Im Sattel durch Zentralasien: 6000 Kilometer in 176 Tagen
Part 21
Die Pferde waren am 8. Mai morgens von dem gestrigen Marsch in der Hitze und über die felsigen Wege derartig ermüdet, daß ich beschloß, erst am Abend aufzubrechen, um so mehr, da wir einen Marsch von 90 Kilometer vor uns hatten. Es war schon um vier Uhr morgens so schwül, daß man nicht mehr schlafen konnte. Im Laufe des Vormittags erhielt ich Besuch von den beiden Mädchen, die vor Neugierde fast umkamen, meine europäischen Sachen zu sehen. Heute war hier Basartag; ich mischte mich mitten in die Volksmenge auf den Straßen. Was war das für ein buntes Treiben! Dazu die farbigen Kostüme beider Geschlechter, es gab wirklich ein hübsches Bild. Wie bei uns auf den Jahrmärkten schreit alles durcheinander, seine Waren anpreisend. Man sieht sehr viel Bettler, die, meist zu dreien, singend um eine Gabe betteln. Sie begleiten ihren Gesang mit der Gitarre und einer Klapper; diese besteht aus einem Stock mit einem großen Ring, an dem mehrere kleine Ringe hängen. Hauptsächlich werden Eßwaren, Kattune, Obst, Fleisch, Mützen, Stiefel und Süßigkeiten feilgeboten. Mitten durch die Stadt fließt der Chro-ma-gol, in dem die gesamte Stadtjugend badet. Der Fluß hat ganz klares, durchsichtiges Wasser, das sehr kalt ist.
Ich besuchte eine Kwantse, d. h. ein Restaurant, in dem zwei Gitarrespieler und ein Tamburinschläger Musik machten. Drei hübsche, junge Schantumädchen forderten mich gleich auf, Platz zu nehmen. Es gab Früchte wie getrocknete Weinbeeren, Lotoskerne, Mandeln, dann Tee und Reiswein, der dem Mohammedaner anscheinend nicht als Wein gilt. Eines der Mädchen führte zur Musik einen aus einzelnen Pas bestehenden graziösen Tanz auf, der jedesmal in einer Pose wie beim Bauchtanz, mit der Front nach irgendeinem der Anwesenden, endigte. Ich kam zuerst an die Reihe; man rief mir von allen Seiten zu: "Cü lai, cü lai" (steh auf, steh auf), was ich denn auch tat. Einer nach dem andern kam nun daran und erhob sich mit einer Verbeugung gegen das Mädchen. Ich gab für die Musik und für die Tänzerinnen Geld und kehrte dann in meinen Gasthof zurück. Bald darauf erschien ein Chinese bei mir und forderte mich auf, in sein Zimmer zu kommen, er habe dort etwas für mich. Richtig war es die hübsche Tänzerin, die sie herbeigebracht hatten, in der Hoffnung, sich einen Kupplerlohn zu verdienen. Ich ließ mich jedoch nicht erbitten; das Mädchen fühlte sich verschmäht und weinte, aber ich konnte ihr nicht helfen.
Um 6 Uhr, das Thermometer zeigte immer noch plus 31 Grad, marschierten wir ab. Zuerst durch Kurla mit allen seinen hübschen kleinen Gärten, dann an den Bergen entlang. Nach 40 Li machten wir kurze Rast in einem einzelnen Gasthause; nach 110 Li ebenso in einem Posthause, in dem eine einzelne Schantufrau waltete; sie kochte uns Tee und Eier. Ich war todmüde und schlief auf dem Lager der Frau eine halbe Stunde vorzüglich. Gegen 8 Uhr morgens -- es war schon wieder drückend schwül und die Tiere infolgedessen sehr müde -- langten wir endlich in Tschot Wu an. Wir hatten einen Marsch von 90 Kilometer hinter uns. Der uns begleitende Mann vom Yamen war ein Schantu, der jedoch, als bei einer chinesischen Behörde Angestellter, vollkommen als Chinese angezogen war. Er hatte das Gesicht ganz und den Kopf halb rasiert und trug nach chinesischer Sitte einen Zopf, so daß ich den Unterschied tatsächlich nicht bemerkt haben würde, wenn mein Diener mich nicht darauf aufmerksam gemacht hätte.
