Im Sattel durch Zentralasien: 6000 Kilometer in 176 Tagen
Part 4
Zum Abmarsch am 9. Oktober war wiederum die ganze Stadt versammelt, die Leute benahmen sich aber anständig. Es ging weiter in die Berge hinein. Gleich am Nordtor mußten wir absitzen und führen, da der Weg gänzlich aufhörte. Gott sei Dank trafen wir einige Maultiertreiber, die uns zurechtwiesen, wir waren gerade auf einen falschen Weg am Eingange der Schlucht geraten. Die Straße führte zuerst in dem in der Talsohle fließenden Bach entlang; der Eingang der Schlucht wird durch Warttürme gesichert. Man konnte von hier aus sehen, wie gut die kleine Festung den Taldurchgang sperrt. Der Weg ist auch fernerhin sehr steinig, es herrschte so gut wie gar kein Verkehr; rechts und links sind fast senkrecht aufsteigende, gänzlich vegetationslose Wände. Nach ungefähr einer Stunde Marsch gelangten wir zu einer kleinen Ansiedlung, hinter der sich das Tal teilte. Wir marschierten links ab, jetzt am Hang der steilen Talwände entlang auf einem ganz schmalen Maultierpfade. Mehrfach mußten wir das Packpferd abpacken, da wir sonst Gefahr liefen, daß das Tier abstürzte. Einmal trafen wir einen Mönch aus Wutaischan, an den mein Mafu sofort die neugierige Frage richtete, ob es dort sehr kalt sei. Zu seiner Beruhigung meinte der Mönch, es sei dort auch nicht anders als hier. Weiterhin trafen wir einige Maultiertreiber, die uns wie übermenschliche Wesen anstaunten; sie hatten noch nie einen Europäer gesehen. Der letzte Aufstieg war ganz besonders steil, und als wir um 11½ Uhr die Paßhöhe erreicht und einen Einblick in das jenseitige Tal hatten, war ich sehr froh.
Der Abstieg auf der Südseite war leichter, da es auf lehmigen Wänden hinabging, und nach einer Stunde waren wir im Tal und einen letzten einsamen Kegel umgehend, an einem Gehöft vorbei, im Dorf Paimatschwang. Die Leute waren auch hier wieder frech und zudringlich, es war keine Unterkunft zu erlangen, bis sich schließlich ein alter Mann unserer erbarmte und uns natürlich zu dem Gehöft führte, das wir gerade passiert hatten, so daß wir den letzten Teil des Weges umsonst gemacht hatten. Es gab kein Pferdefutter, die Tiere bekamen noch nicht reife, als Häcksel geschnittene Gerste. Hier wohnt ein hübscher Menschenschlag, der auffallend große dunkle Augen und dunkle Haare hat und gegenüber den Chinesen der Ebene sehr viel kräftiger aussieht. Beim Weitermarsch ging es in der Talsohle entlang, zusammen mit freundlichen Maultiertreibern, die uns führten, dann weiter über die südlichen Berge. Um 3½ Uhr passierten wir noch eine Paßhöhe und gewannen den Einblick in das wirklich imponierende etwa 1500 m hohe Wutai-Gebirge. Ein eisiger Wind pfiff uns entgegen, die Sonne war hinter Wolken verschwunden, und vor uns lag noch ein endloser Abstieg auf Serpentinen. Ich wollte eigentlich nach Schachoa, an der großen Straße nach Pautingfu, und bekam es allmählich mit der Angst zu tun, als immer noch kein Haus in Sicht kam. Gegen 4¾ Uhr passierten wir rechts einen Tempel, der genau wie ein Schweizerhäuschen aussah, eine halbe Stunde später fanden wir endlich im Tale eine Ansiedlung mit einem Gasthause, Cho-cho. Es war zwar alles etwas teuer, und außerdem war das Unterhandeln mit Schwierigkeiten verknüpft, da die Leute dieser abgelegenen Gebirgsgegend einen ganz merkwürdigen Dialekt sprechen; ich war aber froh, daß ich untergekommen war und bezahlte daher gern etwas mehr. Am Abend nahm ich zum Entsetzen der versammelten Dorfjugend ein Bad in dem eiskalten, an dem Gasthaus vorüberfließenden Bach.
