Im Sattel durch Zentralasien: 6000 Kilometer in 176 Tagen

Part 14

Chapter 143,693 wordsPublic domain

Entlang dem Ping fan Ho ging es am nächsten Tage weiter; es ist staubig und die Gegend ziemlich flach. In der Ferne sah man hohe, schneebedeckte Berge erscheinen, es werden wohl die Berge zwischen Ping fan und Liang tschau fu gewesen sein. Beim Abreiten rissen die Stute und der Dicke aus; ich ließ nämlich in der letzten Zeit immer diejenigen beiden Pferde, die nicht geritten wurden, lose nebenher laufen, was sie bis dahin auch ganz gut getan hatten. Der Mafu konnte seines verletzten Knies halber immer noch nicht reiten oder gab es wohl nur vor, da es ihm bequemer war, auf der Karre zu fahren. Wir hatten die Pferde bald wieder, waren jedoch kaum 8 Kilometer von dem Ort entfernt, als sie in voller Karriere in den Ort, der ihnen unbedingt sehr gut gefallen haben mußte, zurückliefen. Ich ritt eiligst hinterher und fand sie, nachdem ich ungefähr eine Stunde gesucht hatte, wieder, aber der Dicke wollte nicht mit. Da Umsatteln mit den drei Tieren an der Hand nicht möglich war und die Chinesen nicht helfen wollten, setzte ich mich kurz entschlossen auf den blanken Pony und ritt in schlankem Galopp zurück. Halbwegs zur Karre traf ich den Mafu, der nun den ungesattelten Pony weiter reiten mußte, was ihm sehr wenig Spaß machte. Unterdessen hatte sich Staubsturm aufgemacht, so daß wir völlig unkenntlich um 4 Uhr in Ping fan, einem kleinen Ackerbürgerstädtchen, anlangten. Die Leute hatten gehört, daß ich einen Pony verkaufen wollte; sie kamen in mein Gasthaus und boten mir für Nepomuk 10 Taels, was mir zu wenig war. Der Mandarin schickte mir Essen, außerdem gab es wieder einmal Milch, die allerdings stark verdünnt war. Ich kaufte dann noch für die nächsten Tage, da es im Gebirge voraussichtlich nichts gab, Hafer ein.

Am 1. März morgens mußte ich erst den Karren, mit dessen Inhaber ich akkordiert hatte, durch Leute vom Yamen holen lassen; schließlich stellte sich ein offener, mit zwei wie Mastschweine fetten Ponies bespannter Karren ein. Sie stöhnten schon beim Anziehen, bewährten sich aber schließlich ganz gut. Um 9 Uhr kamen wir glücklich weg und marschierten dem Ping fan Ho entlang. Auffallend waren hier die unzählig vielen Wildtauben. In Wu-tschang-yi machten wir kurze Rast; in unserer Herberge waren zwei entsetzlich schmutzige, wandernde Lamas, die aus Lhassa kamen. Sie hatten zwei von den entzückenden "Peking-Hündchen" mit sich, die sie an mich verkaufen wollten; ich hätte sie auch ganz gern genommen, konnte mich aber jetzt mit solchen verwöhnten Tierchen nicht einlassen. Weiterhin nahm die Gegend einen steppenartigen Charakter an. Unten am Flusse waren sehr viele Fasanen, von denen ich einmal einen schoß. Auf den Berghängen weideten starke Schaf-, Ziegen-, Rindvieh- und Pferdeherden, meist alles durcheinander gemischt. Gegen 5 Uhr nachmittags fingen die großen Steppenmäuse an zu pfeifen; ich wußte zuerst gar nicht, was das eigentlich war und dachte, die Laute kämen von irgend einer Vogelart, bis ich die Tiere laufen sah. Auch hier lagen alle Dörfer in Trümmern, in denen nur die Hirten hausten; man sah kaum noch einen Acker, alles wurde allmählich wieder zur Weide. Der Sonnenuntergang war wunderschön, die mit Schnee bedeckten Berge im Westen waren ganz purpurn, dann lila, bis sie schließlich in der Dunkelheit verschwanden. Von fern hörte man die tiefen Töne der Kamelglocken und das Klingeln der Pferdeglocken, was einen feierlichen Eindruck machte. Man merkte, daß man in ein ganz anderes Land gekommen war, "die Steppe".

