Im Sattel durch Zentralasien: 6000 Kilometer in 176 Tagen

Part 15

Chapter 153,679 wordsPublic domain

Im Schneesturm zogen große Mengen von Wildgänsen südwestwärts. Im Liang-Tale pirschte ich mich vergeblich an Enten heran, des Schneetreibens wegen war mir der Schuß zu unsicher. Es soll hier schon viele Antilopen geben, aber trotzdem ich den Leuten für die Führung ein ganz ansehnliches Trinkgeld bot, wollte mich keiner begleiten; der Chinese ist eben gänzlich ohne Passion für die Jagd. Unterwegs sahen wir zweimal Füchse. In unserm Gasthause trafen wir anscheinend wohlhabende Kaufleute aus Hami; zuerst taten sie sehr vornehm und zurückhaltend, aber sowie mein Thermometer draußen hing, war alle Vornehmheit wie weggeblasen, und die chinesische Neugierde überwog alle Selbstbeherrschung. Am 9. März war herrlicher, klarer Himmel und draußen eine große Schneefläche, aus welcher nur die Spitzen der hohen Steppengrasbüschel vorguckten. Die andern Fuhrleute wollten nicht fahren, nur der meinige kannte mich schon so weit, daß er meinem Befehl, abzurücken, nicht zu widersprechen wagte. Es ist mir stets geglückt, meine Chinesen schnell an unbedingten Gehorsam zu gewöhnen. Hatte mein Mafu einmal einen Befehl von mir erhalten, so wußte er schon, dann gab es keine andere Möglichkeit, als zu gehorchen. Der Schnee lag ungefähr dreiviertel Meter hoch und ging bis an die Achsen. Zuerst streikten die Tiere; manchmal blieben wir auch stecken, oder eines der Räder fiel in ein tiefes Loch, aber es ging doch. Der Weg war natürlich nicht zu erkennen, man fuhr eben einfach den hohen, weithin sichtbaren Meilensteinen entlang. Ich fror schauderhaft an den Füßen und kroch auf die Karre, um mich in den Decken etwas zu erwärmen.

Der Dicke benutzte die Gelegenheit, um sich gesattelt, samt Mauserpistole, im hohen Schnee zu wälzen. Wir waren gerade damit beschäftigt, den Pony möglichst eindringlich auszuschimpfen, was ihn nebenbei gar nicht rührte, denn er trottete abseits und wälzte sich auf der andern Seite, wo das Jagdmesser hing, als der Karrenführer in aller Gemütsruhe sagte: "Lauye, chuang yang!" (Herr, Antilopen). "Wo?" Ich war wie elektrisiert, sah aber in der angegebenen Richtung zuerst nichts. Diese Kerle haben eben Falkenaugen. Ich ließ den Zeiß auspacken und entdeckte nun vielleicht 3000 Meter entfernt sechs Antilopen, gegen welche ich sofort losziehen wollte, aber der Karrenführer meinte, vor uns wären noch sehr viel mehr, also Ruhe und weiter. Unterdessen wurden Karabiner und Munition ausgepackt, und bald wurden links von uns wieder sechs Antilopen sichtbar. Ich ging nun los, mich wie ein Indianer in dem offenen, sehr wenig Deckung bietenden Gelände heranpirschend. Die Sonne war schon hoch und ich schwitzte wie ein Reserveoffizier bei der Sommerübung; meine hohen Filzstiefel waren mit Schnee gefüllt und ebenso die Ärmel, infolge des Herunterrutschens über die Abhänge, die ich einfach sitzend auf meinen lederbesetzten Reithosen nahm. Wir mußten schon dicht heran sein, als links von uns ein Rudel, das wir nicht bemerkt hatten, in voller Flucht abging, leider mit der Wirkung, daß das unsrige auch absprang; ich zählte 22 Stück. Als sie auf fünfhundert Meter in einem dichten Haufen standen, hielt ich einmal hin; es war aber zwecklos, denn ich fehlte natürlich. Nun ging es wieder zur Karre, wobei ich zu meinem Schaden die Beobachtung machte, daß das Gelände doch nicht so offen war, wie es von weitem aussah. Eine nordsüdlich laufende Schlucht folgte der andern, alles schneeverweht. Ich war ziemlich erschöpft, sah aber meinen Mafu schon von weitem, aufgeregt winkend, auf der Karre stehen. Auf der andern Wegseite, vielleicht 1500 Meter entfernt, stand nämlich ein Rudel von mindestens 100 Köpfen. Ich kostümierte mich schnell leichter, indem ich den Rock abwarf, bestieg einen Pony und ließ mich erst einmal von einem der Soldaten bis an die große, hier meist in Trümmern liegende Mauer führen. Dort legte sich der Pony mit mir in ein tiefes Schneeloch, was mir einige blaue Flecke eintrug und dem Karabiner nicht sehr dienlich war. Auch hier war das Heranpirschen äußerst schwierig, da das ganze Rudel auf freiem Felde stand und alle Deckung bietenden Gräben in diesem Tale nordsüdlich zu verlaufen schienen, so daß man sehr schwer herankommen konnte. Ich arbeitete mich vorwärts, solange es ging, dann schätzte ich die Entfernung über freies Feld immer noch auf 600 Schritt. Mir war der Schuß zu schwer, außerdem hatten die Antilopen mich auch schon eräugt und flüchteten, lange, schwarze Streifen im Schnee zurücklassend. Es sah aus, als ob eine Schwadron über das Feld gezogen wäre, so viele waren es.

