Im Sattel durch Zentralasien: 6000 Kilometer in 176 Tagen

Part 19

Chapter 193,432 wordsPublic domain

In jedem dieser Höfe, in denen die Pferde gewechselt werden, befindet sich stets noch ein Mann, der die Telegraphenlinien in Ordnung halten _soll_! Wie alle in Turkestan befindlichen Chinesen, rauchen sie Opium. Ich habe keinen angetroffen, der es nicht tat. Mein Menü bestand hier morgens, mittags und abends aus Reis, etwas anderes war nicht aufzutreiben.

Bei großer Kälte und Staubsturm brachen wir am 21. April früh auf. Zuerst ging es drei Stunden lang durch hohe Berge, dann in die Ebene, wo uns der aus Norden kommende Sturm erst recht faßte. Es war einer der schlimmsten, die ich erlebt habe. Man kam nur noch mit Not vorwärts. Um 3 Uhr hatten wir 70 Kilometer hinter uns und langten an einem einsam in der Wüste liegenden Gehöft an, in dem die Pferde gewechselt werden sollten. Das Haus sah zu elend aus, und da ein größerer Ort nur noch 20 Kilometer entfernt sein sollte, ließ ich weiter marschieren. Um 6 Uhr trafen wir in Tschy-go-tai ein, hatten mithin eine Tagesleistung von 90 Kilometern hinter uns, ohne daß die Pferde auffallende Müdigkeit zeigten. Der Ort hatte ein stark befestigtes Soldatenlager, das wie eine Zitadelle die Gegend beherrschte. Das Lager war mit 30 Kavalleristen besetzt. Nachdem ich die letzten vier Tage nur von Reis gelebt hatte, waren Eier und Hammelfleisch, die es hier für teures Geld gab, willkommene Beigaben des Küchenzettels.

Über Nacht legte sich endlich der Sturm. Am 22. April morgens hatte ich wieder einmal großen Zank, da mir nur ein Pferd zur Karre gestellt wurde. Es geht hier durch Wüste, in der vereinzelt an Quellen kleine Oasen liegen. Um Mittag, als wir endlich bebaute Gegend erreichten, zeigte das Thermometer plus 49 Grad. Die Zugpferde hatten bereits mehrfach versagt, man sah es allen Tieren an, daß sie einem Hitzschlag nahe waren. Es war merkwürdig, wie belebend auf Mann und Pferd der Anblick der grünen Felder und Bäume, zwischen denen wir nun durchmarschierten, wirkte. Gegen drei Uhr langten wir in Pitschan, einem großen Orte mit gemischter Bevölkerung, an. Die Chinesen wohnen in einem befestigten Mauerviereck, außerhalb desselben die Mohammedaner. Ich setzte großes Reinemachen an; die Pferde wurden sämtlich gewaschen, die Sachen geklopft und gesonnt und der Beschlag dort, wo es nötig war, von einem geschickten Schmied für billiges Geld erneuert. In der Gegend, in die wir jetzt kamen, gilt anderes Geld; auf den Tael gehen nur noch 400 Kupfer-Cash, so daß letzterer fast annähernd unserm Pfennig entspricht. Besonderen Spaß machte meinem neuen Chinesen am Abend das Bürsten meiner Katzenfelldecke, weil sie elektrische Funken abgab; er begriff gar nicht, was das wäre, und hielt es wahrscheinlich für irgendwelche Hexerei. Genau wie in der Türkei ruft hier abends der Muezzin sein Gebet, allerdings nicht vom hohen Minaret, sondern vom Dach seines Hauses.

