Im Sattel durch Zentralasien: 6000 Kilometer in 176 Tagen
Part 11
Während des mohammedanischen Aufstandes von 1871 bis 1875 durch welchen alle Dörfer auf einer Strecke von Tausenden von Kilometern verwüstet wurden -- man sieht sie noch jetzt überall in Trümmern liegen --, waren alle Landleute in die Stadt geflüchtet. Man hielt die mohammedanischen Einwohner in der Stadt als Geiseln fest, gab ihnen Essen und Soldaten als Wache, drohte jedoch den außerhalb der Stadt die undenkbarsten Scheußlichkeiten verübenden mohammedanischen Horden, sofort alle Glaubensgenossen in der Stadt hinzurichten, falls auch nur versucht werden sollte, die Stadt zu stürmen. Wer chinesische Verhältnisse kennt, weiß ganz genau, daß die Chinesen sofort ihre Drohung erfüllt hätten, und dadurch entging die Stadt der Belagerung und Erstürmung. In dem Unterdrückungsfeldzug kaiserlicher Truppen hat sich der General Tung-fu-hsiang infolge seines rücksichtslosen Vorgehens gegen die Mohammedaner einen Namen gemacht. Er ist auch hier noch von den kaiserlichen Truppen lächerlich gefürchtet, und man hofft, daß, im Falle eines angriffsweisen Vorgehens des jetzt aufrührerischen Generals, die Mohammedaner gegen ihren alten Unterdrücker aufstehen werden; denn auf die kaiserlichen Truppen ist doch wenig Verlaß. Der Gouverneur von Pingliang Fu und der kaiserliche General in Kuyuen sollen bereits Waffen unter die Mohammedaner verteilt haben, nachdem die eigenen Truppen zum Teil zu dem besseren Sold zahlenden Tung-fu-hsiang desertiert sind. In ganz Hsi Ngan Fu sind nur 16 000 Soldaten und 16 schwere Kanonen und gar keine Feldartillerie. Als vor ungefähr einem halben Monat die Gerüchte auftauchten, daß Tung-fu-hsiang binnen kurzem angreifen würde, und sich bereits eine Panik der Bevölkerung bemächtigte, wurden zur Ermutigung des Volkes täglich von den Wällen Salven geschossen und den ganzen Tag exerziert, was denn auch seine Wirkung zur Beruhigung der Bevölkerung nicht verfehlt hat. Die Missionare haben durch Spione, die sie im feindlichen Lager unterhalten, sicher festgestellt, daß Tung-fu-hsiang augenblicklich 20-30 000 Gewehre besitzt und über 200, teils moderne Kanonen verfügt. Goo-ta-jen, der oberste Beamte für auswärtige Angelegenheiten in Hsi Ngan Fu, erklärte mir auf meine Frage, woher denn Tung-fu-hsiang das Geld zur Unterhaltung seiner Truppen und zum Einkauf von Waffen habe, daß er im Jahre 1900, als er noch der mächtige Freund der Kaiserin-Witwe war, bei der Plünderung von Tientsin über eine Million Taels bar geraubt und die Arsenale geleert habe. Nebenbei ist bekannt, daß Tung-fu-hsiang sein sämtliches, nicht unbeträchtliches Vermögen, bestehend aus Grundstücken und Kapitalanlage, in Pfandhäusern flüssig gemacht hat. Welche Stellung der kaiserliche General in Kuyuen ihm gegenüber einnimmt, zeigt folgendes: Der General hatte aus Peking Befehl, ihn zu fangen; er hatte nichts Eiligeres zu tun, als Tung-fu-hsiang um eine Unterredung unter freiem Himmel zu bitten und ihm das Schreiben aus Peking zu zeigen. Sowohl der General wie der erste Beamte in Pingliang Fu hängen das Mäntelchen nach dem Wind, sie können es mit beiden Seiten nicht verderben; denn wenn Tung-fu-hsiang eines Tages marschiert und die beiden fängt, schlägt er ihnen unbedingt den Kopf herunter. Im übrigen baut er Befestigungen um Heichengtse und kauft alles Getreide im Lande auf, so daß die Preise trotz der voraussichtlich guten Ernte um 70 bis 80 % gestiegen sind.
