Im Sattel durch Zentralasien: 6000 Kilometer in 176 Tagen

Part 13

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Am 22. Februar waren wir wieder in Lößbergen mit ihrem terrassenförmigen Anbau. Das Gebirge hieß Ta-lang-tsue-schan, der große Wolfsrachenberg, auf deren Spitzen mehrfach kleine Kastelle lagen. Die Leute leben hier nur von der bekannten Wassersuppe mit Nudeln, dem Mien-tang; dazu Graubrot und kleine runde Brötchen, sehr selten gibt es Reis; Fleisch ist ein fast unbekannter Luxusartikel. Über Nacht zum 23. Februar hatte ich wieder einmal Hundebesuch, dem ich mittels eines schweren Knüppels ein plötzliches Ende machte. Der Staub lag heute in den Hohlwegen bis ein viertel Meter tief, über Mittag wurde es angennehm warm, plus 27 Grad, ein Temperaturunterschied von 40 Grad in 24 Stunden. -- Wir durchschritten Tsing-hsui-dschiau, eine einstmalige Stadt, von der nur noch der mittlere Ehrenbogen und die Stadtmauern stehen. Die Chinesen im Vorort, bei denen wir Birnen kauften, behaupteten, es wolle sie keiner mehr aufbauen, da es drinnen spuke. Nebenbei zeigten sie mir das große Loch in der Stadtmauer, wo seinerzeit die Mohammedaner Bresche gesprengt hatten.

Auf der Straße wurden sehr wohlschmeckende Reiskuchen, mit Pflaumen darin, und Honig-Aufguß ausgeboten; für uns waren sie einfach eine Delikatesse. Ich beobachtete hierbei die Reinigungsmethode der Teller. Der Verkäufer leckte sie zuerst nach Rückgabe höchst eigenmäulig rein, denn entnahm er einem Behälter einen breiten Pinsel und strich mit einer unbestimmbaren Flüssigkeit über den Teller; abgetrocknet wurde er dann am hinteren Teil der Hose. Sehr ermutigend sah das zwar nicht aus, hielt mich aber nicht ab, doch zu essen; man gewöhnt sich eben an vieles, und Hunger tut weh.

Die Gegend hier hat gemischte Bevölkerung, Chinesen und Mohammedaner, manchmal sogar innerhalb der Dörfer selbst, die Weiber der letzteren gehen verschleiert, sonst habe ich keinen Unterschied herausgefunden. Auf den Bergen lag auch heute wieder ein zerstörtes Dorf neben dem andern. Was hier an Wohlstand durch den Aufstand vernichtet worden ist, läßt sich kaum beurteilen. Übrigens muß auch der gesamte Verkehr vor den Kämpfen größer gewesen sein, denn viele der großen Absteigehöfe -- sofort an der Anlage erkennbar -- sind nicht wieder aufgebaut worden. Nach der Mittagsrast überschritten wir den Hsiau-sche-ho und folgten seinem rechten Ufer; es wurde immer wärmer und wir hatten gegen drei Uhr 30 Grad Celsius. Mir war schon beim Reiten mein Pelzrock zu warm geworden, und als ich beim Anpirschen wilder Enten wie ein Radfahrer schwitzte, zog ich den Rock aus und trennte kurz entschlossen den ganzen Pelz heraus zur unendlichen Freude meiner beiden Chinesen und des übrigen Publikums. Auf dem rechten, zehn Meter hohen, steil zum ungefähr einen Kilometer breiten Flußbette abfallenden Ufer liegt ein Dorf neben dem andern. Die meisten haben ein Kastell; ob dieses für Soldatenbesatzung bestimmt ist oder nur als Zufluchtsort bei Überfällen für die Einwohner dienen soll, konnte ich nicht erfahren, jedenfalls waren recht viele vorhanden, ein Zeichen, wie unsicher hier die Gegend noch immer sein muß. Die Leute rekeln sich faul in der Sonne; überall sieht man sie vor ihren Häusern kauern und nichts anderes tun, als sich gegenseitig die Läuse absuchen, Karten und ein Brettspiel mit Steinen wie unser Damespiel spielend, schlafend oder spinnend. Hierbei haben sie in einer Hand ein birnenförmiges Körbchen, in dem die Baumwolle sich befindet, unten ziehen sie den Faden heraus, der um ein Stückchen Holz gewickelt wird, das einen Meter tiefer hängt; dieses Stück drehen sie durch Anstoßen mit den Füßen. Meist sieht man alte Menschen männlichen Geschlechts bei dieser nützlichen Tätigkeit. Wo der Fluß nicht alles mit Kieselsteinen versandet hat, wird etwas Ackerbau betrieben, dessen Bewässerung durch die von den Bergen herabkommenden, geschickt aufgefangenen Schneewässer bewirkt wird. Die Leitungen hierzu gehen über die Hohlwege in Holzrinnen, die fast alle undicht sind. Marschiert man daher nicht im Staube, so watet man im knietiefen Schlamm.