Ich hatte den Abmarsch am 22. April, der Hitze wegen, morgens um 5 Uhr befohlen, aber wie stets, waren die Chinesen nicht pünktlich und wir kamen erst um 6 Uhr fort. Zuerst ging es durch das breite, im höchsten Anbau befindliche Pitschan-Tal; überall führten die kleinen, geschickt geleiteten Kanäle das Wasser in die Felder. Die Aprikosen blühten bereits und unterbrachen mit ihren roten Blüten sehr angenehm das satte Grün der Pappeln, Weiden und Tamarisken. Als wir das Tal durchkreuzt hatten und wieder in der Ebene waren, hörte mit einem Schlage jede Vegetation auf und wir befanden uns wieder in der südlich von hohen, kahlen Bergen begrenzten Wüste. Nur ab und zu traf man in tief eingeschnittenen Tälern kleine Oasen. Gegen Mittag wurde es wieder glühend heiß, plus 49 Grad. Die armen Pferde kamen kaum noch vorwärts, und ich war froh, als wir von weitem das mit grünem Blätterschmuck umgebene Liang mutjin endlich vor uns sahen. In den Herbergen war alles besetzt; daher forderte ich unter Vorzeigung meines Passes bei dem Verwalter der kaiserlichen Pferdewechselstelle Quartier. Er hatte nur ein schlechtes Zimmer zur Verfügung, weshalb er mich gern abgewiesen hätte, ich hörte jedoch nicht auf ihn und blieb, sonst hätte ich biwakieren müssen. Nachmittags saß ich draußen und schrieb, was eine wahre Völkerwanderung von Schantus und Chinesen durcheinander veranlaßte. Jeder von ihnen hatte eine Frage zu stellen und schließlich malte ich zur allgemeinen Freude jedem seinen Namen mit deutschen Lettern in die Hand.

Der Kavallerist, der uns seit Tschy-go-tai begleitete, war ein ganz durchtriebener Geselle. Wenn wir nicht mehr weit vor dem Quartier waren, trabte er voraus, und wenn wir ankamen, trat er uns schon als Gentleman in Zivil entgegen, d. h. er hatte die Zeichen seiner Uniform abgelegt, irgendeinen Jungen zum Pferdeabwarten engagiert, und tat, als ob er mich nie gesehen hätte. Zu seinem Kummer rief ich ihn heute heran, um ihm einen Auftrag zu geben. Er wollte zuerst nicht kommen, bis ich sehr deutlich wurde. Die Menge lachte ihn natürlich aus.

Der Abend war drückend schwül, wie ein Gewitterabend zu Hause. Staubsturm und wieder einmal der übliche Zank wegen der Pferde leiteten den 24. April ein. Trotz meines Passes vom Auswärtigen Amt, des Begleitschreibens vom Yamen Hami, des mitgegebenen Beamten und des Kavalleristen, tat der Verwalter der Pferdewechselstelle so, als ob ich ihn überhaupt nichts anginge. In meinem Begleitschreiben vom Yamen Hami stand, daß mir die Pferdewechselstelle stets einen mit drei Tieren bespannten Karren zu stellen hätte. Ich hatte diese um vier Uhr morgens beordert, jedoch erst um 6 Uhr erschienen zwei elende Kracken mit der Karre. Mein Beamter war natürlich im Opiumdusel und zu schlapp, um irgend etwas zu sagen; kurzum, ich mußte selbst wieder eingreifen. Erst zankte ich mich eine Weile mit den sehr wenig Chinesisch verstehenden Schantus herum, die ihrerseits wieder mit meinem Yamenbeamten Höflichkeiten austauschten. Sie warfen ihm vor: "Du verstehst ja unsere Sprache nicht", woraufhin er erwiderte: "So eine Frechheit. Ihr versteht meine Sprache nicht", was die ganze Überhebung des Chinesen kennzeichnet. Schließlich liefen die Schantus weg, weil sie Angst vor Prügel hatten; der Verwalter aber ließ sich immer noch nicht sehen. Ich schickte in das Haus, er möchte herauskommen; er kam nicht. Das war mir nun doch zu viel, ich ging hinein und hielt ihm meinen Paß unter die Nase mit dem Bemerken, daß, wenn nicht binnen fünf Minuten 3 Ponies und Leute zur Stelle wären, ich dafür sorgen würde, daß er seinen Posten verliere. Das half endlich, sofort war alles da und wir kamen glücklich fort.

Es ging durch meist unbebautes Gelände und schließlich einen in tief eingeschnittener Schlucht fließenden Bach entlang. Der Staubsturm wurde immer schlimmer, dicke Wolken des hier rötlichen Staubes wirbelten durch die Luft und erschwerten das Atmen und das Sehen. Auch in Tschönn-tschin-kau, wo wir gegen 1 Uhr ankamen, mußte ich wieder auf der Pferdewechselstelle Unterkunft suchen. Der Verwalter tat höchst großspurig; doch achtete ich nicht darauf und überhörte gänzlich seine unverschämte Anrede: "Niti mingtse!" (Dein Name)! Als ihm dann einer von den Leuten erzählte, daß ich Offizier sei, war er plötzlich wie ausgewechselt, lud mich zum Essen ein und war sehr freundlich. Er war schon 60 Jahre alt und hatte eine hübsche junge Frau, die bloß nach mir guckte und vor Neugierde beinahe verging, bis ich ihr schließlich meine europäischen Sachen zeigte.

