Im Sattel durch Zentralasien: 6000 Kilometer in 176 Tagen
Part 27
Gleich hinter dem Orte ging es über den Syr darya, der recht unangenehm aussah. Am jenseitigen Ufer standen Reiter, die herüber wollten. Ich dachte: lassen wir die andern die Kastanien aus dem Feuer holen und warten wir ab. Die drüben dachten wahrscheinlich genau dasselbe, saßen ruhig ab und warteten auch. Schließlich stürzte sich ein Kirgise mit einem Handpferde mutig in die Fluten; er war fast drüben, als er auf eine tiefe Stelle geriet; sein Pferd schwamm, das Handpferd dagegen machte sich los und lief weg, aber der Kirgise kam herüber. Nun wußten wir Bescheid und ritten ins Wasser, sorgfältig die schlechte Stelle vermeidend. Nasr ging voran, wurde jedoch immer langsamer. Plötzlich machte sein Pferd kehrt und ich sah schon ein allgemeines pêle-mêle mit den Packpferden folgen; daher trieb ich meinen Schimmel mit der Peitsche so schnell wie möglich nach vorn. Er ging auch willig, doch saß ich mit der linken Seite bis über die Hüfte im Wasser, so mußte er sich gegen den Strom legen; aber ich kam durch. Die Bagage folgte nun schnell. Die Partie am andern Ufer freute sich sichtlich, als ich nur mit einem Stiefel weiter ritt, den andern mit Strumpf hatte ich zum Trocknen auf die Bagage gebunden.
Es ging nun gleich auf steilen, schlüpfrigen Wegen in die grünen Berge, vorbei an einem großen Erdsturz, der vom Erdbeben Ende 1902 herrührte. Gegen Abend kamen wir an ein allein stehendes Häuschen, anscheinend einen Patrouillen-Unterschlupf. Ein höchst verdächtiges Individuum war drinnen, und schließlich kam noch ein ebensolcher Kerl zum Vorschein. Mein Diener bot, ganz gegen seine Gewohnheit, sofort an, nach Kirgisen zu suchen; woran ich merkte, daß er eine Mordsangst vor den beiden hatte; ich ließ ihn aber fortreiten, da hier doch unseres Bleibens nicht war. Er fand auch einige gerade aus Osch gekommene Kirgisen, doch als wir an das Lager kamen, stellte sich heraus, daß wir im Freien schlafen sollten. Ich befahl sofort: Kehrt und zurück, worauf hin allgemeiner Protest folgte. So gingen wir in der Dunkelheit erneut auf Kirgisensuche; denn es sollten noch mehr da sein. Schließlich trafen wir auch noch welche; sie waren schon von weitem an den Lagerfeuern zu erkennen. Die Frau protestierte gegen das Betreten des Zeltes, wir kampierten daher in einem Leinenzelt, welches zum Schutz der noch nicht verstauten Sachen aufgeschlagen war. Man gab uns zum Abendessen warme saure Milch mit gekochtem Reis darin. Ich hatte tüchtigen Hunger und würgte eine große Portion herunter; dann packte ich mich nach Möglichkeit warm ein und schlief recht gut, jedenfalls sehr viel besser, als in der feuchten Höhle in Guldscha.
Am 27. Juni früh brachen wir nach Osch auf. Es gab einige kleine Pässe zu erklettern; nach dreistündigem Marsch hatten wir den großen Hauptweg erreicht und zogen langsam in der glühenden Hitze auf Osch zu, wo wir gegen vier Uhr eintrafen. Es war gerade Basartag und dementsprechend ein unendliches Gewimmel in den Straßen. Wir erhielten jedoch schnell in einem großen, übervollen Gasthaus ein Zimmer mit Ausgang nach dem Garten.
