Im Herzen von Asien. Zweiter Band.
Part 4
Hinter diesem Punkte folgte wieder sterile Wüste, aus deren lockerem Lehmboden vom Winde sehr eigentümliche, bis zu 8 Meter hohe Kegel und Würfel geformt worden sind, die oft täuschende Ähnlichkeit mit Ruinen von Häusern und Mauern haben. Am Abend wurde ein wichtiger Punkt erreicht, und jetzt kam Mollahs Wegkenntnis zum erstenmal zur Geltung. Er war mehrmals mit Karawanen von Abdall nach Sa-tscheo und zurück geritten, hatte dabei stets den Astin-joll (den unteren Weg) durch die Wüste benutzt und kannte dort alle Brunnen und ihre Namen. An einem der letzteren, +Atschik-kuduk+ (der salzige Brunnen), schlugen wir jetzt unsere Zelte auf. Er verdiente seinen Namen, denn das Wasser war selbst für die Kamele absolut untrinkbar. Spuren in dem feuchten, salzhaltigen Boden verrieten, daß vor gar nicht langer Zeit eine Karawane von Abdall nach Sa-tscheo hier vorbeigezogen war und ohne Zweifel Fische, welche die Chinesen sehr lieben, transportiert hatte.
Dieser Wüstenweg ist schon von Kosloff, Bonin und möglicherweise auch von Marco Polo bereist worden. Es war meine Absicht, ihn nur zu kreuzen und direkt nach Norden weiterzuziehen, aber die Klugheit gebot uns doch, uns nicht in unbekannte Wüstengegenden hineinzuwagen, ohne mit einem genügenden Eisvorrat versehen zu sein. Der nächste Brunnen im Westen war der +Tograk-kuduk+ (Pappelbrunnen); dort sollte das Wasser nach Mollahs Versicherung gut sein. Wir begaben uns also dorthin und ruhten einen Tag, an dem ein bedeutender Eisvorrat von dem Brunnen geholt wurde (Abb. 193). Es war keine Kunst, die Säcke zu füllen, da die Kälte noch -27,5 Grad betrug. Bei Tage war es allerdings nur ein paar Grad kalt.
Als wir uns am 8. Februar nordwärts auf eine lange, ziemlich waghalsige Reise ohne Rasttage begaben, hatten wir also für Menschen und Tiere auf mindestens zehn Tage Wasser.
Durch dichtes Schilf, das von der Kälte gelb und dürr geworden ist und knisternd bricht, wenn wir hindurchschreiten, geht es einem unbekannten Lande entgegen, aus dem nie zuvor eine Kunde zur Kenntnis der Europäer und ebensowenig der Asiaten gelangt ist. Ich ging, wie gewöhnlich, weit voraus. Unzählige Spuren von wilden Kamelen und Antilopen zeigen sich in allen Richtungen, Kulane aber gibt es in dieser Gegend nicht; die Luft ist wohl zu dicht für ihren geräumigen Brustkorb. Auf einmal hört der Vegetationsgürtel auf und endet mit einem Labyrinth von Lehmkegeln, die tote Tamarisken tragen. In einer Bodensenkung, wo das Erdreich feucht aussah, hielt ich es für der Mühe wert, noch einen Brunnen zu graben. Im Norden erhob sich eine wohl 70 Meter hohe Terrasse. In eine ihrer Talmündungen wollten wir hineinziehen.
Die Karawanenglocken kommen immer näher. Die Weide war an dieser Stelle gut, und die Kamele sollten noch einmal eine stärkende Mahlzeit haben. Der Brunnen gab leidliches Wasser, und aus der Winterkälte machten wir uns wenig; sie wurde durch prächtige Feuer gemildert.
