In Monsun und Pori

Part 5

Chapter 53,453 wordsPublic domain

Ein Kutter und zehn kräftige Matrosen pullen uns an Ort und Stelle.

Wir haben das Hochwasser abgewartet und diesmal liegt ein Teil des silberglänzenden Leibes im Wasser. Er hängt aber immer noch, denn wir haben augenblicklich Nipp-Tide, erstes Mondviertel, also die Zeit des niedrigsten Hochwassers, das nur bei Voll- und insbesondere Neumond seine höchste Höhe erreicht.

Zwei kräftige Matrosen steigen aus und versuchen den Torpedo vorsichtig, sich mit den Beinen gegen die Bäume stemmend, herunterzuheben.

Es gelingt nicht!

So muß der Ast abgesägt werden! -- Peinlich, denn der Torpedo wird dann mit der Nase nach unten ins Wasser fallen!

Die Säge kreischt -- alles raucht Zigaretten und sieht möglichst gleichgültig auf den größer und größer werdenden Spalt im Ast.

Da neigt er sich allmählich -- jeder hält den Atem an -- das Schwanzstück rutscht -- -- -- platsch!

Er liegt im Wasser!

Alles lacht! -- Wie ein großer Fisch wird er weggeschleppt -- -- --

Später haben wir ihn geöffnet und studiert. Es war ein englischer Whitehead-Torpedo. Englische Gefangene erzählten uns dann, daß eine der Barkassen, die die »Newbridge« in die Deltamündung begleitet hatte, Torpedos mitführte, um notfalls die Versenkung zu beschleunigen, und bei der raschen Rückfahrt einen davon verloren habe. Er muß dann vom Hochwasser in die Mangroven getrieben worden und dort hängen geblieben sein. --

So haben wir bei Simba-Uranga nicht nur keinen einzigen Torpedo verschossen, sondern sogar noch einen dazubekommen.

* * *

Allabendlich stieg ich noch eine Woche lang auf meinen hohen Kasuarinenausguck, allabendlich rauschten die grünen Palmen hier, die blaue See dort -- lag träge und stumm ein grauer Kreuzer.

Wurde dann aber das Sonnenlicht röter und röter, die Strahlen schräger und schräger, leuchteten sie karmin- und zinnoberfarben, dann kam Bewegung in diesen grauen Leib -- er verschwand in den sich auf den Indischen Ozean senkenden Schleiern der warmen Tropennacht.

Allabendlich aber erglühten auf den dunklen Bergen lodernde Feuer, allabendlich sah ich lange durch die Nacht dort hinüber.

Eines war dabei, das uns verriet!

Waren es Schwarze -- waren es Inder -- Inder aus dem am Fuße des langen Höhenrückens liegenden Dorfe Kikale, die dort in ihren viereckigen Lehmhütten wohnen und Handel treiben? -- Wir wissen es nicht -- -- haben es nie erfahren! --

Aber nur der Jäger, der hartnäckig und zäh Abend für Abend seinen Hochstand bezieht und scharfen Auges auf die im unsicheren Mondlicht glänzende Lichtung späht, hat Erfolg. Urplötzlich teilen sich die lichten, wallenden Nebelschleier und vor ihm steht wie ein Bild aus Bronze das Ziel seiner Jägersehnsucht -- der König der Tiere. -- --

Nicht wankende, zielbewußte Ausdauer hat ihn diesen Augenblick erleben lassen! -- --

Ein halbes hundertmal wohl versank die Sonne in der weiten Steppe, ein halbes hundertmal tauchte sie strahlend aus dem Ozean -- der Mond nahm zu, der Mond nahm ab -- -- er nahm wieder zu, er nahm nochmals ab -- -- unverdrossen harrten wir unserer Beute!

* * *

Da -- am 6. Februar 1915 -- -- noch kaum erkennbar im frühen Morgenlicht, schiebt sich ein grauer Leib in die Mündung zwischen Simba-Uranga und Saninga. -- Schnell bewegt er sich westwärts, flußauf. Es ist ein kleines Kanonenboot.

