Im Sattel durch Zentralasien: 6000 Kilometer in 176 Tagen
Part 26
Ich war trotz meiner Pelzsachen total durchgefroren, und es schien mir recht lange zu dauern, bis mein in die Station vorausgeschickter Diener zurückkam; endlich erschien er in Begleitung eines untergeordneten Angestellten, dem ich den Brief aus Kaschgar für den Kommissar, ferner meinen Paß und mein Tientsiner Begleitschreiben vom russischen Konsulat zur Aushändigung an Herrn Jusefowitsch übergab. Er ging zurück, kam aber bald wieder mit dem kurzen Befehl: "Alles öffnen." Da man mir in Kaschgar versichert hatte, daß dies nicht nötig sein würde, verlangte ich den Kommissar selbst zu sprechen. Aber als er kam, sah ich an seiner Nase bald, was die Glocke geschlagen hatte; nebenbei roch er stark nach Fusel. Er gab mir freundlich die Hand und versetzte in demselben Augenblick meinem Diener, der ihn nicht verstand, eine Ohrfeige. Das war mir zu bunt, und ich fuhr ihn gründlich an. Darauf wurde er sehr höflich und ging zurück, kam aber bald wieder in Begleitung eines in ebenso vorgeschrittener Stimmung befindlichen Kosakenoffiziers und eines Zivilisten. Ich hatte mittlerweile alles öffnen lassen, und die Angestellten des Zollamts kramten jede Kleinigkeit durch, fanden aber tatsächlich nichts zu verzollen. Der Zivilist sprach mich französisch an, stellte mir den Kosakenoffizier, einen alten verwitterten Haudegen, vor und bat mich im Namen des Herrn Jusefowitsch, doch mit in seine Wohnung zu kommen. Ich lehnte ab, ersuchte ihn, Herrn Jusefowitsch mitzuteilen, daß ich mich sofort beim Gouverneur in Taschkent beschweren würde, falls er noch einmal ohne Grund meine Leute schlüge, und bat gleichzeitig um Aufklärung, warum man mein Gepäck trotz des Schreibens des Kaschgarer Zollamtes durchsuchte. Man brachte mir sofort ein Plakat in allen Sprachen und meinte, meine Sachen hätten keine Plomben; das ließ sich allerdings nicht leugnen, und da die Leute sonst wirklich freundlich waren, ging ich mit ins Haus, wo ich natürlich auf dem Tisch die Wodka-Flaschen vorfand. Alles Sträuben half nichts, ich mußte daran glauben. Ich wußte ganz genau, welchen entsetzlichen Jammer ich am nächsten Morgen haben würde, zumal ich seit einem halben Jahre überhaupt keinen Alkohol getrunken hatte. Aber da zuerst die Gesundheit des Deutschen Kaisers ausgebracht wurde, mußte ich austrinken. Ich erwiderte sofort mit einem Toast auf den russischen Zaren. Die Russen hatten zuerst meine auf den Zaren in französischer Sprache gesprochene Rede nicht verstanden und machten faule Witze. Als der Zivilist ihnen dann meine Worte übersetzte, sprangen sie bestürzt auf und brachen in ein endloses Hurra aus. Ich bekam darauf von jedem nach russischer Sitte einen Kuß. Weiter kam die Gesundheit der Eltern, die eigene, gute Reise usw. usw., und immer mußte ausgetrunken werden. Der gute Kosakenoffizier leerte, um seinen guten Willen zu zeigen, stets ein halbes Wasserglas, während ich noch bei den kleinen Schnapsgläsern zu mogeln suchte. Schließlich bekam er das heulende Elend und prügelte sich mit dem Zollkommissar, welche Gelegenheit ich benutzte, um zu entschlüpfen und mir den wirklich wunderbaren Sonnenuntergang anzusehen. Bald waren sie alle auf der Suche nach mir, ich mußte zurück; für Wodka dankte ich, bekam aber eine vorzügliche Bouillon und Hammelgehirn und ging, sobald die beiden sich von neuem prügelten, schlafen.
