Im Sattel durch Zentralasien: 6000 Kilometer in 176 Tagen

Part 25

Chapter 253,191 wordsPublic domain

Ein entgegengesandter Mann vom Taotai-Yamen übernahm nun die Führung und brachte uns nach einem Serail nicht weit vom russischen Generalkonsulat. Es war nur ein ganz kleiner Raum, aber kühl und schattig, und besonders bestach mich der gute Stall. Kaum war ich im Gasthause, als auch schon mit oben erwähnten Diener ein Brief von Colonel Miles eintraf, ich möchte sofort kommen und bei ihm Wohnung nehmen. Ich konnte nur antworten, daß ich infolge meines wenig schönen Anzuges nicht wagen könnte, mich augenblicklich sehen zu lassen. Der liebenswürdige englische Offizier, der hier militärisch-politischer Agent ist, kam nun selbst, um mich zu holen. Ich leistete seiner Aufforderung selbstredend sehr gern Folge. Die Pferde blieben in dem Gasthause. Oberst Miles bewohnte eine schöne, große Gebäudegruppe, die sehr hoch und vollkommen fieberfrei gelegen war. Die Gebäude waren im europäischen Stil, natürlich unter Berücksichtigung des heißen Klimas, erbaut worden, und zwar für den Vorgänger des Obersten, einen Mr. Macartney.

Ich meldete mich nun brieflich sofort bei dem russischen Generalkonsul, Exzellenz Petrofsky, "dem König von Kaschgar", an, mit der Bitte, mir eine Zeit zu bestimmen, wann ich meinen Besuch machen könne. Endlich kam auch meine Karre an. Spaßig war es, die Neugierde meines Chinesen zu beobachten, der noch nie ein europäisches Haus gesehen hatte. Ich bekam im Garten ein sehr hübsches Zimmer angewiesen und packte meine sämtlichen Sachen aus, lohnte meine Begleiter ab und erhielt bald vom Generalkonsul die Antwort, daß ich jederzeit zwischen 10 und 12 Uhr willkommen sei. Da es mit meiner Toilette ziemlich übel bestellt war, half mir mein Gastfreund in der liebenswürdigsten Weise mit der seinigen aus. Ich erhielt einen Kakianzug, einen weißen Anzug und Wäsche und sah schließlich vollkommen wie ein englischer Offizier aus.

Wir saßen den ganzen Abend zusammen, und ich erzählte von meiner langen Reise. Schließlich geleitete er mich zu seinem mitten im herrlichsten Garten gelegenen Zelt, das er mir zum Schlafen anwies. Überall durch den Garten, der viele schattenspendende Bäume hat, fließt in kleinen Rinnen Wasser, so daß es angenehm kühl ist. Von seiner Terrasse ans genießt man eine entzückende Aussicht auf die Berge. Die ganze Anlage liegt so hoch, daß Moskitos nicht mehr herkommen. Ich schlief zum erstenmal seit langer, langer Zeit im weiß bezogenen Bette und war sehr erstaunt, als ich am nächsten Morgen um 8 Uhr von Colonel Miles geweckt wurde.

Ich benutzte den Morgen des 12. Juni, um im Gasthause meine Pferde zu besichtigen, ließ mir von einem Schneider Maß zur Wäsche nehmen, meine Uhr reparieren usw. Am 1. Februar, 10½ Uhr, wanderte ich zum russischen Generalkonsulat, wo mir gleichfalls eine ganz reizende Aufnahme zuteil wurde. Der Generalkonsul kam mir mit einer Liebenswürdigkeit entgegen, die ich niemals erwartet hätte. Ebenso nett und liebenswürdig war sein Sekretär, Herr Lavroff. Exzellenz Petrofsky, dem schon Sven Hedin ein so glänzendes und wohlverdientes Denkmal in seinem großen Werke gesetzt hat, ist hier schon seit vielen Jahren Herrscher, denn dieses Wort paßt allein auf seine Stellung. Man spricht jetzt viel von seiner Ablösung, infolge zu hohen Alters. Ich glaube, daß Rußland, wenigstens augenblicklich noch, einen Mißgriff tun würde, den hohen Herrn hier wegzunehmen; denn von einem Abnehmen seiner Kräfte habe ich in keiner Beziehung etwas gemerkt, im Gegenteil, mir imponierte seine Geistesfrische, die Lebhaftigkeit seiner Auffassung und sein hohes Interesse für alles und jedes außerordentlich. Ich konnte kaum noch einen Wunsch oder auch nur eine Bitte äußern, so war sie schon erfüllt, und ich möchte hier in diesen Zeilen noch einmal meiner großen Dankbarkeit für die viele, mir erwiesene Güte Ausdruck geben.

