Im Sattel durch Zentralasien: 6000 Kilometer in 176 Tagen

Part 20

Chapter 203,643 wordsPublic domain

Bei empfindlicher Kälte ritten wir am 29. April morgens 4 Uhr ab, zuerst durch steinige Ebene bis an einen Gebirgszug, der den Weg kreuzt. Ich trabte mit meinem Yamenbegleiter und den Kavalleristen voraus. Wir passierten am Anfang der Berge eine der einsamen Poststationen, dann waren wir zwischen fast senkrechten, sehr hohen Felswänden. Der Boden der Schlucht war äußerst steinig, außerdem ging es die ersten 15 Kilometer dauernd in einem Bachbett entlang. Die Berge sind gänzlich vegetationslos, die nördlichen Wände an flacheren Stellen teilweise mit übergewehtem Wüstensande bedeckt. Einmal sahen wir eine vereinzelte Wildente. Wir marschierten unaufhörlich, die Schlucht nahm kein Ende. Die Sonne brannte glühend heiß herunter, das Thermometer zeigte plus 49 Grad; nirgends fand man ein bißchen Schatten. Die Pferde ließen bedenklich die Köpfe hängen und der arme Dicke mußte schon getrieben werden. Zuweilen trafen wir größere Eselherden, die als Lasttiere für Waren benutzt werden. Der Esel kostet hier nur einen Tael, sehr gute bis 3 Taels. Merkwürdig ist, daß große Herden von ungefähr 100 Stück nur von einem einzigen Manne geleitet werden. Ich sah in den Eselkarawanen nur Hengste. Einmal passierten wir eine Karre ohne Bespannung, die Tiere hatten versagt und der Führer war mit sämtlichen Tieren vorausgeritten, um sie zu tränken. Gegen ein Uhr erreichten wir die ersehnte Tränke. Aus einer hundert und mehr Meter hohen Felswand kam an einer porös aussehenden Stelle klares Quellwasser heraus. Es war nicht viel, aber trotzdem lagerten an dieser Stelle Hunderte von Eseln, viele Karren und eine Menge Reisende auf Pferden; es war ein hübsches buntes Bild. Was jedoch noch angenehmer in unsern Ohren klang, war, daß unser heutiges Ziel, die Poststation Orwulac, nicht mehr fern sein sollte. Um 1½ Uhr waren wir zur Stelle. An einer Erweiterung der Schlucht lag eine Häusergruppe, bestehend aus dem Posthause und dem Gung Kwan, dem Rasthause für mit Regierungspaß versehene Reisende. Man findet diese Einrichtung in den meisten größeren Städten, auf den Zwischenstationen seltener, und eigentlich braucht man hier nichts zu bezahlen. Diesen Gung Kwan hatte der kommandierende Offizier aus Karaschar mit seiner Sippschaft ganz mit Beschlag belegt. Ich zog trotzdem mit meinen Tieren in den noch leeren Stall, aus dem mich seine Herrlichkeit sofort wieder herausbefördern wollte. Da er nicht sehr höflich war, wurde ich grob; seine Leute sprangen ein und belehrten mich, daß ich einen Ta-jen (Exzellenz) vor mir hätte. Hierauf erklärte ich, das treffe sich ausgezeichnet, denn auch ich sei ein deutscher Ta-jen; im übrigen würde jeder, der meine Pferde auch nur anfasse, sofort von mir höchst persönlich Hiebe besehen; natürlich wagte keiner mehr, etwas zu sagen. Später zog ich selbst um, weil ich einen noch besseren Stall fand; für die Menschen aber war durchaus kein Unterkommen zu finden. Inzwischen verging Stunde auf Stunde und die Karre kam nicht. Meine armen Tiere waren ganz verhungert; sowie sich nur ein Mensch sehen ließ, wieherte die Stute, in der Hoffnung, er bringe Fressen. Ich legte mich hin und schlief mit dem Sattel als Kopfkissen bald ein. Endlich um 9 Uhr langte die Karre an; die Tiere hatten unterwegs in der Hitze versagt. Nun bekamen die Pferde Futter und auch wir etwas zu essen. Übrigens war der alte Schantu, den mir der Yamen Turfan mitgegeben hatte, rührend gut zu mir. Er suchte mich immer zu trösten, teilte redlich sein bißchen Stroh und sein Brot mit mir und trieb von irgendwo noch Tee und heißes Wasser auf. Der alte Mann verdient wirklich einen Ehrenplatz in meinem Reiseberichte, denn auch weiterhin sorgte er stets für mich, ehe er irgendwie an sich selbst dachte.

