Im Sattel durch Zentralasien: 6000 Kilometer in 176 Tagen
Part 16
Gegen 8½ Uhr suchte ich mein hartes Lager auf und schlief wie ein Toter, wahrscheinlich infolge des ungewohnten Weingenusses. Der 13. März war ein Ruhetag; der Schneider kam, um mir einen chinesischen Rock für den gestohlenen anzufertigen. Die Sachen wurden gesonnt und der Lebensmittelvorrat für die nächsten Tage ergänzt. Um 12 Uhr ging ich wieder zur Mission, wo ich vom Pater Weiys ein für hiesige Verhältnisse gutes Essen vorgesetzt bekam. Dann ritten wir auf seinen Ponies zu einem alten Tempel, der noch aus der Zeit der mongolischen Herrscherdynastie stammt und in dem besonders ein mächtiger schlafender Buddha in recht unverhältnismäßiger Darstellung auffällt. Am Ende des Tempels befindet sich eine der hohen, flaschenförmigen Pagoden. Von dort ging es zum Garten der Mission, drei Li südwestlich der Stadt. In diesem wird hauptsächlich Obst- und Weinbau betrieben; ferner liegt in ihm das provisorische Grab des hier verstorbenen Paters Kissels.
Der Pater Weiys erklärte mir, daß er Gemeindeglieder habe, die bereits in der fünften Generation christlich wären. Seine Stellung zu dem Mandarin ist eine recht gute, aber durchaus unabhängige. Er befaßt sich weniger mit der Belehrung der Heiden, als mit der Seelsorge in der bereits vorhandenen christlichen Gemeinde. Im übrigen klagte er sehr über das Opiumrauchen und besonders über das Opiumessen der Weiber. Der Hauptgrund für letzteres sei darin zu suchen, daß sie zu früh heiraten und ihre Männer vor der Hochzeit nicht kennen lernen. Die Folge sei dann oft eine herbe Enttäuschung, welche die junge Frau zum Selbstmord treibe. Dann werde der Missionar zu Hilfe gerufen, und unter den wenigen ärztlichen Instrumenten in den Missionen könne man stets eine Magenpumpe für den vorgenannten Zweck finden. Er erzählte noch außerdem, er habe sehr damit zu kämpfen, daß z. B. neu bekehrte Eheleute Kinder hätten, die infolge der leidigen Unsitte des frühen Verlobens schon an Heiden vergeben seien, was natürlich zu großen Unzuträglichkeiten führe. Ich empfahl mich bei dem liebenswürdigen Missionar, nicht ohne noch einen besseren Jahrgang des selbstgekelterten Weines gekostet zu haben.
Auf dem Rückwege zu meinem Gasthause sah ich vor demselben eine große Menschenmenge auf der Straße; ich ging hin und fand die öffentliche Leichenschau eines Ermordeten. Die Leiche, mit einem Stich unterhalb des Herzens, lag gänzlich nackt auf einem Brett mitten auf der Straße. Auf einer Seite war ein Mattenverschlag, in dem Yamenbeamte, scharlachrot kostümiert, ein Protokoll aufnahmen, während ein anderer Beamter an der Leiche herummaß und den im Verschlag befindlichen Kollegen Angaben zurief, die diese in das Protokoll notierten. Rings umher sowie auf allen Dächern war eine neugierige Menge versammelt, die nur mit Not von den Yamendienern zurückgehalten werden konnte. Zehn Schritte davon, in einem nach vorn zu offenen Hause, lärmte eine vergnügte, trinkende Hochzeitsgesellschaft. Man kann sich wohl kaum schärfere Gegensätze denken.
Der Schneider kam am 14. März etwas zu spät; trotzdem ist es eigentlich zu verwundern, daß er so schnell gearbeitet hatte. Der Rock war natürlich um die Brust, um den Hals und in den Ärmeln etwas eng, da wir Europäer doch anders gebaut sind als der Durchschnitts-Chinese. Die ärmellose Überziehweste, Kandjörr, saß dagegen recht gut. Der Preis für den Stoff betrug 2500 Cash, der Arbeitslohn 500 Cash, alles in allem ungefähr 7,20 Mark, also wirklich recht wenig.
