Im Sattel durch Zentralasien: 6000 Kilometer in 176 Tagen
Part 17
Beim Rückwege fing es an zu schneien, und als sich gegen 7 Uhr abends der Wind legte, blieb der Schnee liegen. Ich beschäftigte mich am Abend damit, einem jungen Chinesen meiner Reisebegleitung zur allgemeinen Freude deutsche Freiübungen beizubringen. Bis jetzt hatten die andern meinen allabendlichen Gewehr Übungen mit Kopf schütteln zugesehen. Am 25. März um 8 Uhr langten glücklich die beiden Karren an, so daß wir endlich fortkamen. Morgens war mein Thermometer verschwunden, fand sich aber in einem zusammengekehrten Schneehaufen wieder. Die Gegend war unverändert, teils steinige, weite Flächen, teils Steppe. Der Schnee blendete derartig, daß wir unsere schwarzen Schutzbrillen heraussuchen mußten. Der Mafu klagte noch immer über Leibschmerzen, wollte nichts essen und war schlechter Laune. Ein Chinese, der einmal nichts gegessen hat, versagt sofort vollkommen; von irgend welcher Selbstbeherrschung ist nicht die Rede.
Gegen 2 Uhr erreichten wir einen ziemlich großen Ort, namens San-tan-gu, an einem augenblicklich ziemlich wasserreichen Flusse gleichen Namens. Mit uns zugleich kam von der anderen Seite ein großer Pferdetransport aus Turfan an. Die Tiere gefielen mir nicht, sie waren hochbeinig, ohne Gurtentiefe, mit kurzer Schulterlinie und in den Sprunggelenken wenig schön; alle hatten Ramsnasen, es war das berühmte turkestanische Pferd. Die Leute aus Turfan erzählten, daß sie 27 Tage geritten wären, danach brauchte ich nach Kaschgar mindestens noch 70 Tage. Dem Mafu ging es heute besser; er hatte gestern abend infolge seiner Krankheit weder gefuttert noch geputzt, hingegen sich den Bauch massieren lassen. Meiner chinesischen Reisebegleitung war der Karrentreiber mit einem Maultier ausgerückt. Einen nahm ich mit, einer fuhr die Karre mit nur einem Tier, die andern gingen zu Fuß, was ihnen, meiner Meinung nach, nur dienlich sein konnte, da sie sich zu wenig Bewegung machten und für zwei aßen. Es ging heute den ganzen Tag durch Steppe, durchzogen von mehreren Bächen, die augenblicklich ziemlich viel Wasser führten. Mehrfach waren lange Strecken sumpfig. Ich sah Fasanen, sonst nichts an Wild. Der Abend war angenehm milde; wir rasteten unter hohen, schönen Bäumen an einer Quelle, in den Ruinen einer Ansiedlung.
Etwas nach Mitternacht traf der ausgerissene Karrenführer per Esel ein, und zwar mit einem solchen Lärm, daß ich davon erwachte. Kaum war Ruhe eingetreten, als der neue Esel zu singen anfing, und zwar ohne Zwischenpause. Ich stand auf, holte mir den Besitzer und ließ ihn sein Tier wegbringen, alles in etwas beschleunigtem Tempo. Gutes deutsches Zureden verfehlt auch in China seinen Eindruck nicht. Der Esel fand Kameraden und war ruhig. Dafür machte sich Staubsturm auf, und bald war man in Sandwolken eingehüllt. Ich klappte meinen Kopfschutz im Schlafsack hoch und schlief sogleich, trotz Eselsgeschrei und Staubsturm, fest ein.
