Im Sattel durch Zentralasien: 6000 Kilometer in 176 Tagen

Part 18

Chapter 183,665 wordsPublic domain

Wir hatten mittlerweile bei unbedecktem Himmel Sandsturm aus Nordwesten bekommen, so daß der Weitermarsch mehr als ungemütlich, wurde. Ich trabte voraus und machte in Ta tschuan tse Quartier, das heißt, wir mußten mit einer Stallecke vorlieb nehmen, etwas anderes war nicht zu haben, da aus Hami kommende Reisende alles besetzt hatten. Die chinesische Freundschaft oder jetzt vielmehr Feindschaft hatte mehr Glück. Ein Zimmer wurde gerade frei, als sie kamen, auf das sie sofort Beschlag legten. Ihr Karrenführer, der heute morgen für mich Partei genommen hatte, fürchtete sich vor ihnen und kam mit seinen Tieren zu mir; er fühlte sich unter meinen Fittichen sicherer. Übrigens hatten auch alle anderen Chinesen nach der Affäre beim Abmarsch mir ihre Zustimmung für mein Eingreifen mit erhobenem rechten Daumen ausgesprochen. Alles Gerechtigkeitsgefühl ist also bei ihnen nicht erloschen. Der Abend war ruhig und nicht sehr kalt. Hier war wieder eine Quelle mit sehr schönem Wasser, so daß wir unsere Wassersäcke und ausgehöhlten Kürbisse neu füllen konnten.

Durch die steinige Wüste ging es am 7. April weiter nach Ku schui; das Gelände war leicht wellenförmig. Wir hatten denselben Wind wie gestern, aber es war nicht so kalt dabei. Das Thermometer zeigte um 6 Uhr morgens plus 5 Grad. Es ist spaßig zu beobachten, wie es die Karrenführer verstehen, sich stets irgend einen der mit uns denselben Weg ziehenden Kulis zur Hilfe heranzuziehen. Der Herr Karrenführer sitzt bequem auf der Karre, die Stütze muß die Pferde antreiben, muß im Gasthaus kochen, Pferde tränken usw. Dafür darf der helfende Chinese sein geringes Gepäck auf die Karre legen. Das Wasser war heute ungenießbar, wir mußten erst ein tiefes Loch graben, um überhaupt welches zu bekommen. Zum Kochen nahmen wir das von uns mitgeführte Wasser und marschierten abends gleich weiter, weil der nächste Wasserplatz über 70 Kilometer entfernt lag. Ich litt wieder an Verdauungsstörungen, wahrscheinlich weil ich gestern, als ich sehr durstig war, unabgekochtes kaltes Wasser getrunken hatte. Im allgemeinen pflegte ich nach chinesischer Sitte stets heißes Wasser zu trinken; die eine Ausnahme hatte gleich üble Folgen. Unsere Reisegefährten wollten eigentlich auch über Nacht marschieren, zankten sich jedoch im letzten Moment mit ihrem Karrenführer. Dieser bat mich, zu vermitteln, ich hütete mich jedoch, mich noch einmal mit diesen Leuten einzulassen.

Wir hatten die Nacht zum 8. April hindurch einen recht schweren Marsch in tiefem Sande. Ich war froh, als wir um Mittag am nächsten Tage Punkt 12 Uhr die lange Strecke hinter uns hatten und in Yen tun gutes Unterkommen fanden. Die Oase besitzt vier oder fünf Gasthäuser, die natürlich die einzigen vorhandenen Gebäude sind, außer einem Tempel, in dem die wandernden Bettler unterkommen. Ich hatte auf dem Marsche wieder einmal Gelegenheit, zu sehen, was für zähe Menschen diese schlecht genährten, eigentlich nur von Grütze lebenden Chinesen sind. Mit unserer Karre liefen drei nach Hami wandernde Handwerksburschen die ganze Strecke mit, dazu noch in ihrer unpraktischen Kleidung, ohne hinterher etwa besondere Mattigkeit zu zeigen, trotzdem auf dem Marsch keine Ruhepause gemacht worden war. Während das Thermometer in der Nacht unter dem Gefrierpunkt gewesen war, zeigte es um 3 Uhr nachmittags plus 42 Grad. Im Laufe des Tages trafen dann gruppenweise, je nachdem sie abmarschiert waren, alle Mitreisenden hier ein. Viele derselben kannten mich jetzt schon und begrüßten mich stets freundlich.