Nasr, der sich in Rußland viel sicherer fühlte, als im Lande der Chinesen, weil er genau wußte, daß der Yamen mich hier nicht mehr unterstützte, wurde immer frecher und fauler. Er kümmerte sich um nichts mehr, kaufte sich für mein Geld Essen, Tee, Brötchen und Früchte und hatte die Unverschämtheit, mich zum Mitessen aufzufordern. Ich sagte nichts, dachte mir aber mein Teil, da ich ihn mit der Ablehnung in Andischan sicher in der Hand hatte.
Was für Schmutzfinken die Türken sind, konnte man hier so recht sehen. Der ganze Wasserbedarf des riesigen Gasthauses wurde aus einer durch den Garten fließenden Wasserrinne, die nicht etwa gemauert war, gedeckt. Diese Rinne durchfloß zwei kleine Bassins, aus denen jeder sein Koch-, Trink- usw. Wasser entnahm, ferner wurde Wäsche darin gewaschen. Jeder Neuangekommene spülte sich darin die Füße ab, und drei Meter oberhalb floß aller Unrat hinein. Und dann wundern sich die Leute, wenn sie nach dem Genuß dieses Wassers krank werden! Die Nacht über fraß mich das Ungeziefer fast vollkommen auf.
Es war früh um 6 Uhr schon glühende Hitze, als wir am 28. Juni zu unserm letzten Marsche auf der langen Reise aufbrachen. Ich hatte eigentlich beabsichtigt, schon um 4 Uhr abzumarschieren, meine Leute waren aber nicht herauszubringen. Zur Strafe gab es nichts zu essen; ich selbst begnügte mich natürlich auch mit einer trockenen Semmel; mir schadet das nichts, die Leute aber sind gar nicht zu gebrauchen, wenn sie sich nicht den Bauch gründlich vollgeschlagen haben.
Der Wirt des Gasthauses hatte meinem Ponytreiber ein Tier gepfändet, weil er seine Rechnung nicht bezahlen konnte. Dabei wußte ich genau, daß der Kerl noch ein Goldstück bei sich hatte, denn ich hatte es im vorletzten Quartier gesehen. Schließlich mußte ich doch einen Rubel herausrücken, um wenigstens das zum Weitermarsch notwendige Tier herauszubekommen. Die Stimmung war allmählich eine derartig gereizte geworden, daß ich alle Augenblicke einen ernsthaften Streit befürchtete; aus diesem Grunde hängte ich mir die Mauserpistole wieder an den Sattel, denn bei diesen verwegenen Menschen ist man seines Lebens nicht sicher. Es war höchst komisch, den gegenseitigen stillen Kampf zu beobachten. Nasr suchte mich auf jede Weise zu schikanieren; dabei war er doch unter allen Umständen der Reingefallene, denn sein Trinkgeld wurde nur immer schmäler.
Wir zogen eine lange, äußerst steinige, mit Baumreihen eingefaßte Landstraße entlang. Die Häuser sind hier schon mit Nummern bezeichnet und ab und zu sieht man russische Firmenschilder und Annoncen. Es war drückend heiß, und bei der entsetzlichen Müdigkeit der Tiere, die nichts Ordentliches zu fressen bekommen hatten, wurde der Weg geradezu zur Qual.
Im chinesischen Turkestan sind Pferde sehr viel billiger, als im russischen Turkestan; daher pflegen die Leute, die mit Karawanen über das Gebirge gehen, in Rußland ihre sämtlichen Tiere zu verkaufen. Daß sie in den letzten Tagen die Tiere nicht mehr ordentlich füttern, ist bei der Herzlosigkeit der Türken gegen ihre Tiere begreiflich. Ich glaube, daß mein Karawan-Baschi die ganze Reise über nicht drei Rubel für Futter ausgegeben hat. Er ließ die Tiere stets nur grasen, und ich mußte hinterher das Trinkgeld an die Kirgisen bezahlen.
