Im Sattel durch Zentralasien: 6000 Kilometer in 176 Tagen
Part 7
Nun noch einiges vom Rennpony; ich meine denjenigen Pony in europäischen Händen, der zu Rennzwecken, wie in Europa ein Rennpferd, ausgenutzt wird. Die Tauglichkeit zum Rennpony trägt jeder einzelne in sich, er muß nur genügend schnell sein. Eine eigentliche Zucht solcher Tiere gibt es nicht oder vielmehr noch nicht; denn wer weiß, ob nicht einmal ein schlauer Mongole dahinter kommt, daß der und der Hengst in seiner Herde besonders schnelle Kinder zeugt, und daß er diesen dann als Vaterpferd bevorzugt, womit dann bald eine freie Zuchtwahl beendigt wäre und der Anfang einer richtigen Zucht nach bestimmten Prinzipien gemacht würde. So weit ist es noch nicht und wird es wohl vor der Hand auch noch nicht kommen. Ich kenne viele Ponies, denen ein anderer Ruf geblüht hat, bevor sie sich auf der Rennbahn einen berühmten Namen machten. Ich erinnere nur an den jedem Shanghaier wohlbekannten "Charger", der bekanntlich direkt aus der Karre herausgekauft wurde. Aber sogar "Lippspringe alias Rotation", deutsche Siegerin im Distanzritt Berlin -- Wien, soll ja seinerzeit einmal in einer Karre gegangen sein. In jedem Jahre zweimal, und zwar in den Monaten Januar, Februar und auch noch März, dann im Juli, August und Anfang September, kommen die neuen Ponies, die sogenannten "Griffins", in die Rennponies haltenden Ställe.
Ich will an diesem Fleck speziell von den Tientsiner Ställen sprechen, deren Gepflogenheiten ich Gelegenheit hatte näher kennen zu lernen. Die Tiere werden auf die verschiedenartigste Weise gekauft. Jeder Stallbesitzer macht es natürlich anders. Die wenigsten gehen selbst in die Mongolei oder auch nur bis Kalgan, der Sammelstelle für Ponies und dem Sitze vieler Händler, hinauf, um selbst zu kaufen; die Reise ist zu beschwerlich. Für den Herrn geht der erste Mafu des Stalles und kauft, oder der betreffende Besitzer hat eine Abmachung mit einem der vielen Händler, der ihm die Ponies dann als erstem anbietet und vorstellt. Einige kaufen auch eine ganze Herde und heben dann das brauchbare aus den 35 - 40 Köpfen einer solchen aus, manchmal bleibt gar nichts ordentliches übrig, nachdem schon das von vornherein ausgeschiedene Material für ein Spottgeld weggegangen ist.
Einige wenige Ponies haben schon in der Mongolei wegen ihrer Schnelligkeit einen bedeutenden Ruf. Dieser dringt dann stets bis Tientsin, wahrscheinlich nur durch geschickte Mache der interessierten Besitzer. Natürlich ist letzterer immer irgend ein mongolischer Prinz oder sowas, das macht sich besser. Erzählt man einem der Sportsmen vielleicht bei der Morgenarbeit von diesem Tier, so weiß er natürlich schon längst ganz genau Bescheid, weiß auch, daß der und der Shanghaier Sportsman schon so und soviel geboten hat -- natürlich bietet ein Shanghaier stets mehr als ein Tientsiner --, das ist selbstverständlich, denn die Shanghaier Races sind größer, also müssen die Tiere auch teurer bezahlt sein. Hinter dem Rücken handeln dann die Mafus schon längst um das Tier, und sie verstehen es fast immer meisterhaft, ihrem Herrn die Vorzüge des betreffenden Tieres ins hellste Licht zu stellen, so daß der betreffende Besitzer eine anständige Summe anlegt. Wieviel davon der Mafu einsteckt, bleibt natürlich Geschäftsgeheimnis. Kommt das Tier nachher zum ersten Mal auf die Rennbahn und soll mal auf der letzten Viertelmeile (400 Meter) zeigen, was es kann, so staunt natürlich alles, während man später in den wirklichen Rennen sehr oft gar nichts mehr von ihm hört. Es war wieder einmal eine der vielen Enttäuschungen, die dem Rennmanne hier genau so wie in Europa blühen.