Der Verkehr war hier sehr stark, es war gerade Reisezeit. Die ganze Nacht über hörte das Kommen und Gehen von Menschen, Karren usw. nicht auf. Mehrfach wurde mir zu meinem nicht geringen Ärger von Unterkunft Suchenden ins Gesicht geleuchtet, obwohl meine kümmerliche Schlafstelle in der Stallecke keineswegs mit einem Zimmer in der ersten Etage des Berliner Zentralhotels zu vergleichen war. Natürlich konnte sich jedesmal der Betreffende von dem Anblick des schlafenden fremden Teufels nicht trennen, dazu kam noch das Geschrei der unzähligen Esel, es war eine recht herzerquickende Nacht!

Auch am 30. April ritt ich voraus. Es ging noch ein Stück in der Schlucht weiter, die einmal durch einen enormen Felssturz ein ganzes Stück lang verschüttet war. Man sieht noch die Spuren des alten Weges; der neue windet sich jetzt zwischen den abgestürzten Blöcken hindurch. Das Tal erweitert sich, und nach 40 Kilometer Marsch hatten wir die Ebene vor uns, in der man in der Ferne wiederum hohe Berge sah. Auffallend viele Tierkadaver lagen am Wege, ein Zeichen, wie schwer es die armen Tiere hier in dem tiefen, steinigen Sande haben. Es war wieder glühend heiß, plus 50 Grad C; um ein Uhr waren wir in Kümmisch, einem kleinen Dorf mit ganz gemischter Bevölkerung, wo Schantus, Dunganen und Bekenner der konfuzianischen Lehre bunt durcheinander wohnen. Ich fragte, ob hier Mischheiraten vorkämen, was mit Entrüstung von allen Seiten zurückgewiesen wurde. Kaum zwei Wochen weiter, konnte ich mich wiederholt von dem Gegenteil überzeugen, alles heiratete lustig durcheinander. Mein Schantudiener wollte nicht mehr mit dem Chinesen in einem Zimmer schlafen, natürlich nur, um mir Schwierigkeiten zu machen. Letzterer erwies sich als ein sehr brauchbarer Diener, während der andere ein bäuerischer und noch dazu ganz kindischer Mensch war. Die Chinesen haben hier an einem Bergabhang eine schöne große Quelle, die in ein Becken fließt; letzteres ist vollkommen verschlammt und morastig, und das überfließende Wasser ist infolgedessen gar nicht mehr genießbar. Trotzdem denkt kein Mensch daran, das ganz flache Becken einmal zu reinigen.