Der 10. Oktober brachte uns morgens nach dem ungefähr 15 Kilometer entfernten Schachoa. Wir marschierten zwischen senkrechten, bis 150 Meter hohen Lehmwänden, in denen große Höhlen sind, die von den Bauern als Scheunen, zum Teil auch als Wohnungen benutzt werden. Das Wu tai-Gebirge war heute ganz in Wolken. Gegen 9½ Uhr waren wir in Schachoa, das inmitten von Bäumen hübsch gelegen ist. In einem der großen Gasthäuser bekamen wir alles, was wir haben wollten, und Sattler wie Schneider wurden in Nahrung gesetzt. Entsetzlich war die Neugierde der Menschen; sie bohrten sich mit nassen Fingern stets kleine Löcher in die Papierfenster, bis ich, rücksichtslos das Fenster durchstoßend, einen mit dem Stock mitten auf die Nase traf. Daraufhin erfolgte allgemeiner Rückzug auf zwanzig Schritte. Meine Ponies waren recht pflastermüde, aber da uns gerade ein von Wu tai kommender Lama erzählte, daß in einer Entfernung von ungefähr 20 Kilometer eine gute Herberge läge, beschloß ich trotzdem, weiter zu marschieren. Die ganze Stadt begleitete uns bis hinaus. Im schönsten Sonnenschein ging es durch die vielleicht sieben Kilometer breite, leicht gewellte Ebene, aus der dann das Gebirge schroff und ganz plötzlich aufsteigt. Alle Steine, die die Leute von den Feldern aufsammeln, werden auf die Wege geworfen, so daß sich diese in einem für die Pferdebeine wenig angenehmen Zustande befinden.
Ich konnte mich hier mit den Leuten überhaupt nicht verständigen, meinem Mafu gelang es auch nur mit großen Schwierigkeiten; er mußte alles erst ein- bis zweimal wiederholen. Ein lustiger Chinese, der scheinbar einen zu viel getrunken hatte, bot uns Schnaps an. Es scheint hier jeder sein Schnäpschen täglich zu nehmen, wenigstens versicherte es der Chinese. Wir trafen merkwürdig viele Leute mit weißen Trauerabzeichen; die Cholera soll hier im Volke ziemlich gehaust haben.
Gegen 4 Uhr waren wir in Tung-hsi-nien, einem einzelnen Gehöft, das einen recht verlodderten Eindruck machte. Neben dem Gehöft liegt ein schöner Besitz eines reichen Chinesen. Wir sollten im Kulischlafzimmer unterkommen, ich nahm aber lieber in der Kartoffelkammer Platz; jedoch auch hier erwischte mich das Ungeziefer. In der Gegend wird ein ganz leidlicher Hafer gebaut; das ganze Plätzchen ist wirklich idyllisch in dieser Felswüste gelegen.
Am nächsten Morgen, den 11. Oktober, gings ohne Frühstück weiter. Im Steingeröll liegen zuweilen kleine Felder, die unter unendlicher Mühe dem felsigen Boden abgerungen sein müssen; rings herum haben sie hohe Steinwälle. Zu beiden Seiten des Tales steigen fast senkrechte Wände Hunderte von Metern empor, im Grunde fließt ein Bach, den wir oft kreuzten. Ganz vereinzelt tauchten von weitem dürftig bewaldete Kuppen auf. Der Himmel bezog sich mehr und mehr, und da es anfing leicht zu regnen, zog ich es um 10½ Uhr vor, in der hübsch gelegenen Herberge von Sze-ping einzukehren. Wir hatten gerade den zehn Kilometer langen, hohen, beschwerlichen Paß vor uns. Bis auf unreif geschnittenen, unausgedroschenen Hafer gab es für die Pferde nichts zu fressen. Nach langem Parlamentieren bekam ich für uns etwas Mehl und sieben Eier, so daß der Mafu wenigstens Brot backen konnte. Den Pferden gab ich als Zusatz noch gestampfte Kartoffeln, die sie zwar nicht gern fraßen, aber schließlich doch nahmen. Der Erfolg war denn auch, daß sie am Abend unglaublich dicke Bäuche hatten.