Gegen Abend, es war schon vollkommen dunkel, waren wir in Za koyi. Wir suchten in allen Häusern und fanden kein Unterkommen, überall waren Mongolen mit ihren Pferden und Karren. Am kommenden Tage sollte hier Theater und großer Pferdemarkt sein; außerdem besorgten sie ihre Frühlingseinkäufe hier; ich war also gerade zur rechten Zeit gekommen. Schließlich räumte mir ein liebenswürdiger Schanguida sein eigenes Zimmer ein, so daß ich wenigstens ein Unterkommen hatte; es stieß an den großen allgemeinen Raum. Ich verhing gleich die Tür mit einem Woylach, denn auf dem allgemeinen Kang lagen mindestens fünfzehn Opium rauchende Kaufleute, und ich habe den süßlichen Geruch der Opiumpfeife nie vertragen können. In einer anderen Ecke des Hofes waren die Mongolen um ein großes offenes Feuer, mit brodelnden Kesseln darüber, versammelt. Ich wurde wie ein Wundertier angestaunt; jedoch sind auch die Mongolen freundliche Menschen. Ich bekam einen Pferdestall, etwas Stroh, Tee und zwei alte Brötchen, mehr war nicht aufzutreiben, nicht einmal ein Licht gab es. Trotz Gestank und ewigem Radau schlief ich recht gut und wurde morgens nach meiner Toilette durch die liebenswürdige Gabe einer Flasche guter Milch vom Oberlama der Mongolen überrascht. Da ich seit 24 Stunden nichts Ordentliches bekommen hatte, kann man sich denken, wie mir die Milch schmeckte.

Wir marschierten weiter, und zwar an einem Teil der großen Mauer entlang, die sich im Grunde des Flusses dahinzieht. Sie ist hier aus Lehm, 3½ Meter hoch, nicht sehr breit und gänzlich im Zerfall; große Stücke fehlen gänzlich, die Wachttürme sind alle eingefallen; man erkennt noch von Kilometer zu Kilometer die alten befestigten Soldatenlager. Die Chinesen sagen, die Mohammedaner hätten die Mauer zerstört, letztere behaupten das Gegenteil. Ich persönlich glaube, daß keiner von beiden der Täter ist, sondern daß der Zahn der Zeit auch hier seine Macht gezeigt hat. Der Fluß bildet jetzt die Scheidegrenze; drüben, also nördlich, wohnen die Mohammedaner. Za koyi war vor dem großen Aufstand mohammedanisch, jetzt ist es ganz chinesisch. Die Mohammedaner sind damals hinausgeworfen worden, wie mir die Chinesen schadenfroh erzählten. Merkwürdig ist es eigentlich, daß zwischen Mohammedanern und Konfuzianern sich derartig scharfe Unterschiede herausgebildet haben; im Aussehen sind sie überhaupt nicht auseinanderzuhalten.

Heute strömte alles zum Theater, meist reitend, und in was für einem Tempo! Hier konnte man allerdings Paßtraber sehen, bei denen ein galoppierendes Pferd, um mitzukommen, schon guten Mittelgalopp laufen müßte. Die meisten Pferde waren sehr hübsch aufgeputzt, mit Schleifen in Mähne und Schweif, mit Silberbeschlag am Sattel und am Zaumzeug, bei manchen waren die Schweife in einen dicken Zopf geflochten, die Mähne in viele kleine Zöpfe. Die Weiber der Mongolen, wie die Männer reitend, tragen das Haar gescheitelt, in der Mitte und zu beiden Seiten in viele kleine Zöpfchen geflochten und in diese auf beiden Seiten einen 15 Zentimeter breiten, bis zu den Füßen reichenden Behang mit verschiedenen Querverbindungen eingeflochten. Letzterer ist teils mit kleinen Muscheln, teils mit Messingzieraten, selbst mit Korallen und Silber reich bestickt. Wie die Männer tragen sie Mützen aus Fuchspelz, hinten mit zwei langen, fliegenden Bändern, außerdem hohe, lederne Stiefel; das Ganze sieht sehr hübsch aus, nur sind sie zu schmutzig. Sie hatten gar keine Scheu vor mir, nur das Photographieren litten sie nicht, während sich die Männer dazu drängten.