Wir passierten am 27. März Po lung Hsia, und waren am Abend in Hsiau-wang-pu, wo nur ein großer, gemeinsamer Raum zu haben war, den ich mit vielen Chinesen teilen mußte. Bei ganz bedecktem Himmel kam von Zeit zu Zeit ein Schneeschauer; hin und wieder war südlich das Nan Schan-Gebirge sichtbar, von dem die Chinesen sagen, daß es sich bis nach Kaschgar hin erstrecke, womit sie nicht unrecht haben, da sowohl das Humboldt-Gebirge, wie der Altyn Tagh und Kwen-Lun als Fortsetzung des Nan Schan angesprochen werden können. Um frühzeitig in Ngan Hsi Tschau zu sein, wurde am 28. März schon um 5½ Uhr abmarschiert; wie gestern, ging es durch Steppe unter einem endlich einmal wolkenlosen Himmel. Als wir in die Stadt kamen, sah man, daß südlich eine zweite, jetzt gänzlich verlassene Stadt liegt. Sie war infolge des sumpfigen Untergrundes zu ungesund, daher haben sich die Bewohner nördlich neu angebaut. Der Ostwind hat den Sand so an die Stadtmauer herangeworfen, daß er an einzelnen Stellen bis an den oberen Rand liegt und sogar auf der inneren Seite noch eine Art Rampe bildet, die Stadt selbst, vollkommen chinesisch, bietet nichts Interessantes. Wir konnten wieder einmal keine Karre bekommen, Kamele waren überhaupt nicht zu haben, und die Packponies, die mir angeboten wurden, sahen derartig elend aus, daß ich nicht wagte, mit ihnen die jetzt vor uns liegende Wüste zu kreuzen. Ich mußte mich also in Geduld fassen und Ruhetage machen. Meine Reisebegleitung spendete wieder einmal, wahrscheinlich infolge des Karrenwechsels, ein Diner; ich hatte aber genug von der Sache und schlug ihnen rundweg ab, mich noch weiter um ihre Karren zu bemühen.
Am Morgen des 29. März zog ich mit einem Begleiter zum Südtor hinaus auf die Antilopenjagd. Vorher gab es noch einen kleinen Auftritt. Ich hatte meine sämtlichen Decken im Freien aufgehängt, um sie zu sonnen, als ein Quartier machender Mafu hereingeritten kam und sie einfach in den Schmutz riß. Ich versetzte ihm sofort eine Züchtigung und zwang ihn, alle Decken wieder fein säuberlich zu reinigen und aufzuhängen. Das umstehende Volk nahm gegen mich Partei, und nur dem gerade zur Jagd umgehängten Karabiner hatte ich es zu verdanken, daß es nicht einen größeren Skandal gab. -- Wir zogen zum Südtor hinaus, nach Süden zu, sahen aber lange nichts, bis wir hinter einer Sandhügelreihe ein Rudel von elf Antilopen aufstöberten, welche sofort absprangen. Nun ging es wieder wie gewöhnlich; ich kroch stundenlang hinter den einen halben Meter hohen Sanddünen herum, ohne näher als 400 Meter an die Tiere herankommen zu können. Einmal schoß ich unterwegs mit dem Erfolg, daß der ganze Sprung wieder flüchtig wurde und verschwand. Erst nach einer Weile hatte ich sie mit dem Zeiß wiedergefunden, doch sehr weit entfernt. Es bot sich aber eine ausgezeichnete Gelegenheit zum Anpirschen durch ein ausgetrockenetes Bachbett, in dem ich in gebückter Haltung, über Schlamm, Gestrüpp und gefallene Bäume, manchmal auf allen Vieren kriechend, schnell vorwärts kam. Von Zeit zu Zeit vergewisserte ich mich, ob sie noch da wären; sie zogen ganz