Im Herzen von Asien. Zweiter Band.

Part 28

Chapter 283,680 wordsPublic domain

Einmal, als wir langsam nach dem Gipfel eines Hügels hinaufritten, stürmte Malenki seitwärts nach einer anderen Anhöhe und erhob ein wütendes Gebell. Wir glaubten, er habe Menschen gesehen, und ich ritt ihm schleunigst nach und geriet dabei einem Bären, der eifrig an einer Murmeltierhöhle kratzte, beinahe auf den Leib. Als der Petz mich erblickte, sprang er auf und lief, von den Hunden verfolgt, im Galopp davon. Die Hunde holten ihn bald ein, doch jetzt machte der Bär Front und schickte sich an, Malenki eins auf die Schnauze zu geben. Der Hund kehrte nun ebenfalls um und kam zu uns zurück, aber Jollbars hatte noch einen langen Tanz mit dem Petz, der auf so unverschämte Weise in seiner erwarteten Abendmahlzeit gestört worden war.

Jetzt ging es verwünscht langsam vorwärts; es war nutzlos, den Weg fortzusetzen, wir rasteten auf der ersten besten Weide. Der Himmel sah noch immer unheildrohend aus, und die Wolken hatten dieselbe rote oder brandgelbe Farbe wie das Erdreich.

Wieder folgte eine finstere, endlose Nacht, denn vor Tibetern und Bären mußten wir auf der Hut sein. Die Sprache der Nacht ist erhaben, nur nicht in Tibet, wenn man Pferde hüten muß. Von nun an werde ich ein gewisses Mitleid mit unseren Pferdewärtern haben. Wir sehnten uns nach dem Hauptlager wie zu einem großen Feste, schon allein deshalb, weil wir dort nachts würden ausschlafen können. Jeder von uns hat beim Wachehalten seine besonderen Gewohnheiten. Ich schreibe, sitze in der Zelttür und mache von Zeit zu Zeit eine Runde um das Lager. Schagdur sitzt in seinen Pelz gehüllt mitten unter den Tieren und raucht seine Pfeife. Der Lama wieder streift umher und murmelt mit singender Stimme Gebete. Jetzt fehlten uns zwar nur noch 35 Kilometer, aber unsere Tiere hatten, vom Hauptlager an gerechnet, bereits 500 Kilometer zurückgelegt, und es war wenig Aussicht vorhanden, daß wir dieses in einem Tage erreichen würden. Nun wohl, jedenfalls mußten wir so nahe an den Umkreis, innerhalb dessen die Unsrigen die Gegend bewachten, herankommen, daß wir uns für ziemlich sicher halten konnten.

Wir schliefen am Morgen gründlich aus, um die Tiere möglichst lange weiden zu lassen. Sodann ging es zu einem Passe hinauf, von dem wir das weite, offene Tal, in welchem wir die erste Nacht geruht hatten, zu sehen hofften. Doch jenseits des Passes war nur ein Gewirr von Hügeln zu erblicken. Es war wunderbar, daß unsere Tiere mit dem Nordabhange fertig wurden, der da, wo die Sonne nicht eingewirkt hatte, aus lauter Schlamm bestand. Wir müssen zu Fuß gehen und auf flachen Sandsteinplatten und Moosrasen balancieren, sonst sinken wir knietief ein. Die Karawane sieht höchst sonderbar aus, denn die Tiere waten so tief im Morast, daß sie mit dem Bauche den Boden berühren; es ist, als durchwateten sie einen Fluß. Wir steuern nach allen Flecken, die trocken scheinen, mühsam und sehnsüchtig hin, um uns dort eine Weile zu verschnaufen und die Lasten wieder zurechtzurücken. Die Hoffnung täuschte uns; noch zwei ebenso greuliche Pässe waren uns beschieden. Hätte ich hiervon eine Ahnung gehabt, so würde ich natürlich unseren alten Weg gegangen sein, der wie eine Brücke durch ein Moor, in dessen böse Sümpfe wir hilflos hineingeraten waren, zu führen schien.