Ich sah unterwegs Pferde einbrechen. Erst wurden sie gefesselt, nachdem sie aus der Herde eingefangen waren; dann wurde ihnen die Trense aufgelegt; man hielt ihnen dazu das Gebiß so lange vor die Lippen, bis sie danach bissen, dann hatten sie die Trense sicher im Maul. Nun kam ein Junge darauf, der wie eine Klette festhing; zwei Leute führten das Pferd und longierten es an einem langen Strick, bis es müde war, dann ritt es der Junge ohne Longe weiter. Die meisten Pferde benahmen sich hierbei sehr vernünftig.

Wir hatten scharfen Nordwest, so daß man trotz 25 Grad Wärme in der Sonne fror. Mittagsrast machten wir in Tsing-hsiang-pu, wo es wieder prachtvolle Milch gab, dann mußten wir über den Fluß, was bei jedem der verschiedenen Arme desselben einen Auftritt mit dem Pony gab, welcher in der Karre als Têtenpferd zog. Ich ritt schließlich immer vorn weg, der Führer den Pony im Geschirr hinter mir her, während der Mafu auf der Karre die Peitsche handhabte. Der Weg ging dann, den Fluß verlassend, in die Berge. Das Tal sperrt auf jeder Flußseite eine Befestigung; die nördliche ist mit achtzig Soldaten besetzt. Auch die große Mauer kreuzt den Fluß und geht ebenso wie der Weg in die Berge. Schon als wir noch im Tal waren, kam von Nordwesten ein weißer, dichter Nebelschleier über die hohen Bergspitzen, und im Begriff, den steilen Paßweg zu ersteigen, war der Staubsturm da, einer von denen, die den Sand schon in der Luft mitbringen und nicht erst aufwirbeln. Die Sonne verschwand bald und wurde nur zeitweilig wie ein roter, glanzloser Ball sichtbar. Übrigens ist die hiesige Gegend wegen ihrer auffallenden Temperaturschwankungen und Staubstürme berüchtigt. Das Thermometer fiel sofort bis 0°C und hielt sich darauf. Mir war höchst unbehaglich zu Mute, die Milch war zu kalt gewesen und wirkte reißend. Weder für die Fasanen noch für Steinhühner hatte ich Augen, dafür aber scheußliche Bauchschmerzen. Gegen 3¾ Uhr waren wir oben; ein Tempel krönte auch hier den Paß. Leute kamen uns mit einem mächtigen toten Wolfe entgegen, der in der letzten Nacht im Dorfe jenseits des Passes erschlagen worden war.

Bergab ging es nun schneller, aber wir hatten den Wind gerade von vorn. Die Bäche waren alle aus den Ufern getreten und ganz gefroren; sie sahen aus wie Gletscher und waren beim Überschreiten recht unangenehm. Am Abend langten wir in dem von hohen Bergen eingefaßten Lung-go-pu an. Nördlich liegt der Ho-di-wan-schan, südlich der Scha-tsui-tai-schan, der Paß, den wir hinter uns hatten, heißt der Wu schy ling. Die steilen Abhänge zeigten rötliche Farbe, vereinzelt sah man kleine Waldparzellen. Der Lung-go-pu-ho, der in das Liang-tschau-sui fließt, war offen und hatte ziemlich viel Wasser; unterwegs trieb er viele Mühlen. Das Unterkommen machte wiederum große Schwierigkeiten, da alle Gasthäuser besetzt waren; schließlich mußten wir sämtlich mit einem kleinen Zimmer vorlieb nehmen. Der Wirt hatte einen europäischen Nachttischleuchter, den er auch gleich herbeibrachte; wie mag dieser nur hierher gekommen sein! Nachdem ich einen Riesentopf voll Reis gegessen hatte, wurde mir abends wohler, so daß ich noch die größte Lust hatte, auf Wolfsjagd zu gehen, jedoch war kein Chinese zu bewegen, sogar für Geld, als Führer mitzukommen.