Solche Tiere kommen beim Ankauf bis 500 Taels, was man wohl als Höchstpreis bezeichnen kann. Man hört manchmal von sehr viel teureren Tieren, aber das ist dann meist nur Reklame, und in Wirklichkeit, besonders wenn der Verkäufer Bargeld sieht, ist das Tier bald sehr viel billiger. Das Gros der Ponies, "Griffins", und Griffin ist jeder auch noch so alte Pony, der noch in keinem öffentlichen Rennen auf einem der Plätze des Peking-, Tongschan- und Tientsin-Race-Clubs gelaufen ist -- unsere deutschen Rennen und die Rennen des Winter-Sport-Vereins rechnen nicht mit --, wird in Tientsin selbst an Ort und Stelle vom Händler gekauft. Diese Tiere sind meist nicht unter sieben Jahren; man hat durch die Erfahrung herausgefunden, daß der Pony die höchste Leistungsfähigkeit zwischen acht und zehn Jahren erreicht. Es spricht sich naturgemäß schnell herum, der und der Händler -- die Namen sind bekannt -- hat "Griffins" angebracht; jeder einzelne kann dann nach Geschmack kaufen. Gott sei Dank sind die Geschmäcker auch hier verschieden, und jeder, der kaufen will und das Geld dazu übrig hat, kann voll auf seine Kosten kommen.
Die Ponies kosten dann je nach Größe und Points zwischen 60 und 150 Taels; man schätzt hierbei ein Durchschnittsmaß von 13,1 hands (dreizehn h. 1 inches) am meisten; für einen kleineren Pony ist es schwer, einen Reiter zu finden, der das betreffende Gewicht reiten kann, und größere Ponies bekommen zu viel aufgepackt. Hinsichtlich Points sieht man genau auf dieselben Eigenschaften wie in Europa beim Vollblut, und da die Tiere fast ausschließlich in Flachrennen gehen sollen, so ist eine lange, schräge Schulter, in Verbindung mit einem nicht zu kurzen Rücken, besonders erwünscht. Trotz noch so schöner Points kauft man aber stets die Katze im Sack, denn selbst der gewiegteste Kenner kann nicht im entferntesten ahnen, ob einmal aus dem Tier etwas wird, oder ob er sich nicht seines Temperaments halber oder aus sonstigen Gründen als absolut ungeeignet zu Rennzwecken erweist. Jeder Anhalt infolge Abstammung fehlt eben.
Die meisten der aus der Mongolei kommenden Tiere weisen einen Brand auf einem der Hinterschenkel, der Schulter oder seltener am Halse auf. Diese Brände sind entweder chinesische Charaktere, wie
oder Phantasiezeichen, wie
Ob dieses eine Art Gestütsbrand ist oder nur ein Händlerbrand, habe ich nie so recht feststellen können. Eines weiß ich jedoch bestimmt, daß viele Händler ihre Tiere brennen aus dem einfachen Grunde, um ihr Eigentumsrecht an diesen Tieren ad oculos zu demonstrieren. Ich habe dies bei Kalgan beobachtet, und ich denke, daß, wenn Züchter ihre Tiere brennen, sie es nur aus dem oben angeführten Grunde tun. Wenn unter Rennleuten zuweilen Tiere mit bestimmten Bränden vorgezogen werden, so halte ich dies insofern für einen Zufall, als dem Betreffenden einigemale hintereinander Tiere mit demselben Brande in die Hände geraten sind.
Die neuen Ponies kommen nun in die Ställe, wo sie der Obhut der Mafus, chinesischen Pferdeknechte, anvertraut werden. Meist haben sie im Anfang eine starke Antipathie gegen den Europäer, die sich beim Nähern des letzteren in Schnauben, Ängstlichkeit, oft aber auch in Schlagen mit den Vorderbeinen und Annehmen mit dem Gebiß äußert, während sie gegen ihre Landsleute friedlich gesonnen sind. Die im Sommer kommenden Ponies werden sofort frisiert, d. h. man fesselt sie, bremst sie, wenn sie sehr ungeberdig sind, und dann werden sie mittels Klippschere geschoren. Die schöne Mähne wird gekürzt, und gleichzeitig beschneidet der Schmied die Hufe und bringt sie in Ordnung. Die im Anfang des Jahres kommenden Tiere werden meist nicht sofort geschoren, da es ihnen in der Kälte wohl schlecht bekommen würde.
