Part 4
Die Sonne hat sich weiter nach Westen geneigt. Das unangenehme Summen der Moskiten verstärkt sich; blutgierig in leisem metallischen Singen umkreisen sie unsere nackten Arme, um die Gelegenheit zum Stich zu erspähen.
Hier, rechter Hand, steht eine schlanke dünne Mangrove, deren Stamm, Äste und Blätter, wie mit braunem Rost überzogen scheinen; tausende von Moskiten hängen an ihm, schlafen, die Zeit des Sonnenuntergangs erwartend. --
Noch immer dröhnen in gleichen Zwischenräumen von See her dumpf die Schläge der Breitseiten, das Heulen in der Luft, das ferne Krachen der Aufschläge.
Da kommt allmählich Bewegung in die Wasser, langsam, ganz langsam beginnen sie zurückzufließen -- nach See zu.
Wir geben die Hoffnung auf, heute noch den grauen Bug um die Ecke biegen zu sehen. Der Torpedokopf wird wieder gesichert, die Pinasse kommt aus ihrem grünen Versteck hervor, nimmt das Doppeltumbi im Schlepp, und langsam dampfen wir gegen den nun immer schneller abfließenden Strom zurück.
Der Kanonendonner hat aufgehört. Die Ruhe der verlassenen Urwaldwildnis liegt auf der weiten Mangrovenlandschaft.
Die Abendsonne wirft schräge Schatten auf das Grün, gibt ihm allmählich eine hellgelbe Färbung und weckt den Tippu-tipp, Afrikas Kuckuck, der mit seinen eine ganze Oktave durchflötenden Tönen über die leise glucksenden und rauschenden Wasser hinklagt. Er kann kaum fliegen -- ab und zu sieht man den braunen, plumpen Vogelkörper wie ein Huhn von Ast zu Ast flattern.
Man kann es nicht fassen, daß diese heilige Urwaldstille eben noch von dem Dröhnen der raffinierten Vernichtungsmittel des höchstentwickelten Wesens in dieser Welt, des Menschen, erfüllt worden ist.
Wie oft habe ich da draußen empfunden, wie lächerlich winzig und bedeutungslos das Kampfgetümmel menschlicher Zwergwesen und ihrer kleinlichen Leidenschaften ist neben der ruhigen Größe dieser mächtigen Natur -- ja ein Gefühl der Beschämung wollte mich übermannen, wenn ich bedachte, daß ich eben noch mit allen Fasern, mit allen Kräften des Denkens am Kampfe teilgenommen hatte. -- --
Was sind um irgend welche Vorteile, und sei es selbst um die Existenz kämpfende Atome gegen diese schweigende, ursprüngliche Unendlichkeit? --
* * *
Die Palmen von Salale tauchen auf, die bereits nur mehr als dunkle, verästelte Silhouetten sich gegen den rasch verblassenden Himmel abheben.
Wir legen an, um den Beobachtungsposten mitzunehmen. Vor uns liegen die dunklen Umrisse einer alten, einst seebefahrenen Dhau, rechts davon eine halbverfallene Grashütte.
Die Leute steigen an Bord. Aufgeregt erzählen sie, daß tatsächlich die »Königsberg« beschossen und schwer beschädigt worden sein müsse, da alle Granaten unmittelbar bei dem Schiff eingeschlagen seien. Kreuzer anderer Art, als die bisher gemeldeten, hätten sie nicht gesehen.
Also ist das Wie dieser Beschießung noch immer ein ungelöstes Rätsel. --
Es ist mittlerweile fast vollkommen Nacht geworden. Wir folgen dem breiten, hellen Rand des Saningaarmes, dessen Ufer man nicht mehr erkennen kann, da die tiefdunklen Schatten der Mangroven sich mit ihrem tintenschwarzen Spiegelbilde im Wasser zu einem unsicheren, breiten, dunklen Streifen vereinigen. --
Der sehnige, achtern stehende Bootssteurer, dessen Mützenbänder im Winde flattern, legt langsam die Ruderpinne, wir drehen nach Steuerbord, passieren die Biegung, und vor uns liegt der dunkle, in der Finsternis riesenhaft erscheinende Rumpf der »Königsberg«. Fast keine Lichter sind zu sehen -- man könnte glauben, sie wäre vollkommen verlassen, wenn nicht dumpfes Stimmengewirr, Hämmern und Klopfen herübertönte.
