Im Sattel durch Zentralasien: 6000 Kilometer in 176 Tagen

Part 24

Chapter 243,586 wordsPublic domain

Bei einem einzelnen Gehöft machten wir Halt und saßen ab. Es gehört einem wohlhabenden Schantu, Namens Togda Mehrab, eine Art Vertrauensperson des Yamens. Ich lernte in ihm einen Mann kennen, wie man ihn wohl selten findet. Der alte ehrwürdige Vater, der über 100 Jahre alt ist und auf fünf Generationen herabblickt, wie seine ganze Familie waren alle gleichmäßig angenehm. Der Greis hat das Glück, nicht einen einzigen ungeratenen Nachkommen zu besitzen. Ich wurde mit einer Herzlichkeit aufgenommen, wie ein alter, lang erwarteter Freund, und bekam sofort Tee, Milch und gerösteten Fisch vorgesetzt. Der Hof zeigte bald ein Bild, wie bei uns im Herbst ein Gutshof im schönen Schlesien: vor Versammlung zur Jagd. Die Frau des Hauses, das Muster einer guten Hausfrau, sorgte für alle, dabei hatte sie noch ein freundliches Wort für jeden und neckte sich mit allen herum. Wir ritten nun zur Jagd, unter Führung des mit einer uralten Luntenbüchse und Gabel versehenen Togda Mehrab. Jeder bekam noch zum Abschied von der Hausfrau oder ihrer hübschen Enkelin einen Strauß Rosen geschenkt. Südwärts ging es im Pulk galoppierend durch die nicht sehr dicht mit Tamarisken bestandene Heide, weiter durch mehrere, hoch aufspritzende Bäche, bis wir an dem mit ganz dichtem hohen Schilf bewachsenen Sumpfgürtel ankamen. Togda Mehrab nahm nun die Tete, und einer hinter dem andern, ich als zweiter, ritten wir im Schritt hinein in den Sumpf. Wir waren meist bis an den Bauch der Pferde im Wasser und kamen nur verhältnismäßig langsam vorwärts, da das sehr dicht stehende Schilf natürlich ein schnelles Vorwärtskommen hinderte. Unzählige Schweinsfährten durchkreuzten das Schilf, ab und zu kam die Fährte eines Hirschrudels, und Togda Mehrab zeigte mir die Fährte eines starken Zehners, den er ganz genau kannte. Im Sumpf erheben sich von Zeit zu Zeit kleine sandige Kuppen, ähnlich wie die Kanzeln, die man bei uns zum Schießen hat; hier waren sie selbstredend natürliche. An einer dieser Kuppen saßen wir ab, koppelten den Pferden die Vorderbeine und machten es uns bequem, während Togda Mehrab auf Kundschaft auszog. Bald kam er zurückgelaufen und meldete zwei Schweine, ein großes und ein kleines. Ich zog seine hohen Stiefel an, und vorwärts ging es zu Fuß durch den Sumpf bis zu einer großen, im Frühjahr heruntergebrannten Strecke, auf der jetzt junges grünes Schilf wucherte. Wir setzten uns an einer vorspringenden Ecke auf Anstand an und warteten. Bald kamen sie, ich sah aber nur ihre hellbraunen Rückenlinien über den Schilfspitzen und zögerte deshalb zu schießen. Die Schweine ästen die jungen Schilfspitzen im Vorbeitrotten ab und näherten sich bedenklich der gegenüberliegenden Schilfwand. Togda Mehrab sagte leise: "Schieß, Herr, sie laufen sonst fort." Ich schoß auf das Schwein, welches ich am besten sah, konnte aber nicht unterscheiden, ob es das große oder das kleine war; es lag im Feuer, der Schuß saß Hochblatt. Der große mächtige Keiler trollte ab; ich hatte leider die kleine geringe Sau geschossen. Togda Mehrab ging wieder auf Kundschaft aus, kam aber bald zurück mit der Meldung, die Schweine hätten sich verzogen. Er brachte mir als Geschenk einen Schweinsschädel mit, den er irgendwo vergraben haben mußte. Wir saßen auf und zogen immer tiefer in den Sumpf hinein. Einige Male kamen wir an offene Stellen, wo die Pferde mehrere Meter weit schwimmen mußten, so daß ich bis an die Schultern naß wurde; mich mit der einen Hand an der Mähne festhaltend und mit der andern das Gewehr hochhaltend, ging es aber doch ganz gut. Schließlich langten wir an einer in Krümmungen durch den Sumpf laufenden Sandhügelkette an. Togda Mehrab kannte jede kleine Bucht, wußte von jedem der hier horstenden großen Bussarde, wie viel Junge er hatte, ich hätte mich in diesem Labyrinth nicht mehr zurechtgefunden. Wir galoppierten weiter; die Junisonne trocknete uns bald gänzlich. Wir sahen noch mehrfach Schweine, aber vom Pferd aus ist stets schwer schießen. Einmal saßen wir noch ab, ich hatte Glück und schoß einen groben Keiler, der im Sumpf ruhig auf vielleicht 15 Schritt stand. Dann ritten wir allmählich heimwärts. Ich war um eine interessante Jagderfahrung reicher und hatte zugleich auch gelernt, daß Sümpfe, so unzugänglich sie aussehen mögen, für den Geübten doch passierbar sind. Zu bewundern waren auch hier wieder die Ponies, die mit einer Ruhe und Sicherheit überall hingingen, die geradezu großartig war.