Exzellenz Petrofsky übernahm sofort meine Telegramme in die Heimat, eines an meine Eltern, mit der Mitteilung meiner Ankunft in Kaschgar und eines an meine vorgesetzte Behörde in Berlin, auf dem russischen Staats-Telegraphen. Kosacken ritten umgehend mit den Telegrammen nach Guldscha -- über 300 Kilometer --, von wo aus sie der Draht in die Heimat beförderte. Ebenso meldete ich meine Ankunft in Kaschgar an meinen Kommandeur in Tientsin, General-Major v. Rohrscheidt, auf dem gerade heute ausnahmsweise funktionierenden chinesischen Telegraphen.

Im Konsulat zeugte eine reichhaltige Menagerie von der Tierliebe des Generalkonsuls; da liefen Steinböcke, Antilopen, Hirsche, Tibetschafe usw., frei im Garten herum; alle so zahm, wie ich sie sonst nirgends gesehen habe. Man sieht, wie gute Behandlung auch aus den scheuesten Tieren Freunde der Menschen zu machen vermag.

Ich ging nun zur russischen Bank, um mir auf meinen Kreditbrief Geld zu holen. Da ich selbst nicht Russisch kann, war es mir leider nicht möglich, mich mit den Leuten zu verständigen; ich mußte warten, bis der augenblicklich unpäßliche Vorsteher der hiesigen Filiale, ein Deutsch-Russe aus den Ostseeprovinzen, Namens Hammerbeck, wieder hergestellt war. Am Nachmittag hatte ich das Glück, ein großes chinesisches Diner beim Obersten Miles mitzumachen, zu dem derselbe sämtliche vornehmen, im höheren Range befindlichen Chinesen Kaschgars und der Umgegend eingeladen hatte. Genau nach Rangordnung, von unten anfangend, stellten sich alle mit großem Gefolge ein. Schließlich verkündeten Böllerschüsse, daß der Taotai käme. Das Diner wurde im Garten serviert und nahm den üblichen Verlauf aller chinesischen Diners, nur vielleicht mit dem Unterschiede, daß sich einige der alten Herren einen gründlichen Schwips an dem guten Champagner des Gastgebers antranken.

Am 13. Juni machte ich dem Taotai und dem Stadt-Präfekten, der noch seinen Rausch von gestern ausschlief, meinen Besuch. Dann ging ich auf die Bank, um nochmals zu versuchen, meinen Kreditbrief einzulösen. Ich fand den Vorsteher in seiner Privatwohnung, die etwas sehr tief zu liegen scheint, denn Herr Hammerbeck litt an Malaria. Die ganze russische Kolonie schien übrigens auf etwas gespanntem Fuße zu leben, wie ich hier erfuhr. Später suchte ich Herrn Hammerbeck in seinem Geschäftszimmer auf, wo mir die unangenehme Überraschung zuteil wurde, daß die russische Bank den Kreditbrief nicht auszahlen wollte, da er überfällig war. Ich mußte daher, um nicht Geld borgen zu müssen, versuchen, meine Pferde zu verkaufen. Schon jetzt stellten sich große Schwierigkeiten heraus, die geforderte Anzahl Tragetiere nach dem russischen Turkestan zu bekommen. Ich erhielt den Eindruck, daß die meisten hier durchreisenden Europäer infolge zu anspruchsvollen Auftretens Zank gehabt haben, denn sowohl bei den Russen wie bei den Engländern wurde darüber geklagt.

