Im Sattel durch Zentralasien: 6000 Kilometer in 176 Tagen

Part 9

Chapter 93,563 wordsPublic domain

In Tsing-hsing ließ ich mir vom Yamenbeamten ein Maultier zum Gepäckschleppen besorgen. Der Weitermarsch war äußerst anstrengend, und als wir am Abend in Ho-tau-yüen, einem kleinen Gebirgsnest, anlangten, waren die Tiere derartig müde, daß sie sich sofort hinlegten und zuerst nicht fressen wollten. Nach dem üblichen Zank mit dem Wirt, der anfangs Silber nicht wechseln wollte und mich dann beim Wechseln zu betrügen versuchte, ging es am 14. Januar bei eisigem Winde weiter; Soldaten, Yamenbeamter, alles zog weiter mit. Die Kavalleristen wechselten mehrfach. Mir kamen die Wege sehr viel schlechter vor als im vergangenen Herbst; es mochte daran liegen, daß ich das letzte Mal mit in Gebirgstouren eingeübten Pferden marschierte. Der Verkehr war wie gestern; wir begegneten einem durch einen Infanteristen eskortierten Dieb, der auf dem Yamen Bambus-tschau-tschau[2] bekommen hatte. Er wurde von zwei Kulis in einem an einer Stange hängenden Korbe getragen und stöhnte ganz jämmerlich. Das Tragetier wurde einmal gewechselt, was sehr schnell ging. Meine kleine Karawane war jetzt schon ganz gut eingespielt: vorn marschierte ein Kuli mit dem Packpferde, alles andere lief lose hinterher ohne Führer, immer ein Tier hinter dem andern; jedes suchte sich so selbst seinen Weg zwischen den Felsblöcken. Hinten ging der Mafu, dann kam ich, zuletzt der Kavallerist.

[2] Bambus-tschau-tschau nennt der Europäer in China die auf dem Yamen verabreichte Prügelstrafe mit dem Bambusstock.

Ich blieb die Nacht in Hsilau-tou, und zwar in derselben Herberge, die ich im Herbst inne hatte; in der Nacht stand ich einmal auf, da die Pferde sehr unruhig waren, und faßte einen Chinesen beim Futterstehlen ab. Ich denke, er wird es ein zweites Mal nicht wieder tun. Merkwürdig war es, daß die meisten Leute meine große Stute zuerst für ein Maultier hielten; allmählich erst kamen sie dahinter, daß es ein Pferd war.

Am 15. Januar ging es weiter nach Pingting tschau. Einmal hatten wir links eine Tempelanlage, von einem bewaldeten Berge überragt; der Anblick bildete eine sehr angenehme Abwechslung in dem ewigen öden Grau in Grau. Allmählich trat Staubsturm ein.

Merkwürdig ist hier der außergewöhnliche Unterschied von Ort zu Ort in Maßen, Gewichten und Preisen; man weiß daher beim Einkauf auch nie, woran man eigentlich ist. In Pingting tschau schickte der kommandierende Offizier zu mir und ließ fragen, ob ich die Stute nicht verkaufen wollte. Ich forderte 500 Taels, was ihm etwas teuer zu sein schien; denn er ließ dann nichts mehr von sich hören.

Abends waren wir in Ching Ching, wo die Leute im Orte eine Art Ring geschlossen zu haben schienen, denn die Preise waren wirklich geradezu unverschämt. Mir hatten sie meinen Kang überheizt, so daß ich infolge der Hitze sehr schlecht schlief und mich auch obendrein noch erkältete. Auch am 16. Januar hielt der Staubsturm noch an. Wir gingen fast den ganzen Weg zu Fuß, halb im Laufschritt, um uns einigermaßen warm zu halten; so kamen wir ziemlich schnell vorwärts. Hinter Tu-hsi-ling ging es über einen hohen Paß, und mit einem Schlage waren wir aus den Felsbergen heraus und mitten im Löss mit seinen scharf eingeschnittenen, tiefen Schluchten, in die der Wind nicht mehr hineinkommen konnte.