Die Stallpflege ist sonst im allgemeinen genau dieselbe wie in Europa in einem Rennstall. Jeder Junge bekommt ein Tier zur Pflege zugeteilt, der erste Mafu verteilt das Futter und überwacht das Futterschütten. Da diese ersten Mafus meist jahrelange Erfahrungen hinter sich haben, wissen sie genau, wie sie die "Griffins" am besten an das ihnen noch ungewohnte Körnerfutter gewöhnen, denn vorher haben die Tiere ja nur das Gras der Weiden bekommen. Selbstredend hat auch beim Futtern jeder Stall seine eigenen Grundsätze. Der eine gibt mehr Kauliang (Heu), der andere füttert mehr Gerste oder schwarze Bohnen, oder gibt mehr oder weniger Häcksel. Jeder hat natürlich von seinem Standpunkt aus recht und hält seine Methode für die einzig richtige. Nur darin sind fast alle einig, daß sie Hafer erst einige Wochen vor den Rennen futtern, da man die Erfahrung gemacht hat, daß Hafer die Ponies sehr ungezogen und bockig macht.
Die Tiere werden viel geführt, wozu bei den meisten Ställen eine runde Strohbahn vorhanden ist. Bald fängt dann die erste Trabarbeit an, denn diese ist das hauptsächlichste Mittel, das Tier in der Muskulatur und im Atem zu fördern. Hierbei reiten die sogenannten Trainiermafus die Ponies auf dem Rennplatze; der betreffende Besitzer trinkt unterdessen seinen Kaffee auf der Tribüne und beobachtet durch das Glas seine Lieblinge. Ich habe stets gefunden, daß diese Mafus fast durchweg, wie man so sagt, "eine eiserne Klaue" haben; ich persönlich habe auch viel in der Trabarbeit geritten und bei manchem Pony Gelegenheit gehabt, zu beobachten, wie er in der Hand des Mafus von Woche zu Woche unempfindlicher im Maul wurde. Bei manchem geht das dann so weit, daß er sofort in voller Fahrt losgeht, sowie man ihm auf der Bahn nur die Nase herumgedreht hat. Solche Tiere sind ihrer Heftigkeit wegen sehr schwer zu behandeln; man arbeitet sie am besten draußen im Gelände ein und bringt sie nur zur Galopparbeit oder zu einem Trial auf die Bahn, denn sonst kann man später beim Aufsitzen und beim Start Szenen erleben, gegen die ein schwieriger Start von Zweijährigen in Deutschland eine Kinderei ist.
Ist der Pony nun kurze Zeit in Arbeit, so überhört man ihn einmal auf seine Leistungsfähigkeit und Galoppaktion. Vorausschicken muß ich, daß der Tientsiner Flachrenn-Kurs genau 2000 Meter lang ist, daß er ferner mittels Stangen in Viertelmeilen (also 400 zu 400 Meter) eingeteilt ist, und daß es daher von der schönen großen Tribüne aus möglich ist, die Zeit, die das Tier zum Durchmessen der verschiedenen Viertelmeilen braucht, mittels der Sekundenuhr, der Stopwatch, genau festzustellen. Das gesamte fernere Training geht an der Hand der Uhr. Die festgestellten Rekorde, die ich hier gleich aufführen will, sind jedem bekannt und bieten daher einen durchaus genauen Anhalt für die Leistungsfähigkeit des Tieres.
_Festgestellte Rekorde:_
Distanz Besitzer Pony Farbe Höhe Jahr Zeit Gewicht Min. Sek. 1/2 Meile (800 m) H. Detring Sendgraf schw. 13,1 11,1 H.99 58-1/4 3/4 " (1200") " " Set schw. 13,3 11,7 F.99 1,29-4/5 1400 Meter (1400") " Andrew Advance Grau- 13,1 11,8 F.99 1,48-3/5 schimmel 1 Meile (1600") " Detring Set schw. 13,3 11,7 F.99 2,05-1/5 1-1/4 " (2000") " J.M.D. Stray Grau- 13,2 11,4 F.97 2,37 Shot schimmel 1-1/2 " (2400") "Dr. Frazer Neophyte Schimmel 13,2 11,0 F.90 3,14 1-3/4 " (2800") " Munthe Palo dun. 13,1 11,1 F.97 3,47 Alto 2 " (3200") " Brenan Orion braun 13,1 11,1 H.92 4,26
Die Höhe sind englische hands und inches. 1 hand = 4 Zoll, 1 inch = 1 Zoll deutsch.
Das Gewicht sind englische stones und pounds. 1 stone = 14 Pfund. 10 englische Pfunde = 9 deutsche Pfund.
H = Herbst, F = Frühjahr.
