Im Sattel durch Zentralasien: 6000 Kilometer in 176 Tagen
Part 10
Es wurde heute ziemlich spät, ehe wir eine geeignete Unterkunft fanden. Wir hatten ungefähr 70 Kilometer zurückgelegt. Meine Stube war ohne Tür; ich konstruierte einen Vorhang aus Decken; es gab nichts zu essen, und durch das beschädigte Dach schien zuerst der Mond herein, später schneite es, so daß ich eine recht ungemütliche Nacht hatte. Dabei faßte ich wieder einmal den Karrenführer beim Futterstehlen ab, d. h. nicht ihn selbst, sondern seine beiden Maultiere, die meinen Vorrat auffraßen, während er vergnügt zusah; die Tiere waren so gierig, daß ich von dem Geräusch aufwachte.
Gegen Mittag des 1. Februar kamen wir in Pu tschau fu an. Mir war schon mehrfach in den letzten Tagen aufgefallen, mit welcher Bereitwilligkeit mein Mafu stets nach dem Yamen wanderte und daß er jedesmal mit einem Diner zurückkam; ich schöpfte Verdacht, daß er in meinem Namen darum gebettelt habe, daher wies ich von jetzt ab die Diners zurück, sehr zum Leidwesen meines Mafu. Die Tiere waren heute wieder einmal von dem gestrigen schweren Marsch sehr müde. Der Druck des Nepomuk war sehr viel schlimmer geworden, der dicke Pony hatte eine Hornspalte bekommen, die ihn jedoch nicht weiter störte. Am 2. Februar morgens gings weiter durch glatte Ebene, die reich angebaut war. Die Bauern waren hier überall bei der Feldarbeit, die Neujahrsfeier schien auf dem Lande beendigt zu sein.
Wir kamen heute an den Hoang Ho; die letzten zehn Kilometer vor dem Fluße ging es durch die Ausläufer des Fönn tiau schan, der dann steil zu dem Hoang Ho abfällt. An der Fähre angelangt, mußten wir ziemlich lange warten, ehe die Fährleute sich entschlossen, an die Arbeit zu gehen. Sie treidelten dann die Fähre ungefähr 100 Meter stromauf und legten ein Laufbrett hinauf. Pferde und Maultiere mußten die fünf Meter bis zum Boot durchs Wasser gehen und dann über den ziemlich hohen Bord weg hineinspringen. Jedesmal gab es ein Theater, bis man glücklich eines der Tiere drinnen hatte, da die meisten natürlich nicht springen wollten. Trotzdem die Sache ziemlich lebensgefährlich aussah, kam nichts vor; schließlich waren zwei Karren, elf Tiere und gegen 60 Menschen im Boot; mit viel Geschrei wurde abgestoßen und die Fähre in dem reißenden, eistreibenden Strom mittels zweier mächtiger, von je fünf Mann gehandhabter Ruder ans andere Ufer gebracht. Der Strom ist hier gegen 220 Meter breit, man hat einen schönen Blick auf die jenseitigen Berge und auf Tung kwan, welches mit seinen mächtigen alten Festungsmauern das gegenüberliegende Tal sperrt. Das rechte Ufer ist ziemlich flach, und schließlich mußten zwei bis zum Gürtel nackte Menschen in das eiskalte Wasser hinaus, um das Boot am Ufer entlang zu einer besseren Anlagestelle zu ziehen; auch dies geschah wieder unter entsetzlichem Geschrei. Das ganze Übersetzen hatte wohl eine Stunde gedauert. Man balancierte dann auf dem hochkant gelegten Ruder ans Land, da sie natürlich die Laufstege am anderen Ufer vergessen hatten. Die Pferde mußten wieder ins Wasser springen, wobei einige ausrissen. Es gab beim Ausladen höchst spaßige Szenen, zumal sich beim Berichtigen des Fährgeldes einige Leute drücken wollten. Ich selbst brauchte auf meinen Paß hin nichts zu bezahlen, gab den Leuten aber ein anständiges Trinkgeld.
In Tung kwan, wo wir Mittagsrast machten, schickte der Yamen, der von meiner Anwesenheit jedenfalls gehört hatte, unaufgefordert ein Diner; also schien mein Mafu auch früher nicht darum gebettelt zu haben. Auf der Straße herrschte überall noch Festtrubel. Beim Verlassen der Stadt hatte ich den für China ziemlich überraschenden Anblick einer Rauferei, zu der Hasardspiel die Ursache gewesen war. Wir sind übrigens in die Provinz Schensi eingetreten; überall wird viel Reis gebaut.