Wir landeten heute in Schau yang, in dem ich zum ersten Male die unangenehme Entdeckung machte, daß mein großes Pferd leicht am Widerrist gedrückt war. Abends ließ der Yamen noch anfragen, warum ich nicht dort Logis genommen hätte. Jetzt war es zu spät dazu, etwas früher wäre ich ganz gern hingegangen. Bei der Stute hatte sich ein Schwein einlogiert, was das Pferd sehr aufregte, das Tier war aber nicht wegzubringen. Der 17. Januar brachte uns am Morgen 15 Grad Kälte; die armen Pferde in ihren offenen Ställen froren sehr und waren beim Abmarsch ganz steif. Es ging weiter durch Lößschluchten auf staubigen, wenig belebten Wegen; nur ab und zu kam uns ein Karren oder ein einzelner Reisender entgegen. Jeder führt seine Hausfahne, ein dreieckiges, berandetes und mit seinem Namen bezeichnetes Stück Zeug, mit sich, je nach Geldlage in reicher oder einfacherer Ausführung; bei den Reitern, die es hinten am Gepäck herausstecken haben, sieht das ganz spaßig aus.

Nach einer recht schlecht verbrachten Nacht, mir mußte irgend etwas im Magen gelegen haben, ging es weiter. Zweimal wurde ich in kleinen Ortschaften angehalten und nach meinem Paß gefragt; schließlich gelangten wir ganz in die Ebene, und gegen vier Uhr nachmittags ritten wir in das ersehnte Taiyuanfu ein und wurden von dem liebenswürdigen Direktor der Schansi-Universität und seiner ebenso liebenswürdigen Gemahlin willkommen geheißen und aufgenommen. Es war alles da, was der Mensch zu seiner Bequemlichkeit gebrauchte, und bei der Herzlichkeit, mit der es gegeben wurde, fühlte man sich gleich wie zu Hause. Wie ich schon im ersten Kapitel berichtet habe, hatte ich die gastfreien Leute auf meinem letzten Ritt im Herbst 1902 kennen gelernt. Zuerst unterzog ich meinen äußeren Menschen einer gründlichen, ebenso notwendigen wie angenehmen Reinigung; dann schwelgte der innere Mensch in den Genüssen der hervorragend geleiteten Küche. Die Stadt sah noch genau so aus wie im Herbst.

Ich war dieses Mal auch in mehreren Kuriositätenläden und kann nur jedem Sammler zuraten, einen Ausflug nach Taiyuanfu zu machen; denn hauptsächlich in Jett, Bronze und Porzellan findet er hier eine Auswahl zu billigen Preisen, wie wir sie nur seiner Zeit im letzten Drittel des Jahres 1900 in Peking erlebt haben. Das waren damals noch schöne Zeiten für den Sammler, als man, ahnungslos vom wirklichen Wert, die vom klugen Chinesen sorgfältig zusammengestohlenen Sächelchen billig kaufte. Aber auch für den Briefmarkenfreund hat die chinesische Regierung liebevoll gesorgt. Da besteht ein nett eingerichtetes Postamt, auf dem man sein sämtliches Geschreibsel zu billigem Preise an einen vorzüglich Englisch sprechenden Chinesen zur Beförderung los werden kann. Sonst ist hier wenig Interessantes; daß die Tempel zusammenfallen, die Löwen oder Hunde vor denselben schon halb in die Erde versunken sind, ist ja eigentlich selbstverständlich in China. Erwähnenswert ist höchstens eine Waffenfabrik, die nach Kruppschen Modellen schlechte Gewehre und Kanonen fertigt. Ich möchte nicht unter der Bedienung desjenigen Geschützes stehen, das zum ersten Male scharf feuert; ich halte für sicher, daß infolge der glänzenden Wirkung auf die eigene Bedienung der Rest der Batterie auf ein weiteres Schießen verzichten wird, doch: ut desint vires tamen est laudanda voluntas.