Die Zeit sind Minuten, Sekunden und Bruchteile der Sekunde.
Zeigt das Tier nun eine gute Aktion und eine annehmbare Zeit auf der last quarter, der letzten Viertelmeile, ich will mal sagen 28½ bis 29½ Sekunden, manchmal sogar darunter, so ist es dasjenige, was man verlangen kann. Wenn der Pony diese Zeit nicht geht, oder mangelhafte Aktion zeigt, so wandert er meist an den Händler, vielleicht mit einem kleinen Verlust zurück; dieser schickt ihn dann in die Mongolei, von wo er vielleicht nach Jahren wieder einmal "wie neu" zurückkommt, um dann mehr Gnade vor den Augen eines Besitzers zu finden; vielen blüht aber auch das wenig beneidenswerte Los des Karrentieres.
So geht das Training weiter, sehr viel Trab, verhältnismäßig wenig Galopparbeit; zu letzterer setzt sich meist der Herr -- es gibt nur Herrenreiten in China --, der das Tier später im Rennen steuern soll, selbst darauf. Die Ponies, die meist zu zweien oder dreien herumgeschickt werden, müssen stets auf der Geraden in der letzten Viertelmeile vollkommen ausgeritten werden, auch wenn sie hoffnungslos geschlagen, ganz hinten liegen. Man sagt, daß ein Pony sich sofort merkt, wo er angehalten wird, und später dort streikt, also zum "Stinker" wird. Die Ponies entwickeln sich mehr und mehr in der Muskulatur, man massiert sie abends viel und gibt ihnen allmählich Hafer, sie sehen prachtvoll aus, und so mancher nimmt die Figur eines Vollblüters, allerdings en miniature, an. Für den Sportsman ist es eine reine Freude, zu sehen, was aus den Tieren bei sachgemäßer Arbeit werden kann. Nun naht allmählich der Nennungsschluß; der Besitzer muß sich schon klar darüber sein, und hat dies auch in Trials ausprobiert, für welche der verschiedenen Distanzen sich seine Tiere eignen, um nicht einen Flitzer in ein langes Rennen zu stellen und einen ausgesprochenen Steher in ein kurzes. Der Nennungsschluß ist vier Wochen vor dem ersten Renntage, Nachnennungen gibt es nicht; zugleich findet die Messung der Ponies durch einen der Stewards statt.
Die Rennen finden an drei meist aufeinander folgenden Tagen statt, denen sich dann oft noch ein vierter Tag, ein sogenannter "off day" anschließt, an dem alles geschlagene Material um von den hauptsächlich gewinnenden Ställen ausgesetzte Preise konkurriert. Die Regel des Tientsin Race Club schließen sich im allgemeinen den sogenannten Newmarket rules an, im besonderen in solchen Fällen, wo die Bestimmungen des Tientsin Race Club nicht ausreichen. Die Gewichte sind zehn stones für zwölf hands, für jeden Zoll mehr drei Pfund, für den letzten Zoll zu 14,3 hands (59 Zoll) gibt's fünf Pfund. Größere Ponies dürfen nicht laufen. Die Propositionen der einzelnen Rennen sind an der Hand von jahrzehntelangen Erfahrungen zusammengestellt und bieten nach Möglichkeit jedem einzelnen Pony eine Gewinnchance. Sämtliche Sieger konkurrieren am dritten Renntage zusammen in den Champion stakes, einem Rennen über 2000 Meter.
Das Training geht indessen weiter; man weiß schon naturgemäß von gewissen Ponies, daß sie außerordentlich gute Zeiten gezeigt haben. Einige halten ihre Ponies dunkel oder geben sich wenigstens Mühe, es zu tun, sie halten ihre Trials in der Dämmerstunde ab, und man erzählt sich, daß ein Übereifriger sogar bei Nacht seine Trials abmachte und, um das Passieren der Viertelmeilen-Pfähle zu markieren, an jedem der letzten einen Chinesen mit einer Laterne aufgestellt hatte, die beim Passieren des Points heruntergenommen wurde, um so den Anhalt für den die Sekundenuhr Haltenden zu geben. Sonst steht am letzten Viertelmeilenpfosten stets ein Chinese mit einer roten Flagge, die er herunter nimmt, wenn ein Pony im Canter passiert.