Am 14. Juni früh ritt ich mit Oberst Miles nach Hasrett-Afack, einem Heiligengrabe. Der Heilige heißt Bodscha Deied Tula Bek, mit dem Beinamen "König der Heiligen von Kaschgar" und ist im Jahre 1693 gestorben. Die Moschee liegt in einem schönen Hain rings von Begräbnisplätzen umgeben; dicht dabei hat Jakub Bek eine Bethalle erbaut. Sein Grab, wo er ohne Kopf liegen soll, da die eindringenden Chinesen denselben verbrannt haben, nachdem sie die Leiche wieder ausgegraben hatten, sieht wie die andern aus, wird aber nicht instand gehalten, sondern verfällt vollkommen. Als wir zurückgekehrt waren, machte mir Exzellenz Petrofsky seinen Gegenbesuch. Mir zu Ehren hatte er den ihm von Seiner Majestät dem Deutschen Kaiser verliehenen Roten Adlerorden angelegt. Er bot mir über die Berge Kosakenbegleitung an und versprach, durch den russischen Aksakal Trage-Ponies besorgen zu lassen, ferner bat er mich, meine drei Pferde vorzustellen, die er vielleicht kaufen wollte. Später besuchte ich den bekannten Pater Hendricks, der in der Eingeborenen-Stadt ein zerfallenes Haus ohne den geringsten Komfort bewohnt. Ich bekam alten, selbst gekelterten Kaschgaer Wein vorgesetzt, der wie Malaga schmeckte und sehr ins Blut ging. Am Abend stellte ich auf dem russischen Generalkonsulat meine drei Tiere vor, die mir schließlich alle zu einem annehmbaren Preise vom Generalkonsul und seinem Sekretär abgekauft wurden. Ebenso verkaufte ich einen Sattel und meine Mauserpistole.

Ich wurde vom russischen Generalkonsul auch fernerhin mit Liebenswürdigkeit überhäuft. Bei einem Besuch am 15. Juni schenkte er mir eine ganze Reihe selbst aufgenommener, vorzüglicher Photographien, ferner wurden meine sämtlichen andern Angelegenheiten auf seinen Befehl hin beschleunigt, mein Paß visiert, der Paß für meine Diener fertig gestellt, die Tragetiere für den 17. Juni bereits zum festen Preise von 55 Rubel gemietet und ebenso den Leuten, die mitgingen, Pässe ausgestellt. Ich unterhielt mich jederzeit gern mit dem allerorts hochverehrten Generalkonsul. An der Art, wie er die gesamte Situation beherrscht, erkennt man, daß die Einverleibung Turkestans durch Rußland wohl nur noch eine Frage der Zeit ist. Mit dem höchsten Mandarin springt der Konsul wie mit einem Untergebenen um. So beklagte ich mich bei ihm, daß der Taotai mir noch nicht seinen Gegenbesuch gemacht hätte, was gegen alle Regeln der chinesischen Etikette verstoße. Sofort sandte der Konsul einen Diener zum Yamen und ließ anfragen, warum der Taotai dem europäischen Offizier noch nicht seinen Gegenbesuch gemacht hätte, und daß er wünsche, daß der Beamte morgens um 8 Uhr bei mir antrete. Der Taotai gehorchte umgehend, denn am 16. Juni morgens um 8 Uhr war er bei mir.

Nachdem der Taotai wieder verschwunden war, ging ich zum Zollamt, um meine Sachen vorzuzeigen und dadurch einer Revision an der russischen Grenze zu entgehen. Ich bekam von dem hiesigen Beamten einen Brief an die Zollstation mit. Den Nachmittag benutzte ich, um alles in gleichmäßige Pakete zu verpacken. Mein Diener Dschang wurde ausbezahlt und mit 7 Taels Trinkgeld entlassen. Er schien nicht recht zufrieden zu sein, obwohl das Trinkgeld seinen Lohn überstieg. Nebenbei hatte er es doch noch fertig gebracht, mich in den letzten Tagen zu bestehlen.

Um 5½ Uhr ging ich zum russischen Generalkonsul, um meinen Abschiedsbesuch zu machen. Der Konsul schenkte mir zum Abschied für die Reise eine ganze gebratene Hammelkeule, 6 Hühner, Eier, sowie eine Flasche guten Wodka. Später kam er noch selbst, um mir Lebewohl zu sagen und brachte mir als weiteres Geschenk Kaviar, Hummer und als besondere Kuriosität einen Teller aus Salz, von dem man z. B. kaltes Fleisch ohne es mit Salz zu bestreuen, essen kann. Am 17. Juni um 5½ Uhr morgens schickte ich die Bagage weg und wechselte mein Geld in Rubel, da von jetzt an mit russischem Gelde gerechnet werden muß. Dann nahm ich Abschied von dem gastfreien englischen Obersten und trat meinen Ritt in die Berge an.