langsam, ruhig äsend, weiter. Nach ungefähr drei Viertelstunden war ich heran; die Tiere hatten mich nicht bemerkt. Vorher hatte ich schon Zeiß, Pelzmütze und Patronengürtel meinem Begleiter abgegeben. Nun schob ich mich sachte an der steilen Böschung in die Höhe, aber schon hatte mich der Leitbock erblickt. Die Tiere schlossen zusammen und äugten nach mir hin; ich war wieder untergetaucht. Dann von neuem hinübersehend, nahm ich mir das nächste Tier aufs Ziel und schoß. Es lag im Feuer, und als ich hinkam, -- die Entfernung betrug 148 Schritt -- waren außer ihm noch zwei zur Strecke die ersten beiden hatten Blattschuß, das dritte Halsschuß; ich nickte es ab, der Rest war flüchtig, alle drei waren Böcke. Natürlich war große Freude über den schon so lange ersehnten Erfolg. In der Nähe weidete eine Kamelherde, deren Hirten jedoch um kein Geld zu bewegen waren, ihre Herde zu verlassen und die Jagdbeute in die Stadt zu bringen. Mein Begleiter lief daher nach Ngan Hsi Tschau zurück, um eine Karre zu holen, nachdem der Versuch, die gekoppelten Tiere am Karabiner zu tragen, wegen ihrer Schwere mißglückt war. Nach zwei Stunden langem Warten erschien am Horizont ein Ochsenkarren, auf dem wir die drei Tiere glücklich heimtransportierten. Auf dem Rückwege sahen wir noch zweimal Füchse und Antilopen. In der Stadt war helle Aufregung, als wir mit den drei Antilopen ankamen, eine reine Völkerwanderung flutete nach meinem Gasthause, und jeder wollte das Gewehr näher besichtigen, mit dem ich den glücklichen Schuß getan hatte. Ich machte Strecke, photographierte meinen Begleiter mit den Tieren und schenkte ihm eine Antilope, eine schickte ich dem Yamen und eine behielt ich selbst nebst allen drei Gehörnen. Wir waren nun wenigstens für die nächsten Tage mit Fleisch versorgt. Abends gab es Antilopen-Gulasch, von der wieder ganz versöhnten chinesischen Freundschaft sehr gut zubereitet.
Irgend ein Mandarin war mit großem Gefolge aus Hami eingetroffen, darunter zwei hübsche, junge Frauen; sie wohnten neben mir und benutzten jede Spalte und Ritze, mich zu beobachten. Ganz besonderen Spaß schienen ihnen meine eingehenden Waschungen zu machen; der Chinese kennt so etwas nicht. Sie kamen aus dem Kichern und dem "Nican, nican!" (sieh nur, sieh nur) nicht heraus. Abends schickte mir der Yamen Nachricht, daß er noch keinen Karren hätte auftreiben können und Kamele bis Hami unter 15 Taels pro Stück nicht zu haben wären. Das war mir zu teuer, besonders wenn man bedenkt, daß ein gut bespannter Karren für dieselbe Strecke nur 18 Taels kostet. Dies war der Dank für die geschenkte Antilope! Es blieb mir also nichts weiter übrig, als am nächsten Tage wieder die Antilopen zu ängstigen. Beim Schlafengehen bemerkte ich, daß mein großer Pelz fehlte, der draußen gesonnt worden war und den mein Mafu vergessen hatte, hereinzubringen. Alles wurde sofort alarmiert; ich drohte bereits mit Abzügen vom Gehalt und Prügel vom Yamen, als er sich endlich in einem der Karren des Herrn aus Hami wiederfand. Einer der fremden Mafus hatte ihn bereits als willkommenes Beutestück annektiert.