Auf dem weiteren Wege begegneten wir mehrfach russischen Damen in Troikas; sie sahen sich erstaunt nach mir um. Gegen 11 Uhr, nach 22 Kilometer Marsch, rastete ich in einem Nest mit Basar, es war dringend nötig für die übermüdeten Tiere; ich mußte wieder für mein Geld Futter kaufen. Die Karren hierzulande sind merkwürdig: sie laufen auf zwei Rädern mit einer Art fester, sich nach vorn verjüngender Plane; bespannt sind sie mit einem in der Schere gehenden Pony. Dieser trägt einen Sattel, auf dem der Kutscher mit hoch angehockten Knien und auf die Scherendeichsel gestellten Füßen sitzt. Vom Karren selbst aus sah ich nicht fahren. Die Frauen gehen sämtlich verschleiert. Nach einer Stunde Rast, während der ich mich an Aprikosen, Äpfeln sowie jungen Gurken delektiert hatte, ging es weiter.
Wir kreuzten noch zwei Hügelreihen und näherten uns allmählich Andischan, das sich durch mehr und mehr vom letzten Erdbeben zerstörte Ortschaften ankündigte. Es sah trostlos aus in diesen Dörfern; die Einwohner wohnten in Strohhütten, in Jurten, und wo sich immer nur ein geschütztes Stückchen Erde bot. Gegen 3 Uhr hatten wir Andischan erreicht. Einige in Trümmern liegende Villen und eine Menge provisorischer Baracken gemahnten mich an die erste Zeit meines Tientsiner Aufenthaltes; es sah hier ganz ähnlich aus. Wie die schönste Opernmelodie tönte mir von weitem der Pfiff und das Stampfen der Lokomotive in das Ohr, ein sehr lange entbehrter Genuss. Kein Mensch konnte uns Auskunft geben, wo Unterkunft zu finden sei. "Sie müssen eben suchen", war die stereotype Antwort, "wir wohnen draußen, es ist alles zerstört." So zogen wir eine ungefähr 300 Meter breite, von hohen Pappeln eingefaßte Straße entlang zum Basar. Auch hier riesiges Gewimmel von kleinen Holzhäuschen, Buden, aber nirgends ein freier Platz. In Zelten war ein Lazarett aufgeschlagen. Alle Gewerbe waren hier eifrig bei der Arbeit, einige Gasthäuser waren schon wieder aufgebaut, und in denselben, hockte auf Filzteppichen, wie überall, die rauchende Nichtstuergesellschaft. Eine Gruppe hübscher Jüdinnen, jedenfalls bucharischer Herkunft, konnte mir in keiner der mir geläufigen Sprachen Antwort geben. Schließlich fragte ich nach den Soldatenbaracken; man wies uns in der Richtung nach dem Bahnhof zurück. In der Nähe des letzteren gelangten wir auf eine Art russischen Basars, auf dem eine Menge russischer und armenischer Kaufleute handelte, zwischen denen viele Soldaten mit ihren weißen, sehr sauberen Uniformen herumspazierten. Ich ließ in einem Teehause abpacken, um mich selbst nach Quartier auf die Suche zu begeben, und fand bald inmitten einer großen Menschenmenge sämtliche Offiziere des hier garnisonierenden Bataillons mit ihren Damen um einen Tisch versammelt, an dem Waren aus einem gerade zusammengestürzten Magazin öffentlich verkauft wurden.
Ich ging heran und stellte mich dem ältesten Offizier auf französisch vor; er verstand mich jedoch nicht. Die neben ihm sitzende Dame aber sprach französisch, und gleich darauf, als ich erklärte, daß ich deutscher Offizier sei, sagte der eine der Offiziere neben mir: "Ich spreche deutsch." Es war der Distrikts-Chef Baron Stackelberg. Ich hatte Glück, denn auf meine Bitte, mir zu einem Quartier behilflich zu sein, drängte sich ein junger Mensch durch die neugierige Menge und sagte: "Ich bin Deutscher, ich werde den Herrn führen." Ich bedankte mich nun bei den Offizieren und ließ mich nach einem Hotel bringen. Dieses war in Barackenstil neu aufgebaut, machte einen sauberen Eindruck und wurde von einem Armenier gehalten. Das Zimmer kostete pro Tag einen Rubel. Ich ließ sofort meine Sachen hierher bringen, packte aus und fühlte mich wieder als Mensch.
