Indianerleben

Part 13

Chapter 133,461 wordsPublic domain

Als eine Eigentümlichkeit kann ich erwähnen, daß ich während meiner ganzen Reise niemals einen eingeborenen Weißen oder Mestizen habe fischen sehen. In Bolivia ist es nicht fein, frische Fische zu essen. Am Rio Pilcomayo aßen die Offiziere der Militärposten beinahe niemals die leckeren, frischen, lachsähnlichen Fische aus dem Flusse, sondern zogen Büchsenlachs aus Alaska vor. Da dieser, wenn er nach Bolivia kommt, sehr alt ist, schmeckt er schrecklich. Die Angelfischerei ist auch die einzige Fischereimethode, welche die Indianer von den Weißen gelernt haben.

Von Haustieren haben die Chiriguanos und Chanés nur die Hunde nicht von den Weißen bekommen. Diese Hunde scheinen mir jetzt stark mit fremdem Blut vermischt zu sein. Sie haben immer Namen, z. B. tirupotchi (altes Kleid), chapikáyu (gelbe Augenbrauen). In der Regel haben die Chiriguanos und Chanés weniger Pferde, Kühe, Esel, Schafe und Ziegen, als die Chorotis und Ashluslays. Hühner und Schweine haben sie dagegen mehr. Zuweilen sieht man Enten, Perlhühner und Truthähne. In gewissen Gegenden, wie z. B. im Caipipendital, wo die Indianer reich sind, haben sie gleichwohl viel Vieh. Was sie besitzen, suchen ihnen die Weißen leider auf alle Weise abzuschwindeln. So ist es nichts Ungewöhnliches, daß ein weißer Mann oder eine weiße Frau mit einigen Fäßchen Branntwein in ein Dorf kommt und dasselbe mit einem Paar der besten Kühe der Indianer verläßt. Die Weißen werden reicher, die Indianer ärmer.

Die Menagerie gezähmter Waldtiere, die man in den Dörfern der primitiveren Indianer sieht, findet man bei diesen Indianern nicht. Ein Papagei, der etwas Guarani spricht, ist jedoch in den Hütten nichts Ungewöhnliches.

Zubereitung der Speisen.

Den Schmutz, den wir bei der Zubereitung der Speisen und im Essen bei den Chorotis und Ashluslays treffen, findet man bei den Chanés und Chiriguanos nicht. Die Speisen sind dagegen schrecklich einförmig. Sie bestehen aus Mais in allen möglichen Formen, gekochtem Mais, geröstetem Mais, in Asche gebackenem Maisbrot, Maismehlbrei und gedämpftem Maismehl. Das letztere wird in einem hier abgebildeten Apparat (Abb. 92) zubereitet.

Fleisch wird mit Mais als Suppe gekocht oder geröstet. Bevor es in den Topf gelegt wird, wird es sauber gewaschen. Die Fische werden in Klammern oder in Maisblättern über dem Feuer geröstet. Die kleinen Fische, die ich auf diese Weise zubereiten gesehen habe, werden erst beim Essen ausgenommen. Hat man viele Fische, so werden sie für den künftigen Bedarf getrocknet.

Besonders in Zeiten der Not werden auch verschiedene wilde Gewächse gegessen. Zum Essen wird Salz angewendet, das jetzt von den Weißen gekauft wird. Früher holte man es aus den Bergsalzgruben am San Luis auf dem Wege von der Stadt Tarija nach dem Chaco, oder bereitete Salz aus salzhaltiger Erde, „yukiu“. Die mit Salz gemengte Erde wurde in eine Schale mit Wasser gelegt, sank zu Boden, und das Salzwasser wurde angewendet.

Frauen und Männer essen getrennt. Zu Hause geht es gewöhnlich so zu, daß die Männer zuerst essen und dann die Frauen und Kinder. Die Indianer wollen beim Essen Ruhe haben. Es ist deshalb höchst ungezogen, sie während dieser wichtigen Beschäftigung anzusprechen.