Endlich erreichten wir mit erschöpften Kräften ein kleines Tal, das nach unserem offenen Tale führte, dessen wohlbekanntes Panorama ein erfreulicher, belebender Anblick war. Jetzt merkten wir, daß wir beim Waten im Moraste den Spaten verloren hatten. Der Lama ging zurück, ohne ihn zu finden, stieß dafür aber auf eine alte tibetische Zeltstange, die uns abends beim Feueranzünden gut zustatten kam. Rebhühner, Hasen und Kulane zeigen sich überall, und, wie gewöhnlich, sind die Raben in diesem unwirtlichen Gebirge heimisch.

Es war herrlich, wieder auf tragfähigem Boden zu reiten. Neun Kulane leisteten uns eine Zeitlang Gesellschaft. Auf einer Anhöhe rasteten wir einige Minuten, um die Gegend zu überschauen. Keine Spur, keine schwarzen Punkte, die unsere weidenden Tiere sein konnten, kein Rauch war zu sehen! Die Gegend lag ebenso still und öde da, wie wir sie zuletzt gesehen hatten, und absolut nichts deutete darauf hin, daß sich Menschen in der Nachbarschaft befanden.

Obwohl die Sonne schon tief stand, schienen meine Kameraden doch zu glauben, daß wir noch zu den Unsrigen gelangen würden, denn sie ritten immer schneller. Die Tiere, die sonst gewöhnlich in einem Haufen getrieben wurden, mußten hier in einer Reihe hintereinander und mit Stricken verbunden marschieren, da das Gras sie zu sehr in Versuchung führte. Schagdur leitete drei, ebenso der Lama, und ich ritt als Treiber hinterdrein. Schagdur hatte einen bedeutenden Vorsprung. Mein Reitschimmel, der mir den gestohlenen ersetzt hatte und der, nachdem er kraftlos geworden, durch eines der tibetischen Pferde ersetzt worden war, brach plötzlich zusammen und blieb auf der Erde liegen. Man mußte glauben, daß seine letzte Stunde gekommen sei; wie es schien, fing er schon an zu erkalten. Der Lama schmierte ihm die Nüstern innen mit Butter ein und zwang ihn, Lauch zu kauen. Große Tränen rollten aus den Augen des Pferdes, und Schagdur sagte, es weine darüber, daß es jetzt, nachdem es so ehrenvoll alle unsere Anstrengungen geteilt, nicht zu seinen alten Kameraden zurückkehren könne. Inzwischen schlugen wir Lager, und die Tiere wurden auf die nächste Weide geführt.

Die Nacht verlief ruhig unter frischem, nördlichem Winde. Die Hunde knurrten nicht einmal, und keine Feuer waren sichtbar.

Als wir am 20. August aufbrachen, strömte der Regen nieder, was uns jedoch wenig störte, weil der Boden jetzt beinahe überall fest und tragfähig war. Sogar der Schimmel hinkte mit. Als wir die roten Hügel in der Nähe unseres ersten Lagerplatzes, auf dem Hinwege, passiert hatten, ertönten zwei Flintenschüsse und eine Weile darauf ein dritter. Ein Yak stürmte nach den Hügeln hinauf. Wir richteten unseren Kurs sofort dorthin und bemerkten bald zwei Punkte, die sich im Fernglase nach und nach zu zwei Reitern entwickelten. Waren es tibetische Yakjäger? Nein, denn es zeigte sich bald, daß sie gerade auf uns zu ritten. Als sie nähergekommen waren, erkannten wir in ihnen Sirkin und Turdu Bai. Wir saßen ab und warteten, bis sie vor Freude weinend heransprengten, ganz entzückt von der heutigen Jagd, -- eine solche Beute hatten sie sich nicht träumen lassen, als sie am Morgen ausgeritten waren, um sich Fleisch zu verschaffen! Sie hatten nämlich nur noch drei Schafe. Für uns war es ein besonderes Glück, so unerwartet in der Einöde mit ihnen zusammenzutreffen; es wäre uns jetzt, da der Regen alle Spuren ausgelöscht hatte, wohl recht schwer geworden, das Lager zu finden.