Hsi Ngan Fu besitzt Telegraphen nach Hankau und Tientsin. Die große Linie nach Westen hat Telegraphenanschluß nach Kuyuen.
Wir wanderten zuerst zu dem vorerwähnten Nestorianischen Gedenkstein, der ungefähr 1½ Kilometer vor dem westlichen Vorstadttore steht. Ich hatte mir diesen weltbekannten Zeugen der Einführung des Christentums in China in bezug auf seine Aufbewahrung ungefähr so vorgestellt, wie man bei uns zu Hause mit derartigen ehrwürdigen, hochinteressanten Zeugen einer vergangenen Zeit verfahren würde, und fand ihn mit noch einigen andern Grabsteinen abseits der Straße inmitten des Schutt- und Trümmerhaufens eines alten taoistischen Tempels. Da man von dieser Sorte täglich eine größere Menge und stets im gleichen Zustande sehen kann, würde man beim Vorbeireiten nie auf den Gedanken kommen, daß hier der Gedenkstein steht, über den Bücher geschrieben und Vorlesungen auf Universitäten gehalten worden sind. Ohne meinen Führer hätte ich ihn wahrscheinlich auch nie gefunden. Bezeichnend für die Interesselosigkeit chinesischer Behörden ist es, daß z. B. Goo-ta-jen, der Vorstand des Yamens für die auswärtigen Angelegenheiten Hsi Ngan Fus, auch nicht die entfernteste Ahnung von der Existenz des Steines hatte, obwohl er sonst in seiner Art ein hochgebildeter Chinese ist. Später erzählte mir Missionar Shorrock, daß auf Reklamationen katholischer Missionare hin in Peking 1000 Taels für eine würdige Aufstellung des Steines und ein Schutzdach gegen Regen und Wind bewilligt worden sind. Doch bis Peking ist es weit. Man baute einfach aus schlechten Ziegeln im Höchstwerte von 25 Taels ein Häuschen darüber, das jetzt schon lange wieder verfallen ist. Der Rest des Geldes blieb wahrscheinlich auf dem langen Wege von Peking nach Hsi Ngan Fu in den verschiedensten Taschen hängen. Ich finde diesen Vorgang bezeichnend.
Der Stein selbst ist in Form und Ausstattung wie die noch jetzt üblichen chinesischen Grabsteine. Die beiden Figuren am oberen Ende, anscheinend Drachendarstellungen, umschließen ein christliches Kreuz. Die Inschrift ist in chinesischen Schriftzeichen, jedoch sind stellenweise Sätze in syrischer Schrift eingefügt, besonders auf den schmalen Seiten des Steins. Wir sahen uns die Reste des uralten Tempels an und wanderten dann zurück, vorbei am Exerzierplatz, wo kompanieweise, wahrscheinlich zur Ermutigung der Soldaten und des Volkes, Salven mit Platzpatronen geschossen wurden, oder wie man das zur Zeit der Vorderlader bei uns bezeichnet haben mag, denn solche führt die hiesige Infanterie. Außerdem wurde mit einer Unmenge Fahnen gearbeitet, aber nicht etwa Winkerflaggen. Die meisten Kompanien, es war hier eine ganze Anzahl tätig, gaben ihre Salven ab, als ich mitten vor der Front war. Ob sie mich erschrecken wollten oder ob es eine Ehrung sein sollte, konnte ich nicht feststellen; ich knipste sie dafür mit dem Kodak. Offiziere waren nirgends dabei; wahrscheinlich war es noch zu früh, oder der heute wehende kalte Wind hielt sie ab.