Gegen Abend bemerkte ich draußen vor dem Tor einen Auflauf. Eine mit uns die gleiche Strecke reisende Familie, ein Mann, zwei Frauen und vier kleine Kinder, denen ich neulich schon einmal Geld geschenkt hatte, waren inzwischen völlig mittellos geworden und wurden jetzt vom Geschäftsführer gezwungen, einen ihrer drei Esel zu verkaufen. Dies war für die Leute ein harter Schlag, denn die Frauen konnten mit ihren verkrüppelten Füßen nicht laufen und den dritten Esel gebrauchten sie zum Transport ihrer kleinen Kinder, die in zwei Kisten, an jeder Seite des Sattels eine, untergebracht waren. Ich kaufte sofort den Esel für denselben Preis zurück und stellte ihn den überglücklichen Leuten wieder zu. Ein anderer Mitleidiger schenkte ihnen noch 1000 Cash, so daß sie nun wohl bis Hami, ihrem Bestimmungsort, gelangen konnten. Der Mann war ganz betäubt von dem plötzlichen unerwarteten Glück. Mir taten die armen kleinen Kinderchen besonders leid und ich schickte ihnen noch Essen, da sie den ganzen Tag nichts bekommen hatten; außerdem überließ ich ihnen einen Sack Wasser.

Tschanglu sui war das Ziel des 9. April. Die Wüste war nicht mehr ganz vegetationslos, an einzelnen Stellen traten Gräser auf, und einmal kam sumpfiges Wasser zutage, um welches herum einige Bäume wuchsen, die ersten, die ich seit vielen Tagen wieder zu Gesicht bekam. Ich ging die ganze lange Strecke zu Fuß, es wurde allmählich drückend schwül; da ich Gamaschen, Pelzmütze und Pelzweste trug, so war ich beim Eintreffen in Tschanglu sui einem Hitzschlag nahe. Auf der Straße hatte sich eine größere, Hasard spielende Gesellschaft niedergelassen; es ging um geringe Beträge. Um fünf Uhr nachmittags spielten sie immer noch; die Köpfe waren rot und die Summen waren recht bedeutend gestiegen. Es lag viel Silber auf dem als Unterlage benutzten Tuch. Im Norden wurden die hohen, meist mit Schnee bedeckten Ausläufer des Thien Schan sichtbar. Um 5 Uhr setzte aus Nordwesten Staubsturm ein, nachdem den ganzen Tag ein heißer Ostwind geweht hatte; noch um 8 Uhr abends zählte ich 22 Grad.

Am nächsten Morgen hatte der Staubsturm abgenommen, und da wir den Wind im Rücken hatten, ließ ich aufpacken und abmarschieren. Die Gegend war Steppe, von Zeit zu Zeit sah man sumpfige Stellen, auch vereinzelte Bäume. Viele Pony- und Kamelherden grasten unter Aufsicht berittener Hirten, welche Luntenflinten, mit dem gabelförmigen Auflegegestell am Gewehr, auf dem Rücken trugen. Es waren malerische Gestalten. Der Sturm ließ mehr und mehr nach und es wurde wieder drückend schwül, für die Leute, die, in ihre Schafpelze gehüllt, von Ngan Hsi Tschau abmarschiert waren, nicht angenehm. Hinter uns fiel ein Karren in ein Sumpfloch. Die Mulis konnten weder vor- noch rückwärts und hätten leicht ertrinken können. Ich ließ halten, um zu helfen, half auch selbst mit; denn ich mochte den Su tschau fu'er Kaufmann, der, wie ich schon öfter Gelegenheit gehabt hatte zu beobachten, rührend für seine Tiere sorgte, nicht sitzen lassen. Der Erfolg war, daß die Tiere zwar herauskamen, ich selbst aber von oben bis unten mit gelbem Lehm beschmiert war.