Das Lager war vor einiger Zeit nach einem Seitentale südlich von der Flußmündung verlegt worden und war dort so im Terrain versteckt, daß wir es ohne Hilfe kaum hätten entdecken können. Wir ritten sämtlich dorthin. Kutschuk, Ördek und Chodai Kullu kamen uns entgegengelaufen; auch sie weinten und riefen:

„Chodai sakkladi, Chodai schukkur (Gott hat euch beschützt, Gott sei gelobt), wir sind wie vaterlos gewesen, während ihr fort waret!“

Es war wirklich rührend, ihre Freude zu sehen. --

Bald darauf saß ich wieder in meiner bequemen Jurte und hatte meine Kisten um mich, und mein schönes, warmes Bett war in Ordnung. Wenn man es einen ganzen Monat recht schlecht gehabt hat, weiß man es erst zu schätzen, wenn man sich wieder in „zivilisierten Verhältnissen“ befindet. Sirkin berichtete, daß ein Pferd verendet sei und die anderen sich noch nicht erholt hätten, daß die Kamele aber bedeutend kräftiger geworden seien. Die Chronometer waren stehengeblieben, weil Sirkin es aus Furcht, daß die Federn springen könnten, nicht gewagt hatte, sie ganz aufzuziehen. Die Folge dieser übertriebenen Vorsicht war, daß wir nun nach dem naheliegenden Lager Nr. 44, unserem Hauptquartiere, von dem die Reise nach Lhasa ausgegangen war und in welchem ich damals eine astronomische Ortsbestimmung gemacht hatte, zurückkehren mußten. Ein Zeitverlust von mehreren Tagen würde dadurch allerdings entstehen, aber die Tiere, die wir mitgehabt hatten, bedurften nur zu sehr aller Ruhe, die sie haben konnten. Es hatte in der Gegend unaufhörlich geregnet; bisweilen waren jedoch kleine Ausflüge gemacht und dabei einige Kulane erlegt worden.

Tschernoff hatte die Nachhut so gut geführt, daß er bei seiner Ankunft am 2. August noch neun Kamele mitgebracht hatte; nur zwei Kamele und zwei Pferde waren verendet; unter den ersteren war mein Veteran von der Kerijareise im Jahre 1896.

Alle Leute waren gesund, und helle Freude herrschte an diesem Abend. Sie gestanden, daß sie nach Ördeks Rückkehr für uns das Schlimmste befürchtet hätten und kaum von uns hätten sprechen mögen, sondern gewartet und gewartet hätten. Jolldasch heulte vor Freude und nahm sofort seinen bequemen Platz neben meinem Bette wieder ein.

Nachdem ich das Lager inspiziert und alles in bester Ordnung vorgefunden hatte, mußte Tscherdon mir ein Bad zurechtmachen. Der größte Kübel, den wir hatten, wurde mit heißem Wasser gefüllt und in meine Jurte gebracht. Nie ist ein gründliches Abseifen notwendiger gewesen als jetzt, und das Wasser mußte mehreremal erneuert werden, hatte ich mich doch 25 Tage lang nicht gewaschen! Und wie schön war es, nachher vom Scheitel bis zur Sohle wieder in reinen europäischen Kleidungsstücken zu stecken und den mongolischen Lumpen auf ewig Lebewohl sagen zu können!

Nach einem wohlschmeckenden Mittagsessen und Aufzeichnung der heutigen Erlebnisse ging ich mit gutem Gewissen zu Bett und genoß in vollen Zügen die Ruhe und den Komfort, die mich umgaben. Das Bewußtsein, daß ich den forcierten Ritt nach Lhasa ohne Zögern gewagt hatte, war mir eine große Befriedigung. Daß wir diese Stadt nicht hatten sehen können, betrachtete ich weder jetzt noch später als eine Enttäuschung; gibt es doch unüberwindliche Hindernisse, die alle menschlichen Pläne kreuzen. Aber es freute mich, daß ich nicht einen Augenblick gezaudert hatte, einen Plan auszuführen, der kritischer und gefährlicher war als eine Wüstenwanderung, und es ist ein Vergnügen, gelegentlich den eigenen Mut auf die Feuerprobe zu stellen und die Ausdauer bei Strapazen zu erproben. Mein Leben während der nächstfolgenden Zeit erschien mir im Vergleich mit dem eben Erlebten wie eine Ruhezeit. Was uns auch beschieden sein mochte, -- solche Strapazen wie auf der Lhasareise würden wir schwerlich wieder erleben. Mir war zumute, als sei ich schon halb wieder zu Hause, und ich ahnte nichts von den ungeheuren Mühsalen, die uns noch von Ladak trennten.