Sie essen, soweit ich es gesehen habe, nicht aus einer gemeinschaftlichen Schüssel, sondern jeder ißt aus seiner Schale. Nach den Mahlzeiten spülen sie den Mund und waschen sich die Hände, indem sie das Spülwasser über die Finger spucken.

Es schien mir, als würden hier wirkliche Mahlzeiten abgehalten, von denen die erste des Morgens, die zweite mitten am Tage und die dritte bei Sonnenuntergang eingenommen wurde.

Hat man in einem Hause Überfluß an Speisen, so ladet man auch die Nachbarhäuser ein. Ein besuchender Indianer wird sehr gastfrei aufgenommen. Er braucht nicht fortzugehen, ohne Maisbier oder Essen erhalten zu haben. In den Chanédörfern am Rio Parapiti setzten mir die Indianer, wenn ich zu ihnen zu Besuch kam, immer eine Schüssel mit süßen Kartoffeln vor.

Die Chanés essen keine Esel, Maulesel, Pferde, Hunde, Füchse, Geier oder Affen. Dagegen werden Puma und Jaguar für eßbar gehalten.

Wenn die Frauen in den Dörfern nicht zu kochen, zu brauen oder ihre Kleinen zu warten haben, sind sie doch immer fleißig. Wenigstens die älteren unter ihnen sieht man beinahe niemals ohne Beschäftigung. Sie spinnen, machen Tongefäße, weben. Ich habe diese Frauen schätzen gelernt, ich habe ihre liebevolle Fürsorge für die Kinder, ihren Fleiß, ihre Pflege des Heims, ihre Geschicklichkeit und ihren Geschmack bewundert.

Spiele.

Manchmal sieht man die Männer spielen. Das gewöhnlichste Spiel ist jetzt taba, das mit dem Sprungbein einer Kuh gespielt wird und das diese Indianer in den Zuckerfabriken gelernt haben. Auch Würfelspiele sind dort nicht ungewöhnlich. Die Regeln für diese scheinen ihre eigenen, oder vielmehr den Weißen nachgeahmte zu sein.

„Daro“, wie die Chiriguanos das Würfelspiel nach dem Spanischen nennen, wird von zwei Personen mit von ihnen selbst verfertigten Würfeln gespielt. In Tihuïpa habe ich folgende Regeln für dieses Spiel (Abb. 93) aufgezeichnet.

Alle übrigen Kombinationen sind = 0. Wer zuerst zehn Striche hat, gewinnt. Die Striche werden auf dem Fußboden markiert.

Von eigenen Hazardspielen haben sie zwei. Das eine ist dasselbe, wie wir es S. 73 von den Chorotis und Ashluslays kennen gelernt haben. Die Chiriguanos nennen dieses Spiel „chúcaráy“, die Chanés „chunquánti“.[66]

Das andere den Chiriguanos und Chanés bekannte Spiel habe ich bei keinen anderen Indianern gesehen. Sie nennen es tsúcareta und spielen es mit einem Haufen Stäbchen, die auf der einen Seite konvex, auf der anderen eben oder konkav sind (Abb. 95).

Zuerst wird ein Stäbchen (Máma) so ausgelegt, daß es auf den hinzeigt, der werfen soll (Abb. 96). Nehmen wir an, daß es so gelegt ist, daß die konvexe Seite nach oben gerichtet ist. Fallen zwei oder mehr Stäbchen kreuzweise übereinander, und zwar mit der konvexen Seite nach oben und ohne oben von einem Stäbchen mit der ebenen Seite nach oben berührt zu werden, so fallen sie dem Werfenden zu. Wäre das Máma so gelegt worden, daß die ebene Seite nach oben gelegt worden wäre, so hätten nur die gezählt, die mit der ebenen Seite nach oben ein Kreuz gebildet haben.