Am 22. Juni erwachte ich natürlich mit einem entsetzlichen Brummschädel. Mein Diener hatte schon alles aufgepackt; ich bekam bei Herrn Jusefowitsch, dem der Wodka vorzüglich bekommen zu sein schien, Tee mit Fergana-Rotwein darin vorgesetzt. Dann verabschiedete ich mich von dem gutherzigen Menschen und ritt mit dem Zivilisten, einem Moskauer Kaufmann, ab, am südlichen Rande des Alai-Tales, also am Nordhange des Trans-Alai-Gebirges entlang. Nach einer Stunde Marsch kreuzten wir das hier schon ziemlich breite und teilweise Wiesengrund zeigende Tal und kletterten nun in die nördlich gelegenen, mit Schnee bedeckten Berge, die recht steile Hänge hatten. Dazu setzte der Wind von Westen, also gerade von vorn, ein; es war mehr als ungemütlich. Nach weiteren zwei Stunden Marsch kamen wir an die Schneegrenze, dafür taute aber die Sonne die obere Schneeschicht auf, so daß das Reiten mehr einem Schlittern glich. Dort, wo der Schnee nicht hoch lag, marschierte man im knietiefen Schlamm, dort, wo er zusammengeweht war, fiel man alle Augenblicke in ein Loch. Dabei mußte man sich noch fortgesetzt vorsehen, daß man nicht in eine der durch Schmelzwasser entstandenen Bodensenkungen rutschte. Um uns herum pfiffen die Murmeltiere; einmal sahen wir weit entfernt zwei Tiere grasen, die wir für Steinböcke hielten. Beim Heranpirschen stellte sich aber mit Hilfe des Zeiß heraus, daß es zwei entlaufene Pferde waren, die sehr scheu waren und sofort wegliefen. Ich merkte bei dieser Gelegenheit die Wirkung der Höhe, etwa 3600 Meter; ich bekam Herzklopfen und Atemnot und mir zitterten die Hände so, daß ich den Karabiner kaum halten konnte. Mein Diener und mehrere andere bekamen Nasenbluten. Fußgänger, die sich uns angeschlossen hatten, spannten aus und konnten nicht mehr weiter.
Um 12 Uhr erreichten wir eine Paßhöhe, wo eine Kaufmanns-Karawane im Schnee biwakierte. Wir nahmen dankbar eine Tasse Tee, Brot und Fleisch an, während die Bagage weiter vorausmarschierte. Beim Weitermarsch versuchte ich, auf Murmeltiere zu schießen; die drei ersten schoß ich nur krank, so daß sie im Bau verschwanden, trotzdem jedesmal sehr reichlich Schweiß im Schnee war. Ich merkte dabei, wie unsicher ich schoß, wenn ich auch nur zehn Schritte gegangen war; daher schoß ich die nächsten Tiere stets direkt am Pferde stehend. Außerdem beobachtete ich, daß krank geschossene Tiere, die nicht einen Kopfschuß hatten, jedes Mal unrettbar im Bau verschwanden. Ich schoß nun einige Male vorbei, denn das Ziel ist recht klein, und man muß schnell schießen, wenn sie den Kopf aus dem Bau herausstecken, aber ich erlegte doch schließlich drei Tiere, die alle gut im Fell waren, sie hatten auffallend lange Schneidezähne und gut entwickelte Grabepfoten. Die Tiere sind sehr possierlich; weiterhin trafen wir eine solche Unzahl und sie waren so vertraut, daß sie mir leid taten und ich keine mehr schoß. Das eigentümliche Pfeifen tönte dauernd von allen Seiten.
Mittlerweile hatten wir die Karawane längst aus den Augen verloren und eilten ihr in dem knietiefen Sumpf so schnell als möglich nach. Es war drückend heiß geworden, und ich packte nach chinesischer Sitte schließlich alles, was ich an Pelz usw. an mir trug, bis auf die Lederweste, auf den Sattel. Als wir den letzten Berg hinter uns hatten und in das wellige Alai-Hochtal eintraten, war kein weißes Fleckchen mehr zu sehen, alles prangte im schönsten Grün, im Süden begrenzt durch die weißen Trans-Alai-Berge; ein herrlicher Anblick. Weniger schön war es, daß wir nichts von unserer Karawane entdecken konnten. An den Spuren stellten wir fest, daß zwischen den Pferdespuren diejenigen von einem Esel und einem barfüßigen Menschen waren, also waren wir vielleicht auf falschem Wege; es wurde 5 Uhr, die Pferde kamen vor Müdigkeit kaum noch vorwärts. Ich ritt auf einen inmitten des Tales sich erhebenden, einen guten Überblick bietenden Felsen zu und erkletterte die Spitze, um mit dem Zeiß zu erkunden, wo die Karawane steckte. Das famose Glas zeigte mir bald drei ziemlich gleich aussehende Trupps; einer nach Osten marschierend kam nicht in Betracht, ein zweiter nach Westen ziehender mitten im Tale hatte, wie ich ganz deutlich sah, keine Schimmel, also konnte es sich nur noch um den im letzten Moment entdeckten, gerade in den nordwestlichen Bergen verschwindenden, sehr weit entfernten handeln. Es war höchste Zeit, denn die Sonne tauchte gerade hinter die Berge.