Alles erschien mir jetzt leicht und lustig, sogar der Regen schmetterte freundlich auf die Kuppel der Jurte, und der eintönige Sang der Nachtwache lullte mich bald in den Schlaf. Ich war froh, daß ich nicht mehr hinauszugehen und die Pferde zu bewachen brauchte, und ich freute mich, Schagdur und den Lama, halbtot vor Müdigkeit, in ihren Zelten schnarchen zu hören.

Am folgenden Morgen konnte es keiner übers Herz bringen, mich zu wecken; wir kamen daher erst mittags fort. Wir ritten auf den Hügeln am rechten Ufer des Flusses. Die Wassermenge war jetzt ziemlich ansehnlich. Auf dominierenden Höhen hatten meine Leute Steinpyramiden errichtet, die von fern Tibetern glichen. Der Zweck der Steinmale war, uns bei der Rückkehr den Weg vom Lager Nr. 44 nach dem neuen zu zeigen. Wenn die Tibeter die Pyramiden erblickten, würden sie gewiß glauben, daß wir eine Heerstraße für einen Einfall bezeichnet hätten und daß bald eine ganze Armee unserer Spur folgen würde. In einem Nebentale verriet ein großer Obo, daß die Gegend nicht selten besucht wurde; wie gewöhnlich, war er aus einer Menge Sandsteinplatten errichtet, in die die Formel „Om mani padme hum“ eingemeißelt war.

Wir ließen uns jetzt an derselben Stelle wie damals häuslich nieder. Das Gerippe des hier gefallenen Pferdes war von Wölfen vollständig reingefressen. Hasen und Raben kommen in der Gegend besonders häufig vor. Eines der letzten Schafe wurde geschlachtet. --

Die Reise nach Lhasa erscheint mir jetzt wie ein Traum; hier sitze ich unter denselben Verhältnissen wie vor einem Monat, die Jurte steht auf demselben Erdringe, die Beine des Theodolitenstativs in denselben Löchern, der Fluß rauscht wie damals; es ist, als könnten nur ein, zwei Tage vergangen sein. Alle jene langen, unter Wachen und Sorge zugebrachten Nächte sind vergessen; es war nur eine flüchtige Episode, eine Parenthese im Verlaufe der Reise! --

Jetzt folgten einige Tage der Ruhe, in denen meine Geduld jedoch sehr auf die Probe gestellt wurde. Es regnete und schneite unaufhörlich, und ich hatte keine Gelegenheit, alle die astronomischen Beobachtungen, die ich gern machen wollte, vorzunehmen. Und dann sehnte ich mich auch danach, wieder nach Süden aufzubrechen und bewohnte Gegenden aufzusuchen, wo wir die uns nötige Hilfe erhalten konnten, denn es war schon jetzt ersichtlich, daß unsere Tiere nicht mehr weit kommen würden.

In der Nähe des Lagers wurde mir ein Platz gezeigt, wo Turdu Bai und Tscherdon am Tage unserer Abreise eine Gesellschaft tibetischer Jäger überrascht hatten. Diese Helden waren so fassungslos gewesen, daß sie Hals über Kopf Reißaus genommen und siebzehn Packsättel, ein Zelt und den ganzen Fleischvorrat, aus dem ihre Jagdbeute bestand, im Stiche gelassen hatten. Alles lag noch da, bis auf das Fleisch, das sich Wölfe und Raben zu Gemüte geführt hatten. Man kann sich die tollen Gerüchte denken, die in Umlauf gesetzt werden, wenn solche Flüchtlinge wieder bewohnte Gegenden im Süden erreichen. Sie übertreiben natürlich ihre Beschreibungen und behaupten, daß eine ganze Armee von Europäern ins Land gedrungen sei. Das hatten wir in Dschallokk ja selbst gehört.