Der Dicke wollte nicht fressen, ließ den Kopf hängen und schien Leibschmerzen zu haben; wahrscheinlich hatte er zu kalt gesoffen. Der Staubsturm ließ auch am 25. April nicht nach, im Gegenteil, er nahm zu, er kam aber jetzt aus Osten, also von hinten, so daß man es nicht so schlimm empfand. Durch steinige Ebene, bedeckt von unzähligen kleinen Erdhügeln, die wie Brunnen aussahen, zogen wir weiter. Ich konnte mir zuerst ihre Bedeutung gar nicht erklären, bis ich herausfand, daß die ganze Wüste über und über von nord-südlich gehenden unterirdischen Wasserleitungen durchzogen ist. Die Erdhügel sind durch Herausschaffen der Erde aus den unterirdischen Kanälen entstanden. Sie haben oben Öffnungen, um in die meterhohen Kanäle hineinzusteigen. Letztere bringen das von den nördlichen Bergen herunterkommende Wasser zu den menschlichen Ansiedelungen. Über der Erde geleitet, würde es wohl bald im Sande versiegen. Mehrfach an verfallenden unbewohnten Gehöften vorbei erreichten wir gegen Mittag endlich Turfan. Schon von weitem sah man einen hohen Turm bei einem mohammedanischen Grabmal. Es ging durch Vorstädte mit landwirtschaftlichen Betrieben und den üblichen kleinen Bewässerungsgräben, die zum Leidwesen der Reisenden oft mit ihren hohen Ufern die Straße kreuzen, so daß der Wagen festsitzt. Die eigentliche Stadt ist mit Wall, Graben und Tortürmen im chinesischen Stil versehen. Wir kamen am Yamen vorbei und zu einem Gasthaus, welches mir nicht gefiel; also weiter. Noch zwei andere Herbergen sagten mir ebensowenig zu. Der Hamier Yamenbeamte, dem es zu lange dauerte, wurde unverschämt, so daß er nur mit knapper Not der Strafe entging. Schließlich langten wir wieder beim Yamen an. Ich benutzte die Gelegenheit und gab Paß und Visitenkarte ab, um mich anzumelden. Ein chinesischer Junge übernahm nun die Führung und brachte uns nach einem in der Vorstadt, nicht weit vom Tore, gelegenen Schantu-Gasthaus, das gleich einen sehr guten Eindruck machte. Es war tadellos sauber, hatte ein festes Sonnendach über dem ganzen Hof und einen guten Stall. Ich war froh, endlich untergekommen zu sein und ließ sofort auspacken. Der Hamier Yamenbeamte bekam kein Trinkgeld und wurde entlassen.

Ich machte Toilette und ließ mir von einem Schantufriseur die Haare schneiden, wofür er 120 Cash, also ungefähr 30 Pfennig forderte; er bekam natürlich nur ein Viertel davon und zog schimpfend ab. Bald darauf kamen Leute vom Yamen Turfan und brachten mir als Geschenk ihres Herrn Pferdefutter und Essen, was ich sehr zuvorkommend fand. Um 5 Uhr ging ich hin, ließ mich anmelden und wurde von Wönn ta lauye empfangen. Ich fand einen vornehmen, liebenswürdigen Hunanesen, der sehr leidend war. Nach den üblichen Fragen nach woher und wohin, Alter, Eltern usw. ließ ich als Dank mein Geschenk, eine Halfter mit Trense, überreichen. Ich ahnte nicht, daß der alte Herr nicht mehr reitet, sonst hätte ich ihm etwas anderes geschenkt. Beim Abschied ließ er mir zu Ehren die Haupttore öffnen und begleitete mich noch hinaus. Wahrscheinlich war er sehr erstaunt, daß ich ohne jeglichen Dienertroß, also ganz entgegen chinesischer Sitte, angekommen war; er fragte mich sofort, wo denn meine Leute und Pferde seien.