Man schlägt abwechselnd und jeder legt das Máma beliebig aus. Wer die meisten Stäbchen bekommen hat, hat gewonnen.

Hat man nur noch vier Stäbchen, so wird kein Máma mehr ausgelegt, sondern man kommt überein, ob die konvexen oder ebenen (konkaven) gelten sollen.

Bisweilen sieht man die Frauen ein Kegelspiel, von den Chiriguanos in Tihuïpa „itarapóa“, von den Chanés am Rio Parapiti „tocoróre“ genannt, spielen.

In Tihuïpa spielte man auf folgende Weise. Man stellte zwei Reihen Maiskörner, je zwei aufeinander, als Kegel in einem Abstand von vier bis fünf Fuß auf. Zwei spielten abwechselnd, indem sie die Maiskegel des anderen mit einer steinernen Kugel abzuschlagen versuchten. Wer zuerst alle Maiskegel des anderen abgeschlagen hatte, hatte gewonnen.

Am Rio Pilcomayo spielte man mit drei Kegeln auf jeder Seite. Der Abstand zwischen den Kegeln des Gegners war drei Ellen. Jeder Kegel bestand aus einem entsamten Maiskolben und der Abstand zwischen ihnen sollte eine Handspanne[67] sein. Die angewandten Bälle sind aus gebranntem Ton und hohl, mit kleinen, rasselnden Kugeln im Innern (Abb. 99).

Das Leben der Indianerkinder.

Wenn man vom Leben in den Dörfern spricht, darf man auch die Kinder nicht vergessen. Die Kinder spielen, helfen aber auch den Großen. Sie werden wie die Choroti- und Ashluslaykinder erzogen. In heiterer Freiheit verbringen sie ihr Leben, ohne Prügel und harte Worte.

Die Chiriguano- und Chanékinder haben mehrere Spiele und Spielsachen, welche man die Kinder der Weißen in Bolivia niemals anwenden sieht und die mir alle echt indianisch zu sein scheinen.

Die Indianerkinder spielen vor allem die Spiele, die ich schon von den Älteren erwähnt habe. Von den Spielen der Chorotis und Ashluslays kennen sie das hockeyähnliche Ballspiel, das die Chiriguanos „táca“ nennen. Bei den Chanés habe ich es nicht spielen sehen. Als Tore pflegen sie Gruben anzuwenden, und zuweilen schlagen sie die Bälle mit Raketts. Das ist hier ein Knabenspiel. Ein außerordentlich hübsches und schweres Spiel ist „tóki“, das ich von den Knaben der Chanés am Rio Parapiti habe spielen sehen. Es wird von zwei, vier, sechs oder mehr Personen in zwei Abteilungen gespielt. Die Bälle aus massivem Gummi werden von einem der Spielenden erst in die Luft geworfen und dann mit dem Kopf nach der gegnerischen Seite geworfen, wo er mit dem Kopf wieder zurückgestoßen werden soll. Das Berühren des Balles mit der Hand ist verboten. Die Partei, die, je nach Übereinkommen, fünf- oder zehnmal den Ball verfehlt, hat verloren.

Das Tókispiel wird in einer der Sagen der Chanéindianer erwähnt. In dieser Sage sehen wir, wie schwer es den Chanés früher gefallen ist, den Gummi für die Bälle zu erhalten, der, da es im Chaco keinen Gummi gibt, von weit her geholt werden mußte.

Jetzt erhalten sie die Gummibälle von Santa Cruz de la Sierra. Ich habe das „Tóki“ nur von Knaben spielen sehen. Früher wurde es nicht allein von den Männern, sondern auch von den Göttern gespielt. Es ist besonders von den Chiquitosindianern bekannt.[68]

Auch d’Orbigny[69] erwähnt dieses hübsche Spiel von den Chiquitos. Am Rio Guaporé habe ich Chiquitano sprechende Gummiarbeiter das Spiel spielen sehen, die es außerordentlich gut verstanden, den Ball mit dem Kopf weiterzustoßen. Auch niedrige, den Boden beinahe erreichende Bälle fingen sie, auf dem Magen liegend, in gleicher Weise auf.