Mein neuer Führer nannte sich Modrow, war fünf Jahre russischer Soldat gewesen und augenblicklich hier als Fleischer tätig. Er erwies sich sofort als sehr nützlich, nebenbei war ich mit einem Schlage von dem ganz kleinlaut gewordenen Nasr, der mir bisher als Dolmetscher gedient und sich für unentbehrlich gehalten hatte, ganz unabhängig. Wir wanderten in die Stadt, um Einkäufe zu machen: Wäsche, Stiefel, ein Faß zur Verpackung meiner Sachen, Photographien zum Andenken; es gab alles, aber natürlich zu entsprechenden Preisen. Ich sah ein Stück der Stadt, die im großen Stil, mit breiten langen Straßenlinien und sehr vielen Gärten angelegt ist. Beim Erdbeben sind nur die Kapelle und die einem Deutschen gehörige Bierbrauerei stehen geblieben; letztere machte natürlich jetzt glänzende Geschäfte und verkaufte ein recht angenehmes Bier, für mich seit sechs Monaten wieder das erste. Wir aßen in einer provisorischen Kneipe gut und billig.
Die russische Militärverwaltung hielt alles unter schärfster Kontrolle, und überall herrschte musterhafte Ordnung. Die reichlich vorhandenen Polizeisoldaten mit aufgepflanztem Bajonett sahen auch nicht so aus, als ob sie mit sich spaßen ließen. Sämtliche Preise, sowohl was die Zimmermiete, als auch was den Nahrungsmittel- und Alkoholverkauf anbetraf, standen unter Kontrolle. Viele Wirtschaften durften überhaupt weder Bier noch Schnaps verschänken; gestohlen soll hier so gut wie gar nicht werden, und auch unmittelbar nach der Katastrophe soll, dank dem sofort reichlich hergesandten Militär, keinerlei Unordnung eingerissen sein.
Ich sah noch einen hübschen, großen, öffentlichen Park, in dem abends die Militärkapelle frei konzertierte, als Eröffnungsstück die Marseillaise spielend. In meinem Gasthause wohnte eine ganze Menge zweifelhafter Personen weiblichen Geschlechts. Der Wirt jedoch übte strenge Aufsicht und so lange die Lampen brannten, war keine Annäherung erlaubt. Was nachher geschah, dafür schien er sich weniger verantwortlich zu fühlen, denn er verschwand gegen 10 Uhr.
Am 29. Juni morgens schickte ich meinen Paß zur Polizei, die dann selbst in Gestalt eines Offiziers erschien und meine Angelegenheiten als geordnet bezeichnete. Bis dahin hatte mir mein Wirt nicht recht über den Weg getraut. Zwar hatte mir der "Baron" (Stackelberg) auf offenem Markte die Hand gegeben, auch hatte von mir in der hiesigen "Gazetta" gestanden, aber bis die Polizei nicht ihr endgültiges Urteil abgegeben hatte, schien ihm die Sache doch nicht geheuer. Ich veranstaltete eine Generalrevision meiner Sachen; aus allen, nicht zum Mitnehmen bestimmten wurde ein großes Bündel gemacht, mit dem Modrow zum öffentlichen Verkauf auf den Basar ging. Unterdessen schrieb ich Briefe und Tagebuch, aß zu Mittag bescheiden in einem Garten und brachte dann bei der in einem Eisenbahnwaggon untergebrachten Post meine Briefe unter. Am Nachmittag packten wir Kisten und um 4 Uhr ging ich zum Obersten und zum Distrikts-Chef, um meine Besuche zu machen. Ich wurde liebenswürdig aufgenommen und meist im mangelhaften Französisch von den zugehörigen Damen über meine Reise ausgefragt.