Ein passendes Tal lockte uns in seine Mündung hinein, und einen ganzen Tag ritten wir durch seine Rinne nach Norden. Der Boden hebt sich außerordentlich langsam, für das Auge geradezu unmerklich. Nach vorhandenen Karten von Innerasien müßte hier eine gewaltige Bergkette liegen, aber die Anhöhen, die wir jetzt auf allen Seiten sahen, waren so unbedeutend, daß sie kaum den Namen Berge verdienten. In einer kleinen Schlucht fand ich Stücke eines uralten Eisentopfes von sphärischer Form und einen Dreifuß, der unten einen Ring hatte. Offenbar waren hier in früheren Zeiten Chinesen oder Mongolen vorbeigekommen. Waren wir hier vielleicht wieder auf die Fortsetzung des Weges, den wir im Astin-tag gesehen hatten, gestoßen, oder war dies ein alter Weg nach Chami?
Daß wir uns in einer Gegend befanden, wo einstmals menschliche Verbindungsstraßen gelegen haben mußten, wurde uns während der folgenden Tagereise völlig klar. In dem breiten, offenen Tale, dem wir nach Norden folgten, zeigten sich nämlich oft Steinmale und Steinhaufen. Da, wo das Tal in flaches, wellenförmiges Terrain auslief, teilte sich der alte Weg. Eine Reihe von Steinmalen erstreckte sich nach Westsüdwesten, eine zweite nach Nordwesten. Der erste dieser beiden Wege hat wahrscheinlich nach den Ruinen geführt, die wir früher am Nordufer des Lop-nor gefunden hatten. Der zweite, den wir einschlugen und der nach Turfan zu gehen schien, führte uns auf einen niedrigen, rötlichschimmernden Kamm von ganz verwittertem Granit. Fern im Norden wurde die Aussicht durch eine etwas höhere Kette versperrt. Die Landschaft ist seltsam, öde, verlassen und stumm. Wie die Menschenspuren uralt sind, ihre Bedeutung verloren haben und nur noch in den Steinmalen als Erinnerungen aus vergangenen Zeiten dastehen, so sind auch die Bergketten hier auf dem Wege, vom Erdboden vertilgt worden. Wenn man an Tibet gewöhnt ist, kann man sich beinahe nicht entschließen, diese kleinen Landrücken Berge zu nennen. Sie sind zerfallende Ruinen von einstmals hohen Bergketten, welche jetzt durch die Einwirkung der in der Atmosphäre wirkenden Kräfte Stück für Stück zerstört werden. Doch denselben von Osten nach Westen gerichteten Parallelismus wie in Tibet finden wir auch hier wieder.
In einer geschützten Spalte auf der Nordseite des Kammes fanden wir eine liegengebliebene Schneewehe, die den Kamelen sehr zupasse kam. Vielleicht hat dieser Schnee sie vor dem Verdursten gerettet, denn zum Wasser hatten wir noch sehr weit.
Drittes Kapitel.
Durch unbekanntes Land auf der Suche nach Wasser.
Die ersten Anzeichen des Frühlings machten sich jetzt bemerklich, und die Winde waren nicht mehr ganz so schneidend kalt wie bisher. Die Minimaltemperatur stieg freilich selten über -20 Grad; aber unser langer Winter näherte sich doch seinem Ende. Im Juli des vorigen Jahres hatte er begonnen und ununterbrochen fortgedauert.
Am 11. Februar überschritten wir eine Bergkette von unbedeutender relativer Höhe. Wilde Kamele haben hier außerordentlich zahlreiche Spuren hinterlassen. Sie schienen oft nach der obenerwähnten Schneewehe, der keine weiteren folgten, zu gehen. Wahrscheinlich hat die Erfahrung die Tiere gelehrt, daß die geringe Schneemenge, die hier gelegentlich fällt, an jener Stelle die größte Aussicht hat, liegenzubleiben.
Am 12. gingen wir in einer fabelhaft öden Gegend, die nur selten durch eine Kamelspur belebt wurde, nach Nordnordosten. In der Ferne sieht man auf allen Seiten einzelne, niedrige Hügel, aber ziemlich lange Zeit ist es unmöglich festzustellen, in welcher Richtung der Boden fällt. Es gibt hier allerdings flache, gewundene Bachbetten, aber sie sind trocken wie Zunder, und oft hat es den Anschein, als müßten Jahrzehnte vergangen sein, seit sie zuletzt Wasser geführt haben. Der Blick reicht unendlich weit nach allen Seiten hin. Da keine Veränderung eintrat und keine Hoffnung vorhanden schien, daß wir hier Quellen oder Schnee finden könnten, schwenkten wir nach Nordwesten und Westen ab.