Spiele mit Gummibällen scheinen den Spaniern erst sehr spät bekannt geworden zu sein. Dies geht aus dem Erstaunen hervor, mit dem Gumilla[70] sie erwähnt. Merkwürdig, sagt er, sind die Bälle und die Art, wie mit ihnen gespielt wird. Der Ball ist groß und aus einem Holzsaft, Caucho genannt, gearbeitet, der bei einem leichten Stoß so hoch springt, wie ein Mann lang ist.

Gumilla erzählt, daß die Indianer am Orinoco mit der rechten Schulter spielten. Traf der Ball einen anderen Körperteil, so verlor der Spielende einen Point. Er bewunderte ihr Spiel, da sie den Ball zehn-, zwölfmal und noch öfter warfen, ohne den Boden zu berühren.

Ein anderes nettes Spiel ist „sóuki“, das die Chanéknaben am Rio Parapiti spielten (Abb. 102). Es wird von zwei Knaben mit Maiskolbenpfeilen gespielt. Erst wirft der eine Knabe seinen Pfeil auf den Boden, dann der andere, der ihm so nahe wie möglich zu kommen sucht. Kommt er eine Handspanne oder noch näher an den Pfeil des Gegners, so gewinnt er einen Point, d. h. bekommt einen Strich. Wer zuerst sechs Points hat, wenn der andere keinen hat, hat gewonnen. Jeder spielt mit bis zu drei Pfeilen. Die Points zählen so, daß nur das gilt, was der eine mehr als der andere hat.

„Huirahuahua“ ist ein Spiel (Abb. 103), das nur von den jüngeren Chanéknaben am Rio Parapiti gespielt wird. Es wird von zwei Knaben mit je einem Stäbchen gespielt. Der eine wirft sein Stäbchen so, daß die Spitze auf den Boden schlägt und so weit wie möglich aufspringt. Nachher wirft der zweite. Wer am weitesten geworfen hat, bekommt einen Strich auf dem Boden. Wer zuerst acht Striche hat, wenn der andere auf Null steht, hat gewonnen.

Das „Parama“-Spiel habe ich von den Chiriguanos im Caipipendital spielen sehen. Es wird von zweien gespielt. Ein Knopf oder dergleichen wird als Tor auf einen Stein gelegt, worauf man mit runden Steinchen aus Tonscherben wirft. Der Knopf soll heruntergeschlagen werden, und wer demselben am nächsten kommt, hat einen Strich gewonnen. Das Spiel wird so lange fortgesetzt, bis der eine, je nach Übereinkommen, fünf oder mehr Striche hat.

Die Chané- und Chiriguanokinder haben auch mehrere Spielsachen, die hier abgebildet sind (Abb. 104-105). Von diesen ist „mou-mou“ (Abb. 104) eigentümlich. Mit ihm wird, wenn die Fäden erst gezwirnt und dann gespannt werden, ein summender Ton hervorgebracht.

Nun habe ich meine Leser wohl ordentlich mit indianischen Spielen und Spielsachen gelangweilt. Vielleicht habe ich mich bei diesem in Südamerika so wenig studierten Gegenstande, der mich auf meiner Reise lebhaft interessiert hat, zu lange aufgehalten. Wie bei den Chorotis und Ashluslays, habe ich gern mit den Knaben gespielt. Dies ist auch eine Art und Weise, den Indianern näher zu kommen, ihr Vertrauen zu gewinnen.