Für einen Jäger wäre hier eine schöne Ausflugsgelegenheit, besonders Federwild ist recht zahlreich; ich sah zum Beispiel heute Wildgänse, rostbraune große Enten in Menge, Bussarde, Falken, wilde Tauben, Elstern, ganz schwarze Krähen, solche mit weißem Halsring, Mandelkrähen, Dohlen, Störche, Fischreiher, Spechte, Paradiesvögel und eine Menge kleine Vögel; dann noch einen großen rötlichen Vogel, der aufgebäumt war und, als ich ihm mit der Mauserpistole eins aufbrennen wollte, mit mißtönendem Geschrei langsam abstrich, ich kenne seinen Namen nicht. Alle diese Tiere, deren Mannigfaltigkeit der Arten ich tatsächlich nicht übertreibe, sind lächerlich vertraut; es scheint sie außer mir hier kein Mensch mit dem Schießprügel zu ängstigen. In den Bergen haust der Wolf und der Leopard, ob in ebensolchen Mengen, habe ich nicht feststellen können; mir haben es nur die Leute erzählt, ich hoffe es im Interesse derselben nicht. Da ich mir meine wenigen Patronen für später sparen wollte, unternahm ich noch nichts; Hasen sah ich überhaupt noch nicht, bei Tung kwan einmal einen Fuchs. Bei Pu tschau fu fand ich Trappen oder Bastarde, die hier vorkommen sollen.
Am 2. Februar abends in Chuarry miau angekommen, besah ich mir am nächsten Morgen einen schönen alten Stadttempel, in dem als besondere Sehenswürdigkeit eine ungefähr acht Meter lange, aus einem Stück geschnittene Schwarzsteintafel mit Fuß und Kopf gezeigt wird; leider ist sie durch scheußlich häßliche daran geklebte Zettel vollkommen entstellt. Sie erzählt von den Heldentaten des Kaisers Kien-lung. Beim Weitermarsch freute ich mich auf der Straße über die Menge von hübsch angeputzten, auf Eseln reitenden Frauen, bis ich erfuhr, daß es nicht Tai-tais, sondern von Kunstreisen über Neujahr zurückkehrende Damen der Halbwelt seien. Mittagsrast machten wir in einem kleinen Nest, in dessen Tempel oder vielmehr davor viele Hunderte von Menschen, besonders Weiber, um ein gesegnetes neues Jahr beteten; es war das reine Volksfest. Später, auf dem Rückwege, konnte man manchmal bis vier Menschen auf einem Ochsen oder Maultier reiten sehen.
Wir trafen auf dem weiteren Wege einen Reiter auf einem bildhübschen Schimmel; der Chinese hatte sofort erkannt, daß mir das Tier gefiel, und bot es mir für 150 Taels zum Kaufe an. Er behauptete, sein Pferd sei das schnellste in der ganzen Gegend; ich meinte dagegen, meine große Stute sei schneller, er wollte sofort um 50 Taels wetten. Ich überlegte schon, ob ich nicht auf die Wette eingehen sollte, als mein Mafu hinter mir sagte: "Herr, laß dir erst das Geld vorzeigen." Natürlich hatte der Kerl keinen Pfennig, machte dumme Ausreden und drückte sich baldigst.
Die Felder wurden in dieser Gegend schon grün, und wir hatten eine angenehme, warme Frühlingsluft. Nachmittags waren wir in Chua Dscho, wo das Unterkommen wieder einmal sehr viel Schwierigkeiten machte. Als wir schließlich unter Dach und Fach waren, fragte der Yamen an, ob wir nicht dort wohnen wollten. Nun war es natürlich zu spät, dafür schickte er Essen und Beleuchtung. Am 4. Februar legten wir annähernd 50 Kilometer zurück.
