Im Sattel durch Zentralasien: 6000 Kilometer in 176 Tagen
Part 22
In einem kleinen Gasthause rasteten wir eine Stunde, dann zogen wir weiter in die Steppe und um 8 Uhr morgens waren wir nach 90 Kilometer Marsch in Chrotsy, wo wir gute Unterkunft fanden. Natürlich hatten meine Chinesen nichts Eiligeres zu tun, als sofort den ganzen Ort von der Schießerei in Kenntnis zu setzen und vor jedem einzelnen mit dem Abenteuer zu prahlen. Die Gebärdensprache, die ich von weitem beobachtete, wirkte höchst komisch. Nun kamen die Chinesen zu mir, um mich auszufragen. Ich ließ sie zuerst einmal meine Nationalität erraten; sie waren lange im Zweifel, bis schließlich einer meinte, ich könne nur ein Deutscher sein, denn die andern seien zu faul, ihre Sprache zu lernen. Das Kompliment ging mir glatt herunter und ich bekannte Farbe. Ein Offizier war auch in dem Dorfe und besuchte mich sofort, um sich über die Räuber zu erkundigen. Mit seinem Mute schien es nicht weit her zu sein, denn, wie ich später hörte, hatte er den Abmarsch sofort um zwei volle Tage verschoben und seine gesamte Begleitung zum Erkunden vorausgeschickt. Ich freundete mich unterdessen mit seinem netten kleinen Sohne an, als mit einem Male der weniger nette Vater erschien und das Söhnchen aus meiner Stube heraushieb, leider merkte ich die Absicht zu spät, sonst hätte ich mir diese Exekution in meinem Zimmer auf das energischste verbeten.
Wir marschierten wieder die Nacht hindurch und waren am 19. Mai morgens um 8 Uhr in Bait scheng am gleichnamigen Flusse, der jetzt wenig Wasser führte. Bei starkem Regen, der hier allerdings nur alle paar Jahre einmal eintritt, soll er regelmäßig die sämtlichen, niedrig gelegenen Häuserreihen wegschwemmen, was die Leute jedoch nicht hindert, sie immer wieder aufzubauen. Die Stadt ist schmutzig und eng ineinander gebaut. Ich kam im besten Gasthause unter, in dem drei andere Zimmer von Damen der Halbwelt besetzt waren. Ein Kaufmann aus Andischan brachte mir als Geschenk 50 Eier, Salz und Radieschen, der Yamen sandte sofort Pferdefutter und Leute, kurzum, ich wurde auch hier ebenso gut und liebenswürdig aufgenommen, wie stets in Turkestan. Ich ließ mich beim Yamen anmelden und sagen, daß ich ungefähr um 4 Uhr meinen Besuch machen wolle. Die Zwischenzeit benutzte ich, um mich endlich einmal etwas auszuschlafen. Auf dem Yamen fand ich einen ganz jungen, sehr angenehmen Beamten, der mir meinen Besuch bald erwiderte und sich natürlich in das unvermeidliche Fremdenbuch eintragen mußte. Zu meinem Schmerz entdeckte ich, daß die Chinesen meinen einzigen Thermometer zerbrochen, außerdem zwei gute deutsche Riemen verloren und dann noch ohne meine Erlaubnis mit meinem Gelde eingekauft hatten. Sofort wurde wieder die alte strenge Wirtschaft eingeführt und kein Cash herausgerückt. Daß mich trotzdem der zuletzt engagierte Chinese Dscho hinten und vorn betrog, war mir längst klar, nur konnte ich es ihm nicht beweisen, da ich nicht jedem Verkäufer nachlaufen konnte, um ihn auszufragen, nebenbei wird sich wohl Dscho mit den Verkäufern den Profit geteilt haben. Er muß es aber ziemlich schlau angefangen haben, da ich die landesüblichen Preise ganz genau kannte. Bai tscheng hat auch einen Schantu-Prinzen, von denen es hierzulande eine ganze Anzahl gibt.