Wie die Choroti- und Ashluslaykinder, langweilen sich die Kinder der Chanés und Chiriguanos selten, wie diese sind es artige und gute Kinder. Auf den Spielplätzen in den Dörfern geht es in der Regel sehr munter zu. Dies gilt für die Heiden. Die Kinder, die in die Hände der Mönche geraten sind, sehen düster und verschlossen aus, sie haben schon etwas von dem zu kosten bekommen, was die Kinder des weißen Mannes lernen, Erziehung und beginnende Zivilisation. „Du sollst ...“ „Du sollst nicht ...“

Die Spiele und Spielzeuge sind vom anthropo-geographischen Gesichtspunkte aus von großem Interesse. Eine Mehrzahl von ihnen finden wir nicht außerhalb des Chaco und der angrenzenden Gegenden in Südamerika. Dagegen finden wir sie in Nordamerika. Infolgedessen habe ich den Schluß gezogen,[71] daß die Spiele und Spielsachen Überbleibsel aus einer Zeit sind, in der der kulturelle Austausch zwischen Nord- und Südamerika größer als jetzt war, oder richtiger, daß Spuren eines von Norden ausgehenden Kulturstromes bis nach Argentinien hinunter gegangen sind. Eine merkwürdige Ähnlichkeit herrscht auch zwischen den Typen von Tabakspfeifen, die man im südlichen Südamerika und in Nordamerika trifft. Die Dreifußkeramik, die ich bei meinen Ausgrabungen im östlichen Bolivia, in Mojos, gefunden habe, deutet auch auf Einflüsse von Norden.

Alltagskleidung.

In den Dörfern, wo der Einfluß der Weißen nicht die alten Trachten verdrängt hat, tragen die Chané- und Chiriguanofrauen ein sackförmiges Kleidungsstück, „tiru“ (Abb. 106). Dieses kann, wie aus den Photographien ersichtlich, auf verschiedene Weise getragen werden. Früher scheint der Tiru nicht die jetzige Form gehabt zu haben. Viedma[72] sagt, die Chiriguanofrauen hatten nur ein Stück Zeug um die Hüften. Sicher hat sich die Tracht unter dem Einfluß der „moralischen“ Christen so entwickelt, daß sie „anständiger“ geworden ist.

Von einheimischen Schmucksachen sieht man Halsketten aus Türkis- und Chrysocolperlen und aus schwarzen Körnern.

Nach eigenen Angaben finden die Indianer die Steinperlen in der Erde, wo alte Wohnplätze und Gräber sind. Die Mestizen im Tarijatal, die in ihren Feldern eine große Menge dieser Perlen finden, verkaufen sie den Chiriguanos und Chanés zu hohen Preisen. Früher wurde eine Halskette aus diesen Perlen mit einem Pferd bezahlt.

Das Haar tragen die Chané- und Chiriguanofrauen halblang, mitten auf der Stirn gescheitelt und manchmal im Nacken oder auf dem Kopf mit einem Band zusammengebunden.

Die Männer tragen jetzt alle die europäische Tracht. Bei der Arbeit sieht man sie jedoch nicht selten nur in einem die Geschlechtsteile schützenden Stück Zeug. Bei den Chanés am Rio Parapiti waren Mäntel gleich denen, die wir von den Chorotis und Ashluslays kennen gelernt haben, sehr gewöhnlich. Die älteren Männer, sowie auch die jüngeren in den Chiriguanodörfern am oberen Rio Pilcomayo, tragen das Haar lang, um den Kopf gewunden und von einem in der Regel roten oder blauen Band zusammengehalten. Nach vorn ist das Haar abgeschnitten, sie haben also Stirnlocken und eine Locke vor jedem Ohr. Es greift jedoch immer mehr die Sitte um sich, das Haar kurz zu schneiden, um ebenso fein zu sein, wie die Weißen. An den Füßen tragen sie, wenn sie auf steinigem oder dornigem Boden wandern, wie die Frauen, Sandalen.