Der Wind hatte am Morgen des 3. März aufgehört, der Himmel war noch halb bedeckt und es herrschte eine Kälte von minus 9 Grad. Es ging im Tal weiter abwärts, und da der Fluß unterhalb noch teilweise gefroren war, mußte man beim Überschreiten sehr vorsichtig sein, um nicht in eines der Löcher zu fallen. Dort, wo die kleinen Nebenflüsse mündeten, war der Übergang über das Eis sehr schwierig. Ich sah einen Maultierkarren dabei ins Rutschen kommen und gleich fünfzig Schritte abwärts sausen; wir kamen überall glatt hinüber. Die Mauer begleitete uns rechts über die Berge. Mitten am Wege steht ein kolossaler Felsblock, auf den die meisten Vorübergehenden mit Steinen anschlagen, so daß der Stein über und über von den kleinen Anschlagstellen weiß ist, es soll gegen Krankheit helfen. Der Stein weist auch mehrfach alte, fast verlöschte Inschriften auf. Gegen Mittag wandte sich das Tal nach Norden zu und man hatte einen Einblick in die unermeßliche Ebene; das Tal wird von einer Sperrfestung, Gulang Hsien, abgeschlossen, bis wohin unsere Karre verpflichtet war.

Gegen 11 Uhr vormittags langten wir dort an. Ich sandte meinen Mafu mit Visitenkarte und Paß zum Yamen, wo man ihn ungefähr zwei Stunden warten ließ und mit dem Bescheide zurückschickte, der Yamen gäbe heute keine Karren. Ich versuchte nun selbst eine solche zu mieten, fand aber nur Ochsenkarren. Daher schickte ich den Mafu nochmals zum Yamen, um unter Hinweis auf den Paß und unter der Erklärung, daß ich keinen Karren bekommen könnte, ihn zu bitten, mir beim Mieten eines solchen behilflich zu sein. Man ließ den Mafu wiederum 1½ Stunden warten, dann kam er in Begleitung eines Schreibers zurück, der nicht gerade sehr höflich war und mir erklärte, der Yamen gäbe keine Karren, sein Herr wünschte jedoch meine Photographie zu haben. Ich wies das Ansuchen und den Mann zurück, der mich vollkommen als seinesgleichen behandelte, obwohl er meinen Paß gesehen hatte. Ich sandte den Mafu nun zum dritten Male zum Yamen und ließ ihn um die Visitenkarte des Beamten ersuchen; man hatte mir dieselbe nicht mitgesandt. Die Leute in der Stadt hatten mittlerweile gehört, daß die hohe Obrigkeit mich schlecht behandelte, und jetzt weigerten sich selbst die Ochsenkarrenführer, zu fahren. Ich verfügte mich nun selbst zum Yamen, meinen Mafu mit meiner Visitenkarte vorausschickend, um mich anzumelden. Da es mir zu lange dauerte, bis er zurückkam -- der Mafu hatte augenscheinlich Angst vor dem chinesischen Beamten --, ging ich selbst hinein, wo ich eine Gerichtssitzung vorfand. Die Diener wollten mich sofort hinausweisen; da ich durchaus nicht beabsichtigte, die Gerichtssitzung zu stören, ging ich in einen Nebenraum rechter Hand. Dort schrien mich sofort Schreiber und Bediente auf die unverschämteste Weise an. Nachdem ich mir dieses sehr energisch verbeten hatte, legte ich noch einmal meinen Wunsch klar; man antwortete mir, ich solle warten, bis der Beamte mich empfangen würde. Da dies wahrscheinlich mehrere Tage gedauert hätte, antwortete ich, daß ich nicht eher den Yamen verlassen würde, als bis man mir das Mieten einer Karre ermöglicht hätte. Nun merkten die Leute, daß ich Ernst machte und gaben mir daraufhin zwei Diener mit, die den ersten des Weges kommenden, Dünger fahrenden, mit einem elenden Pony bespannten Karren zwangen, in den Hof meines Absteigequartiers mitzukommen. Der Führer spannte dort sofort aus und war nur durch doppelte landesübliche Bezahlung im voraus zu bewegen, zu fahren. Um überhaupt vorwärts zu kommen, war ich gezwungen, später Nepomuk in die Karre einzuspannen. Da mir das Benehmen des Beamten doch zu unverschämt erschienen war, sandte ich über dieses Erlebnis einen Bericht an die kaiserliche deutsche Gesandtschaft nach Peking; außerdem schrieb ich es meinem Freunde Goo-ta-jen nach Hsi Ngan Fu. Ich glaube, daß besonders der letzte Brief seine Wirkung nicht verfehlt haben wird, da Goo-ta-jen mir sehr wohlgesinnt war und genug Einfluß hat, um die schlechte Behandlung eines mit Regierungspaß reisenden fremden Offiziers zu sühnen. Ich war schließlich so in Wut gebracht, daß ich am liebsten einen verhauen hätte. Die Chinesen amüsierten sich über meinen Ärger ungemein.