Lächerlich ist es, was für gute Geschäfte die Halbweltdamen hier machen. Ich beobachtete, daß das Zimmer der einen, eines allerdings sehr hübschen Mädchens, den ganzen Nachmittag von Chinesen besetzt war; man hörte ohne Unterlaß das Geklimper der Gitarre, und jeder ließ einen Obolus da, wofür er nur eine Tasse Tee bekam und allenfalls eine Pfeife rauchen durfte. Am Abend war das Mädchen dann außerhalb vergeben. Besonders die hübscheste von den dreien war förmlich mit Goldschmuck behängt. Was das Mädchen an Ohrringen, Fingerringen, einem mit Gold und Steinen besetzten Gürtel an sich trug, mußte mindestens einen Wert von 1000 Mark darstellen. Übrigens sind diese Mädchen sämtlich Türkinnen; eine Chinesin würde dies Gewerbe niemals so öffentlich betreiben, während bei den Türkinnen kein Mensch Anstoß daran nimmt.
Am 20. Mai war wieder einmal ein derartiger Staubsturm, daß ich beschloß, erst am Abend weiter zu marschieren. Ich ging über Mittag in die Stadt und kaufte als Andenken einige silberne Fingerringe und einen kupfernen, außen verzinnten Wasserkrug, auf den ich mir auf der einen Seite in chinesischen, auf der andern in türkischen Lettern den Namen der Stadt einritzen ließ. Dann machte ich dem Kaufmann aus Andischan meinen Gegenbesuch. Er verhandelt Stoffe russischen Ursprungs gegen Felle, die dann nach Rußland gehen; es wird hier wenig mit barem Geld gearbeitet. Trotzdem der Staubsturm nicht nachgelassen hatte, marschierte ich um 4 Uhr ab. Unterwegs trafen wir den von der Jagd zurückkommenden Schantuprinzen, vor dem alle des Weges Kommenden oder vielmehr Reitenden, denn zu Fuß geht hier kein Mensch, schleunigst den Sattel räumten und ihre Verbeugung machten. Nach dem Thien Schan zu sah man überall die Feuer der Hirten lodern; im übrigen waren wir hier in der Steppe, die zu dieser Zeit sehr gute Weide hatte. Unser Ziel hieß Chonesse.
Wir kreuzten, nachdem wir am 21. gegen drei Uhr aufgebrochen waren, einen reißenden, etwa einen Meter tiefen Fluß in einer Furt, durch welche die Sutschis, d. h. Wassermänner, vorausgingen, um den Weg zu zeigen. Weiterhin ging es in Lehmberge mit den merkwürdigsten Formen. Nach ungefähr 30 Kilometer Marsch hatten wir eine um eine kleine Quelle herum entstandene Ansiedlung vor uns. Die Quelle entspringt unterhalb einer weit vorspringenden Bergnase, ist mittels eines ausgehöhlten Stammes in ein Becken geleitet und hat herrliches süßes Wasser, was in dieser Gegend immerhin eine Seltenheit ist. Ringsherum ist sonst vollkommene Wüste. Manche Berghänge sehen infolge der Salzablagerungen ganz weiß aus. Früher hat dicht bei der Quelle ein großes Rasthaus der Fürsten von Kaschgar gestanden; seit der chinesischen Eroberung zerfällt der Yamen und man sieht jetzt nur noch die Grundmauern.
Zwanzig Kilometer von hier, in den rötlich erscheinenden Bergen, befindet sich ein großes Kupferbergwerk, in dem gegen 1000 Menschen arbeiten sollen. Dieses Bergwerk deckt den Hauptbedarf an Kupfer im ganzen westlichen Turkestan bis zum Pamir. Tag und Nacht, zu jeder Stunde sind nach der oben erwähnten Quelle Eselkarawanen unterwegs, um in Fässern das Wasser nach dem Bergwerk zu schleppen; das dortige ist schlecht, und da der Bedarf naturgemäß sehr groß ist, sind Hunderte von Eseln mit dieser Arbeit beschäftigt. Das Gasthaus ist, wie alle in Turkestan, groß angelegt und sauber gehalten, wie man im eigentlichen China kaum ein gleiches findet, darin haben die Chinesen für die Reisenden glänzend gesorgt. Auch in diesem einzeln gelegenen Gasthaus befand sich wieder ein Frauenzimmer, welches auf die Gunst der Reisenden spekulierte. Bei mir fand sie keinen Anklang.