Gegen Mitternacht vom 9. zum 10. Mai brachen wir bei Vollmond wieder auf. Wenn die Saaten bei den Dörfern hoch sind, soll es hier massenhaft Wildschweine geben, jetzt waren leider keine da; sonst durchquerten wir nur reichlich mit Bäumen bestandene Steppe. Um 9 Uhr erreichten wir Hsia-jen-kou, wo wir gut unterkamen und ich die Pferde baden ließ. Der eine der mich begleitenden Kavalleristen bot mir fortwährend seinen hübschen Schimmel zum Kauf an, doch sollte ich 35 Taels geben, was mir zu viel war. Um 7 Uhr abends ritten wir weiter, durch angebaute Gegend. In einem der Dörfer hing ein menschlicher Kopf am Wege; meine Leute hielten sich lange darüber auf; man ist es hier weniger gewöhnt, die Köpfe so schnell fallen zu sehen, wie im Osten. Für die Gasthäuser war jetzt schlechte Zeit, da die Reisenden alle im Freien schliefen und die Pferde einfach grasen ließen. Fast alle Häuser haben in dieser Gegend an der Außenfront Kangs; wenn es noch heißer wird, schläft alles draußen. Am 11. Mai, bald nach Sonnenaufgang, waren war in Yang Hsa. Sämtliche Gasthäuser hatte der aus Kaschgar kommende Taotai belegt; dabei wußte kein Mensch, ob er selbst überhaupt kommen würde. Ich mußte mich mit einer ziemlich übeln Bude begnügen; dafür erschien bald der Ortsvorsteher, ein Türke, um sich bei mir zu entschuldigen, daß kein besseres Quartier vorhanden sei; brachte auch gleich Mais, Stroh, Heu und Eier als Geschenk mit, was ich sehr anerkannte.
Eine große Unannehmlichkeit, unter der ich hier litt, waren die Läuse, von denen ich mich nie ganz freizuhalten vermochte. Trotzdem ich Tag für Tag badete und so sauber wie nur irgend möglich war, verging kaum ein Tag, wo ich nicht eines dieser widerlichen Tiere fing. So lange ich im eigentlichen China war, geschah dies nicht, was eigentlich für die so oft angezweifelte Reinlichkeit der Chinesen spricht.
Den ganzen Nachmittag kamen Leute, die mich um meinen ärztlichen Rat baten. Die meisten litten an einer Augenentzündung, die sich besonders in eiternden Tränendrüsen äußerte. Die ersten, die ankamen, wusch ich mit einer ganz leichten Sublimatlösung sauber aus. Kaum hatten die Leute nur die Sublimat-Pastillen gesehen, als jeder etwas von der wertvollen Medizin haben wollte. Natürlich muß der Europäer Sachen haben, die gegen jeden Schaden helfen. Dieses blinde Vertrauen zu einem Europäer, wie zu einem höherstehenden Wesen, das in jedem Falle helfen kann, obwohl ich persönlich mehr als tausend Mal erklärt habe, daß ich nicht Arzt sei, ist einfach lächerlich. Ich konnte nur peinliches Reinhalten und Kühlen mit kaltem Wasser empfehlen, da ich selbst nichts an Arzneien hatte, ein Rat, der ungefährlich war und vielleicht auch half.
