Im Sattel durch Zentralasien: 6000 Kilometer in 176 Tagen

Part 23

Chapter 233,523 wordsPublic domain

Zuerst ging es zur Karre, um meine Leute zu benachrichtigen, dann führten uns die Kavalleristen zu einem nicht sehr weit entfernten Dorf, bei dessen Ortsvorsteher wir uns einquartierten und recht gut unterkamen. Die Pferde hatten einen sehr guten Stall, und ich bekam etwas zu essen. Das beste Zimmer war von einem Opium rauchenden Mandarinen, dem es ebenso wie uns gegangen war, besetzt. Ich sollte die eine Hälfte bekommen, verzichtete aber lieber, da der Opiumgeruch der einzige Geruch ist, an den ich mich in China nicht gewöhnt habe. Ich nahm mit einem kleinen, aber sauberen Raume vorlieb. Unser Nachtquartier hieß Tschochtan.

Über Nacht legte sich der Sturm. Am 27. Mai morgens hatten wir an der Fähre wieder dasselbe Theater wie gestern. Der Dicke streikte heute gänzlich, und ich war schon drauf und dran, mich auszuziehen und ins Wasser zu steigen, als mir zum Glück noch ein alter Trick einfiel, mit dem wir unsere Pferde in die Eisenbahn besorgen, nämlich, sie einfach mittels hinten angespannten Obergurts hineinzuziehen. Ich ließ einen Strick hinten anlegen und an beiden Seiten Leute ziehen, worauf mein Dicker ganz willig hineinspazierte. Die Überfahrt an das andere, einen Meter hohe Ufer mit steiler Böschung ging glatt von statten; die Pferde sprangen direkt ans Land, und wir trabten bald lustig auf Humpasch zu. Der Weg verschlechterte sich zusehends; da es im Gebirge stark geregnet hatte, standen lange Strecken ganz unter Wasser. Viele der kleinen Brücken waren weggerissen, so daß wir uns oft gezwungen sahen, große Umwege durch das seichte Wasser zu machen. Einmal fingen wir einen fast meterlangen Fisch, der im seichten Wasser nicht vorwärts konnte. Er bildete eine sehr angenehme Abwechslung der Speisenkarte. Um 2 Uhr waren wir in Ajikur, wo wir gut unterkamen. Bald nach uns langte eine Karre mit einer Halbweltdame an, die mir sofort in die Stube lief. Inzwischen entwischte ihr der bereits bezahlte Karrenführer, und es gab draußen eine Szene, bei der man eine Sammlung der gemeinsten Schimpfworte zu hören bekam. Merkwürdig und recht bezeichnend für die nicht allzu hohe Sittlichkeit des Volkes ist es, daß die verheirateten Frauen mit dieser Sorte Weiber wie mit ihresgleichen verkehren. Den ganzen Abend spielten sie draußen auf dem Kang Karten, was schließlich auch mit einem Streit endigte.

Vom Amban in Aksu hatte der mich begleitende Yamenbeamte ein Begleitschreiben mitbekommen, wonach die Ortsvorsteher uns Pferdefutter, welches sich die Reisenden im allgemeinen mitzubringen pflegen, zu liefern hatten. Der hiesige Ortsvorsteher verstand sich jedoch erst dazu, nachdem die Kavalleristen eine längere Auseinandersetzung mit ihm gehabt hatten. Ich persönlich habe übrigens niemals daran gedacht, etwas zu fordern: lieferten die Leute etwas, so nahm ich es dankbar an und vergalt es mit einem Geldgeschenk, gaben sie nichts, so mußte ich eben kaufen, was ich gebrauchte. Da es am 28. Mai wieder sehr heiß war, beschloß ich, über Nacht zu marschieren und rastete noch bis zum Nachmittag. Gegen 4 Uhr ritten wir ab. Im nächsten Dorfe entstand ein Streit zwischen einem meiner Kavalleristen, meinem Yamenbeamten und dem Ortsältesten. Da ich die Türkisch sprechenden Leute nicht verstand, ließ sich nicht feststellen, um was es sich handelte, doch konnte ich den Verdacht nicht unterdrücken, daß die Gesellschaft hinter meinem Rücken meinen Namen zu Erpressungen benutzte. Es ging weiterhin durch knietiefen Sand, einen im Bau befindlichen Kanal entlang, der das überflüssige Wasser des Aksu darga ableiten soll, um einerseits neue Strecken urbar zu machen und andrerseits Überschwemmungen vorzubeugen. Am Ende war ein Riesenbiwak von ungefähr 3000 Arbeitern, überall lohten die Feuer, anstatt des Pferdegewiehers hörte man den klangvollen Schrei des Esels. Die Arbeiter waren beim Kochen des Abendessens, es herrschte ein lebhaftes Treiben im Lager. Von weitem konnte man sich einbilden, an ein deutsches Manöver-Biwak heranzureiten.