Am 22. Mai hatten wir einen langen beschwerlichen Marsch durch Wüste und durch ebensolche Lehmberge wie gestern, in denen mehrfach salzige Quellen entspringen. Unter der drückenden Hitze hatten die armen Tiere schwer zu leiden. Von meinen Begleitern waren sowohl der vom Yamen als auch einer der Kavalleristen erbärmlich schlecht beritten, ich ritt daher stets mit dem zweiten Kavalleristen voraus, und zwar heute den guten Dicken, der vorzüglich ging. Das Tier war wirklich eine wahre Perle, das geborene Distanzpferd, das sich durch nichts aus seiner Ruhe bringen läßt. Um 5 Uhr nachmittags hatten wir 70 Kilometer hinter uns und Hala jürgun erreicht, das schon in der Aksu-Ebene liegt. Über Nacht sprang der Wind nach Norden um und brachte etwas Kühlung; ich marschierte daher am 23. Mai schon morgens weiter; zuerst nach Sametei, wo mittags gefuttert und gerastet wurde. Man sieht hier in der Gegend auffallend viele Leute mit Kropf, Boghra, wie sie sagen; fast möchte ich behaupten, daß von 40 Jahren aufwärts jeder einen Kropf hat. Die Leute führen diese entsetzliche Krankheit, die sie aber weiter gar nicht stört, auf die sumpfige und bittere Beschaffenheit des Wassers zurück. Das Land war schon wieder teilweise angebaut, zwischendurch kamen aber gelegentlich noch ganz wüste Striche. Die kleinen Bäche, die nordsüdlich gehen, führten jetzt alle Wasser, das meist dunkelbraun gefärbt war.
Den Abend benutzten wir zum Weitermarsch nach Aksu. Im Norden stand eine schwarze, regendrohende Wand, in der es unablässig blitzte. Wir kamen aber trocken morgens um 2½ Uhr mit müden Pferden vor Aksu an, durchritten weit ausgedehnte Vorstädte und hielten schließlich am verschlossenen Stadttore, das ausnahmsweise schnell geöffnet wurde. Durch leere Straßen, angekläfft von ganzen Herden von Kötern, vorbei am Tamtam schlagenden Nachtwächter, ging es zur großen Kwann-dienn, für die "Schweinestall" noch eine sehr milde Bezeichnung ist. Dazu war bis auf ein Zimmer alles besetzt. Ich befahl, weiter zu reisen. Wir ließen uns die inneren Abschlußgatter der einzelnen Stadtteile öffnen und versuchten es bei andern Gasthöfen mit noch weniger Erfolg; sie waren noch schmieriger als der erste und übertrafen in dieser Beziehung alles, was ich bis jetzt gesehen hatte. Schließlich kehrten wir doch in den ersten Gasthof zurück, der immerhin noch der beste war. Ich ließ das einzige freie Zimmer im wahrsten Sinne des Wortes ausmisten, brachte die Pferde unter und schlief wie üblich auf den Steinen, bis die Karre kam.