Beim Hause angelangt, wurde uns ein köstliches Mahl vorgesetzt. Die Frau hatte mir zu Ehren einen jungen Hammel geschlachtet und gekocht; Brühe und Fleisch waren delikat; ich lernte hier zum ersten Male besonders den Fettschwanz schätzen. Dann nahmen wir Abschied von dem gastfreien Hause. Ich schenkte dem Besitzer mein Jagdmesser mit ledernem Gehänge, woraufhin er mir sein turkestanisches Messer mit Ledergehänge zur Erinnerung gab. In Begleitung des Hausherrn ritten wir zurück; im schlanken Trabe ging es durch die Stadt, auf deren Straßen heute am Bazartage ein lebhaftes Treiben herrschte. Im Gasthause wurde zuerst die Jagdgesellschaft photographiert, dann der Beschlag besichtigt, der ganz gut ausgefallen war. Dschang klagte über furchtbare Kopfschmerzen. Wie sich später herausstellte, hatte er unsere Abwesenheit benutzt, um mit einem "Freunde" ein "Gläschen Wein", also nach unsern Begriffen gemeinen Fusel, zu trinken, und dann wunderte er sich noch über den Katzenjammer und die Strafpredigt, die er von mir bekam. Togda Mehrab besuchte mich noch in dem Gasthause und erhielt von mir eins der von allen Chinesen und Türken vielbegehrten Frottierhandtücher für seine Hausfrau. Ich habe allmählich, bis auf zwei ganz große, meine sämtlichen Frottierhandtücher verschenkt.

Das Gepäck wurde verteilt, die leider wieder recht umfangreiche Trinkgelderfrage erledigt und die Karre mit dem Gepäck entlassen. Bald darauf ritten wir, fünf Mann und sieben Pferde stark, ab. Meine beiden Pferde wurden an der Hand geführt, eins trug die Hinterpacktaschen, das andere die mit den notwendigsten Ausrüstungsstücken gepackte chinesische Satteltasche aus Aksu. Es ging heute nur 60 Li weit, die mir aber in Anbetracht der sich allmählich einstellenden Müdigkeit endlos vorkamen. Beim Abritt begleitete uns Togda Mehrab noch fünf Kilometer und empfahl sich dann, wobei er mich sehr bat, doch ja zurückzukehren und dann in seinem Hause und nicht im Gasthause zu wohnen; doch möchte ich erst im Winter kommen, da die Jagd auf Tiger sonst zu schwierig sei und deren Fell auch während der heißen Jahreszeit lange nicht so schön sei wie in der kalten.