Dicht vor unserm heutigen Ziele, Chonnega, sah man das erste bestellte Feld. Wir kamen in der, eigentlich als Soldatenlager erbauten, aber nicht mit Soldaten besetzten, Herberge sehr gut unter. Die Anlage ist praktisch und, da sie neu ist, auch tadellos sauber, im Viereck erbaut mit zwei Ställen in je zwei Ecken. Ich hatte zum ersten Male seit Ngan Hsi Tschau einen Raum, den man als Zimmer bezeichnen konnte, und den Luxus eines Tisches und einiger Stühle, sogar frische Semmeln gab es am Abend. Durch das offene Fenster beobachtete ich, wie der Mafu den dicken Pony, meinen besonderen Liebling, schlug, weil er sich den zähen gelben Lehm nicht von den Beinen waschen lassen wollte. Da ich in diesem Punkte sehr kitzlich bin, gab es eine recht scharfe Auseinandersetzung und ich hätte ihn beinahe schon heute entlassen; bald sollte er ohnehin den Rückweg antreten.

Es war eigentlich meine Absicht, um 2 Uhr nachts schon abzumarschieren; ich war jedoch der einzige, der wach wurde. Der Karrenführer lag im Opiumdusel und mein Mafu war überhaupt nicht zu finden; ich mußte warten, und wir konnten erst um 5½ Uhr aufbrechen. Am Wege tauchten Dörfer auf. Der typische Kuppelbau der Tempel und die Gräber, die nicht, wie im eigentlichen China, runde Hügel sind, sondern, wie bei uns, eine längliche Form haben, ließen erkennen, daß wir bei Türken angelangt waren. Die Chinesen nennen diese Leute Schantus; es sind wohl Dschaggatai-Türken. Sie haben auffallend viel Bartwuchs im Gesicht und ziehen sich sehr bunt an; charakteristisch sind ihre Lederstiefel mit weicher Sohle ohne Absatz. Mit diesem Stiefel fahren sie dann in einen Pantoffel mit Absatz, den sie, sobald sie die Zimmer betreten, einfach ausziehen. In der Gesichtsbildung fällt sofort die starke Nase auf.

In der Nähe von Hami wurde der Verkehr stärker. Gegen 11½ Uhr waren wir an der Stadt, durch die hindurch wir zur Beamtenherberge ritten, wo kein Unterkommen zu finden war. Von da aus ging es zur nördlichen Vorstadt, in der wir ganz gut unterkamen; doch gab es gleich Skandal, denn die Menge benahm sich unverschämt und zudringlich. Als einige der Leute "Fremder Teufel!" riefen, griff ich mir einen von den Schreiern heraus. Schließlich nahmen aber die übrigen Leute für mich Partei und beschimpften den Betreffenden auch noch, so daß ich ihn laufen ließ.