Während meiner Abwesenheit war gute Disziplin gehalten worden, aber nach meiner Rückkehr wurde sie noch mehr verschärft. Alle unsere Tiere hatten ihre Weideplätze in einem Tale, das einige Kilometer vom Lager entfernt war. Tschernoff ritt einmal nachts dorthin und fand die Wächter schlafend. Er gab einen Flintenschuß ab, durch den alle aufs fürchterlichste erschreckt wurden. Die Schläfer wurden gebührend heruntergemacht und beklagten sich am folgenden Morgen bei mir, doch statt daß ich mich auf ihre Seite stellte, bekamen sie ein neues Gesetz zu hören, das ich im Handumdrehen erließ: „Wer künftig auf seinem Posten schlafend angetroffen wird, wird mit einem Eimer kalten Wassers aufgeweckt!“ Jede Nacht sollten sechs Muselmänner, je zwei gleichzeitig, abwechselnd Wache halten, und die Ablösung sollte unter Kontrolle des diensthabenden Kosaken vor sich gehen. Die vier Kosaken waren also der Reihe nach für den Nachtdienst verantwortlich. Die Muselmänner hatten über die Tiere zu wachen und die Kosaken dafür zu sorgen, daß die Muselmänner ihre Pflicht taten. Infolge der letzten Abkanzelung wollten Mollah Schah und Hamra Kul wieder einmal nach Tscharchlik zurückkehren, beruhigten sich aber, nachdem sie den Wahnsinn eines solchen Unternehmens eingesehen hatten. Derartige Reibereien sind in einer großen Karawane, in der Geschmack und Meinung nach den christlichen, muselmännischen oder mongolischen Anschauungen und Lebensgewohnheiten der Betreffenden wechseln, nicht zu vermeiden.

Tscherdon wurde zu meinem Leibkoch ernannt, Schagdur sollte sich eine Zeitlang ausruhen; der Lama war niedergeschlagen und nachdenklich und wurde von jeder Dienstleistung dispensiert, bis wir wieder auf Menschen stießen. Dem alten Muhammed Tokta, der schon lange kränklich gewesen war, ging es seit einer Woche schlechter; er klagte über Herzschmerzen. Es wurde ihm geraten, sich ganz ruhig zu halten. Im übrigen herrscht im Lager die beste Stimmung, und die Kosaken sind besonders zufrieden. Sie haben eine Balalaika, eine dreisaitige Zither, gemacht, und mit dieser, einer tibetischen Flöte, einer Tempelglocke, improvisierten Trommeln, der Spieldose und Gesang wurde am letzten Abend unter strömendem Regen ein wenig harmonisches Konzert aufgeführt, das jedoch großen Beifall fand.

Zwanzigstes Kapitel.

Der Zug nach Süden.

Am 25. August sollten wir endlich das Lager Nr. 44 endgültig verlassen und neuen Schicksalen und Erfahrungen entgegengehen. Ladak war jetzt unser Ziel; aber ich hatte mir fest vorgenommen, nicht eher die Richtung nach Westen einzuschlagen, als bis wir weiter südlich wieder auf unüberwindliche Hindernisse stießen. Die Tibeter waren jetzt wachsam, das ganze Land war wie im Belagerungszustand, eine Mobilmachung hatte bereits stattgefunden, das wußten wir, und wir konnten uns sehr leicht ausrechnen, daß wir früher oder später wieder tibetischen Truppen von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen würden. Für den Anfang zogen wir jetzt also nach Süden.