Wir legen am Fallreep an.
Schnell sind unsere Fragen beantwortet. Die »Königsberg« hat tatsächlich heute nachmittag lange im schweren englischen Feuer gelegen, ist aber wie durch ein Wunder nicht ein einziges Mal getroffen worden, hat nicht einen Mann verloren.
Wie wir später erfahren haben, sind die Palmenbüsche auf den Toppen der Masten uns zum Verhängnis geworden. Sie wurden, an Höhe weit den Palmenwald von Salale überragend, von See aus gesehen und von den Engländern sofort als Masten der »Königsberg« angesprochen.
Da die feindlichen Kommandanten nicht so weit schießen konnten, drängten sie durch Fluten der Seitenräume ihre Schiffe so weit nach der entgegengesetzten Seite, daß den Geschützen die für die weite Entfernung nötige Erhöhung gegeben werden konnte. --
* * *
Da wir für den nächsten Tag bestimmt mit einer Wiederholung rechnen konnten, die uns unbedingt verhängnisvoll werden mußte, hatte sich unser Kommandant entschlossen, nachts beim höchstem Hochwasser zu versuchen, über die uns den Weg nach hinten sperrenden Barren zu fahren, um im Innern des Deltas einen vorläufig für die Engländer nicht erreichbaren Platz aufzusuchen.
Das Fahrwasser hatten wir zu diesem Zweck früher schon genau ausgelotet. Der Tidenhub, der Unterschied zwischen Hoch- und Niedrigwasser, beträgt dort fast fünf Meter; wir hatten rund 4,8 Meter Tiefgang, es mußte uns also möglich sein, bei höchstem Wasserstand über die bei Ebbe fast trocken liegenden Sandbänke zu fahren.
Ein großes Wagnis allerdings blieb es trotzdem, denn bei Nacht im unsicheren Sternenglanz verschieben sich Konturen und Entfernungen, und es ist nicht leicht, den langen Körper eines Kreuzers in einer schmalen Rinne durch die nächtliche Mangrovenwirrnis zu führen. -- --
An den Masten wird gehämmert und geklopft. Der erste Offizier will sie verkürzen, damit sie nicht wieder zum Verräter werden.
Erst gegen Mitternacht tritt Ruhe ein, der Arbeitslärm verklingt, die schweigende Tropennacht tritt in ihre Rechte.
Grünlich leuchtende Scharen von Glühwürmchen gaukeln durch die Mangroven, in der Luft singt und surrt das tausendfältige Schwirren der erwachten Moskiten, die hier im Rufijigebiet besonders berüchtigt sind, als Träger der Malaria.
Nicht grundlos flattert ab und zu aus dem Vorschiff ein Stöhnen auf, oder wirre Worte klingen durch die Nacht. Fieberkranke liegen dort im Mannschaftslazarett.
Klar und glänzend steht der Orion, das schönste Sternbild der nördlichen wie der südlichen Halbkugel am Himmel und zieht langsam, langsam seinen Weg nach Westen. -- --
Die Wasser sind rauschend abgeflossen, glucksend zum Stillstand gekommen -- der Strom kenterte -- erst langsam, dann brausend strömten sie wieder zurück -- jetzt verlangsamen sie ihren Lauf -- bald müssen sie ihre höchste Höhe haben.
Alles ist klar zum Manöver! --
Es ist lauter geworden im Walde! Mancher Reiher mußte infolge des starken Stromes seinen niedrigen Schlafplatz verlassen und flattert nun unruhig hin und her. Affen, denen es ebenso ergangen, kreischen, schimpfen und springen knackend durch die Wipfel.
Die Nachtfrösche lärmen -- auch sie sind wach geworden und müssen schwimmen. -- --
»Beide Maschinen kleine Fahrt voraus!«
Langsam setzt sich der dunkle Koloß in Bewegung und steuert in das im Sternenlicht unsicher glänzende dunkle Gewässer.