Ich ging zum Pony zurück und dann zur Karre, wo der alte chinesische Führer meinte, zu Pferde oder zu Fuß würde ich nie eine Antilope zu Schuß bekommen. So gehe es allen, die es auf diese Weise versuchten. Die Mongolen führen in einem kleinen Ochsenwagen heran und schössen dann aus der Karre, aber so lange der hohe Schnee läge, käme man überhaupt nicht heran. Warum, leuchtete mir zwar nicht ein, wahrscheinlich nur, weil bei Schneewetter bekanntlich kein Chinese ohne Not die Nase zur Tür hinaussteckt.

Wir fuhren weiter und kauften in einem elenden Nest einige Eier zum Frühstück. Es gab hier nicht einmal Wasser zum Tee, dieses mußte erst von weither geholt werden; jetzt schmolzen sie den Schnee zu Wasser und kochten damit. Je weiter nordwestlich wir kamen, desto geringer wurde der Schnee. Über Mittag hatten sich die Berge mit einem dichten weißen Wolkenschleier auf halber Höhe bedeckt, was höchst merkwürdig aussah. Als wir gegen drei Uhr das Gebirge vor Dsia kau yi durchschritten, waren die Berge rechts und links fast schneefrei, während die schneebedeckten Spitzen hinter uns blieben. Gegen vier Uhr waren wir im Dorfe. Mein Gewehrputzen lockte eine große Volksmenge zusammen; ich machte dabei die unangenehme Entdeckung, daß das Gewehröl ausgelaufen war, Schweinefett mußte aushelfen. Meine Reisebegleitung aus Liang tschau fu hatte heute einen großen Zank im Hause, in dessen Verlauf man eine Mustersammlung chinesischer Schimpfworte zu hören bekam. Ich dachte: Pack schlägt sich, Pack verträgt sich; morgen werden sie wohl alle wieder gut Freund sein. Vielleicht kam die schlechte Laune daher, daß das Antilopenfleisch, auf das man sich schon gespitzt hatte, ausgefallen war. Mir ging es ebenso, ich hätte auch anstatt des ewigen Reis ganz gern einmal Antilopenfilet gegessen, doch was nicht ist, kann ja noch werden.