Der Staubsturm wurde immer übler; namentlich litten die armen Pferde darunter. Mein guter Dicker wollte noch immer nichts fressen und war ganz schwach. Ich hatte fortwährend eine Unzahl Jungen um mich, die sich aber viel anständiger benahmen als die chinesischen Rangen gleichen Alters. In dem Gasthaus kaufte ich von einer Türkin zwei der hier üblichen Mützen, von denen ich eine zum allgemeinen Jubel aufsetzte. Abends sandte mir der Yamen einen Hammel, eine Ente, ein Huhn, Reis und Brennholz als Geschenk.

Die Türkinnen hier sind hübsch und sehr viel freier als die Chinesinnen, man sieht sie überall unverschleiert auf der Straße. Über dem offenen oder in zwei bis drei Zöpfe geflochtenen Haar tragen sie als Kopfbedeckung rote, grüne oder blaue Velvetmützen, als Anzug ganz bunte Kleider mit weiten Hosen und über alles ein bis an die Knie gehendes Oberkleid. Die Kleider bestehen meistenteils aus Kattun in den schreiendsten Farben; hier müßte für unmodern gewordene Farbenzusammenstellungen ein gutes Absatzfeld sein. Als Schuhwerk tragen sie entweder hohe, weiche Kniestiefel mit Pariser Hacken oder Pantoffeln; viele gehen auch barfuß. Silberne Ohr- und Fingerringe in chinesischem Geschmack dienen als Schmuck. Die Männer tragen einen langen, vorn offenen, gesteppten Rock und ein über die Hosen gehendes Hemd, bunte Kappe, bunten Gürtel und hohe rindslederne Stiefel.

Am nächsten Morgen kam mit großem Pomp Wönn la lauye, um mir seinen Gegenbesuch zu machen. Der alte Herr, dem das Gehen und besonders das Treppensteigen schwer fällt, war wieder sehr liebenswürdig. Natürlich interessierte er sich ganz außerordentlich für meine europäischen Sachen. Leider verstand ich ihn sehr schlecht, da er Südchinesisch spricht und nebenbei auch noch stottert. Er saß wohl über eine Stunde bei mir und fuhr dann ab, nicht ohne sich erkundigt zu haben, ob ich alles Notwendige bekommen hätte und ob ich nicht irgendeinen Wunsch hätte. Über Mittag schickte er mir wieder ein Diner, das mir sehr gut schmeckte. Nachmittags wanderte ich durch die Stadt, die auch in ihrem mohammedanischen Teil einen vollkommen chinesischen Eindruck macht, wenn nicht die anders gearteten Kostüme und die bärtigen Männer wären. Übrigens trägt man hier schon sehr viel den Turban. Im Innern zeigen die Häuser, die von außen wie chinesische Bauten aussehen, orientalischen Charakter, gewölbte Decken mit viereckigem Loch als Rauchfang, kein Fenster, oder nur ein ganz kleines vergittertes, Teppiche am Fußboden, die Feuerstelle mit dem Fußboden in gleicher Höhe und vor dem Feuer eine viereckige Vertiefung, von der aus geheizt wird und in welcher Kohlen und Holz aufbewahrt werden.

Als ich zurückkam, fand ich den Turfaner Yamenbeamten im Streit mit einem alten Schantu. Dieser hatte das Pferdefutter für mich zu liefern und behauptete, 40 Cash zu wenig erhalten zu haben. Der Mann vom Yamen wollte mich veranlassen, zu seinem Herrn zu gehen, um den Streit zu schlichten, in der Annahme, daß ich für ihn Partei nehmen würde. Mir fiel es aber gar nicht ein, mich in den Zank der Gesellschaft zu mischen. In diesem Augenblick kam ein junger Schantu dazu und sagte mir: "Der vom Yamen hat gestern drei Viertel deines Essens für einen Tael verkauft und das Brennholz gestohlen." Mir war sofort klar, daß er die Wahrheit sprach; ich drohte dem Beamten, wenn er nicht binnen kürzester Zeit die Sachen zur Stelle schaffe, würde ich zum Yamen gehen, wo sein Herr dann entscheiden solle, wer die Prügel zu bekommen habe. Das Holz kam umgehend zum Vorschein, das Essen war in einer halben Stunde da. Die Schantus waren nun doppelt liebenswürdig gegen mich, weil sie gesehen hatten, daß ich unparteiisch Recht sprach. Die Frau des Geschäftsführers brachte mir europäischen Zucker, also einen großen Luxusartikel, der Alte brachte mir Tee und der Junge bettelte so lange, bis ich ihm versprach, ihn für freie Station und 2 Taels in bar, also herzlich wenig, mit nach Kaschgar zu nehmen. Auch mein Chinese Djang tsche Tschang, der eigentlich nach Urumtschi (Chung Miautse) zu seiner Mutter wollte, entschloß sich, mich nach Kaschgar zu begleiten. Da er recht abgerissen aussah, schenkte ich ihm, praktisch damit sein Trinkgeld verbindend, für die letzten zwölf Tage 1 Tael und gab ihm 2 Taels Zuschuß, damit er sich anständig anziehen könne. Jetzt konnte ich mich doch mit meinen beiden Genossen als richtiger Lauye sehen lassen, denn ohne mindestens zwei Diener gilt hier in China ein Mensch gar nichts. Der Schantu hieß Emin, war gegen 18 Jahre alt, anscheinend aus besserer Familie und machte einen offenen Eindruck. Mein Chinese redete zwar etwas viel, war aber ehrlich; dafür konnte ich schon manche schlechte Eigenschaft mit in den Kauf nehmen.