Am folgenden Tage dachte ich eigentlich direkt nach Hsi Ngan Fu zu marschieren, aber gewöhnlich kommt es anders, als man denkt, wie es ja meistenteils im Leben zu sein pflegt, besonders in demjenigen des Soldaten. Ich hatte meinen Mafu nach Ling tun vorausgeschickt, um das Karrenwechseln, was ich dort beabsichtigte, zu beschleunigen. Bei bedecktem Himmel und 2 Grad Kälte zog ich morgens los. Ein alter Mann, den ich nach dem Wege fragte, ließ sich mit mir in eine Unterhaltung ein, und als ich ihm erzählte, ich ritte nach Hsi Ngan Fu, riet er mir, unbedingt vorher Ling tun mit seinen heißen Quellen anzusehen. Ich folgte seinem Rat und bereue es keineswegs. Wir ritten links ab vom Wege auf die südlich gelegene Gebirgskette zu, deren Abhänge stellenweise noch mit Schnee bedeckt sind. Zuerst ging es durch hügeliges Gelände mit ausgedehnten Obstpflanzungen, dann durch ein Vorplateau mit Ackeranbau, hübsch unterbrochen durch Busch- und Baumparzellen, die die Gräber umgeben. Die Äcker waren schon leicht grün, bei einem bißchen Phantasie konnte man sich in eine Art englischen Park versetzt glauben. Gegen 10 Uhr ritten wir in die Stadt Ling tun Hsien ein, die in ihrem Äußeren sich durch nichts von anderen chinesischen Städten unterscheidet. Die uns Deutschen so lieben, charakteristischen Baustile bei alten Häusern in den verschiedenen Provinzen unserer schönen Heimat fehlen hier gänzlich.
Ich schickte meinen Mafu mit Paß und Visitenkarte zum Yamen, um das Bad benutzen zu dürfen. Sofort wurde mir ein äußerst höflicher Beamter mitgesandt, der uns durch die Stadt führte. Ungefähr einen halben Kilometer außerhalb der Stadtmauer, gerade am Fuße der Berge, gelangten wir an einen großen Gebäudekomplex mit teilweise roten Mauern, also kaiserliches Eigentum. Wir ritten durchs Tor in einen Yamen, wo ich einem andern ebenso höflichen Beamten anvertraut wurde, der meinen Mafu nach den Ställen wies und meine fernere Führung übernahm. Durch zwei weitere Höfe gelangte ich zu einer geschlossenen Halle mit vier kleinen Nebenräumen. Man bot mir sofort Tee und einen der Nebenräume zur Wohnung an, was ich dankend annahm. Auf meine Bitte, mir nun die Anlage ansehen zu dürfen, wurde sofort alles zur Besichtigung geöffnet. In den an dem ersten Hof gelegenen Räumen befindet sich ein mächtiges Bassin mit einer Quelle, die einen circa 25 cm starken, ziemlich starken Strahl sprudelt. Dieser Baderaum ist für die mittleren Klassen der Bevölkerung männlichen Geschlechts vorbehalten. In Adamskostümen planschen sie riesig vergnügt in dem heißen Wasser herum und spritzen und ducken sich unter, genau so, wie wir es als Jungen in der Schwimmanstalt getrieben haben. Durch mich und meinen Photographenapparat ließen sie sich nicht im mindesten stören. Außerdem sind an diesem Hof Küchen- und Dienerschaftsräume. Der zweite Hof mit seinen Räumlichkeiten ist für die "oberen Zehntausend" bestimmt. Drei Nebenräume der oben erwähnten Halle sind zu Wohnzwecken hergerichtet und dementsprechend ausgestattet, den Kang ersetzt eine hölzerne Pritsche. Der vierte Raum ist Baderaum; eine circa 20 cm starke Quelle strömt in ein 1½ m langes und 2 m breites Bassin aus Stein, zu dem eine breite steinerne Treppe herabführt.