VIII. KAPITEL.

Von Kaschgar über den Alai nach Russisch-Turkestan.

Wir kreuzten die unzähligen Arme des Kaschgar darya und gelangten, allmählich ansteigend, in ein steiniges, breites Tal, das rechts und links von hohen, steil aufsteigenden Felsen begrenzt wird. Um 4 Uhr waren wir nach 35 Kilometer Marsch in Mynyoll, dessen einziges großes Gasthaus im Dezember 1902 vom Erdbeben vollkommen vernichtet worden ist. Die Besitzer leben nun in einer Kirgisen-Jurte im Hofe; zwei Räume für Gäste sind notdürftig aufgebaut. Nach Norden zu hat sich in einer Riesenfelswand ein Loch gebildet. Bei meinen Pferdebesitzern hatte ich wieder mit der häßlichen Angewohnheit zu kämpfen, daß sie die unglücklichen Tiere bis zum Abend hochgebunden stehen lassen und erst bei Dunkelwerden füttern. Es gab hier viel Ungeziefer, das mich nicht schlafen ließ. Meine Leute litten schon hier, in einer noch verhältnismäßig geringen Höhe an einer Bergkrankheit, die sich in Kopfschmerzen, Schlaflosigkeit und einer merkwürdigen Schlaffheit des ganzen Körpers äußerte. Gegen 7 Uhr morgens marschierten wir ab. Das Auflegen der Bagage ging sehr schnell, da ich alle Lasten selbst sorgfältig gleichmäßig abgewogen hatte. Es ging allmählich in einem breiten Tale mit Bach auf der Sohle in die Höhe. Wenn die Sonne aus den treibenden Wolken einmal herauskam, war es glühend heiß, sonst empfindlich kalt. Mehrfach trafen wir Karawanen, die die weiße russische Baumwolle, die allmählich, aber sicher die indische verdrängt, nach Turkestan bringen. Einmal passierten wir zwei verfallende Soldatenlager, die wohl als Talsperren dienen sollen. Gegen 2 Uhr, es drohte Regen, waren wir in Kandjoram, wo wir wie gewöhnlich beim Umpasch -- wir waren noch auf chinesischem Gebiet -- unterkamen. Ich erhielt die schöne, große Hauptjurte angewiesen, die genau wie die mongolischen gebaut war. Der glückliche Besitzer hatte zwei Frauen, die beide sehr artig waren, wie mir mein Diener versicherte. Im übrigen hatte der Umpasch große Schaf- und Ziegenherden und auch eine ganze Anzahl Kamele, Pferde und Rinder, mit anderen Worten, er war ein reicher Mann. Den ganzen Abend führten die jungen, noch saugenden Tiere ein ununterbrochenes Konzert auf. Die kleinen Lämmer und Ziegen sind vor den Zelten an einem langen Strick, der viele kleine feste Schlingen hat, angebunden. Wenn die Herden dann heimkommen, wird erst allen Muttertieren etwas Milch abgemolken, und alsdann wird das Kleine zur Mutter gelassen, auf die es sich natürlich wie ein Wolf stürzt. Die Jungen und Mädchen fangen die Tiere zum Melken ein, während die Frauen sie melken. Mir zu Ehren wurde eine junge Ziege geschlachtet; die Bouillon davon war sehr gut, das Fleisch bekam ich erst am nächsten Morgen kalt vorgesetzt; es war nicht schlecht, aber sehr ausgekocht. Abends setzte stoßweise Wirbelwind ein, der nur einige Minuten dauerte, aber vollkommen genügte, um meine zum Lüften aufgehängten Decken zu beschmutzen. Die Nacht über wurde es empfindlich kalt.