Man erzählte mir, daß noch ein Europäer augenblicklich in Hami sei. Nachdem ich gegessen hatte und die Pferde besorgt waren, schickte ich den Mafu zum Yamen; ich selbst ließ mich zu dem Gasthaus führen, wo der Europäer wohnen sollte. Man war sich über Nationalität und Beruf nicht einig; die einen behaupteten, es sei ein Russe, andere sagten, es sei ein Deutscher; jedenfalls sei er sehr grob. Ich wanderte durch die Stadt, eigentlich muß man hier schon Basar sagen, zum Gasthaus des Fremden, den ich gerade mit Waschen seiner Pferde beschäftigt fand; sie hatten, ebenso wie die meinigen, Läuse, und da auf die chinesische Bedienung kein Verlaß ist, machte er es ebenso wie ich und wusch sie selbst. Ich redete ihn an: "Sprechen Sie deutsch?" "Jawohl", sagte er, worauf ich erwiderte: "Ich bin ein Deutscher, und freue mich, einen Landsmann zu treffen." Er teilte mir mit, daß er Bode heiße und Kapitänleutnant außer Dienst sei, worauf ich mich ihm als deutscher Offizier vorstellte. Nun waren wir gleich im richtigen Fahrwasser, und als Kameraden fühlten wir uns wie alte Bekannte. Ich fand in Kapitänleutnant Bode einen weit gereisten Mann, der viel von der Welt gesehen hatte und sehr Interessantes zu erzählen wußte. Er reiste, wie ich, ohne größeren Komfort und wechselte seine Begleitung und Dienerschaft von Ort zu Ort. Der hiesige Yamen hatte ihm zuerst jegliche Unterstützung verweigert. Daraufhin hatte er nicht lange gefackelt, sondern sofort mittels des ausnahmsweise funktionierenden Telegraphen die russischen Behörden in Urumtschi um Unterstützung gebeten. Die Russen hatten diese Gelegenheit benutzt, um ebenfalls telegraphisch irgendwelche hohen Chinesen zu drücken, und der hiesige Yamenbeamte schien eine scharfe Zurechtweisung erhalten zu haben; jedenfalls war er zahm geworden wie ein Lamm, was auch mir zugute kam. Man ersieht hieraus, wie weit der russische Einfluß reicht, bis zur äußersten Ostgrenze von Turkestan. Bode war ein unabhängiger, sehr energischer Mann, der zu seinem Vergnügen reiste. Er beabsichtigte, ungefähr bis Hsi Ngan Fu den von mir genommenen Weg zu verfolgen und von dort aus später nach Süden zu gehen. Ich saß bis spät abends bei ihm, trank aber leider zu viel von seinem vorzüglichen, an der Quelle gekauften Ceylon-Kaffee, der mir solches Herzklopfen verursachte, daß ich mich später lange schlaflos herumwälzte. Meiner braven Stütze, dem Mafu, redete ich zu, mit Kapitänleutnant Bode wieder zurückzuwandern; auf diese Weise wurde ich ihn besser los, als wenn ich ihn später hinaussetzte, was doch bald hätte geschehen müssen, weil er von Tag zu Tag mehr verbummelte und ich für das Geld, das ich ihm gab, drei Leute bekommen konnte.

Früh morgens am 12. April, einem Sonntage, kam der Mann an, dem ich in der Wüste seinen Esel zurückgekauft hatte; er brachte mir ein schönes, großes Stück Hammelfleisch zum Dank. Ich habe mich über dieses Zeichen der Dankbarkeit ganz besonders gefreut, kam es doch von einem Chinesen, bei dem diese Eigenschaft sehr selten ist, und von einem ganz armen Mann. Ich ritt dann mit der Stute zu Kapitänleutnant Bode, um ihn zu einem gemeinsamen Besuche beim hier residierenden Schantu-Sultan abzuholen. Der Yamen des Sultans lag in der westlichen Vorstadt, die nur von Mohammedanern bewohnt ist. Da ich mich vorher hatte anmelden lassen, erwartete man mich bereits. Die Mitteltüren wurden mir zu Ehren geöffnet, und ich trat in einen langen, von Gebäudereihen flankierten Hof. Am Kopfende befand sich ein höheres Gebäude. Der Prinz kam selbst heraus und bewillkommnete mich aufs liebenswürdigste. Wir traten in eine schöne Halle, deren Einrichtung ganz im chinesischen Stil gehalten war; man sah gemalte Schriftzeichen auf Rollen an den Wänden, geschnitzte Gitterfenster, sehr schöne seidene Teppiche aus Chotan, Rotlacksachen, Jettgegenstände und gute Porzellane. Wir bekamen Tee, Biskuits und kleine Konfitüren russischen Ursprungs vorgesetzt.