Als ich mir Geld geben ließ, fiel es mir auf, daß die Cashrollen gegen gestern recht mager geworden waren. Ich faßte zuerst Dschang, der natürlich vorgab, von nichts zu wissen, aber an dessen Benehmen ich sofort merkte, daß nicht alles in Ordnung war. Echt chinesisch schob er alles auf seinen Kameraden, wollte jedoch den Verlust von 100 Cash, den ich angab, aus seinem eigenen Gelde ersetzen, woraus ich schloß, daß das Gestohlene mindestens dreimal soviel betrug. Ich hatte bald Gelegenheit, mich von der Richtigkeit dieser Ansicht zu überzeugen. Als Dscho, den ich ausgeschickt hatte, zurückkam, stellte ich sofort Haussuchung an; in seinen Decken, in seinen Kleidern, überall kamen gestohlene Cashrollen zum Vorschein. Er war aber derartig im Vorschuß bei mir, daß ich ihn, um nicht noch mehr Geld zu verlieren, weiter mitnehmen mußte. Dann fehlten meine Photographien. Ich setzte sofort Himmel und Erde in Bewegung; der Yamen hatte bereits Reiter gestellt, die nach dem letzten Quartier zurückreiten sollten, um nachzufragen, als sie sich doch noch fanden und der ganze Lärm umsonst gewesen war.
Der Yamen schickte, wie üblich, alles zum Leben Notwendige. Ich wollte mich bald dort melden und befahl meinen Leuten, sich zu beeilen. Aber wenn ein Chinese Toilette macht, so dauert das meist länger als bei einer unserer verwöhntesten Damen in Deutschland. Erst gingen sie essen, denn ohne etwas im Magen ist der Chinese unbrauchbar, dann mußten sie Schuhe kaufen, dann ließen sie sich den Kopf rasieren und den Zopf neu machen, kurzum, es dauerte volle vier Stunden, bis sie glücklich bereit dastanden, um zum Yamen zu wandern. Ich engagierte in der Zwischenzeit auf Empfehlung des Aksakals hin, den Sven Hedin in seinem Buche im Bilde verewigt hat, noch einen Schantu, der sich mir anbot, so daß mein Hofstaat nun auf drei Diener angewachsen war. Ich nahm den Mann nur, da er neben seiner Muttersprache, dem Türkischen, auch noch Chinesisch vollkommen beherrschte und mir so weiterhin von Nutzen sein konnte. Wir ritten nun zuerst zum Taotai, einem jovialen alten Herrn mit rotem Rangknopf. Er war sehr liebenswürdig; mir fiel auf, daß er merkwürdig familiär mit seinen Untergebenen umging. Zum Besuche war, wahrscheinlich als Dolmetscher, der Beamte der hiesigen Telegraphenstation geholt worden. Außer "how do you do" konnte er aber nichts, so daß wir uns bald wieder chinesisch unterhielten. Der alte Herr begleitete uns zum Abschied aus dem Hause hinaus.
Wir ritten weiter zum Amban, wo ich einen großen Volkshaufen in ungeheurer Aufregung vorfand. Im Hofe bildete bis zum Haupttor Infanterie Spalier, die mit ihrer altertümlichen Bewaffnung einen höchst spaßigen Eindruck machte. Als ich durchritt und mit meiner etwas hohen Stimme mehrfach "Platz!" rief, wurde ich von allen Seiten verspottet und nachgeahmt. Ich erfuhr nun endlich auch, was eigentlich vorging. Ein Mann sollte hingerichtet werden, und das Volk war darüber vor Erregung wie toll. Ich ließ mich beim Amban anmelden und wurde sofort gebeten, näherzutreten. Er ist ein geborener Ningpoer; ich verabschiedete mich bald wieder, da auch der alte Herr von der Hinrichtung ganz hingenommen schien und mit seinen Gedanken gar nicht bei der Sache war. Beim Herausreiten aus dem Yamen benahmen sich die Soldaten frech gegen mich, so daß ich zurückritt und mir den ersten Bedienten des Beamten kommen ließ, der sofort mit Knüppeln energisch für mich Platz schaffen ließ.