Wir überschritten unendlich viele Brücken, ließen einen nicht unbeträchtlichen See links liegen und befanden uns meist auf sandigen Wegen im lichten Walde. Um elf Uhr abends waren wir in Chamal, wo uns der Umpasch, ein Bruder Togda Mehrabs und diesem sprechend ähnlich, sehr gut und ebenso freundlich aufnahm. Ich schlief vor allen Dingen ordentlich aus, und zwar in dem Bette der Dame des Hauses, was ich zwar erst nicht annehmen wollte, aber nicht abschlagen konnte. Nach dem letzten anstrengenden Tage bedurfte ich allerdings dringend der Ruhe. Auch die hiesige Gegend war ein einziger, fruchtbarer, großer Garten, in dem alle Arten Obst, Mais usw. angebaut wurden. Es herrschte ein Überfluß an Holz, den ich der Tientsiner Gegend wünschte. Jedermann wußte mit der Büchse umzugehen, wie ein alter gelernter Jäger; jeder war ein guter Schütze, hatte Jagdpassion und Jagdverständnis.

Nachmittags ging ich wieder, dieses Mal zu Fuß, mit Togda Mehrabs Bruder auf Schweinsjagd, kam jedoch nicht zum Schuß. Um 5½ Uhr marschierten wir weiter, kreuzten den Yarkand darya und waren um 9½ Uhr in Achsach Maral, wo wir beim Umpasch unterkamen. Leider plagte mich über Nacht Ungeziefer, so daß ich nicht schlafen konnte. Morgens ging ich mit einem Mann des Dorfes auf Antilopenjagd. Die Gegend ist hier sandiger, und Antilopen kommen viel vor. Wir hatten Glück und kamen, auf dem Bauche zwischen den Sanddünen entlang kriechend, an einen Sprung auf vielleicht 30 Schritt heran, ohne daß die Tiere uns bemerkt hätten. Ich schoß den Leitbock weg; er lag im Feuer. Die Tiere waren so bestürzt, daß sie alle durcheinander liefen und nicht wußten, woher und wohin. Die zweite Kugel brachte einem geringeren Bock einen schweren Halsschuß bei; er lief noch 50 Schritte und brach dann zusammen, ich gab ihm den Fang. Wir pirschten weiter, und nochmals hatte ich das Glück, an einen Sprung heranzukommen und auf ungefähr 110 Schritte ein Tier umzulegen.

Die Hitze war inzwischen unerträglich geworden, so daß wir zum Dorf zurückgingen und die Jagdbeute hereinholen ließen.

Nachmittags ritten wir weiter durch das mit Büschen und Baumgruppen bestandene Weideland. Einmal sahen wir einen Hirsch, der jedoch schon flüchtig wurde, als wir auf ungefähr 400 Meter heran waren; es war ein guter Zehner, den die Leute aus dem Dorfe ganz genau kannten. Gegen Abend wurde es empfindlich kalt; wir marschierten auf einem Damm, links lag ein flacher See. Um 10 Uhr waren wir in Ala Argi, wo wir wiederum beim Umpasch gut unterkamen. Wenn man in dieser Gegend nicht von den Leuten aufgenommen wird, muß man biwakieren, denn Gasthäuser gibt es hier nicht. Ich hatte indessen, wie stets in Turkestan, ein Begleitschreiben vom Yamen mit, welches die Ortsvorsteher anwies, mir jede gewünschte Unterstützung zuteil werden zu lassen. Früh morgens am 7. Juni brachen wir nach Meinet auf. Der Weg führte teils durch vollkommenen Urwald, teils durch Ackerland, welches stets gegen das hier sehr zahlreiche Wild stark eingezäunt ist. Auf einer überschwemmten Strecke ungefähr 5 Kilometer lang mußten wir durch knietiefen, zähen Schlamm, so daß Mann und Pferd hinterher im wahrsten Sinne des Wortes wie aus dem Morast gezogen aussahen. Auch hier bemerkte ich sehr zahlreiche Fährten von Schweinen, zuweilen auch solche vom Hirsch, Wolf und Fuchs. Der noch in Maralbaschi gar nicht seltene Tiger kommt hier nicht mehr vor. Der Damm war sehr schlecht gehalten, die Brücken sämtlich eingefallen. Vereinzelt traf man an gerodeten Strecken kleine Ansiedlungen, meist nur aus einem alten Lehmhaus bestehend.