Es schneite ziemlich stark, und der Geschäftsführer wollte mich überreden, noch zu bleiben. Ich konnte es aber nicht, da jeder Tag für mich von Wert war. Um dem Übervorteilen seitens der Leute, bei denen ich Lebensmittel usw. kaufte, zu entgehen, hatte ich dem Geschäftsführer eine bestimmte Summe in Silber eingehändigt; davon bezahlte er jeden, der eine Forderung an mich hatte. Ich vermied dadurch den ewigen Zank wegen guten und schlechten Geldes, kam sicher billiger weg und der Geschäftsführer machte zugleich sein Geschäft, da er natürlich jedem Händler Prozente abzog. Er muß sich dabei ganz gut gestanden haben, denn er war zufrieden und beklagte sich nicht, wie alle andern seinesgleichen, über zu geringe Bezahlung. Auch die Yamenleute benahmen sich anständig. Draußen, mitten auf der Straße, stand immer noch der Sarg mit dem Ermordeten.
Es ging durch Heide, die vielfach moorig und von vielen kleinen Wasseradern durchzogen war, in denen sich eine unendliche Menge von Wasser- und Sumpfvögeln tummelte. Nach Durchschneiden einiger ganz wüstenartiger Striche kamen wir am Abend nach Scha Ho, wo wir gute Unterkunft fanden. Eine alte Frau mußte die Fehler, die der Schneider in Kan tschau gemacht hatte, verbessern, da mich der Rock doch etwas drückte. Auch am 15. März durchzogen wir eine wüstenähnliche Gegend. Die Dünen laufen von Nordost nach Südwest, westliche Winde schienen vorzuherrschen, da die Abhänge nach dieser Himmelsrichtung flach, diejenigen nach Osten zu steil und sehr schwer passierbar sind. Die Karre mit den zwei Meter hohen Rädern kam nur in mehreren Absätzen hinauf; die Tiere keuchten schwer und sanken tief im Sande ein. Um 11¼ Uhr erreichten wir Fu-ji-ting, bis wohin meine Karre gemietet war. Im ganzen Ort ließ sich kein neues Gefährt auftreiben, aber der Beamte war so liebenswürdig, mir seine eigene, nur mit einem Pony bespannte Karre zu geben, so daß ich wenigstens fortkommen konnte. Die Gegend blieb weiterhin wechselnd; wüstenartige Strecken folgten unmittelbar auf fleißig bewirtschaftete Ländereien, jedoch war der angebaute Strich stets nur sehr schmal und ging mit den Flußläufen. Überall sah man Hecken und Wälle, die dem Versanden wehren sollten.
Wir befanden uns gegen 3 Uhr in einer weiten Sandfläche, als links in den Dünen Antilopen auftauchten. Ich ließ die Stute satteln, mit der Absicht, mich in vollster Fahrt zu nähern und so vielleicht eine derselben zu Schuß zu bekommen. Es klappte ganz gut; ich kam an die ruhig stehenbleibenden Antilopen bis 150 Meter heran, als ich kurz vor mir einen breiten Graben sah. Getreu meinem alten Prinzip, lieber das Genick gebrochen, als gekniffen, ging ich, was ich konnte, gegen und -- lag prompt drinnen, oder vielmehr samt Pferd drüben im hohen, weichen Sande. Die Mauserpistole fiel in einen Grasbüschel, sonst war nichts passiert. Ich saß wieder auf und ritt hinter den abspringenden Antilopen her, jedoch war ihr Vorsprung zu groß; ich kam nochmals bis etwa 150 Meter heran, dann versagte die Stute. Ich saß daher ab und führte sie zurück, als links vor mir drei Wölfe auftauchten. Mein Tier war zu müde und die Entfernung für die Mauserpistole zu weit, daher ließ ich heute Isegrim laufen, was er sehr langsam, oft stehenbleibend, denn auch tat. Der Wildreichtum in dieser Gegend ist einfach verblüffend. Besonders sind Wasser- und Sumpfvögel in großen Massen vorhanden; unter diesen schwarze Störche, weiße Reiher, unsere Wildenten, große, rostbraune Enten, Krickenten, Gänse und viele kleine Wat- und Schwimmvögel. Die Chinesen schießen die Tiere nicht; sie sind daher ganz vertraut, und besonders die großen Enten kann man häufig in den kleinen Gräben unmittelbar am Wege finden.