Kaum hatte ich den Yamen verlassen, so fuhr eine Karre in den Hof. Der Deliquent, ein Chinese, erschien und wurde unter dem Geheul der Menge von vier bis fünf Yamenleuten auf die Karre geladen. Die beiden Trompeter bliesen Fanfaren, und der Zug mit der Infanterie an der Spitze ging los. Es folgte die Karre mit dem Deliquenten, dann kam der Kommandeur des hiesigen Infanterie-Bataillons im scharlachroten Mantel mit einigen andern Offizieren und Mafus dahinter. Der Marsch ging nach dem ganz nahen Westtor. Die Menge tobte und brüllte ohne Unterlaß: "Scha! scha!" (töte ihn! töte ihn!) Ich ritt ganz hinten und konnte von der Stute aus alles übersehen. Als der Wagen am Tor war, konnte die Menge es nicht mehr erwarten, alles griff zu und im Laufschritt wurde die Karre vorwärts gestoßen. Am Richtplatz wurde der Deliquent heruntergerissen, in die Knie gedrückt, und schon rollte der Kopf im Sande unter allgemeinem "Ah" der Menge. Einer der mich umstehenden Chinesen meinte zu mir: "Das ist doch noch schöner, als das Theater." Die Trompeter bliesen nach der Exekution langgezogene Fanfaren, es klang beinahe wie zum Halali. Die Menge drängte sich um den Körper, der Kopf wurde sofort weggetragen, wobei sich die damit beauftragten Soldaten den Scherz machten, ihn so am Zopf zu schlenkern, daß alle Umstehenden mit Blut bespritzt wurden, dann kam der Kopf in das übliche Kästchen, um an seinem Heimatsorte zur Warnung aufgehängt zu werden.
Ich hatte unterdessen den Gegenbesuch des Taotais verfehlt, den ich unterwegs in seiner Karre, von meinem Hause zurückkehrend, traf. Bald darauf kam auch der Amban zum Besuch. Abends machte mir Dscho, der sich in seiner Dummheit noch immer nicht über das gestohlene Geld beruhigen konnte, eine Szene, erklärte, daß er nach Karaschar zurück wolle, und forderte im unverschämtesten Tone Geld. Ich setzte ihn etwas unsanft hinaus, nahm ihm seine Sachen weg, damit er nicht fortlaufen konnte und erklärte ihm, daß wir unsere Angelegenheiten morgen auf dem Yamen vor dem Amban ordnen würden. Ich war recht müde, da man mich den ganzen Tag belagert hatte, und schlief wie ein Toter. Frühmorgens am 25. Mai kam Dschang, um für seinen Kameraden zu bitten, der natürlich Angst vor den Prügeln hatte, die ihm bei der Klarheit des Falles mit Sicherheit auf dem Yamenhofe bevorstanden. Meine drei Pferde waren so sauber wie noch nie, das Essen ganz besonders gut hergerichtet. Dscho hatte sich die äußerste Mühe gegeben, obwohl er auch sonst nicht faul war. Vorläufig ließ ich ihn noch etwas zappeln, was ihm nur dienlich sein konnte.
Um 10 Uhr machte ich mich auf den Weg nach dem alten Aksu, das ungefähr 50 Kilometer nördlich gelegen ist. Wir durchritten die umwallte Stadt und die nördliche Vorstadt, in der der Hauptverkehr und Handel sich abspielt, dann ging es entlang dem Aksu darga, dessen Tal reich angebaut ist. Die Talwände steigen in senkrechten, hohen Lehmmauern zu einer staubigen, lehmigen Ebene auf, durch die eine Zeit lang der Weg führt. Man kann sich kaum einen größeren Gegensatz denken, als dieses reich angebaute Tal und die öde Ebene. Der Boden im Tale ist hier sehr wertvoll, die Begräbnisstätten liegen daher alle oben im schlechten Boden. Wir ritten eine ganze Zeit lang zwischen Kirchhöfen mit ihren kleinen Kuppelbauten und ihren unzähligen würfelförmigen Gräbern, genau wie man sie in Konstantinopel sieht. Unten im Tale wird ein sehr guter Reis angebaut, die überschwemmten Felder ließen dies schon von weither erkennen. Beim Eintritt in die Stadt fiel sofort an hoher Stange im Käfig der Kopf des gestern Hingerichteten auf, zu dem noch immer viele Neugierige strömten. Wir ritten durch viele, lange, wundervoll kühle Bazarstraßen, die so gut oben eingedeckt sind, daß es fast dunkel darin ist, zum Yamen des Wangtsy[4] Hadyr. Er war nicht zu Hause, sondern erwartete uns in seinem Garten außerhalb der Stadt. Trotzdem mich einer der Beamten vom chinesischen Yamen schon vorher angemeldet hatte, kam in voller Fahrt ein Diener angeritten, um uns zu führen.