Gegen 1 Uhr nachts kamen wir nach einer einsamen Posthalterei; die Pferde waren sehr müde und infolge des knietiefen Sandes warm geworden. Bis der Wagen kam, warteten wir, dann marschierten wir noch bis zur nächsten Posthalterei an einer salzhaltigen Quelle. Man sagte uns, es gäbe bis Kaschgar kein gutes Wasser mehr. In der Tat schmeckte das Wasser schauderhaft bitter, und selbst die Pferde wollten es nicht saufen. Der Ort hieß Tschyrchuduch. Das Frauenzimmer von gestern fuhr mit ihrer Karre beständig hinter der meinigen her. Sie hatte natürlich gehofft, an mir einen guten Fang zu tun, und mag recht enttäuscht gewesen sein, denn ich ließ einfach das Haupttor sperren, so daß sie draußen bleiben mußte. Über Nacht kam Staubsturm aus Nordwesten auf; es war morgens so ungemütlich, daß ich bis 2 Uhr nachmittags wartete, zu welcher Zeit sich der Staubsturm etwas gelegt hatte. Auch als wir abmarschierten, war es noch immer drückend schwül. Der Weg führte wie gestern durch Wüste mit vereinzelten Kamischbüscheln. Gegen 4 Uhr kam es aus Osten bei kaltem Winde wie eine schwarze Wand angesaust, es war ein neuer Staubsturm, der bedeutend stärker war als der erste; er brachte Abkühlung, und da er von hinten kam, wirkte er nicht unangenehm.

Der Umbasch in Tschylangtai, wo wir über Nacht bleiben wollten, ließ mir sagen, daß ich mich zu ihm bemühen solle, um ihm meinen Paß zu zeigen. Dies war insofern eine Unverschämtheit, als ihm der Beamte vom Yamen Aksu bereits das Begleitschreiben seines Herrn vorgezeigt hatte. Ich ließ ihm zurücksagen, er möge zu mir kommen. Da er nicht erschien, schickte ich Nasr hin, worauf er sofort kam und alles Vorhergegangene bestritt. Wahrscheinlich hatten sich die Kavalleristen mit dem in Wirklichkeit ganz gutwilligen Alten einen Witz erlaubt, weil er auf ihre Anzapfungen, betreffend Pferdefutter usw., nicht eingegangen war. Am 30. Mai marschierten wir früh ab; es ging durch Wüste, die allmählich in Steppe mit Baumwuchs überging. Am Rande der Wüste steht ein altes verlassenes Soldatenlager aus den Zeiten der Fürsten von Kaschgar. Wir rasteten und futterten in einem kleinen Nest mit einer salzigen Quelle und marschierten um 5 Uhr abends weiter nach Scheitai, d. h. elfter Meilenstein. Es ging im mahlenden Sande meist durch dichten, Schatten spendenden Wald, abwechselnd mit drei bis vier Meter hohen, auf kleinen Erdhügeln stehenden Kamischsträuchern. Ich kann mir die Entstehung der Erdhügel nur so erklären, daß Jahrhunderte lang die Verwitterungsprodukte desselben Strauches diesen Hügel gebildet haben, auf dem dann der Strauch fortwuchert. Eine kurze Zeit lang hatten wir südlich den jetzt kaum Wasser führenden Kaschga darga in Sicht. Im Norden traten die Sanddünen der Wüste hervor. Der Weg ging teilweise auf einem recht gut erhaltenen Knüppeldamm mit vielen Wasserdurchlässen, die sich auch alle in gutem Zustande befanden. Abends kamen wir nach Scheitai, wo ich aus den besten Zimmern des Gasthofs erst einige Landstreicher herausbesorgen mußte, um Unterkommen zu finden.