Ich fand in dem Sultan einen Mann mittleren Alters von sehr angenehmem Wesen, der bei weitem besser orientiert war, als der vornehme Durchschnitts-Chinese es zu sein pflegt. Ich unterhielt mich mit ihm Chinesisch, während Bode Türkisch mit ihm sprach; der Sultan beherrschte beide Sprachen. Wir blieben wohl anderthalb Stunden; er erkundigte sich nach woher und wohin und nach europäischen Verhältnissen, besonders interessierten ihn die mehr oder minder freundschaftlichen Beziehungen der Völker zueinander, und hierbei namentlich die englisch-russische Frage in bezug auf die Aufteilung Mittel-Asiens. Natürlich wollte er gern wissen, welche der beiden Mächte später einmal sein Herr sein würde; denn daß dieses eintreten müsse, hielt auch er nur noch für eine Frage der Zeit. Nach meiner Ansicht wird es wohl der Russe sein. Mein Freund Boos war vor fünf Jahren auch bei ihm gewesen. Er zeigte uns sein Geschenk, ein Gewehr Modell 88, das gut im Stande war. Leider konnte ich mich mit solchen Geschenken nicht beliebt machen, da ich derartige Sachen nicht mit mir führte. Wir empfahlen uns dann, und der Sultan begleitete uns noch hinaus, um die beiden großen, fremden Pferde zu besichtigen. Kapitänleutnant Bode ritt einen sehr schönen arabischen braunen Hengst, den er selbst bei Mekka gekauft hatte. Ich ritt meine australische Stute. Natürlich zog der Sultan den Hengst vor, da dieser einen sehr schönen, langen Fasanenschweif hatte; meine arme Witwe fand infolge ihres kurzen Schwanzes nirgends Gnade vor den Augen der Besichtigenden.

Ich hatte den Eindruck, daß sich dieser halb selbständige Fürst mehr zu Stambul gehörig fühlt, als zu China; er erkennt aber den Kaiser von China als sein Oberhaupt an und wird par ordre de mufti, jedenfalls wohl nicht freiwillig, Ende dieses Jahres nach Peking reisen, um den Kaiser oder vielmehr die Kaiserin-Witwe mittels Kotau zu Neujahr seiner Ergebenheit zu versichern und den Tribut, bestehend in Geld, Teppichen und Ponies, sowie in Jett-, Silber- und Goldsachen abzuliefern. Wir ritten zurück. Ich fand in meinem Gasthause ein Diner vom Yamen vor; bald kam auch der Beamte selbst, der hier schon nach türkischer Sitte Amban heißt, um mir seinen Besuch zu machen. Kaum war er hinaus, als der Taotai auch noch in Begleitung eines kleinen Söhnchens erschien, der mich eine ganze Schachtel Schokolade kostete. Beide Mandarinen waren äußerst liebenswürdig, nahmen mir aber mit ihrem Geschwätz eine Menge Zeit weg.

Ich rechnete dann mit dem zurückgehenden Mafu ab; er bekam über 40 Taels, was ein ordentliches Loch in meinen Beutel machte; aber besser, heute die Summe, als später in Kaschgar annähernd die doppelte und noch einen Pony zum Zurückreiten, was ich mit ihm verabredet hatte. Ich packte dann alles auf, schickte den Mafu zum Yamen, der Packtiere halber, und engagierte mir einen mit mir von Ngan Hsi Tschau gekommenen weiter nach Westen wandernden Mann als Stütze. Er sah zwar ziemlich schmierig aus, machte aber einen ehrlichen Eindruck; er ging später mit mir bis Kaschgar und hat sich stets als guter, ordentlicher Diener erwiesen, der am liebsten mit mir nach Deutschland gekommen wäre. Den Abend verbrachte ich sehr angenehm bei Kapitänleutnant Bode; er hatte außer seinem arabischen Hengst Lotte noch vier andere Pferde, die teils aus Karaschar stammten, teils Kalmückentiere waren. Ich half ihm mit einigen Kleinigkeiten aus, die er mit ebensolchen erwiderte, außerdem gab er mir eine schwarze Liste sämtlicher Mandarinen auf dem ferneren Wege bis Kaschgar mit, so daß ich schon jetzt in der angenehmen Lage war, über jeden derselben orientiert zu sein.