Aber schon hat ihn unser Auge erspäht -- die hinter Mangroven versteckte Bootskanone der »Königsberg« und zwei Maschinengewehre eröffnen ihr Feuer -- -- weithin hallend in der tropischen Morgenstille über die spiegelnde, gleitende Wasserfläche.

Wie der Büffel im Blattschuß zeichnet und nach einem kurzen Hacken blitzartig zusammenbricht, so stoppt das feindliche Späherschiff, nachdem es sich kaum verteidigt, dreht scharf nach Steuerbord und läuft in voller Kraft auf den Strand von Simba-Uranga, tief sich in den weißen Küstensand wühlend.

Dann liegt es still! --

Die weiße Flagge geht hoch -- -- das Feuer verstummt. -- --

Der Kapitän und einundzwanzig Mann werden gefangen, zwei Tote begraben -- -- das Kanonenboot, ein gekaperter deutscher und von den Engländern armierter Sambesi-Barrendampfer, der »Adjutant«, wird unsere Beute.

Gleich einer der ersten Schüsse hatte die Rudermaschine beschädigt und so das Stranden verursacht.

Eben so schnell wie die Sonne steigt, strömen die Wasser bei Eintreten der Ebbe dem Meere zu und als der gestrandete Schiffskörper hoch und trocken auf dem Sande liegt, überschüttet ihn der Blockadekreuzer »Hyacinth« mit Feuer, um ihn zu vernichten.

Es gelingt ihm aber nicht, die Entfernung ist zu weit und er wagt sich nicht heran. Als nun die Nacht sich herniedersenkt und die Flut ihren höchsten Stand erreicht hat, schleppen wir unsere Beute ab. --

Wenige Tage vergehen, und ein weiteres Fahrzeug patrouilliert die endlosen Arme des Rufiji auf und ab, die flatternde deutsche Kriegsflagge am Heck, ein 8,8-cm-Geschütz an Bord. -- -- --

Von da ab erlosch das Feuer auf dem Pembaberg!

Am Steppenrand

Langsam schreitet der Wanderer von Norden kommend über die niedrigen Höhenwellen westlich Nyemsati, um das große Akidendorf Kikale zu erreichen, denn der schmale Negerpfad ist schlecht, vielfach gewunden und von den Güssen der Regenzeit ausgewaschen.

Wenn er den kleinen, halbabgeholzten Miombowald an dem sich sanft zur Küste neigenden schrägen Hang hinter sich hat, wo der gewundene Weg sich im hohen Steppengras verliert, bleibt sein Fuß wie angewurzelt stehen: Vor ihm breiten sich die gewaltigen Niederungen des Rufijideltas aus, dessen Umrisse im Süden im wogenden, zitternden Glast der Mittagssonne verschwinden. Rechter Hand, nach Südosten zu, erstrecken sich die blauen Matumbiberge, deren kantige Erhebungen zum Teil in weißgeballten Wolkenhauben stecken.

Zwischen ihnen und dem Delta dehnt sich die weite, gelbbraune Steppe, über die der Blick unbegrenzt nach Westen schweift.

Dort, wo das silberne Band des Rufiji die Grenzen des Mangrovengebiets verläßt, scheint es sich zweimal um sich selbst zu schlingen, bevor es im Steppengras verschwindet, und dort, kurz vor der ersten Windung, liegt seit gestern der graue schlanke Leib der »Königsberg«.

Einen ganzen Monat hindurch Hoch- und Niedrigwasser ausnutzend, ist es ihr gelungen, bis zum Steppenrand vorzudringen und sich dem übermächtigen Feinde zu entziehen.

An Steuerbord liegt eine große mit Holz beladene Dhau, auf der träge Schwarze sitzen, die Mangrovenscheit um Mangrovenscheit an Deck emporreichen.

Die Kohlen sind ausgegangen -- der Kreuzer heizt seine Kessel mit Holz.

So entsteigt denn auch kaum ein leichter Qualm einem der drei Schornsteine, nur ein fast unsichtbares, weißgelbes Wölkchen schwebt ab und zu in den klaren Aether empor. -- Weiß glänzen die Sonnensegel.