Die Universität, in der ich so freundlich aufgenommen wurde, blüht und gedeiht; sie zählt jetzt schon 200 Studierende, gegen 45 im Oktober vorigen Jahres. Sie erfreut sich der Gunst des Gouverneurs, was viel, wenn nicht alles für eine derartige Anstalt bedeutet. Bemerken muß ich dabei, daß man den schlechten Sekt, den er zu seinen sonst opulenten Diners gibt, auch hier im Innern nicht schätzt; die Kopfschmerzen sollen von denen, die man von der gleichen Marke in Deutschland bekommt, nicht zu unterscheiden sein. Die Studenten machen in Jura, Chemie, Sprachen, Ingenieurwesen usw. ihre Studien, nebenbei treiben sie auch Sport; ich sah Fußball, Tennis usw. spielen. Die Hörsäle sind mit den modernsten Erzeugnissen ausgestattet, man sieht da unter anderm ein Lesezimmer mit einer sehr reichhaltigen Zeitungsauslage, ein chemisches Kabinett, ein naturwissenschaftliches und anderes mehr. Vorläufig sind die Studenten noch in einem gemieten Yamen, mit übrigens sehr schönen Räumen, untergebracht. Die Neubauten auf eigenem Grund und Boden sind schon im Gange und ihre Fertigstellung steht noch im Laufe dieses Jahres zu erwarten. Schlechte Beispiele verderben gute Sitten, so sagt man auch hier; denn, nachdem der Gouverneur Chau-fu in Tsing-tau die Schulen besichtigt und Prämien ausgeteilt hat, konnte der hiesige Gouverneur dies natürlich auch nicht unterlassen, sehr zum Leidwesen der Studenten. Selbstredend sind auch chinesische, fremder Sprachen mächtige Hilfslehrer vorhanden. Einer derselben beteiligte sich am Fußballspiel, ohne seinen kostbaren Pelz auszuziehen; natürlich trat er sich bald auf seinen langen Frack und fiel zum allgemeinen Gaudium lang hin; tout comme chez nous.

Von Tung-fu-hsiang und Tuan waren wiederum erneute Gerüchte, die sich mehr und mehr verdichteten, hierher gelangt; erster wirbt im weiten Umkreise um seinen jetzigen Standort Heichengtse in Kansu Rekruten. Er kauft Getreide und Tiere im Lande auf, und da es dabei mehrfach zu Tätlichkeiten zwischen seinen Parteigängern und der Bevölkerung gekommen ist, zog ich vor, ihm nach Süden zu auszuweichen und hierbei die Gelegenheit zu benutzen, mir Hsi Ngan Fu, die alte berühmte Kaiserstadt, anzusehen. Meine Pferde hatten sich in zwei Ruhetagen sichtlich erholt und waren frisch und munter.

Am 21. Januar früh nahm ich Abschied von der gastfreien Universität, um mich meinem neuen Reiseziele Hsi Ngan Fu zuzuwenden. Ich beabsichtigte, die Stadt in 18 Tagen zu erreichen. Drei Herren der Universität begleiteten mich zu Pferde noch bis zum Tor hinaus. Außerhalb desselben fand gerade eine Parade der gesamten Garnison statt. Diese sahen wir uns schnell noch an, dann verabschiedete ich mich auch von meinen Begleitern und zog auf den knietiefen staubigen Wegen weiter. Auch mir wäre ein Regen nicht unangenehm gewesen, das Land hatte denselben dringend notwendig. Der Staub überzieht bald alles grau in grau, man kann sich durch nichts vor ihm schützen. Die Sänftenträger der Kaiserin-Witwe, die hier vor einem Jahre entlang gezogen ist, sind nicht zu beneiden gewesen, wenn man bedenkt, daß jedem Versagenden ohne weiteres der Kopf heruntergeschlagen wird.