Am 13. April morgens, kurz bevor ich abmarschieren wollte, kam vom Sultan als Geschenk ein Hammel, ein Sack Erbsen, ein Sack Reis, Heu, Stroh und Feuerholz. Zurückschicken konnte ich die Sachen nicht, also gab ich sie für meine Rechnung in Zahlung und tauschte den Hammel gegen Pferdefutter ein. Übrigens ist ein Hammel hier nicht mehr als vier Mark wert. Kapitänleutnant Bode kam noch, um mir Lebewohl zu sagen. Er stand neben meinem Pferde, als ein etwa zehnjähriger Junge versuchte, ihm einen Beutel mit Goldstücken aus der Tasche zu ziehen. Bode ertappte ihn dabei und strafte ihn gründlich. Das Volk verhielt sich ganz teilnahmslos dabei. Ich zog weiter nach Westen durch die Mohammedanerstadt mit ihrer großen schönen Moschee und ihren charakteristischen Begräbnisplätzen, hinaus in die Steppe, die hier jedoch nicht so trostlos öde ist wie nach Süden zu, da sie von ziemlich vielen kleinen Wasseradern durchschnitten wird. Nach Norden zu bildet der Thien Schan mit seinen schneebedeckten Gipfeln einen wirkungsvollen Abschluß.

Zu Kapitel VII.

VII. KAPITEL.

Chinesisch-Turkestan.

Abends waren wir in Tru foa, wo wir sehr gut unterkamen. Meine neue Stütze war willig und schnell.

In glühender Hitze zogen wir am 14. April durch Steppe und Wüste; wir hatten über Mittag in der Sonne plus 45 Grad, und ich war froh, als ich die ersten Obstbäume, die teilweise schon Blüten angesetzt hatten, bei unserm heutigen Ziel, San foa, erblickte. Am nächsten Morgen hatten wir nur plus 1 Grad, es wurde aber bald wieder drückend heiß. Wir hatten wieder nur einen kleinen Marsch nach San to lin, wo wir auch gutes Unterkommen fanden. Hier in Turkestan sind von 30 zu 30 Kilometer offizielle, von der Regierung erbaute Rasthäuser, die, soviel ich gesehen habe, stets gut instand gehalten sind. Kurz nach der Ankunft bemerkte ich, daß mein Thermometer fehlte. Der Ortsvorsteher stellte sofort einen Reiter, der nach dem letzten Quartier zurückritt, um dort danach zu suchen. Am Nachmittag wusch ich, zum Gaudium der Bevölkerung, besonders der Weiber, zuerst meine Stute, dann meine Wäsche im Dorfbach.

Wir näherten uns nun allmählich dem Thien Schan, der felsig und kahl ist, genau wie alle anderen Gebirge im Osten Chinas. Merkwürdig war der stete Wechsel der Temperatur während des Marsches. Kurz hintereinander ging es durch heiße und dann wieder ganz kalte Luftschichten. Das Gelände war heute ziemlich quellenreich, doch gehen die kleinen Bäche meist nicht sehr weit, sondern versiegen im Sande. Wir waren oft gezwungen, erhebliche Umwege zu machen, um nicht in dem durchweichten Boden stecken zu bleiben. Einmal saßen wir doch fest und mußten alles abladen, um die Karre mit vereinten Kräften wieder herauszuziehen. Gegen 3 Uhr erreichten wir Lo tung, das einen Kavallerieposten von 30 Mann in einem Lager hat. Die Kavalleristen sind fast alle verheiratet. Der Ort hat eine schöne große Quelle und eine ganze Menge Bäume. Mein, neuer Diener, mit Namen Djang tsche Tschang, bewährte sich durchaus; er war fleißig und aufmerksam, ob auch ehrlich, das konnte natürlich erst die Zeit lehren. Ich merkte jetzt erst, was für ein unglaublich fauler Mistfink mein alter Mafu gewesen war und ärgerte mich, daß ich den Menschen für mein teures Geld so weit mitgeschleppt hatte.