Merkwürdigerweise erkrankten über Nacht drei von unseren Pferden, aber nicht von denen, die die Reise nach Lhasa mitgemacht hatten. Das eine taumelte und fiel unaufhörlich, das andere verendete schon im Lager, und das dritte kam nur noch über den ersten Paß des Tagemarsches, ehe es stürzte, um sich nie wieder zu erheben. Es war ein trauriger Anfang und zeigte deutlich, daß wir früher oder später auf die Hilfe der Tibeter angewiesen sein würden.

Als ich geweckt wurde, schneite es stark, und als wir aufbrachen, goß es wie mit Scheffeln. Die ganze Gegend sieht aus wie mit Straßenkot begossen, in den man einsinkt, ohne festen Fuß fassen zu können. Zuerst wurde der Fluß überschritten, dann zogen wir durch den Schlamm nach einem kleinen Passe hinauf. Mehrere Reiter mußten nach verschiedenen Richtungen ausgesandt werden, um zu untersuchen, ob der Boden trug. Über einen neuen Fluß schreiten wir unglaublich langsam nach einem höheren Passe hinauf. Hier müssen alle zu Fuß gehen, auf die Gefahr hin, daß ihre Stiefeln im Morast steckenbleiben. Die armen Kamele zerreißen, da sie fest einsinken und der Karawane nicht folgen können, unaufhörlich ihre Nasenstricke. Wären unserer nicht soviele gewesen, so hätten wir diejenigen Kamele, die bis zur Hälfte in dem losen nassen Tonschlamme, der sie zäh festhielt, eingesunken waren, ganz einfach im Stiche lassen müssen. Die Last muß ihnen sofort abgenommen und auf einigermaßen festen Boden gestellt werden, damit nicht auch sie verschwindet. Der Tonschlamm wird mit Spaten abgegraben, das Kamel auf die Seite gelegt, seine Beine mit Seilen herausgewunden und eine mehrfach übereinandergelegte Filzdecke unter das Tier gebreitet, damit seine Füße festen Halt finden, wenn es sich endlich selbst aufzustehen bemüht. Sonst sind die Kamele verloren, denn sie bleiben ruhig liegen, bis man sie herauszieht. Währenddessen gießt es, daß es auf der Erde klatscht. Alles wird aufgeweicht und durch und durch naß, als sollten diese Höhen fortgespült werden.

Jenseits des Passes wurde das Terrain ein wenig besser; die Südabhänge sind infolge der Einwirkung der hier jedoch äußerst selten auftretenden Sonne gewöhnlich vorteilhafter für uns. Am rechten Ufer eines Flusses hatte die Karawane während unserer Abwesenheit einige Tage zugebracht, und da dort noch ein großer Argolhaufen lag, machten wir an dieser Stelle Halt.

Am folgenden Tag waren sowohl das Wetter wie auch die Wegverhältnisse günstiger, aber das Land ist fast unfruchtbar und arm an Wild. Nur ein einsamer Kulan zeigte sich und wurde von Sirkin erlegt. Gewöhnlich schreibt die Gestalt des Bodens uns die Richtung unseres Weges vor, und da jener nach Südsüdwesten hin am ebensten aussah, zogen wir nach dieser Seite. Ungefähr 40 Kilometer westlich von unserer Route erhob sich ein kleines Schneemassiv mit rudimentären Gletschern; es setzte sich im Süden in einer merkwürdigerweise meridionalen Bergkette mit vereinzelten Schneegipfeln fort.

Tschernoff hatte vor einiger Zeit die Gegend rekognosziert und teilte mir jetzt mit, daß er an einer etwas weiter südlich gelegenen Quelle deutliche Kamelspuren gesehen habe. Als wir am 27. August dort vorbeizogen, zeigte er mir den Platz, und richtig hatten dort Kamele in großer Zahl geweidet. Woher sie gekommen waren und was für Menschen sie gehört hatten, war und blieb uns ein Rätsel. Sollten sie am Ende einer mongolischen Pilgerkarawane, die sich von Nordosten hierher verirrt hatte, gehört haben?