Dem armen Pony ging es dauernd schlechter, er hatte ausgesprochenen Verschlag, die Beine waren dick angelaufen, die Augen trieften und er hatte starke Kreuzschmerzen, dabei war er ganz stumpfsinnig und wollte nichts fressen. Für mich war das ein harter Schlag, daß der gute Dicke, der mich so treu bis hierher geschleppt hatte, nun mit einem Male versagte, denn er war mir sehr ans Herz gewachsen.

Ganz spät kam noch ein Brief vom Yamen, in dem ich für den 27. April zu einem kleinen Frühstück eingeladen wurde. Am nächsten Morgen spazierte ich also dorthin, nicht ahnend, daß man mir zu Ehren ein größeres Essen angeordnet hatte. Zuerst mußte ich warten, da der Mandarin sich noch nicht erhoben hatte. Unter üblichem Trommelwirbel stand er endlich auf. Nach einer weiteren Stunde des Wartens trommelte es zum zweiten Male, ein Zeichen, daß der Mandarin bereit sei, seine Gäste zu empfangen. Ich kam als erster an. Allmählich stellte sich eine ganze Anzahl von Chinesen aus der Haute volée Turfans ein. Wir bekamen zuerst Süßigkeiten und Mandelmilch, dann rauchte alles. Hierauf schlug die Trommel zum dritten Male und der erste Diener meldete, daß angerichtet sei. Übrigens war die sehr zahlreiche Dienerschaft nicht nur sehr gut angezogen, sondern auch vorzüglich geschult. Wir wurden zum Eßzimmer geleitet, wo uns ein Diner allerersten Ranges vorgesetzt wurde. Peinlich war mir, daß ich in meinem nichts weniger als salonfähigen Reisekostüm erschienen war, aber das ließ sich nun nicht mehr ändern und hinderte mich auch nicht, es mir recht gut schmecken zu lassen. Während des Essens erschien meine Stütze in seinem neuen Anzug und meldete, daß es dem Pony immer noch nicht besser gehe; zugleich fragte er an, ob wir nicht lieber erst morgen aufbrechen wollten, da es ohnedies sehr heiß sei; das Thermometer zeigte 37½ Grad. Ich bestellte den Karren auf abends, um die Nacht durchzumarschieren. Mein Chinese beging nun einen groben faux pas, indem er es sich in dem Eßzimmer in einem der Lehnstühle bequem machte. Da er auch noch Lust zeigte, sich an der Unterhaltung zu beteiligen, schickte ich ihn sofort mit einem Auftrag nach Hause. Um 12 Uhr empfahl ich mich, nochmals für die vielen mir erwiesenen Aufmerksamkeiten dankend. Der Boden brannte mir unter den Füßen, des kranken Ponys halber. Zu Hause fand ich das arme Tier völlig teilnahmslos vor und überlegte schon, ob ich es nicht lieber erschießen sollte, denn verkauft hätte ich es in diesem Zustande keinesfalls. Aber man klammert sich ja auch bei kranken Tieren stets, wie der Ertrinkende an den Strohhalm, an die Hoffnung auf Besserung. Der Pony, der mich persönlich ganz genau kannte, nahm von mir etwas altes Brot und dann geschnittenes Stroh mit Kleie gemischt an, legte sich aber nicht hin, da er anscheinend Angst vor dem Aufstehen hatte.