An den zweiten Hof schließt sich ein weiterer offener Raum, in dem wieder eine Quelle in ein in chinesischem Stil unregelmäßig geformtes großes Bassin fließt. Daran nach Süden folgt ein hoher überwölbter Raum, der wiederum ein Bassin mit Quelle umschließt; letzteres ist acht mal zehn Meter groß. Über der Wölbung ist ein Tempel, an dessen äußerer Seite, der Quelle zugekehrt, Unmengen von Dankgebeten Geheilter, auf rote Seide oder Papier geschrieben, angebracht sind. Außerdem befinden sich in dem ganzen Komplex noch mehrere Quellen; sie sind alle gleichmäßig warm, ich maß sie auf 42 Grad Celsius; das Wasser ist ganz leicht schwefelhaltig, sonst kristallklar. Es badet sich sehr angenehm darin. Nach Osten zu schließt sich ein Gebäudekomplex an, der besonders für Angehörige des kaiserlichen Hauses vorbehalten ist, er wurde mir bereitwilligst geöffnet. Es ist ein reizendes Durcheinander von pittoresken Pavillons auf kleinen Inseln, von Felsaufbauten, Tempelchen und Baderäumlichkeiten. Das fließende Wasser ist in Teiche geleitet, die natürlich nicht gefroren sind und in denen Scharen von Goldfischen munter spielen. An einem besonderen Hof befinden sich die für die Allerhöchsten Herrschaften bestimmten Wohnräume, denen sich noch solche für die Leibwache anschließen. Die Einrichtung sämtlicher Räume ist einfach, aber in recht guter Ordnung gehalten und -- recht sauber. Da ich durch meinen Besuch beim Yamen offizielle Persönlichkeit war, wurde ich auch weiterhin dementsprechend behandelt; wo ich hinging, hatte ich stets mehrere, meiner Wünsche wartende Leute hinter mir. Vergessen habe ich noch zu erwähnen, daß sich nach Westen zu ein Bade-Yamen für die holde Weiblichkeit anschließt; der Kuli badet außerhalb im abfließenden Wasser, sein Bad beschränkt sich meist auf ein Abwischen des Gesichts und auf ein Fußbad. Der Gebrauch des Bades ist überall frei, abgesehen natürlich von dem hier in China fast noch mehr als in Europa üblichen Trinkgeld. Nachdem ich meine Sachen untergebracht hatte, stürzte ich mich sofort in die heißen Fluten, dankbar dem Geschick, das mich hierher führte, und ich muß sagen, daß ich mich nicht erinnern kann, jemals so angenehm gebadet zu haben wie hier im Innern Chinas.
Unterdessen war bereits in meinem Wohnraum das vom Yamen gesandte unvermeidliche Diner aufgebaut, das übrigens ganz vorzüglich war. Als Nachmittagsspaziergang wanderte ich, mit photographischem Apparat und Zeiß bewaffnet, zum Lau-mutjin-miau, dem auf einem die Stadt überhöhenden Berggipfel gelegenen hübschen Tempel. Meine Hoffnung auf einen Sonnenstrahl erfüllte sich leider nicht, so daß mir dadurch die berühmte Fernsicht von des Tempels Terrasse aus entging und auch mein Apparat keine Arbeit bekam. Für uns Europäer ist nur eins an der ganzen Anlage zu bedauern, nämlich, daß sie nicht nahe der Küste liegt und damit für uns die Heilkraft der Quellen nicht ausgenutzt werden kann. Der Chinese benutzt die Bäder sehr eifrig; zu Roß, zu Fuß und zu Karren sah ich von allen Seiten Leute heranströmen; dementsprechend ist denn auch der Trubel vor der Anlage, wo sich natürlich eine Unmenge fliegender Händler niedergelassen hat und ihre mehr oder minder duftenden Waren ausbietet. Wer den zweiten Hof unbefugt betritt, wird von einem sonst sehr freundlichen alten, weißbärtigen Diener mittels drei Meter langem Bambus sofort wieder hinausbefördert. Diese Beschäftigung, nebenbei seine einzige, scheint ihm einen Riesenspaß zu machen, denn ich sah ihn den ganzen Tag auf der Lauer sitzen.
Bei herrlichstem Wetter marschierten wir am 6. Februar gegen sieben Uhr morgens ab; das Thermometer zeigte plus vier Grad, und man fühlte sich in der wärmenden Sonne sehr wohl. Der Weg ist auch ferner schlecht, recht steinig und ausgefahren. Wir überschritten auf einer 300 m langen Steinbogenbrücke den Ba-ho. Der Übergang war sehr schlüpfrig, so daß die Tiere fortwährend am Hinfallen waren; ich ließ sie an den Köpfen führen. Leute dazu bekam man überall, da an beiden Enden der Brücke sich Verkäufer niedergelassen hatten, die den sowieso schmalen Durchgang noch mehr erschwerten. Das Flußtal ist hier mehrere Kilometer breit, und in ihm tummeln sich unendliche Scharen von Wildgänsen, Störchen und großen, wohlschmeckenden, rostbraunen Enten. Letztere waren schon paarweise zusammen, eigentlich recht früh. Ich schoß einmal, natürlich vorbei, da es für eine Mauserpistole doch etwas zu weit war. Einmal kamen wir an einem Rasthaus des Kaisers vorbei, das er auf seinem Rückzug nach Peking eine Nacht bewohnt hat; es war noch leidlich in Stand gehalten. Eigentlich ist es durch das Wohnen des Kaisers darin geheiligt und darf von keinem gewöhnlichen Sterblichen mehr benutzt werden. Ganz genau scheint man es jedoch hiermit nicht zu nehmen.