Die Rufe der Lotsgäste, die abwechselnd die Tiefe aussingen, hallen eintönig durch die Nacht. Schemenhaft schweben dicht an den Bordwänden die gespenstischen Schatten der Mangroven zum Greifen nahe vorbei.
»5 Meter 20!« singen die Lotsgäste.
»5 Meter 10!«
»5 Meter!«
4 Meter 80 tief gehen wir! -- aber wir müssen hinüber -- entweder -- oder!
»4 Meter 80!«
Ein leises Knirschen -- ein rauhes Scharren auf dem Grund.
»5 Meter!«
Wir sind hinüber!
Tieferes Wasser kommt wieder. Da vorn sieht es aus, als ob der Arm zu Ende wäre, durch tiefe Schatten ist der Wasserspiegel abgeschlossen.
Es geht nach rechts in einen Seitenarm. Langsam, langsam dreht der Riese in eine schmale Wasserstraße.
Wieder huschen dunkle, nicht erkennbare Bäume vorüber, deren Äste manchmal raschelnd und knarrend an den Bordwänden längsfahren.
Kein Wort wird gesprochen, nur ab und zu ein ruhiger, mit halblauter Stimme gesprochener Befehl des Kommandanten oder des Navigationsoffiziers -- die ruhige, eintönige Wiederholung des Rudergängers oder ein Rasseln der Maschinentelegraphen.
Dumpf tönt das Mahlen der Schrauben, das im Schiffskörper wie auf einem Resonanzboden wiederhallt.
8 Meter, 10 Meter werden ausgerufen.
Dieser kleine Seitenarm, durch den wir vom Saninga- in den Simba-Uranga-Arm wollen, hat mehr Wasser, als man vermutet hatte.
Mit erstaunlicher Gewandtheit folgt der mächtige dunkle Koloß den vielen Windungen und Biegungen des schmalen Kreeks.
Im Osten erscheint ein heller Schimmer, der sich schnell über das ganze Himmelsgewölbe ausbreitet und dann von starken, grelleren Farben abgelöst wird, bis die Spitzen der Mangroven von der aufsteigenden Sonne in blitzendes Licht getaucht werden.
Eigenartig ist das Bild, das sich jetzt uns bietet.
Von der Kommandobrücke aus übersieht man weit die tieferliegenden endlosen, niederen Mangrovenwälder, die auf beiden Seiten bis fast an die Bordwände heranreichen und langsam vorübergleiten. Man hat den Eindruck, als führe man mit dem Kreuzer, dessen Dimensionen und Größe durch die Kleinheit der Bäume ins Übergewaltige gesteigert wird, über Land durch einen Wald.
Ich muß an ein Bild denken, das ich im letzten Jahre oft in Deutschland gesehen habe: Der Dampfer »Imperator« in die Straßen einer Stadt hineingestellt, um seine gewaltigen Abmessungen dem Beschauer verständlich zu machen, ihm Vergleichsmöglichkeiten zu geben.
Ähnlich, wie das Deck dieses Kolosses über die Dächer der winzig scheinenden Häuser, ragt die »Königsberg« über die grüngelbe, jetzt voll im grellen Sonnenlicht daliegende Waldwildnis. --
An den braunen Stämmen der Mangroven kann man bereits erkennen, daß das Wasser schon wieder im Fallen ist, denn scharf ist ein fast handbreiter, nasser Streifen zu erkennen und wenn man genau hinsieht, kann man auch eine Rückwärtsbewegung von Schaumblasen und von schwimmenden Blättern feststellen.
Wir müssen uns beeilen, bevor das Wasser weiter fällt, über die letzte und Hauptbarre zu kommen. Erst dahinter finden wir die längere, freie Fahrtrinne und können uns der Reichweite der feindlichen Geschütze entziehen, die uns sicher am Nachmittag bei günstigem Wasserstand unter vernichtendes Feuer nehmen werden.