Über Nacht setzte aus Osten ein kolossaler Staubsturm ein, der stärkste, den wir bisher gehabt hatten. Ganze Wolken von Sand, mit Streu und kleinen Steinen gemischt, flogen mir ins Gesicht, so daß ich davon erwachte. An eine Weiterreise war, auch wenn die Karre pünktlich gekommen wäre, gar nicht zu denken. Die Chinesen rührten sich nicht aus ihren Zimmern und hockten überall auf den Kangs, frierend und faulenzend oder rauchend. Einige von ihnen vertrieben sich die Zeit mit Kartenspielen, was ich zu ihrem großen Vergnügen als recht schlechte Unterhaltung brandmarkte. Außerdem sprachen sie den ganzen Tag von nichts anderm als von Weibern und von den Freuden, die ihrer in Hami warteten, was ich zu ihrer noch größeren Belustigung als völlig verwerflich bezeichnete. Meine schöne Nachbarschaft rauchte Opium, eines der Weiber stillte dabei einen Säugling, und das alles bei offener Tür. Wir kochten uns Antilopenfleisch, dessen wundervolle Bouillon der Mafu den Schweinen geben wollte, die Chinesen mögen sie nicht; er begriff gar nicht, daß ich mir eine große Schüssel davon zurückstellen ließ und mir auch die Gehörne zurückbehielt. Mehr als einmal bat mich einer der Chinesen um ein Gehörn mit der Bemerkung, daß es ja für mich wertlos sei. Der zu überschreitende Su lei ho war durch den Sturm angestaut und weit aus den Ufern getreten, so daß Mongolen, die ihn am Abend mit ihren Kamelen überschreiten wollten, zurückkehren mußten. Am nächsten Tage hielt der Staubsturm, wenn auch nicht mehr ganz so stark, doch noch an, es war aber noch mehr Staub in der Luft, so daß man nicht quer über den Hof sehen konnte. Der Karren kam selbstverständlich wieder nicht; dafür war niemand ausgefahren und das Gasthaus bis auf den letzten Platz gefüllt. Zum Entsetzen des Mafu beschloß ich, selbst zum Yamen zu gehen; er wußte schon, daß ich mit dem Yamengesindel kurzen Prozeß zu machen pflegte, und fürchtete, daß seine eigene Schwäche der Gesellschaft gegenüber herauskommen würde. Im Yamen angekommen, griff ich mir sofort den Unverschämtesten im Dienerschaftszimmer heraus und sagte ihm, daß ich ihn nicht eher loslassen würde, als bis er mir die Karre gezeigt hätte, die ich bekommen sollte. Er wollte anfangs nicht hören; als ich ihn aber, ohne ein Wort zu sagen, ruhig festhielt, wurde er doch gefügig, und richtig bekam ich in einem ziemlich entfernten Gehöft die für mich bestimmte Karre zu sehen, vorläufig noch ohne Räder; letztere sollten beim Stellmacher und noch in Arbeit sein; also weiter, dorthin. Die Räder waren seit vierzehn Tagen fertig, nur hatte kein Mensch danach gefragt oder sie abgeholt. Ich ließ sofort die Räder zur Karre bringen und diese zusammensetzen, dann wurde der Yamenmann entlassen; er war sehr höflich geworden, nachdem ich ihm mit der Peitsche gedroht hatte, falls er mich nicht mit "Lauye" (Herr) anrede, was er vorher nicht für nötig gehalten habe.
Nun hatte ich zwar meine Karre, an Ausrücken war aber nicht zu denken. Gegen 1 Uhr versuchte ich einmal mit der Büchse zum Südtor hinauszugehen, mußte indessen bald wieder umkehren, da man nicht zehn Schritt weit sehen konnte und es ganz aussichtslos war, an Antilopen heranzukommen.
VI. KAPITEL.
Durch die Wüste Gobi zum Thien Schan.
Der 1. April brachte uns endlich bei ganz bedecktem Himmel und warmer feuchter Luft abwechselnd Regen und Schnee; der Staubsturm hatte sich gelegt. Wir packten auf und marschierten um 6½ Uhr ab, als gerade die Kavallerie, dreißig Köpfe stark, einrückte. Angesichts des drohenden Regens hatten sie es vorgezogen, am Tore kehrt zu machen und sich das Exerzieren zu schenken. Wir ritten zum Nordtore hinaus auf die als breiter dunkler Streifen am Horizont sichtbare Wüste zu. Mit uns zugleich kamen eine Menge Ochsenwagen, die hier die Fähre über den Su lei ho ersetzen. An diesem angelangt, fanden wir einen breiten, reißenden Strom, der weit aus den Ufern getreten war. Diesseits stand eine Menge Chinesen teils mit, teils ohne Karren, jenseits eine Anzahl Mongolen auf Kamelen beritten, beide Teile wartend, wer es zuerst wagen würde, den Strom zu kreuzen. Die Chinesen machten sich dabei laut über die Mongolen lustig, daß sie nicht ins Wasser wollten, während diese sich schweigend verhielten.