Durch einen Hohlweg gelangten wir steil aufsteigend zu einem etwa 50 Meter sich über die Talsohle erhebenden Plateau, und vor uns lag auf etwa 5 Kilometer Hsi Ngan Fu. Der bis jetzt stinkend faule Karrenführer schien durch den so lange ersehnten Anblick ermutigt zu sein, denn mit einem Male fuhr er im schlanken Trabe los. Vorbei an einigen Soldatenlagern, gelangten wir zur Ling tuner Vorstadt. Unterwegs hatte ich schon viele Leute nach dem bekannten alten Christenstein gefragt, der hier stehen muß, es konnte mir aber keiner Auskunft geben. Später erst stellte sich heraus, daß der Stein auf der Westfront liegt. Am Haupttore angelangt, hielt uns die Wache auf, fragte uns nach Namen, Nation, woher und wohin, dann ging es durch das mächtige dreiteilige Tor auf der mit breiten Steinquadern gepflasterten, ostwestlich laufenden Hauptstraße in die Stadt. Die Wache hatte uns einen Beamten als Führer mitgegeben. Auch hier findet wieder scharfe Scheidung zwischen Chinesen und Mandschu statt, letztere nehmen das nordöstliche Viertel ein. Daß diese Scheidung eine tatsächliche ist, sah man gleich an den unverkrüppelten Füßen der Frauen auf der Mandschu-Stadtseite. So gelangten wir bis zur Mitte der Stadt, über die ein vierteiliger Bogen erbaut ist. Wir bogen links ab in die Chinesenstadt, in ein Gewirr von Gäßchen mit unendlich lebhaftem Treiben. Hsi Ngan Fu macht hier unbedingt den Eindruck der Großstadt; weniger großstädtisch kamen mir die Herbergen vor, vor denen wir bald hielten. Trotzdem sie meist den stolzen Namen Ta-kuan-dienn führten, also große Beamtenherberge, waren es doch meist nur schmutzige, dumpfe Löcher mit ganz unglaublichen Ställen. Die besten Zimmer waren stets von reisenden Mandarinen besetzt. Weiter vorbei am Futai-Yamen, wo Tausende sich um kleine Verkaufsstände herumdrängten, um bunten Neujahrs-Krimskrams zu kaufen, vorbei an der vizeköniglichen Wache, die sich in ihrer hochroten, bestickten Uniform sehr hübsch ausnahm und laut unverschämte Bemerkungen über mich machte, kamen wir schließlich zur Westfront und fanden endlich nach langem Suchen eine einigermaßen annehmbare Unterkunft für Mann und Pferd in einer kleinen Herberge. Mein Führer meinte zwar, sie sei keineswegs standesgemäß, das störte mich jedoch weniger. Ich ließ zuerst die Wohnung etwas säubern, die Fenster neu kleben, ließ dann die Pferde füttern und mir selbst einen Happen besorgen.