1. Mai. Unsere heutige Tagesleistung betrug 70 Kilometer. Wir marschierten wieder ganz früh ab; ich ritt voraus, um auf Antilopen zu pirschen, sah jedoch nur einmal solche ganz in der Ferne. Bald befanden wir uns in den Bergen, die aber nicht so hoch und steil waren wie die letzten. Nach 45 Kilometer Marsch erreichten wir Kara Kysyl, das die Chinesen Lu-fu-gu nennen; auf den Karten ist ein Flecken gezeichnet, in Wirklichkeit ist es nur ein großes Gehöft in einer Talerweiterung. Das Gasthaus war gestopft voll, ich zählte allein über 100 Ponies, ohne die Maultiere und Esel. Der Geschäftsführer des Gasthauses wollte mit meinem Karren einige Kisten nach Karaschar mitsenden, was ich jedoch untersagte, da ich kein Mietskutscher sei. Am Nachmittag schlief ich etwas Vorrat, da wir die Nacht durch marschieren wollten. Dann ging es weiter in die nur schwach vom zunehmenden Monde erleuchtete Nacht. Der Weg war gut und im schlanken Trab kamen wir schnell vorwärts. Um 11,45 Uhr hatten wir bereits 45 Kilometer hinter uns und waren an einer Poststation, in der noch Licht brannte. Nach längerem Klopfen wurde uns geöffnet und wir bekamen von dem natürlich eifrig Opium rauchenden Beamten sehr guten Tee vorgesetzt. In keiner der vielen Poststationen, die ich passierte, habe ich einen Beamten getroffen, der nicht rauchte. Der Weg blieb auch weiterhin gut und hell genug, obwohl der Mond verschwand. Einmal sahen wir in der Dunkelheit einen Fuchs, dessen Körper phosphoreszierte, so daß wir zuerst glaubten, es sei ein Licht.

Um 4½ Uhr morgens waren wir in Usch Dalla und kamen leidlich gut unter. Mein Pferd war trotz der gewaltigen Anstrengung nicht sehr müde; wir hatten innerhalb der letzten 24 Stunden 270 Li, etwa 135 km, zurückgelegt. Vier Stunden später traf die Karre ein; meine Leute hatten mehrfach Antilopen gesehen, die uns in der Dunkelheit entgangen waren. Unangenehm bemerkbar machten sich jetzt schon die vielen Fliegen, besonders die Stute war sehr empfindlich dagegen und schüttelte den ganzen Weg über den Kopf; übrigens ging sie jetzt ganz vorzüglich und von dem alten Widerristdruck war gar nichts mehr zu merken; auch der gute Dicke befand sich wohler, so daß ich daran denken konnte, ihn in einigen Tagen wieder zu reiten.

Am nächsten Morgen merkte man den Tieren doch etwas den langen Marsch an. Emin stand wieder einmal nicht auf und machte damit sein Maß voll. Ich ärgerte mich dabei noch weniger über ihn, als über mich selbst, daß ich mich so hatte über die Ohren barbieren lassen. Schon morgens war es drückend schwül. Es ging durch Steppe, die viele sumpfige Stellen aufwies und teilweise mit Bäumen bestanden ist. Ich war recht froh, als wir um 12 Uhr in Tsching sui choa anlangten, einem Nest mit schlechtem Gasthause. Emin bekümmerte sich, wie üblich, um nichts und da er außerdem, anstatt mein Essen zu besorgen, ausging, riß mein Geduldsfaden und er ward entlassen. Zur Strafe nahm ich ihm die für mein Geld gekauften Decken weg und gab sie meinem chinesischen Diener. Merkwürdig war nun zu beobachten, wie sich sofort zwei Lager bildeten, die den Vorgang besprachen. Die einen meinten, ich täte ganz recht, da der Bengel faul und schmutzig wäre, die andern erklärten, es sei unrecht, so ein Kind hier hilflos auszusetzen. Ein alter Kavallerist bat mich, Emin wenigstens noch bis Karaschar mitzunehmen, aber als ich ihm vorschlug, sein Pferd zu diesem Zweck herzugeben, zog er doch lachend ab. Im Laufe des Abends erschien Emin noch ein paar Mal, um ein Trinkgeld zu erbetteln, jedoch ohne Erfolg.

Die Stute hatte leider hinten rechts eine angelaufene Sehnenscheide; wahrscheinlich infolge von Überanstrengung. Durch sumpfige Gegend, in der wir auffallend viel graue, unsern Ringelnattern gleichende Schlangen sahen, von denen die Chinesen behaupten, sie seien sehr giftig, zogen wir weiter. Die Bauern hatten hier zur Überschwemmung ihrer wenigen Felder wieder einmal die Wege als Wasserleitung benutzt, so daß man gezwungen war, stets abseits im Sumpfe zu reiten. Infolgedessen verloren meine Tiere mehrere Eisen. Die Gegend hatte auffallend viel Wasserwild.