Gegen 8 Uhr abends marschierten wir weiter. Die Straße war mit hohen Bäumen dicht eingefaßt, man ritt wie in einer Laube. Um 4 Uhr morgens waren wir in Bugur, in dessen Gasthaus meine Stube wiederum von Kranken, besonders von Weibern, gestürmt wurde. Mein Kavallerist lag mir dauernd mit seinem Pony in den Ohren, bis ich schließlich das hübsche Tier für 22 Taels kaufte. Es erwies sich als etwas stolprig und scheute vor jeder Kleinigkeit, war also wohl ein Blender.
13. Mai. Ich ritt, wie stets, voraus und war schon gegen 2 Uhr am Ziel in Arbatai, wo ich bald mit dem Sattel unterm Kopf fest schlief. Man lernt das sehr schnell: Tag für Tag schlief ich die Hälfte meiner Ruhezeit, nämlich bis die Karre kam, auf den harten Steinen ohne jede Bequemlichkeit und gewöhnte mich vollkommen daran. Der folgende Tag war wohl der bisher schwülste, und es war unmöglich, den Tag über zu schlafen. Als wir um 5 Uhr nachmittags abmarschierten, brach denn auch der Staubsturm los, legte sich aber gegen 9 Uhr wieder. Um 1 Uhr hatten wir nach sehr scharfem Ritt die 70 Kilometer bis Tockenä hinter uns und kamen gut unter. Ich schlief trotz unzähliger Moskitos bald ein, um am 14. Mai früh, am ganzen Leibe zerstochen, von ihrem abscheulichen Surren geweckt zu werden. Es war gerade hell geworden und die Karre kam an. Die Abkühlung nach dem Staubsturm war ganz besonders angenehm, trotz der 18 Grad fror ich beinahe und zog mir meinen dicken Sweater an. Dann nahm ich ein Bad im Flußwasser, was mir aber nicht bekam, denn mein ganzer Körper zeigte bald kleine Bläschen, die auf das unangenehmste juckten. Es war der allen Tropenreisenden bekannte Ausschlag, "roter Hund" genannt, der mir noch mehrere Tage zu schaffen machte. Ich dachte jetzt nur noch daran, so schnell als möglich aus dieser Moskitohölle fortzukommen. Denn trotzdem ich den ganzen Tag über ein qualmendes Strohfeuer im Zimmer unterhielt, so daß mir die Augen tränten, waren die Moskitos nicht zu verscheuchen.
Gegen Mittag fing es leicht an zu regnen, und als wir um 4 Uhr nachmittags abritten, hatte ein richtiger Landregen eingesetzt. Der Kavallerist und der Yamenbegleiter wären nur zu gern dageblieben, denn der Chinese haßt den Regen wie die Pest, aber ich ließ mich auf nichts ein. Bald waren wir wie die Katzen naß, was mir sehr angenehm vorkam. Den Weg schnitten von Norden kommende, teils flache, teils bis einen Meter tiefe, schnell fließende Wässer von dunkelroter Farbe. Einmal trafen wir unterwegs zwei etwa 14jährige hübsche junge Schantumädchen, die gerade von einem im schärfsten Trab reitenden Manne eingeholt und angehalten wurden. Auf unsere Frage, um was es sich denn da handle, kam als Antwort: "die Liebe"; also zwei Durchgängerinnen.