Unser Weg führte uns unterdessen weiter zum Arsenal in die Südwestecke der Stadt. Dabei ging es eine Zeitlang an der Stadtmauer entlang, und ich hatte Gelegenheit, zu sehen, daß auch Hsi Ngan Fu einst eine nicht unbedeutende Kanalisation gehabt hat, die jetzt im Verfall ist. Das Arsenal bot absolut keinerlei Sehenswertes; warum es eigentlich Arsenal heißt, weiß ich nicht, denn es hat nichts von denjenigen Sachen in seinen recht spärlichen Räumen, die man sonst darin vermuten würde. Der Vorstand im Mandarinenrange entschuldigte sich ununterbrochen bei mir, daß gar nichts Interessantes zu sehen wäre; ich konnte ihm eigentlich nur beistimmen. Außer einigen Schraubstöcken und einigen nicht im Betrieb befindlichen, gänzlich verkommenen amerikanischen Maschinen für Waffenreparatur konnte ich nichts entdecken. Überall klebten Neujahrszettel an den Maschinen; Neujahr entschuldigte jetzt ihren Nichtbetrieb. In der übrigen Zeit wartet man wahrscheinlich sehnsüchtig auf Neujahr und betreibt sie ebenso wenig. Das Hauptgebäude ist im europäischen Stil solide erbaut. Der Vorstand erzählte, daß schon lange Maschinen erwartet würden, aber der Weg über die Berge sei so furchtbar schwierig; warum man sie nicht auf dem Wasserwege schickt, leuchtete mir nicht ein. Am Ende könnten sie dann womöglich ankommen, und das wäre doch recht unangenehm, da ist es so schon besser. Nachdem ich meine höchste Bewunderung über den hervorragenden Zustand des Arsenals ausgedrückt und mein Führer erklärt hatte, daß ich als deutscher Artillerieoffizier das gewiß ganz genau beurteilen könne, wobei ich mir kaum das Lachen verbeißen konnte, empfahlen wir uns, ohne dem schlechten Tee und dem noch schlechteren Zuckerwerk des Vorstandes entgehen zu können; das ist eben beim Chinesen unvermeidlich.
Unser weiter Weg führte uns zu den schwedischen Missionaren, obwohl ich im allgemeinen solche Besuche nicht schätze, da ich mir immer etwas aufdringlich vorkomme. Jedoch mein Führer ließ nicht locker, ich mußte heran, ob ich wollte oder nicht, und richtig hat mir diese Missionarsgruppe von der Swedish Alliance Mission gar nicht gefallen. Gleich beim Eintritt hatte ich genug: ein kleiner Hof, Schmutz, Unordnung und eine Menge kleiner Kinder. Ich wurde hereingenötigt, die Tische waren ohne Decken, die schleunigst erst aufgedeckt wurden; in der einen Sofaecke schlief ein Säugling, in der anderen ein Köter. Allmählich versammelten sich zwei Herren und drei Damen, natürlich alle in chinesischer Kleidung, und nachdem ich kurzen Bescheid über woher und wohin gegeben und eine Tasse Kaffee dankend angenommen hatte, drückte ich mich schleunigst, um eine Erfahrung reicher und das bestätigt findend, was schon andere, z. B. Sven Hedin, vor mir gesehen haben.