Noch einige Fahrzeuge sind neben ihr zu erkennen: Ein kleiner Küstendampfer der Deutsch-Ostafrika-Linie liegt stromaufwärts, ein größeres grüngestrichenes Fahrzeug mit der Kriegsflagge daneben. Es ist der kürzlich von uns zurückeroberte »Adjutant«, der, flink und beweglich, eben von einer Patrouillenfahrt nach den Mündungen zurückgekehrt ist.

Weiter unterhalb, fast am Heck der »Königsberg«, auf der Innenseite der Strombiegung, spiegelt sich in dem ruhigen Wasser ein eigenartiges, wie eine große, flache Zigarrenkiste aussehendes Fahrzeug: es ist der kleine Heckraddampfer »Tomondo«, der in Friedenszeiten den Verkehr mit der Küste und den paar im Innern gelegenen Pflanzungen vermittelte. Von einer schwarzen Schiffsmannschaft bedient, wird er von einem Weißen gesteuert, einem alten, groben, gelben Afrikaner mit abstoßenden Zahnlücken, und steht jetzt im Dienste der »Königsberg«, um Nahrung und Verpflegung herbeizuholen.

Weiter nach Osten, dort, wo die nickenden Palmen von Salale stehen, steigen dunkelbraune Rauchschwaden auf, vermischt mit schwärzlichen Wölkchen; dort ragen zwei Masten, der eine geknickt, der andere schief: es ist die »Somali«, unsere getreue Begleiterin, die sich jetzt für uns dort geopfert hat und im Sterben liegt.

Als Ablenkungsmittel und Zielscheibe für die englischen Kreuzer mußte sie bei Salale vor Anker liegend warten, bis die täglich sich wiederholenden Beschießungen ihr ein langsames, aber sicheres Ende brachten.

Seit Wochen schon brennt sie, sind ihre Bordwände durchglüht, ist ihre Farbe abgeschmolzen.

Treibt man in einem Einbaum, vorsichtig an den Mangroven entlang steuernd, an ihr vorbei, dröhnt ab und zu ein dumpfer Knall, erschallt ein krachendes Poltern. Irgendein Deck, ein Luk, dessen Tragepfeiler abgeschmort oder verbrannt sind, ist eingestürzt. Sie liegt stark auf der Backbordseite, ihre Bordwände leuchten knallrot, ihre Wanten hängen über Bord!

Und wendet der Wanderer auf seinem Hügel kurz vor Kikale den Blick noch weiter nach Osten, nach der breiten, glitzernden Einfahrt südlich der Simba-Uranga-Insel, dann sieht er dort, quer zum Fahrwasser, einen dunklen Strich liegen, der aber so klein und kurz ist wie ein Punkt auf einem Telegraphenstreifen: die von den Engländern versenkte »Newbridge«, deren Bug so unter Land liegt, daß er, von hier aus gesehen, die Mangroven fast zu berühren scheint.

Darüber hinaus, über die wehenden Palmen von Simba-Uranga, Saninga und Kiomboni hinweg schweift das Auge über die weite See und bleibt wiederum an einem grauen, schlanken Körper hängen, ganz ähnlich dem, der dort hinten am Steppenrand liegt -- dem englischen Blockadekreuzer.

Zwei graue Körper, beide sich ähnlich, beide zum selben Zweck gebaut -- aber zwei Todfeinde, von denen jeder nur ein Ziel hat -- -- die Vernichtung des anderen.

Aber jetzt sind sie noch getrennt durch den weiten grünen Teppich der Mangrovenwälder, der vorläufig eine unüberwindliche Schranke bildet.

Wie lange noch?

Ganz dort hinten, am Horizont, nach Südosten zu, auf dem glitzernden Ozean hebt sich der dunklere Strich von Mafia ab, dessen wehende Palmen aus dieser weiten Entfernung wie vom Winde bewegte Haare eines Katzenpelzes aussehen.

Dort sitzt jetzt der Feind. Vor einigen Tagen hat er die Insel besetzt!