Diese Indianer malen sich alltags nicht oft. Zuweilen sieht man eine Frau, die sich das Gesicht rot gemalt hat. Die Weißen behaupten, es bedeute, sie sei heiratslustig, oder, wenn sie verheiratet ist, lüstern. Ich wage jedoch nicht zu sagen, daß dies wahr ist. Einen roten Strich hier und da ins Gesicht malen sich die Frauen auch alltags, oder sie kleben ganz einfach eine Blume an jede Wange. Die Männer bemalen auch manchmal das Gesicht und den Körper rot. Als große Seltenheit habe ich ein paar Chiriguanofrauen gesehen, die auf dem Arm tätowiert waren (Abb. 108). Im Caipipendital haben die Chiriguanofrauen die abscheuliche Sitte, ihre sonst weißen und gesunden Zähne zu schwärzen. Viedma erzählt, daß die Chiriguanomänner ihre Zähne blau zu malen pflegten.

Reinlichkeit.

Die Chanés und Chiriguanos sind sehr reinlich. Sie beginnen, wie schon erwähnt, den Morgen mit einem Bad, und baden dann oft mehrmals im Laufe des Tages. Diese Reinlichkeit ist bei Stämmen, die oft in Gegenden wohnen, wo, wie z. B. im Chipipendital, großer Wassermangel herrscht, merkwürdig. In der Trockenzeit können sie dort niemals ein Bad nehmen, wenigstens die Frauen waschen aber ihren Körper jeden Morgen gründlich ab.

Der Gegensatz, der sich hier in dem Reinlichkeitseifer der verschiedenen Stämme zeigt, läßt sich, meiner Ansicht nach, durch ihre Wanderungen erklären. Die Chorotis, Ashluslays und Matacos, welche sich noch teilweise in Pelzmäntel kleiden, scheinen mir, wie die Feuerländer und Patagonier, aus den kalten Pampas im Süden, wo ein Waschen höchst unangenehm war, nach dem Chaco eingewandert zu sein, während die Chiriguanos und Chanés vom Norden, aus den feuchtwarmen Urwäldern, von den großen Flüssen kommen, wo das Baden immer schön und erfrischend war. Nun, wo sie unter denselben klimatischen Verhältnissen leben, haben die ersteren ihren Schmutz, die letzteren ihre Reinlichkeit bewahrt.

Im Thurn[73] berichtet, daß die Indianer in Guayana sofort nach dem Essen baden, ohne daß ihnen dies schlecht bekommt. Dasselbe habe ich hier oft beobachtet.

Den Kopf schampunieren die Chiriguanos und verschiedene Chanés mit den Samen von „nyantéra“, die sie mahlen. Zu demselben Zweck benutzen die Chanés am Rio Parapiti die Rinde des Mistol, „yúag“. Auch die Nägel, und nicht zum wenigsten die Zehennägel, werden sauber gepflegt. Zum Kämmen wenden sie in Holz geschnittene oder aus Rohrstäbchen zusammengebundene Kämme an.

Ihre Bedürfnisse verrichten die Chanés und Chiriguanos niemals ganz nahe den Hütten. Besondere Abtritte habe ich aber niemals bei irgend welchen Indianern, und auch nicht bei vielen Weißen in Bolivia, gesehen.

Die Chanés und Chiriguanos gehen mit ihren Kleidern sehr sorgfältig um. Sie halten sie rein und flicken sie, wenn es nötig ist. Jedes Geschlecht wäscht und flickt seine Sachen selbst. Der Mann näht hier vollkommen ebenso gut wie die Frau.

Ich habe hier von dem Alltagsleben bei diesen Indianern gesprochen. Nun will ich die wichtigsten Ereignisse in ihrem Leben, in ihrem Gemeinwesen, ihre Feste, ihre Industrie usw. schildern, um zuletzt zu ihren Sagen und ihrer Religion überzugehen.

Fußnoten:

[57] Annua de la Compañia de Jesus. -- Tucuman y Perú -- 1596. Relaciones geográficas de Indias. Madrid 1885. Tomo II. S. CIV.

[58] Viedma: l. c.

[59] Die Frauen fischen in der Regel in seichtem, die Männer in tiefem Wasser.