Es war natürlich sehr spät geworden, bis wir unser beabsichtigtes Nachtquartier Schan-ta-tschwang erreichten; denn in dem ungastlichen Gu lang Hsien wollte ich keinesfalls bleiben. Wieder einmal gab es nichts zu essen, und auch am 4. März morgens mußten wir hungrig abziehen, da ich sehr früh aufbrach, um zeitig nach Liang tschau fu zu kommen. Der Weg war mehr als schlecht, die Felder lagen brach und die Dörfer waren zerstört. Unterwegs trafen wir den Liang tschau fuer Taotai, der mit großem Gefolge nach Lantschau Fu reiste, um dem Vizekönig dort seine Aufwartung zu machen. In Liang tschau fu angekommen, versuchten wir erst, im Innern Unterkunft zu finden; wir fanden jedoch kein großes Gasthaus, mußten umkehren und kamen dann außerhalb, dicht am Osttor, das Sven Hedin in seinem Werk abgezeichnet hat, ganz gut unter. Ich nahm die übliche große Reinigung mit mir vor und ging dann zur Mission, um mein Paket und die Briefe abzugeben. Ich wurde dort auf das Liebenswürdigste empfangen und blieb ungefähr eine Stunde. Liang tschau fu ist recht groß und hat ganz chinesische Bevölkerung, ohne Mohammedaner; Mongolen sieht man hier nicht. Die Mandschustadt liegt 2½ Kilometer außerhalb, abgesondert für sich; dort führen die Mandschus ihr faules Dasein, nichtstuend und noch vom Staate unterstützt. Ich packte am Abend mein gesamtes Zeug um und hielt Generalrevue über die Vorräte ab, um die für die Wüstenreise nötigen Einkäufe zu machen. Mein Mafu mußte dann Kochtöpfe, Lichte, Reis, Mehl, Zucker, Salz, Brot etc. etc. besorgen. Der Betrieb in den Straßen war sehr lebhaft.