»8 Meter!«
»8 Meter« -- rufen noch immer die Lotsgäste aus, da öffnet sich vor uns die enge Wasserstraße und wir biegen in den Simba-Uranga-Arm ein.
Breit dehnt sich vor uns der Fluß aus -- wir drehen nach Backbord und steuern ein.
»Beide Maschinen stopp!«
Wir vermindern die Fahrt, denn die Barre kommt näher.
»6 Meter!«
»5 Meter 40« -- Die Lotsgäste!
»Kleine Fahrt voraus!«
Mahlend setzen sich die Schrauben in Bewegung -- jetzt gilt es -- wir müssen hinüber! -- Gelingt es nicht, bieten wir dem Engländer ein noch viel besseres Ziel als gestern; der Simba-Uranga-Arm ist an dieser Stelle bedeutend breiter und die Entfernung von der Küste hat sich nicht vergrößert, weil wir bis jetzt parallel zu ihr gefahren sind.
Unser Schicksal würde dann kaum mehr zweifelhaft sein! --
Langsam schieben wir uns jetzt weiter, das Wasser fließt bereits bedeutend schneller ab als vorher. --
»5 Meter!«
Da -- ein Ruck -- wir sitzen!
»4 Meter 60!«
»Beide Maschinen große Fahrt zurück!«
Die Maschinen rattern, dröhnen, mahlen.
Das Schiff rührt sich nicht! --
Immer schneller fließen die Wasser ab.
»Beide Maschinen äußerste Kraft zurück!«
Der Schiffskörper ächzt, zittert, tosend umschäumt jetzt der hüpfende Gischt die wirbelnden Schrauben.
Nichts -- wir sitzen fest!
Die Mannschaft läuft vom Backbord nach Steuerbord, um das Schiff etwas ins Schlingern zu bringen und vom Sand zu lösen -- die Maschinen tosen, mit dreimal äußerster Kraft zurück, Pinasse und Kutter haben Stahltrossen und Anker ausgefahren, knirschend und ächzend hieven die Spills.
Nichts -- schneller und schneller fließen die Wasser ab!
Schon erscheint ein fingerbreiter Streifen des grün bewachsenen Schiffbodens.
Da geben wir es auf.
Schweigend verläßt alles die Manöverstationen. Was in Menschenkräften liegt, ist getan worden.
Was werden soll? -- Der Nachmittag wird es zeigen! -- -- --
Rauschend und brausend strömt der Fluß jetzt vorbei -- der See zu. Gegen 8 Uhr erscheinen bereits die oberen Enden der Schraubenflügel über dem Wasser.
Da neigt sich langsam die »Königsberg« nach Steuerbord -- senkt sich und senkt sich mehr und mehr. Schräg stehen Masten und Decks, die Gefahr des Kenterns droht. Ohnmächtig muß man zusehen! Alle Versuche, das Schiff abzustützen, sind vergeblich.
Fast zwei Meter des mit Muscheln, Algen und Schlamm dichtbewachsenen Schiffbodens sind jetzt frei. Wir machen aus der Not eine Tugend: Boote werden heruntergelassen, um ihn abzuschaben, zu reinigen.
Eine mächtige Sandbank taucht vor dem Bug aus dem abfließenden Strom, weiter und weiter senkt sich das Wasser.
Die Schraubenflügel werden frei, gegen zehn Uhr ist sogar die Schraubenwelle sichtbar!
Der tiefste Wasserstand ist eingetreten. -- Beim Hochwasser des Nachmittags werden die Engländer ihre Beschießung wiederholen.
Das Nachmittagshochwasser ist aber nie so hoch wie das des Morgens. Eisern festgenagelt werden wir auf dem Grund sitzen, werden wehrlos, auf dem Präsentierteller liegen und ihren Granaten preisgegeben sein. --
Gegen Mittag fahren wir mit den Torpedoeinbäumen wieder nach der Mündung, legen uns in den Kreek von gestern.
Um vier Uhr haben wir Hochwasser, um vier Uhr muß es sich entscheiden.