Mehrfach kamen wir an Filzjurten der Mongolen vorbei. Hier residieren zwei Fürsten, denen auch die großen, hier weidenden Pferdeherden gehören. Diese Gegend stellt hauptsächlich den Pferdebedarf bis Schansi, von dort ab findet man den nordmongolischen Pony wieder häufiger vertreten. Der hiesige Pony hat mehr Exterieur als der nordmongolische; er erinnert in seinem ganzen Bau mehr an unser Pferd, zeigt also ein edleres Gepräge als unser alter Freund aus dem Norden. Er hat einen feineren Kopf und längeren Hals, Schopf, Mähne und Schweif sind sehr stark; letzterer reicht bis auf die Erde, und gelegentlich findet man auch ebenso lange Mähnen. Die Farben sind genau so bunt, wie die der nordmongolischen Ponies. Die Tiere werden im allgemeinen gut gehalten, verhältnismäßig selten findet man gedrückte oder lahme; der Preis ist erheblich niedriger als im Osten. Ein leidlich guter Pony mittlerer Klasse kostet zwischen 18 und 25 Taels, aber auch für 10 bis 15 Taels kann man schon einen ganz annehmbaren bekommen.

Das sogenannte Ili-ma also im Kreise Ili gezogene Pferd, das sich nur durch besondere Größe auszeichnet, gefiel mir weniger, da die beim Pony nun einmal vorhandenen häßlichen Points infolge der Größe beim Pferde mehr hervortreten. Besonders der unverhältnismäßig große Kopf fällt auf. Maultiere kommen hier weniger vor.

Gegen Mittag näherten wir uns Karaschar; das eigentlich mitten im Sumpfe liegt. Meine beiden Begleiter baten mich, doch das große Pferd zu reiten, was ich ihnen zu Gefallen denn auch tat; natürlich machte es bei der Bevölkerung sehr viel Eindruck. Die Stadt an sich ist nicht groß und war fast vollkommen verlassen. Ganze Häuserreihen standen leer; das infolge des sumpfigen Untergrundes herrschende Fieber hatte die Leute vertrieben. Wir ritten zuerst in die südliche und dann in die westliche Vorstadt, in denen sich das Hauptleben abspielt. Alle Gasthäuser waren überfüllt oder die Leute wollten mich nicht aufnehmen, und dazu herrschte eine schreckliche Hitze; doch ich hatte in China schon Geduld gelernt und suchte ruhig weiter. Sowie man nämlich heftig wird oder zu schimpfen anfängt, ist es vorbei und man bekommt überhaupt kein Quartier. Schließlich hatten wir alle vorhandenen Herbergen abgeklappert und kamen zum Ausgangspunkt zurück. Dort war in einem großen Gasthofe gerade ein Zimmer frei geworden, das ich sofort mit Beschlag belegte. Zwei chinesische Lauyes mit ihrem gesamten Gesinde hatten alles übrige besetzt; der eine kam von Urumtschi (Chung Miauts) der andere aus Aksu. Mein Diener mußte sofort ausgehen und sich noch einige Sachen kaufen, um im Yamen anständig auftreten zu können. Ich besorgte unterdessen, von etwa hundert Zuschauern umgeben, in Hemdsärmeln die Pferde. Der Lauye aus Aksu kam, um mich zu besuchen, und konnte sich nicht genug wundern, daß ich diese Arbeit selbst verrichtete, obwohl ich doch auch ein Lauye sei. Er begriff nicht, daß es mir viel wichtiger war, meine Tiere nicht unversorgt zu lassen, als was die Leute über mich dächten. Bald erschien einer vom Yamen und brachte Mais und Stroh als Pferdefutter. Gegen 4 Uhr kam auch Dschang zurück; es hatte zwar etwas lange gedauert, aber er war wirklich, nach chinesischen Dienerbegriffen, tadellos angezogen, was mich 3 Taels kostete. Er wanderte gleich zum Yamen, um meinen Besuch dort anzumelden. Ich aß einen Bissen Brot und einige Eier, sattelte dann, zog mich um und ritt auf dem großen Pferde, mit meinem Turfaner Begleiter als Vorreiter und dem guten Dicken blank hinterher, zum Yamen. Die Wirkung war die gewünschte, bei meiner Ankunft wurde ich mit drei Böllerschüssen empfangen und die große Mitteltür wurde geöffnet. Mein Diener war besser angezogen, als die ganze Yamengesellschaft, was ich mit Genugtuung feststellte. Ich tauschte mit dem Mandarin die üblichen Redensarten aus und zog mich dann zurück, erhielt wieder meine drei Böllerschüsse und ritt auf meiner Stute stolz an der gesamten aufmarschierten Yamengesellschaft vorbei, während die Stute einen großen Köter, der sie hinten in die Beine biß, ebenso wie die Böller mit Verachtung strafte.