Unser Ziel, Gau tai Hsien, war noch 20 Li entfernt. Der Abend war herrlich, kein Lüftchen regte sich, und der Verkehr war schwach. Die Bauern pflügten noch überall auf den Feldern, vom Fluß her tönte der Schrei des Storches und der Gänse, ab und zu hörte man die Weihe, die ungestört, meist mitten im Dorfe, auf irgend einem hohen Baume nisten. Allmählich wurde es dunkel, nur noch vereinzelte Krähen zogen ostwärts. Da sah man am Horizont helle Punkte am Himmel auftauchen; es waren erleuchtete kleine Drachen, die die Kinder aufsteigen lassen, also konnte die Stadt nicht mehr fern sein. Bald befanden wir uns zwischen den Häusern der Vorstadt und die Stadtmauer lag vor uns. Eine barsche Stimme fragt: "Wer ist da?" damit ist der Pflicht genügt, es ist die Torwache. Einige vorsichtige Geschäftsführer von Gasthöfen waren nicht zu bewegen, das große Tor aufzumachen. Die Gegend ist unsicher, und wer so spät am Abend noch reist, der kann nichts Ordentliches sein. Endlich fanden wir doch noch ein Unterkommen. Der viel geplagte Mafu wanderte zum Yamen und erhielt das Versprechen, daß die Karre pünktlich erscheinen werde; dann gab es das karge Abendessen, und bald konnte man das müde Haupt auf dem harten Kang zur Ruhe legen. Nebenan störte ein chinesischer Sänger, der tausendmal dieselbe Melodie sang; aber auch dieser bekam die Sache satt. Drei Böller kündeten, daß das Stadtoberhaupt zur Ruhe gegangen sei, nur ein vereinzelter Eselsschrei noch in der Ferne, dann trat Ruhe ein und man träumte vom schönen Vaterlande im fernen Westen.
Natürlich kam am 16. März morgens keine Karre. Zweimal mußte ich zum Yamen schicken, ehe wir alles beisammen hatten. Unterwegs futterten wir in Scheziang yi, wo der Führer in seinem Vaterhause durchaus alles mögliche abgeben wollte. Ich hatte den Verdacht, daß er sich zu drücken beabsichtigte und ließ ihn daher, bevor er ging, seine Sachen als Pfand deponieren. Es gab eine lebhafte Auseinandersetzung, bis ich einfach die Sachen wegnahm. Nunmehr erschien auch der zugehörige Vater und versicherte überlegen, daß, wenn sein Sohn versprochen habe, wiederzukommen, er sicher auf die Minute da sein würde. Leider war ich, trotz reichlicher Erfahrung, so dumm, ihn fortzulassen, denn wer natürlich nicht wiederkam, war der Schelm, so daß ich, zu meinem Verdruß, in dem Loche übernachten mußte. Den Abend ging ich dafür auf Entenjagd und schoß eine, die aber so tranig war, daß man sie nicht essen konnte.