Gegen vier Uhr abends, nachdem ich mich mehrmals, jedoch vergeblich, an die sehr schönen Enten herangemacht hatte, verengerte sich das Tal, rechts und links traten felsige steile Berge heran, über die nur Maultierpfade führten. Wir marschierten im Flußbette entlang, den Fluß auf den Kilometer gegen vierzigmal kreuzend. Er hatte infolge der Schneeschmelze viel ganz trübes Wasser, was bis über die Achsen der Karre ging. Mein Pony, der von dem langen Marsche sehr müde war, stolperte im Flusse mehrfach über die darin liegenden großen Steine, die er nicht sehen konnte; mitten in den gelben Fluten war das kein sehr angenehmes Gefühl.

Gegen 5½ Uhr erreichten wir Hsiau-Suitse, und richtig war alles in dem Neste besetzt, es konnte ja auch gar nicht anders sein, denn etwas abergläubisch ist am Ende jeder, und ich hatte heute Morgen meine Salzbüchse umgeworfen. Der chinesische General von Lantschau Fu befand sich auf dem Wege nach Hsi Ngan Fu, wohin er versetzt war. Gerade heute war er abmarschiert, und sein Riesentroß hielt jedes Zimmer und jeden Stall besetzt. Mit Not und Mühe und viel Geschimpfe auf den gänzlich ratlosen Mafu, der sich von den Kavalleristen verhöhnen ließ, bekam ich ein Zimmer, an dem Fensterrahmen und Tür fehlten, dann eine Krippe für die Pferde und zu geradezu horrenden Preisen etwas Stroh, den Hafer brachte ich selber mit. Das Fenster wurde mit der "wasserdichten" Lagerdecke verhängt, bei welcher Gelegenheit ich die Löcher in derselben zu meinem Kummer zählen konnte; sie hatte sich auf dem Packsattel durchgescheuert. Schließlich erkämpfte ich mir auch noch ein Stück Herd zum Kochen; diesen in seiner vollen Ausdehnung hatte ein unverschämter Koch irgend eines ganz geringen Herrn aus der Begleitung des Generals besetzt. Da gutes Zureden nicht wirkte, zeigte ich ihm meine Hand mit einer nicht mißzuverstehenden Geberde; das Mittel half vorzüglich. Er wollte mir nun sogar Essen schenken, aber stolz wie ein Spanier würgte ich, ihm dankend, meinen Reis hinunter. Für den Chinesen war es nur Formsache, "Wahren des Gesichts", er hätte sich wahrscheinlich sehr gewundert, wenn ich etwas genommen hätte.