Im Gasthaus machte ich dem Mandarin aus Aksu meinen Gegenbesuch. Er schien ein Lebemann zu sein, denn das einzige, was ihn interessierte und wonach er sich sofort sehr eingehend erkundigte, waren die Verhältnisse der Demimonde in Europa. Während wir uns unterhielten, kam der Ortsmandarin, um mir seinen Gegenbesuch zu machen. Die Sache verlief wie üblich; ich zeigte ihm meine Waffen, das Fernglas, den photographischen Apparat und die Landkarte, was denn auch meist genügt. Er lud mich für morgen früh zum Essen ein, was ich dankend annahm. Abends engagierte ich dann noch einen zweiten Chinesen, einen gewesenen Kavalleristen, als Diener für 4 Taels monatlich. Nach dem Abendessen besuchte mich wieder der Mandarin aus Aksu. Am 5. Mai früh bekam ich ein schönes heißes Bad, während ich sonst immer mit einem kalten Bade vorlieb nehmen mußte. Der Yamen hatte mir Leute geschickt für sogenannte kleine Arbeit; ich verteilte diese und ritt um 7½ Uhr mit Vor- und Nachreiter und mit einem Begleiter vom Yamen zu dem Mandarin zum Frühstück. Der Empfang war wie gestern, dann gab es ein verhältnismäßig kurzes Essen, zu dem außer mir noch sechs Personen geladen waren. Der Mandarin mußte sich in mein Fremdenbuch eintragen, ich photographierte ihn und ging dann zurück in die Stadt, in der ich einige Besorgungen erledigte. Mir fiel hierbei ein alter Mann auf, den ich nach seinem Alter fragte. Er war 98 Jahre alt, hatte noch alle Zähne im Munde und ging aufrecht und stolz wie ein Dreißigjähriger.

Die Leute hier waren alle sehr freundlich. Ich hörte mehrmals die Bemerkung fallen: "Dieser Europäer ist sehr friedfertig"; mir schien das ein schlechtes Licht auf meine Vorgänger zu werfen. Über Mittag schickte der Yamen einen Diener. Ich mußte meinem neuen Diener seine sämtlichen Sachen aus dem Leihhause auslösen; das war wieder ein schöner Reinfall für mich! Im ganzen kostete mich der Scherz 3 Taels; von jetzt ab mußte er aber seine Sachen in meinem Zimmer deponieren, sonst wäre er wohl bald mit samt den Sachen auf Nimmerwiedersehen verschwunden. Karaschar hat ganz gemischte Bevölkerung. In der Umgegend leben sehr viele Mongolen, die von den Chinesen "Dase" genannt werden; ob dies ein Spottname ist, konnte ich nicht feststellen, jedenfalls werden die Mongolen nicht nur von den Chinesen und Türken gründlich ausgebeutet, sondern auch überall verhöhnt. Die Stadt liegt am Chai du gol, dessen schmutziges, ganz trübes Wasser die Tiere merkwürdig gern saufen. Das Brunnenwasser ist überall schlecht. Die große Stute hatte ein stark entzündetes Auge und auch die Sehnenscheidenentzündung hatte sich noch nicht gebessert, so daß ich noch einen Ruhetag zugab, der auch dem Dicken, der sich sonst gut aufführte, sehr zu gute kam.