Am folgenden Tage marschierten wir gegen sechs Uhr bei sieben Grad Kälte in die Wüste ab. Wir sahen links in den Dünen mehrfach Antilopen und ich ritt näher heran, um mich zu überzeugen, wie viele es wären. Beim Absteigen blieb ich mit dem linken Fuß im Bügel hängen und mein guter Dicker ging sofort pleine chasse mit mir durch, mich schleifend. Ich fühlte noch Hufschläge am linken Schienbein, am rechten Spann, am rechten Ellenbogen und am Kopfe, dann vergingen mir die Sinne und ich kam erst zu mir, als mich mein Mafu auf richtete. Gottlob war der Sand knietief und kein Steinchen darin. Der Pony hatte den Karrenführer, der ihn aufhalten wollte, überrannt und dabei eine kurze Wendung gemacht, wobei mein Fuß aus dem Bügel ging und ich liegen blieb. Der tiefe Sand, der wattierte chinesische Rock sowie die dicke Pelzmütze hatten die Hufschläge gemildert, so daß ich mit einigen Hautabschürfungen und leicht gezerrten Muskeln davonkam. Merkwürdigerweise stellten sich auch gar keine Kopfschmerzen ein, und nachdem ich einige 100 Schritt am Stock gewandert war, konnte ich schon wieder glatt gehen, wenn auch mit Schmerzen. Die Strecke, die der Pony mich geschleift hatte, betrug gegen 400 Meter. Die Bewußtlosigkeit kann kaum zwei Minuten gedauert haben. Der Pony und die Chinesen hatten einen viel größeren Schreck bekommen, als ich selbst. Sie erzählten mir hinterher, daß sie mich anfangs für tot gehalten hätten und waren sehr um mich besorgt, was mich einigermaßen rührte, denn im allgemeinen kennt der Chinese kein Mitleid.
Bald hatten wir wieder Antilopen vor uns. Ich pirschte nochmals heran, sie sprangen aber zu früh ab, so daß ich nicht zum Schuß kam. Nach weiteren fünf Kilometern war ein zweiter Sprung vor uns, den Weg langsam kreuzend. Ich blieb ruhig bei der Karre und wartete, bis wir in gleicher Höhe waren, dann schoß ich auf die nächste, vielleicht 130 Schritt entfernte, ein vorzügliches Ziel bildende Antilope. Das Tier zeichnete und brach im Feuer zusammen, begleitet vom Freudengeheul meiner Chinesen. Es war die erste Antilope, die ich erlegte. Ich eilte mit meinem Jagdmesser hin, um das Tier abzunicken, als es aufsprang und flüchtig wurde; ich nahm zu Pony die Verfolgung auf, verlor aber bald die Fährte und stand zu meinem nicht geringen Ärger wiederum vor einem Mißerfolg. Wir suchten noch eine gute halbe Stunde, da das Tier mit diesem Schuß unmöglich weit gelaufen sein konnte, aber vergeblich. Es fehlte eben der Hund, und aller Eifer meiner Chinesen konnte eine gute Nase nicht ersetzen.
Abends gelangten wir dann in einem kleinen Heidedorf inmitten von Salzsümpfen an. Yan tsche ist nur eine Station an der großen Straße. Das ganze Dorf besteht nur aus einigen Gasthäusern und wenigen Handwerkern, die vom Durchgangsverkehr leben. Daß der Europäer als willkommenes Objekt betrachtet wurde, ist klar; man bot mir Essen zu unmöglichen Preisen an, so daß ich schließlich gar nichts kaufte, sondern Konserven kochte. Doch bekam mir das europäische Essen nicht gut, da ich am 18. März, nach einer fast schlaflosen Nacht, mit Kopfschmerzen erwachte. Nachdem uns der Pony durch Weglaufen ungefähr eine halbe Stunde aufgehalten hatte, kamen wir glücklich durch die Wüste gegen Mittag nach Fang-Hsia, wo mich ein Mensch um Hilfe anbettelte, der letzte Nacht in unserm Dorfe vollkommen ausgeplündert worden war und mit einem anscheinend stumpfen Instrument einen schweren Hieb über das Schienbein erhalten hatte. Ich verband unter Assistenz des ganzen Dorfes die übel aussehende Wunde. Wie der Mensch mit einer derartigen Verletzung noch weiter marschieren konnte, ist mir unklar, das kann eben nur ein Chinese. Bei scharfem Nordwestwinde und bedecktem Himmel hatten wir einen recht unangenehmen Weitermarsch. Der Wind ging schließlich durch alles durch und wechselte merkwürdig oft zwischen West und Nord, so daß man fortwährend im Staube war, wenn man hinter der Karre Schutz suchen wollte. In der Ebene konnte man zeitweise 40 bis 50 Windhosen zugleich beobachten. Kam man in eine solche, so war sofort alles fingerdick mit Staub bedeckt. Dazwischen wieder war die Luft so klar, daß man auffallend weit sehen konnte. Dabei rückten die entferntesten Gegenstände ganz nah heran. Schon gegen Mittag lag unser heutiges Ziel, das noch etwa 30 Kilometer entfernt war, in greifbarer Nähe.