Die beiden folgenden Tagemärsche gingen nach Südwesten. Ich hielt mit dem Kurse immerfort auf Altimisch-bulak zu, da wir ja einen Bogen nach Nordosten gemacht hatten. Unsere Lage war kritisch; der noch vorhandene Eisvorrat reichte freilich für uns und die Pferde noch mehrere Tage, aber die Kamele konnten keinen Tropfen mehr bekommen, und unser ganzes Streben war darauf gerichtet, diese unermüdlichen Veteranen um jeden Preis zu retten. Die Spuren der wilden Kamele wurden nunmehr stets auf der Karte verzeichnet. Ich glaubte, daß man aus ihren Richtungen Schlüsse auf die Lage von Quellen und Weideplätzen würde ziehen können. Die Spuren gingen meistens nach Nordwesten oder Südosten. Im Südosten dehnen sich die Kamischsteppen am Astin-joll aus, die wir schon durchquert hatten, und im Nordwesten gab es wahrscheinlich Quellen, die nur den Kamelen bekannt waren. Ich ging meistens zu Fuß und ruhte mich nur zeitweise im Sattel aus. Wenn es wirklich darauf ankam, eine Situation zu retten, hatte ich keine Ruhe zum Reiten. Die Kamele sind unerschütterlich ruhig und geduldig; nachts liegen sie geknebelt, keinen Grashalm bietet ihnen diese wüste Gegend, aber noch haben wir Vorrat von der Gerste der Mongolen.
Am 16. Februar sah ich ein, daß wir, wenn wir eine Katastrophe vermeiden wollten, direkt nach Süden gehen und versuchen müßten, den Wüstenweg mit seinen salzigen Brunnen wieder zu erreichen. Vergeblich spähten wir nach einer liegengebliebenen Schneewehe umher. Wir mußten nach dem flachen Lande hinunter, wo wir wenigstens versuchen konnten, einen Brunnen zu graben. Ich erstieg einen Paß in einer unbedeutenden Kette. Die Aussicht war nichts weniger als ermutigend, denn auf allen Seiten zeigten sich kleine Landrücken; es war dieselbe Mondlandschaft wie immer, dieselben trockenen Hügel ohne eine Spur von Gras, aus dem man auf eine gewisse Feuchtigkeit des Bodens hätte schließen können.
In einem breiten Tale sahen wir 57 frische Kamelspuren. Sie sammelten sich fächerförmig von allen Seiten und vereinigten sich zu einer Heerstraße, die ohne Zweifel nach einer Quelle führte. Nachher sahen wir noch 30 Spuren, die alle nach der großen Heerstraße gingen. Wir machten einen Augenblick Halt und hielten Kriegsrat. Gewiß war es, daß es hier nach einer Quelle ging, aber wie weit war es dorthin? Vielleicht mehrere lange Tagemärsche. Würde es nicht besser sein, nach Altimisch-bulak, das wir wenigstens kannten, zu ziehen? Wir folgten diesen Spuren nicht, so verlockend sie auch waren. Ganz kürzlich waren sie wie helle Stempel in den Boden gedrückt worden, aber merkwürdigerweise ließen sich die Kamele selbst nicht sehen. Bis in die unendliche Ferne lag das Land leer und schweigend da. Es war, als ob unsichtbare Geister diese Spuren hervorgerufen hätten. Ganze Karawanen von wilden Kamelen waren hier kürzlich gezogen, aber kein Tier war zu erblicken. Die Spuren führten nach Norden, vielleicht nach der Pawan-bulak, einer Quelle, von der Abdu Rehim, wie er mir im vorigen Jahre mitgeteilt hatte, gehört, die er aber nicht besucht hatte.