Denselben Tag mußten wir auch Bowers Route gekreuzt haben, obwohl es nicht möglich war, die Stelle, wo dies geschah, zu identifizieren. Im Süden erhob sich vor uns eine neue Bergkette, aber wir waren nur imstande, bis an ihren Fuß zu gelangen, wo das Lager Nr. 67 aufgeschlagen wurde. Der Herbst hatte seinen Einzug gehalten, das Minimumthermometer zeigte -5,1 Grad, und am Tage hatten wir nicht mehr als +7,9 Grad.

Als ich am 28. aufstand und mit dem Beladen der Tiere schon angefangen war, wurde mir gemeldet, daß Kalpet, ein Mann aus Kerija, fehle. Ich verhörte die Leute, die aussagten, daß er gestern über Brustschmerzen geklagt habe und auf dem Marsche zurückgeblieben sei. Sie seien jedoch der Meinung gewesen, daß er langsam unseren Spuren folge und in der Dunkelheit, ohne daß jemand darauf geachtet habe, im Lager angekommen sein werde. Nun fehle er aber noch immer. Ich ließ die Tiere weitergrasen und schickte Tschernoff und Turdu Bai zu Pferd mit einem Maulesel ab, um den Mann lebendig oder tot herbeizuschaffen, -- er konnte ja unterwegs plötzlich erkrankt sein und mußte sich jedenfalls in einer schlimmen Lage befinden, da er uns nicht nachgekommen war und einen ganzen Tag nichts zu essen bekommen hatte. Nach einigen Stunden kamen sie mit dem armen Menschen an, der aufs beste verpflegt wurde und auf einem Maulesel reiten durfte, als wir endlich, bedeutend verspätet, aufbrachen.

Obgleich der Boden tragfähig war, wurde der Tagemarsch doch ziemlich anstrengend, denn wir mußten über eine ganze Reihe von Pässen und Kämmen.

Mit zwei Kamelen geht es jetzt zu Ende; sie können nicht mehr mitkommen; sie müssen später geholt werden und sind natürlich stets unbeladen. Große Ordnung herrscht in der Karawane. Der diensttuende Kosak bringt die Nacht auf dem Platze zu, wo die Tiere unter Aufsicht ihrer Wächter, die man aus der Ferne singen hört, grasen. Heute abend begab sich Schagdur dorthin, nachdem er in der Jurte der Kosaken zu Abend gegessen hatte, und die Töne der Balalaika verhallten am Fuße der Hügel. Die drei übrigen Kosaken, die den Erzählungen Schagdurs und des Lamas mit gespanntem Interesse gelauscht hatten, sehnten sich jetzt danach, mit den Tibetern in Berührung zu treten. Sie sahen mich verwundert und fragend an, als ich ihnen sagte, daß unsere Karawane früher oder später in ihrem Marsche von einer unüberwindlichen Heerschar aufgehalten werden würde.

Dieser Lagerplatz, Nr. 68, befand sich in einer Höhe von 5068 Meter. Schon um 9 Uhr abends war die Temperatur auf -1,9 Grad gesunken und hielt sich während der Nacht auf -6,2 Grad. Auch diese Tagereise führte über drei kleine, aber recht beschwerliche Pässe; die Bergketten erstrecken sich jetzt wieder von Westen nach Osten, und alle Täler fallen nach Süden ab. Eine vierte Kette brauchten wir nicht zu übersteigen, da sie von einem Flusse durchbrochen wurde, dem wir folgten.

Alte Lagerplätze sind jetzt ziemlich häufig und lassen sich teils an den gewöhnlichen drei Steinen, auf die der Kochtopf gestellt wird, teils an Schädeln von erlegten Yaken und Archaris erkennen. Bei einem solchen Platze lud die Weide zu einem Extrarasttage ein. Eine Herde von 50 Kulanen zog sich bei unserem Herannahen zurück. Yake und Wildschafe sind gleichfalls zahlreich vertreten, ebenso Hasen. Ein Lampe wurde eifrig von allen sieben Hunden verfolgt und von Jolldasch gefangen. Jollbars strengt sich nicht weiter an, bevor die Beute nicht eingefangen ist; dann erst tritt er auf und hält einen gehörigen Schmaus.