Indianerleben

Part 12

Chapter 123,305 wordsPublic domain

Ein sehr wichtiges Kapitel in der Geschichte dieser Indianer ist auch die lange und beharrliche Arbeit der Missionare, das Land der Indianer auf verhältnismäßig friedliche Weise zu erobern. Diese wird in der Literatur ausführlich behandelt.

Hier will ich jedoch nicht von der Geschichte dieser Indianer, wie wir sie durch die Literatur kennen, sprechen, sondern von dem Indianer als Historiker.

Spricht man mit den Indianern, so wissen sie von ihrer eigenen Geschichte nicht viel, ihre Tradition geht nicht weit zurück. Die Chanés am Rio Parapiti erzählten mir, sie hätten erst am oberen Rio Parapiti gewohnt,[56] seien aber von einem großen Häuptling von dort vertrieben worden. Einige blieben, wo sie jetzt wohnen, andere begaben sich durch den Chaco nach dem Rio Paraguay, welcher Fluß, wie gesagt, den Indianern nicht unbekannt ist. Am Rio Paraguay finden sich auch Arowaken.

Die Chiriguanos wohnten zuerst am unteren Rio Parapiti und wurden von den Chanés von dort vertrieben. Dies ist möglicherweise „offizielle Geschichte“, denn wahrscheinlicher haben wohl die Chiriguanos die Chanés aus den fruchtbaren Tälern des oberen Rio Parapiti gejagt.

Batirayu hat mir alles erzählt, was er über die Geschichte der Chanéindianer am Rio Parapiti wußte. Der letzte große Häuptling war Batirayus Onkel, Aringui. Dieser führte viele Indianer seines Stammes zur Arbeit nach Argentinien. Sein Vorgänger war Yámbáe. Vor ihm hatte Ochoápi die Häuptlingswürde bekleidet. Zu seiner Zeit begannen die Weißen ins Land zu dringen. Dieser Häuptling wird als ein bedeutender Mann geschildert, der die Sitten und Gebräuche der Weißen unter seinen Indianern einzuführen suchte. Bekannt ist Ochoápi wegen seiner umfassenden Reisen und seiner Verfolgung der Zauberer. Er soll in Buenos Aires gewesen sein. Vor ihm hatte Chótchori die Häuptlingswürde. Zu seiner Zeit waren die Weißen noch nicht bis zum unteren Rio Parapiti gekommen. Hier ist die Tradition zu Ende. Die hier erwähnten Häuptlinge waren aus demselben Geschlecht, die Regierung geht aber nicht vom Vater auf den Sohn über.

Von den Chanés am Rio Itiyuro könnte ich ein wenig Geschichte erzählen, will aber nicht durch zu viele Namen ermüden. Auch dort geht die Tradition nicht weit zurück, drei Generationen, das ist alles.

In den Sagen dieser Indianer, von denen ich weiterhin mehrere wiedergegeben habe, erfahren wir nichts über die Geschichte dieser Völker. Keine geschichtlichen Ereignisse scheinen dort zu Sagen umgebildet zu sein. Sie haben ganz andere Motive.

Es ist wirklich ganz eigentümlich, daß bei diesen Indianerstämmen ihre Geschichte, der Name ihrer Häuptlinge in Vergessenheit geraten ist, während die Sagen sicher, wenn auch in veränderter Form, jahrhundertelang von Generation zu Generation bewahrt worden sind. Für das hohe Alter der Sagen spricht vor allem ihre große geographische Verbreitung.

Die Gestalten der Sagen und deren Erlebnisse regen die Phantasie an, werden behalten und weitererzählt. Die geschichtlichen Persönlichkeiten und Ereignisse vergißt man.

Sucht man in den Chané- und Chiriguanohäusern, so findet man viele Sachen bewahrt, die jetzt außer Gebrauch sind, die sie aber als Erinnerung an frühere Zeiten ehren und oft nicht hergeben wollen. So sieht man hübsche, runde Pfeifen, „huiramimbi“ (Abb. 80), die sicher von Generation zu Generation gegangen sind. Sie wurden früher bei Kriegszügen angewendet. Der alte Maringay hatte alles mögliche aus alter Zeit aufgehoben. Es bereitete mir ein großes Vergnügen, in den Verwahrungsstellen des Alten herumzuwühlen. Ich wollte gern etwas von ihm kaufen, es genierte mich aber, ihm Geld für seine Erinnerungen zu bieten.