Wir gingen dann zum kaiserlichen Palast; eigentlich sollten Kaiserin und Kaiserin-Mutter im Fu-tai-Yamen, als dem größten und geräumigsten Yamen der Stadt, wohnen. Der Fu-tai hatte alles zur Aufnahme hergerichtet, aber der Kaiserin-Witwe war die Lage nicht zur Verteidigung geeignet genug; sie zog den später vom Hofe bewohnten Yamen vor, der schon viele, viele Jahre leer stand und von dem man im Volksmunde sagte, es spuke darin. Das scheint die Kaiserin jedoch nicht zurückgehalten zu haben, und wie man jetzt sieht, hat ihr der Spuk auch nichts angehabt. Der Yamen liegt in dem Teil der Stadt, in dem vorherrschend Mohammedaner wohnen, also im nordwestlichen Viertel; er besteht ebenso aus mehreren hintereinander liegenden Höfen mit Gebäuden dazwischen, wie jeder andere chinesische Yamen auch. Man sieht ihm an, daß es noch nicht sehr lange her ist, daß er geräumt wurde, denn alle Malereien usw. sind noch wie neu; anderseits sah ich mehrfach in den Räumen oder außerhalb Renovierungsarbeiten vollziehen. Schwarzseher schlössen daraus auf einen baldigen neuen Aufstand und eine abermalige Verlegung des Hofes nach Hsi Ngan Fu. Der Kenner weiß, daß vom Kaiser auch nur kurze Zeit bewohnt gewesene Räume dadurch geheiligt sind und gleichsam als Tempel auf Staatskosten in Ordnung gehalten werden. Haarscharf nimmt man es hiermit jedoch nicht, denn ich sah auf dem Herwege mehrfach kaiserliche Rasthäuser bewohnt und Hund und Schwein vergnügt in den Höfen herumlaufen, in denen der Sohn des Himmels über die Wandelbarkeit des Schicksals, also über seine liebe Mutter nachgedacht hatte.
Der kaiserliche Yamen liegt nicht etwa auf freiem Platze, sondern ist von Gebäuden dicht umgeben. Man sieht zuerst einen langen offenen Hof mit Sperrbäumen umgeben; im Hofe zwei Steinlöwen, die "Wächter", vor einem Tor, das geschlossen ist. Ich ging durch eine Seitentür auf der östlichen Seite hinein; mein Führer zeigte oder übergab einem Beamten Herrn Shorrocks und meine chinesische Visitenkarte mit der Bitte, uns den Palast ansehen zu dürfen. Die englischen Missionare scheinen sich hier eines guten Rufes zu erfreuen, denn sofort wurde alles geöffnet. Wir traten ein und schritten durch ein weiteres dreiteiliges Tor in einen zweiten Hof, der an beiden Seiten Dienerschaftsgebäude hat. Ein ferneres Tor in der natürlich roten Mauer brachte uns in einen dritten Hof, der, zuerst schmal, nach ungefähr 30 Metern rechtwinklig nach beiden Seiten ausspringt, und vor uns lag der erste Thronsaal, einfach ausgestattet im Innern, mit einem ganz einfachen, hölzernen, breiten, vergoldeten Sessel und einem Wandschirm dahinter, der sehr schöne eingelegte Arbeiten zeigte. Außerdem waren in diesem Raume viele mit Drachenstickereien überdeckte Stühle und einige Spiegel. Rechts und links, in je zwei kleineren, aber auch höchst einfach eingerichteten Nebenräumen konnte man einige sehr schöne Porzellanvasen auf Tischchen sehen. Die Wände zierten von der Kaiserin-Mutter selbst auf Seide gemalte riesige Schriftzeichen. Die übrigen Kuriositäten scheint man nach Peking mitgenommen zu haben, denn in fast allen Zimmern konnte man die einstigen Behälter aufgeschichtet stehen sehen.
Die Dimensionen der Räume und der Höfe sind nicht entfernt so kolossal wie in Peking, aber wenn mir auch dort die Größenverhältnisse imponiert hatten, so gefiel mir dieser Palast doch besser, er ist, ich möchte sagen, gemütlicher und zeigt nicht solche "kalte Pracht" wie jener in Peking. Doch weiter: Hinter dem ersten Thronsaal liegt ein weiterer Hof und ein zweiter, ähnlich ausgestatteter Thronsaal, für Empfänge der Kaiserin-Witwe bestimmt, mit kleinem Thron und in heller Farbe gehaltenen, mit Seide ausgeschlagenen Nebenräumen, in dessen einem zur Linken das kaiserliche Bett steht. Ein einfaches, nicht sehr langes, drei viertel Meter hohes Holzbett mit in Holz geschnitztem Himmel darüber, im Bett selbst nicht etwa eine Springfedermatratze, sondern eine wattierte dicke Decke als Unterlage. Auch hier einige Wandbehänge, Vögel im Baum darstellend, unter Glas, einige blue and white-Vasen, eine herrliche große Sang de boeuf und einige Kuriositäten, Schränke mit Intarsienarbeit, das ist alles. Hinter dem Schlafzimmer befindet sich ein dunkler, leerer Raum, der als Badezimmer gedient hat.