17. Februar. Unsere Lage fängt an, recht bedenklich zu werden. Die Kamele haben seit zehn Tagen außer einigen Mundvoll Schnee, die wir vor einer Woche fanden, nichts zum Löschen ihres Durstes bekommen. Ihre Kräfte können nicht bis in alle Ewigkeit ausdauern.
Während unseres heutigen Marsches ließen wir die kleinen Ketten, die wir auf dem Zuge nach Norden überschritten hatten, der Reihe nach hinter uns zurück. Sie laufen eine nach der anderen im Westen aus und verschwinden dort spurlos; sie stehen also nicht einmal in fortlaufender Verbindung mit dem Kurruk-tag, obgleich sie zu demselben orographischen System gehören. Fern im Westen sahen wir die Ketten des Kurruk-tag; sie waren höher und größer als die bisher von uns überschrittenen. Da wir in ihrer Nähe größere Aussicht hatten Wasser zu finden als in der Wüste, richteten wir den Kurs dorthin und zogen nach Westen.
Nachdem ich die äußersten Vorsprünge des Gebirges hinter mir gelassen hatte, gelangte ich auf ganz ebenen salzhaltigen Boden hinunter, der jedoch auch Höcker in Gestalt von höchstens 2 Meter hohen Rücken und Anschwellungen hatte. Die Wüste erstreckt sich im Südwesten bis ins Unendliche, und auch im Nordosten wird ihr Horizont durch keine Berge verdunkelt.
Nachdem ich fünf Stunden zu Fuß gegangen war, wartete ich auf die Karawane. Das Terrain wurde nachher schlechter als die Sandwüste. Es waren dieselben Jardang oder Lehmrücken, die wir von der Lopwüste her kannten; hier aber waren sie bis zu 6 Meter hoch und 10 Meter breit. Sie haben eine nordsüdliche Richtung und liegen in unzähligen Reihen. Gäbe es nicht hie und da kleine Unterbrechungen durch Lücken, so wäre das Terrain vollkommen unpassierbar, denn ihre Seiten sind senkrecht. Wir müssen halbe, ja ganze Kilometer zwischen ihnen zurücklegen, ehe die nächste Lücke uns erlaubt, einige zehn Meter in unserer Richtung zu gehen. Hier nützt alle Geduld nichts; solch ein Terrain kann den Menschen zur Verzweiflung bringen.
Schließlich gelang es mir aber doch, uns aus diesem zeitraubenden Labyrinth hinauszulotsen. Bei dem zwischen einigen Hügeln aufgeschlagenen Lager war das organische Leben nicht einmal durch eine vom Winde verschlagene Tamariskennadel vertreten.
Todmüde krieche ich in meine Filzdecken und Pelze, habe aber noch lange nicht ausgeschlafen, wenn der Kosak mich weckt. Schon bei Tagesgrauen herrschte halber Nordsturm, der am Nachmittag in einen ohne Rast und Ruh heulenden und pfeifenden Buran erster Ordnung ausartete, und zwar in einen, der dicht am Erdboden hinfegt, Staub, Sand und kleine Steine mitweht und uns eiskalt gerade in die Seite schlägt. Wie man auch geht, immer wird man steif vor Kälte; die Hände schwellen auf und verlieren das Gefühl. Dies ist eine neue Unannehmlichkeit, die sich zu der Besorgnis um die Kamele und der Sehnsucht nach Wasser gesellt. Die Drangsale sammeln sich bösen Geistern gleich um unsere Karawane. Das Terrain ist abscheulich, unzählige Hügel müssen rechtwinklig gekreuzt werden.