[60] Nehmen manchmal an der Zubereitung der Jagdbeute teil.

[61] Bei den Chanés am Rio Parapiti.

[62] Am Rio Parapiti sammelten die Chanéfrauen das Material zu dem Dache, d. h. langes Gras.

[63] Nur bei Maringay.

[64] Unbedeutend, eigentlich nur am Rio Parapiti.

[65] Schon Viedma erwähnt diese Tracht, S. 181.

[66] Vgl. Erland Nordenskiöld: Zeitschr. f. Ethn., 1910, H. 3 u. 4.

[67] Längster Abstand zwischen Daumen und kleinem Finger.

[68] Erbauliche und angenehme Geschichten. Wien 1729. S. 55.

[69] d’Orbigny: Voyage. Partie historique. Tome 2, S. 594-595.

[70] Gumilla: El Orinoco Ilustrado. Madrid 1745. S. 190.

[71] S. auch Erland Nordenskiöld: Zeitschr. f. Ethnologie, 1910. H. 3 u. 4.

[72] Viedma, 1. c. S. 181.

[73] Im Thurn: Among the indians of Guiana. London 1883.

+Zwölftes Kapitel.+

=Aus dem Leben der Chané- und Chiriguanoindianer= (Forts.).

Vom Mutterleib bis zum Grabe.

Streng arbeiten die Chané- und Chiriguanofrauen auch während der Schwangerschaft, bis sie gebären sollen. Im Dorfe Vocapoys war eine schwangere Frau, der ich eine von mir geschossene Taube schenkte. Vocapoy erklärte mir da ganz erregt, eine schwangere Frau dürfe keine Tauben essen. Kommt ein Chané- oder Chiriguanokind zur Welt, verursacht es seiner Mutter sicherlich nicht viel Schmerzen. Diese Frauen sind gesund und gebären leicht, wie alle Indianerfrauen, die eine gesunde Lebensweise führen und niemals eng anliegende Kleider getragen haben. Sie liegen auch nicht im Wochenbett, das muß statt dessen der Papa des Kleinen. Auch hier treffen wir diesen eigentümlichen Brauch, die „Couvade“, die von so vielen Indianerstämmen her bekannt ist. Mehrere Tage soll der Mann liegen und Diät halten. Bei den Chanés am Rio Parapiti darf er die ersten Tage nur gekochten Mais und Maissuppe, später auch süße Kartoffeln essen. Mehrere Tage lang darf er kein Fleisch essen. Ißt er z. B. das Fleisch einer Ziege, so stirbt er, meckernd wie diese. Der Chiriguanoindianer Taco erzählte mir, er habe seinen dicken Magen deswegen bekommen, weil er diesen wichtigen Brauch nicht innegehalten habe. „Fünf Tage hätte ich liegen und Diät halten sollen“, sagte er.

Die Sitte der Couvade hat, wie bekannt, in Südamerika eine sehr große Ausdehnung. Bei den Stämmen, die ich kennen gelernt habe, kommt sie sicher, außer bei den Chiriguanos und Chanés, bei den Chorotis, Gúarayús und Chacobos vor. K. v. d. Steinen,[74] der diesen Brauch ausführlich vom Rio Xingu schildert, sagt, er sei wahrscheinlich für alle brasilianischen Stämme bekannt. Dagegen scheint der Brauch der Couvade von den Quichuas und Aymaras, d. h. von der Gebirgskultur in Bolivia und Peru, unbekannt zu sein. Dies ist einer der vielen Gegensätze, die zwischen den Indianern des Gebirges und des Urwaldes bestehen.

Die Gúarayúindianer in Nordost-Bolivia sagten mir, wenn ein Mann gleich nach der Entbindung seiner Frau auf die Jagd geht und z. B. einen Papagei schießt, so kann er sein Kind töten. In den ersten Tagen des Lebens folgt nämlich die Seele des Kindes dem Vater.