Es hatte gerade aufgehört zu regnen, als wir um 8 Uhr abends an den inmitten von Gärten gelegenen Vorstädten von Kutscha anlangten. Noch eine ganze Zeit lang ritten wir durch Vorstädte, ehe wir den Basar erreichten, in dem noch lebhaftes Treiben herrschte. Überall sah man die Leute auf den mit Filzteppichen bedeckten Kangs vor den Häusern sitzen, allenthalben hörte man zur Gitarre singen; die Verkäufer schrien ihre Eßwaren aus, Kinder spielten auf den Straßen, und man hatte das Gefühl, bei einem friedlichen, glücklichen Volk zu sein. Die Weiber gehen hier alle ganz weiß gekleidet. Durch die Mitte der Stadt fließt ein Bach, dessen Brückenbelag abgenommen war, wahrscheinlich aus Furcht vor dem infolge des starken Regenfalles zu erwartenden Hochwasser. Guter Rat war teuer; der Kavallerist benutzte die Gelegenheit, um im Dunkel zu verschwinden, wofür ich ihm morgen beim Yamen zu verklagen beschloß. Endlich wies uns ein des Weges kommender Karrenführer nach einer einen halben Kilometer oberhalb liegenden Furt, die wir glücklich in der Dunkelheit passierten. Dann ging es durch eine Menge dunkler Gäßchen und endlich hielten wir am Ziel, dem Hause des Aksakals, der hier die russischen Interessen vertritt. Ich hatte den alten Mann in Bugur getroffen und er hatte mich gebeten, in seinem Hause in Kutscha Wohnung zu nehmen, was ich gern annahm. Die Leute im Hause waren bereits durch einen vorausgesandten Brief über mein Kommen unterrichtet. Man nahm mich sehr freundlich auf und gab mir ein hübsches Zimmer, Tee, Brot und Süßigkeiten. Der Stall war allerdings weniger gut. Infolge meines Ausschlages konnte ich leider nicht schlafen und wälzte mich bis zum Morgengrauen ruhelos auf den Filzteppichen herum.
Die Karre kam am 15. Mai erst gegen 7 Uhr morgens an; die Tiere waren in dem teils knietiefen Schlamm nur langsam vorwärts gekommen. Für den Vormittag setzte ich großes Reinemachen an, dann wanderte Dschang zum Yamen, um mich anzumelden. Er erschien wieder in Gala, und beguckte sich fortwährend im Spiegel. Kleider machen Leute, man ahnt gar nicht, was bei anständiger Behandlung, gutem Essen und guter Kleidung alles aus einem schmutzigen, verlausten Kuli werden kann. Gegen 11 Uhr ritt ich dann selbst mit Vorreiter und einem berittenen Schantu als Führer durch die stark belebten Straßen zum Yamen. Man ließ mich erst warten, die Böllerschüsse und das Öffnen des Haupttores fielen weg. Dagegen war eine ganze Unzahl von Dienern, darunter mehrere mit Mandarinenknopf, aufmarschiert. Zum ersten Male sah ich hier auch Schantus mit dem Abzeichen der chinesischen Mandarinen, es sind solche, die eine Art Dolmetscherposten am Yamen innehaben und bei den Gerichtsverhandlungen gegen Schantus den Beamten unterstützen. Bald kam auch der Mandarin, wieder ein Hunanese. Er ist lange in Peking gewesen und spricht ein sehr schönes Hochchinesisch, so daß wir uns die kurze Zeit unseres Zusammenseins sehr gut unterhielten.
In Kutscha waren gerade zwei japanische Offiziere anwesend, über deren Mission und Absichten man sich im Yamen nicht ganz klar war. Man bat mich um Auskunft, die ich natürlich nicht geben konnte. Sie gaben vor, hier den Buddhismus studieren zu wollen und gruben augenblicklich in einem Dorfe südlich Kutscha alte Grabdenkmäler aus. Man schien sie nicht für voll zu rechnen, aber der Mandarin war seiner Sache nicht ganz sicher und fragte sehr vorsichtig. Beim Abschied begleitete er mich nach chinesischer Sitte bis zu dem geöffneten Haupttor; natürlich wurde das große Pferd gebührend angestaunt.
Im Quartier war inzwischen schon das übliche Deputat des Yamen, bestehend aus Pferdefutter, einem Hammel und zwei Hühnern angekommen. Ich ließ meinen Dank sagen und schickte dann zum hier residierenden Schantufürsten, um anzufragen, wann ihm mein Besuch angenehm sei. Er bat mich, morgen zu kommen, da er heute, am Basartage, sehr beschäftigt sei. Ich aß zu Mittag und empfing mehrere angesehene Schantus, die mir ihren Besuch machen wollten. Unter andern kam auch der erwachsene Sohn des Besitzers meiner hübschen Wohnung, der über den fremden Eindringling sehr erstaunt war, denn man hatte ihn von meinem Kommen nicht in Kenntnis gesetzt.