In die Wände gestochen fand ich einst Bündel hübscher, ganz verräucherter alter Pfeilspitzen. „Würdest du mir sie nicht verkaufen wollen?“ fragte ich meinen alten Freund zögernd. „Du sollst drei geschenkt bekommen“, sagte Maringay. Nach dieser Abweisung ließ ich ihn seine lieben Sachen behalten.

Einmal ritt ich von Vocapoys Dorf, um einen alten Chané aufzusuchen, der eine hübsche alte Tracht hatte. Nach einigem Zögern zeigte er sie mir. Er hatte sie sorgfältig in anderes Zeug eingewickelt. Wie ein enthusiastischer Museumsbeamter ein altes Kleinod hervorholt, so wickelte er sie sorgfältig auf. Man sah förmlich, wie lieb sie ihm war. Obgleich ich ihm einen sehr hohen Preis bot, wollte er sie nicht verkaufen.

Daß diese Indianer die alten Erinnerungszeichen lieben, beweist, daß sie eine gewisse Kultur haben. Dies gilt jedoch nur für die Alten, die Jungen sind nicht mehr so, die verkaufen alles, ohne zu zögern. Was kümmern sie sich um eine abgenutzte, alte Festtracht, wenn sie ein rotes, flatterndes Halstuch und Hosen mit Rock dagegen bekommen können! Der Siegeszug der Hosen über die Welt hat auch diese Täler und Ebenen erreicht.

Die Chiriguanos und Chanés führen jetzt nicht mehr richtigen Krieg mit anderen Indianerstämmen. Bisweilen machen die Chanés am Rio Parapiti jedoch gelegentlich Streifzüge gegen die Tsirakuaindianer. Die Ashluslays behaupteten auch, wie mir mein Dolmetscher erzählt hat, daß der Tobahäuptling Taycolique bei seinem Einfall in ihr Gebiet 1909 verschiedene Chiriguanos bei sich hatte.

Batirayu erzählte, die Chanés hätten früher die Köpfe der getöteten Feinde heimgebracht und sie bei Festen auf den Plätzen der Dörfer aufgestellt.

Fußnoten:

[54] Arundo saccharoides.

[55] Garcilasso de la Vega: The Royal Commentaries of the Incas. Vol. I–II. Hakluyt Society. London 1869 u. 1871.

[56] Dies wird durch Viedma bestätigt: Descripcion geografica y estadistica de la Provincia de Santa Cruz de la Sierra. Coleccion Pedro de Angelis. Buenos Aires 1836. Tom. III. S. 180-181.

+Elftes Kapitel.+

Vom Lande der Chané- und Chiriguanoindianer.

Alltagsleben in den Chané- und Chiriguanohütten.

In der Regel habe ich mich in den Hütten der Chanés und Chiriguanos sehr wohl gefühlt. Das Leben in diesen Dörfern ist ganz gleichartig. Schildert man ein Dorf, so hat man sie beinahe alle geschildert.

Wie alle übrigen Indianer, die ich südlich von Santa Cruz de la Sierra in Bolivia besucht habe, leben diese Indianer in Dörfern. Einige dieser Dörfer sind recht groß und werden von einigen hundert Personen bewohnt. Oft liegen viele Dörfer nahe aneinander. Die Hütten liegen in der Regel um einen Markt, auf dem zuweilen Flaschenbäume gepflanzt sind, die in der Regenzeit Schutz verleihen. Die Märkte dienen als Spiel- und Versammlungsplätze. Die Hütten sind, im Gegensatz zu den runden Choroti- und Ashluslayhütten, viereckig, und ihre nach dem Dorf zu gerichtete Tür ist am Giebel angebracht. Sie sind aus Rohr oder Holzlatten und mit Dächern aus Gras. Nicht selten sind sie mit Erde verputzt.

Unter dem Einfluß der Weißen verändern aber die Chanés und Chiriguanos allmählich ihre Hütten, und viele Indianer bauen schon mit ihnen identische Hütten.

Keine Hütte hat hier ihre ursprüngliche indianische Form. Die echten Chiriguanohütten (die ursprünglichen Chanéhütten kennt man nicht) waren sehr groß; in demselben Hause wohnten bis zu 100 Personen und das ganze Dorf bestand nur aus einigen großen Hütten.[57] Diese entsprechen offenbar den aus Brasilien bekannten großen Familienhäusern, die ich in Bolivia nur bei den Chacobos, einem Panostamm aus Lago Rojo-Aguado, gesehen habe.