Leider gab es über Nacht eine große Pferdeschlacht. Ich hatte am Abend allein neun Hengste im Hofe gezählt, von denen, nach der üblen Sitte der Karrenführer, über Nacht keiner angebunden war. Ich wachte von dem Geschrei der Hengste auf, nachdem ich schon am Abend vorher hatte Ruhe stiften müssen, da die Hengste natürlich alle zu meiner Stute, der einzigen im Hofe, gelaufen kamen. Mein Schimmel, der sich mit der Stute sehr angefreundet hatte, geberdete sich wie toll und hatte Streit mit allen Hengsten. Ich stand auf und fand die ganze Gesellschaft bei meinen Pferden; der Schimmel war los und blutete bereits mehrfach. Auch die Stute war hinten rechts verletzt. Nun lief mir doch die Galle über, ich trieb mit der Peitsche alle Karrentreiber heraus und ließ die Hengste anbinden.

Auch heute, 31. Mai, ging es durch Wald, der aber teilweise abgestorben ist; wahrscheinlich hat ihm der vordringende Sand die Lebensbedingungen genommen. Weiterhin sahen wir wieder viel Kamisch. Wir waren schnell geritten und ich kam mit meinen Leuten schon gegen 12½ Uhr in Scheitai an. Die Karre folgte erst um 4 Uhr.

Der Ortsvorsteher besuchte mich und erzählte, daß es hier sehr viele Wildschweine gäbe. Ich bat sofort um Pferde, die mir auf das liebenswürdigste zugesagt wurden. Man brachte mir einen Hengst, der bereits rechts am Bauche schwere Narben aufwies, die ihm ein verwundeter Keiler bei der Jagd auf Schweine beigebracht hatte. Als das Pferd in den Hof gebracht wurde, bemerkte ich, daß die Chinesen grinsten, und auf meine Frage, was sie zu lachen hätten, meinten sie: "Herr, das Pferd ist din bu lausche" (ein gemeiner Verbrecher). Mir machte das nichts, ich saß ruhig auf und ritt mit meinem Diener und noch zwei andern Schantus nach Osten, auf dem Wege, auf dem wir hergekommen waren, acht Kilometer durch angebautes Land zurück. Unterwegs erzählten die Leute viel von ihren Schweinsjagden; sie hassen das Tier, welches sie als Mohammedaner nicht einmal essen, wie die Pest, weil es ihre Saaten zerwühlt, und sie jagen es, wann und wo sie nur können. Zu dieser Jagd ziehen sie bis zu 20 Reiter stark aus, von denen nur einer eine alte primitive Büchse hat; die andern haben Lanzen oder auch nur Stangen. In langer Linie reiten sie durch das Unterholz, und kommt dann ein Schwein auf, so geht es in Pace hinterher, bis das Schwein gestellt wird. Dann erhält es den Schuß, der fast nie fehlgehen soll. Wir machten es ähnlich, verteilten uns auf eine Linie und ritten durch sehr dichtes Unterholz, das mit frisch gerodetem Land und Saaten abwechselte. Überall sah man die Fährten des Wildschweines, es mußte hier Hunderte von Schwarzkitteln geben. Im Trabe ging es über viele Gräben und Dämme und durch ein Stück Sumpf. Mein Pony ging sehr gut und benahm sich vorläufig ganz anständig. Nasr hatte den linken Flügel und rief plötzlich: "Herr, Herr, ein sehr großes!" und schon kam es wie eine Maschine durchs Unterholz. Ich sah nur einen Moment die weißen Gewehre des Keilers blitzen, kam aber nicht zum Schuß, und nun ging die Jagd los, eine Parforcejagd, wie sie in Deutschland nicht schöner sein kann. Die Ponies gingen totsicher und beinahe in Rennpace durch das Dickicht, daß es eine reine Freude war. Ich bemerkte nun, warum die Chinesen mich vor dem Tiere gewarnt hatten, denn mein Brauner kannte das Geschäft ganz genau und pullte wie besessen. Ich glaube, daß die Mohammedaner gehofft hatten, mich beim ersten Graben im Schmutz liegen zu sehen; den Gefallen tat ich ihnen aber nun nicht. Ich nahm die Zügel in die eine Hand und hielt mit der anderen das Gewehr hoch. So ging die Jagd mehrere Kilometer weit, immer das durch das Gebüsch brechende Wild vor uns. Mit einem Male hörte ich nichts mehr von dem Schwein; wir waren an einen Sumpf, die Pferde sanken tief ein. Wir mußten leider umkehren, da die Sonne schon bedenklich tief stand und wir einen weiten Rückweg hatten.