Neben uns in einem ähnlichen Zimmer wohnten zwei Yamenbeamte, die soeben aus Tsin-tsiang kamen. Mein Mafu kam angsterfüllt an, dort gebe es nichts zu essen und alles wäre maßlos teuer. Ich ging hinüber und stellte fest, daß die beiden übel aussehenden Brüder ungefähr den Weg gekommen waren, den wir nehmen wollten, setzte aber meinem Mafu, um ihn zu beruhigen, an der Hand der Karte auseinander, daß wir eine ganz andere Straße marschieren würden, als diese beiden; denn wenn es nichts zu essen gibt, macht er nicht mehr mit, und ich glaube, daß er schon auf dem besten Wege war, nach Tientsin zurückzukehren. Der Mafu und der Karrentreiber waren am nächsten Morgen ordentlich durchgefroren und klagten über alle möglichen Schmerzen, weil sie eine Nacht einmal nicht auf ihrem glühenden Kang geschlafen hatten, sondern mit einem ungeheizten Zimmer ohne Tür und Fenster hatten vorlieb nehmen müssen. Ich ahnte schon, was folgen würde, und richtig pumpte mich der Karrenführer schon wieder an. Die Gesamtsumme des geborgten Geldes hatte jetzt gerade die Höhe seines Trinkgeldes erreicht, so daß von nun an der Geldladen geschlossen wurde.

Im Weitermarsch durch felsige Berge bekamen wir auf eine kurze Strecke den Hoang Ho in Sicht, den ich mir hier eigentlich mächtiger vorgestellt hatte. Dann ging es wieder durch Lehmberge und zuletzt in sehr steilem Abstieg zur Ebene hinunter. Auf zehn Kilometer hatten wir Lantschau Fu vor uns; man merkte bereits die Annäherung an die große Stadt; über ihr lag eine Dunstwolke, lebhafterer Verkehr herrschte auf der Straße, und auch die unendlich ausgedehnten Gräberfelder kündigten sie an. Es ging den letzten Teil durch große Tabakfelder; vorbei an einigen Soldatenlagern und hohen roten Tempelmauern gelangten wir zum Osttor, das wie alle anderen Tore von weithin sichtbaren Türmen gekrönt ist. Vor der Stadt kam uns im Galopp ein laut heulender Diener nachgeritten und fragte, ob wir nicht etwa den Mantelsack seines Herrn gesehen hätten, der ihm gestohlen worden war, während er in einer Kneipe saß. Er ritt weiter, jeden Menschen am Wege fragend. Die Sachen waren natürlich längst verschwunden und der Kuli wird zur Strafe für seine Unachtsamkeit wohl ordentlich Prügel gesehen haben. Am Tore stellte die Wache die üblichen Fragen an mich, noch hinzufügend, ob ich dienstlich hier wäre. Zum höchsten Erstaunen der Leute erwiderte ich, daß ich zu meinem Vergnügen reise. Ich wußte damals noch nicht, daß jeder, der im Besitze, eines Passes vom Auswärtigen Amt ist, sich auf Dienstreisen befindet.

Das Unterkommen war leidlich. Ich ließ sofort alle Sachen auspacken, die Decken wurden gesonnt, Wäsche zum Waschen gegeben, ein Schuster reparierte meine Schnürstiefel, ein Friseur schnitt mir mit meiner kleinen Nagelschere die Haare kurz. Er wollte mir durchaus nach chinesischer Sitte den Kopf halb rasieren, ich streikte jedoch energisch, und er machte seine Sache recht gut, wenn auch etwas langsam. Ich hatte mich auf den Hof in die pralle Sonne gesetzt; das Thermometer zeigte plus 31 Grad, und um uns herum hatten sich eine Menge Zuschauer gesammelt. Meine Geduld wurde auf eine harte Probe gestellt, denn es dauerte zwei Stunden, bis er fertig wurde. Dann rasierte er mich noch einschließlich Schnurrbart. Gott sei Dank, daß meine gute Mutter mich nicht so sehen konnte.