Gegen 3 Uhr waren wir in Meinet, einem aus verstreut liegenden Gehöften bestehenden Dorf. Die armen Pferde waren infolge des Marsches durch den Sumpf und infolge des Staubes sehr müde. Die meinigen waren besser in Training, man merkte es ihnen nicht so sehr an, während die vom Yamen ganz abgefallen waren und gar nicht fressen wollten. Wir kamen auch hier wieder beim Umpasch unter. Mein Wirt war mehrfacher Großvater, und im Hause waren elf kleine Kinder, die abwechselnd ununterbrochen schrien. Sonst waren die Leute die Höflichkeit selbst und ich wurde in jeder Beziehung als großer Herr behandelt, was teilweise gar nicht bequem war. Wenn ich z. B. nur die Nase zur Tür hinaussteckte, um nach meinen Ponies zu sehen, stand sofort alles ehrerbietig auf. Im übrigen zeigte sich hier wieder, daß die Neugierde eine weibliche Eigenschaft ist. So hatte eines der jungen Weiber durch eine Türritze beobachtet, wie ich in einem Holzbottich badete; nun amüsierte sich alles großartig darüber, und das Gekicher wollte kein Ende nehmen.

Auch in dieser Gegend fand ich nur Hengste; übrigens sind dieselben gegen den Menschen durchweg gutartig, nur untereinander fangen sie sofort Streit an. Vor dem Hause liegt ein flacher See, der in manchen Jahren ganz austrocknen soll. Daß er andererseits zuweilen sehr viel höher stehen muß, konnte man an den verschiedenen alten Uferlinien erkennen.

Wir machten früh nur eine deutsche Meile nach Awott, wo die Pferde gewechselt und gefüttert werden sollten, um für den Marsch durch die 55 Kilometer lange Wüste nach Mogal frisch zu sein. Die Pferde standen im Garten unter dichten Aprikosenbäumen, wo es angenehm kühl war, während man es im Freien vor Hitze nicht aushalten konnte. Mein Küchenzettel wurde hier recht einseitig, meist bestand er nur aus Hirse und Eiern. Gott sei Dank hatte ich einen kleinen Sack mit Reis und einige, allerdings schon sehr trocken gewordene Brötchen mit. Die Leute waren wieder lächerlich freundlich. Der alte Umpasch, ein Mekkapilger mit dem grünen Turban, kam alle fünf Minuten, um nachzusehen, ob auch alles nötige da sei. Der mächtig große Raum, der wohl 12:12 Meter maß und in der Decke ein Luft- und Lichtloch von einem Quadratmeter hatte, war schön kühl. In ihm hielt sich die ganze Familie mit Knechten und Mägden auf, es war eine Art Diele, wie man sie bei uns in Westfalen findet. Man sah hier schon die hübschen, ziselierten Wasser- und Teekrüge aus Chotan; der übrige Hausrat war denkbar einfach. Einige Filzteppiche, Kopfpolster in Rollenform, einige wenige irdene Töpfe und Teller, die Metallspiegel und Öllampen, alles war noch ganz so, wie zu Zeiten Christi Geburt. Die Leute essen hier verhältnismäßig viel Fleisch, sind dafür aber auch viel muskulöser als die Chinesen. Opiumraucher habe ich, außer einigen Damen der Halbwelt, unter den Schantus noch nicht gesehen; jedoch soll es eine ganze Menge geben, die diesem Laster huldigen. Dafür hat jeder seinen kleinen, ausgehölten Flaschenkürbis mit Tabak im Gürtel hängen, aus dem er ab und zu eine Prise kaut. Ich versuchte das dunkelgrüne Zeug; es ist beißend scharf; daß es auf die allgemeine Gesundheit des Körpers denselben schwer schädigenden Einfluß hat wie das Opium, glaube ich nicht. Die kleinen Flaschenkürbisse sind außen meist hübsch geschnitzt, teilweise mit Silberbeschlag versehen.