[4] Wangtsy = Prinz
Am Garten, der noch im Entstehen begriffen ist, erwartete mich außerhalb der Prinz, ein Mann im besten Alter mit Schnurrbart und rasiertem Kinn, in der Kleidung eines vornehmen Chinesen. Er könnte jederzeit für einen Chinesen besseren Standes gelten. Ich wurde zu einem nach allen Seiten offenen Pavillon geführt, dessen Fußboden mit Teppichen belegt war. Wir setzten uns auf Feldstühle, und es wurde Tee und russisches Zuckerwerk gereicht. Die Unterhaltung drehte sich um die üblichen Fragen. Das Plätzchen ist hier sehr angenehm, auf zwei Seiten rieselt ein Kühlung spendender Bach; fünf Musikanten führten Musik auf einer derselben sang dazu. Ich bekam dann noch Schlagsahne, eine Art Kalbfrikassee und Rührei mit Früchten darin vorgesetzt. Man brachte zuerst den Teller mit dem Fleisch, auf dem ein kleiner hölzerner Löffel lag. Da man mir keine Eßstäbchen gab, fing ich an, mit dem Löffel zu essen, nicht ahnend, daß ich damit einen groben faux pas beging, denn es war der Vorlegelöffel. Nach dem Essen fragte man mich, ob ich nicht noch den Aksakal besuchen wollte, der sehr weit entfernt wohnte, offenbar ein Wink mit dem Zaunpfahl, mich zu empfehlen, dem ich schleunigst Folge leistete. Natürlich wurde beim Abschied die nach chinesischen Begriffen schwanzlose Stute gebührend bewundert, nicht ohne den üblichen erstaunten Seitenblick, daß ich eine Stute reite.
Wir ritten nun zum Aksakal, der nicht zu Hause war; dann versuchte ich im Bazar mehrfach, kupferne Krüge zu erstehen; es war aber infolge unverschämter Forderung nicht möglich. Weiter führte mich ein gewandter Chinese nach dem Serail der Chotaner Teppichhändler. Hier bekam ich sehr schöne, mit der Hand geknüpfte Kamelhaarteppiche zu sehen. Wir handelten lange; der Verkäufer, ein junger Mann aus Chotan, war eigensinnig und wollte mit dem Preise von 10 Taels das Stück nicht heruntergehen, obwohl ich ganz genau wußte, daß er zu hoch war. Schließlich kam der Älteste des Serails herzu. Mein Chinese und der Alte steckten sich gegenseitig die rechte Hand in den langen weiten Ärmel, um nun mit einem sehr geschickten, gegenseitigen Fingerspiel den Preis zu bestimmen. Sie einigten sich auf 15½ Taels für zwei Stück. Der Alte erklärte dem Jungen, der noch immer nicht einwilligte, daß er noch ein Kind sei, im übrigen wurde er gar nicht weiter gefragt und der Kauf war abgeschlossen. Bei einem andern Verkäufer in demselben Hofe kaufte ich zu demselben Preise noch zwei andere sehr hübsche Teppiche, dann ritten wir zurück. Der vermittelnde Chinese erhielt einen Tael Trinkgeld. Ich wollte eigentlich die ganze Gesellschaft mit einem Stück Silber auszahlen, jedoch belehrte mich mein Führer, daß dies eine Torheit wäre, da der chinesische Bankier auf je ein Zehntaelstück Silber, das man bei ihm wechselt, ungefähr 1/3 Tael in Kupfermünzen zugibt. Ich ließ daher erst bei dem Bankier die Gesamtsumme in Kupfer wechseln und bezahlte die Teppichhändler in Kupfer. Auf diese Weise sparte ich ungefähr einen Tael.