Es ging heute durch Ausläufer des Thien Schan bergauf und bergab. Überall war steinbesäte Wüste. An einer Stelle war der Telegraph zerrissen und Kavalleristen flickten ihn; das mag etwas schönes geworden sein! Mitten in der Wüste stand ein Gasthof und ein Pferdestall, an dem die Yamenreiter ihre Pferde wechselten. Natürlich war alles teuer und schlecht, wir aßen das letzte Stück Fleisch aus Hami, von nun ab mußten wir uns wieder auf Reis beschränken. Gegen Abend setzte Staubsturm ein, der die ganze Nacht über wehte und durch die das Fenster darstellende Öffnung in der Wand ganze Staubwolken hineinwarf. Wir ritten weiter durch steile Felsberge. Unser beabsichtigtes Quartier, das wir gegen Mittag erreichten, war derartig überfüllt, daß ich beschloß, den Marsch noch fortzusetzen, nachdem ich eines der eingespannten Tiere im kaiserlichen Ponystall hatte umtauschen lassen. Man brachte uns ein noch ganz rohes Tier, das erst gefesselt werden mußte; die Chinesen ließen den sehr unruhigen Pony so lange mit der Fessel ziehen, bis er beinahe zusammenbrach, erst dann machten sie die Fessel ab; das Tier hatte sich die Lehre gemerkt und ging nun sehr gut. Wir passierten noch einige Kilometer Felsberge und gelangten dann in eine schräge Ebene, in der uns der Sturm wieder voll faßte. In den Bergen war es dafür drückend schwül gewesen. Gegen Abend langten wir in Kosch an, wo wir die Nacht blieben. Am 19. April herrschte noch immer eisiger Sturm, trotzdem das Thermometer gar nicht tief stand; man wurde beinahe vom Pferde herabgeweht. Zuerst ging es 20 Kilometer durch mit vereinzelten Tamarisken, bestandene Ebene; an einem kleinen, hübsch gelegenen Orte wechselten wir die Pferde, dann fing wieder der steinige Weg an; es war vollkommen so, als ob man über Schotter auf einer neuen Chaussee marschiert und für die armen Pferde sehr anstrengend. Der Wind ließ nicht nach und benahm einem vollkommen den Atem.

Gegen drei Uhr nachmittags langten wir in einem einzelnen kleinen Hof, mitten in den Felsbergen, an. Hier wohnte der Beamte, der die kaiserliche Post besorgt und die posttragenden Reiter kontrolliert. Er ist ein Hunanese, und wie alle Leute aus dieser Provinz, außerordentlich freundlich. Da den Pferden die Beine sehr wehtaten, beschloß ich, zu bleiben und wurde von dem Beamten sofort liebenswürdig aufgenommen. Natürlich mußte ich mit der ganzen Gesellschaft in einem Raume wohnen; von sieben Menschen rauchten sechs Opium, und obgleich ich trotz Staubsturm die Türe nicht zumachen ließ, war es vor Gestank kaum auszuhalten. Die Nacht fror es wiederum stark; der arme Dicke war am Morgen ganz steif gefroren, wollte durchaus nichts fressen und ließ bedenklich den Kopf hängen. Da kein Stroh zu haben war, mußten die Tiere auf den nackten Steinen stehen. Heute ging es durch ganz kahle Berge und dann in einen weiten Kessel, der von hohen Felsbergen eingefaßt war. Am jenseitigen Ausgang lag unser heutiges Reiseziel, Tu Dundse, ein Hof, in dem die Pferdestation sich befindet. Wir wurden auch hier von dem betreffenden Beamten freundlich aufgenommen, die Tiere bekamen schönes Heu und einen guten Stall, legten sich bald hin und fühlten sich sehr wohl. Es blieb den ganzen Tag über kalt und windig. Der Beamte klagte mir sein Leid, es sei fast das ganze Jahr über nicht anders. Nachmittags ging ich noch einmal auf Antilopenjagd, sah auch einmal einen Sprung von vieren, die aber schon auf 2000 Meter absprangen und bald in den hohen Felsen verschwanden. Ich kroch noch stundenlang umher, entdeckte aber nichts mehr.