Ich nahm mir als Artillerist einen genauen Marschrichtungspunkt mit Zwischenpunkten und dann ging es los, so schnell, als die sehr müden Tiere vorwärts konnten. Sobald wir in die noch etwa 7 Kilometer entfernte Gegend kamen, wo ich die Karawane gesehen hatte, suchten wir wie die Indianer eine ganze Zeit lang an feuchten Stellen nach den Eindrücken der Hufe. Aber, o weh, es waren wieder die Eselhufe und der barfüßige Menschenfuß dazwischen! Doch, was war zu machen, wir wollten doch wenigstens abends bei Menschen landen, um Feuer, Holz und Kochgelegenheit zu haben. Ich vergaß zu erwähnen, daß im ganzen Alai-Tal keine Kirgisenhütten zu sehen waren; die Kirgisen kommen erst ungefähr vierzehn Tage später hierher. Die Pferde führend und scharf auf die Spuren achtend, überschritten wir einige kleinere Pässe und kamen schließlich an einen Punkt, wo die Spuren sich teilten. Beide Spuren zeigten Eselhufe; der barfüßige Mensch schien mittlerweile an den Füßen gefroren zu haben, seine Fußspuren waren nicht mehr zu entdecken. Wir wählten die nach rechts laufende Spur und bald machte mich mein Diener auf eine Rauchsäule aufmerksam, die hinter einem Hügel hervorkam; also endlich waren wir am Lager, und nach Passieren einer Ecke hatten wir ein Biwak von aus Kaschgar nach Andischan ziehenden Baumwoll-Kaufleuten vor uns; unsere Karawane war nicht dabei.
Wir wurden freundlich willkommen geheißen und suchten nun so gut wie möglich unterzukommen. Den Pferden wurden die Vorderbeine gekoppelt, dann wurden sie zum Grasen geschickt. Durch einen glücklichen Zufall hatte mein Diener gerade an diesem Tage die großen Packtaschen auf sein Pferd genommen und wir fanden darin eine Kleinigkeit zu essen, so daß wir wenigstens nicht zu hungern brauchten. Für Geld und gute Worte bekamen wir ferner einige uralte Brötchen, heißes Wasser und einen Jungen zum Helfen. Ich borgte mir zwei der großen flachen Baumwollballen und schlug auf diesen mein Lager auf. Um 10 Uhr wurde gefuttert, dann legte ich mich schlafen. Was an Sachen da war, hatte ich angezogen; zwei Hemden, zwei Paar Strümpfe, Lederweste, Rock und Regenmantel, so daß ich über Nacht nicht sehr fror, trotzdem es empfindlich kalt war. Dummerweise versäumte ich aber, mir den Baschlik über den Kopf zu ziehen und erfror mir die Backen, die Nase, Kinn und Lippen; sie brannten mir bald wie Feuer und wurden purpurrot. Ich hatte zum Schutz gegen die teilweise recht verdächtig aussehende Gesellschaft meinen geladenen Karabiner im Arm; er wurde aber nicht notwendig. Von drei Uhr morgens ab wurden die Hengste wieder lebendig und fingen an, sich mit dem üblichen Geschrei zu balgen, dazu schneite es leicht, so daß an schlafen nicht mehr zu denken war. Alles war dick bereift und das Wasser des kleinen Bachs im Grunde vollkommen gefroren. Eigentlich ist es merkwürdig, daß ich die Kälte so wenig spürte; es war aber vollkommen windstill, und bis auf die erfrorenen Stellen im Gesicht fühlte ich mich ganz wohl. Zum Frühstück gab es heißes Wasser mit hineingebrocktem Weißbrot. Den Pferden ging es weniger gut, sie waren sehr abgefallen; das eine, ein noch sehr junges Tier, wollte den Mais, den ich für schweres Geld erstanden hatte, nicht einmal fressen. Die Leute satteln überhaupt nicht ab, einesteils der Kälte wegen -- die Packsättel sind riesig groß und gewähren etwas Schutz -- andernteils der Druckstellen wegen. Auch mein Diener wollte um keinen Preis absatteln, wurde aber von mir dazu genötigt.