Entweder erscheint der graue Bug eines Kreuzers dort an der Ecke bei den überhängenden Mangrovenbüschen, oder schwere Schläge dröhnen von See herauf, von dumpfem Krachen weit im Innern des Deltas gefolgt, wo unser wehrloses Schiff auf der Sandbank sitzt, wo unsere Kameraden ergeben ihr Schicksal erwarten. --
Wieder steigen die Wasser, wieder flattern die Reiher und flöten die Regenpfeifer.
Wieder tritt die lautlose Stille des höchsten, des Stauwassers, ein.
Wieder warten wir atemlos, Seh- und Gehörnerven aufs äußerste angespannt.
Wieder summen die Moskitos, flüchten die langbeinigen Wasserspinnen. -- -- --
Aber nichts unterbricht die Stille, kein Bug erscheint, keine Breitseite erdröhnt! -- --
Mit der Pinasse fahren wir vor bis zur Mündung -- da liegen die drei großen englischen Kreuzer -- einer hinter dem andern -- weit ab -- keiner rührt sich.
Die Wasser setzen sich allmählich in Bewegung, strömen ab -- die Sonne senkt sich.
Bewegunsgslos liegen noch immer die drei mächtigen Engländer, jeder allein zwei Schiffen wie die »Königsberg« gewachsen -- bewegungslos -- schweigend. Wie ausgeschnitten heben sich ihre langgestreckten dunklen Umrisse vom hellen Himmel ab. --
Warum sind sie heute nicht gekommen, heute, wo wir gebunden und geknebelt auf dem Sandhaufen stehen, das Unvermeidliche erwartend, heute, wo sie mit uns leichteres Spiel gehabt hätten, als der Henker mit seinem gefesselten Opfer?
Wunderlich spinnt das Schicksal oft seine Fäden.
Die Nacht sinkt hernieder. Um Mitternacht setzt die Flutwelle ein, im Morgengrauen arbeiten Maschinen und Spills, die Mannschaft legt sich in die Trossen, das Schiff löst sich langsam vom Grunde, richtet sich mit pendelnden Bewegungen auf -- -- die aufgehende Sonne sieht uns weit hinter der Barre im tiefen Wasser des Rufiji nach Westen ins Innere dampfen.
Simba-Uranga
Alle Seekarten vom Rufijidelta, sowohl die englischen wie die von den Engländern übernommenen deutschen zeigen nur in _einem_ Arm solche Wassertiefen, daß bei Hochwasser auch größere Schiffe einlaufen können. Dieser Arm ist der vorher erwähnte Saningaarm, der zwischen der Simba-Uranga- und Saninga-Insel in die See mündet.
Alle südlichen Rufijimündungen, wie die Kiomboni-, Msalla-, Ndahi- oder Kiassimündung, sind bei einer Breite von fast einem Kilometer so versandet, daß kaum eine flachgehende Dhau bei Niedrigwasser eine schmale Einfahrtsrinne finden kann.
Auch in dem nördlich der Simba-Uranga-Insel mündenden mächtigen Kikunjaarm finden wir selbst in den neuesten Seekarten an der Mündung Wassertiefen von nur zwei bis drei Metern, daher kann auch dieser Zweig des Rufiji zu Schiffahrtszwecken nicht benutzt werden, obwohl er an sich sehr günstig gelegen ist, weil er sich nahe der Straße Daressalam-Kilwa-Lindi hinzieht.
Das deutsche Vermessungsschiff »Möve« aber hat nur wenige Wochen vor Kriegsbeginn festgestellt, daß alle diese Tiefenangaben der Karten in Wirklichkeit nicht mehr zutreffen, da durch das starke An- und Abschwellen aller afrikanischen Flüsse zur Regen- und Trockenzeit auch eine andauernde Verschiebung der Flußbettverhältnisse bedingt ist, die eigentlich eine alljährliche genaue Vermessung verlangte.
Und so finden wir denn im Kikunjaarm Tiefen von zehn bis vierzehn Metern, genügend, bei Hochwasser jedem Ozeanriesen Einlaß zu gewähren.