Auf dem Hauptwege angelangt, proponierte einer der Schantus noch ein Wettrennen; ich glaube, sie wollten mich auf meine Sattelfestigkeit hin prüfen. Natürlich war ich gleich dazu bereit und bestimmte, um einer unnützen Hetzerei vorzubeugen, als Ziel ein Haus am Wege, wohin ich meinen Diener als Richter vorausschickte. Ich hatte richtig gerechnet, die Schantus stürmten vom Platz weg, was die Tiere laufen konnten, während ich, nachdem ich mein Gewehr an Nasr abgegeben hatte, mit beiden Händen meinen alten Puller hinten halten konnte. Kurz vor dem Ziel fing ich an zu reiten und schlug die andern um eine gute Länge, was sie natürlich nicht erwartet hatten; sie waren etwas verblüfft, und ich konnte ihnen nun meinerseits sagen: "Seht ihr, so reiten die Europäer." Die Leute haben mir sonst gefallen, sie gehen in einer Pace und mit einer Ruhe durchs Dickicht und über schwere Hindernisse, die ganz vortrefflich ist. Dabei haben sie wirkliche Jagdpassion und einen scharfen Blick, um welch letzteren ich sie besonders beneide. Man merkte ihnen übrigens die Dankbarkeit für gute Behandlung an. Dieser Herr schlug die Leute nicht, ritt wie sie selber und hatte auch noch für ihre Angelegenheiten Interesse; das war noch nicht dagewesen, denn der chinesische Herr verkehrt nur per Peitsche mit den Schantus.

Am 1. Juni morgens marschierten wir nur 25 Kilometer, weil in der Gegend viele Schweine sein sollen. Aus der Ebene, die sehr sumpfig wird und mehrfach Seen-Bildung aufweist, erheben sich ganz unvermittelt Felsgruppen zu ziemlich beträchtlicher Höhe. Ich pirschte die ganze Gegend ab, ohne auch nur eine Fährte eines Wildschweines zu sehen; es wurde drückend schwül, und die Luft war wie in einem Treibhause. Auf einem der Felsen, unmittelbar am Dorfe, liegt ein Heiligengrab, Uchur Masar, das dem Dorfe den Namen gegeben hat. Der hier ruhende Heilige ist vor ungefähr 200 Jahren begraben worden. Ich kletterte auf einem für Nichtschwindlige berechneten Pfade hinauf und genoß von oben eine herrliche Fernsicht.

Unten im Dorfe erzählten die Leute, daß vor ein paar Tagen ein Tiger hier gewesen sei und einige Pferde und Rinder zerrissen habe. Leider mußte ich mich von der Unmöglichkeit einer Jagdexpedition zur Zeit überzeugen. Abgesehen davon, daß mich kein Mensch begleiten wollte und ohne Führung an den Tiger gar nicht heranzukommen gewesen wäre, bietet die Jagd selbst auch noch sehr große Schwierigkeiten. Das Schilf ist drei Meter hoch und der Untergrund fast durchweg Wasser, so daß die Treiber nicht durchkommen können. Die Leute behaupteten, der Tiger säße auf dem andern Ende des Sees im Sumpf; Entenjäger hätten ihn gestern Abend vom See aus brüllen hören. Im übrigen wird der Tiger hier eigentlich nur im Winter geschossen, da dann seine Decke sehr viel schöner und die Jagd weniger schwierig ist. Man brennt das trockene Schilf herunter und treibt ihn so auf den Fleck, wo man ihn haben will, was er sich ruhig gefallen lassen soll, und schließlich schießt ihn der beste Schütze des Dorfes mit der nie fehlenden Kugel oder vielmehr der Ladung aus Bleistücken aus der primitiven Luntenflinte. Die Decke bringt im Bazar ungefähr 60 Taels, jeder Knochen und jedes Stückchen Fleisch wird verwertet, da es die Apotheken für Medizin sehr hoch bezahlen. So zahlen sie z. B. für einen Röhrknochen drei Taels.

Am Nachmittag wanderte ich, um die Pferde zu baden, zum See und entdeckte hierbei in einem Abflußkanal drei Einbäume, jeder vielleicht 4 Meter lang, ausgehöhlt und ohne Kiel, Bug usw. Die Leute bewegen das Boot sehr geschickt mit einem einfachen, ganz kurzen Handruder. Ich unternahm sofort eine Gondelpartie und stieg mitten im See zu einem herrlichen Bade in das nur ganz schwach salzhaltige Wasser. Der See soll sehr fischreich sein. Das Heraus- und Hereinbalanzieren beim Einbaum war ein ziemlich gefährliches Unternehmen, da der Kahn jedesmal zu kentern drohte. Als wir landeten, planschten die Pferde vergnügt im Wasser herum; der Dicke hatte sich losgerissen und es schien ihm ganz besonders gut im Wasser zu gefallen, denn er wollte gar nicht mehr herauskommen.