Es regnete den ganzen Tag weiter, und dem Regen hatte ich es wohl zu verdanken, daß ich nicht weiter belästigt wurde. Das Dorf hatte sowieso nicht viele Einwohner, und diese mußten mich schließlich alle gesehen haben. Am Abend kam der Wirt und machte mich darauf aufmerksam, daß die Sze-pinger recht gerne stehlen und schon einmal in demselben Zimmer einen Reisenden, jedenfalls wohl keinen Europäer, ausgeplündert hätten. Ich sagte ihm, er möchte den lieben Mitbewohnern mitteilen, daß ich sofort schießen würde, sowie einer es wage, nachts durch Tür oder Fenster hereinzuklettern. Natürlich legte ich vorsichtshalber meine Mauserpistole neben mein Lager, hatte aber nicht nötig, irgendwie davon Gebrauch zu machen.
Am nächsten Morgen hatte der Regen aufgehört, mir fiel jedoch auf, daß die gesamte Maultiertreibergesellschaft, die, Stangenholz nach der Ebene bringend, mit uns in derselben Herberge übernachtet hatten, wohl die Packsättel aufgelegt, hatten, jedoch die Lasten noch im Hause unter Dach und Fach stehen ließen und gar keine Anstalt machten, aufzubrechen, obwohl sie sonst um diese Zeit längst unterwegs zu sein pflegten. Auf mein Befragen zeigten sie nordwärts auf den Himmel. Der Mafu erklärte mir bald, daß sie aus Furcht vor dem im Paß zu erwartenden Nebel nicht abzogen. Ich riskierte es, zu marschieren und geriet natürlich gerade mitten im Paß in den Nebel. Gott sei Dank ohne den Weg zu verfehlen. Wir mußten die Pferde führen, zumal die Straße sehr schlecht und kaum zu erkennen war, da der gestrige Regen alle Spuren fortgewischt hatte. Bei dem oftmaligen Kreuzen des heute ziemlich viel Wasser führenden Baches wurde man unten herum bald ganz naß, da die Steine, auf denen man sonst übergeht, unter Wasser waren. Die Berge sind nicht mehr so schroff, und man sieht öfter bewaldete Kuppen; an einigen Hängen war merkwürdig hoch hinauf Hafer angebaut, der jetzt noch nicht reif war. Nach zwei Stunden begann der Aufstieg zum Paß, nach einer ferneren Stunde kam es aus Norden wie eine dicke weiße Wand, und binnen fünf Minuten waren wir im undurchdringlichsten Nebel; wir konnten nicht mehr fünf Schritte weit sehen. Ich ging, die beiden Reittiere führend, voran, immer dicht vor mich hin auf den Weg sehend. Ein paar Mal waren wir doch von den sich von fünf zu fünf Metern folgenden Serpentinen abgekommen, fanden uns aber immer wieder zurecht; ein Absturz wäre wenig angenehm gewesen. Allmählich löste sich der Nebel in Regen auf, und als wir noch höher kamen, wurde Hagel und Schnee daraus. Gegen 11¼ Uhr hatten wir die Paßhöhe erreicht. Wir merkten es schon vorher, denn der Wind sprang nach Süden um, also mußten wir oben sein. Es herrschte eisige Kälte, aber von Zeit zu Zeit hatten wir kurze Durchblicke.