Um 5 Uhr ritten wir ab. Den nahenden Staubsturm sah man schon an der Färbung der Horizontes. Der Himmel war ganz grau geworden und die Sonne nur noch eine glanzlose Scheibe. Es ging durch ein kleines Stück bebautes Land, das bald in Wüste mit abgestorbenem Walde überging. Leichte Sanddünen, vielleicht drei Meter hoch, nordsüdlich laufend, kreuzten den Weg. Trotzdem sie nur klein waren, machten sie den Pferden viel Beschwerde. Ich konnte mir recht gut vorstellen, wie es Sven Hedin im Tschong Kum, dem großen Sande in der Taklamakan, die wir dicht vor uns haben, ergangen ist. An tiefer gelegenen Stellen stehen vereinzelt grüne Bäume. Um 6 Uhr ging der Sturm los, es wurde stockfinster. Wie unser, vom letzten Ort mitgenommener Führer den Weg fand, der sich im Sande ohnehin kaum abzeichnete, ist mir noch heute unklar; diese Leute müssen eine Art Instinkt haben. Im rücksichtslosen Inspektortrabe ging es vorwärts, dicht aufgeschlossen; hinten galoppierte alles, um nur mitzukommen. Nach 1½ Stunden war der Sturm vorüber, und nach einer weiteren Stunde schärfsten Trabes hatten wir die Wüste hinter uns und waren im steppenartigen, mit Gebüschgruppen besetzten Lande. Ab und zu kam noch eine hohe Sanddüne, die wir umgingen, und um 11 Uhr waren wir am Hause des Dorfältesten von Mogal, wo Mann und Pferd bald gut untergebracht waren und wir bei einer Tasse Tee unsern recht beträchtlichen Durst löschen konnten.

Als ich früh um 9 Uhr aus meinem Zimmer trat, fand ich draußen eine große Menge versammelt. Mogal hatte seit vollen zwei Jahren seinen Anteil an Wasser aus dem Kaschgar darya nicht erhalten. Jedes dieser Dörfer hat nämlich für eine bestimmte Zeitdauer im Jahre, für Mogal sind es 20 Tage, das Recht, seinen Bedarf an Wasser aus dem Flusse zu decken. Da es hier nie regnet, so ist den Leuten einfach die Lebensader unterbunden, wenn das Wasser aus dem Flusse fehlt. Nun klagten sie mir ihr Leid, der Umpasch von Terem, dem sie unterstellt sind, enthalte ihnen ihren Anteil an Wasser vor, und baten mich, dem Taotai in Kaschgar den Sachverhalt mitzuteilen. Sie selbst hatten natürlich zu dem hohen Herrn nicht vordringen können, es kostete zu viel Geld. Es sah allerdings hier böse aus: alles war verdorrt und versengt, und die meisten Felder waren unbestellt. Ich versprach, bei Gelegenheit dem Taotai zu erzählen, was ich gesehen hätte, bemerkte aber im übrigen, daß ich als Ausländer keinerlei Einfluß auf die ganze Angelegenheit habe.