Gegen 7 Uhr hatten wir die Wüste hinter uns, wir kamen wieder in steppenartiges Gelände, und bald sah man auch angebaute Stellen. Ich war froh, denn ich hatte etwas Fieber und litt stark an Durchfall, der wahrscheinlich von dem hiesigen sumpfigen Wasser herrührte, denn auch meinen Leuten ging es so. In Ling fi nahm ich abends den ersten Kognak während der ganzen Reise und trank keinen Tee, sondern aß nur Reis. Ich war so erschöpft, daß ich sofort, als ich mich hinlegte, einschlief. Ich glaube, man hätte das ganze Zimmer ausräumen können, ohne daß ich es gemerkt hätte. Am nächsten Morgen kamen sechs Mohammedaner zu mir, die nach Tsin-Tsiang wollten. Sie machten Kotau und redeten mich mit "Tajen" an, so daß ich sofort erriet, was sie wollten. Ich sollte ihnen bei Dzia yü kwan durchkommen helfen, indem ich sie für meine Leute ausgab. Ich erklärte ihnen, daß ich, als Europäer, mich niemals darauf einlassen würde, die chinesischen Behörden zu betrügen, worauf sie betrübt wieder abzogen. Die chinesische Regierung läßt nämlich Mohammedaner ohne Paß nicht die große Mauer überschreiten, da sie ein recht unruhiges Element der Bevölkerung darstellen und überall Unruhen stiften.
Mir ging es heute bedeutend besser, und da die Sonne wieder schien, fühlte ich mich, trotz der 14 Grad Kälte, recht wohl. Wir hatten nur kurzen Marsch, 40 Li, bis nach Su tschau fu, das wir, dem Laufe des Pei-lung-sui folgend, um 11 Uhr erreichten: Su tschau fu ist zur Zeit des Mohammedaneraufstandes gänzlich heruntergebrannt worden. Noch jetzt sieht man viele Trümmer; im übrigen sieht es genau wie die anderen Städte aus. Zuerst suchten wir innerhalb der Mauer nach einem guten Gasthause, da es aber keins gab, ließ ich, zum Schmerz meiner Begleitung, wieder umdrehen und außerhalb derselben einkehren. Nachmittags erschien ein reisender Chinese, den ich bereits früher getroffen und der mit seiner gesamten Dienerschaft hier auf mich gewartet hatte. Die Gegend galt für unsicher und die Karrenführer wollten tatsächlich nicht einzeln fahren, weshalb er mich bat, auch für ihn beim Yamen eine Karre zu fordern, was ich zusagte. Merkwürdig war es, daß viele Leute kamen, um sich zu erkundigen, ob ich Mausergewehre hätte. Wie mag dieser Name hier bekannt geworden sein? Ein Mandarin besuchte mich im Laufe des Nachmittags und erkundigte sich, wann Su tschau fu Eisenbahn bekäme. Leider war mir der Zeitpunkt augenblicklich unbekannt; ich vertröstete ihn also auf das nächste Jahr, alsdann würde er sicher Eisenbahn haben. Nach meinem Gasthaus fand eine reine Völkerwanderung statt; das Volk war harmlos, freundlich und neugierig dabei. Im übrigen wird der Europäer hier als höherstehendes Wesen betrachtet. Mir fiel entgegen früheren Berichten auf, daß sie ihre Sachen von vornherein als schlecht und alle europäischen Waren als gut bezeichneten. Hier ist eine lebhafte Industrie in Jetsachen. Ich kaufte denn auch für recht wenig Geld verschiedene Kleinigkeiten.