An den zweiten Thronsaal nach Osten schließt sich ein weiterer Hof an, in den man, durch das Seitengebäude gehend, gelangt. Hier ist ein Felsengarten, am südlichen Ende ein langes Gebäude, das kaiserliche Privaträume enthält. An dieses Gebäude, wiederum nach Süden, entsprechend dem dritten Hauptsaal, reiht sich ein Gebäude an, das für die Kaiserin-Witwe bestimmt ist. Die Räume sind steif und einfach ausgestattet, einige Stühle, Hocker, Spiegel, Tischchen, auf diesen meist große Uhren oder Vasen, auf dem Boden der übliche große Drachenteppich, weiter enthalten sie nichts. In den Nebenräumen ist auch die Ausstattung nichts als Schund. Nach Osten folgt noch ein zu Wohnzwecken bestimmtes kaiserliches Privatgebäude, vor ihm liegt ein hübscher, großer Felsengarten mit Wasserbassin, hoher künstlicher Terrasse mit schöner Aussicht und einem Gartenhäuschen. Man hört den Straßenlärm bis hierher schallen, und oft wird der Kaiser wohl hier gesessen und den ihm bis dahin unbekannten Äußerungen des Volkslebens gelauscht haben.
Auf dem Rückweg begegnete mir Goo-ta-jen, der mir sofort sehr freundlich die Hand gab. Er war mit großem Gefolge hier; wahrscheinlich trieb ihn nur die Neugierde her, den Fremdling zu sehen. Wir gingen nun über den mächtigen freien Platz, wo vor tausend Jahren und mehr stets der Kaiserpalast gestanden hat und der jetzt nicht mehr bebaut werden darf, nach dem mitten in der Stadt liegenden Hospital von Dr. Smith. Das Hospital ist ein großer, schöner Yamen, dessen Zwischenräume nicht, wie sonst, schmutzige Höfe, sondern hübsche Gärten zieren. Das Hospital geht augenblicklich ein, da Dr. Smith Familienverhältnisse halber nach England verreist ist. Ich frühstückte mit Missionar Shorrock, der mich hier erwartete, im Yamen, dann erhielt ich den Besuch Goo-ta-jens, der unter den üblichen Förmlichkeiten von 2 bis 6 Uhr abends dauerte. Ich erkältete mich hierbei schauderhaft und hatte nebenbei das Gefühl, von dem Missionar als willkommenes Mittel betrachtet zu werden, um mit einem hohen, einflußreichen Mandarin recht eingehend Rücksprache zu nehmen. Auch den Abend verbrachte ich bei Missionar Shorrock. Den ganzen nächsten Morgen, am 8. Februar, wurde ich wiederum durch den Besuch Goo-ta-jens festgehalten, so daß ich zu meinem großen Ärger vierundzwanzig Stunden verlor. Da ich außerdem der Andacht in der Mission beiwohnen mußte, büßte ich noch weitere mir wertvolle 1½ Stunden ein.