Nachmittags wanderte ich mit einem Chinesisch sprechenden Schantu und meinen beiden Chinesen in die Stadt, um den Basar zu besichtigen. Das war ein buntes Treiben; jede Gilde hat ihr besonderes Viertel, da waren solche, die Kattune und andere leichte Stoffe, sämtlich europäischer Herkunft, feilhielten, dann Schuster, Lederhändler, Schmiede, ferner Mützenhändler mit reizenden Mustern, meist Taschkenter Herkunft, und Schneider; vielfach sah man hier schon Nähmaschinen russischen Ursprungs. Salz wurde in großen grauen Stücken, ungereinigt, feilgehalten. Dazu erfüllten allerlei Eßwaren mit ihrem Fettgeruch die Luft. Hier hielt einer mit lebhaften Geberden einen Vortrag über Konstantinopel an der Hand eines Planes. Überall trieben sich unzählige Bettler herum. Auch das weibliche Geschlecht war reichlich vertreten, teils verschleiert, teils unverschleiert, die letzteren in der Mehrzahl. Auch solche, die sich in Samt und Seide kleiden und einen frechen Blick haben, waren da. Alle Weiber trugen große, weiße Nackenschleier und viele an der Mütze hübsche Silberverzierungen. In Betsälen hielten Derwische vor einer zahlreichen Menge männlichen Geschlechts Vorträge. Auch eines der mit Hirschgeweihen, Widderköpfen und unzähligen Fähnchen geschmückten heiligen Gräber sahen wir uns an. Dann wurde eingekauft; natürlich hatte jeder einen Wunsch. Dschang wollte neue Schuhe haben, Dscho, mein anderer Diener, einen langen Rock und eine Überziehweste, und ich mußte natürlich das Geld dazu hergeben, da die Gesellschaft keinen Pfennig besaß. Wir konnten uns mit dem Schneider nicht einigen, da er infolge meiner Gegenwart unverschämte Preise machte. Weiter wandernd, kreuzten wir den gelbe Fluten südwärts wälzenden Bach auf einer Brücke, die nur aus den zum Tragen des Belags bestimmten Balken bestand, die obendrein nicht einmal vierkantig waren. Unter Lachen und Jauchzen balancierte alles die 30 Meter lange Strecke hinüber und herüber. Drüben schäkerten drei Arm in Arm wandernde Kavalleristen mit hübschen Schantumädchen tout comme chez nous. Wir statteten dann noch einer Kwantse einen Besuch ab, in der drei Musikanten mit ihren melancholischen Weisen die Schmausenden unterhielten. Dann ging es zurück nach meinem Hause, da sich der Amban um 5 Uhr zum Besuche angemeldet hatte und ich diesen nicht verfehlen wollte. Unterwegs sahen wir noch ein Bad, das recht sauber gehalten war und in dem man von einem Mädchen bedient wurde.
Pünktlich um 5 Uhr, wie ich auf eine Anfrage seinerseits gebeten hatte, erschien mit großem Gefolge der Mandarin. Das übliche Programm wurde abgewickelt; er schwindelte mir leider noch zum Schluß eine meiner eigenen Photographien ab. Abends aß ich bei einem vornehmen Dunganen, der mich eingeladen hatte; ich machte dabei noch die Bekanntschaft des chinesischen Vorstehers des Telegraphenamtes. Derselbe, ein geborener Tientsiner, war fünf Jahre lang in Amerika gewesen und sprach geläufig Englisch, ohne irgendeinen Anklang an das sogenannte Pidgin-Englisch. Er klagte mir sein Leid über diese weltentlegene Gegend, natürlich aber hatte er nicht Geld genug, um in die Heimat zurückkehren zu können.