Während der Mafu zum Yamen wanderte, um die üblichen Förmlichkeiten zu erledigen, ging ich mit einem kleinen Jungen als Führer zur Mission und traf dort drei Englisch sprechende Missionare und zwei Frauen. Ich ließ mich anmelden, wurde aufgefordert, näher zu treten und bekam Kaffee und Kuchen, die mir sehr wohl taten. Nebenbei gab es nichts von Interesse zu hören, eher umgekehrt; sie suchten aus mir herauszuholen, was es Neues in der Welt gab; der hier ansässige deutsche Missionar Bläsner nebst Frau war leider gerade jetzt nach Si-ning-fu verreist. Ich wurde für den nächsten Tag zum Lunch eingeladen und verabschiedete mich dann bald. Das Leben hier draußen macht zweifellos stumpfsinnig, hätte ich nicht fortwährend neue Gedanken für das Gespräch hervorgesucht, so hätten wir alle schweigend dagesessen; Männer und Frauen waren in chinesischer Kleidung. Als einzige Neuigkeit erzählten sie, daß in Lantschau Fu seit kürzester Zeit ein russischer Laden in der Hauptverkehrsstraße aufgemacht worden sei, in welchem Russen, die fertig Chinesisch sprächen, jedoch ihre russische Kleidung weitertrügen, verkauften. Die Missionare vermuteten Regierungsgeld hinter der Sache und den Beginn eines Attentates auf diese Provinz. Merkwürdig ist die Sache allerdings. Der älteste der Missionare, zugleich Superintendent für Kansu, befragte mich, ob ich auch eine Bibel mit hätte, was ich leider verneinen mußte; daraufhin mußte ich gleich mitgehen, um wenigstens hier fleißig in Herrn Bläsners Bibel zu lesen. -- In dem Gasthaus hatte der Mafu unterdessen aufgeräumt, und zwar zum ersten Male unaufgefordert. Außerdem konnte er mir auch noch eine andere Delikatesse für morgen ankündigen, nämlich frische Kuhmilch.

Am 25. Februar morgens, als ich gerade aus dem Schlafsack gekrochen war, erschien bei meinem Wirt die Steuerkommission, um die Steuern zu erheben. Auch hier sind diese Leute gar nicht gern gesehen, da die Steuern recht hoch sind. Eine an allen Ecken angeschlagene Proklamation des Vizekönigs mahnt zur ordnungsgemäßen Zahlung. Ich gab dem Mafu meine Aufträge und wanderte dann zur Mission, wo ich Mr. Kenneth beim Unterricht einiger Chinesen fand. Wie anderswo sucht man auch in China zuerst Arme und Elende zu bekehren. Ich hörte zu, verstand jedoch wenig, habe auch wahrscheinlich nur gestört, da bei Anwesenheit des Europäers die Aufmerksamkeit fehlte. Nach dem Kaffee begab ich mich mit einem der jüngeren Missionare zur Nordfront, an der der Hoang Ho entlang fließt. Eine Pontonbrücke verbindet sonst die beiden Ufer; da jedoch das Eis gerade im Begriff war, sich in Bewegung zu setzen, war sie aus- und am Südufer aufgefahren. Es war sehr zweifelhaft, ob ich morgen noch hinüberkommen würde, was dann womöglich einen Aufenthalt von mehreren Tagen bedeutet hätte, da die Chinesen nicht wagen, über den eistreibenden Strom mittels der Fähre hinüberzusetzen. Am jenseitigen Ufer liegt, auf vielen Terrassen verteilt, eine malerische Tempelgruppe, Pai-ta-schan. Für mich zum Trost zog gerade von drüben über das Eis eine aus Tibet kommende Ponyherde; die Tiere waren kräftig und in guter Kondition, trotz des 3½ monatlichen Marsches. Die Treiber waren schmierig, in Felle gewickelt und grundhäßlich. Wir gingen die Nordfront entlang; den Weg besserten Soldaten aus; sie machten Witze über uns und wollten sich krank lachen. Dann kamen wir zu einer Wasserpumpe mit Dampfbetrieb, die einst ein fremdenfreundlicher Vizekönig hatte kommen lassen, um den Yamen mit Wasser zu versorgen; Gebäude und Maschinen stehen noch, daneben aber hat man das alte ursprüngliche chinesische Wasserschöpfrad angebracht. Man sieht, der jetzige Vizekönig Song, ein Mandschu, schätzt europäische Sachen nicht; das äußert sich sogar auch hier; jetzt standen übrigens beide Werke des Eises halber still. Wir wanderten weiter durch das Wassertor in die östliche Vorstadt und auf einer von verschüttetem und gefrorenem Wasser glatten Passage zum Pferdemarkt, wo kein einziges Pferd war; der Markt beginnt übrigens schon um 6 Uhr morgens; weiter zum vizeköniglichen Yamen in der Mitte der Stadt, der nichts Besonderes bietet, und dann zu einer Tabakmanufaktur. In der ersten, an der wir klopften, wollte man uns nichts zeigen; in der zweiten war man freundlicher. Auf den Dächern sortierten Weiber die Blätter, von denen es zweierlei Sorten, grüne und braune, gibt. Der grüne Tabak ist besser, folglich färbt man den braunen mit einer hier gewonnenen Pflanzenfarbe grün. Die Blätter werden erst getrocknet, dann ausgeschwungen, zerkleinert und kommen schließlich in eine Presse, wo sie zu einem ungefähr einen Kubikmeter enthaltenden Block zusammengedrückt werden. Von diesen Blöcken wird dann der Tabak mittels eines Hobels, der genau so aussieht wie unser Tischlerhobel, abgehobelt und in kleinere Pakete gepreßt; diese wiederum werden in Papier eingeschlagen, um entweder nach Schang-hai ausgeführt oder in der Stadt verkauft zu werden. In den unteren Räumen standen die Hobel, deren Bedienung sich auf kleinen Öfen Opium zum eigenen Gebrauch auskochte. Entsprechend ihrer Tätigkeit sahen die Leute ganz grün aus, so daß man sie auf der Straße sofort herauskannte. Hier liegen viele solcher Fabriken. Ich photographierte die Anlage und empfahl mich.