Als ich eintraf, bot ich einem Kuhwagenführer die hohe Summe von 5 Cash, wenn er fahren wollte, aber erst, als ich mein Gebot auf 8 Cash steigerte, entschloß sich einer, für diese Riesensumme sein Leben zu riskieren; unter einem wahren Indianergeheul der versammelten Menge fuhr der Karren durch. Der Ochse mußte seinen Kopf zwar sehr hoch halten, aber es gelang. Das Wasser ging an der tiefsten Stelle über den niedrigen Wagen hinweg; ich schätzte es auf 1,10 Meter. Mit demselben Geschrei fuhren wir nun hinein, ich selbst auf der Karre, die Pferde hinten angebunden. Einen Augenblick drohte der Strom die vorderen Pferde wegzureißen, aber wir schlugen, was wir konnten, mit den Peitschen darauf los und kamen noch gerade an der äußersten Kante der Einfahrt zur Furt heraus. Weiter unterhalb war das Ufer hoch und sehr steil, so daß wir dort in eine recht unangenehme Lage geraten wären. Der Karrenführer benutzte den Erfolg, um eine halbstündige Pause einzulegen und den Vorfall erst einmal gründlich zu erörtern. Unterdessen ritten die Mongolen ins Wasser hinein. In der Mitte des Flusses stoppten die Kamele, und es schien, als ob sie nicht mehr weiter könnten, daraufhin allgemeines Freudengeheul der Chinesen. Aber sie kamen doch durch, was mich sehr freute.
Nun ging es hinein in die Wüste. Kein Baum, kein Strauch, kein Vogel, nichts als weite, steinige Fläche, dazu Regen und kalter Wind aus Nordwesten, es war wirklich zu traurig. Der Weg kommt dem Reisenden endlos vor, er bietet zu wenig Abwechslung; nur von Zeit zu Zeit mahnt ein Kamel- oder Pferdegerippe, daß der Pfad nicht ganz gefahrlos ist. Als wir noch 35 Li von unserm beabsichtigten Rastorte entfernt waren, wurde die Gegend hügelig und vereinzelte Steppengrasbüschel und Wüstenpflanzen tauchten auf. Ich trabte voraus, da zu viele Menschen demselben Ziel zustrebten und ich mir eine Stube sichern wollte. Infolge des dreitägigen Sandsturmes in Ngan Hsi Tschau hatte sich eine ziemliche Menge wandernden Volkes angesammelt, die alle dem ersehnten Turkestan zueilten. Die meisten waren kleine Handwerker, die im fremden Lande ihr Glück versuchen wollten, das ihnen wahrscheinlich in der Heimat nicht geblüht hatte. Ich fand denn auch in der einzigen vorhandenen Herberge alles gepfropft voll, mir wurde aber doch nach Rücksprache mit dem Geschäftsführer ein Zimmer eingeräumt.