Schon zu Viedmas[58] Zeit, Ende des 18. Jahrhunderts, scheinen sie jedoch den ursprünglichen Haustyp aufgegeben und kleinere Hütten gebaut zu haben.

In vielen Dörfern gehören zu jeder Hütte eine oder mehrere Maisscheunen (Abb. 84 a), in denen Mais, Kürbisse usw. aufbewahrt werden. Diese Scheunen sind auf Pfählen gebaut und vielleicht eine Erinnerung aus der Zeit, wo die Chiriguanos und Chanés in sumpfigen Gegenden wohnten. Zu jeder Scheune gehört in der Regel eine Leiter (Abb. 84 b). Manchmal sind die Scheunen mit den Wohnhäusern zu einem Hause zusammengebaut. Solche Hütten habe ich in der Nähe von Machareti und bei Yatavéri unweit Ivu gesehen. Nicht so selten stehen die Scheunen auf den Feldern weit ab von den Wohnhäusern.

Es ist in diesen Dörfern fein und rein. Hütten und Markt werden täglich gefegt und der Müll verbrannt.

Der Raum in den Hütten ist nicht zu gering bemessen. In der Regel wohnt in jedem Hause nur eine Familie, die manchmal, außer den übrigen Familiengliedern, aus den Männern der Töchter besteht, welche während der Verlobung und im Anfang der Ehe bei der Schwiegermutter wohnen. Vor der Hütte ist die große Feuerstätte (Abb. 83), wo das Maisbier, und zuweilen auch das Essen, gekocht wird. In der Hütte ist ebenfalls eine Feuerstätte, wo man kocht und die man aufsucht, um sich bei kalten Nächten und Tagen zu wärmen.

Manche Nacht habe ich in diesen Hütten geschlafen. Sie sind in der Regel frei von Ungeziefer, was man nicht von den Wohnstätten aller anderen Indianer und von den Häusern der Weißen sagen kann. Die Lagerstätte besteht entweder aus einem Bett aus einer Art Bambusrohr, oder man liegt auf dem Fußboden auf einer Schilfmatte oder einem Fell. Hängematten sieht man ebenfalls in den Hütten, sie sind aber nicht allgemein. Im tropischen Südamerika hat die Hängematte ihr Heimatland, sie verschwindet aber nach Süden zu und auf den Bergen, denn dort ist es zu kalt, um sie anzuwenden.

Am Dache der Hütte hängen auf Haken und Gestellen Kleider und Eßwaren, Medizin und anderes. Hier verwahren auch die Männer ihre Pfeile und Bogen, ihre Trommeln u. dgl. In Lianenschlingen pflegen Maiskolben zu hängen.

In einer Chané- oder Chiriguanohütte ist es, besonders des Abends, wenn alle an das schöne, wärmende Feuer kriechen, wenn der Mund geht, die Alten Sagen erzählen, die Mütter ihre Kleinen zu Bett bringen, die jungen Paare abseits sitzen und kosen, sehr gemütlich.

Hier und da sieht man eine in Holz geschnitzte Sitzbank (Abb. 85) von einer besonders von den brasilianischen Indianern her bekannten Form.

An den Wänden der Hütte entlang stehen immer eine Menge Tongefäße von allen Dimensionen. Manche davon sind so groß, daß ein Mann hineinkriechen könnte. Dort sind Töpfe, dort sind Röstschalen, dort sind feinbemalte Gefäße, die bei den Festen hervorgeholt werden, und dort ist der Schatztopf, in welchem die Hausfrau alle Kostbarkeiten und Andenken der Familie verwahrt. In ihm liegen, falls das Haus „vermögend“ ist, Kleider, Schmucksachen, Schalen aus Silber und Halsketten aus Türkis und Crysocol und vieles andere.

Sehr früh ist es still in den Dörfern. Es wird nicht, wie in einem Choroti- oder Ashluslaydorf, die ganze Nacht geschwatzt. Die jungen Herren und die unverheirateten jungen Mädchen laufen nicht herum, um beieinander zu liegen. Die sittlichen Chané- und Chiriguanomädchen werden von ihren Müttern bewacht, gehen nicht auf Abenteuer aus und nehmen keine Herrenbesuche an. Es kommen keine Nachtmahlzeiten, wie bei den Chorotis und Ashluslays, vor. Man schläft nämlich in diesen Dörfern des Nachts, d. h. wenn man nicht mit dem Maisbrauen für ein Fest beschäftigt ist.