Ich ging mit einem Soldaten am 10. März früh weg, um auf Antilopen zu pirschen, sah jedoch nichts, bis der Wagen uns einholte. Dieser fuhr heute so schnell, daß ich mich lieber anschloß, denn was die Augen des Soldaten entdeckten, das sahen mein Mafu und der Karrenführer schon lange. Leider zeigte sich nichts. Hier war der Schnee schon ganz verschwunden, die Schneewasser kamen in kleinen Bächen von den Bergen; an jeder der schmalen, tief eingeschnittenen Rinnen gab es einen Kampf mit dem Dicken, der stets Versuche machte, zu streiken. Wir kamen in eine Gegend, wo Reis angebaut wurde und die Bauern gerade dabei waren, ihre Felder zu überschwemmen. Daß sie dabei den Weg mitbewässern, scheint ihnen ganz gleichgültig zu sein.

Heute war ein ereignisreicher Tag. Wir waren nach der Mittagspause in einem breiten steinigen Tale nach Nordwesten weitergeritten, stets Schneewasser führende Rinnen kreuzend. Links von uns sah ich plötzlich bei einer großen Schafherde ein Gewühl von Körpern, welches ich anfangs für eine große Hundeschlacht hielt. Erst beim Näherkommen entdeckten wir, daß fünf Hunde sich mit elf großen Wölfen um ein Schaf bissen, scheinbar zum Nachteil der in der Minderheit befindlichen Hunde. Und das am hellichten Tage, eigentlich direkt an der Landstraße. Die drei Schafhirten hatten vorsichtshalber die Herde zwischen sich und die Wölfe gebracht. Ich zog sofort meinen schweren Rock aus und machte den Karabiner fertig. Die Wölfe waren durch das Halten der Karre stutzig geworden und trabten im Rudel ab, das Schaf war tot, die Köter bellten hinterher. Mir war die Entfernung schon zu weit zum Schuß; ich ließ daher schleunigst die Stute satteln und galoppierte in Rennpace los. Die Witwe ging prachtvoll und nahm die vielen kleinen Gräben und Feldereingrenzungen, als ob es ein richtiges Hindernisrennen wäre. In weniger als einer halben Minute hatte ich die Wölfe in Sicht, sie drehten sich von Zeit zu Zeit um, um zu sehen, was da so schnell angesaust kam. Ich konnte das Pferd, das sehr passioniert ging, mit der dünnen Trense nicht so schnell bremsen und war plötzlich mitten zwischen den erstaunt stehenbleibenden Wölfen. Wenn ich es nicht selbst erlebt hätte, würde ich es nicht glauben. Die Witwe stand, spreizte alle Viere von sich und schnob die ebenso erschrockenen Tiere an. Ich war wie der Wind herunter, und im nächsten Augenblick wälzte sich, nicht zehn Schritt entfernt, ein Wolf mit Blattschuß am Boden; die andern teilten sich in zwei Parteien und galoppierten ab. Ich saß auf, hatte sie nach tausend Meter wieder eingeholt und schoß einen waidwund. Er lag und ich wollte ihm nun den Fang geben. Die Witwe hatte es vorgezogen, mit meinem großen Jagdmesser am Sattel wegzulaufen; ich hatte also nur einen kurzen Nicker bei mir, und jedesmal, wenn ich die wütend um sich schlagende Bestie abfangen wollte, schnappte sie derartig nach mir, daß ich es lieber unterließ. Einen festen Biß über den rechten Ärmel und über die rechte Hand hatte ich aber doch weg. Ich ging nun zurück und sah bald, in vollster Fahrt durchgehend, meinen Mafu am Horizont erscheinen. Er konnte die gute Australierin, die in der letzten Zeit nichts getan hatte, nicht halten; ein so edles Pferd ist doch ein anderes Tier als ein Pony. Schließlich geriet er in meiner Nähe in ein tiefes Reisfeld und konnte das Pferd stoppen. Ich ritt nochmals zum ersten geschossenen Wolf und sagte herbeieilenden Hirten, ihn nach der großen Straße zur Karre, die man am Horizont herankommen sah, zu bringen. Den zweiten Wolf fand ich nicht wieder, er mußte sich in eine der unzähligen tiefen Wasserrinnen verkrochen haben.

