cangui besser schmeckte, als das von den Weißen auf zivilisiertere Weise gebraute.

Kenner, nicht allein Indianer, sollen derselben Ansicht sein wie ich. Wichtig ist jedoch, daß das Cangui kalt getrunken wird, lauwarm ist es ekelhaft. Wenn es lange gestanden hat, ist es etwas berauschend, jedoch nicht so stark wie das Algarrobobier.