Dort, wo die der afrikanischen Küste zu gelegene Tirenebucht sich weitet, hat er seine Kreuzer, seine Geschwader liegen, von dort dröhnt das dumpfe Rollen seiner Schießübungen herüber, mit denen er sich auf den Endkampf, der einmal kommen muß, vorbereitet, von dort steigen seine Flieger auf, die wie große Vögel, weißen Reihern gleich, über die Rufijiwildnis flattern -- äugend und spähend. --

Zitternd, flimmernd liegt der heiße Dunst des Mittags über der weiten Landschaft, einem Bild, das den Ozean, die Steppe, Flüsse, Sümpfe und Gebirge umfaßt, das als winzige Punkte zwei von der sengenden Sonne beschienene Todfeinde zeigt.

Ein helles Klingen geht durch die dampfende, glühende Luft. Millionen von Grillen und Zykaden zirpen, pfeifen und singen. --

Weiter stapft der Wanderer durch den tiefen Sand. -- -- --

* * *

Blauschwarze Nacht liegt über den weiten Mangrovenniederungen und der flachen Steppe -- blauschwarze Nacht über dem dazwischen schimmernden Arm des Rufiji, der schlafenden »Königsberg«.

Schwüle Hitze lastet über dem Deck, noch schwülere in den Kammern.

Der Ventilator drückt gleichmäßig summend und surrend einen starken Luftstrom durch die Moskitonetze auf die nackten, schweißnassen Körper der Schlafenden.

Der Kreuzer, nur Blech, Eisen und Stahl, sammelt unter Tage zwölf Stunden lang die glühende Hitze der strahlenden Sonne, bis seine Decks so brennen, daß es durch Sohlen- und Stiefelleder geht. Nachts strahlt er zwölf Stunden lang diese Glut wieder aus.

Unruhig und stöhnend wälzen sich die Schläfer, ab und zu mit der Hand den rinnenden Schweiß aus der Stirne streichend. --

»Zehn Minuten vor zwölf Uhr!«

Ein Läufer kommt, weckt mich zur Mittelwache. Der Kopf taucht in das lauwarme Wasser und halberfrischt, immer im Strahl des luftdrückenden Ventilators, ist in wenigen Minuten das Ankleiden beendet.

Ich ziehe hohe Moskitostiefel und Lederhandschuhe an, denn wir liegen mitten in einer der übelsten Fiebergegenden Ostafrikas.

Die Schärpe in der Hand trete ich auf das nachtdunkle Deck. Die noch von der Lampe geblendeten Augen sehen erst nichts, nur das eintönige Summen und Surren von Moskitoschwärmen dringt an das Ohr. Knarrend und ächzend stöhnt von unten herauf irgendeine Pumpe.

Allmählich erkenne ich die drei mächtigen Schornsteine, die schwarzen Silhouetten der Masten, die in den glitzernden Sternenhimmel wie zwei dürre Finger ragen.

Das Kreuz des Südens wird gerade von dem vordersten Scheinwerfer verdeckt.

Ich gehe zum Fallreep. Da steht die weiße Gestalt meines Vorgängers. Es glast zwölf Uhr!

»Guten Morgen!«

»Gut geschlafen?«

»Danke -- etwas los?«

»Nichts!«

Wir wechseln die Schärpe. -- »Angenehme Ruhe!«

Ich stehe allein am Fallreep.

Abgelöste Wachen und Posten melden sich -- ein kurzes Getrappel, dann liegt wieder tiefste Stille über den Decks.

Leise murmelt der Rufiji am Fallreep. Er fließt ab -- ist schon sehr stark gefallen. Weiß leuchtend hebt sich dicht neben dem Bug eine helle Sandbank ab.

Nachtschwarz, geisterhaft mit Schatten und Spiegelbild verwoben, säumen die Mangrovenwälder den hier schon ziemlich engen Fluß.

Ich beuge mich über die Reeling und lausche den Stimmen der Wildnis dort drüben.

Ganz vorn, dort wo der Fluß in weißlich silbernen Nebeln zerfließt, dröhnt das Schnauben und Brüllen von Flußpferden, die die sternhelle Nacht benützen, das Wasser zu verlassen, trampelnd und stampfend querfeldein zu ziehen und Nahrung im dichten Schilf zu suchen.