Ich machte kurze Rast und nahm mein karges Frühstück, aus einigen harten Eiern und Äpfeln bestehend, zu mir, dann gings an den Abstieg. Gegen 12 Uhr verzog sich der Nebel, und nach ganz kurzer Zeit schien die schönste Sonne. Vor uns lag das Wu tai schan-Tal. Von weitem sah man rote Tempelmauern und zwischen hohen Bäumen gelegene weiße Pagoden; näherkommend unterschieden wir viele auf Hügeln verstreute Tempelgruppen, die sich um einen Kessel, in dem die Stadt liegt, gruppierten. Auf einem vorspringenden Rücken lag eine lange Gruppe von Gebäuden mit gelben und blauen Porzellandächern und goldenen Knäufen, es war die Wohnung des Ta-lamas. An den Berghängen lagen unzählige große und kleine flaschenförmige Pagoden; es waren die Gräber der hier verstorbenen Mönche oder Pilger. Überall und überall entdeckten wir weitere Tempelgruppen, und schließlich sahen wir, daß alle das Tal umgebenden Höhen von Tempeln gekrönt waren, was ein ganz reizendes Bild bot.
Ein freundlicher Chinese führte uns zu dem Gasthaus, in dem die Leute sehr entgegenkommend waren; auch hier hielt man mich für einen Amerikaner. Wir bekamen alles, was wir wünschten; ein Schuster flickte meine infolge des vielen Watens durch die Bäche in Brüche gehenden Stiefel. Nach dem Essen ging ich in die Stadt. Über den das Tal durchströmenden Bach geht eine breite Brücke, links liegt ein ummauerter Hain mit Lamagräbern, weiterhin die Ställe der Priester, jedoch ohne Tiere. Es folgen rechts wiederum Tempel, die Anlage ist unregelmäßig; wahrscheinlich ist sie zu verschiedenen Zeiten entstanden. Die Wohnungen der Priester sind höchst schmutzig und verkommen, auch sieht man sehr viele Kranke, besonders scheint eine Augenkrankheit verbreitet zu sein. Sämtliche Straßen sind mit Steinen gepflastert. Ich trat in einen der Tempelhöfe, um mir die Anlage anzusehen. An sich ist sie regelmäßig, die Tempel im Innern wundervoll reich ausgestattet, auf der letzten Terrasse liegt ein über und über vergoldetes Tempelchen, ganz aus Metall erbaut. Ein uralter Priester öffnete es und zeigte uns stolz, wie tadellos sauber es überall darin war. Vor dem Tempelchen steht eine ganz vergoldete Pagode aus übereinander stehenden Kegeln. Ich hatte kein Geld bei mir, es wurde auch kein Trinkgeld gefordert, aber als ich nichts gab, laut hinter mir hergeschimpft. Es regnete wieder sehr viel. Am Abend nach der Rückkehr besuchten mich viele der Priester, beständig Gebete murmelnd und den in den Händen befindlichen Rosenkranz drehend.
Wutaischan ist einer der Hauptwallfahrtsorte der Mongolen; es wird zu jeder Jahreszeit von diesen besucht. Sie beklagen sich meist sehr darüber, daß sie von den Chinesen, deren Land sie zu passieren gezwungen sind, rücksichtslos ausgebeutet werden. Natürlich müssen sie in allen Herbergen Pferdefutter und womöglich noch fürs Tränken zahlen, was draußen in ihrer freien Steppe nichts kostet. Viele alte Leute nehmen ihre letzten Kräfte zusammen, um noch nach Wutaischan zu wandern, hier zu sterben und dann in der geheiligten Erde begraben zu werden. Andere vermachen ihr ganzes Vermögen den Tempeln, um dort leben zu können und so nach dem Tode einen höheren Grad von Glückseligkeit zu erlangen.