Am 16. Mai ritt ich um 8 Uhr früh zum Yamen des Schantufürsten, bei dem ich mich zum Besuch angemeldet hatte. Ich wurde sehr liebenswürdig empfangen und hatte Gelegenheit, in den verschiedenen Räumen besonders die schönen Teppiche und die alten Waffen des Fürsten zu bewundern. Der Fürst war schon zweimal in Peking gewesen und erkundigte sich lebhaft nach dem Aussehen Pekings und den infolge der Unruhen im Jahre 1900 hervorgerufenen Veränderungen. Mit einer gewissen Schadenfreude fragte er immer wieder nach dem Jahre der Verbannung des kaiserlichen Hofes aus Peking. Er trägt den dunkelroten Rangknopf der kaiserlichen Prinzen und machte in Auftreten und Aussehen einen durchaus vornehmen und dabei gewinnenden Eindruck. Er ist unverheiratet, so daß diese Linie der alten Nachkommen der früheren Herrscher einmal aussterben wird, was den Chinesen wohl nicht unangenehm sein wird.
Von dort aus ritten wir zur Ordu, d. h. zur alten Burg. Diese besteht nur noch aus einigen Lehmkegeln, die früher vorspringende Punkte in einem langen Befestigungswalle, der die gesamte Oase umgab, gewesen sind. Die Zwischenteile sind vollkommen verschwunden. Von der Höhe aus hat man eine herrliche Fernsicht auf das sich wie ein großer Garten ausbreitende Kutscha und Umgebung. Die Einwohner Kutschas sind nicht mit Unrecht stolz auf die Menge ihrer Gärten und betonen dies bei jeder Gelegenheit. Dann ritt ich weiter zu dem Hause, in dem die beiden Japaner wohnen sollten, traf sie aber leider nicht an; sie wurden erst abends zurückerwartet. Daher hinterließ ich einen Zettel, daß ich die Absicht gehabt hätte, ihnen meinen Besuch zu machen und mich sehr freuen würde, sie noch vor meiner baldigen Abreise zu sehen.
Nicht weit entfernt von dem Hause liegt das größte Heiligengrab von Kutscha, ein uraltes Heiligtum. Durch eine von hohen alten Pappeln beschattete Tür und durch einen Hof gelangte man zum Eingang, an dem einige alte Mohammedaner auf den Knien lagen und Gebete murmelten. Wir hatten einen zweiten Hof vor uns, an den sich Betsäle anschlossen, dann ging es durch eine an beiden Seiten mit Tughs, Stöcken mit bunten Lappen und den zu Haufen geschichteten Köpfen des Argali (Wildschaf) verzierten Tür zum Grabe selbst. Dieses liegt in einem einfachen, mit breiter vorspringender Galerie und Gitterfenstern versehenen Hause, das auch wieder mit Tughs und Argaliköpfen geschmückt ist; ringsum stehen alte Bäume. Die Dunganen und Schantus zogen sich vor dem Eintreten ihre Überziehpantoffeln aus und verrichteten kniend ein kurzes Gebet. Draußen im Hofe war eine Schule für Knaben und Mädchen, bunt durcheinander, die laut und mit einer beneidenswerten Ausdauer ihre Lektionen hunderte von Malen wiederholten. Die Schule war nur augenblicklich im Freien, sonst befindet sie sich in einem anschließenden Hofe mit vielen kleinen Räumen, in denen mehrere alte, graubärtige Mollahs jüngeren Priestern aus dem Koran vortrugen.