Ich ging voraus und schleppte die Meinen 40 Kilometer weit mit. Unser Feuerungsvorrat war längst zu Ende, und kein Span war zu entdecken. Nichts weiter als Steine, Kies und Sand in dieser tückischen Mausefalle, die uns festhalten will und vor deren teuflischen Absichten wir unser Leben retten müssen. Die Kette, auf die mein Kurs gerichtet ist und an deren Fuße wir eine Quelle zu finden hofften, scheint zurückzurücken und vor uns zu fliehen. Sie verschwand jetzt vollständig im Nebel der Staubwolken; gegen Abend erschien sie daher unerreichbarer denn je. Die Kamele bewahrten trotz dieses forcierten Marsches ihre aufrechte, königliche Haltung und, obwohl sie keinen Stengel zu fressen, keinen Tropfen Wasser zu trinken bekamen, gingen sie doch mit hocherhobenem Kopfe und großen, nie unsicheren Schritten vorwärts.
Wir lagerten in der Dämmerung in einem offenen Tale, das keinen Schutz vor dem Sturm gewährte. Die Jurte bekam drei Überzüge von Filzdecken, aber der Ofen ließ sich aus Mangel an Brennholz nicht benutzen. Das bißchen Wärme, welches ich selbst, mein treuer Reisekamerad Jolldasch und das flackernde Licht verbreiten, wehen die Windstöße fort. Ein Sandwall wird rings um den unteren Jurtenrand aufgeworfen, aber trotzdem ist es drinnen so kalt wie in einem Keller. Von dem Eise sind nur noch einige Stücke übrig. Meine armen Begleiter begnügten sich mit einem Souper von einigen Stückchen Eis und Brot und krochen dann so schnell wie möglich unter ihre Filzteppiche; eine Holzlatte, die geopfert wurde, reichte nur zum Wärmen meines Tees.
Während draußen der Sturm die ganze Nacht tobte, schlief ich gut und ruhig in meinen Pelzen, fand es aber am Morgen des 19. Februars recht kalt, als ich ohne das gewöhnliche Morgenfeuer aufstehen mußte. Sobald ich nach einem Becher Tee und einem Stück Brot fertig war, eilte ich zu Fuß voraus. Wasser, Wasser! Das war der einzige Gedanke, der alle beherrschte; wir mußten um jeden Preis eine Quelle finden, denn die Kamele hatten seit zwölf Tagen nichts getrunken. Unsere Lage war wirklich kritisch; fanden wir kein Wasser, so würden die Kamele eines nach dem anderen sterben, gerade wie in der Wüste Takla-makan. Hier hatten wir jedoch den Vorteil, daß die Luft kalt und der Boden hart und eben war und uns erlaubte, die Gegenden in langen Tagemärschen zu durchmessen.
Ich hielt noch immer auf die Quelle Altimisch-bulak zu, deren Lage ich seit dem vorigen Jahre kannte. Doch nach Abdu Rehim sollte es östlich von ihr noch drei Quellen geben, und diese waren es, auf die ich jetzt hoffte und die ich suchte. Wie leicht aber konnten sie hinter Bodenerhebungen verborgen, hinter kleinen Kämmen versteckt oder tief in einer vom Wege aus unsichtbaren Bodensenke liegen. Wir konnten ahnungslos an ihnen vorbeigehen und uns wieder in dieses Meer von Einöden hineinverlieren. Sehr beeinträchtigt wurden wir auch durch den Sturm, der uns nur die allernächsten Gegenstände unterscheiden ließ. Entferntere Berge und Anhöhen verhüllte der Nebel; ich konnte mich daher nicht der Karten vom Vorjahre zur Orientierung bedienen. In der Takla-makan wußten wir wenigstens, daß wir stets an den Chotan-darja gelangen würden, gleichviel auf welchem Wege wir nach Osten gingen, und nach dem Zuge im Bett des Kerijaflusses mußten wir schließlich den Tarim erreichen, wenn wir nur nördlichen Kurs einhielten. Dort handelte es sich um Linien, hier aber um Punkte, an denen man in der staubgesättigten Luft leicht vorübergehen konnte, und hätten wir dies getan, so würden wir die Gegenden des Tarim nie wiedergesehen haben.