Am 19. Juni passierten wir, weiter reitend, ein Heiligengrab, dann ging es steil aufwärts, manchmal durch richtige Klammen. Das Gestein ist weich und rötlich mit vielen runden Windlöchern. An einer Wand fanden sich viele Inschriften in russischen Buchstaben; meine Türken fühlten sich natürlich verpflichtet, auch ihre Namen dort zu verewigen. Weiter ging es über den im tief eingeschnittenen Tale fließenden Kysil Su, der wenig, aber kristallklares Wasser führte. Der Weg ging bergauf und bergab, manchmal traten Quellen mit stets vorzüglichem Wasser zutage. Wir trafen, wie gestern, viele Eselkarawanen mit Baumwolle für Fergana, ich zählte hintereinander 200 Esel, dann hörte ich auf zu zählen, es waren noch viele, und zwar alles Hengste. Diese Riesenkarawanen sind nur von ganz wenigen Leuten begleitet. Ein Esel trottet immer hinter dem andern her; merkwürdigerweise kommen kaum Marschstörungen vor. Gegen 4 Uhr erweiterte sich das Tal, an einem Bach standen einzelne Pappeln, und bald kamen einige Jurten in Sicht. Der Ort hieß Uchsalar. Bei freundlichen Kirgisen kamen wir, wie gestern, gut unter. Die Eseltreiber biwakieren stets mit ihren Karawanen; sie bauen dann aus Baumwollballen eine Art Ring, in dem es sich ganz schön wohnt. Mein Karawan-Baschi, d. h. Führer, gab den Pferden einfach gar nichts zu fressen, sie bekamen nur Gras, das sie sich selbst suchen mußten, und ein Tier war daher schon am Zusammenbrechen. Erst auf meine ernstlichen Vorstellungen hin entschloß er sich, wenigstens etwas Mais zu kaufen.

Auch am 20. Juni ging es weiter über Berg und Tal, vorbei an einer ganzen Karawane von aus Mekka zurückkehrenden Pilgern, über einen sehr steilen Paß, den eine von Jakub Bek geschickt angelegte Talsperre krönt. Dicht an der kleinen Festung liegen drei Heiligengräber mit den üblichen Stangen und Fähnchen. Um 1 Uhr machte ich Frühstückspause. Von Westen her zog es schwarz herauf; die Temperatur war in den letzten Tagen schon sehr gefallen und ich fror wie ein Schneider; bald wurde es noch kälter und fing an zu scheinen, zu hageln und zu regnen, alles durcheinander, noch dazu aus unserer Marschrichtung her. Die Pferde wollten nicht mehr vorwärts und drehten sich immer mit der Kruppe nach dem Winde. Ich war vollkommen durchnäßt; meine "wasserdichte" Lagerdecke gewährte gar keinen Schutz mehr. Wir zogen weiter am Rande des Urchat darya. Der Weg ist durch Faschinen befestigt und recht pittoresk, nur bei diesem Wetter alles andere als angenehm. Rechts hatten wir himmelhohe Wände, links den reißenden Strom. Manchmal ging es dicht am Wasser entlang, manchmal hoch über ihm.

Gegen 3 Uhr nachmittags kamen wir durchgefroren und hungrig nach Kügün, an einer breiten Stelle des Tales. Kirgisen nahmen uns auf, und wir konnten unsere nassen Sachen trocknen. Natürlich waren die trockenen Untersachen im letzten Ballen, den ich aufmachte. Meine ganz anständige Bezahlung für das Quartier wurde mürrisch und ohne Dank am nächsten Morgen angenommen; jedenfalls war es zu wenig.

Bei bedecktem Himmel und schneidendem Südwest marschierten wir am 21. Juni weiter stromauf, den Urchat darya entlang. Schon kurz hinter den Jurten hatte der Weg an einer hohen Felswand ein Ende; wir mußten den Fluß kreuzen; sehr einladend sahen seine gelben Fluten, die reißend nach Osten schossen, nicht aus. Ich schickte zuerst den Mann vom Taotai-Yamen Kaschgar hinein, um nach einer Furt zu suchen. Er versuchte an verschiedenen Stellen durchzureiten, behauptete aber schließlich, der Übergang sei unmöglich. Da ich aber sah, daß er nur Angst hatte, ritt ich selbst hinein und kam auch glücklich durch, allerdings bis über die Knie, die ich verzweifelt hochgezogen hatte, naß. Nun mußten die Bagagetiere durch. Sie gingen ganz willig, der untere Teil der Packen war zwar durchnäßt, aber das ließ sich nicht ändern. Über steinige Halden am rechten Ufer marschierten wir schnell vorwärts.