Sehr früh des Morgens wird man in beinahe allen Dörfern durch Klagelieder geweckt. Immer ist dort einer, der einen Angehörigen verloren hat und ihn laut beweint. Ist jemand im Dorfe gestorben, so ist es für einen, der gern lange schläft, unheimlich im Dorfe.

In der allerfrühesten Morgenstunde stehen die Frauen auf, etwas später die Männer, und die Tagesarbeit beginnt. Das erste, was die Frauen tun, ist, daß sie Wasser holen und ein Bad, ein richtig erfrischendes Bad nehmen.

Die Wasserkrüge tragen sie auf verschiedene Weise. Am Rio Itiyuro tragen die Chanéfrauen sie auf der Schulter, am Rio Parapiti in einem Tragnetz (Abb. 87). Der letztere Brauch ist auch bei den Chiriguanos am gewöhnlichsten. Auf dem Kopfe tragen nur diejenigen Frauen Krüge, die mit den Weißen leben und ihre Sitten und Gebräuche angenommen haben.

Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern.

Wie bei den Choroti- und Ashluslayindianern, hat in der Regel auch hier, wie wir aus der untenstehenden Tabelle ersehen, jedes Geschlecht seine bestimmte Arbeit.

+Tabelle, welche die Arbeitsteilung zwischen Männern und Frauen bei den Chanés und Chiriguanos ausweist.+

Männer Frauen Fischfang + +[59] Jagd. +

Pflanzen, Roden + Säen + + Ernten + + Kochen +[60] + Holztragen + +[61] Wassertragen + Zubereitung berauschender Getränke + Sammeln wilder Früchte und Wurzeln + Keramik + Holzarbeiten + Netzstricken + Seilflechten + Mattenflechten + Hängemattenbinden + Lederarbeiten + Waffenherstellung + Verzierung von Kalebassen + Hausbau +[62] Weben +[63] + Fädenspinnen + Bandflechten + Viehzucht + + Nähen + + Korbarbeiten + Tagewerke für die Weißen + +[64]

Vergleicht man diese Tabelle mit der auf Seite 94, so findet man, daß das schwere Holztragen und der Hausbau bei den höher stehenden Chanés und Chiriguanos beinahe von den Frauen auf die Männer übergegangen ist. Eigentümlicherweise sind gewisse Industrien, z. B. die Tongefäßherstellung, bei beinahe jedem primitiven Indianerstamm Frauenarbeit. Auf dieselbe Weise werden die Kalebassen überall von den Männern geschmückt, wie sie auch alle Holzarbeiten ausführen. Daß hier auch die Frauen fischen, kommt daher, weil verschiedene dieser Indianer an wasserarmen Flüssen leben, in denen nur kleine Fische leben, bei deren Fang der Mut und die Kraft der Fischer auf keine Probe gestellt wird.

Nahrungszweige.

Der Fischfang und die Jagd spielen für den Chané und Chiriguano keine bedeutende Rolle. Sie sind, wie ich schon vorher erwähnt habe, Ackerbauer, vor allem Maisbauer. Diese Indianer leben so ausschließlich von Mais, daß alle andere Nahrung für sie eine untergeordnete Rolle spielt. Eine Ausnahme machen die am Rio Parapiti wohnenden Indianer, die mehr süße Kartoffeln als Mais bauen, die in ihrem Land eine ausgezeichnete Ernte geben.

Folgende Pflanzen werden von den Chanés und Chiriguanos angebaut:

Süße Kartoffeln. Mais. Zapallo (Cucurbita pepo Lin.). Kalebaßfrüchte. Bohnen in verschiedenen Variationen. Baumwolle. Uruku. Tabak. Tuna (z. B. bei Yatavéri). Opuntia. Hirse. Mandioca (selten). Schilfrohr zu Pfeilschäften (am Rio Parapiti).

In den Pflanzungen dieser Indianer habe ich weder gewöhnliche Kartoffeln noch Bananen gesehen. Die süßen Kartoffeln sind, nach Batirayus Angaben, in später Zeit von den Weißen eingeführt. Der Tabakbau ist unbedeutend. Die Chanés und Chiriguanos sind keine großen Raucher. Sie rauchen meist Zigaretten in Maisblättern, selten Pfeife (Abb. 88). Bei ihnen braucht man seine Pfeife nicht seinem Nachbar zum Weiterrauchen zu geben.