Später kaufte ich noch kleine Jetsachen sowie chinesische Schuhe und Strümpfe, da ich es in meinen schweren Schnürstiefeln mit den wollenen Strümpfen nicht mehr aushalten konnte. Doch bewährten sich die Strümpfe nicht, denn da sie aus Leinen sind, sind sie noch weniger durchlässig als wollene. Der Scharfrichter, den ich photographiert hatte, stellte sich ein und quälte mich um sein Bild. Natürlich konnte ich es ihm nicht geben, da mir alles zum Entwickeln der Films fehlte, was die Leute niemals begreifen konnten. Sie dachten immer, wenn man sie photographierte, müßten sie auch immer gleich ihr Bild zu sehen bekommen. Es hatte sich herumgesprochen, daß ich Teppiche gekauft hatte, und nun wurde ich den ganzen Tag über von Leuten bestürmt, die mir den verschiedenartigsten Schund aufhängen wollten. Der europäische Geldbeutel gilt eben als unergründlich. Mein neuer Diener Nasr bat um ein Darlehn von 2 Taels, da er seine Sachen im Pfandhause habe; anscheinend bei diesen Leuten ein chronischer Zustand. Ich gab sie ihm infolge schlechter Erfahrungen ungern, ließ mich aber schließlich erweichen, da er nichts Ordentliches zum Anziehen hatte. Nach und nach brachte er mir einen Teil des Geldes zurück, den er sich wahrscheinlich von seiner Freundschaft zusammengeborgt hatte.
Um fünf Uhr nachmittags marschierten wir ab. Wir waren noch nicht zehn Li weit, als ein abscheulicher Staubsturm losbrach. In dem sandigen Tale des Aksu darga reitend, kreuzten wir zwei oder drei Arme desselben, die ungefähr einen Meter tief, und, da man nicht die Hand vor Augen sehen konnte, recht unangenehm zu durchschreiten waren. Schließlich gelangten wir an den Hauptarm, dessen gelbe, reißende, sich südwärts wälzende Flut mittels Fähre überschritten wird. Die Fähre lag am rechten Ufer etwa 10 Meter von diesem entfernt. Man ritt durch das Wasser heran und balanzierte vom Pferd aus hinein; die Tiere mußten dann über den einen Meter hohen Bord hineinspringen. Ich sah die meinigen schon mit gebrochenen Knochen bei dem lebensgefährlichen Manöver. Aber es ging besser als man dachte; die Stute und der Schimmel sprangen glatt hinein, nur der Dicke streikte, und wenn der einmal nicht will, ist nichts mit ihm anzufangen. Ich ließ nun aus einigen Bohlen eine Art Laufsteg ins Wasser bauen, redete meinem guten Dicken gut zu, und siehe da, er kletterte gutwillig hinein. Als wir glücklich alle darin waren, erklärten die Fährleute, wir müßten noch einige Stunden warten, bis der Sturm sich gelegt hätte. Natürlich allgemeine Entrüstung. Auf meine Frage, warum sie uns das nicht gleich gesagt hätten, erwiderten sie, wir hätten sie ja gar nicht gefragt, sondern wären gleich in die Fähre gestiegen. Ich ließ mir das nicht gefallen und befahl, loszufahren, aber ich hätte es mir sparen können. Sechzehn Mann arbeiteten mit dem dazu gehörigen Geschrei, ohne das Boot weiter als bis in die Mitte des gar nicht sehr breiten Flusses bringen zu können. Der gewaltige Sturm drückte derartig gegen, daß wir nicht vorwärts kamen, dabei trieb uns die sehr starke Strömung fortwährend flußabwärts. Schließlich saßen wir auf einer Sandbank fest. Nach vieler Mühe kamen wir wieder los und landeten zuletzt an demselben Ufer an einer Flußwindung, ungefähr zwei Kilometer vom Ausgangspunkt. Der Sturm nahm eher zu als ab. Ich ließ daher ausladen und beschloß, zurückzureiten.