Die Luft erzittert oft von dem gewaltigen Brüllen, das weitaus stärker als die Stimmen aller Tiere, selbst des Löwen, über die schweigende Mangrovenlandschaft hallt.

Prusten, Schnauben und ein Platschen folgt, wie wenn morsche Urwaldriesen zusammenbrechend ins Wasser stürzen.

Angespannt lausche ich dem Treiben der Tiere, die da vorne ihr Wesen treiben. Weit kann es nicht sein, aber ich kann keines sehen. Hier in dieser verlassenen Urwaldabgeschiedenheit, die selten von Europäern betreten wird, freuen sie sich noch vollkommen ungestört ihres Daseins. In vielen anderen afrikanischen Flüssen sind sie schon fast ausgestorben, im Rufiji aber habe ich noch Herden von 50 und mehr Stück aus nächster Nähe gezählt.

Weiß wallen die Nebel dort vorn.

Das Brüllen und Prusten hört plötzlich auf -- anscheinend haben die Tiere den Fluß verlassen.

Ein paar Minuten herrscht tiefste Stille, die nur von den Traumlauten eines schlafenden Regenpfeifers unterbrochen wird. Da jaulen plötzlich dicht an Land zwei Hyänen auf. Eine heller, die andere mit tiefer Stimme. In weitem Bogen umschleichen sie die wenigen hohen Bäume, die dort in schwarzer Gruppe beisammen stehen. Wunderlich klingt ihre heisere Stimme in dem tiefen Schweigen der majestätischen Flußlandschaft.

Fast eine halbe Stunde lang stehe ich lauschend an die Reeling gelehnt. -- Gleichmäßig hallt über Deck der feste Schritt des Bootsmannsmaaten der Wache. Stumpfsinnig und verschlafen steht der »Läufer Deck«, ein junger Bursche aus dem Bayerland, in einer Ecke und träumt, auf einen Lukendeckel gestützt, wohl von seiner fernen Heimat, aus der schon lange keine Nachricht mehr eintrifft.

Langsam gehe ich nach vorn. Hier liegt im schwarzen Schlagschatten der hohen Bordwände eine alte arabische Dhau. Ihr abgebrochener Maststumpf ragt kaum einen halben Meter über Deck. Sie ist voll von rötlichen Mangrovenscheiten, die Stück für Stück durch die faulen Hände dreier verschlafener Schwarzer an Bord wandern und von dort ihren Weg in die Kesselräume nehmen. Unangenehm störend klingt ihr Poltern über Deck.

Auf Bug und Heck der Dhau liegt zu schwarzen Klumpen geballt die Ablösung, meist kräftige, sehnige Neger aus dem Warufijistamm, deren gleichmäßig tiefe Schnarchtöne die Luft durchsägen. Ab und zu schlägt einer mit der flachen Hand auf die Haut. Irgendein Moskito, der die unendliche Langmut, Gleichgültigkeit und Dickfelligkeit des Schwarzen überschätzt und sich allzulange mit rotem Blut vollgesogen hat, muß sein Leben lassen und klebt nun als roter Blutfleck an der Stelle seiner Gier.

Aber keiner der Mohren läßt sich dadurch stören, gleichmäßig schnarchen sie weiter um die Wette mit dem Summen der Moskitoschwärme.

Anders vorn auf der Back! Ich steige die Steuerbordtreppe empor. Mann an Mann liegen dort unsere Leute halb nackt an Deck, mit offenen Augen mich anstarrend. Sie können nicht schlafen! Unter Deck ist die Hitze zu groß, hängen sie doch dort, einer dicht am andern, in ihren Hängematten. So gehen sie eben nach oben, um dort die Kühle der Nachtluft zu atmen, wohl wissend, daß der Schlaf sie fliehen wird -- denn überall singen Moskitos!

Unwillkürlich knöpfe ich meine Lederhandschuhe fester zu und qualme stärker aus der Pfeife. Von allen Seiten ertönt Stöhnen, Murmeln, halblautes Fluchen, das Klatschen von Händen auf nackten Fleischteilen.