Es ist eigentümlich, wie verschieden bei den Indianerstämmen der Tabakverbrauch ist. Die Aymaras und Quichuas, die Koka kauen, rauchen sehr selten. Sie finden keinen Geschmack daran. Ebensowenig rauchten die Chacobos und Atsahuacas, zwei Stämme, die ich auf meinen Reisen kennen lernte. Als ich einem Chacobo eine Zigarette anbot, machte er nur ein paar Züge, behielt den Rauch einige Augenblicke im Munde und warf dann die Zigarette fort. Die Chacobos bauen indessen Tabak, wenden ihn aber ausschließlich als Heilmittel an. Ist einem Chacobo ein „boro“, eine Fliegenlarve, „Dermatomya“, unter die Haut gekommen, so bedeckt er die Eintrittsstelle der Fliegenlarve mit Tabakpulver und kann nach einigen Stunden die tote Larve herausquetschen. Die Chorotis und Ashluslays sind leidenschaftliche Raucher. Bei ihnen ist das Rauchen einer der höchsten Lebensgenüsse. Diese Gegensätze sind ganz sonderbar.

Die Chiriguanos und die Chanés haben ausgedehnte Anpflanzungen, die, im Gegensatz zu den Rodungen der Chorotis und Ashluslays in der Wildnis, gut gepflegt sind. Ehemals hat man Spaten aus hartem Holz mit schönen Stielen angewendet (Abb. 89), diese sind aber jetzt außer Gebrauch gekommen und vollständig durch eiserne Spaten verdrängt worden. Die Felder liegen nicht selten weit von den Dörfern, wie z. B. im Caipipendital. Dies hängt damit zusammen, daß nicht überall das ganze Jahr Wasser in der Nähe der Pflanzungen vorhanden ist.

Die gewonnenen Früchte werden, wie schon erwähnt, in auf Pfählen gebauten Scheunen (Abb. 84) verwahrt, um sie wenigstens etwas vor Ratten, Feuchtigkeit usw. zu schützen. Diese Scheunen sieht man, außer bei den Chanés am Rio Pilcomayo, überall.

Die Felder sind mit gestrüppförmig gebauten Zäunen eingezäunt, deren Übersteigung oft Schwierigkeiten macht. Eine Düngung der Felder kommt nicht vor. Dagegen läßt man einen ausgenutzten Acker brach liegen.

Die Zeit des Säens wird nach der Stellung des Siebengestirns, „ychu“, bestimmt. Geht dieses sehr früh am Morgen über den Horizont, so ist Saatzeit. Wenn die Regenzeit beginnt, muß alles gesät sein.

Die Männer roden und säen. Bei der Ernte helfen alle mit, Männer, Frauen und Kinder. Bei den Chanés im Itiyurotal säeten die Männer den Mais, d. h. sie besorgten die größeren Pflanzungen, während die Frauen Gärtner waren und Kürbisse, Bohnen usw. pflanzten.

Die Chanés und die Chiriguanos sind keine großen Jäger. Vielleicht hat man früher mehr gejagt. Ihre Jagdwaffen bestehen aus Pfeil und Bogen. Zur Wildschweinjagd werden Keulen angewendet, zur Straußenjagd wurden früher die Boleadora, „churima“ benutzt. Schlingen und Vogelnetze kommen auch vor. Früher trugen die Jäger eine offenbar den Spaniern nachgeahmte, nach europäischem Schnitt zugeschnittene Tracht aus Leder.[65] Diese durfte nicht im Hause hängen. Früher durfte auch bei den Chanés am Rio Parapiti kein Fleisch im Hause gekocht werden, sondern dies mußte ein Stückchen davon geschehen. Die Knaben sind natürlich eifrige Jäger kleiner Vögel. Sie benutzen manchmal, wie auch die Männer, Tonkugelbogen.

Man hat eigens für die Wildschweinjagd abgerichtete Jagdhunde. In einem Chanédorf am Rio Itiyuro sah ich, wie man allen Hunden ein rotes Kreuz auf den Kopf malte, damit sie nicht von einem in der Nähe grassierenden tollen Hunde gebissen würden. Es war wirklich spaßhaft zu sehen, wie diese heidnischen Chanés ihre Hunde mit dem Kreuzzeichen gegen die Tollwut schützten.

Batirayu erzählte mir, die Chanémänner dürften, wenn sie auf die Jagd gingen, in der Nacht vorher nicht bei ihren Frauen schlafen.

Der Fischfang wird in den verschiedenen Flüssen ungleich betrieben.