Schließlich empfahl ich mich und ritt zu meinem Gasthaus zurück, wo mein Mafu bereits in größter Angst auf meine Rückkehr wartete. Er hatte Auftrag erhalten, den gedrückten Pony womöglich zu verkaufen und sich nach einer billigen Karre zur Gepäckbeförderung nach Lantschau Fu umzusehen. Für den Pony, der Schläger und Beißer und nebenbei auch ziemlich bejahrt war, waren ihm nicht mehr als 10 Taels geboten worden, was mir zu wenig war. Praktisch, wie der Chinese zu sein pflegt, hatte sich der Mafu, der Karre wegen, an den Yamen Goo-ta-jens gewandt, und letzterem muß ich unbedingt gefallen haben, denn er stellte mir eine seiner eigenen Karren bis Lantschau Fu zur Verfügung, was ich nach chinesischer Sitte nicht zurückweisen konnte. Außerdem hatte Goo-ta-jen anfragen lassen, ob ich nicht mein großes Pferd verkaufen wollte. Der Mafu hatte es in seinem Leichtsinn gleich hingebracht und dort gelassen, worüber ich weniger erfreut war; nebenbei war er auf der Straße hingefallen und hatte sich das Knie verletzt, so daß er nicht reiten konnte und entsetzlich wehleidig tat. Ich glaube, das Fahren auf der Karre, wobei er tagsüber so schön schlafen konnte, hatte ihm gefallen. Gott sei Dank hatte ich noch einen Begleiter vom Yamen mit, den ich sofort mit einem englischen Brief zu Goo-ta-jen mit der Bitte sandte, mir entweder 500 Taels oder das Pferd zurückzuschicken. Die 500 Taels kamen nicht, dafür aber das Pferd.
Am nächsten Morgen wartete ich von 7 bis 8½ Uhr auf den mir von Goo-ta-jen versprochenen, ganz besonders guten Karren, der natürlich nicht ankam; schließlich machte ich mich selbst auf den Weg zum Yamen, traf aber auf der Hauptstraße einen mir bekannten Beamten, der behauptete, der Karren käme sofort. Wir gingen zum Gasthause zurück, und ich erhielt den Paß für den Wagen mit der Anweisung, den Führer ordentlich zu verhauen, wenn er sich widerspenstig zeigen sollte. Unterdessen wurde es 9 Uhr, und statt der Karre erschien Goo-ta-jen auf der Bildfläche. Er kam sicherlich nur aus Neugierde, ließ sich meine Waffen zeigen und stellte sich, als ob er von dem gestrigen Pferdehandel nichts mehr wüßte. Unterdessen kam der Karren, der erbärmlich aussah und noch miserabler bespannt war. Goo-ta-jen hatte natürlich keine Ahnung, daß es sein Karren sei, und mußte erst darüber belehrt werden. Dann war es ihm sichtlich unangenehm, da er mir vorgelogen hatte, er hätte Karren und Tier aus seinem eigenen Stall selbst ausgesucht. In Wirklichkeit hatten seine Leute für ganz billiges Geld irgendeinen gerade zufällig nach Lantschau Fu fahrenden Karrenführer halb gepreßt. Ich dachte, einem geschenkten Gaul sieht man nicht ins Maul, und ließ aufladen.
Wir marschierten durch das Westtor ab. Die Witwe, die ich heute ritt, hatte seit gut drei Wochen keinen Reiter mehr gehabt und ging daher sehr unruhig. Goo-ta-jen bat mich, das Tier doch einmal vorzutraben, aber die Stute galoppierte ununterbrochen und war nicht zum Trabe zu bringen. Die Chinesen lachten und hatten sicher ein Gefühl der Genugtuung, nicht auf das fremde Pferd hineingefallen zu sein. Ich ärgerte mich gründlich, wahrte aber nach chinesischer Sitte das Gesicht und lachte mit. Am Tore verabschiedete ich mich und erhielt von Goo-ta-jen nochmals den Rat, den die Karre treibenden Chinesen ordentlich zu prügeln, da er sonst nichts täte. Ich sagte ihm, daß ich, außer in Notwehr, niemals einen Menschen schlüge, wodurch sich Goo-ta-jen gar nicht rühren ließ, sondern nunmehr meinem Mafu denselben Rat erteilte.
IV. KAPITEL.
In der Provinz Schensi.