Am nächsten Morgen erschien die Karre erst um 11 Uhr, der Treiber war der Einfachheit halber weggelaufen, so daß einer der Yamenleute fahren mußte. Mit der Karre stellte sich noch unser Yamenmann von Gau tai Hsien ein. Er behauptete, kein Trinkgeld bekommen zu haben und bettelte in unverschämter Weise, indem er versprach, das Opiumrauchen von nun an zu lassen. Mir machte der zwanzigjährige Mensch Spaß, selten habe ich so viel Gutmütigkeit und Leichtsinn vereinigt gesehen. Er redete so lange, bis er ein Trinkgeld bekommen hatte, das er sofort in der nächsten Bude in Näschereien anlegte, um dann, vergnügt singend und mit den Straßenjungen Unfug treibend, die Straße entlang zu schlendern. Wir packten auf, hielten aber in der Stadt noch mindestens zehnmal, um den Karrenführer alle seine Geschäfte erledigen zu lassen, und kamen dann glücklich durch das Nordtor und, durch die nördliche Vorstadt nach Westen abbiegend, in eine von vielen Flußarmen durchzogene, ganz glatte, mit Steingeröll bedeckte Ebene.
Wir waren noch nicht 200 Meter von der Stadt entfernt, als rechts ein mächtiger Wolf stand. Er beobachtete eine Hammelherde, wurde von dem Hunde wütend angekläfft und von dem Hirten durch Zurufe zu verscheuchen gesucht. Ich ritt heran, saß ab, kniete hin und schoß ihn in aller Gemütsruhe auf noch nicht 35 Schritte Entfernung; er hatte gar nicht daran gedacht, auszukneifen. Es war wiederum eine Szene, die ich nicht glauben würde, wenn ich sie nicht selbst erlebt hätte. Leider war er im Fell nicht sehr gut, so daß ich ihn den mich begleitenden Soldaten überließ.
Es war heute reichlich warm, 30 Grad Celsius, die Sonne blendete auf dem endlosen Steinfelde recht unangenehm; dieser Glanz wirkte geradezu einschläfernd, so daß mir auf dem Pony mehrfach die Augen zufielen und ich deshalb lieber zu Fuß wanderte. Wir sahen noch mehrfach Antilopen und einmal einen jagenden Wolf, jedoch in ziemlicher Entfernung. Erst um 7½ Uhr kamen mächtige Mauern auf einer Anhöhe vor uns in Sicht, es war Dzia yü kwan an der großen Mauer, das Ausgangstor des eigentlichen China nach Westen. Gegen 10 Uhr überschritten wir einige Flußarme, dann ging es die Anhöhe hinauf und durch zwei Tore in die Vorstadt, in der das Gasthaus liegt. Nach einer schlecht verbrachten Nacht marschierten wir am 21. März bei leicht bedecktem Himmel und der stets den Staubsturm ankündenden Schwüle weiter.
Es ging zuerst durch die nach chinesischen Begriffen äußerst stark befestigte Stadt; die Steinhaufen auf den Mauern zeigen an, daß man gegen etwaigen Überfall durch die Mohammedaner mit Wurfgeschossen versehen ist. Die große Mauer, die wir hier überschritten, ist nur ein elender Lehmwall und wohl mehr Grenz- als Verteidigungsmauer. Der Weg führte durch eine ebensolche Steinwüste wie gestern, nur daß die Gegend heute etwas hügelig war. Ich versuchte mehrfach, an Antilopen heranzukommen, aber das Gelände war zu offen. Als wir in Chui-Chui-pu eintrafen, brach gerade der Sandsturm los. Das Dorf ist eine kleine Oase in der Wüste, von kaum fünf Menschen bewohnt. Außer altem Brot und frischem Wasser gab es auch nichts zu beißen und zu brechen. Am 22. März hatte der Staubsturm noch nicht nachgelassen. Es ging weiter durch Steppen, zuweilen an einzelnen zerstörten Häusern, den Überbleibseln früherer Ansiedelungen, vorbei. Das Gelände wurde steiniger, die Bergformen schroffer, und bald sahen wir uns inmitten von Felswänden. Nach 60 Kilometern Marsch langten wir abends in Tschy-Djin-Hsia an. Nachts wurde ich durch anhaltendes Schnauben der Stute aufmerksam und fand in ihrer Krippe eine große Ziege, die die Stute außerdem noch mit den Hörnern angriff, was dieser doch wohl etwas zu viel war.