Beim Geldwechseln wurden mir eine Menge zu kleiner Cash in den Cashrollen gegeben; ich hatte es zuerst nicht gemerkt, erst später fiel es mir unangenehm auf, da kein Mensch das zu kleine Geld nehmen wollte. Das ganze Land ist hier von Kanälen durchzogen, die quadratisch angelegt sind; augenblicklich sind die meisten derselben völlig versandet, ebenso wie die hier überall vorhandenen Schleusen gänzlich vernachlässigt sind; wie es zur Zeit der Frühjahrsbestellung aussehen mag, weiß ich nicht, wahrscheinlich auch nicht anders. Die Kanäle werden vom Fönn-Ho gespeist, in dessen Tale wir jetzt entlang marschierten. Der Verkehr war nicht sehr stark, aus dem Süden kommende Karren zogen nach Kalgan mit Tabak, Fett in Behältern, die wie unsere großen Petroleumbehälter aussehen, außerdem noch Salz. Aus Norden wird Seife in großen Stücken gebracht; die Chinesen nennen es Seife, in Wirklichkeit ist es ein schwammartiger, weicher Stein, der in Formen gepreßt ist mit der Firmenmarke darauf.

In den Gasthäusern und auf den Straßen war das ausschließliche Interesse der Leute auf mein großes Pferd gerichtet, wo ich mich nur sehen ließ mit meiner Witwe Bolte, brüllte alles gleich: "meio jiba" (der Schwanz fehlt). Das gute Tier hatte nämlich eine kupierte Rübe, war also nach chinesischem Schönheitsbegriff vollkommen entstellt. Ach, wenn die gute Witwe einen langen Fasanenschweif gehabt hätte, dann hätte ich mich nicht täglich über die entsetzliche Freude der Chinesen über das "schwanzlose" Tier zu ärgern brauchen. Das ist eben Geschmacksache, wir Europäer lieben nun einmal kurze Schwänze beim Pferd, und deswegen gleich zu behaupten, das Tier hätte gar keinen Schwanz, war eigentlich unverschämt.

Meine tägliche Speisekarte war meist höchst einfach. Leider bin ich selbst kein großer Koch, und mein Mafu Tsai war auch alles andere eher, als ein Kochkünstler. Heute z. B. war hier wieder einmal kein Fleisch aufzutreiben; es gab Hsiau-mi (Grütze) mit Zucker, dann fünf Eier, Brötchen und Tee; zum Nachtisch gabs gefrorene Kakis, die bekannten gelben Früchte. Mit meiner braven Stütze kämpfte ich einen täglichen Kampf um das allmorgendliche Pferdeputzen. Er meinte, es wäre nicht notwendig, ich meinte das Gegenteil, leider sah ich es schon kommen, daß ich bei der bekannten Dickfelligkeit des Chinesen in solchen Sachen doch noch unterliegen würde. Wahrhaft glänzend dagegen war sein Appetit zu nennen, um den ich ihn beneidete; seine allmorgendliche Rechnung für Essen betrug immer die Hälfte mehr als die meinige, obwohl er mich nicht beschwindelte.

Die nächsten Tage brachten keine Abwechslung; am 23. Januar morgens entließ ich meine beiden Kavalleristen aus Taiyuanfu. Sie waren sehr besorgt, daß ich ihnen auch etwas Gutes auf die als Ausweis mitgegebene chinesische Visitenkarte schrieb. Da sie sich in jeder Beziehung als nützlich und hülfreich erwiesen hatten, tat ich es auch gern. Der Druck der Stute war wieder derartig angelaufen, daß ich es vorzog, mir vom Yamen eine Karre geben zu lassen. Da sämtliches Gepäck, auch die Packtaschen der Pferde, auf die Karre gepackt wurden, ging die Reise jetzt sehr viel schneller vorwärts. Ich hatte auch wieder die alte Regel eingeführt, daß der Mafu zum Quartiermachen vorausgeschickt wurde; abends fand ich dann einen geheizten Kang vor, das Pferdefutter war eingekauft, und er hatte sich bereits erkundigt, was es zu essen gab.