Am nächsten Morgen erwachte ich in Hsienanyi mit greulichen Kopfschmerzen infolge des die ganze Nacht rauchenden Kangs. Die alte Druckstelle der Witwe war wieder derartig dick angelaufen, daß sie nicht mehr geritten werden konnte. Das glücklichste wäre doch gewesen, wenn sie mir der Mandarin abgekauft hätte, dann wären beide Teile befriedigt gewesen; denn der Chinese hätte sich niemals daraufgesetzt, sondern nur vor seinen Freunden mit dem teuren europäischen Pferde renommiert, und die gute Witwe hätte sicher in dem chinesischen Stall ein beschauliches Leben geführt.
Es ging heute weiter auf einem recht langweiligen Wege; überall sah man noch vom Dunganenaufstande her zerstörte Dörfer. Rechts am Horizont wurden Hügelreihen sichtbar. Mittagsrast hielten wir in Yang-kia-tschwang, und abends waren wir in Fung Hsia. Es war zuletzt recht langsam gegangen. Die beiden speziell von Goo-ta-jen ausgesuchten Maultiere erwiesen sich als ein paar uralte, faule, müde Tiere, der Karren fiel halb auseinander, dagegen zeigte sich der mir so warm empfohlene Führer als ein netter, anständiger Mensch; wenigstens ein Trost. Als wir abends in dem Gasthaus ankamen, fielen die Tiere in der Schere vor Müdigkeit um, sie fraßen beide überhaupt nichts. Mein Mafu brachte mir zum Nachtisch eine ganze Menge wundervoller Feigen, meine Vorliebe für diese Frucht kennend. In dieser Gegend gab es sonst nur noch die gelben Kakis. Er hatte die Feigen unserm Fuhrmann gestohlen, der damit in Lantschau Fu ein Privatgeschäft machen wollte. Ich erfuhr erst, woher sie waren, als ich sie längst gegessen hatte.
Bei mir fing jetzt die Erkältung an herauszukommen, ich hatte etwas Fieber und fühlte mich recht unwohl. Die Nacht schlief ich kaum. Das Zimmer war mitten in den Lehm hineingebaut, wie hier allgemein üblich; es war aber geräumig und sehr sauber. Es ging weiter durch langweiliges Gelände, das nur zuweilen durch sehr tief eingeschnittene Löß-Schluchten unterbrochen wurde. Überall war terrassenförmiger Anbau, ich zählte einmal bis 28 Terrassen übereinander. Auf jeder derselben liegen die Höhlen-Wohnungen immer eine neben der anderen. In Yung-dju-hsien machten wir Mittagsrast, und bald versammelte sich eine große Volksmenge um mich. Die Mistsammler benutzten die Gelegenheit, um hinter uns den Misthaufen des Gasthauses zu stehlen, was zu einer rechthandgreiflichen Auseinandersetzung mit dem Wirte führte. Da die beiden Maultiere des Karrens trotz der leichten Last am Umfallen waren, spannte ich meinen Nepomuk noch dazu in die Karre. Ein Freund des Karrenführers hatte die Geschirre geliehen; Nepomuk ging so, als ob er nie etwas anderes getan hätte, sicher war er früher schon einmal eingespannt gewesen.
Auch auf dem weiteren Wege waren die Dörfer stets in den Lehm hineingebaut. Abends kamen wir nach Tai yüe. Mir war sehr elend zumute, nur fehlte merkwürdigerweise der Appetit nicht. Über Nacht tat mir ein Prießnitz-Umschlag sehr gute Dienste, und am 12. Februar morgens fühlte ich mich erheblich besser. Je höher wir kamen, um so kälter wurde es. Während um Hsi Ngan Fu herum eine milde, angenehme Temperatur geherrscht hatte, in der kalte Tage sehr selten waren, fiel hier das Thermometer morgens wieder auf minus 12 Grad, und wir hatten dazu einen unangenehmen Nordwest. Die Chinesen schlugen die ganze Nacht über Gongs und Trommeln zur Neujahrsfeier und brannten Feuerwerk ab, so daß ich wiederum kaum zum Schlafen kam.