Rechts lag einmal ein chinesisches Soldatenlager, es war einer der Grenzposten. Ich wollte nicht verfehlen, noch schnell einen Blick hineinzuwerfen; tiefer Friede herrschte darin, nichts regte sich. Endlich, nach langem Suchen, zeigte sich ein verschlafener Kavallerist, der nach meinen Wünschen fragte. Ich forschte nach seinem Herrn, der aber noch schlief. Der Kavallerist, der einzige, den ich zu Gesicht bekam, war recht feist und sah nicht aus, als ob er sich im Dienst überanstrengte. Er wollte familiär werden, woraufhin ich es vorzog, mich zu entfernen. Das Lager war sonst hübsch und sauber angelegt und auch gut in Ordnung gehalten.

Weiterhin kamen wir an einem einzelnen Rasthause Jakub Beks vorbei, das langsam, aber sicher zerfällt. Der Fluß teilt sich hier in viele Arme und füllt das ganze Tal aus. Die von den verschiedenen Flußarmen gebildeten Inseln sind mit lichtem Pappelbestand bewaldet und haben teilweise gute Wiesen, auf denen die Kirgisen ihre Kamele und andere Tiere weiden; auch an den Ufern stehen überall Pappeln. Unterhalb des Rasthauses von Jakub Bek passierten wir den Fluß. Ein Packpferd legte sich ins Wasser, stand aber schnell wieder auf, so daß die Sachen, die es trug, kaum naß wurden. Wir wanderten in das Tal nach Norden zu, das, wie man gleich an den viel gerader und höher gewachsenen Bäumen sehen konnte, gegen den Wind geschützt lag. Nach zwei Stunden Marsch, gegen Mittag, verbreiterte sich das Tal zu einem weiten, wiesenartigen Plan, auf dem uns der Wind wieder voll faßte. Am Nordrande trafen wir ein hübsch gelegenes Soldatenlager, umgeben von einer Menge Gebäuden. Das Lager war nicht besetzt, nur zwei Chinesen langweilten sich darin, natürlich vom frühen Morgen bis zum späten Abend Opium rauchend. Der Ort heißt Jirün.

Wir machten eine kurze Pause in einer Kirgisenhütte, wo man uns freundlich bewirtete. Ich hatte kein kleines Geld mehr, an wechseln war nicht zu denken, und da ich nicht ohne Bezahlung abreiten wollte, schenkte ich der Frau des Hauses einen Fächer von Adlerfedern aus Kutscha, der großen Beifall fand. Im Tale sah man einige schwache Versuche von Haferanbau. Der Hafer war jetzt, im Juni, noch ganz grün und kaum handhoch. Bergauf, bergab reitend trafen wir wieder Karawanen von aus Mekka zurückkehrenden Pilgern, und endlich hatten wir die hohen, schneebedeckten Trans-Alai-Berge in Sicht. Die uns umgebenden Kuppen waren auch schon leicht mit Schnee bedeckt. Nach kurzer Zeit mußten wir in steilem Abstieg in das Alai-Tal hinab, das hier in seinem Ostende vielleicht 1½ Kilometer breit und ganz steinig ist. Wir kreuzten das Tal und den es durchfließenden Kysil Su, der auch sehr steinig, aber ganz klar ist. Dann stiegen wir den jenseitigen Hang hinauf, wo bald der chinesische Grenzpfahl in Sicht kam. Es ist ein einfacher Pfosten in einem Steinhaufen, während auf russischer Seite ein senkrechter Stein steht. Kurz hinter den Pfählen bekommt man Einsicht in ein Quertal, und vor uns liegt freundlich mit seinen weißen Mauern die russische Grenz- und Zollstation Irkechtam. Wir ritten hinunter und stiegen vor dem im Grunde liegenden, zur Zollstation gehörenden Gebäude ab. Oben auf der Höhe liegt der Kosakenposten und, alles überhöhend, fällt sofort ein Reduit mit seinen Schießscharten auf.