Dort richtet sich einer wütend halb auf, hier stampft einer mit den Beinen, wälzt sich an Deck.

Wie viele von ihnen werden morgen wieder ins Lazarett wandern, -- vom Fieber geschüttelt?

Fast zwei Drittel von allen liegen schon dort! --

Ich steige auf die Brücke, da erscheint über der dunklen Mangrovenwand die halbe Sichel des Mondes, alles in bleiches Licht tauchend.

Die weißen wallenden Nebelstreifen werden noch weißer, das helle Band des Stromes wird zu flüssigem Silber.

Die Hyänen dort drüben verstummen. Dafür hebt weiter vorn das Fauchen, Schnauben und Dröhnen der Flußpferde wieder an.

Schweigend liegt im hellen Mondlicht unter mir das Schiff. Hierher, bis auf die hochgelegene Brücke herauf, dringt kein Stöhnen, kein Schnarchen, kein halblautes Wort.

Nur die Schritte des wachhabenden Bootsmannsmaaten und das Schluchzen der Pumpen.

Wie drei schwarze Riesen ragen die mächtigen Schornsteine, an ihrer Backbordseite grell vom Mond beschienen.

Reeling, Geschütze, Aufbauten gleichen in der gespenstischen Beleuchtung unwesentlichen kleinen Spielzeugen.

Weit schweift der Blick von hier über die im silbernen Licht liegende Mangrovenwildnis, die sich unendlich nach Osten und Norden ausdehnt. Im Westen verschwindet die weite, breite Steppe. --

Riesengroß in ihrer Einsamkeit lastet die Urwaldabgeschiedenheit! --

Und mitten darin, wie ein Fremdkörper in den Eingeweiden eines Menschen, dieses komplizierte Erzeugnis ausgeklügelter Technik, diese Sammlung von Maschinen und Maschinchen, bevölkert von einer zusammengedrängten Masse von Menschen -- ein moderner Kreuzer! Er paßt nicht hierher in diese Jahrtausende alte Wildnis, deren geheimnisvolles Leben ihn umspielt.

Ob sich sein Schicksal hier erfüllt, er in dieser Einöde zugrunde gehen wird, mit allem was auf ihm lebt?

Dann wird man nach Jahrzehnten, wenn der Fluß in seinem ewigen Auf und Nieder diesen Arm versandet hat, wenn der Wind die Samen der Mangroven darüber hingestreut und die Zeit sie zu Bäumen hat anwachsen lassen, aus dem grünen Dickicht der verästelten Mangroven wirres, zerschossenes Eisenzeug, geknickte Masten, zerfetztes Blech hervorragen sehen.

Braune, zähe Stämme mit Luftwurzeln werden aus verrosteten Luken wachsen, in den verschlickten Kammern, Heiz- und Maschinenräumen werden zwischen vom Wasser zerfressenen Kolben und Pleuelstangen gelbgraue und schmutziggrüne Krokodile hausen. -- -- --

Die Schritte des Wachhabenden sind verklungen. -- Ich sehe im hellen Mondschein, wie ein Geschütz gerichtet wird.

Da steige ich an Deck nieder.

Die Mündung zeigt auf die helle Sandbank. Bootsmannsmaat der Wache und Läufer Deck sehen abwechselnd angestrengt durch das Zielfernrohr.

»Was ist da zu sehen?«

»Auf der Sandbank sind zwei Flußpferde, ein großes und ein kleines! Da -- jetzt tanzen sie im Kreise!«

Mit dem Nachtglase erkenne ich ein mächtiges, altes Tier -- keine vierhundert Meter vor dem Bug des Kreuzers hopst es auf dem weißen Sande auf und ab, dazwischen macht ein kleines, halb ausgewachsenes, seine Sprünge. Sie jagen im Kreise mit einer bei ihrem riesenhaft plumpen Körperbau in Erstaunen setzenden Gewandtheit und Schnelligkeit.

Mit einem Satz wirft sich das große Tier hin -- das kleine kann seinen hopsenden Galopp nicht stoppen und purzelt darüber hinweg.

Dann beschnuppern sie sich, traben noch einmal herum und springen prustend, spritzend und schnaubend ins Wasser.