Eng verbunden mit dem Rennen sind große Lotterien. Zu diesem Zwecke liegen in den Clubs und öffentlichen Lokalen numerierte Listen der einzelnen Rennen mit verschiedenen Preisen der Lose aus; jede Nummer, hinter die man seinen Namen setzt, ist gleichsam ein Los. In gewöhnlichen Rennen kostet eine Zeichnung zwei oder drei Dollar, in der Champion-Lotterie 10 Dollar. Leider sind auch hier sehr viel mehr Nieten als Gewinne. Kurze Zeit vor den Rennen werden an drei aufeinanderfolgenden Tagen, entsprechend den Rennen der drei Tage, die Lotterien öffentlich im Tientsin-Klub gezogen, zu welcher Haupt- und Staatsaktion sich alles, "was so ein bißchen was ist", zusammenfindet, um zu gewinnen, zu verlieren oder um auch nur aus der Höhe der Angebote der Stall-Besitzer für die zur Versteigerung gestellten Gewinnlose zu ersehen, ob der Besitzer seinem Pony etwas zutraut oder nicht. Soviel Ponies in einem Rennen genannt sind, so viel Gewinnlose werden gezogen; diese werden hinterher versteigert. Der Ersteigerer muß die Summe, die er geboten, einmal an den Glücklichen zahlen, der das Los gezogen hat, und einmal der Rennkasse zuweisen. Er wird damit Besitzer des Loses. Besonders in der Champion-Lotterie versucht natürlich jeder Stall-Besitzer sich das auf seinen Stall gefallene Los zu ersteigern. Dabei kommen fast immer ganz anständige Summen in Umsatz. So war z. B. im Frühjahr 1902 4153 Dollar der Inhalt der Champion-Lotterie. Nach einem Abzug für die Rennkasse bekam 75% von dieser Summe der Besitzer des Loses, das die Nummer des gewinnenden Ponys zeigte, 25% gab es ebenso für den zweiten. Ich hatte mit einem andern Herrn zusammen den zweiten Pony, den ich notabene selbst ritt.
Nun kommen die Renntage selbst, ein wahres Volksfest für die Bevölkerung; alle Läden schließen, jedes Geschäft, und sei es auch noch so dringend, wird aufgeschoben, die Rennen entschuldigen alles. Der schöne Rennplatz, dessen Tribüne und Richterhäuschen wiederhergestellt sind, nachdem sie von den Boxern 1900 gänzlich heruntergebrannt waren, prangt im Fahnenschmuck. Paddocks, Ställe und Toto usw. sind noch provisorisch, werden aber jetzt wohl, wo ich dieses schreibe, auch schon massiv hergestellt sein, denn die Mittel für die neuen Bauten waren schon seinerzeit sichergestellt. Der deutsche Klub hat sein eigenes Erfrischungszelt draußen, in dem auch er noch eine Privatlotterie für die Championstakes aufgelegt hat. Alles wandert zu Roß, Rad, Wagen oder zu Fuß, die Damen natürlich in großer Toilette, zum Rennplatz, deutsche, französische oder englische Militärmusik läßt ihre fröhlichen Weisen ertönen, kurzum, es ist genau so wie bei uns zu Hause, nur vielleicht mit dem Unterschiede, daß sich alles gegenseitig kennt.
Vormittags sind drei Rennen, dann gibt es Lunch oder vielmehr Tiffin im großen Saale der Haupttribüne, wonach die Rennen ihren weiteren Verlauf nehmen. Man muß sich zu dem Tiffin, an dem alles, was sich zur guten Gesellschaft rechnet, teilnimmt, vorher ein Billet kaufen. Das Saal-Innere bietet ein hübsches buntes Bild. An langen Tafeln mit numerierten Plätzen sowie auch an einzelnen kleinen Tischen sitzen die Damen in luftigen Toiletten, die Herren in hellen Sportanzügen, und dazwischen die Offiziere in Uniformen aller Länder. Dem nicht entsprechend ist gewöhnlich das Tiffin; man bekommt so gut wie nichts, wenn man nicht seinen eigenen Boy zur Bedienung mitbringt, und muß zufrieden sein, wenn man eine kalte Schüssel erreicht. An ein Aufstehen ist nicht zu denken, wenn man nicht einen Sturm der Entrüstung hervorrufen will, da alles sich gegenseitig fast auf dem Schoß sitzt, und um zu seinem Platz zu gelangen, muß man eine halsbrechende Kletterpartie unternehmen. Aber trotzdem herrscht angeregteste, heitere Stimmung, der selbst kein Eintrag geschieht, wenn inzwischen sich ein recht unangenehmer Staubsturm entwickelt. Ein Teil der Rennstall-Besitzer schlägt in reservierten Boxes der Ställe selbst Buffets auf, wozu kalte Küche und Getränke mitgebracht werden.