Wir kamen allmählich wieder zum Mittelpunkt der Stadt, wo in einem offenen Laden Missionare der China-Inland-Mission predigten, was übrigens vom alten Vizekönig nicht sehr gebilligt wird. Man erzählt sich hier, daß Song, Tuan, Tung-fu-hsiang und Yung-lu in Verbindung sind und ein neues Königreich gründen wollen. Dieses würde aus Kansu, Schensi, Tsin-tsiang, Sze-tschuan bestehen und Tuan zum König wählen, der in Hsi Ngan Fu, als seiner Hauptstadt, residieren würde. Ich halte dies für unmögliche Träume der sehr ängstlichen Missionare. Im übrigen ist jetzt, wo ich dies niederschreibe, der alte Yung-lu schon längst im Grabe und damit die mächtigste Persönlichkeit aus dem Quartett geschieden. Ich sah noch ein Arsenal, in das mir nicht erlaubt wurde, einzutreten, ferner eine Universität im Bau, in der es uns ebenso ging, und die russischen Läden in der Hauptstraße. Die Verkäufer waren Sarten aus Turkestan, wahrscheinlich Untergebene irgend eines chinesischen Großhändlers, die seine Waren aus Kaschgar hierher gebracht hatten. Von den ängstlichen Missionaren waren sie schon für Russen gehalten worden. Zugeben muß ich allerdings, daß ihre Waren meist russischen Ursprungs waren. Lantschau Fu soll gegen 250 000 Einwohner haben, doch auch hier ist die Zahl nur schätzungsweise festzustellen.

V. KAPITEL.

Kansus Steppen.