Eine Minute lang sieht man nur die Kreise auf der hellen Fläche, da wird im glitzernden Mondlicht erst ein kleiner schwarzer, dann ein dicker plumper Kopf sichtbar. Sie rudern beide flußauf, ab und zu gurgelnd und fauchend.

Das kleine steuert jetzt mehr nach dem Ufer zu und verschwindet im dunkeln Spiegelbild der Mangroven.

Schnaubend dreht sich das alte im Kreise und taucht unter. -- --

An der Reeling haben sich mehrere Gestalten angesammelt, die nicht schlafen können, und betrachten voll Staunen dieses von Bord eines modernen Kreuzers sicher noch nie gesehene Schauspiel.

Über den Mond zieht eine lange Wolkenfahne, ihn fast ganz verhüllend. Ihr dunkler Schatten taucht Sandbank und Fluß in lastende Finsternis.

Da oben muß eine starke Brise wehen, denn mit großer Schnelligkeit segelt die Wolke weiter! Sie wird lichter und lichter, schon kann man das helle Gesicht des Mondes wie durch einen Schleier wieder erkennen. Die letzten Fetzen ziehen vorbei. -- -- -- Das bleiche Licht fällt wieder auf die Landschaft.

Ein allgemeiner Ruf des Staunens! -- Keine zehn Meter vom Fallreep erscheint eine mächtige, breite, wassersprudelnde Schnauze -- -- gleich folgt der riesige schwarzbraune, pferdekopfähnliche Schädel mit den wackelnden Öhrchen. Ein verwundertes Glotzen der kleinen Äuglein -- ein Schnauben -- -- -- weg ist er. --

Es ist jetzt Niedrigwasser. Spiegelnd liegt die Fläche -- bewegungslos.

Lange Zeit sehen wir nichts. Plötzlich teilt sich am Rande der Sandbank das Wasser -- schwarz und plump schiebt sich langsam der wuchtige Flußpferdkörper empor, dann mit einem Satz, sich schüttelnd, steht er auf den kurzen, dicken Stummelbeinchen.

Den klotzigen Kopf am Boden, trabt er im Kreise über den weißen Sand, wirft sich mit einem Schwung auf den Boden, wälzt sich einige Male und bleibt dann mit einem tiefen, behaglichen Grunzen auf der Seite liegen. --

»Ein riesiger Bulle!« -- sagt hinter mir jemand.

Mein Vorgänger, der ebenfalls nicht schlafen konnte, ist in weißer Hose und Hemd an Deck getreten und sieht durch sein vorzügliches Nachtglas auf die Sandbank hinüber.

»Ob ich ihn schieße?« meint er.

»Das Licht ist sehr unsicher -- auf jeden Fall müssen Sie auf die Bank hinüber fahren!«

»Läufer, Dingi klar!«

Das kleine Boot setzt ab und steuert schräg auf das Ufer, um sich im Schatten der Mangroven an die Sandbank heranzupirschen.

Für ein paar Minuten verschwindet es im Dunkel, dann sieht man es sich aus den Bäumen herausschieben, die kurze glitzernde Wasserfläche durchmessen, am Rande der Sandbank anlegen. --

Das Flußpferd liegt noch ruhig auf der Seite, ab und zu stampft es mit einem Hinterfuß kurz in die Luft.

Eine weiße Gestalt verläßt das Boot und schreitet gebückt über die helle Fläche.

Sie kniet nieder -- keine fünfzig Meter entfernt -- legt an.

Ein Wolkenschleier segelt über den Mond, lange Schatten fliegen über den Fluß.

Ein Blitz -- -- -- ein Krach!

Deutlich hört man den Aufschlag in dem massigen Körper.

Mit einem Satz fährt das Flußpferd in die Höhe, hopst einmal auf und nieder und galoppiert dann in langen Sprüngen rund um die Sandbank.

Die Wolken sind vorüber, es wird wieder hell, lange Schlagschatten werfen Schornsteine und Masten auf das Wasser.

An allen Zielfernrohren der Geschütze stehen erwachte Schläfer und sehen zu.