Wir ritten dann weiter nach Terem. Als wir gegen zehn Kilometer entfernt waren, bemerkte ich, daß mein Taschenmesser, ein Nicker, fehlte. Mir fiel ein, daß ich einen Mann aus meinem Zimmer hatte kommen sehen, der schnell etwas in seinem langen Rock versteckte. Ich hatte mir sein Aussehen gemerkt und schickte nun schleunigst zurück, um nachsuchen zu lassen. Nach drei Stunden war das Messer richtig wieder da, es hatte sich tatsächlich bei dem betreffenden Manne gefunden. Wir ritten durch die öden, vertrockneten Felder weiter; alle die kleinen Wasseradern waren ausgetrocknet. Ich hatte erwartet, als wir auf Teremer Gelände kamen, alles in Fruchtbarkeit strotzen zu sehen, aber im Gegenteil, es war alles ebenso verdorrt wie in Mogal. Der alte weißbärtige Umpasch der mich sehr freundlich aufnahm, schien wirklich keine Schuld zu haben, denn seine Felder sahen genau so schlecht aus wie die übrigen auch. Ich bekam in einem wunderschönen kühlen Zimmer gleich "Asch" (in Hammelfett gekochten Reis und Hammelfleisch) sowie russisches Zuckerzeug vorgesetzt. Auch die Pferde wurden gut untergebracht und versorgt.

Unter großer Eskorte brachen wir am Abend auf. Der Umpasch stellte mir eines seiner eigenen Pferde zur Verfügung, er wollte später selbst nachkommen. Unsere Karawane war schließlich elf Pferde stark. Durch Steppe und Wüste reitend kamen wir um zwei Uhr in einem schon auf Kaschgarer Gebiet liegenden Dorfe unter. Gegen Abend kam der alte Umpasch an; wir wechselten wieder die Pferde und ritten um acht Uhr nach dem berühmten Masar Ordan Padscha, dem vielbesuchtesten Heiligengrab Turkestans. Bald umgab uns völlige Wüste. Links lag einmal ein Masar. Auch passierten wir mehrmals einzelne Stationen, die alle mit ihrer Kochgelegenheit auf Pilgerkarawanen berechnet sind. Nach zwölf Kilometern waren wir in hohen Sanddünen, in denen die glühende Hitze noch schwerer zu ertragen war; die armen Pferde litten sehr. In der Tiefe waren zuweilen harte, lehmige Stellen, auf denen man besser vorwärts kam. Nachdem wir ungefähr acht Kilometer durch die Sanddünen geritten waren, sahen wir von der Höhe aus vereinzelte Bäume und eine Häusergruppe. Diese liegen um zwei salzige Quellen; Jakub Bek hat sie seinerzeit in Holz gefaßt und ein Haus darüber erbaut. Hier liegen mehrere kleinere Heiligengräber. Bald darauf erreichten wir Ordan Padscha selbst. Dieses ist eine an einer Quelle entstandene Ansiedlung aus mehreren Häusern, die entweder den Mollas zur Wohnung dienen oder für die Unterkunft von Pilgern berechnet sind. Um letztere mit Essen zu versorgen, hat man in einem Hause fünf große Töpfe eingemauert, die ich mir nach Sven Hedins Beschreibung eigentlich anders und großartiger vorgestellt hatte. Die sogenannten Töpfe sind flache kupferne Kessel; ein ganz großer, ein mittlerer, der zerbrochen war, und kleinere, die zur Zeit benutzt wurden. Der oberste Molla setzte uns in seinem Hause Tee vor. Mir fiel hier wieder die merkwürdige Art, die Pferde zu behandeln, auf. Die Tiere wurden trotz der glühenden Hitze mit dem Kopf hoch gebunden und erhielten kein Wasser. Allerdings mag letzteres seinen Grund darin gehabt haben, daß das gesamte Wasser salzhaltig ist.