Modrow benutzte den Abend, um sich einen tüchtigen Rausch zu holen; noch am 30. Juni früh war er vollkommen betrunken, außerdem hatte er sich ein blaues, verschwollenes Auge von einer Prügelei mitgebracht. Ich hatte am vorhergehenden Abende übrigens Gelegenheit, mich von der ziemlich laxen Moral des niedrigen Volkes zu überzeugen. Die Zustände grenzen in dieser Beziehung allerdings nahe an das Unmögliche.
Ein Tischler schloß meine Kisten und wir brachten sie zu einem Speditionsgeschäft zum Versenden nach Deutschland. Das Erledigen der Formalitäten dauerte dort so lange, daß ich den einzigen am Tage fahrenden Zug verpaßte und noch einen Tag bleiben mußte. Ich benutzte diesen, um mir die deutsche Brauerei anzusehen und wurde vom derzeitigen Manager, einem Herrn Kilb, sofort sehr freundlich aufgenommen. Die liebenswürdige Familie hielt mich bis zum späten Abend fest, worauf mich der Besitzer in seinem eigenen Fuhrwerk zum Hotel zurückschickte.
Dort überreichte mir mein Diener einen Brief vom Baron Stackelberg. Nasr hatte sich bei der Polizei über mich beschwert und verlangte außer seinem Lohn und den 5 Rubeln Trinkgeld noch fernere 20 Rubel. Nebenbei wurde er unverschämt, und da sich der Gastwirt weigerte, ihn aus meinem Vorzimmer zu entfernen, zog ich es vor, das Hotel zu räumen und nach einem andern, von einem Deutschen gehaltenen Hotel überzusiedeln. Von dort aus schrieb ich an Baron Stackelberg einen Brief mit der nötigen Aufklärung über meinen Nasr und begab mich dann zur Ruhe.
IX. KAPITEL.
Zur Heimat zurück.
Ganz früh schon kam der ausnahmsweise nüchterne Modrow an; ich bezahlte im Hotel meine Rechnung und wollte gerade zur Bahn gehen, als noch Herr Kilb ankam, um mir Lebewohl zu sagen. Dann setzte ich mich in den Zug, der mich in nicht ganz vier Tagen nach Krasnawoldsk brachte. Ich brauchte nur einmal umzusteigen und fand im übrigen die erste Klasse, die man hier benutzen muß, billig und gut. So bezahlte ich für die ganze lange Strecke in der ersten Klasse nur 31 Rubel.
Unterwegs lernte ich mehrfach sehr nette Leute kennen, die stets hilfreich einsprangen, wenn ich darum bat; so einige italienische und englische Kaufleute, späterhin auch ein russischer Offizier, Herr von Bockscha-Roczewski, der mir versprach, mich im Herbst in Deutschland aufzusuchen. Die eingeborene Bevölkerung fand ich im allgemeinen frech und zudringlich, besonders die Sarten fielen mir unangenehm auf. Ich hatte den Eindruck, daß sie von den Russen viel zu gut behandelt werden, während dasselbe Volk jenseits der chinesischen Grenze höflich und entgegenkommend ist, weil es von seinen Unterdrückern, den Chinesen, sehr kurz gehalten wird. So sitzt man z. B. im nicht besonders gut eingerichteten Speisewagen mit allem möglichen schmutzigen Volke zusammen.