Gegen Abend aufbrechend, passierten wir auf einem Bergabhang hohe Ruinen von Gebäuden, teils Ziegel-, teils Lehmmauern. Die Chinesen behaupteten, es seien zerfallene Tempel, die Schantus sagen, es sei eine alte, verlassene Stadt. Es mochte gegen 2 Uhr nachts sein, als wir kurz vor uns im hohen Schilfe das Brüllen eines Panthers hörten. Die Pferde standen an alle Gliedern zitternd und waren nicht mehr einen Schritt vorwärts zu bringen. Meine Kavalleristen wollten sofort kehrt machen, und erst als sie sahen, daß ich mir den Karabiner geben ließ, um dem Panther zu Leibe zu gehen, faßten sie wieder Mut. Leider war auch hier wieder ein Eindringen in den Sumpf so gut wie unmöglich, und fernerhin hörten wir nichts mehr von dem Panther. Die Pferde beruhigten sich und wir marschierten weiter auf Maralbaschi zu. Früh gegen 3 Uhr waren wir im Ort.

Beim Auspacken der Karre vermißte ich meine Antilopenköpfe, die stets in einem Sack hinten an der Karre gehangen hatten. Zu meinem nicht geringen Ärger waren sie gestohlen. Wahrscheinlich hatte sie bei den Nachtmärschen einer hinten abgeschnitten; natürlich wollte keiner von der Gesellschaft etwas wissen.

Der Yamen schickte mir sofort als Geschenk 50 Eier, Hühner und Pferdefutter. Ich traf es gut, denn der Amban hatte gerade heute sein Amt angetreten und sein Vorgänger soll ein fremdenfeindlicher, unhöflicher Mensch gewesen sein. Ich schlief erst aus, dann ließ ich mir die Haare schneiden und mich rasieren, was ein Schantu recht gut besorgte. Ich gab ihm nach unserm Gelde 80 Pfennig, was im Vergleich zu den hiesigen Lebensbedingungen sehr viel mehr bedeutet. Dennoch war der Kerl nicht zufrieden und verließ den Hof erst, als ich ihm vorschlug, mit mir zum Yamen zu kommen. Dort hätte man ihm sofort zwei Drittel des Geldes, als zu viel, wieder abgenommen, so wenigstens versicherten mir die anderen Schantus. Am Nachmittag erhielt ich vom Aksakal und einem reichen indischen Kaufmann Besuch. Um 5 Uhr ritt ich selbst zum Yamen und revanchierte mich dabei mit Geschenken in Gestalt einer Handlaterne mit europäischen Lichten und einer Flasche Glycerin, die ich noch übrig hatte. Ich sollte eines der Kinder, das Zahnweh hatte, kurieren, was ich natürlich nicht konnte. Der Bengel hatte zur Feier des Tages zu viel Zuckerzeug gegessen, das von den Kaufleuten des Ortes neben tausend anderen Sachen zum Amtsantritt des Vaters geschenkt worden war. Der Yamenhof, alle Eingänge, Säulen usw. waren mit roten Tüchern drapiert, die nur notdürftig die Schäden der zerfallenden Lehmgebäude verdeckten.

Am Abend gab es endlich einmal etwas Ordentliches zu essen: Suppe, ein richtiger, guter, in Butter gebratener Fisch, gebratenes Huhn und als Nachtisch frische Maulbeeren. Am Abend kam wieder der indische Kaufmann, um mich zu besuchen. Er stammt, wie viele seiner Landsleute in der Gegend, aus Lahore, reist jedes Jahr einmal nach seiner Heimat und macht im übrigen hier recht gute Geschäfte. Seine Handelsartikel sind: gemusterte und gestreifte Seide, Kaliko in den verschiedensten Farben, Porzellan, Zuckerzeug und auf Verlangen jedenfalls alles, was die Käufer bezahlen können. Nebenbei verleiht er gegen hohe Zinsen auch Geld. Er behauptete, daß seine Waren alle aus Indien stammten, während ich mich nach eingepreßten oder auch aufgemalten Firmen überzeugte, daß sie ohne Ausnahme russischen Ursprungs waren. Die Leute waren hier sehr höflich; wenn ich auf der Straße ging oder den Gasthof verließ, standen sie überall aus ihrer gewöhnlichen Hockstellung auf und machten Platz. Der Ort ist nicht sehr groß; an die umwallte Stadt, in der die Chinesen wohnen und in der der Yamen liegt, schließt sich nach Osten zu eine lange Bazarstraße mit vielen Läden an. Ich sah außerdem zwei Moscheen und ein Heiligengrab.