Nachdem ich die Gesellschaft photographiert hatte, zogen wir ab, und zwar auf der zweiten gestrigen Fährte, die bald in einen weiten Wiesenplan führte. Dort trafen wir eine seit gestern Mittag lagernde Gesellschaft, die nichts von unsern Leuten gesehen haben wollte. Sie konnten uns auch nicht über den ferneren Weg nach dem Talldikpaß orientieren, nur die ungefähre Richtung wußten sie anzugeben; diese schlugen wir dann auch ein. An einem Kreuzungspunkt von mehreren Tälern veruneinigte ich mich mit meinem Diener, der im höchsten Grade schlechter Laune war. Als ich ihm jedoch den Vorschlag machte, ihn auf der Stelle abzulohnen und uns zu trennen, hielt er es doch für geraten, mit mir weiter zu gehen und verhielt sich von da ab still. Wir nahmen von den uns zur Verfügung stehenden Tälern den Weg zur Linken, den ich für den richtigen hielt; wie sich später herausstellte, hätten wir sogar noch mehr links ausbiegen müssen. Es ging in die Berge, der Weg wurde immer kleiner, schließlich ging er meist in einem Bach und nur zuweilen waren noch einige Spuren am Ufer sichtbar.
Mit einem Male standen wir an der Schneegrenze vor einer unübersehbaren Schneewand, die unten Eis zeigte, also einem Gletscher. Wir konnten nicht weiter, und ich kam zu der Überzeugung, daß wir die ganze Zeit, anderthalb Stunden lang, auf einem stark ausgetretenen Hirschwechsel geritten waren. Von allen Seiten höhnten uns die pfeifenden Murmeltiere; auch weiße Finken, Wildtauben und Dohlen gab es in dieser beträchtlichen Höhe von etwa 4000 m noch. Ein Entenpärchen strich im Tal entlang, und hoch oben zogen Bussarde ihre Kreise. Mit schwerem Herzen entschloß ich mich, umzukehren und denselben Weg zurückzureiten. Es war drückend heiß geworden. Schließlich entdeckte ich mit Hilfe des Zeiß weit unten im Alaitale Menschen; also dorthin, denn das unnütze Herumirren führte zu nichts. Als wir die Leute anhielten und ausfragten, zeigte es sich, daß sie zu denen gehörten, die wir früh morgens lagernd getroffen hatten; sie gingen ebenso wie wir nach Andischan und hatten uns offenbar am Morgen falsch gewiesen. Sie entschuldigten sich damit, daß sie es selbst nicht besser gewußt und erst von andern Leuten Auskunft über den einzuschlagenden Weg erhalten hätten. Wir schlossen uns ihnen an, ließen über Mittag die Pferde eine Stunde grasen und frühstückten spärlich etwas uraltes Brot, an dem man sich die Zähne ausbeißen konnte.
Gegen 1 Uhr gelangten wir an den Anfang eines Fahrweges mit russischen Bezeichnungen an den Pfählen; es war der große Weg nach Osch über den Talldik, nach Sven Hedin 3537 m. Er war recht belebt, man sah Kaufleute, ab und zu Kosaken und auch eine Menge zu Fuß gehende Leute, die teils nach Kaschgar, teils nach der andern Seite, gen Andischan wanderten. Die Straße steigt in Serpentinen an den Talhängen hoch zur Paßhöhe; von der Schneegrenze ab war sie teilweise durch große Schneemassen gesperrt, so daß man sich selber einen Weg am jenseitigen Hange suchen mußte. Das Schmelzwasser schadet der Straße sehr, die ein hübsches Stück Arbeit gekostet haben muß und ein Wahrzeichen des russischen Vordringens in Zentral-Asien ist; ganze Strecken sind unterwaschen oder weggerissen.
Nach anderthalbstündigem Steigen hatten wir die Höhe des Talldik erreicht. Hier ist eine Plattform geschaffen, in deren Mitte an einer Stange zwei eiserne Inschrifttafeln angebracht sind. Man hat eine herrliche Aussicht von dort oben nach beiden Seiten. Der Abstieg ist ebenso wie der Aufstieg. Die Karawanen benutzen kaum den neuen Weg, sondern krabbeln lieber auf den alten, schmalen Saumpfaden entlang. Übrigens entdeckte ich im Schnee Räderspuren, also muß ein Wagen über den Paß gefahren sein, was immerhin eine Leistung ist. Je tiefer wir auf den Serpentinen kamen, desto romantischer wurde die Umgebung. Man sah an den Abhängen Knieholz, und auf den Uferwiesen des Baches wuchs herrliches Gras. Die Karawanenführer hatten Mühe, ihre Tiere davon abzuhalten. Zwei- oder dreimal hörten wir von Heraufmarschierenden, daß sie früh morgens meine drei Bagagetiere im Marsch gesehen hätten. Unsere beiden Pferde waren sehr müde und auch Nasr klagte über alle möglichen Schmerzen, die er sich wohl beim Biwak zugezogen hatte, so daß ich beschloß, bei der ersten, nicht mehr weit entfernten Kirgisen-Jurte zu übernachten.