Ich ging am 26. Februar morgens ganz früh schon zum Hoang Ho und stellte mit großer Freude fest, daß das Eis noch stand. Die neue Karre war unterdessen, leidlich bespannt, eingetroffen, der Treiber war ein uralter Mann mit einer Riesenbrille, durch die er nichts sah. Ich beobachtete nämlich mehrfach, daß er sie abnahm, wenn er etwas genauer sehen wollte, aber die Brille gibt ein gelehrtes Aussehen. Nach üblichem Zank mit dem Wirt wegen des Bezahlens fuhren wir zuerst zur Mission. Wir kauften unterwegs noch Fleisch und Früchte für die nächsten Tage ein. An der Mission erhielt ich ein Briefpaket für den Missionar in Liang tschau fu, das ich versprochen hatte, mitzunehmen, ferner eine Büchse mit gutem Tee, der hier schon recht teuer ist, sowie einen Kuchen europäischer Herkunft geschenkt, alles sehr willkommene Beigaben. Der alte Mister Hunter, der mir die Sachen übergab, gefiel mir sehr, er ist ein einfacher Mann, der in seinem selbstgewählten Berufe aufgeht und sich nicht um Politik kümmert, er hat übrigens seinerzeit Sven Hedin bei seiner Durchreise begrüßt. Wir ritten weiter zum Nordtor, an dem ich heute ungefähr zum zwanzigsten Male nach woher und wohin, Stand und Visitenkarte gefragt wurde: "Ob ich nicht Missionar wäre?" "Nein." "Dann also Kaufmann?" "Auch das nicht." Daß ich Offizier sei, begriffen sie nicht; ein solcher muß mit großem Troß reisen, sonst kann es kein richtiger sein. Da sind wir Chinesen doch ganz andere Menschen, dachte sicherlich der weißbärtige Torwächter, milde und überlegend lächelnd.

Wir kamen glücklich über den gefrorenen Hoang Ho. Ganz dicht oberhalb war schon eine breite Rinne eisfrei; hier konnte es auch nur noch Tage dauern, bis der Fluß offen war. Von der anderen Seite, am Fuße des von vielen Tempelchen gekrönten Pei-ta-schan macht sich Lantschau Fu sehr hübsch. Man sieht hier erst, wie groß es mit allen seinen Vorstädten eigentlich ist. Südwestlich, auf einem Berge, einen halben Kilometer vor der Stadt, liegen vier mächtige quadratische Wachttürme, auf dem nächsten Berge die stark befestigte Mandschustadt; die Türme haben wahrscheinlich einst mandschurische Banner-Truppen beherbergt, die Chinesenstadt beobachtend. Lantschau Fu mit seinen vorgeschobenen Befestigungen sperrt das Hoang Ho-Tal vollkommen nach Westen zu ab. Wir durchschritten ein Tor, bei dem die Felsberge dicht an den Strom herantreten, dann erweitert sich das Tal, in dem Tabak- und Obstplantagen liegen, die mittels Schöpfräder vom Hoang Ho aus bewässert werden. Weiterhin geht es rechts ab in felsige Berge mit rötlicher Grundfarbe, die teils ganz merkwürdige Formationen zeigen. Kegelförmige Kuppen fallen in einem Teil ihres Abhanges ringsum senkrecht ab, so daß sie unersteigbar sind; mehrfach liegen Befestigungen längs des Weges. Am Abend kamen wir nach Yü-dia-wan in dem der "Dau"[3] Erbsen, mit denen man hier die Pferde füttert, über 3½ Taels kostet, ein geradezu unverschämter Preis. Der Himmel sah den ganzen Tag nach Schneefall aus, das Wetter hielt sich aber noch. Der Mafu verlor zum ungefähr zehnten Male den Anbindestrick für den dicken Pony. Ich drohte ihm an, von jetzt ab das Geld dafür von seinem Lohn abzuziehen.

[3] Dau = Raummaß (sehr wechselnd).