Am 2. April ging es weiter bei kaltem Nordwest über steinige Hügel. Die Gegend bietet gar keine Abwechslung. Abends lagerten wir an einer Wasserstelle, um die herum einst einige Gebäude gestanden haben, die jetzt vollkommen in Trümmern liegen. Das Wasser war bitter und wurde auch von den Pferden nur ungern genommen. Über Nacht war es hundekalt. Halb bedeckter Himmel und stetig zunehmender eisiger Nordwest-Wind kennzeichneten den 3. April. Die armen Pferde kamen mit der schweren Karre kaum gegen den Wind an. Ich ritt immer möglichst dicht dahinter, um mich etwas zu schützen, war aber bald so durchgefroren, daß ich es vorzog, zu Fuß zu gehen, und zwar so schnell, daß ich über eine Stunde früher als die Karre in Ta tschuan eintraf. Mir fiel es auf, daß die Räder der Karren hier fast alle ohne Radreifen sind; daß sie bei den steinigen Wegen überhaupt noch zusammenhalten, ist mir unbegreiflich. Abends faßte ich wieder meinen Karrenführer beim Futterstehlen ab; dafür konnte ich ihm hinterher eines seiner Pferde kurieren, das leichte Kolik hatte. Gegen neun Uhr legte sich der Wind, es wurde ganz still, aber sehr kalt; das Thermometer zeigte minus 12 Grad Celsius. Wir hatten am nächsten Tage wundervolles Wetter mit schwachem Nordwest. Gleich hinter dem Dorf standen zwei Antilopen, denen ich im Jagdeifer so weit folgte, daß ich den Karren erst um 11 Uhr wieder einholte. Gegen Mittag kamen wir nach Malan Dschinzo, einem aus zwei Gasthäusern bestehenden Ort an einer leicht salzhaltigen kleinen Quelle. Die Freundschaft war beleidigt, weil ich immer vorauseilte und mir die besten Zimmer aussuchte, außerdem ihnen durch meinen Mafu hatte sagen lassen, daß ich ein Zusammenwohnen in einem Zimmer nicht schätzte. Nachmittags ging ich wieder auf Antilopenjagd, bekam auch drei ganz entfernt zu sehen und versuchte zwei Stunden lang, jedoch ohne Erfolg, an sie heranzukommen. An die paar Häuser des Nestes stößt eine kleine, zerfallene, mit einigen Soldaten besetzte Befestigung, die dem Räuberunwesen steuern soll. Das Dorf besitzt zwar eine große Rinderherde, aber keine einzige milchgebende Kuh.
Nach 45 Kilometer Marsch durch hügelige, teils steppenartige, teils gänzlich wüste Gegend gelangten wir am 5. April nach Chin Chin-Hsia, einer kleinen Ansiedlung innerhalb hoher Felsberge, die eine Quelle mit wirklich gutem Wasser aufweist. Die Kuppen rings um sind mit kleinen Steinpyramiden gekrönt, die nur zur Verschönerung der Gegend dienen sollen. Überall lag hier noch Schnee. Wir passierten heute die Grenze zwischen Kansu und Tsin Tsiang, die durch einige behauene Steine bezeichnet ist, außerdem durch ein kleines, mitten in der Wüste stehendes Tempelchen, an dem die Karrenführer ihren Kotau machten und dabei zwei in der Erde stehende Pfähle mit Achsenschmiere bestrichen, um gute Fahrt bittend. Die Pfähle sahen aus, wie mit dem dünnen Ende in der Erde steckende Keulen, denn oben waren sie von der vielen daran haftenden Schmiere ganz dick. Die Nacht schlief ich endlich einmal wieder recht gut unter Dach und Fach.
Beim Abmarsch am 6. April gab es eine recht unerquickliche Szene. Ich hatte meine Rechnung so bezahlt, wie es vom Geschäftsführer verlangt wurde. Es war nicht zu teuer für diese, so viele Tagereisen von jeder Zivilisation entfernte Gegend. Meine Reisebegleiter nun hatten gar nichts gekauft, nicht einmal Brennholz, welches sie unterwegs in Gestalt von Dornensträuchern und Kamelmist, mit dem man hier heizt, gesammelt hatten. Dabei war von ihnen die Küche benutzt worden und sie hatten auch einen Raum für sich allein beansprucht. Jeder reisende Kuli gibt für die Unterkunft mindestens 20 Cash und schläft dafür auf dem allgemeinen Kang. Die fünf Köpfe starke Gesellschaft aber gab dem alten freundlichen Chinesen nur 