Gegen fünf Uhr erreichten wir eine Mulde mit herrlichem Grase, auf der gerade aus Osch kommende Kirgisen ihre Jurten aufschlugen. Sie befanden sich zu dieser Zeit auf dem allmählichen Vormarsch zu den schönen Weiden des Alai. Im September wandern sie dann ebenso in Etappen nach Osch zurück. Wir kamen schnell und gut unter. Gegen Abend gab es Asch[5], dazu frische Yakmilch. Nasr war gänzlich unbrauchbar, er schien etwas Fieber zu haben und glaubte sich aus diesem Grunde noch berechtigt, unverschämt zu werden.
[5] Asch = in Hammelfett gekochter Reis.
Am 24. Juni brachen wir sehr früh auf. Das Tal erweiterte sich zu einem weiten Wiesenplan, auf dem überall Kirgisen-Jurten standen und Yak-, Hammel- und Ziegenherden weideten. Wir begegneten etwa 50 Kosaken, die zur Ablösung der Kaschgarer Konsulatswache dorthin zogen. Nasrs Zustand verschlimmerte sich heute; er verlor ganz und gar den Kopf und wollte durchaus nach Kaschgar zurückwandern. Als ich ihm das Unsinnige dieser Absicht vorhielt, heulte er wie ein kleines Kind, bestand auf seinem Vorhaben und wollte nicht einmal Geld von mir nehmen. Schließlich überredete ich ihn doch, mit nach Andischan zu gehen, da ich ihn in diesem Zustande nicht allein zurückkehren lassen konnte. Wir passierten zweimal Felsdurchbrüche des Syr darya. Das Tal verbreiterte sich allmählich, der Flußlauf selbst ist tief eingeschnitten.
Auf einem Wiesenplan stießen wir endlich auf unsern Karawan-Baschi mit seinen Tieren, der ganz vergnüglich bei meinem Gepäck lagerte, unschuldig wie ein Kind tat und gar nicht auf den Gedanken gekommen war, auch nur eine Minute auf uns zu warten. Sonst war alles in schönster Ordnung. Leider fing es an zu regnen, ich wollte aber noch nach Guldscha weiter und ließ deshalb aufpacken, obgleich mir kein Mensch angeben konnte, wie weit es eigentlich bis dort noch war. Schließlich, als es vom Himmel wie mit Kannen goß, krochen wir doch gegen drei Uhr bei Kirgisen unter, die behaupteten, es sei nur noch vier Kilometer bis Guldscha. Indessen konnte es mir gleichgültig sein, denn mit meiner Bagage hatte ich hier alles, was ich brauchte. Bei den Kirgisen kaufte ich für billiges Geld kleine Webereien aus Kamelwolle, die man nur vereinzelt in den Jurten fand; sie sind stets von der Hausfrau selbst geknüpft. Leider sind von den vier von mir erstandenen Stücken nicht zwei im Muster gleich. Den ganzen Nachmittag regnete es lustig weiter. Nasr litt an Fieber und Durchfall; ich gab ihm Kalomel und später Chinin, was die erwünschte Wirkung hatte.
In einer solchen Kirgisen-Jurte ist es ganz gemütlich. Draußen grunzen die Yaks, blöken und meckern Schafe und Ziegen. Zuweilen bekommt man einen Spritzer durch ein Loch in der Filzbekleidung, aber das in der Mitte lodernde Feuer hält alles warm und trocknet schnell ab. Natürlich schläft man nachts mit der ganzen Familie in einer Jurte. Stets sind mehrere Weiber und eine Menge Kinder mit im Zelt, was aber keinen stört; es sind eben noch Naturmenschen.