Ich erkundigte mich über die Mission, oder vielmehr es kamen Chinesen zu mir, die sich bei mir über die Mission unterrichten wollten. Sie erzählten mir, daß die protestantischen Missionare so gut wie gar keinen Erfolg haben, während die katholischen, die außerhalb wohnen, eine feste Stellung besitzen und zu ihrer Gemeinde Chinesen gehören, die schon in der fünften Generation sich zum christlichen Glauben bekennen. Die Missionare verschiedener Bekenntnisse verkehren gar nicht untereinander, und die Chinesen fragten mich nun: "Sage einmal, wer hat von den beiden recht? Der katholische Missionar sagt: dasjenige, was der protestantische Missionar predigt, sei falsch, und der protestantische in der Stadt behauptet wieder das Gegenteil." Ich mußte ihnen die Antwort darauf schuldig bleiben. Am 5. März, 8 Uhr, war ich zum Frühstück in der Mission eingeladen und mußte der Andacht der Missionare und schließlich noch der Andacht mit drei Chinesen beiwohnen, die bestimmt sind, dereinst Christen zu werden. Es waren Bediente aus der Mission, die wahrscheinlich, sobald sie diese verlassen, gar nicht daran denken, Christen zu werden oder zu bleiben, sondern jetzt nur heucheln. Die Andacht wurde im englischen Stil abgehalten und reihum ein Kapitel aus der Bibel gelesen. Da jeder sich natürlich seinen Absatz vorbereitend ansah, um nachher beim Vorlesen keine Fehler zu machen, fehlte die Andacht vollkommen. Darauf hielt einer der Missionare eine kurze Predigt über das Gelesene, und der Schluß war ein von einem der Chinesen gesprochenes endloses Gebet, bei dem man knien mußte. Die Mission besitzt hier einen schönen Yamen mit reichlich genügendem Raum, darunter zwei Betsäle und Wohnräume. Die Räume sind einfach und geschmackvoll eingerichtet, nur die Christen fehlen.

Ich hatte meinen Mafu wieder einmal ausgeschickt, um Nepomuk, dessen Widerristdruck aufgegangen war, zu verkaufen. Er fand einen Chinesen, mit dem ich nach einiger Zeit für zwölf Taels handelseinig wurde. Jetzt sollte also der gute Nepomuk nach Hsi Ngan Fu zurückwandern; seinen neuen Besitzer biß er als erste Begrüßung gleich in den Arm. Später brachte mir der Mafu anstatt der zwölf Taels Verkaufsgeld für den Pony nur zwei Taels in bar und für zehn Taels Arzneien; er behauptete, daß der Käufer kein Geld hätte. Ich wollte ihm sofort auf die Bude rücken, mittlerweile war aber das Tor geschlossen worden und der Kerl natürlich längst entwischt; alles Schimpfen half nichts; der Mafu begriff mich übrigens nicht und behauptete, wir würden später 60 bis 80 pCt. an den Latwergen verdienen. Da mein Mafu immer noch nicht reiten konnte oder wollte, schaffte ich vorläufig keinen neuen Pony an und sparte dadurch eine Menge Futterkosten.

Abends besuchten mich Chinesen, die auch nach Tsin-Tsiang reisten; sie kamen aus Hunan bzw. Hupeh und gingen nach Maralbaschi, welches ich später auch zu berühren gedachte. Mein Mafu war mit der neuen Reisegesellschaft sofort sehr einverstanden, während ich vermutete, daß die Chinesen sich meiner nur als Beschützer in den unsicheren Gegenden versichern wollten. Der Yamen hier riß sich die Beine für mich aus. Der Mandarin war von meinem Vorfall in Gu lang Hsien unterrichtet worden, hatte denselben sehr bedauert und war nun doppelt entgegenkommend und liebenswürdig gegen mich. Schließlich kaufte ich noch einen Sack Kartoffeln und ein großes Stück Butter mongolischen Ursprungs, das mir in einem Kuhmagen angebracht wurde.