Den Engländern ist dies aber zum Glück unbekannt, und so richten sie lediglich ihr Augenmerk und ihre Wachsamkeit auf die Simba-Uranga- oder Saninga-Mündung. Sie sind jetzt vollkommen beruhigt, da sie glauben, diesen Arm durch die Versenkung der »Newbridge«, die mit anerkennenswertem Mut und seemännischem Geschick unter dem Feuer unserer Maschinengewehre und kleinen Geschütze in den Saningaarm gesteuert, quer zum Fahrwasser gelegt und gesprengt wurde, vollkommen gesperrt und unpassierbar gemacht zu haben.
Aber die ganze »Newbridge« ist nicht den dritten Teil so lang, wie der Saningaarm an der Stelle breit ist. Ruhig und sicher können ganze Geschwader noch an ihr vorbeifahren und uns bleibt immer noch, sollten wir die Absicht haben, auszulaufen, der große tiefe Kikunjaarm übrig, den sie gänzlich unberücksichtigt ließen.
Der Ausdruck »bottled up«, mit dem der englische Vizeadmiral King Hall unsere Einschließung dem War office in London gemeldet hatte, dürfte also keineswegs der Wahrheit entsprechen.
Die Blockadekreuzer, die uns nun sicher in der geschlossenen Mausefalle glauben, machen denn auch aus ihrer Nichtachtung der Situation gar keinen Hehl und legen sich mitunter so nahe dem Strand verankert, daß man mit einem guten Glase in der erleuchteten Offiziersmesse weiße Gestalten in Dinnerjacketts beim Abendbrot sitzen sehen kann.
Diese Harmlosigkeit muß unbedingt unsererseits ausgenutzt werden. Deshalb warten wir mit unseren beiden Torpedoeinbäumen -- Abend für Abend -- auf eine günstige Gelegenheit hinauszupaddeln, um nächtlicherweile an einen der schlafenden Kreuzer heranzuschleichen und ihm ein Torpedo in den Leib zu jagen. --
Aber jeder Versuch scheitert zu unserer Verwunderung ausnahmslos daran, daß ausgerechnet in dem Augenblick, wo wir bei Simba-Uranga die Vorbereitungen zum Auslaufen treffen, er jedesmal seinen Anker einhievt und in langsamer Fahrt ostwärts, in der Richtung auf die Insel Mafia zu, in der hereinbrechenden Dunkelheit verschwindet.
Ein Hinauswagen in die offene See mit unseren kleinen Fahrzeugen, die kaum handbreit über das Wasser ragen, ist aber ausgeschlossen, da uns die Dünung sofort zu fassen bekommt und die Einbäume, wie schon in mehreren Fällen, zum Volllaufen und Kentern bringt.
Allmählich wird uns klar, daß hier nur Verrat im Spiel sein kann.
Jeden Abend gehe ich voll Erwartung quer über die Simba-Urangainsel nach dem Strand zu, um bei der untergehenden Sonne Ausschau zu halten. Hoch oben auf einer schlanken Kasuarine, deren schwarze, tannenartige Gestalt sich düster von den rauschenden, raschelnden Palmen und Mangobäumen abhebt, haben wir einen Ausguck gebaut und in diesem genieße ich Abend für Abend dasselbe Schauspiel: Ruhig auf dem blauen, bewegten Ozean liegt der graue Rumpf des Engländers -- bewegungslos, plump und massig. Dahinter, fast am Horizont, dehnt sich ein heller Streifen von Norden nach Süden: der gelbe Strand von Mafia, eingesäumt vom weißen Gischt der anrollenden Brandung.
Rings um meinen luftigen Standort wogt ein Meer von nickenden, wiegenden Kasuarinen und Palmen, zwischen deren riesigen gestreiften Blättern klobige, grünbraune Kokosnüsse hervorlugen -- unterbrochen von den fast kugelrunden Laubmassen der Mangobäume. Die sind jetzt, zur Zeit der Reife, über und über mit hellgelben und hellgrünen, saftigen Früchten bedeckt, die sich seinerzeit die weltbeherrschende Queen von England vergebens auf ihren Tisch gewünscht hat, da es nicht möglich war, sie im frischen Zustand von Indien nach England zu bringen.