Gegen 6 Uhr morgens marschierten wir weiter. Nach vier Kilometern hatten wir das vermeintliche Guldscha erreicht. Es war nur ein Kosakenposten, der in der Einmündung des Weges vom Terek davon aufgestellt und in einigen Baracken untergebracht ist. Den ganzen Tag begegneten uns Kirgisenfamilien, die mit ihrer ganzen Habe nach dem Alai zogen. Es war das bunteste und farbenprächtigste Bild, das ich je gesehen habe, leider etwas durch den ununterbrochen fallenden Regen beeinträchtigt. Den Zug jeder Familie eröffnete eine auf einem Pony reitende Frau, die ein Kamel führte. So folgte eine Reiterin der anderen, jede ein Kamel an der Hand. Schon Jungen und Mädchen von vier Jahren sind beritten; dazu kommt noch die bunte Ausstattung. Die Reittiere der Frauen sind vollkommen in rotes Zeug eingekleidet, ungefähr so, wie wir unsere Rennpferde eingepackt zur Morgenarbeit schicken. Die Satteldecken sind reich bestickt, über diese liegen noch Teppiche. Trensen, Vorder- und Hinterzeug haben Silberbeschlag; die Bügel sind schwer versilbert. Die Frauen und besonders die erwachsenen Mädchen sind in vollem, höchst buntem Staat, die Mädchen mit merkwürdigen Kappen, die mit Silber- und Korallenketten verziert sind, welche über das Gesicht fallen, die Frauen in der typischen weißen Haube mit zwei durch Silberbeschlag verzierten Korallenketten, die zu beiden Seiten des Kopfes herabhängen. Die Säuglinge -- eine Frau ohne solchen sah ich kaum -- werden in einer kleinen Wiege mit Überzug vorn auf den Sattelknöpfen transportiert. Die Füllen werden an den Schweif der zugehörigen Mutter gebunden, die jungen Kamele laufen an reich gestickten Halftern an der Seite ihrer Mütter. Manche waren mit Hals- und Rückenschutzdecken versehen. Die Kamele tragen den Hausrat, über dem stets einer der von uns so sehr geschätzten herrlichen Teppiche befestigt ist, an beiden Seiten bis zur Erde reichend. Hinterher kommen dann, von den berittenen Männern und größeren Jungen getrieben, die Pferde, das Rindvieh und die Schafherden, unter letzteren meist einige Ziegen. Die besonders schwachen Füllen, Kälber oder kleinen Hammel werden vorn über den Sattel gelegt. Die Männer führen stets einen langen Stock zum Treiben. Manche hatten an diesem Stock eine lange Schlinge zum Einfangen der Tiere. Natürlich gehören zu jeder Herde mehrere Hunde.
So zogen sie vorbei, Karawane auf Karawane in unübersehbaren Reihen, Tausende und aber Tausende von Haustieren nach dem Nahrung spendenden Alai treibend. Den ganzen Tag über ging das fort, und wenn es auch stets dasselbe Bild blieb, so war es doch immer wieder infolge seiner Farbenpracht interessant; Zirkus Busch könnte unbedingt eine Zugnummer daraus machen. Leider regnete es -- wie gesagt -- wie mit Bindfäden, und der bergauf und bergab gehende, mehrfach den Syr darya auf Holzbrücken kreuzende Weg glich einem tiefen Sumpf.
Gegen 3½ Uhr waren wir an dem Talkessel, in dessen Mitte Guldscha liegt, angelangt. Man bemerkt hier schon die ersten Vorbereitungen zum Telegraphenbau nach Irkechtam, außerdem sah ich Eisenbahnmaterial in Menge anfahren. Sollte Rußland etwa seine strategischen Bahnen bis hierher ins Gebirge verlängern wollen? Wir ritten zwischen den einstöckigen, hübsch angelegten Kasernen der Garnison durch nach dem dicht dabei gelegenen Basar oder vielmehr nach dem Schmutzloch, das sich Basar nennt. Nach einigem Suchen bekam ich glücklich einen dunkeln Raum ohne Fenster, in einem Torweg gelegen. Zum Trost hielt wenigstens das Dach dicht. Mein sämtliches Gepäck war vollständig durchnäßt, und dabei regnete es ununterbrochen weiter. Mein Zimmer war derartig feucht, daß die Tropfen an den Wänden herunterliefen.
Auch am 26. Juni regnete es noch; der feuchte Raum verstimmte mich derart, daß ich nichts mehr essen konnte und zur geringen Freude meiner Leute befahl, daß aufgebrochen werden sollte. Um 2 Uhr hörte es auf zu regnen, und um Punkt 3 Uhr marschierten wir bei schönster Sonne, allerdings im knietiefen Sumpfe, ab.