Ich ging nun, schräg abschneidend, auf Schan tan Hsien zu nach der großen Straße oder nach dem, was man hier große Straße nennt, und wartete auf die Karre, die bald heranrollte. Von Westen her kam Staubsturm auf, die Sonne verschwand und es wurde bitter kalt. Schon von weitem rief mir der Führer zu: "Lauye, dein Rock ist weg!" und richtig hatte die Gesellschaft meinen schönen schweren Winterrock verloren, der meinen Füllfederhalter, Bleistifte, mein Notizbuch mit einer Unmasse wichtiger Notizen, kleiner Karte, Grundriß- und Ansichtszeichnungen, Visitenkarten, Patronen, Taschenbuch usw. enthielt. Ich sandte sofort alle zur Verfügung stehenden Leute zurück. Sie hatten entsetzliche Angst, da sie annahmen, ich würde sie nun totschießen, und machten, einschließlich der beiden Kavalleristen, unter Beteuerung ihrer Unschuld, fortwährend Kotau. Dann galoppierte ich selbst bis zu dem Dorfe zurück, wo wir gefuttert hatten, unterwegs jeden Karren, jeden Menschen anhaltend und ausfragend; nichts war wiederzufinden. Leute erzählten mir, daß ein des Weges kommender Reiter den Rock aufgenommen hätte und eiligst nach Süden, auf die Berge zu abbiegend, fortgaloppiert wäre. Meine beiden Kavalleristen schickte ich nach Dsia kau yi zurück, um dort zu suchen; natürlich sind sie nie hingeritten.

Als ich, zurückkommend, kurz vor der Karre anlangte, brach die arme Stute unter mir zusammen mit allen Zeichen einer schweren Kolik; das war ausgerechnet das, was mir noch fehlte. Der Tag verdiente einen roten Strich im Kalender. Ich saß sofort ab, brachte das Pferd noch glücklich bis zur Karre und tat dann alles, was irgend möglich war; das arme Tier warf sich mit solcher Gewalt, daß es gar nicht zu hindern war; ich setzte nicht mehr viel Hoffnung auf sein Wiederaufkommen. Nach und nach stellten sich, bis auf den Karrenführer, alle wieder, ohne den Rock, ein und taten derartig dumm und ängstlich vor dem sich vor Schmerzen krümmenden Tiere, daß ich vollends die Laune verlor. Um 3½ Uhr setzte sich der trübselige Zug in Bewegung. Erst beim Abmarsch bemerkte ich, daß die Chinesen die allgemeine Aufregung benutzt hatten, um den Wolf, der neben der Karre gelegen hatte, auch zu stehlen. Trotz meiner recht traurigen Stimmung mußte ich doch über die freche Gesellschaft lachen. So gings weiter, voran die Karre, dann ich, das Pferd führend, und dahinter der Mafu mit einer langen Peitsche, um das Werfen zu verhindern. So gelangten wir allmählich um 6 Uhr, gegen den Staubsturm ankämpfend, nach Schan tan Hsien. Als wir eintrafen, hatten sich die Schmerzanfälle gemindert, das Tier erleichterte sich und ich schöpfte wieder Hoffnung. Schließlich fraß es etwas und nahm Wasser; ab und zu kam noch ein Anfall, dann legte es sich um 8½ Uhr hin und war, soweit ich die Lage beurteilen konnte, gerettet. Mir war es schon lieber, meinen Rock und die übrigen Sachen zu verlieren, als die gute Witwe Bolte, die mir doch sehr ans Herz gewachsen war. Ich saß traurig neben dem Tier in der steinernen Krippe, fror dabei scheußlich und hatte Hunger. Den Mafu hatte ich, um nichts unversucht zu lassen, nach dem Yamen geschickt, um Unterstützung zu erbitten. Der Mandarin schickte sofort seine 30 Kavalleristen aus und versprach, alles zu tun, leider gänzlich ohne Erfolg, woran ich nie gezweifelt hatte. Um neun Uhr kam der Mandarin selbst angeritten; ich mußte auch noch den Liebenswürdigen spielen, opferte eine Schachtel Schokolade, die ganz verschwand und hörte dazu -- recht widerwillig -- die guten Ratschläge des übrigens sehr freundlichen Chinesen an, der mich trösten wollte. Später stellte sich auch noch der gänzlich verängstigte Karrenführer ein; natürlich ohne den Rock. Er machte einen Kotau nach dem andern unter entsetzlichem Geheul, da er annahm, daß es jetzt Prügel setzen würde. Schließlich brachte er mir als Ersatz seinen alten Lausepelz angeschleppt, den ich dankend ablehnte. Um 10½ Uhr nahm der Beamte Abschied, mit der recht deutlichen Anspielung, daß ihm eine Taschenuhr als Geschenk nicht unangenehm sein würde; ich versprach ihm meine zweite, kurz vorher zerbrochene Nickeluhr, falls ich meine Sachen wiedererhielte.