Man sah schon viele gänzlich zerstörte Dörfer; denn der letzte Aufstand der mohammedanischen Chinesen hat seine Schrecknisse bis hierher getragen. Auch am 24. Januar gab es keine Abwechslung, höchstens wurde der Weg noch staubiger. Die in den Feldern verteilten Grabdenkmäler wurden ansehnlicher, teilweise waren es wunderhübsche Ehrenbogen. Die Gräber selbst sind meist von den alten Bäumen umstanden. Einmal begegneten wir einem Trupp Infanterie, der einen guten militärischen Eindruck machte, weniger gut sah die Bagage aus, auf der sich eine Menge faules Volk herumsielte. In Li-hsing-hsien, wo ich übernachtete, schickte mir der Yamen eine Wache über Nacht. Es geht hier wieder in die Berge.

Am 25. Januar fing es kurz nach dem Abmarsch an zu schneien. Man begreift es kaum, wie die Maultiere die schweren, mit Waren beladenen Karren die steilen Böschungen herauf bekommen. Allmählich färbte sich alles weiß; Paß folgte auf Paß, und man konnte hier beurteilen, welche Schwierigkeiten eine Expedition nach Hsi Ngan Fu im Frühjahr 1901 gehabt hätte. Alle paar hundert Schritte bieten sich Stellungen, die schon an sich natürliche Festungen sind und von geringen Kräften gegen eine Armee verteidigt werden könnten. Nebenbei hätte die Verpflegung größerer Truppenmengen in diesem Landstrich die größten Schwierigkeiten gemacht, und diejenigen, welche glaubten, daß nach Erstürmung der sogenannten Schansi-Pässe der Weg nach Hsi Ngan Fu frei lag, waren meiner Meinung nach stark im Irrtum. Die Schwierigkeiten hätten hinter Taiyuanfu erst recht begonnen. Das Schneetreiben wurde immer stärker, und als wir gegen 4 Uhr den letzten Paß hinter uns hatten, schickte ich den Mafu voraus. In den Hohlwegen blieb der Karren im hohen Schnee mehrfach stecken, die Dunkelheit brach herein, und die Tiere waren so müde, daß sie kaum noch vorwärts kommen konnten. Ich war daher sehr froh, als wir gegen 6 Uhr in Cho Hso Hsien anlangten, wo alles schon vorbereitet war. Die Gegend hier soll sehr unsicher sein; Räuberbanden trieben gerade zu jetziger Zeit ihr Unwesen und plünderten die Reisenden aus. Mir gab der Yamen daher zwei mit langen Spießen bewaffnete Infanteristen und fünf Kavalleristen mit. Wir hatten am 26. Januar kaum die Stadt verlassen, als uns laut schreiend ein Mann nachgelaufen kam, der behauptete, vom Yamen zu sein und in der unverschämtesten Weise Geld forderte. Ich verlangte den Ausweis von ihm, natürlich hatte er nichts, womit er sich ausweisen konnte, und mußte schließlich unter dem Gelächter meiner Begleiter und ohne Geld wieder abziehen.

Es schneite heute noch dichter als gestern, dabei hatten wir schärfsten Nordwind. Rechts war wieder der Fönn-Ho, der hier schon bedeutend breiter ist. Einmal lag in einem der schmalen Hohlwege ein krepierendes Maultier; die Karrenführer fuhren ihm rücksichtslos über die Beine, mich dauerte das arme Tier, und ich gab ihm den Gnadenschuß. Die Chinesen lachten natürlich und begriffen meine Handlungsweise nicht.

In Hung-tung-hsien, wo wir abends ankamen, war das Volk unhöflich und frech, so daß ich erst recht deutlich werden mußte. Die Leute drängten sich an mich heran und befühlten meine Sachen; das dauerte so lange, bis ich einem ordentlich über die Finger hieb, dann ließen sie mich in Ruhe. Der Mandarin ist ein Tientsiner, von mir nahm er gar keine Notiz. Wir standen dicht vor dem chinesischen Neujahr und die Kaufleute wollten schon nichts mehr verkaufen. Wie sollte das erst übermorgen am Neujahrstage werden!