Der Wind sprang in der Nacht zum 23. März nach Norden um, und der Staubsturm nahm noch zu. Die 50 Kilometer Wüste, die wir heute bis Yü Mönn Hsien zurücklegen mußten, kamen mir endlos vor. Um 3 Uhr hatten wir einen zugefrorenen Fluß, mit einer einen Meter breiten Eisspalte in der Mitte, vor uns. Die Karren mußten weit ausbiegen, um einen Übergang zu finden. Ich ritt voraus und suchte Quartier. In sämtlichen Gasthäusern innerhalb der Stadt war kein Plätzchen frei; wir kamen außerhalb unter. Die Türen fehlten zwar, aber es war immer noch besser als biwakieren. Die mitreisenden Chinesen setzten mir ein Diner vor, für mich das Zeichen, daß ich ihnen wieder einen Karren besorgen sollte. Merkwürdig ist es doch, daß hier im Innern der Europäer mehr erreicht, als der Chinese selbst. In unserm Gasthaus logierte auch ein nach der Heimat im Osten reisender Sarg mit dem in einem Käfig befindlichen weißen Hahn darauf.
Man erzählte mir, es herrsche hier fünf Monate lang täglich derselbe Wind; eine angenehme Gegend! Die armen Pferde froren in den offenen Ställen sehr; man mußte ihnen das Futter in ganz kleinen Portionen geben, da es der Wind sonst sofort wieder aus der Krippe hinwegfegte. Bei noch stärkerem Staubsturm warteten wir am 24. März bis Mittag; es war nicht möglich, die Nase nur aus der Tür hinauszustecken. Gegen Mittag kam die Karre, doch fiel beim Umdrehen das eine Rad ganz auseinander; wir saßen also wieder fest. Dazu hatte der Mafu Leibschmerzen und kam alle fünf Minuten, um mir sein Leid zu klagen, verweigerte aber das Kalomel, das ich ihm verordnete, und nahm statt dessen irgendeine unbestimmbare chinesische Arznei, wonach die Schmerzen nicht besser, sondern schlimmer wurden. Meine Reisebegleitung fütterte mich hier mit den schönsten Sachen, deren Zubereitung ausgezeichnet war, wenn man die mehr als dürftigen Hilfsmittel zum Kochen bedenkt. Jeder Reisende kochte sich sein Essen selbst, und zwar an einem mitten in der Stube auf der Erde angemachten Feuer. Feuergefährlich sind diese Räume allerdings nicht, da auch nicht das geringste Stück Möbel sich darin befindet und man überall nur die kahlen Lehmwände sieht. Um 2 Uhr kam die Nachricht, es könne kein Karrenführer aufgetrieben werden. Wie üblich, war der Karrenführer weggelaufen, weil es ihm nicht paßte, zu fahren. Vor dem nächsten Tage war also nichts zu machen.
Da der Staubsturm inzwischen ein wenig nachgelassen hatte, zog ich in südlicher Richtung auf die Antilopenjagd und hatte auch bald einen Sprung von 13 Stück nicht weit von der Stadtmauer aufgetrieben. Die Tiere ließen mich höchstens 800 Meter herankommen, trotzdem ich, ohne Mütze, wie ein Indianer auf dem Bauche kroch, um in den das Gelände durchziehenden Rinnen vorwärts zu kommen. Wir bewegten uns eigentlich fortwährend im Kreise. Schließlich schoß ich auf 400 Meter und zerschoß einer Antilope den linken Vorderlauf, trotzdem entkam mir das Tier auf drei Läufen. Ich ritt hinterher, fand es aber nicht mehr vor. Mit Antilopen habe ich jedenfalls kein Jagdglück.