Mit steigendem Interesse beobachteten wir die oft ziemlich frischen Spuren der wilden Kamele, die nur im losen Sande vom Winde ausgelöscht, sonst aber deutlich waren. Man weiß, daß die Tiere vom Wasser kommen oder nach Wasser gehen und daß die Spur, ob man sie nach dieser oder jener Richtung hin verfolgt, früher oder später an eine Quelle führen muß. Aber es kann Tage und Wochen dauern.
Ich fühlte mich stets versucht, den Kamelpfaden zu folgen, und tat es mehrere Male. Sie sind sehr sonderbar. Ohne die geringste Veranlassung machen sie scharfe Biegungen im rechten Winkel; wenn sie mich aber gar zu sehr in die Irre führen, verlasse ich sie voller Ärger, aber nur, um bald auf einen neuen Pfad zu geraten. Im großen und ganzen liefen die Spuren von Norden nach Süden. Sah ich nach Norden, so erblickte das Auge eine rotbraune, sterile Bergwand, während im Süden nur die unabsehbare Wüste lag. Also war es am besten, westwärtszugehen und nach Abdu Rehims drei Quellen zu suchen.
Ich ging, als brennte es hinter mir, und ließ die Karawane weit hinter mir zurück. Meine in Schweden gemachten Stiefel hingen nach den 300 zu Fuß zurückgelegten Kilometern kaum noch in den Nähten zusammen, und meine Füße waren voller Blasen und schmerzten mich sehr. Schagdur, der mir sonst mein Reitpferd nachzubringen pflegte, ließ sich nicht blicken. Ich hatte beschlossen, nicht eher Halt zu machen, als bis ich Wasser gefunden hatte; ich wurde heute 36 Jahre alt und erwartete zum Abend eine angenehme Überraschung. Die Kamelspuren wurden nach Westen zu immer zahlreicher und bestärkten meine Hoffnung. Ich konnte jetzt keine zwei Minuten gehen, ohne eine Spur zu kreuzen.
Schließlich gelangte ich an einen niedrigen Bergrücken, der mich zwang, eine südwestliche und südsüdwestliche Richtung einzuschlagen; ich ging daher in ein ausgetrocknetes Bett hinunter, in dem kürzlich 30 Kamele gewandert waren. Da ich hier eine Tamariske fand und Fährten von Hasen und Antilopen erblickte, blieb ich eine Weile an einer geschützten Stelle stehen. Diese Tiere können sich nicht sehr weit vom Wasser entfernen.
Jetzt kam Schagdur, und wir beratschlagten. Im Süden zeigten sich mehrere Tamarisken; dorthin lenkten wir unsere Schritte. Der Boden war hier stark feucht, aber auch mit einer dicken Salzkruste überzogen, und der Brunnen, der gegraben wurde, als die Karawane dort angelangt war, lieferte eine konzentrierte Salzlösung. Wir gingen daher nach Südwesten weiter. Der Sturm schob von hinten nach.
Ich eilte mit Schagdur vorwärts. Mein Schimmel folgte mir von selbst wie ein Hund, und Jolldasch schnüffelte und suchte überall umher. Nun folgten wir der Spur einer Herde von 20 Kamelen. So kamen wir mitten vor einen Talschlund, der auf unserer rechten Seite zwischen 3 und 4 Meter hohen Terrassen gähnte. In dieser ziemlich breiten, trompetenförmigen Mündung vereinigten sich alle Kamelspuren der Gegend zu einem Bündel oder einer Heerstraße, die in das Tal hineinging. Ich folgte ihr und war noch nicht zehn Minuten gegangen, +als ich Jolldasch an einer weißglänzenden Eisscholle saugen sah+!
Wir waren gerettet und hatten einen neuen Haltpunkt gewonnen, an dem die Karawane sich für die nächste Wüstenstrecke kräftigen konnte!
Die Quelle war wie gewöhnlich salzig, aber die Eisscholle, die nur 12 Meter Durchmesser hatte und 10 Zentimeter dick war, war ganz süß. Merkwürdigerweise hatte die Quelle nicht mehr als zwei kleinen, auf niedrigen Kegeln wachsenden Tamarisken Leben gegeben.