Hoch bewunderungswürdig ist das, was die Russen hier in kolonisatorischer Beziehung geleistet haben; überall entlang der durch Steppe, Wüste und zeitweise auch fruchtbare Landstriche führenden Eisenbahn liegen russische Ansiedlungen, die im Aufblühen begriffen sind. Der letzte Teil der Bahn, dicht vor Krasnawoldsk, führt am Kaspischen Meere entlang; im Norden liegen hohe Felswände, während im Süden von der herrlichen blauen See her ein kühler Luftzug nach der langen, heißen Reise Erfrischung bringt. Die Stadt ist am gleichnamigen Golf hübsch angelegt. Mein neuer Freund, der Rittmeister von Bockscha-Roczewski, brachte mich gleich zum Dampfer "Imperatrice", mit dem wir über den Kaspischen See gehen wollten. Während ein anderer Bekannter von der Eisenbahn, ein jüdischer Kaufmann aus Baku, die Billetts und das Gepäck besorgte, stellte mich Herr von Roczewski dem Kapitän vor, mit dem wir einen Willkommenstrunk nahmen. Um 11½ Uhr ging das Schiff ab. Nachmittags setzte leichter Wellengang ein und man sah manche recht beklommene Gesichter. Ich selbst hatte auch eine miserable Nacht, denn mein Mitreisender wollte nicht, daß das Fenster offen bliebe, und ich, der an frische Luft gewöhnt war, kam mir vor wie im Gefängnis. Einer der russischen Offiziere äußerte laut die Vermutung, daß ich ein Spion sei, man müsse mir meinen Paß nachsehen; dabei hatte ich keinen Augenblick ein Hehl daraus gemacht, daß ich deutscher Offizier sei. Die mitreisende Frau eines Generals zeigte mir, wo sie nur immer konnte, recht auffällig ihre Verachtung, jedenfalls galt diese wohl in der Hauptsache dem Kakianzug, nach welchem man mich meist für einen Engländer hielt.
Als ich am 6. Juli morgens aufwachte, stoppte der Dampfer gerade am Kai von Baku; ohnedies hätte der durchdringende Naphthageruch die Nähe der Stadt schon verraten. Ich zog mich an, bezahlte und wanderte mit einem andern Bekannten von der Eisenbahn, einem Herrn von Z., russischer Titularrat, nach dem Hotel de l'Europe; unsere Sachen hatten wir einem französisch sprechenden Kommissionär des Hotels anvertraut. Im Hotel aßen wir für teures Geld recht gut und sahen uns dann Baku näher an. Es bietet bis auf einige Kirchen durchaus nichts von Interesse und macht immer noch den Eindruck einer im Entstehen begriffenen Stadt. Berühmt ist es wegen seiner ewigen Staubstürme, von denen uns gleich eine unangenehme Probe zuteil wurde; es wohnen daher nur Geschäftsleute und Arbeiter hier, und jeder flieht so bald er nur kann den ungemütlichen Aufenthalt.
Gegen 11 Uhr fuhren wir in einer der ebenso gut bespannten wie gefahrenen Droschken zum Nobelschen Naphthawerk, wo wir uns die Fabrikation oder vielmehr die Gewinnung des natürlichen Erdöls bis zum Versand erklären ließen. Eine große Kalamität ist hier die Wasserfrage. Man pumpt Seewasser in die Berge, wo es gereinigt und destilliert wird und als Leitungswasser zurückkommt. Die die Werke besitzenden Gesellschaften bedecken mit ihren Anlagen einen unendlichen Raum. Wir fuhren zum Hotel zurück, aßen dort und befanden uns bald auf der Fahrt nach Batum, passierten am 7. Juli früh Tiflis, von wo aus die herrliche Fahrt durch den Kaukasus beginnt. Bewaldete Hänge, Wasserfälle, Wiesen, Täler, hohe Brücken, Ruinen, große und kleine Ortschaften, alles zog in buntester Abwechslung an uns vorüber. Am Abend fuhren wir dicht am Meere entlang in einer herrlichen Landschaft.