27 Cash im ganzen, also viel zu wenig. Darauf wollte der alte Mann sie nicht fortlassen und wandte sich an mich mit der Bitte, ihm doch zu seinem Gelde zu verhelfen, wofür er seinem Herrn einstehen müsse. Ich gab ihm vollständig Recht, wollte mich aber nicht einmischen, da die Sache mich schließlich nichts anging. Ich ließ daher für meinen Karren das Tor öffnen und ritt weiter. Kaum waren wir gegen 300 Meter weg, als wir hinter uns lautes Geschrei hörten. Die Gesellschaft hatte die Durchfahrt erzwungen und verhieb nun noch obendrein zu vieren den einzelnen alten Mann. Das ging mir denn doch zu sehr gegen mein Gerechtigkeitsgefühl. Ich kehrte um, riß den einen zurück, die andern aber entwichen schleunigst, als sie mir ansahen, daß ich Ernst machte. Ich rief ihnen zu: "Wer den alten Mann noch einmal anfaßt, den schlage ich nieder." Die vier Feiglinge wagten auch nicht zu mucksen, sie hatten den armen alten Kerl blutig geschlagen und ihm der Zopf halb ausgerissen. Ich spuckte vor der Gesellschaft aus und sagte ihnen, daß ich ihre Handlungsweise für grundgemein hielte, im übrigen würde ich dem alten Mann sein Geld geben. Im Hintergrunde widersprach einer der Gesellschaft und schimpfte; ich sprang auf ihn zu und hielt ihm die Faust unter die Nase, worauf er schleunigst hinter seine Karre floh. Dann nahm ich den Alten mit und brachte ihn in sein Haus. Er war ganz glücklich, machte fortwährend Kotau und wollte das Geld durchaus nicht nehmen. So sind die Chinesen, einer wie der andere.
Nach fünf Kilometern hatten wir einen in die Felsen gebauten, kleinen, hübsch gelegenen Tempel vor uns. Alles stieg die Stufen hinauf. Das Innere war ganz mit Weihgeschenken behängt, rot- und gelbseidenen Fahnen, die mit Schriftzeichen bemalt waren. Über dem Altar hing die ewige Lampe. Ein alter Priester schlug eine schön klingende Glocke an, jeder machte einzeln seinen Kotau, dann schüttelte er einen Würfelbecher mit Würfeln in Steinchenform vor dem Kotaumachenden aus und sagte ihm die Anzahl der gewürfelten Augen, es ist seine Glückszahl. Ein anderer Priester verlas aus einem dicken alten Buche die auf diese Zahl sich beziehende Deutung. Das Innere des Tempels machte ohne Frage einen feierlichen Eindruck. Von seiner kleinen Terrasse, auf der in Gestellen Fahnen, die üblichen Waffen, ferner Pauken und Sättel stehen, hat man auf das Felsenmeer ringsum eine schöne Aussicht. Alle Abhänge sind mit kleinen, bis einen Meter hohen Steinpyramiden bedeckt, die von den nach dem Tempel Wallfahrenden errichtet werden, es sind viele, viele Tausende.
Gleich hinter dem Tempel hatten wir einen sehr üblen Abstieg, dann kreuzten zwei Antilopen den Weg, hinter denen ich mich sofort hermachte. Ich überschritt, immer auf den handbreiten Wechseln der Antilopen entlang laufend, drei Bergketten, ohne zum Schuß kommen zu können; einmal hatte ich sie auf ungefähr hundert Schritte vor mir, war aber so außer Atem von dem Klettern über die Felsblöcke und von dem Rutschen über die Schneeflächen, daß ich nicht schießen konnte. Nach ungefähr einer Stunde gab ich die unnütze Jagd auf, denn ich sah mit dem Glase die Tiere schon Kilometer weit abspringen, außerdem wurde ich für den Rückweg besorgt, denn in diesem Felsenmeer verläuft man sich sehr leicht. Ich nahm Marschrichtung nach Westen mittels Kompaß, wobei ich die große Straße unbedingt kreuzen mußte. Nach einer Stunde strammen Marsches sah ich mit dem Zeiß die Telegraphenstangen vor mir und hatte bald die richtige Route erreicht. Leute, die gerade des Weges kamen, sagten mir, die Karre warte weit hinten auf mich. Ich setzte mich in die Sonne auf den Sand und malte zur Übung chinesische Schriftzeichen. Gegen 10 Uhr kam die Karre; der Mafu hatte mich schon verloren geglaubt und war in Todesangst.