Schagdur blieb erstaunt vor dem Eise stehen und glaubte fast, daß ich auf irgendeine geheimnisvolle Weise von dieser im Tale versteckten Quelle Kenntnis gehabt haben müsse, da ich direkt dorthingegangen war.
Oben auf der linken Uferterrasse erhob sich eine kleine halbmondförmige, einer Brustwehr oder einem Schirme gleichende Mauer, hinter welcher entschieden Jäger auf die wilden Kamele, die an der Quelle tranken, zu lauern pflegten.
Nun ließen wir uns nieder und zündeten ein Feuer an. Die Karawanenleute waren ebenfalls erstaunt und außerordentlich erfreut. Alle segneten diese rettende Eisscholle, von der wir mit neuen Eisvorräten nach Altimisch-bulak ziehen konnten. Erst aber bedurften wir einiger Rasttage nach dem Eilmarsche, dessen Wirkungen alle in den Beinen spürten. Faisullah und Li Loje gingen talaufwärts, um dort nach Weide auszuschauen, und kamen mit einigen dürren Stauden wieder, welche die Kamele sich gut schmecken ließen. Von dem Eise sollten sie erst fressen, nachdem sie sich von dem Marsche ausgeruht hatten, aber die Pferde durften sofort an seiner porösen Fläche knabbern.
Es war recht lustig, die Kamele abends mit kleingehackten Eisstücken zu füttern. Sie standen geduldig wartend im Kreise, und ein Stück nach dem anderen wurde zwischen ihren Zähnen zermalmt. Sie knabberten das Eis wie kleine Kinder Kandiszucker, und ihre Augen glänzten vor Freude und Zufriedenheit. Für uns wurden einige Säcke mit großen Eisscheiben gefüllt. Die Scholle war ergiebiger, als wir anfänglich geglaubt hatten und genügte überreichlich für unsere Bedürfnisse; aber die wilden Kamele, die sich während unseres Aufenthaltes der Quelle nahten, mußten unverrichteter Sache wieder umkehren.
Am 22. Februar legten wir nur 20 Kilometer zurück. Infolge des Nebels täuscht man sich unaufhörlich in der Entfernung. Wir lagerten in einer kleinen Oase von Tamarisken und Kamisch. Die Sträucher waren ziemlich dicht, aber trocken und lieferten uns Material zu größeren Feuern, als wir seit lange gehabt hatten.
Die Landschaft verändert sich von einem Tage zum anderen nur wenig und ist höchst einförmig. Alle Berge bleiben rechts liegen. Die Ausläufer des Kurruk-tag zeigen sich als abgebrochene Ketten, und wir passieren eine nach der anderen. Wir haben also gefunden, daß dieser Gebirgszug nach Osten hin immer niedriger und unbedeutender wird, ebenso wie das Land in jener Richtung steriler und die Quellen seltener und salziger werden.
Alles ist still und öde, nur der unermüdliche Wind fegt am Boden hin. Ich wanderte gedankenvoll durch dieses unbekannte Land und folgte mechanisch einer Ansammlung von Kamelspuren, die mich an eine neue Quelle mit einer weithin glänzenden Eisscholle führte. Hier treffen die Pfade der wilden Kamele gleich Radien aus allen Himmelsrichtungen zusammen. Auch hier durften unsere Tiere eine Weile grasen; ich ging unterdessen nach Südwesten weiter.
Als ich zwischen niedrigen Hügeln talaufwärts ging, einem ziemlich tief in den Boden eingetretenen Pfade folgend, erblickte ich ein großes, schönes Kamel, das mich in dem Gegenwinde nicht witterte. Ich blieb stehen und wartete auf die Karawane, um Schagdur Gelegenheit zu geben, es zu schießen. Teils brauchten wir Fleisch, teils wollte ich ein vollständiges Skelett und eine Haut haben. Doch die Hunde verjagten das Tier, und so entging es der Gefahr. Schagdur war in der Hoffnung, dort eine Beute erwischen zu können, an der Quelle geblieben.