Für den folgenden Tag mietete ich mir Ponies zur Antilopenjagd, und beschloß, einem der Mongolenfürsten einen Besuch zu machen. Wir ritten mit meinem Turfaner Yamenbegleiter und zwei Kavalleristen am 6. Mai ganz früh los, ich auf einem ganz netten Paßgänger-Schimmel, in nördlicher Richtung hinaus in die Steppe. Nach 20 Kilometer hatten wir die ersten mongolischen Jurten vor uns, deren große, schöne Hunde uns sofort wütend anfielen. Die Hunde wurden festgehalten und wir fanden bei den Mongolen freundlichste Aufnahme. Ihre Jurten sind rund und mit Filzdecken belegt, die Tür ist ungefähr einen Meter hoch und drei Viertelmeter breit. Von dem etwa drei Fuß hohen, gitterförmigen Rand laufen aufwärts zu einem Reifen von ungefähr einem Meter Durchmesser Stäbe zusammen, die das Dach bilden. Die Öffnung hat einen Windschutz; in der Mitte des Zeltes steht auf einem Dreifuß ein großer Kessel; das Feuer wird mit Kamelmist genährt. An den Wänden hängen die Gebrauchsgegenstände, und unten sind die Filzdecken und die Pelze wie eine Bank zusammengelegt. Gegenüber der Tür sieht man einen Altar mit Räuchergefäßen, auf dem kleine Metallbecken stehen; in diesen befindet sich Fett. Ich bekam sofort Milch vorgesetzt, ferner Milchtee und in kleinen Holzgefäßen Mehl in Tee aufgeweicht. Ein Kavallerist diente als Dolmetscher. Als wir abritten, mußten wiederum alle Hunde festgehalten werden; sie sind dunkelfarbig, so groß wie unsere Schäferhunde und gehen rücksichtslos auf jeden Fremden los.

Mitten im hohen Grase fanden wir weiter nördlich ein menschliches Skelett, von der merkwürdigen Bestattungsart der Mongolen herrührend. Diese überlassen ihre Toten einfach den wilden Tieren in der Steppe Einmal sahen wir flüchtige Antilopen, sonst bemerkten wir nur große Herden von Ziegen, Schafen, Pferden, Rindvieh und Kamelen. Überall sah man die runden Jurten noch gerade über das hohe Gras hinwegragen.

Nach weiteren 25 Kilometern kamen wir an ein Dorf, an dessen Eingang ein gefallenes Maultier von Hunden herumgezerrt wurde. Das Dorf beherbergt einige Kaufleute, Schantus und Chinesen, die die Mongolen ordentlich übers Ohr hauen.

Wir wandten uns nach Westen und waren nach etwa vier Kilometern am Lauwang-fu, dem Yamen des mongolischen Fürsten, der sich jedoch nicht zu Hause befand, sondern mit seinen sämtlichen Leuten und Herden nördlich in den Bergen frisches Weideland bezogen hatte. Wahrscheinlich bewohnt er auch dort nur eine Jurte. Der im chinesischen Stil groß angelegte Yamen war unglaublich verwahrlost; überall nisteten Scharen von Tauben, nicht eine einzige Wand stand gerade, fast alle waren eingefallen oder im Einfallen begriffen. Die Räume waren meist leer, nur einige Prunkgemächer waren eingerichtet; es standen aber Karren, Geschirre usw. darin. Einige Mongolen als Wache hatten in einem der Höfe ihre Jurten aufgeschlagen. Wir bekamen wieder Milch und Tee vorgesetzt. In einem neu erbauten Tempel schien sich eine Art Druckerei zu befinden, wenigstens sah ich eine Unmenge von Holzclichés, mit denen die bekannten Tempelfahnenbilder hergestellt werden. Auf dem Rückweg veranstaltete einer der Kavalleristen ein Privatwettrennen mit einem Kamelreiter; das Kamel erwies sich als schneller.