Als wir um 8 Uhr früh in Batum landeten, war uns gerade der Dampfer nach Konstantinopel vor der Nase weggefahren. Ich belegte daher mit meinem Bekannten zusammen auf dem nach Odessa fahrenden Dampfer "Großfürst Konstantin" eine Kabine, um von dort aus Konstantinopel zu erreichen, da wir in Sebastopol auch gerade um zwei Stunden den Anschluß verfehlt hätten. In der Nacht zum 8. Juli ging der Dampfer in See. Als ich an Deck kam, hatten wir Poti bereits hinter uns und fuhren dicht an der Küste entlang, die mit ihren Fischerdörfern, vielen bewaldeten und Schneegipfeln im Hintergrund einen abwechslungsreichen Anblick bot. Die Ausstattung des Schiffes war ganz leidlich; die Kabinen, ebenso wie die Bedienung waren nicht besonders gut, auch war überall Ungeziefer. Unangenehm ist, daß die gesamte zweite und dritte Klasse sich auf dem Promenadendeck der ersten Klasse aufhalten darf, so daß man eigentlich niemals einen freien Platz findet. Ich machte die Bekanntschaft mit Angehörigen einer Rigaer deutschen Schule, die einen Ausflug nach dem Kaukasus gemacht hatte. Eine besonders auffallende Figur auf dem Schiff war ein alter Tscherkessen-Offizier, der nicht weniger als vier Georgenkreuze, die bekanntlich nur für persönliche Tapferkeit verliehen werden, trug. Das Publikum war sonst recht gemischt.
Vorbei an mehreren Badeorten, an dem griechischen Kloster Neu-Athos, erreichten wir am 9. Juli über Noworossisk Kertsch, wo wir ausstiegen und ein sehr schönes Bad nahmen. Am 10. Juli, bei ebenso schöner Fahrt -- es war ähnlich wie am Mittelländischen Meer -- gelangten wir bis Feodosia, einer im Aufblühen begriffenen, hübsch angelegten kleinen Stadt. Das Meer war stets glatt, oft von Delphinen belebt. Am 11. Juli früh waren wir in dem nach Norden zu geschützt gelegenen Yalta, welches infolge seines milden Klimas besonders als Zufluchtsort für Lungenkranke aufgesucht wird. Dann fuhren wir weiter nach Sebastopol, in dessen Hafen bereits viele Kriegsschiffe zu den Herbstübungen versammelt waren. Viele Leute behaupteten, sie lägen unter Dampf, um sofort nach Konstantinopel fahren zu können. Vom Hafen aus kann man den internationalen Friedhof, den Malakoff und die andern bekannten Orte sehr gut sehen. Ich machte einen Spaziergang durch die Stadt und besuchte die Begräbnisstätte der im Krimkriege gefallenen Admiräle und Generäle, ebenso das Museum, das viele Andenken an den blutigen Feldzug birgt.
Unsere Weiterfahrt brachte uns ziemlich starken Seegang, so daß das Deck bald geräumt war; nur ganz wenige seefeste Leute, darunter ich, blieben oben. Man konnte unter den Passagieren allerhand spaßige Beobachtungen machen. So lernte ich einen deutsch sprechenden Reisenden kennen, der, nachdem er mir die Seele aus dem Leibe gefragt hatte über meine Reisen, meine Stellung als Offizier usw., mir schließlich seine Tochter mit 100 Mille Vermögen zur Heirat anbot und obendrein noch sehr erstaunt war, als ich lachend abschlug. Er hatte geglaubt, ich würde sofort zugreifen und wollte mich gleich mitnehmen, um mich mit seiner Familie in Odessa bekannt zu machen. Einem andern Russen, der Adelsmarschall irgendeines kleinen Kreises bei Kiew war und vorzüglich englisch sprach, schloß ich mich an, da er auch einen Tag in Odessa zu bleiben beabsichtigte und ich infolge meiner Unkenntnis der russischen Sprache auf die freundliche Unterstützung meines Mitreisenden angewiesen war.