Die Nacht zum 27. Januar kam mir recht kalt vor. Trotz der miserablen Wege hatten wir doch täglich meist zwischen 50 und 60 Kilometer gemacht. Da der Mafu auf dem Karren fuhr, wenn ich ihn nicht vorausschickte, konnten zwei von meinen Tieren immer geführt werden, daher waren ihnen die anstrengenden Tage sehr gut bekommen, sie sahen frisch aus und waren munter. Der Weg war auch fernerhin scheußlich, teilweise überschwemmt und mit einer dünnen Eisdecke bedeckt, durch welche die Tiere durchbrachen und sich die Fesseln verletzten.

Meinem Mafu hatte man die europäischen Handschuhe gestohlen; da der Chinese Handschuhe nicht kennt, mußte er von jetzt ab zur Strafe seiner Eitelkeit an den Fingern frieren; er hatte sich nämlich einen Rock mit kurzen Aermeln nach europäischer Sitte machen lassen. Ausserdem gaben ihm die Handschuhe stets ein höheres Ansehen vor seinen Landsleuten; er legte sie fast nie ab. Ich bekam auf dem ferneren Wege Zank mit meinem Fuhrknecht, der seine eigenen Wege fahren wollte; ich zwang ihn, auf der Hauptstraße zu bleiben. Natürlich gerieten wir in einen scheußlichen Sumpf; man muß eben die Chinesen machen lassen, was sie wollen. Ich beobachtete auch hier wieder, daß die meisten Leute quer über die Felder fuhren, der eigentliche Weg wurde fast nie benutzt.

Überall bereitete man sich auf Neujahr vor; die Bäcker backten Brot in Buddha- und Pagodenform, die Fenster wurden überall neu geklebt und fromme Sprüche auf rotem Papier an alle Pfosten, Ecksteine und Türen angemacht. Das Volk, besonders die Jugend, hielt Umzug mit Musik, teilweise in Verkleidungen, und überall wurden Böller und Flintenschüsse gelöst zur Vertreibung der bösen Geister.

Meine beiden Ponies waren am Abend weggelaufen; das Einfangen dauerte eine gute Stunde; hinterher gab es eine gehörige Tracht Prügel. Am 28. Januar morgens hatten wir wieder einmal 20 Grad Kälte, mit aufgehender Sonne aber wurde es ganz angenehm. Die Gasthäuser waren teilweise schon geschlossen. In einem Hohlwege blieben wir stecken; die zur Fahrtrichtung schräge Rampe war so glatt, daß der Karren bei jedem Versuch, an einem andern, ihm entgegenkommenden, vorbeizufahren, gegen diesen rutschte; es half nichts, wir mußten den Abhang abgraben. Auch das Reiten war infolge der schlüpfrigen Wege sehr unangenehm. Vor mir reiste ein Japaner, von dem mir in allen Dörfern erzählt wurde, daß er eine sehr große Exzellenz sei. Später in Hsi Ngan Fu stellte er sich als ein ganz kleiner Hülfslehrer an der dort neu zu errichtenden Hochschule heraus. Jedenfalls hatte er es gut verstanden, sein Licht nicht unter den Scheffel zu stellen. Wahrscheinlich befand er sich im Besitz einer sehr zahlreichen Bagage, was ihn in den Augen der Chinesen sofort zu einem großen Mann stempelte; denn auch hier gilt das Sprichwort: Kleider machen Leute.