Am 13. Oktober morgens regnete es zur Abwechslung wieder einmal. Ich schickte meinen Mafu mit Visitenkarte und Paß zur Polizei, um bei dem Ta-lama einen Besuch machen zu können, mußte mich jedoch gedulden, da es den ganzen Vormittag regnete und schneite und außerdem der Polizeipräfekt ein Langschläfer zu sein schien, der mich ziemlich lange auf seine Karte warten ließ. Gegen drei Uhr nachmittags hörte es auf zu schneien; der Schnee war jedoch liegen geblieben und die Berge ringsum ganz weiß. Die Wolken fingen an zu treiben, und bisweilen hatte man schon Durchblicke. Ich machte mich sofort auf den Weg zu der vorher erwähnten, hochgelegenen Haupttempelgruppe, an deren Eingang ich gleich von einer ganzen Schar Lamas in Empfang genommen wurde. Bereitwilligst wurde mir alles geöffnet und gezeigt. Um alle Tempel herum standen Schiefertafeln mit dankender Erwähnung von Geld spendenden Gläubigen, meistens von Mongolen. Auch hier ist das Tempelinnere außerordentlich prunkvoll, und man sieht wundervolle alte Bronzen und Cloisonnées. Die Priesterwohnungen sind teils recht üppig, teils gleichen sie geradezu Schweineställen.
Schließlich wurde ich noch vom Ta-lama in seiner recht schönen Wohnung empfangen, jedoch Seine Herrlichkeit schien schlechter Laune zu sein, denn trotz meiner vorherigen Anmeldung durch Karte wurde mir nicht einmal Tee angeboten. Der Ta-lama war ein fetter kleiner Mann, in einem dick wattierten, gelben, gesteppten Anzug. Ich beschränkte meine Aufwartung auf nur wenige Minuten und ging dann weiter durch endlose, unendlich schmutzige Gänge, an denen die Lamas in jedem Alter wohnen. Auch Tempelschüler sah ich, die alle, im Gegensatz zu den Priestern, ein frisches und gesundes Aussehen hatten. In einer ziemlich hoch gelegenen Bergspalte wurde mir noch das nie schmelzende Eis gezeigt, das Wunder bewirken und jede Krankheit heilen soll.
Am 14. Oktober morgens hatten wir eine ganz infame Kälte, die Berge ringsum waren mit Schnee bedeckt und unten alles fest gefroren. Ich bezahlte meine recht hohe Rechnung und marschierte durch die Stadt ab. Auch weiterhin liegen an den Hängen überall Tempel und Grabsteinpagoden. Der Anstieg zum Tse-ko-ling-Paß ist sehr steil, und da das Packtier infolge des Glatteises mehrfach versagte, wurde ein mehrmaliger Halt notwendig. Bald waren wir im Schnee und erreichten gegen 11½ Uhr die Paßhöhe, auf der eine hohe Pagode erbaut ist. Auch der Abstieg war sehr steil, und recht allmählich erreichten wir ein steiniges Flußtal, in dessen Grunde ein infolge des Regens ziemlich wasserreicher Bach floß. Wir passierten wenige kleine Dörfer. Bewunderungswürdig ist es, mit welcher Geduld jedes Fleckchen Erde bis hoch hinauf ausgenutzt ist. Die Felsen traten immer näher zusammen und der Weg wurde immer schlechter. Schließlich marschierten wir eigentlich ununterbrochen im Bache. Bei einer besonders schlechten Passage sprang mir mein Pony aufs rechte Bein und trat mir den Absatz herunter. Ich mußte ihn abschneiden, was für das Fortkommen recht störend war. Die Sonne war hinter den hohen Bergen längst verschwunden und vergoldete nur noch die schneebedeckten hohen Kuppen, und noch immer war das ersehnte Yie-tou nicht in Sicht. Wir marschierten so schnell wir konnten, ohne Rücksicht auf Bach und Steine, so daß wir bald bis über die Knie durchnäßt waren; bald trat die Dämmerung ein, und der Vollmond leuchtete uns auf unserm ferneren Wege. Endlich gegen 6 Uhr waren wir an einer Talverbreiterung angelangt und hatten vor uns Yie-tou, das im Mondschein ein entzückendes Bild bot. Die ganze Nacht über war ein ewiges Kommen und Gehen von Maultieren und Eseltreibern mit ihren schellenbehangenen Schutzbefohlenen.