Allmählich senkt sich die Sonne, hüllt Mafia, den grauen Engländer, die Palmenwälder, hinter denen sich die Mangrovenwildnis ausdehnt, in glühende Purpurschleier. -- --
Da steigt Rauch aus einem der Schornsteine des Kreuzers. Wutentbrannt muß ich zusehen, wie sein langer Leib sich dreht, langsam nach Osten steuert und kleiner und kleiner wird.
Tiefe Schatten senken sich dann über die weiten Niederungen, über die dunkelnde See und verschlingen ihn ganz.
Enttäuscht verläßt man den Beobachtungsposten -- argwöhnisch sieht man auf die leuchtenden Feuer, die dort auf den Höhen des Pembaberges aufglimmen, bald hellglühend erstrahlen, bald zu verlöschen scheinen.
Kann nicht eines von ihnen der Verräter sein?
Und sicher ist es eines gewesen. -- Zu viel der Anzeichen haben später dafür gesprochen! --
Vergeblich warteten wir Tag um Tag. -- --
Eines Nachmittags springe ich wieder aus dem Boot, um durch den Sand stapfend nach der Ostseite der Insel auf meinen Beobachtungsposten zu gehen, als mir ein biederer Landsturmmann entgegen kommt:
»Haben Sie gestern einen Torpedo verloren?« fragt er mich.
Ich lache -- komische Frage!
»Aber da hinten, ganz hoch in den Mangroven, hängt einer!«
Ich kann mir mit dem besten Willen nicht erklären, woher hier mitten im Rufijidelta ein Torpedo herkommen soll, steige in mein Boot und lasse mir die Stelle beschreiben.
Wir setzen über den Saningaarm und erreichen das gegenüberliegende Dickicht, steuern dann das gewundene sumpfige Ufer entlang.
Es ist jetzt fast Niedrigwasser. Von den frei in die Luft ragenden, geschwungenen Wurzeln der Mangroven bis zum langsam abfließenden Wasser liegt ein breiter, braungelber Muttstreifen. --
Die Stelle ist erreicht.
Ein kleines Gerinnsel plätschert aus den Büschen heraus, langsam stoßen wir den Einbaum hinein und schieben uns unter die Zweige.
»Huko -- dort« meint mein schwarzer Steuerer.
Und wirklich! -- -- -- Kaum kann ich meinen Augen trauen -- hoch zwischen den Ästen einer starken Mangrove hängt ein mächtiger, silberglänzender Torpedo mit stark kegelförmigem Kopf schräg nach unten.
Auf den ersten Blick sehe ich, daß es kein deutscher sein kann, er ist silberbronziert, kürzer und schlanker als unser Schiffstorpedo. --
Mit seinem Schwanzruder und den Schrauben liegt er auf einem dicken Ast auf, während seine Nase, die in zwei propellerförmige Zacken ausläuft, sich in einen Stamm eingeklemmt hat.
Ich kann nicht erkennen, ob er scharf oder nicht scharf ist, oder ob er abgeschossen wurde.
Vorsichtig untersuche ich ihn -- das System ist mir unbekannt, ein Fehlgriff kann ihn zur Explosion bringen.
Ich nehme an, daß er von den Engländern irgendwann gegen ein mir allerdings nicht erklärliches Ziel geschossen worden ist, vorbeiging und dann bei Hochwasser in die Mangroven trieb, wo er sich festhakte, um jetzt bei Niedrigwasser wie ein großer Vogel in den Ästen zu sitzen.
Also müßte er noch scharf sein, ein Druck oder Schlag auf seine Greifnasen genügen, ihn zur Explosion zu bringen, was gleichbedeutend wäre mit einer Kraftentwicklung von etwa zwanzigtausend Sekundenmetertons oder einer Kraft, die das größte Linienschiff in der Sekunde einen Meter hoch schleudern würde. Darum Vorsicht!
Wir fahren wieder ab -- ich melde telephonisch nach der »Königsberg«, und wir bekommen den Befehl, den Torpedo zu bergen und an Bord zu bringen. -- --