Nachmittags benutzte ich eines der Badehäuser. Das sehr heiße Bad tat mir äußerst wohl und trug merkwürdig zur Beruhigung meiner durch den "roten Hund" und die damit verbundene anhaltende Schlaflosigkeit erregten Nerven bei. Der Ausschlag hatte meinen ganzen Körper ergriffen, und zwar sehr viel schlimmer, als es den meisten Leuten auf der Seefahrt infolge des Salzwassers ergeht. Nebenbei bemerkt, habe ich bei der langen Überfahrt nach China überhaupt nicht daran gelitten. Abends bekam ich wieder Besuch von dem Telegraphenbeamten, dagegen erschienen die beiden Japaner nicht. Mit der Karre gab es wieder die üblichen Schwierigkeiten; ich befahl schließlich kategorisch: "Morgen kommt sie!" und das wirkte. Der hiesige Yamen weigerte sich zum ersten Male, meine Briefe zu befördern. Ich ließ dem Mandarin sofort zurücksagen, daß ich seinem Vorgesetzten, dem Taotai in Aksu, davon Mitteilung machen würde, woraufhin sofort zwei Kavalleristen kamen, die er persönlich zur Beförderung meiner Briefe beordert hatte.
Bei bedecktem Himmel herrschte am 16. Mai eine ganz angenehme Temperatur. Ich fühlte mich auch bedeutend wohler, da infolge fehlender Sonne die Augenschmerzen, die mich in letzter Zeit etwas geplagt hatten, nachließen und ich auch endlich einmal gut geschlafen hatte. Im Laufe des Vormittags besuchte ich einen reichen Kaufmann aus Tientsin, der schon 16 Jahre hier ist und ganz gute Geschäfte macht. Er freute sich ganz außerordentlich über meinen Besuch und schenkte mir sofort eine Sonnenbrille und einen hübschen Fächer. Am Nachmittag kam endlich die Karre. Ich erledigte meine Verpflichtungen gegenüber dem mit komischer Hartnäckigkeit aufmarschierten und nicht von der Stelle weichenden Dienstpersonal, das sich plötzlich verzehnfacht hatte und am Hause Spalier bildete; jedoch belohnte ich nur nach Verdienst. Ein Dungane, der sich besonders um mich bemüht hatte, erhielt einen vollen Tael, die andern nur 50 Cash pro Kopf. Man sah recht lange Gesichter.
Um 6 Uhr nachmittags marschierten wir ab; zuerst durch die Stadt, dann durch die Gärten der Vorstadt und schließlich hinaus in die Wüste, die in wilde, zerrissene Lehmberge übergeht. Die Berge zeigen merkwürdige Schichtformen und sind alle in einem Winkel von ungefähr 15 Grad nach Westen zu geneigt. Mehrfach fand ich Quellen, die sich in salzhaltige Lagunen ergossen und bald versiegten. Ich ritt wieder mit meinen Begleitern voraus. Wir passierten einmal eine Telegraphenstation, wo der Posthalter uns liebenswürdig mit Tee und Brot bewirtete.
Es mochte wohl gegen 2 Uhr nachts sein, als wir hinter uns -- wir waren gerade mitten in den Bergen -- mehrere Schüsse fallen hörten. Ich befürchtete einen Überfall auf meine Karre und ritt so schnell wie möglich zurück. Richtig trafen wir die Karre haltend, während sich meine beiden Leute und der Führer seitwärts in die Berge in Deckung begeben hatten. Sie behaupteten, es wäre auf sie geschossen worden, augenscheinlich von Räubern. Ich ritt, mit dem Karabiner bewaffnet, die ganze Umgegend, soweit es möglich war, ab, fand aber nichts. Dann schickte ich den einen Kavalleristen zur Telegraphenstation zurück, um dort von dem Vorfall Meldung zu machen, da die betreffenden Schützen auf ihrem Weiterwege dort jedenfalls durchkommen mußten. Später hörten wir noch einmal ganz von weitem schießen. Der Kavallerist behauptete am nächsten Morgen, er habe sich mit Räubern herumgeschlagen; ich glaube, daß er sich nur selbst Mut geschossen hatte, im übrigen war ihm nichts zugestoßen.