Alles ging am 6. März morgens ausnahmsweise glatt von statten. Der Karren war zur Zeit da, der Geschäftsführer war mit seinem Gelde zufrieden und ich hatte sehr gut geschlafen. Wir zogen erst mit einem Gefolge von ungefähr zehn Yamenmenschen, nach chinesischer Sitte immer einer hinter dem andern reitend, ich in der Mitte, was sich sehr prunkend ausnahm, durch die ganze Stadt. Als wir zum Westtor kamen, hatten sich aber alle, bis auf einen einzigen, verkrümelt; es fand sich schließlich noch ein berittener Beamter ein, der mich sofort nach meinem alten Rennfreunde, Felix Boos, fragte. Er hatte ihn vor Jahren in dieser Gegend begleitet. Zuerst ging es durch unendliche Gräberfelder, jedes Grab ein kleiner Steinhügel, dann durch die langweilige, über und über mit Steinen bedeckte Ebene, bei weitem der schlechteste und für Mann und Pferd ermüdendste Teil der ganzen bisherigen Reise. Man kam nur sehr langsam vorwärts, und meinen armen Tieren taten die Beine sehr weh, was sich in Se-sche-li-pu während der Mittagsrast dadurch äußerte, daß sie beim Füttern fortwährend hin- und hertraten. Abends in Fung lo pu trafen auch unsere neuen Freunde von gestern Abend ein, für die der Mafu schon ein Zimmer reserviert hatte. Er hatte ein auffallendes Interesse an diesen Leuten.

Weiter am 7. März durch öde, steinige Gegend; links lagen hohe Berge; wir mußten schon nach 15 Kilometern rasten, da es auf dem ganzen ferneren Weg kein Gasthaus gab; der Ort hieß Baba. Es war trotz der 30 Grad Celsius in der Sonne kalt und man fror. Die Berge südlich verschwanden allmählich in einer dicken schwarzen Wolkenwand. Auch die Sonne verschwand, nur nördlich war noch ganz klarer blauer Himmel. Allmählich wurden rechts und vor uns Hügelreihen sichtbar; wir marschierten wieder im Steppengelände mit dicken Grasbüscheln. Der Weg war immer noch schlecht, auf der Karre schlief alles, alle paar Minuten mußte ich die Gesellschaft anrufen, sonst wären wir überhaupt nicht mehr von der Stelle gekommen. Die einzeln liegenden Höfe waren auch hier festungsartiger als früher, mit an den Ecken vorspringenden Türmchen und einem getrennt liegenden, mehrstöckigen, hohen, zur Verteidigung bestimmten Wartturm.

Gegen 4½ Uhr langten wir in Yung chang Hsien an. Gleich hinter den Toren rief mir ein Mann ein paarmal "Yang quetze!" (fremder Teufel) nach. Ich stieg ab, ging hin und verwies es ihm, woraufhin er mich mit der Faust vor die Brust schlug. Leider war er an den Falschen gekommen, denn ich boxte ihm sofort einige Abfuhren ins Gesicht, so daß er unter dem Gelächter der sich allmählich versammelnden Leute blutend abzog und den Mund hielt; wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen. Wir kamen in einem Gasthaus unter, in dem für irgend ein erwartetes hohes Tier mehrere Zimmer tadellos hergerichtet waren. Der Mandarin des Ortes schickte sofort Lichte und Tee, und versprach auch Essen zu schicken, leider kam nichts. Man hatte zuerst angenommen, die erwartete Exzellenz wäre angekommen, was aber nicht der Fall war, auch der Tee und die Lichte waren für die hohe Persönlichkeit bestimmt gewesen, ebenso die schöne Einrichtung der Zimmer. Als die Yamenleute nun merkten, daß nicht der Mandarin, sondern ein Europäer gekommen wäre, schnitten sie mich gänzlich. Ich sandte den Mafu zum Yamen mit der Aufforderung, den Mann, der mich beschimpft hätte, zu bestrafen, im gegenteiligen Falle würde ich den Vorfall sofort nach Peking melden. Wie ich später hörte, hat der Bambus an demselben Abend noch nützliche Arbeit getan.

Bei sturmartigem Nordost ging es am 8. März weiter. Der Himmel sah nach Schnee aus. Um 9 Uhr fing es an zu schneien, erst wenig, dann schärfer, der Wind nahm zu, kam aber, Gott sei Dank, von rückwärts; es war schließlich ein richtiger Schneesturm. Wie der uns begleitende Mann vom Yamen den Weg in der Steppe fand, ist mir unklar. Gegen 2 Uhr wurde der Wind schwächer, der Schnee blieb liegen, denn es schneite erheblich stärker. Gegen 3 Uhr waren wir am Ziel, und es war gänzliche Windstille eingetreten.