Im Rio Itiyuro fischen beinahe ausschließlich Frauen und Kinder. Dort gibt es auch nur kleine Fische. Ich sah dort drei Fischereimethoden. Angelfischerei, Fischfang mit Kalebasse und Fischerei durch Aufdämmen von Teichen. Die Angelhaken bestehen aus gebogenen Nadeln, die man von den Weißen bekommen hat. Flöße und Senkblei kommen nicht vor.

Der Fischfang mit Kalebasse geschieht folgendermaßen. In den Boden des Flusses werden mehrere Laubbüschel gesteckt, die Schatten geben, und vor jeden von diesen wird eine Kalebasse (Abb. 90) mit saurem, gemahlenem Mais (Abfälle vom Bierbrauen) gestellt. Die Fische sammeln sich in den Kalebassen, die von den Frauen von Zeit zu Zeit herausgenommen werden. Diese schleichen sich an die Kalebasse heran, legen schnell die Hand auf die Mündung, heben sie hoch und entleeren dann den Inhalt in Gruben am Flußufer.

Eine andere, in dem erwähnten Flusse oft angewendete Art des Fischens ist das Aufdämmen länglicher Teiche im Sande, in denen die Fische sich sammeln. Die Fische werden nach Entleerung des Wassers aus den Teichen gefangen. Zuweilen läßt man den Teich in einer mit einem Ketscher verschlossenen Rinne enden, aus der die Fische nicht heraus können.

Aller Fischfang, den ich am Rio Itiyuro gesehen habe, geschah während der Trockenzeit an sonnenheißen Tagen.

Im oberen Rio Pilcomayo fischen die Chiriguanos mit von den Weißen erhaltenen Angelhaken, mit den Tauchnetzen der Chorotis ähnlichen, obschon kleineren Netzen und durch Schießen der Fische mit Pfeil und Bogen. Die zum Fischfang angewendeten Pfeile haben zwei oder mehrere Spitzen.

Im Rio Parapiti sah ich Chanés und Chiriguanos mit einem Netz von dem hier abgebildeten Typ (Abb. 91) fischen. Beim Fischschießen wenden die dortigen Chiriguanos Pfeile mit vielen feinen Spitzen an.

In diesen zuletzt genannten Flüssen fischen die Männer immer im tieferen Wasser mit Netz und mit Pfeil und Bogen, während die Frauen sich damit begnügen, kleine Fische in den Verdämmungen zu fangen, wenn der Fluß halbtrocken ist.

Nicht so selten nehmen die Indianer lange Reisen vor, um zu fischen. So pflegen die Chanés zuweilen während der Trockenzeit die Sümpfe, „Madrejones“, in denen der Rio Parapiti sich verliert, zu besuchen.

Es ist merkwürdig, daß Völker, die so viel fischen, so wenige Fischereigeräte kennen. In meiner Schilderung der Chorotis und Ashluslays haben wir mit dieser Armut schon Bekanntschaft gemacht.

Moberg und der Verfasser wollten einmal am Rio Pilcomayo den Indianern etwas von unseren Erfahrungen im Fischfang zum besten geben und fabrizierten nun eine Reuse, über die wir nicht wenig stolz waren. Wir setzten sie in der vollen Überzeugung aus, daß sie am Morgen voller Fische sei. Holz und Abfälle aller Art war alles, was wir fingen, und ich kann nicht leugnen, daß die Indianer uns ein wenig auslachten.

Der Grund der Armut dieser Indianer an Fischereigeräten ist nicht der Mangel an Ideen, sondern ein anderer. Es passen ganz einfach wenige Fischereimethoden für diese Gewässer. Ein Netz des Nachts aussetzen, geht nicht an, denn wenn ein Palometafisch in das Netz gerät, schneidet er dasselbe mit seinen messerscharfen Zähnen sofort entzwei. Angelfischerei treiben, wo es solche Fische gibt, ist auch nicht verlockend, denn sie beißen die Angeln ebenso leicht, wie die Angelschnüre, ab, wenn sie nicht aus sehr gutem Material sind. In diesen tropischen Gewässern modern auch die Fischgeräte schneller, als bei uns, man darf sie also nicht eine ganze Nacht über im Wasser lassen.

Die Chiriguanos und Chanés haben keine Fahrzeuge. Sie sind dagegen außerordentliche Water, und hier während der Regenzeit in den Flüssen waten, ist gerade keine Kleinigkeit. Hat man jedoch einen dieser Indianer als Beistand, so kommt man, wenn es überhaupt möglich ist, doch hinüber.