In der ganzen hiesigen Gegend bis Ping fan war seit vollen zwei Jahren kein Tropfen Regen gefallen, dementsprechend die enormen Preise, da alles angefahren werden mußte. Es waren viele Leute gestorben, viele ausgewandert, mit einem Worte, es herrschte Hungersnot; doch davon hatten die Missionare in Lantschau Fu keine Ahnung. Man sah viele Felder brach liegen: was ich zuerst von weitem für Schnee hielt, entpuppte sich als Salpeter, auch wird in hiesiger Gegend Salz gewonnen. Selbst in den tief eingeschnittenen Schluchten war kein Wasser mehr vorhanden, das wenige ganz bittere verweigerten sogar die Pferde. Unser Koch- und Trinkwasser wurde meilenweit vom Hoang Ho hergetragen; ich mußte für die Kanne Teewasser 30 Cash zahlen. Mein Mafu benutzte die Gelegenheit, um das Waschen gänzlich ausfallen zu lassen. Das Land blieb auch weiterhin bergig; man sah zuweilen Ziegen- und Schafherden; letztere sind Fettschwanzschafe, ganz weiß bis auf wenige schwarze Flecken. Die Ziegen findet man in allen Farbenschattierungen. Der Boden zeigte große Sprünge vor Trockenheit; Staub lag auf den Wegen mehr als fußhoch, man konnte sich gar nicht davor schützen. Der Verkehr war gering, nur wenige Reisende, ab und zu ein Karren mit Getreide, das war alles.

Zuweilen lag auf einem der Gipfel ein einzelnes Gehöft, wie eine Burg; es sind Mohammedaner, die sich da oben so absondern. In einem Nest, durch das wir kamen, wurde immer noch Neujahr gefeiert, beinahe so, wie bei uns zu Fastnacht. Da tanzten vier als Nachen kostümierte Leute eine Quadrille, einer mit einem Mond als Maske dirigierte mit einem Stock, je zwei Violinspieler und Trompetenbläser, Pauken, Becken und Trommeln bildeten die Musik. Der Tanz war höchst graziös und dabei doch hochkomisch. Auf einer andern Stelle tanzten zwei als Mädchen verkleidete, mit einem als "alten Mann" kostümierten eine sehr niedliche Pantomime und man sah noch viele andere hübsche Gruppen. Durch mich ließen sie sich gar nicht stören, nur meine Pferde wollten nicht vorbei; schließlich bildete die ganze Gesellschaft einen langen Zug, zog in den Ort und machte bei jedem Kaufmann solange Katzenmusik, bis dieser eine Flüssigkeit, welche der Chinese Wein nennt, herausrückte.

Abends in Tschun-tschönn-pu kamen wir in einem sauberen, hübschen Gasthof sehr gut unter. Gegen 7½ Uhr war auch hier zur Neujahrsfeier große Illumination; ich ahnte hinten in meinem Zimmer gar nichts davon, bis mich der Mafu herausrief. Der Anblick war wirklich wunderhübsch, alle Straßen waren beleuchtet, vor jedem Hause hingen in vier Felder geteilte lange Laternen, und zwar über die Straßen hinweg von Haus zu Haus, bei den Wohlhabenderen aus weißer, bemalter Seide, bei Ärmeren aus bunt bemaltem Papier. Die Tempel waren mit offen brennenden, Kreise, Zickzacklinien und chinesische Schriftzeichen darstellenden Lämpchen erleuchtet, ebenso der Mittelbau der Stadt, die hohen Stadttore und der daran stoßende Teil der Mauer. Kein Haus hatte sich ausgeschlossen. Ich habe selten eine so vollkommene Beleuchtung gesehen. Ich wanderte in Hausschuhen und Lederjacke durch die Straßen; es berührte sehr angenehm, daß man keine betrunkenen oder skandalmachenden Menschen unter der auf- und abwogenden Menge sah; jeder war vergnügt und lustig, ohne Radau zu machen. Die Kinder waren meist in Begleitung der Eltern oder vielmehr der Väter, die sie an der Hand führten. Überall wurde mir höflich Platz gemacht, und als ich einer mit Musik herumziehenden maskierten Gesellschaft aus freien Stücken einige Cash als Trinkgeld opferte, war allgemeiner Jubel. Man sieht hier so recht, was für ein friedfertiger und harmloser Mensch der Chinese ist, wenn er nicht aufgestachelt und verhetzt wird. Spät am Abend war noch großes Feuerwerk, in dem die Chinesen ja bekanntlich Meister sind.