Den ganzen Abend wartete ich auf den mir angekündigten Gegenbesuch des Ambans, der mir erst sehr spät sagen ließ, er käme am nächsten Morgen. Bei meinem abendlichen Rundgang fand ich meine Stute und den Schimmel so kurz angebunden, daß sie sich nicht legen konnten. Der zur Beaufsichtigung der Pferde engagierte Schantu behauptete, daß der eine der Kavalleristen sie kurz angebunden hätte, weil sie sein Pferd geschlagen hätten. Ich beförderte den Opium rauchenden Krieger recht unsanft vom Kang in den Stall, wo er eigenhändig meine Pferde wieder lang binden mußte. Wegen einiger fehlender Eisen war es unmöglich, wie ich es eigentlich wollte, am nächsten Tage weiter zu reiten; ich beschloß also, Masar Alldi zu besichtigen, ein Heiligengrab, das sehr hübsch auf einem einzelnen Felskegel in der Ebene gelegen sein sollte und einen der Hauptausflugsorte bildet. Um meine Tiere zu schonen, mietete ich mir im Orte drei andere Pferde. Wir wollten gerade abreiten, als einer vom Yamen kam und den Besuch des Ambans anmeldete. Ich saß wieder ab und ließ die Pferde wegführen, um ihn zu empfangen. Der große Eintrittsraum der mir zur Verfügung stehenden Zimmer war mit meinen schönen, neulich gekauften Teppichen ausgestattet und machte sich sehr hübsch. Wir warteten und warteten, der Amban kam nicht. Die Sonne stieg immer höher, und es wurde drückend heiß; endlich, um neun Uhr, nach zweistündigem Warten, erschien der alte Herr und hielt mich noch eine halbe Stunde auf, so daß es nunmehr eine Tierquälerei gewesen wäre, noch zu reiten. Daher gab ich den Ritt auf und besuchte statt dessen den Aksakal und den indischen Kaufmann, die mir beide nach Landessitte Zuckerzeug vorsetzten. Dem Schmied, der mittags noch nicht angefangen hatte, die Eisen zu machen, hetzte ich den Umpasch (türkischer Ortsvorsteher) auf den Hals. Die Karre mit meinen Sachen sollte auf dem großen Weg nach Kaschgar gehen, während ich selbst über Terem, Lailik und Ordan Padscha südlich der großen Heerstraße zu reiten beabsichtigte. Da wir zu Pferde ohne jegliches Gepäck schneller vorwärts kommen konnten, war anzunehmen, daß wir ungefähr zu derselben Zeit wie die Karre in Kaschgar eintreffen würden. Die für heute schon bezahlten Pferde bestellte ich für morgen zur Jagd. Der Schmied erschien noch ganz spät abends, weil es aber schon zu dunkel war, verschob ich das Beschlagen auf morgen und gab ihm, da ich nicht selbst anwesend sein konnte, meine Wünsche ganz genau an. Um 4½ Uhr morgens ritten wir, fünf Mann hoch, zur Schweinejagd. Ich hatte eine falbe Stute, die vier anderen hatten Hengste, so daß das Gegrunze und Gequietsche kein Ende nahm. Es fällt anfangs auf, daß in hiesiger Gegend nur Hengste geritten werden und man gar keine Wallache findet. Dies hat aber seinen Grund darin, daß der Wallach die Stute gegen den angreifenden Wolf oder Tiger auf der Weide nicht schützt. Greift ein Raubtier die Herde an, so schließen sich sämtliche Stuten zum Kreise zusammen und nehmen die Füllen in die Mitte, wobei sie den Kopf nach innen haben, die Hengste bleiben draußen und sollen den Tiger oder Wolf rücksichtslos mit Gebiß und Hufen angreifen. Meine Begleiter waren Nasr, der Umpasch und zwei vom Yamen, alle gut beritten. Es ging in der üblichen tollen Fahrt zur Stadt hinaus in westlicher Richtung, allmählich etwas nach Süden wendend, zuerst durch bebautes Land, dann durch heideartige, schwach mit Tamarisken bestandene Steppe.