Ein Mann, der gerade nicht den besten Eindruck machte, drängte sich an mich heran, er hatte gehört, daß ich nach Kaschgar ging und wollte mich durchaus dorthin begleiten. Ich nahm ihn als Führer zu Dr. Smith, an den mich eine Empfehlung aus Taiyuanfu wies. Den Mafu schickte ich mit Paß und Visitenkarte zum Yamen, um mich anzumelden. Durch unendlich viele Straßen mit einem bunten Getriebe, wie ich es kaum jemals in Peking gesehen habe -- es wurden meist Laternen in den unmöglichsten Formen, wie Drachen, Vögel, Fische, zu dem in fünf Tagen stattfindenden Laternenfest verkauft --, gelangten wir zum Yamen des Dr. Smith, der hier ein sehr gutgehendes Hospital aufgemacht hat. Natürlich war er gerade gestern abgereist; also weiter zum Missionar Shorrock, der in der östlichen Vorstadt wohnte, gerade dort, wo wir hereingekommen waren. Ich wurde von dem Missionar und seiner Frau, die beide chinesische Kleidung trugen, auf das liebenswürdigste empfangen. Natürlich sollte ich das Neueste erzählen, wußte aber weniger als die Leute selbst; dagegen hörte ich von unserm Freunde Tung-fu-hsiang, daß er sich zur Verteidigung und nicht zum Angriff rüstete und zusammen mit Prinz Tuan sich in Heichengtse fest verschanzt habe. Missionar Shorrock versprach mir für morgen einen Führer durch die Stadt. Ich selbst mußte gleich zurück, da mit Eintritt der Dunkelheit die Stadttore geschlossen werden und man ohne Gnade ausgesperrt wird. Bemerken muß ich hierzu, daß der Missionar in der Vorstadt wohnte, während ich selbst innerhalb der Stadt untergekommen war.
In der Stadt wurde überall getrommelt und Gongs zur Neujahrsfeier geschlagen. Der Mafu hatte meine Briefe nach der Küste auf dem Yamen abgegeben; mir selbst schickte der Yamen wiederum ein Diner. Neben meiner Stube hatte im nächsten Zimmer eine Hündin Junge, die die ganze Nacht quarrten; erst opferte ich mein Fleisch, um sie zu beruhigen, das half nichts; daraufhin stand ich wieder auf und beförderte sie hinaus ins Freie. Die Mutter hatte sie bald wieder zurückgeschleppt, und sie quarrten noch mehr, woraufhin ich mich in mein Schicksal ergab.
Am 7. Februar morgens holte mich einer der chinesischen Hilfslehrer aus der Mission zum Führen durch die Stadt ab. Ich fand in ihm einen freundlichen, des Ortes bis ins kleinste kundigen Mann und erhielt auch die Aufschlüsse über die Stadt, die ich haben wollte. Die Stadt ist eingeteilt in fünfzehn Bezirke, hat 40 Li Mauerumfang und gegen 300 000 Einwohner, jedoch sind die Angaben darüber sehr schwankend, wie stets bei chinesischen Städten; 20 000 davon sind Mohammedaner, 20 000 sind Mandschu, der Rest Chinesen. Die Stadt hat sowohl in der Politik wie im Handel stets eine bedeutende Rolle gespielt, im Handel weniger selbst produzierend, wie als Zentralsammelstelle und Durchgangspunkt für Waren. Ihre Gründung reicht bis in unbekannte Zeiten zurück, sicher steht fest, daß die erste Han-Dynastie von 202 vor Christo bis 24 nach Christo regiert hat und Schangan, das war der damalige Name, den man übrigens heutzutage auch noch recht häufig hört, besonders als Hauptstadt vorzog. Neben Schangan bestanden damals noch andere Hauptstädte. Später residierte hier die Sui-Dynastie von 589 bis 613 und die Tang-Dynastie von 618 bis 906. Unter letzterer erreichte die Stadt ihre höchste Blüte. Wir finden unter ihr die Einführung des Christentums, über dessen Verbreitung ein im Jahre 781 errichteter, beim Ausheben eines Grabes 1625 zufällig wieder aufgefundener Stein Kunde gibt. Er berichtet über "die berühmte Religion von Tatsin".
Als Missionen wirken hier: die englische Baptist-Mission, die schwedische Alliance-Mission und römisch-katholische Missionen. Die Tätigkeit der Missionen liegt mehr außerhalb der Stadt, auf dem Lande; soweit ich die Sache beurteilen konnte, schien mir die protestantische Mission keinen großen Erfolg zu haben, während die katholischen Missionen schon seit Generationen arbeiten und sehr fest fundiert sind.
Die zu oder von der Stadt führenden Hauptstraßen sind: von Peking, Honan, Lantschau Fu, Sze-tschuan, Hankau; auf diesen Straßen werden besonders ausgeführt: Felle, Tabak, Schuhwerk, Opium, Tee, Papier, Obst und auch sehr viel medizinische Sachen, die aus dem Westen kommen; als Einfuhrartikel sah ich meistenteils nur europäischen Schund.