Allmählich versammelten sich viele Mollas, die mich mit ihrem scheinheiligen, leidensvollen Wesen anwiderten und meiner Meinung nach das Trinkgeld möglichst hoch zu schrauben suchten. In der glühenden Hitze wanderten wir durch tiefe Sandberge nach dem 1½ Kilometer entfernten Masar. Wir passierten einen im Bau befindlichen Betsaal, ferner eine Quelle, die durch das Vorrücken des Sandes mitsamt den drei sie umgebenden Bäumen wohl bald verschwinden wird. Dann waren wir an dem Masar, die Stiefel voller Sand und einem Sonnenstich nahe. Den Masar hatte ich mir viel großartiger vorgestellt; er besteht aus Bündeln von Stangen mit Fähnchen. Jeder der Pilger bringt eine solche Stange mit, so daß das Ganze im Laufe der Jahrhunderte schon eine ansehnliche Stärke erreicht hat. Einige Versuche, die umliegenden Sanddünen zu befestigen, scheinen keinen rechten Erfolg gehabt zu haben. Die Mollas und meine Begleiter sprachen ein lautes Gebet. Ich schenkte für den Masar einen Wildschafschädel und gab dem Molla einen halben Tael Trinkgeld, nachdem ich durch einen der Diener daran erinnert worden war. Der Dank wurde mir durch ein für mich gesprochenes Gebet abgestattet. Auch hier fiel mir das salbungsvolle Getue der Leute auf; mehr gefiel mir ein gewandter Türke, der uns eine Kanne mit Tee in die hohen Sanddünen nachgebracht hatte. Meine sämtlichen Begleiter gaben hohe Trinkgelder; der Molla hatte beide hohlen Hände zusammengehäuft voller Silbermünzen. Für jede einzelne Gabe wurde mit einem gemeinsamen Gebet quittiert. Zurückgekehrt gab es im Hause des Molla Reis und Hammelfleisch. Maulbeeren und Ziegenmilch wollten sich in meinem Magen nicht recht vertragen; ich drängte daher zum Aufbruch, besichtigte noch eine von Jakub Bek gefaßte Quelle, dann führte ein langer heißer Rückweg, in dem uns noch ein Staubsturm faßte, nach unserem Quartier zurück.

Dort schlief ich ein Stündchen und ritt dann 8 Uhr abends weiter nach Chan Arik, wo wir früh morgens am 11. Juni anlangten und die Pferde wechselten. Die neuen Pferde waren sämtlich Hengste, die sich sehr bockig benahmen. Gleich, beim Aufsitzen räumten mein Diener und ein Mann vom Yamen unfreiwillig den Sattel; beiden Hengsten rutschte der Sattel hinten unter den Bauch, sie gingen nur noch auf den Hinterbeinen spazieren und bissen sich herum, bis alles Sattelzeug zerrissen war. Die Leute hatten nebenbei noch eine lächerliche Angst vor den Tieren, so daß der Aufbruch eine volle Stunde verzögert wurde. Dann ging es weiter die große Landstraße nach Kaschgar-Neustadt entlang. Unterwegs machten wir in einer Maulbeerallee kurze Rast und pflückten uns zum Frühstück die frischen Früchte von den Bäumen, was die Landessitte erlaubt, während das Besteigen der Bäume verboten ist. Dann ging es in die Neustadt hinein. In einem elenden Gasthause fand ich meine Karre vor; Dschang hatte zwar alles von Maralbaschi hierher gebracht und war sehr stolz auf diese Leistung, behauptete aber, in Kaschgar-Altstadt, wo ich eigentlich unterkommen wollte, kein besseres Gasthaus finden zu können. Da ich meine sämtlichen Angelegenheiten in der Altstadt zu erledigen hatte und auch alle hier ansässigen Europäer dort wohnten, beschloß ich, dorthin überzusiedeln und sandte meinen türkischen Diener und einen vom Yamen voraus, mit dem Befehl, sich beim Taotai-Yamen zu melden und um Unterstützung beim Aussuchen eines geeigneten Quartiers zu bitten.

Ich machte drei Stunden Rast, benutzte die Zwischenzeit, um zu essen und mich rasieren zu lassen, und ritt gegen drei Uhr nachmittags nach Kaschgar-Altstadt. Dort traf ich auf der Straße einen indischen Diener in Kaki, sprach ihn englisch an und erfuhr von ihm, daß er bei Colonel Miles, den ich noch aus Tientsin her kannte, im Dienste sei. Ich trug ihm Grüße an seinen Herrn auf.