Der Stute ging es am 11. März morgens gut, sie hatte sich wieder ganz erholt, war aber natürlich sehr abgefallen. Ich schrieb im Laufe des Vormittags Briefe an die Missionare im Lantschau Fu, Hsi Ngan Fu und Liang tschau fu, um sie von dem Verluste des Rockes in Kenntnis zu setzen, da ich es nicht für ausgeschlossen hielt, daß er an einem dieser Plätze zum Verkauf angeboten werden würde. Um 12 Uhr kam die mit nur einem Pony bespannte Karre; das andere Pferd sollte an einem Hause am Wege stehen, was mir merkwürdig vorkam. Der Mandarin erschien auch wieder, natürlich nur wegen der Uhr; da aber der Rock nicht wieder eingetroffen war, gab es auch keine Uhr. Mitten auf der Straße im Ort ließ uns der Karrenführer stehen und war sofort in der Menge verschwunden; der Mandarin drückte sich hinten weg, da er voraussah, daß es nur Zank geben würde. Ich ließ den Mafu sich einige Zeit mit der Gesellschaft herumzanken, dann griff ich ein, stellte fest, wo das Pferd sein sollte, und holte es aus dem Misthofe, in dem es stand, heraus. Es ging nur auf drei Beinen, aber das genügt ja beim chinesischen Pony. Ich ließ anspannen, immer noch ohne Karrenführer. Die Menge um mich herum lachte mich aus, da sie jedenfalls erwartete, mich bald hilflos dastehen zu sehen. Ich aber fragte gar nicht mehr viel, sondern fuhr einfach mit dem Mafu los und hatte sofort die Lacher auf meiner Seite. Der neue Führer kam nun schleunigst zum Vorschein. Er hatte, wie mir der Mafu hinterher erzählte, erst um die Höhe des Trinkgeldes mit den Yamenleuten gehandelt, nicht ahnend, daß ich für die unverschämte Gesellschaft nicht einen Cash gebe, was ich ihm jetzt mit dem Bemerken eröffnete, daß er außerdem; falls er etwa jetzt noch fortzulaufen beabsichtigte, fürchterliche Prügel bekommen würde. Mein Mafu gab ihm die Erläuterungen dazu; diese müssen sehr überzeugend gewirkt haben, denn er fuhr späterhin sehr gut.

Zur Strafe warf ich sämtliche Yamenleute, die es sich auf der Karre bequem gemacht hatten, aus dieser hinaus und ließ sie laufen, was ihnen sehr peinlich war. Vorbei an dem auf hohem Berg liegenden Tempel Fa-ta-tse, durch ein gut angebautes Tal gelangten wir nach Dung-lo-hsien. Der dortige Beamte ließ mir gleich sagen, er könne keinen Karrenführer schicken, denn derselbe würde sicher Karre und Tier unterwegs verkaufen und ausrücken. Angenehme Zustände!