Nachmittags ging ich zum Telegraphenamt, um nach Deutschland zu melden, daß ich noch am Leben sei; da ich den chinesischen Ausdruck für Telegraph nicht wußte, irrte ich erst eine Zeitlang umher, ohne ihn zu finden. Schließlich malte ich in einem Laden einem intelligenten Kaufmann denselben auf, er verstand auch sofort, wohin ich wollte, und bald waren wir an Ort und Stelle. Hier gab es nun einen ergötzlichen Auftritt. Zuerst war der Draht bei Karaschar gerissen; einem on dit zufolge soll er immer gerissen sein. Dann verstand kein Mensch europäische Schrift, und ich selbst beherrsche nicht soviel chinesische Schriftzeichen, um ein Telegramm aufsetzen zu können. Schließlich bequemte sich einer der Beamten doch dazu, notdürftig Englisch zu können. Nach Deutschland zu telegraphieren, war unmöglich; ich schrieb daher ein Telegramm nach Kaschgar an das russische General-Konsulat auf, in dem ich bat, das Telegramm an meinen Vater nach Deutschland weiter zu geben. Selbstverständlich bezahlte ich dafür, obwohl es sehr zweifelhaft war, ob es überhaupt abgehen, und ebenso ungewiß, ob es unverstümmelt in Kaschgar ankommen würde. Wie ich dann später in Kaschgar erfuhr, ist das Telegramm dort unverstümmelt angekommen und in der liebenswürdigsten Weise vom russischen General-Konsul Exzellenz Petrofsky nach der Heimat weitergegeben worden. Die Kosten waren nicht hoch, das ziemlich lange Telegramm kostete nur 1,89 Taels.

Zu Hause packte ich dann, lohnte meinen großen Stab von wirklich netten hilfsbereiten Jungen ab und bedachte auch die schöne Frau des Geschäftsführers, die mir den Zucker geschenkt hatte, mit 200 Cash Trinkgeld.

Mein Diener wanderte zum Yamen, um nochmals meinen Dank zu bestellen und zu melden, daß ich abmarschiere. Der Mandarin erwiderte dies sofort durch seinen Abgesandten mit der Visitenkarte des Beamten und dem Wunsche einer glücklichen Reise. Nach und nach trafen dann noch ein Begleiter vom Yamen, zwei Kavalleristen, sowie mit einem alten Schantumann vier Karrenponies, dieses Mal auffallend gute, ein. Der arme Dicke wurde hinten angebunden und unter allgemeinem Wunsche der Schantus für glückliche Reise ritt ich in die dunkle Nacht ab.

Vorbei an der Turfaner Neustadt, wo die Chinesen wohnen, ging es auf höchst übeln, in der Nacht doppelt unangenehmen Wegen nach Westen. Wir konnten die Pferde, wenigstens solange es durch angebaute Gegend ging, nicht führen, da uns die Hunde von allen Seiten wie toll anfielen. Bald wurde es empfindlich kalt, nach der hohen Tageshitze doppelt unangenehm. Mir schien, als habe ich noch nie eine so lange Nacht erlebt; ich fror wie ein Schneider und war froh, als wir morgens gegen 8 Uhr die ersten Häuser von Tocktsun erblickten. Merkwürdig gut bekam dem Dicken der lange Marsch; er entwickelte morgens einen gewaltigen Appetit und legte sich nach dem Fressen hin, um famos zu schlafen. Ich war ganz glücklich darüber, daß das Tier durchgekommen war. Diese Ponies sind ein ganz merkwürdig zäher Schlag Tiere, ich glaube, ein Pferd wäre sicher dabei eingegangen.

Tocktsun ist ein Städtchen mit gemischter Bevölkerung, es hat eine Kavallerie-Garnison von 80 Mann. Emin hatte schon heute Heimweh und wollte wieder zurück. Natürlich dachte ich nicht daran, ihn wegzulassen, ohne daß er das Geld, das ich ihm dummerweise als Vorschuß bezahlt hatte, wieder herausgab. Als ich ihm drohte, ihn sofort zum Yamen zu schicken, heulte er mir etwas längeres vor, doch ließ ich mich dadurch gar nicht rühren, sondern entschied, daß er weiter mitgehen müsse. Die Chinesen meinten, er sei eben noch ein Kind, dabei war der Bengel 18 Jahre alt und einen vollen Kopf größer als ich.