Wir futterten im Dorf ab, und ich ging dann voraus, um noch auf Antilopen zu pirschen. Da sich die Sonne inzwischen hinter Wolken verkrochen hatte und ich ohne Kompaß war, machte es mir große Mühe, die Richtung zu halten. Ich erinnerte mich, beim Herausreiten an einem Hügel vorbeigekommen zu sein, auf dem drei Bäume standen. Diesen Hügel fand ich mit dem Zeiß wieder und steuerte darauf los. Später traf ich noch einen mongolischen Hirten, der mich zurechtwies. Da keiner die Sprache des andern verstand, war die Unterhaltung ziemlich spaßig. Ich sagte: "Karaschar", woraufhin er einen großen Sprung vorwärts machte und dann zischend eine Linie auf der Erde zog. Ich mußte also ein Wasser überschreiten. Große Freude seitens des Mongolen, als ich begriffen hatte. Mehrfach fielen mich noch die großen Hunde an; ich mußte jedesmal mit schußfertigem Karabiner warten, bis sie abgerufen wurden, denn nur über ihre Leiche hätte der Weg weitergeführt, und unnötig wollte ich den Mongolen ihre treuen Wächter nicht wegschießen.

Ich passierte den Bach und hatte bald einen befahrenen Weg vor mir, der nach Süden führte. Es regnete leise. Endlich war ich bei unsern ersten Mongolen, die mich sehr freundlich bewillkommneten. Alles suchte mich schon; der Schantu war bereits vorausgeritten, um die Kavallerie in Karaschar zum Suchen zu requirieren. Allmählich stellten sich die beiden Kavalleristen ein und wir ritten heimwärts; es war die höchste Zeit, da meine Pferde vor Müdigkeit zusammenzubrechen drohten. Gegen neun Uhr kamen wir ins Gasthaus, wo auch schon über mein langes Ausbleiben große Aufregung herrschte. Der Mandarin hatte bereits die ganze Schwadron alarmiert, und diese war gerade aufgebrochen, um nach mir zu fahnden, als die Nachricht von meiner Rückkunft eintraf.

Bei glühender Hitze marschierten wir am 7. Mai früh ab. Mittels Fähre ging es über den Chai du gol und dann in die Steppe, an deren Anfang gerade ein Mongolendorf lag. Die Stute lief weg und mitten in eine große weidende Pferdeherde hinein. Die Mutterstuten schlossen sich sofort zum Kreise zusammen und nahmen die Füllen in die Mitte. Der Leithengst griff die Stute an und biß ihr einen großen Fetzen Fleisch in der Sattellage heraus. Gegen Mittag wurde die Hitze immer schlimmer, wir hatten um ein Uhr 55 Grad Celsius. Um 3 Uhr löste sich die Schwüle und es trat Staubsturm ein. Am Nachmittag gelangten wir in Felsberge und marschierten dem Kurla-gol entlang, der hier als reißender Gebirgsstrom das Gebirge durchbricht. Wir machten bei einem Kaufmann, der unterwegs sein Zelt aufgeschlagen hatte, kurze Rast und bekamen Milch, Tee und Brot.

Um 6 Uhr abends gelangten wir nach einem Marsch von 70 Kilometer nach Kurla, wo wir ganz gut unterkamen. Der Bek des Ortes schickte mir Pferdefutter. In meinem Gasthaus hatten sich zwei Damen der Demimonde etabliert. Ich ahnte zuerst gar nicht, wen ich vor mir hatte, und sagte zu einem neben mir stehenden Chinesen: "Was habt ihr hier für hübsche Frauen," woraufhin er nur kurz antwortete: "Einen Tael". Da wußte ich genug. Den ganzen Abend über hörte ich ihren Gesang zur Mandoline. Sie schienen gar nicht abgeneigt, mit mir Freundschaft zu schließen, aber sowie ich nur hinsah, hatte ich sofort eine ganze Herde von Neugierigen um mich herum.