Am 12. März kam der Mafu schon um 4 Uhr morgens, um mich zu wecken. Ich träumte gerade von dem schönen Diner, das ich nicht bekommen hatte, und kroch aus meinem Schlafsack, um draußen einen schauderhaften kalten Ostwind, der durch Mark und Bein pfiff, vorzufinden, aber sonst keinen Menschen. Alles schlief noch; außer dem meinigen war kein Pferd gefüttert. Der Karrenführer hatte das ganze vorausbezahlte Geld für die Fahrt, einschließlich Futtergeld für die Tiere, in Opium angelegt und lag nun irgendwo im Dusel. Die Yamenleute hatten das ganz genau gewußt, sie rauchten aber sämtlich auch Opium und hatten daher ein Auge zugedrückt. Hier huldigte überhaupt alles, einschließlich der Weiber, diesem schrecklichen, nervenzerrüttenden Laster. Die Leute rannten nun die Straße herauf und herunter, laut den Namen des Treibers schreiend, um die Kneipe ausfindig zu machen, in der er seinen Rausch ausschlief. Nichts meldete sich; ich ließ den Pferden daher etwas Stroh geben und dann anspannen.

Ein Soldat, der Mitleid mit mir hatte -- ich fror nämlich stark --, brachte mir Tee und einige der kleinen, in Blattumhüllungen befindlichen Pakete Reis mit Pflaumen darin; sie schmeckten mir heute besonders gut.

Unterdessen war aus einer andern Opiumhöhle ein Yamenmann herausgeholt worden, der aussah wie ein Strolch von der Landstraße, ungewaschen -- hier waschen sich von zehn Leuten überhaupt höchstens zwei --, zerlumpt, noch halb im Dusel. So zogen wir denn mit dem Kerl um 5½ Uhr im Schritt los, denn zum Trab waren die Tiere nicht zu bewegen. Unterwegs fanden wir eine neue Futterschwinge, die ich annektierte. Einmal ging der Karrentreiber nach einer der kleinen, am Wege befindlichen elenden Lehmhütten, in denen Tee ausgeschenkt wird. Zu meinem Leidwesen tun dies alle Treiber, nur machte dieser den Unterschied, daß er einfach nicht wiederkam. Ich ritt nach einiger Zeit zurück und fand ihn sanft ruhend auf dem Kang. Ich weckte ihn ebenso unsanft mit einem Guß kalten Wassers auf; dann ging es im Trabe der Karre nach, die mittlerweile wohl vier Kilometer weiter war. Der Kerl hatte eine so heillose Angst vor mir, daß er wie besessen lief und schweißüberströmt die Karre erreichte.

Die Gegend war öde und sandig, der Wind sprang um 8 Uhr nach Westen um, und bald hatten wir den schönsten Staubsturm, den stärksten von allen solchen bisher, ausgenommen den am 5. Januar. Auf der Straße kamen uns im rasendsten Tempo Yamenreiter entgegen. Sie gehörten zu dem Leichenzug Djau-ta-jens, des ehemaligen Futais von Tsin-tsian, der vor einem Jahre gestorben war und jetzt als Leiche mit großem Gefolge nach Peking zurückgebracht wurde. Die ersten waren die Quartiermacher, denn der mitgeführte Troß ging wohl in die Hunderte.

Die Gegend nahm immer mehr einen wüstenähnlichen Charakter an. Sanddünen wechselten mit steinigen, weiten Flächen ab. Ich mußte die Staubbrille und den Kopfschutz herauskramen, um mich wenigstens einigermaßen gegen den alles durchdringenden Staub zu schützen. Man sah die hohen Sanddünen ordentlich wandern, derartig wird der Sand weitergeweht.

Der großartige Leichenzug nahte. Ganz bunte Kavallerie eskortierte ihn; voran ritten einige Mandarinen in Staatsgewändern, dann folgte, befestigt an einer langen Stange mit ausgeschnitzten, bunt gemalten, erhobenen Drachenköpfen an den Enden, der Sarg, von vielleicht dreißig Trägern an schweren hölzernen Querstangen getragen. Auf dem Deckel saß in einem kleinen Käfig der übliche, ganz weiße Hahn, dann kam in Karren, deren ich 58 zählte, das Gefolge, darunter eine Menge Weiber, deren Gefährte wie kleine Häuser mit Türen und Fenstern versehen sind. Alle beguckten natürlich sehr neugierig den fremden Teufel, von dem allerdings in der Vermummung nicht viel zu sehen war, und lachten, wie immer, wenn der Chinese nicht weiß, was er sagen soll.