Am 15. Oktober gings weiter nach Nankau, das das breite Quertal abschließt. Ich mußte dorthin, um meine Stiefel reparieren zu lassen, und, o Schreck, wir konstatierten bei dieser Gelegenheit, daß wir uns stark vermarschiert hatten und statt am Westrande am Nordrande des Wu tai schan, östlich von Taitschau, angelangt waren. Wir waren also hinter Wutaischan über den falschen Paß gegangen. Zu ändern war das natürlich nicht mehr, ich konnte nur feststellen, daß die Karte wieder einmal falsch gezeichnet war.
Am 16. Oktober marschierten wir auf dem alten Wege nach Yie-tou zurück und bogen von dort in ein anderes Quertal ab. Wir passierten einen Paß, dessen letzter Anstieg sehr steil mit Felssteinen gepflastert ist; die Krönung des Passes ist ein Tempel, durch den man mitten hindurchreitet. Der Abstieg ist ebenso wie der Aufstieg. Ein Pony verlor sein Eisen, so daß wir ihn nur noch führen konnten, da er stark lahmte. Wieder zogen wir von Dorf zu Dorf, ohne ein Gasthaus finden zu können; endlich kamen wir gegen Abend in Jin-tsia-pu, einem kleinen Neste, bei einem alten Mann unter. Die Leute sind hier ganz unglaublich neugierig; trotz mehrfachen Hinausbringens der ganzen Gesellschaft war binnen kürzester Zeit das ganze Zimmer wieder voll. Es schleicht sich immer einer nach dem andern herein und baut sich auf, um mich mit möglichstem Stumpfsinn anzustarren; jede Bewegung wird beobachtet und bekrittelt und alles befühlt. Vorgestern sollen übrigens drei deutsche Offiziere auf dem Wegs nach Wutaischan hier durchgekommen sein. Am 17., als ich mich gerade erheben wollte, fand ich schon wieder den ganzen Hof voller Neugieriger. In Ermanglung von etwas anderm goß ich mit meinem Waschwasser um mich, was unbedingt zur Abkühlung der Neugierigen beitrug, denn wenigstens für die Zeit des Anziehens hatte ich die Gesellschaft in respektvoller Entfernung. Nachher gab es ein großes Theater, als der Gasthausbesitzer kein Silber wechseln wollte; er spekulierte jedenfalls auf das gezeigte Zweitaelstück. Als ich dieses jedoch ruhig einsteckte und Miene machte, ohne Bezahlung abzuziehen, war sofort kleines Geld da.
Nach Passieren weiterer drei Dörfer fanden wir endlich einen Schmied, der den lahmen Pony, der bisher stets deutsche Eisen getragen hatte, nun auf chinesische Art beschlug. Nach chinesischer Sitte schlug er ihm vorn die Zehe ab, außerdem schien er ihn vernagelt zu haben, denn das Tier ging schließlich noch lahmer als es schon vorher gewesen war. Der alte Meister beschlug es nun noch einmal selbst und behauptete, die Lahmheit würde sich nach kurzer Zeit verlieren. Er behielt Recht, denn nach weiteren drei Kilometern war tatsächlich die Lahmheit weg.
Nach 2½ stündigem Marsch über mehrere Gebirgsketten kamen wir in Wutai Hsien an, das einen merkwürdig sauberen Eindruck machte. Hier wollte uns wieder mal kein Gasthaus aufnehmen, bis schließlich ein Mann uns half, der die vor zwei Tagen hier weilenden deutschen Offiziere gesehen hatte und dem Gastwirt versicherte, daß die Deutschen anständige Menschen wären. Am Abend würdigte mich ein Pekinger Kaufmann der Ehre, mich anpumpen zu wollen, jedoch mit krassem Mißerfolg.