Die Preise der Rennen bestehen meist in Geldpreisen, zuweilen in Ehrenpreisen, die jedoch stets an den Besitzer des siegenden Tieres gehen.
An den kleineren Renntagen im Winter gab es regelmäßig ein sogenanntes "Ladies Nomination-Rennen". In diesem ritt man für eine vorher angegebene Dame der Gesellschaft, der von dem siegenden Reiter der Preis als Geschenk überreicht wurde. Ich hatte im Winter 1901/02 zweimal das Glück, auf diese Weise Damen einen silbernen Ehrenpreis zu Füßen legen zu können. -- An diesen Renntagen wurden auch einige scherzhafte Rennen eingeschoben. So z. B. ein Hürdenrennen, bei dem man zum Schluß durch einen Schirm von Seidenpapier springen mußte, was nicht so einfach ist; ferner gab es sogenannte "leading races", in welchen man ein zweites Tier an der Hand mitnehmen mußte. Zuweilen führten auch die Kosaken ihre hübschen Reiterspiele auf. Auf dem Platze fehlen natürlich die Buchmacher nicht. Nach Schluß der Rennen sucht jeder so schnell als möglich nach Haus zu kommen -- tout comme chez nous --, und den Abend und die ganze Nacht herrscht im Astor House (dem vornehmsten Hotel Tientsins) und den Klubs reges Leben; das gewonnene Geld muß eben untergebracht werden.
Ich hatte das Glück, im Frühjahrsmeeting 1902 mehrere Rennen mit Totila zu gewinnen, und war damit bis zu diesem Zeitpunkte der einzige deutsche Offizier, dem es seit unserer Ankunft in China geglückt ist, ein Rennen in den offiziellen Tientsiner Meetings zu gewinnen. Als Favorit ging ich mit Totila in das Hauptrennen, die Champion stakes, wurde aber leider von einem Pony, mit dem ich gar nicht gerechnet hatte, auf den zweiten Platz verwiesen. Für mich werden diese Ponyrennen stets eine der schönsten Erinnerungen in China sein. Wir deutschen Herrenreiter gingen zuerst mit einem etwas überlegenen Lächeln an die Rennen auf dem mongolischen Pony heran und sahen uns bei unserm ersten Auftreten fast stets auf die letzten Plätze verwiesen. Das Lächeln verschwand bald. Wir sahen ein, daß nicht zu scherzen war, daß diese Konkurrenzen zur peinlichsten Vorbereitung und zum schärfsten Kampf herausforderten und daß der gesamte, so außerordentlich intensive Training auf der in Jahrzehnten gemachten Erfahrung beruhte. Wir mußten vollkommen neu lernen, denn auch das Reiten des Tieres, und hier wieder besonders das Finishreiten, ist ein ganz anderes als beim Pferde. Das Reiten strengt auf dem Pony sehr viel mehr an, als auf dem großen Pferde, und es gehört dazu für den eigenen Körper ein ebenso scharfes Training wie für den Pony. Ich habe die letzten sechs Wochen vor dem Rennen überhaupt keinen Alkohol zu mir genommen, übrigens mich nebenbei niemals wohler gefühlt als in dieser Zeit. Sehr vieles Zufußgehen brachte den Lungen die genügende Arbeit. Mein Gewicht brauchte ich nicht herunterzubringen, denn ich war sowieso schon zu leicht und mußte dies meist durch Gewichte oder schweren Sattel ausgleichen. Mein Lehrmeister in allen das Pony-Training angehenden Sachen war Herr Felix Boos, dem ich nicht genug dankbar sein kann, denn ohne seine täglichen Ermahnungen und Ratschläge hätte ich niemals die oben erwähnten schönen Erfolge errungen. Schwer genug ist es Herrn Boos, glaube ich, manchmal gefallen, denn ich war nicht gerade der folgsamste Schüler, sondern hatte meist meine eigenen Ansichten, die ja nicht immer die richtigsten waren, was ich aber erst hinterher einsah. Wie manches Mal wollte ich den Pony nicht mehr besteigen, wenn mich unser bester chinesischer Reiter im Stall "Li-san" wieder einmal mit dem schlechteren Pony in der Arbeit im Finish um einen Kopf schlug, und ich hab's schließlich doch gelernt. Aber auch hier gilt das Sprichwort: "Aller Anfang ist schwer."