Der Staubsturm wurde unterdessen immer toller, die Pferde fingen an zu streiken und wollten sich mit der Kruppe gegen den Wind stellen. In einem Bachbett mit schmaler Ein- und Ausfahrt und steilen Ufern saß ein Karren fest, wir mußten unsere Tiere als Vorspann geben, sonst hätten wir nicht weitergekonnt, da die Ausfahrt gesperrt war. Endlich tauchten Bäume auf, es war Örr-sche-li-pu, das als Schutz gegen den Staub und zur Befestigung des wandernden Sandes rings von Bäumen umgeben ist. Wir futterten schnell auf der Straße ab, dann ging es weiter durch sumpfiges Gelände mit vielen offenen, moorigen Löchern.

Gegen 3 Uhr kam Kan tschau fu in Sicht; der Sturm ließ nach. Wir fuhren durch ein Tor in ein weites Gräberfeld mit einem sogleich in die Augen fallenden Grabhügel in der typischen Sargform, von ganz kolossalen Dimensionen. Die Vorstadt durchreisend, gelangten wir durch das Südtor in die eigentliche Stadt, die viele kleine sumpfige Plätze hat. Leute über 60 Jahre gibt es hier nicht, das Klima ist zu ungesund. Alle Mauern stürzen bald wieder ein und man sieht sofort an den größeren Tempelbauten, daß der Untergrund schlecht sein muß, denn die Gebäude haben kaum einen ordentlichen rechten Winkel aufzuweisen. Vorbei an der halb europäisch, halb chinesisch gebauten Kirche der katholischen Mission, gelangten wir endlich in ein schönes, großes Gasthaus. Die große Säuberung vollzog sich vor einer durch alle verfügbaren Öffnungen guckenden Zuschauermenge. Dann ging der Mafu zum Yamen, ich zur Mission. Sie hat schon seit 20 Jahren eine Kirche am Ort, die aber auch infolge des sumpfigen Untergrundes Abweichungen zeigt, sonst ist sie wie eine katholische Kapelle in Deutschland gehalten. Die Mission unterhält noch eine Schule, ein Waisenhaus und betreibt in geringem Umfange Gartenbau und Landwirtschaft. In Pater L. Weiys, einem liebenswürdigen Holländer, fand ich einen Deutsch sprechenden, sehr natürlichen Menschen, der mir gut gefiel. Er war allein hier; sein Kamerad, Pater Kissels, war vor einem halben Jahr an Wassersucht gestorben, als ein Opfer des hiesigen Klimas, nachdem er, Kissels, über 20 Jahre auf seinem Posten gewesen war. Der jetzige Missionar war zufrieden mit seinem Beruf und seinen Erfolgen; man sah es ihm auch sofort an. Er hat gegen 600 Christen unter sich, die Gemeinde in Su tschau fu eingeschlossen. Auch hier scheint mir die katholische Mission mit viel mehr Erfolg zu arbeiten als die protestantische. Ich bekam selbstgekelterten, sehr guten Wein vorgesetzt. Die Katholiken sind vernünftigerweise nicht derartig strenge Abstinenzler wie die englischen Missionare, die ich bis jetzt gesehen habe. Der Wein schmeckte mir sehr gut, ungefähr wie leichter spanischer Wein; ebensogut war das mir angebotene Abendbrot, das natürlich, der Fastenzeit entsprechend, keine Fleischgerichte enthielt. Draußen in der Kapelle hörte man die Christen ihre Abendgebete laut absingen, und ich fühlte mich eigentlich hier mehr zu Hause als bei den Engländern, trotzdem ich Protestant bin und im allgemeinen die Engländer sehr gern habe.