Am 18. Oktober ging es weiter durch fruchtbare Täler über mehrere Pässe nach Tung-ye-tschönn. Wir kreuzten den ungefähr hundert Meter breiten, ganz flachen Hu-to-ho, der zur Bewässerung in unzählige kleine Rinnen abgeleitet wird. Es ging noch über einen letzten Paß, und die ersten Karren zeigten uns an, daß die Ebene vor uns lag. Die Tragetiere mit ihren buntbeputzten Trensen und Halftern verschwanden, ebenso die Steinhäuser, und bald hatten wir den Anblick der üblichen schmierigen Nester mit ihren Lehmbuden. Auch hier war überall die Menge sehr neugierig und nur durch energisches Gießen mit Wasser vom Leibe zu halten. In den Feldern standen merkwürdig viele Peifangs (Grabsteine); sie haben alle dieselbe Form: ein hohes Rechteck mit am Kopf gegeneinander gewandten Drachen mit offenen Rachen. Ich schoß auf 110 Schritte einen großen Bussard. Gegen 5 Uhr waren wir in Tinghsiang, wo die auf der Karte verzeichnete christliche Mission nicht vorhanden ist.
Am nächsten Morgen hatten wir beim Aufstehen ganz dicken Nebel, aber trotzdem marschierte ich gegen 8 Uhr ab, die Richtung nach dem Kompaß nehmend. Wir sahen in den Feldern sehr viele Wildgänse, an die man im Nebel auf ganz kurze Distanz herankam, wobei ich einmal eine schoß. Gegen 11 Uhr verschwand der Nebel, und wir stellten fest, daß wir auf dem richtigen Wege waren. Bald lag Hsintschau vor uns. Wir mußten durch die ganze Stadt hindurch, in deren Hauptstraße eine ganze Menge Verbrecher im Holzkragen, mit Halsring und mit vier Meter langer, schwerer, eiserner Kette auffiel. Es war Markttag und die Straßen sehr belebt; das Volk nahm jedoch kaum Notiz von mir, und nur einige Straßenjungen liefen hinter uns her. Ich ritt zur Mission, in der ich jedoch nur einen chinesischen Pater antraf. Nach zweistündiger Ruhepause gings auf dem breiten, sehr zerfahrenen Hauptwege nach Taiyuanfu weiter. Wir blieben in Ma Hweitschönn über Nacht, dessen Gasthäuser mit einer Schwadron belegt waren, die auf die Ankunft der Frau des Hsintschauer Taotais wartete, um sie in Empfang zu nehmen und weiter nach Hsintschau zu eskortieren. Die hohe Dame hatte einen Ausflug nach Taiyuanfu gemacht; am Abend brachte ein reitender Bote jedoch die Nachricht, daß in Taiyuanfu schwerer Regen gefallen sei und die Taitai nicht komme.
Mein Pony war leider wieder sehr lahm und am nächsten Morgen, dem 20. Oktober, immer noch nicht besser, so daß ich ihm die Eisen abnehmen ließ, was wenigstens momentan Besserung schaffte. Die Leute im Gasthaus hatten mir versichert, daß der Weg sandig wäre, natürlich fiel ich herein, denn nach kurzer Zeit wurde er ganz steinig und schließlich gings über Felsboden. Gegen Mittag passierten wir die Taitai des Mandarins in Begleitung einiger weniger Soldaten; sie mußte nun ohne ihre Ehreneskorte in Hsintschau einziehen. Wir mußten den ganzen Weg die recht müden Ponies führen und noch mehrfach Pausen einlegen, da mein "Franz" über und über schwitzte. Allmählich gings wieder in tief eingeschnittene Lehmschluchten; das Gelände wurde sonst flacher, die Berge traten mehr und mehr zurück. Am Abend kamen wir in Hwangtuschei ganz gut unter.