Unser Karrenführer fuhr heute wie wild, so daß wir schon gegen 5 Uhr in Chu ma tscheng anlangten. Er wollte noch am Abend bei seiner Familie zurück sein. Wir mußten erst die ganze Stadt absuchen, ehe wir ein annehmbares Zimmer fanden; um 7 Uhr hatten die armen Pferde noch immer kein Futter. Die Chinesen rühren eben zu Neujahr keinen Finger für einen Fremden. Überall haben sie kleine Altäre aufgebaut, vor denen sie ihren Kotau machen und beten. Der Mandarin des Ortes, der jedenfalls dachte, daß für mich nichts zu bekommen wäre, schickte mir eine große Portion Hammelfleisch, die ich dankend annahm. Die ganze Nacht über ging das Geknatter des Feuerwerks zur Neujahrsfeier; ich kam kaum zum Schlafen. Morgens hatten wir 22 Grad Kälte; ich hatte vergessen, über Nacht meine Tinte einzupacken, die natürlich ausgefroren war, ebenso war mein Schwamm gleich einem Stein. Alles war heute geschlossen, man konnte nichts zum Frühstück bekommen, erst am Mittag wurde auf Klopfen hin geöffnet; die Chinesen waren heute faul und müde, da sie die ganze Nacht nicht geschlafen hatten; der Fuhrmann schlief auch unterwegs mehrfach ein, was sich jedesmal dadurch bemerkbar machte, daß die Karre stehen blieb.

Um vier Uhr nachmittags waren wir in Wönn Hsi Hsien, dessen Yamenbeamter seit drei Tagen aus Tientsin hier angelangt war. Liebenswürdigerweise schickte er mir Holz, Kohlen, Licht und ein sehr gutes Essen. Am Abend war wieder dasselbe Geknalle und Feuerwerk wie gestern. Reisende oder sonstige Karren kamen nicht an. Ich hatte mir ein Kohlenbecken zum Heizen ins Zimmer stellen lassen, bekam aber, als ich mich hinlegte, infolge der sich entwickelnden Kohlenoxydgase solches Herzklopfen, daß ich es wieder hinaustun mußte. In der Stadt wurden am 30. Januar morgens wenigstens Fleisch und die weichen, weißen, runden Brötchen verkauft, sonst blieb auch heute alles noch geschlossen, und nur ab und zu sah man eine halb geöffnete Tür. Wir hatten morgens bei ungefähr 10 Grad Kälte wundervolle klare Luft, so daß man im Osten die schwach bewaldeten Berge und dahinter die hohen schneebedeckten Bergkuppen sehr gut erkennen konnte; bald jedoch verschwanden sie wieder im Dunst. Die Leute bewegten sich in Feiertagskleidern auf der Straße, überall wurde öffentlich Karten gespielt, die Tai-tais (Frauen) hielten großen Klatsch ab. Der Tag blieb auch weiterhin schön. Im Gasthause, in dem wir Mittagsrast machten, mußte ich unsern Karrenführer anborgen, da kein Mensch Silber wechseln konnte. Uns angeschlossen hatte sich ein Mann, der Steuern nach Pu tschau fu brachte. Meinem Mafu hatte er gesagt, die Gegend wäre sehr unsicher und ich möchte doch mein großes Gewehr, das ich verpackt hatte, herausnehmen, damit die Leute es sähen. Ich glaube, er war sehr froh, seiner eigenen Sicherheit halber mit uns reisen zu können. Über Mittag tauten die Wege auf und befanden sich schließlich in einem ganz unbeschreiblichen Zustande. Gegen 4 Uhr langten wir in Pe-chau-hsien an, wo sich alsbald ein Yamenbeamter einstellte, der mir irgend etwas begreiflich machen wollte, was ich nicht verstand, da er Südchinesisch sprach. Schließlich kam mein Mafu dazu, und nachdem sich dieser mit dem Beamten verständlich gemacht hatte, verwandelte sich die Angelegenheit in ein Diner.

Der Karrenführer behauptete, zu wenig Geld bekommen zu haben, wurde frech und warf mir das Geld vor die Füße. Ich belehrte ihn handgreiflich darüber, daß mit Europäern nicht zu spaßen sei, er war schließlich ganz kleinlaut geworden und mit dem Gelde zufrieden.

In der Stadt fielen mir an manchen Häusern Glückszettel auf blauem Papier auf, sie sind an solchen Häusern angebracht, die Trauer haben.